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56 von 63 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mörderischer Egotrip
Haben Sie schon einmal 650 eng beschriebene Seiten eines Romans gelesen, in dem es nur um eine einzige Person geht, über sechs Jahrzehnte ihres Lebens, und haben am Ende nicht gewusst, ob Sie diese Person mögen oder nicht? Wenn ja, dann war es vermutlich Joel Spazierer, Lügner, Hochstapler, Verführer, Charmeur, mehrfacher Mörder, liebevoller Vater...
Vor 18 Monaten von Felix Richter veröffentlicht

versus
8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Geteilter Meinung zu diesem außergewöhnlichen Roman
Zum Inhalt dieses gut 650 Seiten umfassenden Werkes werde ich nichts weiter sagen, als dass "Die Abenteuer des Joel Spazierer" von der unglaublich bewegten Lebensgeschichte eines 1949 in Ungarn geborenen Mannes handelt, dessen Weg eine einzige Anhäufung schrecklicher Ereignisse ist.

Michael Köhlmeier erzählt in "Die Abenteuer des Joel Spazierer"...
Vor 11 Monaten von love is friendship veröffentlicht


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56 von 63 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mörderischer Egotrip, 4. Februar 2013
Von 
Felix Richter - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Abenteuer des Joel Spazierer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Haben Sie schon einmal 650 eng beschriebene Seiten eines Romans gelesen, in dem es nur um eine einzige Person geht, über sechs Jahrzehnte ihres Lebens, und haben am Ende nicht gewusst, ob Sie diese Person mögen oder nicht? Wenn ja, dann war es vermutlich Joel Spazierer, Lügner, Hochstapler, Verführer, Charmeur, mehrfacher Mörder, liebevoller Vater und Philosoph.

Der mörderische Egotrip beginnt in Budapest. Joel Spazierer (damals noch András Fülöp) wird von seinen Großeltern aufgezogen (wobei die Großmutter, eine attraktive Enddreißigerin, diese Rolle nicht im üblichen Sinne ausfüllt). Die Großeltern werden eines Tages vom Geheimdienst abgeholt, und der kleine, knapp vierjährige András verbringt die nächsten fünf Tage alleine in der ungeheizten Wohnung. Mit diesem Erlebnis setzt seine Erinnerung ein, und es werden die Weichen gestellt für die seelische Entwicklung zu einem pathologisch egozentrischen, bindungsunfähigen, kleptomanischen, aber ausgesprochen widerstandsfähigen Menschen. Dazu trägt auch seine dysfunktionale Familie nicht wenig bei.

Nach der Flucht der Familie nach Österreich lernt er sehr schnell, dass er mit seinem hübschen Gesicht und seiner charmanten Art seine Mitmenschen spontan für sich einnehmen kann. Damit wird er nicht nur im zarten Alter von sieben Jahren zum gefragten Stricher, sondern wickelt alle, denen er begegnet - Lehrer, Pfarrer, Mitschüler oder deren Eltern - mit Leichtigkeit um den Finger. Selbst im Gefängnis, in dem er nach seinem ersten Mord landet, gelingt es ihm bald, seine Mitgefangenen und den Gefängnisdirektor zu manipulieren. Nach der Entlassung (natürlich frühzeitig wegen idealer Führung) startet er neu als Joel Spazierer, einer frischen Identität, die man ihm freundlicherweise zur Verfügung stellt.

Wir begleiten ihn durch die Wiener Studenten- und Drogenszene, bei zaghaften Versuchen, im Leben Fuß zu fassen, doch seine Vergangenheit holt ihn regelmäßig wieder ein. Auf Umwegen verschlägt es ihn gar in die DDR, wo sich ihm die Chance zu einer mehr oder weniger bürgerlichen Existenz bietet (und wo sich der Leser dann etwas von den Unschönheiten des bisherigen Lebenslaufs erholen kann).

Ein Schelmenroman, wie hinten auf dem Einband zu lesen ist, ist das nicht. Dazu pflastern zu viele Leichen und anderweitig zerstörte Existenzen seinen Weg. Trotzdem gelingt es Joel Spazierer, aus dessen Perspektive der Roman mit entwaffnender Ehrlichkeit erzählt ist, dass wir ihm mit viel Verständnis und Sympathie auf seinem holperigen Lebensweg folgen. Vielleicht helfen ja auch die zahlreichen philosophischen Exkurse, in denen er über Gott und das Leben, Wahrheit und Lüge, Schein und Sein reflektiert, gnädig über seine monströsen Taten hinwegzusehen, so wie man es von einem genialen Manipulator auch erwarten darf.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Geteilter Meinung zu diesem außergewöhnlichen Roman, 30. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Abenteuer des Joel Spazierer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Zum Inhalt dieses gut 650 Seiten umfassenden Werkes werde ich nichts weiter sagen, als dass "Die Abenteuer des Joel Spazierer" von der unglaublich bewegten Lebensgeschichte eines 1949 in Ungarn geborenen Mannes handelt, dessen Weg eine einzige Anhäufung schrecklicher Ereignisse ist.

Michael Köhlmeier erzählt in "Die Abenteuer des Joel Spazierer" die wirklich interessante Lebensgeschichte eines Mannes, der viel denkt, aber geradezu keine Emotionen zeigt. Ich würde den Roman somit auch als Charakterstudie eines Soziopathen bezeichnen, da der Protagonist viele Kennzeichen eines solchen aufweist.
Er ist ein hochintelligenter, charismatischer Lügner, der kein Gefühl von Reue, Scham und Schuld kennt und ein sehr gutes Gefühl für Sprache besitzt.
Joel Spazierer (nur eine der zahlreichen Identitäten, die er im Laufe der Geschichte annimmt) schafft es außerdem nie, sesshaft zu werden und er verfügt nicht über die Gabe, langanhaltende Bindungen einzugehen. Deswegen ist er in meinen Augen vor allem eines: bemitleidenswert.

Den Roman würde ich insgesamt auch nur bedingt als "Schelmenroman" bezeichnen, da es zwar schon köstliche und komische Momente gibt, aber ansonsten der Schrecken überwiegt.

Selten ist mir die Bewertung eines Buches schwerer gefallen als bei Michael Köhlmeiers Roman "Die Abenteuer des Joel Spazierer", was vermutlich vor allem daran liegt, dass sich negative und positive Aspekte geradezu ausgleichen.

Es ist offensichtlich, dass Michael Köhlmeier sein Handwerk versteht. Er ist ein wirklich grandioser, kompetenter und herausragender Erzähler, der Ahnung von der Materie hat, von der er schreibt.
"Die Abenteuer des Joel Spazierer" ist ein unterhaltsamer Roman jenseits des Mainstream.
Die Geschichte hat mich angesprochen und ich wurde nicht enttäuscht. Jede einzelne Etappe in Joel Spazieres Leben birgt Überraschungen und ich wusste nie, was als nächstes kommt, wodurch eine große Spannung aufgebaut wird.
Außerdem hat der Autor wie nebenbei Zeitgeschichte mit eingebaut, was ich als positiv auffasse.
Das Buch ist voll von intelligenten Überlegungen, von denen jede einzelne weitergeführt ein ganzes Buch hätte füllen können. Doch das ist wiederum auch das größte Problem von "Die Abenteuer des Joel Spazierer".

Der Erzähler langweilt mit seitenlangen wirren philosophischen bzw. theologischen Überlegungen, auf die man sich komplett einlassen müsste, um sie auch nur ansatzweise zu verstehen. Die Handlung des Buches ist an sich gut, doch wird sie von den unzähligen Abschweifungen arg gestört. Der Autor zwingt den Lesern sein nicht unerhebliches Wissen auf, der Sinn des Ganzen blieb mir jedoch unklar. Hier hätte einiges gekürzt werden können.
Einige Überlegungen sind wirklich gut, doch sie gehen vollkommen unter und geraten in Vergessenheit, da von dem Autor einfach zu viele aufgeführt werden. Das finde ich sehr schade. Das Buch wirkt an manchen Stellen schlicht zu überladen und die teilweise sehr weisen, interessanten und gelungenen Gedanken sind dann nichts Besonderes mehr, sondern stellen teilweise nur eine nervliche Zerreißprobe dar. Daher wird das Buch vor allem eines: schwierig und anstrengend zu lesen. Überhaupt ist das Buch eher was für konzentrierte und aufmerksame Leser, da der Roman sehr verstrickt ist und der Erzähler zwischen den unterschiedlichen Jahren springt, was ja an sich nichts Negatives ist. Jedoch wird es irgendwann anstrengend sich die ganzen Namen der Personen und die Geschehnisse zu merken.

Soweit ich es mitbekommen habe, fehlen gut 20 Jahre, ungefähr nach dem Joel Spazierer aus der DDR abhaut. Die Handlung bricht einfach ab. Habe ich was übersehen? Kommentare erwünscht.

Fazit: Wenn man Gefallen an "Die Abenteuer des Joel Spazierer" finden möchte, sollte man keine Scheu vor dickeren Büchern komplexeren Inhalts haben. Interesse an theologisch-philosophischen Gedanken könnte auch förderlich sein. Ansonsten bietet der Roman eine unvorhersehbare Geschichte über einen interessanten Charakter, in die wie nebenbei Zeitgeschichte mit einfließt.

"Er fuhr fort, aber das sei genau das Tolle an der Literatur, dass sogar das furchtbarste Leben einem großartig vorkomme, weil es in einem Buch erzählt werde. Genau das wolle er erreichen. Beim Jazz sei es ähnlich, sagte er. Die meisten Musiker führten ein furchtbares Leben mit Alkohol, Drogen und Schulden, aber wenn man ihre Musik höre, gehe es einem hinterher besser als vorher. Was ich davon hielte, fragte er. Ich sagte, dass mir bisher nie solche Gedanken durch den Kopf gegangen seien, dass ich es aber großartig fände, wenn einem solche Gedanken durch den Kopf gingen." - S.230
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14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ja. Nein. Weiß nicht., 5. April 2013
Von 
Thomas Liehr (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Abenteuer des Joel Spazierer: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Gut" und "schlecht", das sind, obwohl wir dazu neigen, genau das zu glauben, keine absoluten Kategorien, sondern in ihrer alltäglichen Anwendung moralische Axiome, und Moral ist menschengemacht, politisch, wandelbar, zuweilen wachsweich, manchmal Werkzeug, manchmal Waffe, oft Willkür. Ein Mord ist schlecht, denken wir, nehmen das gar als Wahrheit an, aber das Attentat auf den Tyrannen ist so schlecht dann wieder nicht, und die Hinrichtung des Massenmörders vielleicht auch nicht. Im Krieg ist Mord legal. Und damit plötzlich in gewisser Weise sogar gut, denn Kriege gewinnt meist jene Partei, die viele Feinde tötet. Zugleich gut und schlecht aber kann nichts sein, also muss eines von beidem stimmen. Nur: Was? Und: Warum?

Joel Spazierer entzieht sich der Moral, hat nie gelernt, das Paradigma zu verinnerlichen. Als kleines Kind, da hieß er noch András und lebte in Budapest, verbrachte er fünf einsame Tage in der Wohnung der Großmutter, weil er bei einer Razzia übersehen und vergessen wurde. Während dieser Zeit fand der spätere Joel Spazierer heraus, dass er sich selbst genügt, um die Welt zu verstehen, wenigstens mit ihr umzugehen. Sehr gut aussehend, aber wandlungsfähig, intelligent, aber nicht brillant, distanziert, aber nicht unfreundlich, sogar von gewinnender Natur, manchmal naiv, aber ein überwältigend guter Beobachter, zudem über alle Maßen sprachbegabt. Sein Lebensweg führt ihn durch halb Europa, sogar als vermeintlichen Enkel des sozialistischen Helden Ernst Thälmann in die verendende DDR, jenes Land, das mehr als viele andere davon lebte, offensichtliche Verfälschungen als Wahrheiten zu verkaufen, und was immer er von sich preisgibt, ist eine präzise, gut geplante Lüge - die oft sogar sein Gegenüber selbst formuliert; Spazierer lügt dann quasi passiv. Dies stellte die logische Folge einer anderen Beobachtung dar, die er früh macht: Wer gezielt Fragen stellt, will häufig bestimmte Antworten hören und nicht notwendigerweise die Wahrheit, deren Existenz sowieso zweifelhaft ist. Schon bei seinem ersten Verhör, dem viele weitere folgen, setzt der Junge die Antworten "Ja", "Nein" und, vor allem, "Weiß nicht" gezielt ein, um genau jenes Bild zu formen, das der andere ohnehin im Kopf hat. In einem späten Kapitel schafft er es sogar, eine mit allen Wassern gewaschene Verhörspezialistin des MfS zu beeindrucken.

Joel Spazierer durchwandert als menschliches Chamäleon das westliche, schließlich auch das östliche Europa zwischen den Fünfzigern und der Jetztzeit, stiehlt, betrügt, mordet gar, kennt jedoch keine Reue, die auch nur im Kontext von Moral existieren kann. Er tut aber auch Gutes, wenn man so nennen will, gründet Familien, wird liebevoller Vater. Währenddessen rätselt er über die moralischen Phänomene, die ihm zu begegnen scheinen, und nutzt die Erkenntnisse unbeirrbar. Michael Köhlmeier erzählt auf knapp 650 Seiten eine seltsame, gelegentlich amüsante, oft haarsträubende, wissensreiche, manchmal spannende ... ja, was eigentlich? Eine Parabel? Vielleicht ist das Buch eine Falle, die sich genau in dieser Fragestellung manifestiert.

"Die Abenteuer des Joel Spazierer" ist fraglos exzellent geschrieben, mutet unglaublich schlau an, verblüfft mit seinen knappen, glasharten Wendungen, enthält eine Fülle von Episoden, die sehr mitreißend, erschütternd und überraschend sind, aber leider stellt sich oft ein Gefühl der Leere ein, die Zeit dehnt sich, während Fragmente angehäuft werden, die einfach kein Bild ergeben wollen. Einige Passagen und Kapitel sind schlicht langweilig, was auch die vielen Klugheiten nicht auszugleichen vermögen, die sie enthalten. Das mag vor allem daran liegen, dass man mit der Zeit das Interesse für die nahezu völlig emotionslose Figur verliert, die zwar immer wieder neue, verblüffende Tricks aus dem Zauberhut holt, aber von der ersten bis zur letzten Seite erschütternd konturlos bleibt - was, klar, ja auch zum Konzept des Romans gehört: Joel Spazierer ist eine menschliche Metapher.

Insofern kann ich mich, nach einem Urteil über dieses Buch suchend, nur Spazierers Lieblingswendungen anschließen: Ja. Nein. Weiß nicht. Zuweilen war ich euphorisiert, begeistert, dann wieder verstimmt, nachgerade entsetzt, verlor mich in der Rätselhaftigkeit. Am Ende bleibt also das "Weiß nicht" - "Die Abenteuer des Joel Spazierer" ist zweifelsohne ein großes Buch, was die literarische Leistung anbetrifft, doch Nachhaltigkeit entfaltet die Geschichte nicht.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Schelmenroman? Ein weiterer Felix Krull? Ein Simplicissimus vielleicht?, 19. April 2014
Ein Schelmenroman? Ein weiterer Felix Krull? Ein Simplicissimus vielleicht? Michael Köhlmeier verwendet selbst in seinem Roman den Begriff „Schelmenroman“, der ein Stück Zeitgeschichte Österreichs Ende der 50er Jahre bis hinauf gegen Ende der 70er darstellt. Von der „doppelten“ Flucht der Hauptfigur Andres (später Joel Spazierer) über sein Leben in Österreich und der DDR bis hin zum Zeitpunkt, da er beschließt, seine „Abenteuer“ niederzuschreiben spannt Köhlmeier einen erzählerisch souveränen Bogen. Allerdings weiten unzählige Episoden und Abschweifungen das Buch auf über 650 Seiten aus und oft hat der Leser das Gefühl, sich in verschiedenen Neben-Geschichten zu verlieren. Zugegeben: Spannend, amüsant, reizvoll sind sie alle, die Handlung wird dadurch recht stark retardiert. Es gibt auch – das sei nur am Rande erwähnt – grammatikalische Fehler: Das Präteritum für „verbieten“ wird hier zu „verbat“ (statt „verbot“), die Wendung „was ihm Mühe kostete“ stößt auf (statt „ihn Mühe kostete“). Summa summarum ein – wie von Köhlmeier nicht anders zu erwarten – erzählerisch glänzend geschriebener Roman, der gerne um 200 Seiten gekürzt hätte werden können.
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13 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alles ist wie es ist? oder: Alles kann aus uns werden, 27. Januar 2013
Von 
HG (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Abenteuer des Joel Spazierer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Alles kann aus uns werden!
Auf den ersten Blick drückt dieser Satz Hoffnung aus, Zuversicht, Entschlossenheit. Auf den zweiten jedoch könnte er gar als Drohung im Raum stehen. Zweifel schleichen sich ein. Kann wirklich ALLES aus uns werden? Was beinhaltet das Wörtchen "alles"? Grammatikalisch gehört es zu den Indefinitpronomen, den unbestimmten Fürwörtern. Und das wiederum heißt: Wir wissen es (noch) nicht. "Und wissen es eine Minute vorher nicht. Eine Sekunde vorher nicht. Wir stehen auf einem Fleck, die Füße nebeneinander, die Hände an der Hosennaht, und rühren uns nicht; wir fragen uns, wie sind wir hierhergekommen, irgendetwas geschieht hier, und wir wissen nicht was; wir holen Luft, um etwas zu sagen, und sagen etwas anderes, als wir sagen wollten - vielleicht was den Zuhörer erschüttert und bezaubert in einem, so dass sie in sich blicken und den Kopf schütteln und einander zuraunen, so hätten sie die Sache noch nicht betrachtet. Und schon ist etwas aus uns geworden. Der Verkünder einer guten Hoffnung zum Beispiel - und dabei haben wir doch nur ein Märchen erzählt..." (Michael Köhlmeier: "Die Abenteuer des Joel Spazierer")

Märchen erzählt auch der Titelheld in Michael Köhlmeiers neuem und - vorab - grandiosem Werk, obwohl dessen Handlung alles andere als märchenhaft daherkommt, sondern eher bizarr und grotesk, zuweilen makaber, unheimlich und absonderlich. Als Schelmenroman bezeichnet der österreichische Autor sein auf 655 Seiten eng gesetztes Buch, "in dem unsere Welt aus den Augen eines Außenseiters beschrieben wird; und sie wird in ihren schönsten Farben beschrieben - wie eine wunderbare, exotische, aber vielleicht höchst giftige Blume.", wie er selbst im Vorwort bemerkt. Sein sechzigjähriger Protagonist, aus dessen Augen in der Ich-Form rückblickend berichtet wird, erweist sich - ähnlich dem als "Klugen Hans" in die Geschichte eingegangen Pferd, das angeblich rechnen konnte - als Experte der manipulativen nonverbalen Kommunikation. Er meint, die Wünsche der Menschen zu durchschauen, "vor allem jene, die sie vor sich selbst nicht zugeben". Indem er sie entweder erfüllt oder auch nicht, ist er in der Lage, Einstellung seines Gegenüber zu ihm selbst zu steuern, je nachdem, ob ihm an dessen Zuneigung gelegen ist oder diese als ungünstig erachtet wird. Oder kurz und knapp: Er lügt wie gedruckt. Die Lüge allerdings empfindet er als legitimes, wohlkalkuliertes Konstrukt eines anderen Ichs. "Ich fand es sehr interessant, ein Ich ins Leben zu schicken, das es nicht gab und um das ich mich folglich nicht zu sorgen brauchte. Nicht einmal vor dessen Absterben fürchtete ich mich." Aber: "Hütet euch davor, etwas zu erfinden, wofür es sich zu leben lohnt, denn dafür lohnt es sich auch zu sterben und zu töten."

Und dies exerziert er gleich mehrere Male im Laufe seiner skurrilen, zuweilen erschreckenden Vita. Getreu der Lebensweise seiner Familie, die ihm vorlebt(e), "dass der Schein die Realität, das Sein aber Fiktion sei", entdeckt er schon als kleiner Junge die vielfältigen Möglichkeitsformen des Daseins. Diese versteht er dann auf seinen Odysseen durch unterschiedlichste politische Gesellschaftsformen hervorragend einzusetzen. Beginnend in Joel Spazierers frühester Kindheit im Budapest der fünfziger Jahre, wo er noch András Fülöp gerufen wird, der familiären Flucht nach Wien, diversen Aufenthalten in der Schweiz (zuweilen hinter Gittern) und Deutschland, nach Belgien, Kuba, Mexiko, Italien, Paris, Moskau, bis hin in die ehemalige DDR, wo er um politisches Asyl sucht und beinahe ein nationaler Held wird, lügt und stielt er, manipuliert seine Mitmenschen und schreckt gar vor Morden nicht zurück. Doch Joel Spazierer, alias András Srámek, alias Andres Philip, alias Robert Rosenberger, alias Dr. Ernst-Thälmann Koch ist keineswegs ein unsympathischer Zeitgenosse. Gesegnet mit einem reizvollen Äußeren, überdurchschnittlicher Intelligenz sowie Charme und ausgesprochener Höflichkeit agiert er als ein Zwitterwesen, halb Engel und halb Teufel. Er tut Schreckliches, erleidet es aber auch selbst. Bei ersterem entzieht er sich immer geschickt jeglicher Verantwortung, an letzterem geht er nicht zugrunde. Schrieb Michael Köhlmeier noch vor fünf Jahren in seinem grandiosen Roman "Abendland": "Das Kreuz des Abendlandes ist das schlechte Gewissen", so hat Joel Spazierer dieses besagte Gewissens-Kreuz restlos abgelegt. Doch letztendlich geht es nicht um sein Schicksal, "sondern das seiner Zeit, womit alle Menschen gemeint sind - außer ihm."

Seite für Seite treten Michael Köhlmeiers Intensionen mehr zu Tage: dass die zuweilen abgrundtiefen Unwahrheiten seines "Helden" tatsächlich nur ein überwältigender Beleg für die offensichtlich auf einem Irrtum begründete Mangelnatur des Menschen sind. Denn in Wirklichkeit, so ist sich Joel Spazierer sicher, gab es einmal eine Zeit, "in der sei zwischen Lüge und Irrtum nicht unterschieden worden. Erzählte einer eine Geschichte und sie entsprach nicht der Wahrheit, sagte keiner, die ist gelogen; man anerkannte, dass diesem Menschen etwas fehlte und er in die Welt hinein erfinden wollten, was ihm fehlte. (...) Aber dann wurde die Lüge erfunden. Als die Wirklichkeit erfunden wurde, wurde die Lüge erfunden. Die Lüge ist Diebstahl an der Wirklichkeit, so wie die Wirklichkeit eine Verkürzung, Verwesentlichung, eine Abstraktion des Paradieses ist. (...) ein endloses Gewebe von Sinnhaftem und Sinnfremden; ersteres adeln wir mit dem Begriff Wahrheit, für letzteres haben wir unzählige Worte zur Verfügung." Joel Spazierer scheint dieser fiktiven Zeit direkt entstiegen zu sein. Vielleicht ist er aber auch nur ein Kind, das nie erwachsen wurde, bei dem keine Entwicklung stattfand. Denn wenn man seine Erinnerungen, seine "narrativen Transformationen", aus den Augen eines Vier- bis Siebenjährigen betrachtet und von dessen weltanschaulicher Warte aus analysiert, bekämen all seine Handlungen und Erlebnisse Sinn und Form. Im Traum imaginierte Tiere, die von Zeit zu Zeit seine Handlungen leiten, scheinen ein Indiz zu sein. "Die Götter sind in die Tiere geschlüpft, von nichts anderem erzählten diese Geschichten; vielleicht - dachte ich - vielleicht bin ich ein Tier, das in einen Menschen geschlüpft ist, wahrscheinlich sogar."

"Ich liebte Worte...", legt der Autor einem seiner Protagonisten in den Mund und zwar dem bereits aus "Abendland" bekannten Sebastian Lukasser, Köhlmeiers Alter Ego. Dieses Mal schreibt jener allerdings nicht selbst die Lebensgeschichte des Mannes mit den vielen Namen auf, sondern bestärkt Joel darin, dies eigenständig zu bewerkstelligen. Nur helfend greift er in deren strukturellen Aufbau ein.
"Ich liebte Worte...". Davon kann sich der Leser auf beinahe jeder Seite überzeugen. "Die Abenteuer des Joel Spazierer" erweisen sich als Lektüre von hoher erzählerischer Dichte, mit einer Fülle an tiefgründigen und weisen Satzpassagen, einem wunderschönen Duktus, latenter Ironie und vielen zu erforschenden Hintergründigkeiten. Der Roman erzählt in rückblickenden, zumeist chronologischen Episoden, mal skizzierend und in schnellen Sprüngen, dann wieder einem mäandernden Fluss oder Waben voller Erinnerungen gleichend, eine Geschichte, die mehr als einmal zum Nachdenken anregt und die hoffnungsvolle Gewissheit wachsen lässt: Alles kann aus uns werden! Weil nichts ist wie es ist und "die Arbeit am besseren Menschen (...) wenigstens zur Hälfte darin [besteht], an ihn zu glauben. Das haben wir zu spät begriffen. Wenn man nicht an ihn glaubt, wird er nicht."

Fazit: Mit "Abendland" legte Michael Köhlmeier bereits ein Opus magnum vor, ein Buch, das völlig zu Recht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2007 stand. "Die Abenteuer des Joel Spazierer" stehen jenem in nichts nach. Der österreichische Autor beweist einmal mehr, dass er sein Handwerk hervorragend beherrscht. Erneut lässt er das Wesen der Dinge sichtbar werden, würdigt deren unendliche Erscheinungsformen und bringt sie in eine gewisse Ordnung. Ich wage eine Prognose und sehe ihn dieses Mal ganz oben auf dem Podest der Preisträger. Verdient hätte er es.
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11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein "falscher" Schelmenroman, 31. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Abenteuer des Joel Spazierer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Michael Köhlmeier hat dem Leser in den vergangenen Jahren einige Figuren gegeben, die unvergesslich sind. Daß er einige davon nicht begraben mag, man kann es verstehen. Daß er zudem Lust verspürt, nach dem immensen Erfolg (und dem Spaß, den es gemacht haben muß, das zu schreiben) von "Abendland" erneut eine fiktive Lebensgeschichte - diesmal weniger an Musik, genauer der Geschichte des Jazz interessiert - zu erzählen, kann man ebenfalls gut nachvollziehen. Und so begegnen wir in diesem "Schelmenroman", der eigentlich keiner ist (und keiner sein soll/will) erneut Sebastian Lukasser, Hauptprotagonist aus dem Großwerk, wenn auch nur indirekt. Der Icherzähler dieses Romans - Joel Spazierer, eigentlich András - ist mit Lukasser befreundet und erwähnt diesen, der eigentlich selbst daran interessiert gewesen sein soll, über Spazierers Leben zu schreiben, gelegentlich als Stichwortgeben ebenso, wie er ihn nutzt, um sich gegen die Ansprüche und Gesetzmäßigkeiten einer literarischen Gattung abzugrenzen.

Dieser Joel Spazierer ist ein Meister der Abgrenzung. Er, der als Kind in 4 Tagen des Alleinseins in der elterlichen Wohnung in Budapest - seine Familienagehörigen waren im Verhör - begriffen hat, das es keine Welt und schon gleich keine Wahrheit in der Welt gibt, sondern lediglich ihn als Erschaffer all dessen, was in seinem Kopf vor sich geht, ist frei aller moralischen oder psychischen Barrieren wie Gewissensbisse, Skrupel oder gar Zuneigung zu anderen. Das macht es ihm möglich, durch ein wahrlich abenteuerliches Leben zu gleiten, in dem er betrügt, erpresst, vernichtet und auch mordet ("meine Handvoll Morde" nennt er das an einer Stelle). Das alles übersteht er ohne merkliche seelische Belastungen oder gar Beschädigungen. Dabei begleitet und kommentiert er ein halbes Jahrhundert Weltgeschichte. Selbst allerdings bleibt er unberührt von dem, was um ihn herum geschieht. Wird ihm das österreichische Pflaster zu heiß, wandert er eben als fingierter Enkel Ernst Thälmanns in die DDR "aus"; wird ihm das Pflaster in der DDR zu heiß, haut er eben da wieder ab und begleitet die Tochter seines ersten Mordopfers durch Mexiko, wo sie ihre Heroinsucht überwinden will; stirbt die Tochter seines ersten Mordopfers in Mexiko, kehrt er eben nach Österreich zurück und lebt sein Leben dahin als Stammgast einer Eckkneipe, in der lauter Infarktpatienten ihre Tage verbingen und beginnt eben diesen "Nichtschelmenroman" zu schreiben usw.

Einiges dabei fuunktioniert sehr gut und v.a. spielt Köhlmeier gekonnt intellektuelle Spiele mit der Bildung des Lesers ebenso, wie mit der der Figuren seiner Handlung. Der Schelmenroman zeigt uns ja im Grunde jemanden, der von ganz unten nach ganz oben im gesellschaftlichen Spektrum wandert und dabei der Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Spazierer jedoch kommt nicht von ganz unten, er kommt eigentlich von "nirgendwoher", da schon seine Oma angefangen hat, ein Spiel mit Wahrheit und Lüge zu spielen, indem sie sich durch Lug und Betrug zu Ungarns führender Ägyptologin "gemacht" hat; auch spaziert dieser Schelm nicht durch eine Welt, die er spiegelt ohne Einfluß zu nehmen, sondern (der) Spazierer nimmt sich selbst als Weltenschöpfer wahr. Also kann er - er sagt das auch an einer Stelle des Romans ganz deutlich in Abgrenzung zu Lukasser - gar kein Schelm sein, seine Geschichte kein Schelmenroman. Dieses Spiel mit Umkehrungen, mit Fiktionen und Buch-im-Buch-Tändeleien treibt Köhlmeier sehr weit (im Grunde ist der ganze Roman eingebettet in eine winzig kleine Anekdote in "Abendland"). Das ist streckenweise atemberaubend (wenn er uns einen Hitlerwitz anhand der genauen Kenntnis der Thora, des alten Testamentes und der Frage nach göttlichem Gebot anhand der Abraham/Isaak-Geschichte erläutert), manchmal nachdenklich angesichts der philosophischen Tiefe, die er erreicht, wenn er z.B. über Wahrheit und Lüge und die Bedingungen der einen zur anderen referiert, manchmal ist das alles auch einfach unglaublich witzig.

Und dennoch geht das Ganze nicht auf. Zu fremd, zu distanziert mutet diese Hauptfigur an (die man nicht einmal, wie es in einigen Besprechungen zum Buch zu lesen war, wirklich als "böse" bezeichnen kann), zu groß sind die Lücken in der psychischen Motivation dessen, was Spazierer tut und bereit ist zu tun. Gerade der erste Teil, der uns von Kindheit und Jugend bis hin zum ersten Mord erzählt, bleibt seltsam blutleer. Man liest das alles, man folgt dem auch, manchmal befremdet, oft auch einfach gelangweilt, weil unverständlich bleibt, wieso diese Figur (und nicht nur Spazierer - die Motive all dieser Figuren seiner Familie werden nie wirklich deutlich) tut, was sie tut. Warum bringt er die Mutter seines besten Freundes um? Es wird uns niemals erklärt, wir müssen (sollen?) uns eine Interpretation zurechtlegen. Aber Spazierer erklärt uns ununterbrochen, eben genau das nicht zu tun. Und auch wir sollten das nicht tun, sagt er uns. Wir sollen uns keinen Reim auf die Welt machen, so wie er sich keinen Reim auf die Welt macht. Sie ist Material, das man verwertet, wie man es gerade braucht. Aus letzterem Grund ist Spazierer auch ein großer Freund der Lüge und betrachtet das, was man gemeinhin die "Wahrheit" nennt, als die dollste Erfindung (des Gottes, wie er zu sagen pflegt) und also - Lüge.

Das ist alles in Ordnung, das kann man machen. Den Leser sozusagen in Opposition zum Icherzähler gehen zu lassen, damit ständig Inhalt und Form sich aneinander reiben und unterlaufen - herrlich! Aber auf 650 Seiten? Nein, da wird das irgendwann ermüdend. Sowas taugt eher in der kleinen Form (und wurde von Köhlmeier in dem grandiosen "Idylle mit ertrinkendem Hund" auf viel ehrlichere, weil ergreifende Art und Weise auch schon durchexerziert). Allein der Abstraktionsgrad, den das in einem ausgewachsenen Roman annimmt, ist ermüdend. Ein Roman von der Länge als formale Spielerei anzulegen, kann nicht gelingen. Es braucht Handlung. Und die wird dann gereicht - nichts, was diesem Mann nicht passierte. Aufregend. Doch der Leser merkt, daß das alles "nur" Spektakel ist. Blendgranaten, die uns weiter treiben sollen, damit wir bereit sind zu folgen. Das wird dann zum Ende hin achronologisch erzählt (ohne daß es dafür eine formale Notwendigkeit gäbe) und schlägt eine Kapriole nach der anderen. Und man denkt sich beim Lesen: Warum? Da sind so viele gute Ideen drin, wieso geht er nicht mal einer wirklich nach? Beißt sich mal in eine rein? Daß der Roman das kann zeigen ja gerade die oben genannten Ausflüge in intellektuelle Höhen.

Da wird einfach vieles übertüncht, was in der Handlung nicht hinhaut. In drei Teilen erzählt, ist der mittlere, der uns v.a. von Spazierers Jahren im Gefängnis erzählt, der mit Abstand beste. Dort wird die Erzählung zwingend und wir können folgen und verstehen, was die einzelnen Handelnden zu dem macht, was sie sind. Und hier wird Spazierers Kälte auch bedingt und nachvollziehbar bis hin zu dem Mord an seinem Ziehvater. Zudem wird hier eine "wichtige" Zeit auch einmal ungewöhnlich reflektiert: Spazierer sitzt die Strafe für seinen ersten Mord (der einzige, den er je büßt) ausgerechnet in den Jahren um 1968 ab. So werden diese sonst immer so aussagekräftig als entscheidend besungenen Jahre einmal zu einer ganz anderen Chiffre: Muhammed Ali und seine Kämpfe sind wichtig und alles was von dieser ach so aufregenden und politischen Zeit im Roman bleibt, sind die uns an allen Ecken und Enden begegnenden heroin- und sonst wie drogenabhängigen Opfer.

Wie so oft bei langen Romanen, fragte sich der Rezensent, warum das gut Gelungene nicht gereicht hätte? Das wäre ein großartiges Buch geworden, kohärent und stilvoll und bündig. So aber geht das alles immer weiter und weiter und wird dann schließlich zur Farce, wenn Spazierer, jetzt als "Ernst Thalmann Koch" mit Erich und Margot Honecker Nachmittagstee trinkt und sich vom besoffenen Erich Mielke abknutschen läßt. Vielleicht kann man von der DDR über 20 Jahre "danach" am besten als Farce erzählen, weil das Land selbst eine Art Farce der Weltgeschichte war? Ich weiß es nicht. Doch wenn es so ist, dann sollte man das vielleicht jenen überlassen, die das Land kannten. Thomas Brussig hat das mit "Helden wie wir" - ebenfalls in der Form eines "falschen" Schelmenromans - ja auch bereits getan. Vielleicht hätte man es dabei bewenden lassen sollen.

Jedenfalls war dem Rezensenten am Ende gerade dieser Dreh der entscheidende zuviel. Was will der Dichter uns damit sagen?, ist an sich eine Frage, die man nicht stellen sollte. Doch hier war es einmal angemessen. Warum noch ein Dreh und noch ein Dreh und noch ein Dreh....? Aus Lust am Fabulieren? In Ordnung, auch das kann man amchen. Doch die Fabulierlust darf nicht gezwungen wirken, was hier dann allzu oft leider der Fall ist (und nicht nur in den letzten Kapiteln). Das Gebot des Schelmenromans, daß der Hauptfigur ständig Außergewöhnliches passieren müsse, oder aber Alltägliches außergewöhnlich wahrgenommen und wiedergegeben werden muß, kann auch zur Last des Erzählens werden. Daß dieser Roman uns ununterbrochen an der Nase herumführen will, daß er uns in Staunen versetzen will, daß er uns moralisch in die Zwickmühle bringen will, weil wir dieses Monstrum ohne menschliche Regungen ja irgendwie doch ganz nett finden - schon klar. Allein, es bleibt Behauptung. Zwingend wird das alles nicht. Wenn mich das als Leser alles unberührt läßt, kann ich auch nicht in moralische Wallungen kommen und also werde ich auch nicht meinen eigenen moralischen Standpunkt hinterfragen. Und daran krankt dann schließlich ein Roman, der in seinen Einzelteilen streckenweise wunderbar ist.

So einige ich mich mit mir selber auf den Mittelwert von 3 Sternen...
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6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom rasenden Stillstand und fulminantem Nichts, 13. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Abenteuer des Joel Spazierer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Nicht Joel Spazierer ist der Schelm, sondern sein Erfinder. Mit Atem beraubender Leichtigkeit und Erzaehlkraft entfaltet Koehlmeier nicht eine Geschichte fuer uns, sondern ein ganzes Geschichts- oder Geschichtenbuch. Muehelos schlaegt er einen erzaehlerischen Haken nach dem Anderen, und entwickelt ein ganzes Heer von Protagonisten, die allesamt neugierig machen - und kaum hat man sie kennen gelernt, verschwinden sie auch schon wieder aus dem Blickfeld des Helden; wie auch des Lesers, der sich manchmal zu frueh verlassen fuehlt von eben lieb gewonnenen fluechtigen Bekanntschaften, mit denen er gerne noch mehr Zeit verbracht haette. Aber Spazierer haelt nicht inne in seiner rasenden Flucht, bei der er sich doch paradoxerweise in beinahe stoischer Ruhe nicht von der Stelle bewegt. Ein inspirierendes, vielschichtiges Buch, dessen einziger Makel darin besteht, zu enden.
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2.0 von 5 Sternen Die Abenteuer des Herrn Joel kann ich nicht gebrauchen, 24. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Abenteuer des Joel Spazierer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Obwohl ich Herrn Köhlmeier als Literat, Erzähler und Menschen schätze, kann ich diesen Roman nur wenig bis gar nichts Positives abgewinnen. Es hat den Anschein der Autor selbst erliegt den äußerlichen Charme des von ihm erfundenen Herrn Spazierers und schafft es nicht in die Psyche seines Protagonisten vorzudringen. Es ist keine Geschichte im Stil des tragischen Realismus", sondern es ist eine Erzählung über die Lebensgeschichte eines Mannes die ich weder menschlich noch literarisch interessant finde. Ich habe mehr als 700 Seiten gehofft, dass ich zu irgendeiner Erkenntnis kommen kann, oder es zu einem Einblick in die Psyche des Herrn Spazierers kommt, aber leider blieb nur ein unangenehmes negatives Gefühl zurück. Beim Lesen hatte ich teilweise den Eindruck, Köhlmeier möchte bei Camus" anknüpfen - falls ja, das ist im ganz sicher nicht gelungen!
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4.0 von 5 Sternen Ein Fremder mit nachhaltiger Wirkung, 6. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Abenteuer des Joel Spazierer: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Die Abenteuer des Joel Spazierer" von Michael Köhlmeier ist eins dieser Bücher, die, auch wenn deren Handlung sehr verständlich und lückenlos ist, eine Menge zu lösende Rätsel hinterlassen.

Joel Spazierer ist ein Hochstapler. Mit seinem Charme und seiner Schönheit schafft er alles, was er sich vornimmt. Mehr braucht er nicht... seine Wirkung auf Menschen reicht für den Erfolg. Die detaillierte Beschreibung seines Lebens als Schwindler mit allen Höhen und Tiefen findet man in den Seiten dieses Buches.

Wie ich bereits erwähnt habe, hat dieses Buch Rätsel hinterlassen, und alle haben mit der Person Joel Spazierer zu tun. Und ich bin sicher, es war die Absicht des Autors, die Geschichte dieses Menschen zu erzählen, den Leser in allen dessen Geheimnisse einzuweihen, und ihm trotzdem das Gefühl zu vermitteln, dass Spazierer bis zum Ende ein Fremder bleibt. Das geschieht mit einer Geschichte, die in der ersten Person erzählt wird. Denn es ist Joel Spazierer, der alles über sich selber erzählt, und am Ende, nachdem wir seinen Lebenslauf und alle seine Gedanken kennen, entsteht keine Verbindung zwischen Leser und Hauptfigur. Joel Spazierer bleibt enigmatisch und vorhersehbar unvorhersehbar.
Warum handelt er, wie er handelt? Hat er echte Gefühle für irgendeinen Menschen? Ist er dankbar, wenn man ihm hilft, gerade dann, wenn er Hilfe braucht? Oder ist er einfach ein Egoist und ein gleichgültiger Verbrecher?
Manchmal schien er sogar recht naiv zu sein und in diesen Momenten hat er mich an Chauncey Gardiner aus "Being There" von Jerzy Kosiński erinnert.

"Die Abenteuer des Joel Spazierer" ist in vielen Hinsichten ein lesenswerter Roman. Er bietet eine außergewöhnliche Geschichte mit einem ungewöhnlichen Hauptcharakter, außerdem sind die Handlungsorte und Nebencharaktere sehr interessant. Manche von diesen Nebenfiguren haben mich sogar begeistert. Leider war es für mich schwierig, manche schockierenden Passagen zu verdauen und immer wieder musste ich mich überwinden, um weiter lesen zu können.

Spazierer erzählt nicht in chronologischer Reihenfolge. Dadurch erfordert dieses Buch die volle Konzentration des Lesers, aber es macht Spaß, Details, die eine gewisse Bedeutung in der Vergangenheit oder für die Zukunft haben, zu entdecken.
Dadurch kommt man langsam voran, was bei manchen Szenen ermüdend sein kann.

Joel Spazierer hat lange meine Gedanken beschäftigt.
Er ist ein Fremder mit nachhaltiger Wirkung.
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5.0 von 5 Sternen kurzweilig, 7. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Abenteuer des Joel Spazierer: Roman (Gebundene Ausgabe)
trotz der 650 Seiten gelingt es Köhlmeier, den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten. Die Erzählung der Biografie dieser Romanfigur von der Kindheit bis ins Alter ist fesselnd und voll von unerwarteten Wendungen. Man lebt regelrecht mit dieser Figur mit, die trotz ihrer Taten sympathisch bleibt. Der Autor recherchiert sämtliche Details und (historische) Parallelereignisse akribisch und man lernt auch auf diesem Gebiet einiges dazu.
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Die Abenteuer des Joel Spazierer: Roman
Die Abenteuer des Joel Spazierer: Roman von Michael Köhlmeier (Gebundene Ausgabe - 28. Januar 2013)
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