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41 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Beeindruckend dichte Novelle
Bei Gasdanow handelt es sich um einen russischen Schriftsteller ossetischer Herkunft. In jungen Jahren schloss er sich der weißrussischen Armee an und musste deshalb später über Umwege nach Paris fliehen. Dort verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit Hilfstätigkeiten und auch als Taxifahrer. Später schrieb er für die große...
Veröffentlicht am 29. August 2012 von Caliban

versus
45 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ich hatte aufgrund der hier veröffentlichten Rezensionen mehr erwartet
Die Erzählung beginnt vielversprechend. Der Ich-Erzähler schießt als blutjunger Teilnehmer des russischen Bürgerkrieges einen feindlichen Soldaten nieder, der ihn sonst seinerseits getötet hätte, und reitet mit dessen Pferd davon. Obwohl er im Krieg und selbst da in Notwehr gehandelt hat, plagen ihn Schuldgefühle wegen seines "Mordes"...
Veröffentlicht am 23. Oktober 2012 von Lothar Müller-Güldemeister


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41 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Beeindruckend dichte Novelle, 29. August 2012
Von 
Caliban (Süddeutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Das Phantom des Alexander Wolf: Roman (Gebundene Ausgabe)
Bei Gasdanow handelt es sich um einen russischen Schriftsteller ossetischer Herkunft. In jungen Jahren schloss er sich der weißrussischen Armee an und musste deshalb später über Umwege nach Paris fliehen. Dort verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit Hilfstätigkeiten und auch als Taxifahrer. Später schrieb er für die große Exilgemeinde der in Paris lebenden Russen. Anders als Nabokov blieb er der russischen Sprache dabei ein Leben lang treu.

Beim vorliegenden Werk handelt es sich - gemessen an den üblichen Kriterien - um eine Novelle. Packend und dicht erzählt, spielt sie im Jahre 1936 in Paris. Der Erzähler beginnt damit, das kein Ereignis sein Leben so sehr geprägt habe, wie ein Vorfall, anlässlich dessen er einen Menschen getötet habe. Es folgt die Schilderung eines Zwischenfalls während des russischen Bürgerkriegs. Der Erzähler tötet dabei einen Gegner, der ihm zuvor das Pferd unter dem Leib weggeschossen hat, durch einen gezielten Schuss und ergreift danach rasch die Flucht. Jahre später wird der Erzähler allerdings in Paris auf einen Band mit in englischer Sprache verfassten Kurzgeschichten aufmerksam. In einer der Erzählungen wird der Vorfall aus der Sicht des vermeintlich Getöteten erzählt. Darauf macht sich der Erzähler auf die Suche nach dem Autor und früheren Todfeind, dem "Phantom des Alexander Wolf" eben. Die Suche führt ihn an verschiedene Orte und zu unterschiedlichen Bekanntschaften. Eine dicht erzählte Liebesgeschichte bestimmt den Mittelteil und eine (vielleicht nicht ganz so überraschende) Pointe den Schluss.

Die Stärke des Werks liegt in der Fähigkeit des Verf., das Lebensgefühl der unter den Nachwehen des Ersten Weltkriegs und des Bürgerkriegs leidenden Zwischengeneration präzise auf den Punkt zu bringen. Vergleichbar etwa mit Puschkin macht Gasdanow regelmäßig nicht viele Worte, sondern bringt die erzählten Situationen wie mit dem Gravurstift in einigen wenigen präzisen Wendungen auf den Punkt. Im Mittelpunkt der Erzählung steht das für den mitteleuropäischen Leser zunächst nicht sofort nachvollziehbare verwundete Lebensgefühl der Kriegsgeschädigten. Denn der jederzeit mögliche Verlust des Lebens lässt sämtliche Gewissheiten entfallen und alle Freuden schal erscheinen. Nur im Akt des Tötens selbst verschaffen sich die unmoralischeren Zeitgenossen das Scheingefühl, genau die Macht zu besitzen, deren Opfer sie ansonsten sind. Der Autor selbst kämpft gegen derlei Gefühle vor allem mit seiner Geliebten tapfer an. Bei anderen Zeitgenossen führt diese Verstörtheit jedoch zu dämonischen Auswüchsen.

Das Werk wirkt trotz dieses Themas insgesamt nicht düster und deprimierend, sondern liest sich aufgrund der präzisen Menschenzeichnung überaus spannend. Aufgrund des geringen Umfangs fordert es den geübten Leser ungefähr 3 Stunden. Ein Nachwort der Übersetzerin Rosemarie Tietze, der übrigens eines sehr ansprechende sprachliche Gestaltung gelungen ist, verweist auf weitere Werke des Autors. Vor allem "Der Abend bei Claire" macht dabei sehr neugierig. Hoffentlich besteht die Chance auf Nachschub! Ich kann das vorliegende Werk dem Interessierten ohne Einschränkungen empfehlen.
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13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Tod, Schuld, Liebe und die Intimität des Tötens..., 18. Januar 2013
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Das Phantom des Alexander Wolf: Roman (Gebundene Ausgabe)
Weder bin ich ein Freund, Autoren mit anderen zu vergleichen, als auch davon weit entfernt, mich an irgendwelche Lobeshymnen anzuschliessen, die zumindest bei dieser Neuerscheinung mit voller Kraft ins Horn geblasen wird. Trotzdem muss ich sagen, kann man hier äusserst wertvoll geschriebene Passagen wiederfinden, die diese Novelle zum Genuss werden lassen kann. Ein bisschen Krimi, ein bisschen Liebesromanze, und da ist dann noch das Element des Verwirrenden, die dann irgendwann ganz in die Unergründlichkeit zu versacken droht...Gasdanov ist ein im Exil lebender russischer Schriftsteller, der sich in den zwanziger Jahren nach Paris abgeseilt hat, um u.a. als Clochard lebte, als Lokomotivwäscher oder Taxifahrer arbeitete und gleichzeitig Vorlesungen an der Sorbonne besuchte...und heute aus der Versenkung gehoben wird. Gasdanov scheint dabei sowohl in Russland als auch im deutschsprachigen Leserraum entdeckt zu werden...dass dabei das eigene Erleben jener Zeit, ev. autobiographisches Material beinhaltet, kann man nur erahnen, die Verarbeitung von Schuld ist durchaus real...

Während des Bürgerkriegs trifft der 16-jährige Ich-Erzähler auf einen Reiter, der sein Pferd erschiesst, daraufhin zieht er seine Pistole und tötet den Reiter. Anschliessend nimmt er sein Pferd und flüchtet, der vermeintlich Zurückgebliebene scheint zu sterben. Zumindest glaubt der junge Mann das so. Als er später nach Paris (Hauptstadt der russischen Emigration) flüchtet, wie viele andere Russen auch, stösst er eines Tages auf eine Erzählung, die detailgetreu erzählt, was jener Mann mit jenem fremden Reiter einst im russischen Bürgerkrieg erlebte. Danach versucht er den Schriftsteller jener Erzählung ausfindig zu machen, der Autor wird zum Phantom, das nicht zu greifen ist. Daneben entwickelt sich eine Liebschaft zu Jelena, die jedoch für den Ich-Erzähler undurchschaubar bleibt, weil sie ihm nichts wirkliches aus ihrer Seele preisgibt. Gasdanov geht hier verhältnismässig sparsam mit dem Leser um. Eine Geschichte beginnt sich hier zu entfalten, die sich zwischen Tod, Liebe, und Schuld zu bewegen scheint.

Gasdanov thematisiert hier die Schuld des Tötens, die verfolgen kann. Angereichert paradoxerweise mit einer Note Intimität. Als ob der Akt des Tötens etwas Intimes wäre...Der Ich-Erzähler tappt über lange Zeit im Dunkeln, denn zum Einen findet er jenen Schriftsteller nicht auf, der seine Tötung wiedererzählt, noch durchschaut er wirklich, was seine schöne Geliebte im Innersten beschäftigt, was dem Ganzen auch eine Note des verwirrt Undurchschaubaren gibt. Und obwohl der Plot nicht sonderlich packend ist, verzaubert Gasdanov den Leser vielmehr durch seinen Schreibstil, seine Atmosphäre und auch einer gewissen Magie, wie es die Übersetzerin Rosemarie Tietze liebevoll in ihrem Nachwort liebevoll zum Ausdruck bringt. Überhaupt habe ich selten so ein einfühlsames Nachwort einer Übersetzerin gelesen...

Wer sich also nicht von den grossen Vergleichen anderer Schriftsteller wie Nabakov und Camus anstecken lässt, nicht dem Zeitungschreibern vollstes Vertrauen schenkt, und anstatt dessen der eigenen inneren Stimme vertraut, dürfte trotz alledem zu einem Lesegenuss der ganz besonderen Art eines russischen Autors gelangen, von dem man sich schleunigst noch weitere Übersetzungen wünscht, weil man bereits von etwas Geschmack bekommen hat, das Leselust auf weitere Werke dieses besonderen Autors generiert, die ich nicht verschweigen möchte. 1947 ist diese Novelle erstmals erschienen, sie hat seitdem ihre Kraft und ihre Ausdrucksfähigkeit bei weitem nicht verloren, im Gegenteil...oder um es mit den Worten von Rosemarie Tietze zu sagen:

"Höchste Zeit, dass auch für den deutschen Leser das Phantom des Gaito Gasdanov endlich reale Gestalt annimmt."

Empfehlung.
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45 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ich hatte aufgrund der hier veröffentlichten Rezensionen mehr erwartet, 23. Oktober 2012
Von 
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Phantom des Alexander Wolf: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die Erzählung beginnt vielversprechend. Der Ich-Erzähler schießt als blutjunger Teilnehmer des russischen Bürgerkrieges einen feindlichen Soldaten nieder, der ihn sonst seinerseits getötet hätte, und reitet mit dessen Pferd davon. Obwohl er im Krieg und selbst da in Notwehr gehandelt hat, plagen ihn Schuldgefühle wegen seines "Mordes". Im Pariser Exil zwischen den beiden Weltkriegen liest er in einer Novelle die Schilderung exakt dieses Erlebnisses aus der Sicht dessen, den er vermeintlich erschossen hat, und spürt ihn auf.

Diese Geschichte verarbeitet der Autor allerdings mitnichten zu einem "brillianten Spannungsbogen", wie es in der Inhaltsangabe behauptet wird. Sondern sie verliert sich in einer Reihe von mehr anekdotisch-assoziativen als sich zu einem architektonischen Ganzen fügenden Episoden und Begegnungen, gemischt mit grüblerischen Welt- und Selbstbetrachtungen.

Das gibt, wie einer der Rezensenten hier schreibt, sicher einen historisch und literaturhistorisch interessanten Einblick in die Befindlichkeit russicher Emigranten, die im Bürgerkrieg nicht auf der - damals - siegreichen Seite der Kommunisten standen. Aber Gasdanov mit Camus oder Nabokov auf eine Stufe zu stellen, halte ich für verfehlt. Seine existentialistische Einstellung weist sicher zu beiden Schnittmengen auf, aber die Dichte, Tiefe und Schärfe ihrer Werke erreicht er nicht.

Ohne dieses 1947 erstmals erschienene und jetzt neu übersetzte Werk miesmachen zu wollen: mit den hier von einigen Fünf-Sterne-Rezensionen geschürten allzu großen Erwartungen sollte man an seine Lektüre nicht herangehen, sonst besteht die Gefahr enttäuscht zu werden - ähnlich wie bei einem anderen jetzt neu aufgelegten Werk aus der gleichen Zeit.
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25 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Enttäuscht, 16. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Das Phantom des Alexander Wolf: Roman (Gebundene Ausgabe)
Es kommt nicht häufig vor, dass mir ein Buch von weniger als 200 Seiten als lang und zäh erscheint, doch bei Gasdanow war es leider so. Die jubelnden Rezensionen, die von einer bedeutenden Wiederentdeckung sprechen und Gasdanow mit Nabokov vergleichen, kann ich nicht nachvollziehen.

Der kurze Roman (eigentlich eher eine Novelle) beginnt furios und setzt ein Thema, das durchaus spannend sein könnte. Dann aber verliert sich der Autor in seiner Handlung. Der Erzählung fehlt jegliche Stringenz. Wir werden zu einem Boxkampf mitgenommen, erleben eine Liebesgeschichte - und all das, ohne dass erkennbar wäre, wie diese Episoden zum ersten Thema in Beziehung stehen.
Hinzu kommt, dass mir der Stil des Autors etwas unbeholfen erschien. Schlecht sitzende Metaphern und dauernde rhetorische Übertreibungen haben meine Lesefreude deutlich getrübt. Das könnte natürlich an der Übersetzung liegen, wobei ich denke, dass Frau Tietze ihr Handwerk beherrscht (ihr Nachwort hat mir vom Buch insgesamt am besten gefallen).

Mein Fazit: Gasdanow ist wohl deshalb heute vergessen, weil er einfach nicht die Qualität produziert hat, die ihn an die Seite der großen Namen der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts stellt.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Endeckung eines Romans aus den 20er Jahren voller Überraschungen., 3. Dezember 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Phantom des Alexander Wolf: Roman (Gebundene Ausgabe)
Das Phantom des Alexander Wolf ist ein entdeckter Roman des russichen Autors Gaito Gasdanow, der inhaltlich spannend und und in der Übersetzung durch die mehrfach ausgezeichnete Frau Tietze auch sprachlich asnpruchsvoll ist. Der Autor schildert in der Ichform seine merkwürdigen Begegnungen mit Alexander Wolf, der auf ihn geschossen, aber verfehlt hat und gegen den er sich mit einem Schuss verteidigt hat, der seinenm Gegner niedersteckte. Durch mehrere Zufälle stößt er auf das Schicksal Wolfs., dessen Verlauf und Ende in jeder hinsicht ungewöhnlich ist, hier aber nicht verraten werden soll
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4.0 von 5 Sternen Eine außergewöhnliche Vorlage in vorzüglicher Umsetzung!, 14. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Phantom des Alexander Wolf (Audio CD)
Gaito Gasdanow emigrierte wie sein Ich-Erzähler infolge der russischen Revolution nach Paris und gehörte zu den dortigen Exilschriftstellern; seine Werke gerieten allerdings in Vergessenheit. Die Wiederentdeckung lohnt sich jedoch, wie "Das Phantom des Alexander Wolf" zeigt, eine atmosphärisch sehr dichte Erzählung, die mehr an eine Novelle erinnert als an einen Roman. Geradezu genial wirkt der Aufbau mit den beiden höchst dramatischen Momenten, in denen sich die beiden Männer als potenziell tödliche Gegner gegenüberstehen, einmal als Fremde, anonym und zufällig, dann als bereits Bekannte und mit einer völlig anderen Motivation.
Dazwischen stehen Jahre des Verarbeitens und des Neuanfangs und die neuerliche Konfrontation mit Alexander Wolfs Buch, die dem Leben des Protagonisten ein weiteres Mal eine massive Wendung gibt.
Auch der Stil fesselt – scheinbar nüchtern, doch im "Understatement" klingen die unterdrückten und schließlich hochgeheizten Emotionen umso intensiver durch. Und hier greift zudem die gelungene Hörspielbearbeitung, denn dem Regisseur ist es gelungen, die bedrückende, düstere, zeitweilig auch grelle und schwüle Atmosphäre festzuhalten, in der sich die zwei Männer begegnen. Die Sprecher repräsentieren die jeweiligen Charaktere beziehungsweise den Erzählrahmen vorzüglich, sie greifen die mühsame Beherrschtheit der Menschen auf, unter deren Oberfläche es fühlbar brodelt. Auch die geschickt der Handlung angepasste Geräuschuntermalung unterstützt und verstärkt die durch die Erzählung erzeugte eigenartige Stimmung, das Surreale; ohne Aufdringlichkeit werden dadurch im Hörer Bilder, ja, filmische Szenen hervorgerufen, die zusammen mit den Stimmen und natürlich den vorgetragenen Texten ein eindringliches Hörerlebnis bieten.

Eine außergewöhnliche Vorlage in vorzüglicher Umsetzung!
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9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Knapp daneben, 6. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Das Phantom des Alexander Wolf: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die Sonne brennt über der russischen Steppe. Der Bürgerkrieg hat ein riesiges Land in Fronten geteilt. Ein sechzehnjähriger Soldat, getrennt von seinen Gefährten, reitet, benommen von Hunger und Anstrengung, durch ein kleines Waldstück, während er sich verzweifelt nach Ruhe, Schlaf und Erlösung sehnt, als plötzlich ein Schuss sein Pferd zu Boden wirft. Wie in einem Fiebertraum erhebt sich unser Held schwerfällig, und kaum erblickt er den Feind, spürt er auch schon, wie die Pistole in seiner Hand feuert. Sein Gegenüber sinkt zu Boden. Ein Tag im Krieg. Der noch jugendliche Soldat beugt sich fast reumütig und wie in Trance über den sterbenden Feind, bis er schließlich zu Gedanken kommt und flieht.

Gegen Ende des Krieges spülten die Wogen der Geschichte den jungen Soldaten letztendlich nach Paris - wie so viele russische Exilanten. Die Jahre vergehen, doch vergessen konnte er, der namenlose Ich-Erzähler, diesen Tag in der fiebrigen russischen Steppe des Krieges nie. Wie ein Schleier lastet die Erinnerung an den einzigen Mord, den er jemals begangen hat, auf seinem Leben.

Und dann fällt ihm, nach Jahrzehnten, ein Roman des Schriftstellers Alexander Wolf in die Hände. Bis ins letzte Detail beschreibt Wolf den schicksalsträchtigen Tag in dem Waldstück. Alles ist deckungsgleich mit den Erinnerungen unseres Helden - nur, dass es aus der Perspektive des Mannes geschrieben ist, den er glaubte, getötet zu haben. Für ihn steht fest: Er muss diesen Alexander Wolf finden. Er ahnt nicht, dass dieser nicht einmal so weit entfernt ist.

Was für ein Plot, oder? Als ich den Klappentext las, war ich mir absolut sicher, dass nichts, wirklich nichts mehr schief gehen könnte; dies musste ein fantastischer Roman sein. Leider war ich zu voreilig. Nach diesem wirklich fulminanten Einstieg gerät die Handlung leider immer wieder ins Straucheln und erlahmt. Gasdanow verliert, während er die komplizierte Affäre zwischen dem Protagonisten und einer mysteriösen Geliebten schildert, spürbar den Boden unter den Füßen. Die rasante Eröffnung verpufft, und die Geschichte verschwimmt teilweise zu einem grauen Brei aus trister Selbstreflexion und dem trockenen Gerede über eine Beziehung, die den Leser nicht gerade in ihren Bann zieht.

Versteht mich nicht falsch, was Gasdanow zu sagen hat, ist keinesfalls flach, dümmlich oder plump, ich hatte mir nur irgendwie etwas Anderes, etwas mehr erhofft. Es liegt an mir, nicht an ihm. Je mehr die Seitenzahl voranschreitet, desto weniger weiß die Handlung auch ihr anfängliches Niveau zu halten. Und als Gasdanow zu seinem Schlussakkord ansetzt, überlege ich bereits, was ich bloß zum Abendbrot esse, oder wann ich eigentlich zum letzten Mal ein Buch gelesen habe, das mich wirklich, so richtig, in seinen Bann gezogen hat.

Alles in allem: Ein Roman, der sicherlich seine Leser findet und auch zu bezaubern weiß, geht man mit den richtigen Erwartungen heran.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Besser als erwartet, weniger gut als die euphorischen Besprechungen glauben lassen., 2. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich hatte, ich gebe es zu, Vorurteile, was dieses Buch anbelangt. Zu groß waren die Vorschusslorbeeren der Presse. Doch dann hat mich die Art und Weise, wie Gasdanow seine Geschichte aufbaut, doch sehr gefesselt.
Das Ende hat mich dann zwar leider nicht überzeugt, aber wenn ich 3,5 Sterne vergeben könnte, würde ich es tun!
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Schwerkraft der Verantwortung, 15. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Das Phantom des Alexander Wolf: Roman (Gebundene Ausgabe)
Als Schwerkraft der Verantwortung könnte man das drückende Thema dieser Novelle bezeichnen, namentlich den Mord, den der Ich-Erzähler in seiner weit zurückliegenden Jugend nach eigener Überzeugung begangen hat.
Tatsächlich ist es diese alte Last, die den Protagonisten scheinbar ewig verfolgen wird und die auch den Leser mit dem ersten Satz an dieses großartige Buch bindet.
Wie wir uns erinnern, und warum wir uns unentwegt mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen müssen, diese Fragen kreisen die poetischen Reflexionen Gasdanows im Laufe des Texts immer enger ein. Und zwar geschmeidig eingeflochten in eine Handlung, die ihre Ereignisse unerwartet verknüpft und auch durchaus reißerische Szenen nicht scheut.

Mein persönlicher Leseeindruck deckt sich also mit den euphorischen Pressestimmen, gleichwohl muss ich anmerken, dass mir die erste Hälfte von Gasdanows Novelle deutlich besser gefallen hat als die zweite. Letztere kann die atmosphärische Dichte nicht ganz aufrechterhalten und der Plot bröckelt teilweise unter beinahe essayistischen Einzelbetrachtungen.

Den Gesamteindruck und das Lesevergnügen schmälert dieses Manko allerdings kaum!
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17 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen wenn Journalisten übers Töten schreiben, 3. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Das Phantom des Alexander Wolf: Roman (Gebundene Ausgabe)
Um es vorweg zu nehmen: 1 Bewertungsstern ist natürlich zu wenig, aber anders werde ich meiner Enttäuschung über dieses letztlich aufgeblasene Büchlein nicht Herr. Was hätte ein mutigerer, ausdauernderer und kraftvollerer Schriftsteller aus diesem exzellenten Plot wohl entwickelt?!
Jüngling im russischen Bürgerkrieg schießt jemanden nieder, der ihn niederschießen wollte, macht diesen einzigen je begangenen Mord zum tragischen Angelpunkt seines Lebens und stösst viele Jahre später auf eine literarische Erzählung mit der exakten Beschreibung des Vorgangs aus der Perspektive des offenbar doch nicht Getöteten.
Das ist großartig! Ein vollkommener Ansatz, dem Gaito Gasdanow leider nicht gerecht wurde. Die auf Deutsch 177 Seiten kurze Geschichte erschien 2012 bei Hanser unter der Bezeichnung Roman - egal, so funktionieren Verlage. Eine aufgeregt röhrende Kritikerin bezeichnete die Novelle prompt als "Nachtrag zur Weltliteratur" - egal, so funktionieren Kritiker. Was mir bei der Lektüre auffiel, war jedoch hautsächlich der Umstand, dass ein mittlerweile vergessener, zugegeben nicht gänzlich talentfreier exilrussischer Autor (gestorben 1971 in München) sich an einem Thema verhoben hat.
Nach den ersten, sehr aufregenden und sehr besonderen Seiten speist er uns leider mit literarischer Dutzendware ab. Das feine, auch bewegende Nachdenken übers Töten und Getötetwerden lässt er bald und sehr lange wieder sein und erweist sich als ein in das Geheimnis und die Bedeutsamkeit seiner Ich-Figur über die Maßen verliebter Durchschnitts-Schreiber. Passagen folgen, in denen überlang über dies und das im Nachleben der Hauptfigur reflektiert wird (Freundin, Boxkampf, Journalistenberuf etc.) An unerheblichen Kleinigkeiten zieht sich Gasdanow philosophierend immer wieder hoch und nimmt dem Thema so Schärfe und Größe.
S. 60: "Ich wäre fast vom Stuhl aufgesprungen- und bis heute weiß ich nicht, warum mir das damals so erstaunlich erschien", sagt sich der Erzähler, als er erfährt, dass seine selbstverständlich überaus unergründliche Geliebte Russin ist. S 83 : "...die Meere, die Flüsse, die Wildenten über der Donau, dann der Dampfer und die Züge- alles, wohin mich die unerklärliche Bewegung meines Lebens geführt hatte." S. 102: "kam mir mein Leben nun unglaublich vor" ...
Das leider ist der prägende Sound dieser Novelle. Es gibt mittendrin und auch wieder am Ende, als die Kontrahenten von damals sich tatsächlich erneut begegnen, wieder einige gute Stellen, auf S 147 z.B. die schöne Anmerkung über "die unpersönliche Anziehungskraft des Tötens", aber für meinen Geschmack ist Gasdanow gescheitert. "Das Phantom des Alexander Wolf" ist eine hübsche, stellenweise durchaus lesbare Novelle, aber kein wichtiger Roman über Menschen im Krieg oder Menschen im Exil oder über die Liebe oder über Schuld oder über gelingendes Leben. Dass dieses Buch und sein Autor wieder entdeckt und gefeiert werden, hängt vielleicht auch mit der allgemeinen mitteleuropäischen Erfahrungsharmlosigkeit und Erfahrungsähnlichkeit zusammen. Etwas Bürgerkrieg und ein wenig labernde Pariser Nachkriegssentimentalität stemmen aber keinen Roman. Gasdanow war Journalist und kann, jedenfalls was dieses Werk anlangt, getrost vergessen bleiben.
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Das Phantom des Alexander Wolf: Roman
Das Phantom des Alexander Wolf: Roman von Gaito Gasdanow (Gebundene Ausgabe - 27. August 2012)
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