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168 von 179 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Manipulativer Meisterfälscher, Misanthrop und Widerling - Von der Entstehung des Antisemitismus
Er ist eine Art abstoßender Forrest Gump des 19. Jahrhunderts: Der Meisterfälscher und Spion Simone Simonini, der 1897 (angeblich) erinnerungslos in Paris erwacht und über den sein Schöpfer Umberto Eco sagt, dass er mit ihm eine möglichst widerliche und abscheuliche Figur kreieren wollte. Das ist ihm gelungen. Virtuos gelungen. Einen...
Veröffentlicht am 27. Oktober 2011 von Michaela Hoevermann

versus
4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein opulentes Spektakel, das in Teilen als klug und flott durchgehen kann, in Teilen im Verschwörungs-Dauerfeuer untergeht
Umberto Eco, der Geistesriese mit dem enzyklopädischen Wissen über alle Aspekte der europäischen Geschichte (und vermutlich weit darüber hinaus) macht es dem Leser nie einfach.
Sperrig, schwülstig, langatmig, übermäßig detailverliebt haben sie ihn genannt, kein reines Lesevergnügen eben. Dies hat sicher auch dazu...
Vor 6 Monaten von FG veröffentlicht


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168 von 179 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Manipulativer Meisterfälscher, Misanthrop und Widerling - Von der Entstehung des Antisemitismus, 27. Oktober 2011
Von 
Michaela Hoevermann (Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Der Friedhof in Prag: Roman (Gebundene Ausgabe)
Er ist eine Art abstoßender Forrest Gump des 19. Jahrhunderts: Der Meisterfälscher und Spion Simone Simonini, der 1897 (angeblich) erinnerungslos in Paris erwacht und über den sein Schöpfer Umberto Eco sagt, dass er mit ihm eine möglichst widerliche und abscheuliche Figur kreieren wollte. Das ist ihm gelungen. Virtuos gelungen. Einen widerwärtigeren Protagonisten wird man in der Weltliteratur schwerlich finden. Simonini ist käuflich, fälscht Dokumente, mordet, lügt und betrügt. Und er hasst inbrünstig. Juden, Freimaurer, Jesuiten, Deutsche, Frauen, eigentlich alle und alles. Vielleicht mit Ausnahme des Essens.

Der Sohn eines italienischen Offiziers ist geprägt vom Einfluss des judenhassenden Großvaters, der die Juden als Quelle allen Übels und Unglücks betrachtet. Damit entwickelt sich Simonini zum Träger der rassistischen, antisemitischen Vorurteile seiner Zeit. Zur Projektionsfläche alles Bösen. Die dahinter stehenden Triebkräfte sind die gleichen, die bis heute noch Rechtsradikalität und Terror hervorbringen: tief verwurzelter Hass und Geldmangel, gepaart mit intellektueller Befähigung und dem Ehrgeiz, diese auszunutzen.

Simonini lernt die grenzenlose Macht des geschriebenen Wortes kennen, die Bedeutung von Schriftstücken. Fiktionen, so die Erkenntnis, erzeugen Wirklichkeit, jedenfalls, wenn sie gut gemacht sind: "Nie, nie, niemals darf man mit echten oder halb echten Dokumenten arbeiten... Um überzeugend zu sein, muss das Dokument ganz neu geschaffen werden..." Der Erfolg ist besonders groß, wenn es auf Gerüchten basiert. Auf etwas, das man schon einmal gehört hat oder gehört zu haben glaubt - und kurz und knackig muss es sein, denn "ein diffamierendes Pamphlet muss sich in einer halben Stunde lesen lassen".

Nur scheinbar lässt sich Simonini hineinziehen in die Netzwerke der Mächtigen, verkauft sich als vermeintlich williger Spielball und Handlanger. In Wahrheit verfolgt er dabei stets eine eigene Agenda, bedient alle Geheimdienste gleichzeitig, nutzt bestehende politische Konflikte, um dazu den passenden Betrug zu erfinden - und macht einen Reibach damit. Ein boshaftes Genie, das alle hinters Licht führt, inklusive der katholischen Kirche.

Wieder einmal zeigt sich der Universalgelehrte Umberto Eco als beeindruckend versierter Erzähler. Den kompetenten Kenner der Verschwörungstheorien des 19. Jahrhunderts fasziniert allerdings nicht nur Geschichte; ihn fasziniert auch die menschliche Fähigkeit zu lügen und zu betrügen. Beides verknüpft er in seinem neuen Werk "Der Friedhof in Prag" auf imposante Weise.

Dem dahinter stehenden Rechercheaufwand muss man Respekt zollen, denn historisch entspricht - wie auch bei Forrest Gump - nahezu alles der Wahrheit. Simonini durchläuft zentrale, politische essentielle Momente des 19. Jahrhunderts; seine Aktivitäten prägen das Weltgeschehen maßgeblich mit: Er präsentiert sich als Anhänger des Nationalhelden Garibaldi, fälscht Briefe, um den jüdischen Artilleriehauptmann Dreyfus als vermeintlichen Spion der Deutschen zu entlarven. Schließlich gipfeln seine antisemitischen Hasstiraden in einem Schriftstück, das in 24 Abschnitten verfasst als "Die Protokolle der Weisen von Zion" ein Stück Weltgeschichte schreiben wird. Denn Hitler benutzte dieses Dokument als Legitimation für die Judenvernichtung. Obwohl das judenfeindliche Pamphlet bereits seit 1921 als Fälschung entlarvt ist, befeuert es bis heute Vorurteile; unter anderem beruft sich die islamistische Hamas bis heute darauf.

Auch der titelgebende "Friedhof in Prag", Leitmotiv des Romans, existiert tatsächlich: Es handelt sich um eine kleine, letzte Ruhestätte in der Prager Altstadt, genauer im Viertel Josefstadt, in der trotz eklatanten Platzmangels (die Fläche misst nur ca. 1 ha) über 12 000 Grabsteine zu finden sind. Das lebendige, alles andere als symmetrische Miteinander der Grabsteine verleihen dem Ort etwas Geheimnisvolles. Ein idealer Schauplatz!

Nur Hauptmann Simone Simonini selbst ist frei erfunden. Er begegnet den "großen Namen" seiner Zeit: Schriftstellern, Politikern und Geschäftemachern, Menschen, die die Welt veränderten: Cagliostro, Dreyfus, Dumas, Freud, Garibaldi ,Hugo, Jolys und vielen anderen.

Drei Erzählebenen nutzt Umberto Eco, um den unsympathischen Widerling plastisch werden zu lassen: Der Einblick in das Tagebuch Simoninis ist zunächst etwas verwirrend. Simoninis gespaltene Persönlichkeit verweist auf seine zerrüttete Identität und kennzeichnet ihn von vornherein als unzuverlässigen Erzähler. Der junger Psychiater Sigmund Freud, der zufällig einmal neben Simonini am Nachbartisch speist, rät ihm dazu, sein Leben schriftlich zu fixieren. Darauf lässt dieser sich ein. Seine Eintragungen werden dabei von einem zweiten Ich begleitet, kommentiert und korrigiert. Schließlich schwebt über allem ein weiterer, ein allwissender Erzähler, der kommentierend eingreift und verbindende Brücken zwischen den Einträgen baut.

"Der Friedhof in Prag" ist ein komplexes, vielschichtiges, historisch akribisch recherchiertes Buch eines wahren Meisters der Erzählkunst. Ein intellektuell und ästhetisch ansprechender Roman, eine herausfordernde Mischung aus Fakten und Fiktion um Wahrheit und Täuschung, Identität und Intrigen. Man mag dieses durchweg fesselnde Buch nicht aus der Hand geben. Es bewegt, es beschäftigt, es lässt einen nicht mehr los und führt doch immer wieder ans Bücherregal oder ins Internet, um das eine oder andere zu recherchieren.

Diese geballte Konfrontation mit Wissen fordert und garantiert ein großartiges Lesevergnügen. Und abendfüllende Diskussionen. Entstanden ist ein Werk, das wirkt wie ein weiser Kommentar zur heutigen politischen Situation, zur Propaganda Berlusconis, aber auch zu den Verschwörungstheorien, die sich um den 11. September ranken.

Angesichts des Romaninhalts und seiner jüngsten politischen Aktivitäten wundert es nicht, dass Umberto Eco aus konservativen Kreisen und seitens der katholischen Kirche einiges an Kritik einstecken musste.

Lächerlich ist der Vorwurf, Umberto Eco selbst sei judenfeindlich. "Der Friedhof in Prag" ist ein klares, ein eindeutiges Statement gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus. Allerdings macht dieses Buch auch etwas bewusst, mit erschreckender, schneidender Klarheit: Simone Simonini ist zwar der einzig erfundene Charakter, aber gleichzeitig der lebendigste von allen. Der, der alle Zeiten überdauert. Der, der nach wie vor unter uns weilt. Nur unter anderem Namen.
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41 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ecce Eco, 19. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Friedhof in Prag: Roman (Gebundene Ausgabe)
Zum Inhalt dieses großartigen neuen Romans von Umberto Eco brauche ich nichts mehr zu schreiben, das haben andere Rezensenten vor mir schon ausgiebig getan. Überrascht war ich allerdings von der großen Anzahl negativer Urteile über das Buch, was in mir den Verdacht aufkommen läßt, es gebe möglicherweise zwei Versionen. Meine Ansicht über den Roman bezieht sich also auf den mit der hier bei Amazon angegeben ISBN-Nummer. Ein immer wieder gelesener Vorwurf: der Roman sein verworren, unübersichtlich. Diesen Eindruck habe ich auf keiner Seite; die Synopsis im Anhang 'Unnötige Hintergrundinformationen' ist eindeutig ironisch gemeint, wie überhaupt dieser ganze Roman meinem Eindruck nach eine Paraphrase oder Parodie auf das Genre des Historien- und Kolportageromans à la Sue, Dumas und die Feuilleton-Fortsetzungsromane des19. Jahrhunderts ist. Vorgeworfen wird von manchen Kritikern auch die in diesen Roman eingeflossene Belesenheit Ecos (gar von 'Selbstverliebtheit' ist die Rede). Kein Wunder in einer Zeit, in welcher Ignoranz, Halbbildung und Unwissenheit hoffähig geworden sind. Auch ohne über die historisch verbürgten Personen (Bixio, Joly, Brafmann etc.) näheres zu wissen (mir waren etliche bisher jedenfalls nicht bekannt) ist dieser Roman ohne Abstriche verständlich, allerdings erhöht sich das Lesevergnügen, wenn man sich beispielsweise in Wikipedia quasi als Ergänzung zusätzliche Informationen einholt.
Mein Fazit: ein durchweg spannender, kurzweiliger, amüsanter (jawohl!) Roman, durchsetzt mit sarkastischem Humor, vielleicht nicht für jeden geeignet (Achtung Ken-Follett-Fans: Hände weg!). Daher unbedingt 5 Sterne!
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein opulentes Spektakel, das in Teilen als klug und flott durchgehen kann, in Teilen im Verschwörungs-Dauerfeuer untergeht, 26. Februar 2014
Von 
FG "fg" (Freiburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Der Friedhof in Prag: Roman (Gebundene Ausgabe)
Umberto Eco, der Geistesriese mit dem enzyklopädischen Wissen über alle Aspekte der europäischen Geschichte (und vermutlich weit darüber hinaus) macht es dem Leser nie einfach.
Sperrig, schwülstig, langatmig, übermäßig detailverliebt haben sie ihn genannt, kein reines Lesevergnügen eben. Dies hat sicher auch dazu beigetragen, dass ich seit "Der Name der Rose" und "Das Foucaultsche Pendel" keinen Eco mehr angerührt habe, obgleich das grandiose Bücher gewesen sind. In dieser Beziehung hat mich der Professor, soviel sei vorangestellt, mit "Der Friedhof in Prag" positiv überrascht. Jedenfalls auf den ersten 240 Seiten.

Worum es geht:
Simon Simonini, Italiener aus dem Piemont, Enkel eines erzkatholisch gesinnten Antisemiten und Sohn eines republikanisch gesinnten Vaters, rekonstruiert im Paris des Jahres 1897 sein Leben. Ein keineswegs allwissender Erzähler sowie ein Priester namens Dalla Piccola, der nichts anderes als Simoninis Zweit-Identität sein könnte, reden mit, doch getragen wird die Handlung vor allem von Simoninis selbst erzähltem Lebenslauf. Als junger Jurist lernt er, dass eine flexible Haltung zur Gesetzestreue und das systematische Bedienen von Vorurteilen und Ängsten (gegenüber liberalen Demokraten, Sozialisten, Jesuiten oder auch Juden, Deutschen, Franzosen) seine Karriere schnell vorantreiben kann. Sein erstes Rendezvous mit der Geschichte hat der Fälscher, Informant und Aushilfs-Spion, als ihn die Piemontesen 1860 nach Süditalien schicken, wo der charismatische Nationalheld Guiseppe Garibaldi mit seinem "Zug der Tausend" versucht, aus vielen Kleinstaaten eine Nation namens Italien zu formen. Simonini ist manchmal Zeitzeuge, machmal intriganter Vertreter von politischen Sonderinteressen (der übrigens selbst dermaßen skrupellos ist, dass er echtes moralisches Handeln bei seinen Mitmenschen gar nicht mehr erkennen kann). Nicht alles läuft in seinem Job wie geplant, und der Wendehals landet irgendwann in Paris, wo sich seine Laufbahn in unzähligen Intrigen und Fälschungen vollenden soll. Eine frei erdachte Geschichte um einen Friedhof in Prag wird dabei eine mehr als unrühmliche Rolle spielen.

In dieses Buch muss man sich versenken können und bereit sein, Umwege mitzugehen. Geschätzte 30 Rezepte des Feinschmeckers Simonini finden sich z.B. eingestreut in den Text, verstanden habe ich davon ca. die Hälfte (mein Küchenitalienisch bzw. -französisch scheint verbesserungswürdig). Ein Bombardement von Straßennamen und von weniger berühmten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte muss man ebenso schätzen können wie eine Bereicherung des Vokabelschatzes (Histrione, Mitrailleuse, Dysphorie, rocambolesk, Prognathie gehörten ähnlich wie Philippika bisher nicht zu meinem passiven Wortschatz). Soweit zu den Rahmenbedingungen. Wesentlich spannender ist jedoch, wieviel man hier (sprachlich gewandt) über eine hypochondrische Zeit erfährt, ihre politischen Machtkämpfe und ihren Hunger nach Verschwörungen, welchen Eco wunderbar parodiert - und mittendrin ein Charakter wie Simonini, der so nur in diese Ära hineinpasst. Ein gesundes historisches Interesse ist ebenfalls eine kaum überraschende Voraussetzung, um dieses Buch zu genießen.

Eco bietet uns mit "Der Friedhof in Prag" ein opulentes Spektakel, das bis ca. zur Hälfte vor dem Hintergund geschichtlicher Ereignisse sogar als flott durchgehen kann. Dann allerdings verliert sich die Handlung mehr und mehr in unzähligen, im Grundsatz ähnlichen Intrigen (jemand wird benutzt, um jemand anders mit Lügen und Propaganda anzuschwärzen, das gelingt meistens, dann werden Mitwisser entsorgt) und zahllosen Monologen zu der tatsächlichen oder eingebildeten Rolle von Freimaurern, konservativen Katholiken und besonders der jüdischen Bevölkerung in Ost- und Westeuropa. Das ist nicht nur anstrengend, mir leuchtete auch der Zweck der Übung zusehends weniger ein. Was auch immer Eco z.B. zu den Mechanismen des Antisemitismus sagen wollte, er hätte weniger Seiten dazu benötigt. Nebenbei wird Simonini über Strecken nur noch zur Nebenfigur, der alle anderen Personen ihre bizarren Weltsichten vorbeten.

Ich habe es sehr genossen, hier beim Lesen gefordert statt eingelullt zu werden, doch bei aller Liebe kann ich nicht von einem sehr gut gelungenen Buch sprechen. Daher die mittelmäßige Empfehlung.

[Für Frieda]
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bellissima, 16. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Friedhof in Prag: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich möchte hier nicht weiter auf den Inhalt dieses Romans eingehen, das wurde bereits umfassend getan.
Nur soviel, der neue Roman von Herrn Eco scheint mir sehr gelungen, war ich mit seinem Vorgänger ,,Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana`` nicht recht warm geworden, kommt man hier voll auf seine Kosten.
Er ist ein genialer Autor der sich grenzenlos in seinem erzählerischen Milieu auszukennen scheint, und davon profitiert auch diese Geschichte enorm.
Fantastisch beschreibt Eco die seelischen Abgründe des Herrn Simonini,er trifft gekonnt das Historische Milieu der Geschichte, zudem existierte ein Grossteil der hier handelnden in real.
Natürlich ist der Gegenstand um den es geht, der aufkeimende bzw. kulminierende Judenhass zu Ende des 19. Jhderts ein bedrückendes Thema, doch lernt man hier nebenbei viel über die Hintergründe und Eco versteht es gekonnt humoristische Elemente einzubauen.
Man erschrickt wenn er über die Entstehung von Verschwörungstheorien erzählt über die Leichtgläubigkeit der damaligen Leute und bewundert zugleich den Erfindugsreichtum der Regierenden und wie Interessen Meinung machen.

Fazit:Ein brillant geschriebener und bewundernswert aufwendig recherchierter Roman den ich gern empfehle!
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110 von 127 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen "Ich produziere keine Fälschungen, sondern neue Kopien eines echten Dokuments,..., 24. Oktober 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Friedhof in Prag: Roman (Gebundene Ausgabe)
...das verlorengegangen oder aufgrund eines banalen Zwischenfalls nie produziert worden ist, aber es hätte sein können oder müssen."

Ich bin ein wenig traurig darüber, wie sehr sich Umberto Eco auf seinen Elfenbeinturm zurückgezogen hat. In der Manier von Canettis Professor Peter Kien stöbert er auf der Suche nach der Wahrheit in seinen unzähligen Büchern. Einen Roman daraus entstehen zu lassen scheint ihm dabei eher als Zwang auferlegt zu sein, denn man scheint irgendwie zu merken, dass Eco eigentlich gar keine Lust hat, eine Geschichte zu erzählen. Und so hält "Der Friedhof in Prag" für mich vielleicht thematisch, aber sicher nicht inhaltlich, dem Vergleich mit dem Foucaultschen Pendel, der immer wieder angestrebt wird, stand. "Das Foucaultsche Pendel" habe ich begeistert gelesen. Die Story war sicher im herkömmlichen Sinn auch nicht wirklich spektakulär. Sie hat aber getragen und so zumindest Ecos Anliegen auch ohne zusätzliches Fachwissen erkennbar gemacht. Beim Friedhof in Prag verging mir, ohne detaillierte Kenntnisse vor allem der italienischen und französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, zunächst ein wenig der Spaß am Lesen.
Oberflächlich betrachtet könnte die Struktur des schizoiden, unter Gedächtnisschwund leidenden, Tagebuch schreibenden Hauptdarstellers, in Verbindung mit dem übergeordneten eigentlichen Erzähler, dann auch noch als müde und wenig originell erscheinen, aber Eco sorgt mit diesem "Kunstgriff" dafür, dass ich mich überhaupt auf die Suche nach der Geschichte, die das Buch erzählen will, gemacht habe und mich dann doch einlesen konnte.
Die einzige erfundene Figur, ist der Enkel eines Jean-Baptiste Simonini, welcher den Autoren der "Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus", einen gewissen Abbé de Baruell, brieflich auf eine große Weltverschwörung der Juden aufmerksam gemacht haben soll. Dieser Brief war wohl eine Fälschung von Antisemiten, die Nutzen aus den Schriften Baruells für sich ziehen wollten. Der Fälschergeist, der somit in Verbindung mit ebendiesem Jean-Baptiste Simonini steht, stellt, in der Gestalt seines erfundenen Enkels, die Verbindungen zwischen den ansonsten im Roman auftretenden geschichtlich authentischen Personen und deren Handlungen dar. Er ist in seiner Bosheit, seiner Menschenverachtung und Verfressenheit so etwas wie das schlechte Gewissen, das hinter den Ereignissen, die zur Entstehung der "Protokolle der Weisen von Zion" geführt haben könnten steckt. Er sammelt das Material zur Verschwörungstheorie, indem er nicht nur die geschichtlichen Ereignissen der Zeit durch Intrigen und Mord beeinflussen und verfälschen hilft, sondern sämtliche Zutaten, wie Zeitgeist und Literatur aufdeckt und zu einem "Rezept" zusammenstellt, aus dem Ende des 19. Jahrhunderts der russische Geheimdienst die Theorie der jüdischen Weltverschwörung gekocht haben könnte.
Über Tagespolitik, Religion und "Schwarzen Mächten" tritt alles auf und wird in Verbindung gebracht, was überhaupt nur möglich ist. Eco presst alles, was er zum Thema gefunden hat auf 500 Seiten. "Zuviel Holz fürs Feuer" kritisiert interessanterweise sein Hauptdarsteller Simonini das Buchkonzept eines Herrn Goedsche, in dem "... die Iren, die neapolitanischen Fürsten, die piemontesischen Generäle, die polnischen Patrioten und russischen Nihilisten..." angeprangert werden, dort aber, der Einfachheit halber, laut Simonini doch nur von den Juden die Rede sein sollte. Das es so einfach aber eben nicht ist, zeigt Eco damit sicher auf. Er stellt dar, wie durch Reduzierung und Vereinfachung komplexer Geschehnisse und gezielt verbreiteter Unwahrheiten, zum richtigen Zeitpunkt und zur Untermauerung bestimmter Interessenlagen, Verschwörungstheorien entstehen können, die, wie in diesem Fall, zu dem wohl denkbar größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt haben. Darunter leidet dann jedoch der Roman. Die Komplexität der Ereignisse erschlägt ihn, so dass ich mich schließlich gefragt habe, ob es überhaupt noch einer ist, oder vielleicht nicht doch "nur" eine andere Art von (Verschwörungs-)Theorie.
Positiv ist, dass mich Eco dazu gebracht hat, mich über Garibaldi, Cagliostro, Dreyfus, Dumas, Hugo, Jolys Unterweltdialoge zwischen Machiavelli und Montesquieu und ich weiß gar nicht mehr worüber noch zu informieren. Kritisieren kann man, dass Eco bei all seiner geballte Recherche und seinem geschichtlichen Wissen, nicht wirklich eine Brücke zu seinen Lesern aufbaut. Sein Anliegen aufzuklären scheitert an diesem Makel, denn er erreicht von seiner erhobenen Position aus nicht die, die der Aufklärung bedürfen.
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9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Roman der Obzessionen und des Hasses, 2. Dezember 2011
Von 
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Der Friedhof in Prag: Roman (Gebundene Ausgabe)
Professor Umberto Eco ist einer der größten Gelehrten der Gegenwart und einer der berühmtesten Romanciers der Welt. Der neunundsiebzigjährige Schriftsteller und Inhaber des semiotischen Lehrstuhls an der Universität von Bologna schreibt bekanntlich viele Bücher, aber nur sehr wenige Romane. Wenn dann sind es bestechende Romane über das Mittelalter, in denen Verschwörungen und Paranoia eine große Rolle spielen, wie in dem eindrucksvollen Roman "Das Foucaultsche Pendel". Darin zeigt er uns ein Mittelalter das überhaupt nicht finster war, aber dafür hoch spannend.

Nach sieben Jahren ist jetzt sein neuer, sein sechster Roman "Der Friedhof in Prag" erschienen. Es ist ein Lexikon der Obsessionen, denn wie schon "Im Namen der Rose", wo sich Eco damit befasste was man alles mit Büchern anstellen kann, steht der Leser mitten in einer aufgeschichteten Springflut von verhängnisvollen Spiegelungen in einer chaotischen Welt, die von Untergang und Erbarmungslosigkeit gekennzeichnet ist.In seinem Roman "Im Namen der Rose" befasste sich der Autor auch schon damit, was man alles mit Büchern anstellen kann.

In "Der Friedhof in Prag" erzählt uns Eco die Geschichte "Der Weisen von Zion". Führende jüdische Rabbiner haben sich angeblich auf dem Prager Friedhof getroffen, um die jüdische Weltverschwörung zu planen. Das ganze verdichtet sich zur Legende des Anfang des 20. Jahrhunderts verbreiteten Pamphlets "Der Protokolle der Weisen von Zion". Die Protokolle wurden bekanntlich als geheime Dokumente jüdischen Expansionsstrebens ausgegeben. Die Angst vor den Verschwörungen ist universell, weil die Menschen nicht bereit sind eigene Verantwortung zu übernehmen, sondern sie einer geheimnisvollen Macht übertragen. Ihre verheerende antisemitische Wirkung entfalteten die Protokolle, ein Text der eines der größten Verbrechen der Menschheit geschaffen hat. Der Text ist eigentlich unklug und voller Diskrepanzen. Interessanterweise erst, nachdem sie 1921 von der Times als Fälschung entlarvt worden waren. Hitler hat sie zitiert und in der islamischen Welt gelten sie heute noch als wahr und so findet man die obskuren Verschwörungstheorien findet man in fast allen Bibliotheken der arabischen Welt. So viel zur Historie.

In Ecos Roman verfasst nun eine erfundene Figur diese okkulte Lügenschrift und somit kann der Autor die Komposition "Der Protokolle der Weisen von Zion" besser durchleuchten, als es in einem Essay möglich wäre. Der Antisemitismus ist so alt wie das Christentum, aber nicht die Vorgeschichte der Protokolle ist wichtig, sondern das was danach geschah und so klärt uns der Roman über die folgenreiche Kettenreaktion auf. Er führt uns ins Paris der Belle Epoque. Der Ich-Erzähler, der aus Turin stammende Antiheld, ein Dokumentenfälscher ist erfunden. Sein Großvater, ein Judenhasser, der seinen Enkel entsprechend erzogen hat, ist eine historisch akkurate Figur, genau so wie sämtliche anderen Figuren, Dokumente und politischen Ereignisse echt und geschichtlich verbürgt sind.

Dieser in Paris im neunzehnten Jahrhundert lebende Simonini ist ein Hasser, Mörder und Widerling, ein Mann, der nach dem Motto lebt, ich hasse, also bin ich. Er schwebt und geistert durch die Geschichte, trifft unter anderem auf Garibaldi und Alexander Dumas und entwirft in seiner "Fälscherwerkstatt" Dokumente, die die Weltverschwörung belegen sollen. Simonini arbeitet auch für die Geheimdienste seiner Zeit, hasst nicht nur Juden, Ausländer, Jesuiten und Freimaurer, sondern auch die Frauen und insbesondere die Deutschen und die Franzosen.

Eco liefert mit der Lebensgeschichte seines Antihelden dieses Wahnsinnskonstrukt, das mit seinen Verschwörungstheorien, zu den einflussreichsten Fälschungen der Weltgeschichte wurde und an das Jahre lang Antisemiten auf der ganzen Welt geglaubt haben. Er forscht in dieser rasanten Abenteuergeschichte, mit distinguierter und ausgetüftelter Ironie, nach den auf die Psyche bezogenen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen des modernen Antisemitismus. Dabei spart er auch in diesem Roman nicht mit Kritik an der katholischen Kirche.

Was Eco in diesem Aufklärungswerk mit gezielter Boshaftigkeit über die Deutschen, die Frauen und die Juden schreibt, zum Teil mit antisemitischen Karikaturen garniert, ist schwere Kost und "Judenhass" in reinster Form, aber es ist kein antisemitischer Roman, wie viele Rezensenten meinen. Mit großer Feinfühligkeit entwirft der Autor hier einen glassplitterscharfen Krankheitsbefund der Gegenwart, im überzogenen Spiegel der Vergangenheit. Das Falsche ist so mächtig, weil die Wahrheit weh tut und so wird in dem Roman immer wieder darauf hingewiesen, dass je öfter man Fiktionen wiederholt, um so mehr werden sie geglaubt. Folglich haben die Protokolle den Antisemitismus verstärkt, glaubhaft gemacht, dass die Antisemiten Recht haben. Die Erfindung eines Feindes ist wichtig, weil Hass die Gesellschaft zusammenschweißt.

So urkomisch dieser "Alleshasser" am Anfang auch daher kommt, er lässt schnell mit seiner Wirkung nach. Vielleicht wollte Eco mit diesem Simonini die gräulichste, die unsympathischste Figur der Literaturgeschichte schaffen, aber weil dieser Fälscher und Terrorist so voller Inkonsistenzen steckt wird aus ihm eigentlich nie eine lebendige Figur. Klar wird nur, dass diese Person ein Killer, ein Spion, ein Lügner und ein brillanter Fälscher ist.

Vielleicht wollte Eco auch mit diesem Roman eine Universalgeschichte abliefern, in der schelmenhaft menschliche Dummheit und Niedertracht gespiegelt werden.

Der Roman endet im Jahr 1898, als Simonini das Material an den Leiter der russischen Geheimpolizei Ochrana übergibt. Umberto Echo lässt seinen Antihelden einfach verschwinden und umgeht so gekonnt, sich in die wissenschaftliche Auseinandersetzung, wo die Protokolle geschrieben worden sind, einzumischen. Einerseits warnte Alphonse de Toussenel vor der "jüdischen Weltherrschaft", andererseits wird angenommen, dass der Russe Matwei Golowinski der Autor der berüchtigten "Protokolle der Weisen von Zion" ist.

Der Roman ist zugegebenermaßen virtuos erzählt, aber er ist einerseits mit prallvollen Handlungssträngen überfrachtet, andererseits lässt er jeglichen Spannungsbogen vermissen und er leidet insbesondere an dem nicht sehr glaubhaften Helden. Der Literaturkritiker Ijoma Mangold sieht in diesem Roman einen literarischen Betriebsunfall, denn nicht nur der konstruierte Erzähler ist eine Totgeburt, da unglaubhaft, sondern der Roman ist auch literarisch nicht gut gebaut.
Auf jeden Fall ist es ein großartiges Aufklärungswerk über die scheußlichste Lüge der Weltgeschichte und ein Roman in dem man sicher viel Wissenswertes erfährt von dem man bisher nichts gehört hat.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Historisches Fachwissen gepaart mit plötzlicher Ideenlosigkeit: Wie zuviele Fälschungen und Wiederholungen ein Buch zerstören, 30. August 2013
Von 
Hopeland (Lippstadt, Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Der Friedhof in Prag: Roman (Gebundene Ausgabe)
Umberto Eco scheint ja ein ganz alter Hase zu sein, der sich gut im historischen Bereich auskennt. Das beweist er hier eindrucksvoll. Als geschichtsinteressierter Leser hat der Roman "Der Friedhof in Prag" echt einiges zu bieten: von der italienischen Revolution zur Dritten Französischen Republik wird echt einiges behandelt. Und besonders die Entstehung bzw. Entwicklung des Rassismus/Antisemitismus wird ungeschönt und daher sehr interessant dargestellt. Allerdings hat der Roman erzählerisch eher wenig zu bieten. Dabei beginnt es doch sehr interessant; der Erzähler Simonini weist eine Persönlichkeitsstörung auf, in folge dessen er mehrfach seine Person und damit einhergehend auch seine Erinnerungen wechselt. Natürlich versucht er, nachdem er sich seine missliche Lage nach einiger Zeit eingesteht, diesem Mysterium auf den Grund zu gehen. Das wirkte von der Idee sehr vielversprechend und ich freute mich bereits auf ein Selbstfindung-eines-Psychopathen-Meisterwerk alá "Memento" oder ähnliches. Aber nein, aus dieser Hoffnung wurde definitiv nichts. Genau genommen wird fortan nur Simonini's Leben geschildert, bei dem der Umstand der gelegentlichen Erinnerungslücken den Stoff eher zieht als ihn lebendig macht. Die eigentliche Geschichte Simonini's als Fälscher besitzt ebenfalls einen starken Reiz, der jedoch ebenso zu sehr ausgeweitet wird wie die Punkte zuvor. Im Laufe des Buches scheint sich wirklich alles zu wiederholen, von der Fälschung zur nächsten, von der selbstinszinierten Intrige zu einer anderen, und das alles nur, so scheint es, um irgendwie Umberto Eco's Fachwissen preisgeben zu können. So bleibt es bei netten historischen Schilderungen, deren Verpackung sich nach einer Zeit jedoch selbst verzerrt.
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9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Zäh und langweilig, 30. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Friedhof in Prag: Roman (Gebundene Ausgabe)
Nun ja, ich habe zuletzt das Foucaultische Pendel von Eco gelesen und war davon fast noch begeisterter als von Der Name der Rose oder Baudolino. Vom Friedhof von Prag bin ich maßlos enttäuscht.
Der Beginn des Buches erschien noch recht vielversprechend (der Passant im Konjunktiv, der skurile Simonini, Persönlichkeitsspaltung etc.)
Doch dann werden einfach historische Fakten aufgezählt bei denen der Protagonist irgendwie involviert ist, Leute umbringt, intigriert und dem Kulinarischen frönt. Allerdings lässt sich keine Handlung erkennen, die einen irgendwie fesselt, der Leser wird auf keine falschen Fährten gelenkt, in die Irre geführt, wie in den oben erwähnten Büchern Ecos. Vielemehr ist alles vorhersehbar: Der Protagonist trifft mit irgendwelchen historischen Personen des 19. Jh zusammen, intrigiert, mordet, fertig. Und selbst das ist nicht im geringsten spannend und fesselnd. Nächstes Kapitel wie gehabt.
Keine Überaschungen, keine Dynamik der Handlung, keine Spannungskurve. Die schriftlichen Dialoge zwischen dem Protagonisten und dem Alter Ego wirken auch gekünstelt und recht konstruiert, eben als gescheiteter Versuch etwas Orginelles in den öden Ablauf der Aufzählung geschichtlicher Details zu bringen.
Um sich über das 19. Jh zu informieren ist ein Geschichtsbuch jedoch besser geeignet.
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19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Versuch, die Entstehung der "Protokolle der Weisen von Zion" fiktional zu verstehen, 29. November 2011
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Der Friedhof in Prag: Roman (Gebundene Ausgabe)
Diesem neuen Roman kann man in einer normal langen Rezension überhaupt nicht gerecht werden. Gustav Seibt hat in der Süddeutschen Zeitung in einem ungewöhnlichen langen, aber lesenswerten Text genau dies versucht und hat das Buch in seiner harten Kritik einen "Fehlschlag von Rang" genannt. Ich möchte so weit nicht gehen, hat mich doch die Lektüre dieses dicken Buches über die ganze Zeit sehr gefangen genommen und fasziniert.

Die Hauptfigur des Buches ist nach Eco die einzige, die er erfunden hat. Er lässt Simon Simonini als Spion und Urkundenfälscher in verschiedenen Rollen und an verschiedenen Orten wichtige Abschnitte des 19. Jahrhunderts durchlaufen. So ist er beteiligt bei den Mannen Garibaldis in den Zeiten der Ausbildung der italienischen Nation, wo er immer wieder die Fronten wechselt. Nach seiner Emigration nach Paris dient er den dortigen Regierenden und erlebt die Umwandlung der Republik durch Napoleon III., die Pariser Kommune und die Dreyfuss-Affäre mit.

Simonini hat von seinem Großvater einen unbändigen Hass auf alles Jüdische mitbekommen, aber die Freimaurer und die Jesuiten finden genauso sein Interesse. In einer sich über Jahrzehnte hinziehenden Geschichte, an die sich der alte, stellenweise in seiner Persönlichkeit gespaltene Simonini mit Hilfe des allgegenwärtigen Eco`schen "Erzählers" erinnert, werden Simoninis Ansichten über die Juden und seine Schriftsätze über sie immer deutlicher und münden in einen Text, der nach vielen Versionen 1903 in Russland unter dem Namen "Die Protokolle der Weisen von Zion" erscheinen wird.

Ecos Roman ist der Versuch, die Entstehung dieses antisemitischen Pamphlets fiktional zu verstehen. Wer genau liest und hinschaut, findet aber immer wieder auch Verweise auf zeitgenössische Phänomene nicht nur im Italien Berlusconis. Wenn man sich von den unzähligen Namen und Daten nicht verwirren lässt, auch einmal drüber liest, ohne gleich schon wieder im Lexikon nachzuschauen oder bei google, dann kann dieses oft überkonstruiert wirkende Buch doch einen spannenden und überaus lehreichen Lesegenuss vermitteln.
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53 von 63 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ich habe es gelesen! Ich habe es geschafft!, 14. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Friedhof in Prag: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich habe die Wörter in diesem Buch, und es sind eine ganze Menge darin,
tatsächlich alle gelesen;
wie ein Bergsteiger,
der in eine mißratene Wand einsteigt
und sich sagt, jetzt, wo ich schon mal drin bin, kehr ich nicht mehr um
und ins Tourenbuch muss ich sonst auch einen Strich eintragen -
also wohl weil ich mir ein Scheitern, ein vorzeitiges Aufgeben nicht verziehen hätte,
aber im Nachhinein sage ich mir,
Ach, hättest Du doch erst gar nicht begonnen,
schnöde Zeit, die verrannt ist für nichts,
ein Gipfel, der keiner ist,
ein Buch nur gefüllt mit Wörtern,
lebloser als Steine,
caduta sassi,
es jemals sein können.

Es ist ein Werk ohne jegliche Dynamik.
Würde man wohl die Wörter pro Satz zählen,
man käme wahrscheinlich immer auf den selben Durchschnittswert von 38.

Es sind darin die Wörter aufgereiht und vermauert wie Ziegel,
und jede Seite ist eine festgefügte Wortwand,
darin man sich bald eingekerkert fühlt
und 'Hilfe! Holt mich hier raus!' brüllt,
bis man kapiert,
man ist nicht gefangen,
man muss nur aufhören zu lesen.

Irgendwie scheue ich mich,
dem großen und gelehrten Umberto Eco mich als Leser abspenstig zu machen,
aber ganz banal und privat:
Ich finde dieses Buch sterbenslangweilig.
Ich finde darin auch keinen historischen Erkenntnisgewinn
und ich kann einzig von mir mit gelindem Stolz sagen:
Ich habe durchgehalten!

Meine Empfehlung:
Geeignet für alle, die ein Buch besteigen wollen.
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Der Friedhof in Prag: Roman
Der Friedhof in Prag: Roman von Umberto Eco (Gebundene Ausgabe - 8. Oktober 2011)
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