weddingedit Hier klicken muttertagvatertag Cloud Drive Photos Kamera16 Learn More Hier klicken Fire Shop Kindle Sparpaket Autorip GC FS16

Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 24. Juni 2011
Der Wiener Historikers Philipp Blom studierte Geschichte, Philosophie und Judaistik in Wien und Oxford und promovierte in Geschichte. In seinem Buch "Böse Philosophen" beschäftigt er sich mit den Vordenkern der Aufklärung - und kommt zu einem radikalen Schluss: Es wird systematisch verdrängt, dass wir unsere Werte nicht der Religion verdanken, sondern der Aufklärung - und zwar nicht der eines Jean Jaques Rousseau, sondern der des radikaleren Denis Diderot. Der Buchtitel ist ironisch zu verstehen, denn für den Autor sind diese Intellektuellen keineswegs böse, sondern die zukunftsweisenden Köpfe der Epoche.

Als die "radikalen Aufklärern" bezeichnet Blom die Clique von Freunden, die sich im Pariser Salon des Barons Holbach trafen und bei Essen und Trinken "philosophierten". Die besten Köpfe Englands, wie Adam Smith, Lawrence Sterne oder David Hume, drängten sich, zu diesem Kreis Zugang zu erhalten. In dieser lockeren Atmosphäre eines Pariser Salons entstand in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Idee der "radikalen Aufklärung". Darunter versteht Blom die radikale Abwendung von dem leidenden und zu Tode gefolterten Gott des Christentums, sowie die radikale Zuwendung hin zum Leben "nach der Natur", hin zur Erforschung der Naturgesetze. Denn diese radikalen Aufklärer sahen in der Religion den Feind von Freiheit, Vernunft, Wahrheit, Lust und Ethik. Eine Gesellschaft, die sich aus der schuldbeladenen christlichen Moral ableitet, bedeutete für sie Versklavung.

Als Gegenpol zu dieser Gruppe um Diderot und Holbach baut der Historiker Blom zwei Figuren auf, die bis heute unser Bild von der Aufklärung prägten und zu Unrecht dominierten: Voltaire und Rousseau. Voltaire sei nur ein Financier von Fürsten gewesen, ohne eigenes philosophisches Werk, der vor Angst um sein Geld Gott als moralische Schutzmacht vor Dieben gebraucht hätte. Und auch Rousseau betrieb nach Blom das Gegenteil von Aufklärung. Nämlich die Verklärung seines eigenen Egos. Ein Schmerzensmann, der es liebte, von seiner Angebeteten gezüchtigt zu werden. Rousseau gründete seine eigene, private Religion: Den Glauben an die Unschuld der Natur und an die Schuld der Gesellschaft, an das schlechte Gewissen.

Dennoch hat Rousseau unser Bild der Aufklärung entscheidend geprägt. Er gilt als "guter" Philosoph - zu Unrecht, findet Blom. Für ihn waren seine Wegbegleiter Denis Diderot und Baron Paul Thiry d'Holbach die wahren Aufklärer. Doch sie wurden im Schatten von Rousseau marginalisiert und galten als "böse", weil sie den Frevel begingen, Gott zu leugnen.

Philipp Blom will die radikalen Aufklärer rehabilitieren, er ist überzeugt: Rousseau ebnete den Weg für die Unterdrückung des Menschen im Namen des "Guten", die Legitimierung des Stalinismus und anderer politischen Unterdrückungssysteme. Jean-Jaques Rousseau war kein Menschenfreund, sondern ein Feind der menschlichen Freiheit - und das alles im Namen der Aufklärung. Um die ideale Gesellschaft zu schaffen, dürfe der Staat auch Zwang anwenden, so Rousseau. Blom führt diese Haltung darauf zurück, dass Rousseau tiefreligiös war und ohnehin auf ein besseres Leben nach dem Tod hofft.

Mein Fazit:
Der Historiker Philipp Blom hat ein fesselndes Buch über gar nicht fromme Philosophen der Aufklärung geschrieben. Anekdotenreich und empathisch schildert er die Beziehungen der Besucher im Pariser Salon Holbach. Dabei bedient er sich einer brillanten Erzähltechnik, Leben und Lehre der geschilderten Personen fließen elegant ineinander. Das Buch ist für mich ein historisches Meisterstück und philosophisches Plädoyer zugleich. Es bringt die die radikale Variante der Aufklärung wieder in Erinnerung, die eine Idee von einer wirklich menschlichen Gesellschaft hatte.
22 Kommentare|39 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 26. April 2011
Eine ausführliche Darstellung der radikalen Aufklärung, also des Denkens jener Philosophen, die im Salon des Barons Holbach versammelt waren. Eine sehr parteiische Darstellung, das muss man sagen, wer nicht zu den positiven Gestalten des Buches gehört, bekommt so einiges ab (Voltaire zum Beispiel, noch schlimmer ergeht es Rousseau), aber da immer rational nachvollziehbar argumentiert wird, ist es dem Leser auch leicht möglich, sich sein eigenes Urteil zu bilden, bzw. den Plan zu fassen, das noch beinmal nachzulesen. Die leidenschaftliche Zuneigung des Autors zu den radikalen Aufklärern berührt sehr sympathisch und macht die Lektüre zu einem höchst erfreulichen Erlebnis: Man lern eine Menge über das 18. Jahrhundert und Denkströmungen, die fast aus dem Bewusstsein gedrängt worden sind; man ist angehalten, die sich immer wieder durchsetzende Geringschätzung des Aufklärung zu überdenken und zu revidieren; man gewinnt vor allem viel Einblick in das Leben und das Werk von Diderot. Das alles erlebt man in einem Text, der einem das Gefühl gibt, direkt mit den großen Männern in Holbachs Salon zu verkehren, eingeführt von einem Kenner (Philipp Blom), der es versteht, auf sehr sympathische Weise über sehr komplexe Gegenstände zu reden und Lust macht, sich weiter damit zu befassen.

Auch literarisch ein Genuss, brillant geschrieben, gut lesbar, unterhaltsam und gelegentlich mit einer Prise Humor angemessen gewürzt. (Die wenigen sprachlichen Ungenauigkeiten sind zu verschmerzen. Mit der falschen Verwendung des Wortes »ultmativ«, die uns Marketing-Fuzzis mit ihren mangelnden Englischkenntnissen beschert haben, wird man sich in Zukunft wohl abfinden müssen. Nur schade, dass uns auf diese Weise das Wort »ultimativ«, für das es keinen Ersatz gibt, abhanden kam.)
0Kommentar|55 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 14. Oktober 2012
Die Anzahl von Philosophiegeschichten ist beinahe unermesslich. Populärwissenschaftliche Darstellungen der abendländischen Ideengeschichte füllen die Regale von Bibliotheken und Buchläden. Aus dem Konvolut geistiger Strömungen des Okzidents pickt sich der Historiker Philipp Blom eine scheinbar vergessene Epoche der frankophonen Philosophie des 18. Jahrhunderts heraus: Gemeint ist die Hochzeit der französischen Radikalaufklärung. Zentral für seine Darstellung ist der Salon des deutschen Philosophen Paul Thiry d’Holbach (eigentlich Paul Heinrich Dietrich Holbach), der Treffpunkt der europäischen Philosophenelite wurde und zahllose Denker, wie Rousseau, Hume und Beccaria zu Wein und anregenden Diskussionen subversiven Gedankenguts einlud. Nicht fehlen darf dabei der Streit Rousseaus mit den Holbach-Kreis und dessen Sympathisanten, der im Briefstreit zwischen Hume und Rousseau kulminierte und für Monate die Philosophenwelt beschäftigte. Die offenbar paranoiden Anwandlungen eines Jean-Jacques Rousseau bilden ein Hauptaugenmerk innerhalb der Ausführungen Bloms.

Der Titel des Buches "Böse Philosophen" ist mit einem Augenzwinkern zu verstehen, denn die genannten Denker, vor allem Holbach und Denis Diderot, gelten zu Lebzeiten als ketzerische Intellektuelle, die tradierte Normen umwerfen wollen und durch ihre Forderungen nach einer Orientierung der Ethik am Hedonismus die Belange der seriösen Aufklärung ins Extrem führten und so zu einer existenziellen Bedrohung für Staat und Religion wurden.

Das Buch ist in drei Hauptkapitel untergliedert, die hauptsächlich die Protagonisten und einzelne Sympathisanten des Holbach-Kreises abhandeln. Komplettiert werden die Darstellungen durch die Rekonstruktion der philosophischen Kernideen und die Beziehung zum Salon. Abgerundet wird das Werk durch ein Prolog des Autors, in dem er seine grundlegenden Überzeugungen assoziativ darlegt, einen Epilog, in dem Blom das posthume Wirken der Radikalaufklärung französischer Couleur nachzeichnet und einigen weitergeführten Gedanken aus dem Prolog sowie einem Glossar der wichtigsten Personen und einigen Literaturempfehlungen.

Blom gelingt es durch lebendige Zeichnungen der damaligen politischen und geistigen Begebenheiten in eine Epoche einzuführen, die von umstürzlerischen Gedanken, die lange Gefängnis- oder sogar Todestrafen nach sich zogen, nur so überquoll. Irritierend dabei ist jedoch der von Blom gewählte Untertitel "Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung" und sein mehrmalig ausgedrücktes Bedauern, dass die Werke der Radikalaufklärer in Vergessenheit geraten sind. Tatsächlich sollte ihm bei seinen Recherchen aufgefallen sein, dass die Radikalaufklärung, insbesondere die französischsprachige, ein viel diskutiertes Thema innerhalb akademisch-philosophischer Auseinandersetzungen ist. Als prominente Beispiele sind hier u.a. Panajotis Kondylis, Winfried Schröder, Jonathan Israel und Ursula-Pia Jauch zu nennen. Zudem plant der Suhrkamp-Verlag für Anfang nächstes Jahres einen Sammelband zur Radikalaufklärung. Dass Diderot innerhalb der Forschung weniger Beachtung als Radikalaufklärer bekommt, liegt einfach daran, dass er kein genuin philosophisches Hauptwerk verfasste, sondern vor allem kurze Aufsätze und einzelne Bonmots, die jedoch wenig philosophische Rafinesse vorweisen können. Interessanter und ergiebiger sind dahingehend eher die Schriften eines La Mettries, der spätestens mit Friedrich Albert Langes "Geschichte des Materialismus" in Deutschland wiederentdeckt wurde.

Etwas reißerisch und platitüdenhaft ist die Einleitung gelungen. Hier wettert Blom nicht nur gegen das Vergessen der Radikalaufklärung, sondern insbesondere aus dem daraus folgenden unreflektierten Verharren in religiösen Traditionen. So beteten wir zwar keine Götter mehr an, deren Stellung im Raum des Heiligen nähmen nun aber angeblich Topmodels und andere Werbebilder ein. Dem Leser steigt die Schamesröte ins Gesicht angesichts folgender Äußerungen:

"Von der scheinbar ultrasäkularen Welt der schmierigen Verführung zu den flammenden Predigten, die von der Kanzel herab alle Sinnlichkeit mit Höllenfeuer bedrohen, ist es nur ein kurzer Weg, und auch unsere Selbstwahrnehmung hat sich noch nicht von dieser Logik befreit. Man könnte meinen, dass die Werbebilder, mit denen wir pausenlos bombardiert werden und die fast ausnahmslos junge, schlanke, reiche und ungeheuer glückliche Menschen zeigen, mehr mit der sinnlichen Philosophie eines Epikur gemeinsam haben als mit der lustfeindlichen Lehre der Ecclesia, aber tatsächlich macht ihre Unerreichbarkeit diese Bilder zu religiösen Ikonen. [...]Die Ikonen unserer Tage zeigen durchtrainierte und per Computer optimierte Modelle anstelle von Heiligen, aber ihre Funktion ist dieselbe geblieben: Sie unterminieren den Wert unseres eigenen Lebens, wecken Schuldgefühle, demütigen uns und fordern uns gleichzeitig auf, unser Leben einem unmöglichen Ideal zu widmen, einer lebensfernen Vision vom ewigen Glück und perfekter Gedundheit, von sonnengebräunter Jugend und inszenierter Eleganz, von Coolness und Reichtum statt kirchlichem Segen." (21f.)

Die einzige Rettung bestünde, laut Blom, in einem rigorosen Bekenntnis zum Atheismus und zum Materialismus, also zu den Überzeugungen seiner aufklärerischen Helden. Leider missversteht er aber einige Belange der französischen Radikalaufklärung. So schreibt er auf Seite 16: "Anders, als die Kritiker immer wieder warnten, führten die Lehren der radikalen Aufklärernicht zu wilden Orgien, ungezügelter Gier und haltlosem Hedonismus, sondern zu einer Gesellschaft, die von gegenseitigem Respekt getragen war" Dies ist jedoch nur teilweise wahr. Erinnert sei an die zahllosen Schmuddelkinder der Radikalaufklärung, wie La Mettrie oder Marquis d' Argens, ganz zu schweigen vom Meister der Monstrositäten: Marquis de Sade, der keine Abscheulichkeit als Möglichkeit zur Lustgewinnung ausließ.

Der Einleitung folgt eine anekdotenreiche und abwechslungsreiche Darstellung der Hochzeit der französischen Radikalaufklärung um Holbachs-Salon. Detail- und kenntnisreich erzählt Blom über das geistige Klima des mittleren 18. Jahrhunderts. Aufhänger hierfür sind zumeist bekannte und weniger prominente Philosophen, Politiker und Literaten aus ganz Europa, wie Beccaria, Benjamin Franklin, Hume, Sterne, Abbé Ferdinando Galiani und d'Alembert. Zudem werden einige geistige Paten behandelt, die zwar nicht zur Zeit des Holbach-Kreises lebten, dennoch als Impuls- und Ideengeber des Salons angesehen werden können, wie Spinoza und Pierre Bayle.

Selbstverständlich ist ein Kapitel der Encyclopédie von Diderot und d'Alembert gewidmet, in dem Blom über deren Zwecke und die damit einhergehenden Gefahren durch das lexikalische Monumentalwerk berichtet. Man bekommt zudem im Laufe der Lektüre einen Einblick in die alltäglichen und ganz weltlichen Sorgen der Protagonisten, die, von einem fast ungehemmten Idealismus getrieben, sich familiären und finanziellen Querelen und Widrigkeiten sowie der stetigen Bedrohung durch Gesetz und Kirche gegenübersahen. In diesem Rahmen taucht immer wieder der Name Jean-Jacques Rousseaus auf, der von Blom nonchalant nur "Jean-Jacques" genannt wird. Er kristallisiert sich als ein Abtrünniger heraus, der sich bereits in frühen Jahren zum Gegner und später auch zu einer großen Gefahr für Diderot und Holbach wandelte. Insbesondere der Veröffentlichung seiner autobiographischen "Bekenntnisse" wurde mit Bangen erwartet, denn hierin rechnete Rousseau mit seinen ehemaligen Freunden ab und ihr Ansehen und ihre Prominenz schien hierdurch gefährdet. Laut Blom ist genau dies eingetreten, weshalb er auch vom "vergessenen Erbe" Holbachs und Diderots spricht. Die Motive für Rousseaus Abkehr vom Salon führt Blom leider unreflektiert oftmals auf pathologische Ursachen zurück. Er verleiht Rousseau somit das Label eines einsamen Irren: U.a. "Die Schlussfolgerungen, zu denen Rousseau kam, waren allerdings schon paranoid verzerrt." (154). Durch diese Engführung verkommt Ideengeschichte zur Krankengeschichte und rückt philosophische Argumente zu sehr in den Hintergrund. Etwas mehr Fingerspitzengefühl und unvoreingenommene Lektüre der Rousseauschen Schriften wäre hierbei wünschenswert gewesen um haarsträubende Thesen, wie Rousseau sei Inspirationsquelle von Hitler und Stalin gewesen, zu vermeiden:

"Rousseaus pathetic fallacy hatte kosmisches Format, denn er ging instinktiv davon aus, dass die ganze Welt gegen ihn sei und ihn vernichten wolle, und aus dieser Furcht heraus formulierte er eine Philosophie, die auf den ersten Blick aussieht wie eine Verteidigung der menschlichen Freiheit und Würde, auf den zweiten Blick aber ein zutiefst pessimistisches Menschenbild und die Fundamente einer repressiven und äußerst brutalen Gesellschaftsordnung erkennen lässt. Auf Schuldgefühlen und Paranoia basierend, ebnete diese Philosophie der Unterdrückung im Namen hehrer Ideale den Weg für die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts." (18)

Trotz der genannten Mängel ist Philipp Bloms "Böse Philosophen" eine lesenswerte, allerdings rein populärwissenschaftliche Einführung in die Geschichte der frankophonen Aufklärung. Sie besticht durch einen offenbar hohen Rechercheaufwand, der sich in zahllosen Anekdoten und Schilderungen zwischenmenschlicher Beziehungen niederschlägt. Es gelingt dem Autor so ein lebendiges Bild der Zeit um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich zu zeichnen.
0Kommentar|6 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 30. Juni 2012
Verständlich und sympathisch geschriebenes Buch, das vielleicht nicht so sehr in philosophische Tiefe entführt - für mich OK, weil ich da kein Experte bin - , sondern vielmehr eine anschauliche Vorstellung darüber gibt, wie die betreffende Pariser Salon-Kultur ausgesehen haben kann. Freilich handelt es sich dabei um ein striktes Positiv-Negativ-Schema: Da gibt es einerseits die "bösen" (=guten) Philosophen der radikalen Aufklärung und andererseits die schlechten, die mit ihrer "gemäßigten Aufklärung" laut Blom der christlichen Religion noch viel zu sehr verhaftet waren und die herrschaftlichen Verhältnisse eher stützten und eben nicht weiterentwickelten. So dürften auch die Lesermeinungen zu Bloms Buch entweder schwarz oder weiß ausfallen.
Abgesehen davon, dass sich christlicher Glaube ja vielleicht doch mit klarem konsequenten Denken unter einen Hut bringen lässt - oft beschleicht mich bei der Lektüre das Gefühl, unter anderem Rousseau werde hier Unrecht getan. Doch das drängt einen eher zum Weiterlesen auch anderer Literatur, muss also nicht schlecht sein. Wertvoll auch die Bemerkungen "Anstelle einer Bibliographie", die allerdings sehr ernüchternd ausfallen, weil die radikal aufklärerischen Schriften offensichtlich zumindest auf Deutsch kaum verfügbar sind.
Noch eine Kritik am Äußeren: Der Anmerkungsapparat beginnt in jedem Kapitel erneut wieder mit Ziffer 1, statt fortzulaufen und dem Leser das schnelle Nachschlagen zu erleichtern. Das müsste m.E. geändert werden bei weiteren Auflagen der "Böse(n) Philosophen"!
0Kommentar|4 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 4. Oktober 2011
Es tut gut dieses Buch zu lesen, in einer Zeit wo das Oberhaupt der katholischen Kirche ohne erheblichen Widerspruch zu ernten behaupten kann, dass der Atheismus Schuld sei an den Völkermorden des 20. Jahrhunderts. Wo beide Kirchen für sich reklamieren, dass unsere Leitkultur eine christliche ist und abstreiten, dass die Elemente dieser Leitkultur wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte gegen die christliche Ideologie erkämpft wurden. Und wo auch in einer evangelischen Predigt ohne Widerspruch gesagt werden kann, dass ein Werte- und Verantwortungs-bewußtes Leben nur in Verbindung mit einem Gottesglauben zu führen sei (welcher Gott auch immer: so liberal ist man ja inzwischen in manchen Kirchenkreisen). Für den, der dieser Überheblichkeit der Kirchen widerspricht, heißt dieses Buch "Gute Philosophen", denn der Widerspruch gegen diese Überheblichkeit ist mindestens so alt wie die französische Aufklärung. Von dieser handelt Philipp Bloms Buch.

Es ist ein bunter Bilderbogen der Zeit etwa von 1740 bis 1780 in Frankreich und zugleich ein philosophischer Exkurs über die Ideen, die von dem Salon des Barons Paul-Henri Thiry d'Holbach in Paris ausgingen. Er war ein Anziehungspunkt für europäische Intellektuelle. Dort wurden Gedanken in vertrautem Kreis ausgesprochen, die nicht ungefährlich waren und einen sogar den Kopf kosten konnten: dass es keinen Gott gibt, dass er eine Erfindung der Menschen sei. Man diskutierte darüber, dass Religion in der Funktion die Welt zu erklären gescheitert und in der Funktion der Gesellschaft Regeln zu geben entbehrlich sei.

Zentrale Persönlichkeit in diesem Kreise war, neben dem aus Deutschland stammenden Baron selbst, der Schriftsteller und Philosoph Denis Diderot, der einem im Laufe des Buches immer sympathischer wird. Dazu tragen bei seine Äußerungen über (Sexual-)Moral: "Alles was angenehm ist ohne jemandem weh zu tun, ist gut. Zölibat ist also schlecht, 'solitäre Akte' sind gut." Oder: "Nichts was mit beiderseitiger Zustimmung zwischen zwei Erwachsenen passiert, darf verboten sein". Oder auch seine frühe Kritik am Unrecht des Kolonialismus. Lange Zeit verdiente Diderot sein Geld durch die Herausgabe der berühmten "Encyclopédie", einem Mammutwerk der Aufklärung, das in 71818 Artikeln und auf 18000 Seiten das Wissen der Zeit zum Ausdruck brachte. Trotz starker Anfeindungen konnte es nicht zuletzt dank der Unterstützung des liberalen Oberzensors Malesherbes erscheinen.

Dies war nicht selbstverständlich. Die Ansichten des Holbach-Kreises unterhöhlten das Fundament des absolutistischen Staates: den christlichen Gottesglauben, repräsentiert durch die Kirche. Mißliebige Meinungen wurden brutal unterdrückt. Diderot mußte 1749 in Festungshaft, nachdem er in einer Schrift dargelegt hatte, dass Gott nicht wahrnehmbar sei und dass man das Rätsel der Welt nicht durch ein anderes Rätsel (Gott) erklären sollte. Helvétius - auch aus Holbachs Kreis - schrieb 1758 das Buch "De L'Esprit". Es ging durch die Zensur. Erst als er es wagte ein Exemplar dem König zu schicken, kam es zu einem Skandal. Nur durch Protektion blieb seine Strafe glimpflich: er verlor seine Stellung und mußte öffentlich widerrufen. Holbachs Schrift "Das entschleierte Christentum" wurde anonym in Amsterdam gedruckt und versteckt in Heringsfässern mit doppeltem Boden und in Strohballen nach Paris geschmuggelt. Ein Buchhändler der mit zwei Exemplaren festgenommen worden war, wurde an den Pranger gestellt, ausgepeitscht und gebrandmarkt und dann für mehrere Jahre auf die Galeere geschickt. 1766 wurde der gerade 19 Jahre alte Chevalier de la Barre wegen Blasphemie zum Tode durch Enthauptung nach vorherigem Durchstechen der Zunge verurteilt.

Das Buch lebt auch von der anschaulichen Darstellung der Vorläufer des materialistischen Denkens (des naturalistischen würde man heute sagen) wie: Epikur, Lukrez, Spinoza (Blom: "er hat Gott aus der Welt gepriesen"), la Mettrie, Bayle und der Dorfpfarrer Jean Meslier, der mit seinem 500-seitigen Testament eine Fundamentalattacke gegen Kirche und Religion führte. Ebenso interessant sind Schilderungen von Zeitgenossen, die dem Salon nahestanden, wie die Engländer David Hume und David Garrick, die Italiener Abbé Galiani und Cesare Beccaria und der Deutsche Friedrich Melchior Grimm. Voltaire wird als Intrigant und inkonsequenter Denker dargestellt. Z.B. wurde das Testament des Jean Meslier von ihm soweit verkürzt und entstellt, dass aus einem Werk des radikalen Atheismus nur noch ein Traktat gegen Aberglauben und Machtmißbrauch übrigblieb.

Besonders aber arbeitet sich Blom in langen Passagen an Jean Jacques Rousseau ab, der anfangs Diderots Freund war und auch in Holbachs Salon verkehrte. Blom stellt ihn als Paranoiker und schlechten Charakter dar. Seine fünf unehelichen Kinder mit seiner Mätresse übergab er dem Findelhaus und rühmte sich dessen auch noch. Gleichzeitig schrieb er in seinem Roman "Émile" über die ideale Kindererziehung. Seiner Gönnerin Louise d'Épinay, die ihm jahrelang ein Zuhause bot, schlug er die Bitte ab, mit ihr zu einer Pockenimpfung, die sie dringend benötigte, in seine Heimatstadt Genf zu fahren. David Hume, der gutmütige schottische Philosoph ("Le bon David"), der ihn, ohne auf alle Warnungen zu hören, nach England einlud und ihm dort eine neue Bleibe und Einkommen verschaffte, machte er sich durch falsche Anschuldigungen zum Feind. Rousseaus Denken war geprägt von einer starken Lustfeindschaft. Während die Lust für Diderot Motor des Lebens war (wir entstehen aus Lust), war sie für Rousseau eine Sünde, die zu Schmerzen und Leiden führt. Geprägt war er durch seine Herkunft: seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt und sein Vater machte ihm dies zum Vorwurf. Im "Gesellschaftsvertrag" beschrieb Rousseau die ideale Gesellschaft, die für ihn wegen der Divergenz der Einzelinteressen nicht demokratisch sein konnte. Sein idealer Staat war ein Einparteienstaat mit Unterdrückung der Meinungsfreiheit und Unterordnung der unterschiedlichen Willensäußerungen unter den allgemeinen Willen. Originalton Rousseau: "Sobald sich jemand ... als Ungläubiger zu erkennen gibt, so verdient er die Todesstrafe". Der Menschenschlächter Pol Pot war begeisterter Leser Rousseaus.

Diderot wurde am 6. Januar 1770 eine besondere Ehre zuteil: weil in seinen Dreikönigskuchen eine trockene Bohne eingebacken war, wurde er in Holbachs Salon zum "Bohnenkönig" ausgerufen. Noch vor dem Dessert hatte er ein Gesetzbuch verfaßte, in dem stand, dass König Denis wolle, dass seine Untertanen über ihn herrschten und dass jeder nach seiner Facon glücklich (nicht selig!) sein sollte.

Wie kam es denn nun dazu, dass das Erbe der Aufklärung vergessen wurde, wie es im Untertitel heißt? Blom sieht die Ursache hierfür in der französischen Revolution. Der Staatsreligion eines Robespierre waren die atheistischen Aufklärer mit ihrer hedonistischen Ethik zu gefährlich. Roussaus "Gesellschaftsvertrag" lieferte den nötigen Überbau für den Terror der Revolutionäre. Der Romantik stand der Gefühlskult Rousseaus auch näher als die Betonung der Rationalität. Schließlich hatte das industrielle und koloniale 19. Jahrhundert auch keinen Bedarf an Denkern, die an der organisierten Religion rüttelten, einem stabilen Grundpfeiler der Gesellschaft.

Dies ist nun das zweite Buch von Philipp Blom, das ich mit Genuß und Gewinn gelesen habe. Man kann ihn mit Augenzwinkern einen "Vorabend-Autor" nennen. In "Böse Philosophen" schildert er das Denken und die Gesellschaft am Vorabend der französischen Revolution, in "Der taumelnde Kontinent" das Europa am Vorabend des 1. Weltkriegs. Was soll ich nun lesen ? Sein neues Buch "At Breaking Point" soll Leben und Kultur in Europa und USA am Vorabend des 2. Weltkriegs beschreiben. Aber es wird wohl noch auf sich warten lassen. Vielleicht beginne ich erstmal die Hume-Biografie von Gerhard Streminger. Beim Lesen von Philipp Blom bekommt man Lust, Dinge zu vertiefen.
0Kommentar|24 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 16. Juni 2011
Kein trockenes Philosphiebuch liegt vor uns, sondern eine tiefgründige, informative und noch dazu spannend geschriebene Beschreibung der Aufklärung in Paris. Selten wird man so faszinierend und lebendig Teil eines "Aufklärungssalons" in Paris, erfährt von den Nöten und Herausforderungen mutig denkender Geister, die gegen die herrschende Clique aus Adel und Kirche zu denken wagten. Und angesichts der Aufstände in den arabischen Ländern denkt man sich: das habe ich doch gerade gelesen, was die jetzt, 250 Jahre später, wollen.......
0Kommentar|16 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 10. Mai 2012
Man kann dieses Buch aufschlagen, wo man will ' man wird auf jeder Seite Sätze finden, die es wert wären, dass man sie sich über den Schreibtisch hängt. Oder bis zur Rotglut mit anderen darüber diskutiert.

Also machen wir den Versuch, Seite 206: 'Selbstbesessen und kindisch, wie wir sind, erwarten wir von der Natur, dass sie ausschließlich für uns existiert, denn wir wollen glauben können, dass unsere Freuden und Leiden wichtig und sinnvoll sind.' (...) 'Wir erkennen, dass wir schwach sind, und erfinden deshalb eine Vision der Kraft (Gott); wir erschaffen aus unseren Ängsten eine Vision der Vollkommenheit (nach dem Tod), in der alle von uns wahrgenommenen Ungerechtigkeiten und Gebrechen aufgehoben sind.'

Dies ist nur eines der Themen, mit denen sich eine Philosophen-schar um Denis Diderot im Paris des 18. Jahrhunderts bei Kirche und Politik unbeliebt machte. Die Auflehnung gegen Autoritäten und die notwendige Emanzipation der Frauen waren andere, und sogar die Gedanken von Darwin und Mendel zu Evolution und Erblehre wurden hier schon 100 Jahre früher formuliert, wenn auch noch nicht wissenschaftlich belegt.

Für solche Gedanken kam man damals noch ins Gefängnis. Die französische Revolution wirkt eine zwangsläufige Folge.

Der in Wien lebende Historiker Philipp Blom hat mit seinem bissigen und oft lieben (Vor-)Urteilen lustvoll widersprechenden Buch ' etwa über Voltaire und Rousseau ' auf knapp 400 Seiten einen Zeitenspiegel vorgelegt, in den man gern ein zweites Mal schauen wird. (Jürgen Nakott)
0Kommentar|2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 23. Januar 2014
Was sich hinter im wesentlichen oft nur als Schlagworte bekannten Personen und Ereignissen, wie Rousseau, Diderot, Aufklärung - radikal oder nicht, eigentlich verbirgt, das versucht dieses Buch einem näher zu bringen. Es erzählt von den Teilnehmern an einem besonderen Zirkel, dem Salon d'Holbach, zT auch vom Salon Helvetius, damals um die Mitte des 18. Jhdts in Paris, und lässt dadurch erahnen, welche Gespräche dort in diesen Salons gepflegt und „salonfähig“ gemacht wurden und auch welche Gedanken möglicherweise Artikulation, Worte und damit Modelle gefunden haben. Artikulationen vielleicht u.a. auch, die es 100 Jahre später ermöglichten die Theorien überhaupt zu denken und dann zu formulieren, die man heute mit dem Namen Darwin verbindet. Oder Nietzsches „Gott ist tot“ …..Der Autor schildert insbes. den Salon d'Holbach durch das Schicksal und die Werke seiner bekanntesten Teilnehmer, Blom's sogen. „bösen Philosophen“. „Böse“, weil sie gegen den damaligen von diversen Interessen nicht nur getragenen sondern auch erzwungenen, und damit oft geheuchelten Gottes-treuen Zeitgeist verstoßen haben - wenn man da statt Gott das Wort Ökonomie einsetzt - unsere heutige Religion?, Ideologie? - könnte man sich die Situation damals, heute gefühlt annähernd vergegenwärtigen! Ja „so oder so ähnlich böse“ waren die! „Gott“ und die Religion spielten in den Salon-Gesprächen anscheinend jene Rolle, die wenige Jahrzehnte später der französische König – auch ein mächtiger Vater - in der Revolution realiter erleiden musste. Nur nebenbei: Gott hat überlebt, trotz Nietzsches Verkündigung. Blom macht nicht nur den Leser mit vielen interessanten Besuchern des Salon's d'Holbach bekannt, sondern auch neugierig, über das Buch hinaus noch mehr über sie zu erfahren, die ja gar nicht so viele Generationen von der heutigen entfernt sind - das ist ein zusätzlicher Verdienst des Buches. Mich hat es u.a. auf den Salonbesucher D. Hume (dann weiter A. Smith) besonders aufmerksam gemacht. -
Eine Schlüsselszene für die sich zunächst nur im geistigen Umsturz befindliche, zeitgenössische Pariser Gesellschaft – Mitte 18 Jhdt in Paris, aber auch für die Aufbruchstimmung und Begeisterung, die damals unter diesen „radikalen“ Denkern auch geherrscht haben muss, der Berauschung am eigenen Denken und Erkennen, unabhängig oder zumindest sich unabhängig empfindend vom Joch der oft lebens- und „denkens“-unterdrückenden, religiösen Dogmen, ein Rausch der Erkenntnis, der Freiheit, ja der Glückseligkeit, weil man sich fühlte im Besitz der Wahrheit zu sein - war für mich der Mitte des Buches (Seite 169ff) geschilderte Vorfall mit Helvetius, der felsenfest überzeugt von seinen „großartigen“ Erkenntnissen und der Bedeutung seiner Logik, seinem König voll Stolz seine Gedanken in Form seines Buches („De l'esprit“) offenbarte und dem König mit seinem Buch die „Wahrheit“ schenkt. Mit dem Resultat, dass er seinem Buch öffentlich widerrufen musste! - Welcher junge „Idealist“ hat gleiches oder ähnliches nicht selbst schon durchlebt (und hoffentlich wie Helvetius seine Lehren daraus gezogen)? -
Der Leser kann im Buch dem Autor, einem Historiker, bei der durchaus wissenschaftlichen Aufbereitung dieser interessanten Thematik über die Schulter schauen. Zusätzlich interessant und begleitend zu den recherchierten Fakten gibt der Autor auch – wohltuend offen, obzwar ich mit ihr nicht immer „d'accord“ bin – seine Meinung dazu kund, allein schon dadurch vermeidend eine quasi objektive Sicht der Dinge darstellen zu wollen. Auch versorgt Blom Interessierte mit Lektürenvorschläge, und etc …...Das Buch ist für interessierte Laien – wie mich - leicht lesbar, einfach und verständlich gehalten aber nicht simplifizierend, informativ und inspirierend. - In Kürze: Da ein sympathisches Sachbuch, hier ein dankbarer Leser!
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 12. Juli 2011
Herrn Blom ist mit diesem Buch das gelungen, was viele bereits vergeblich versucht haben: Er lässt die Toten auferstehen. Oder zumindest deren Ideen, Theorien und Visionen.

18. Jahrhundert, Paris, Frankreich unter absolutistisch-klerikaler Herrschaft. Im Salon des Barons Holbach treffen sich die Gelehrten Europas, um der staatlichen Zensur zu umgehen und eine völlig neue Philosophie zu begründen - die Philosophie der radikalen Aufklärung. Dabei wird das gesamte Wertegerüst des damaligen christlichen Abendlandes auf den Kopf gestellt. Es gibt dabei keine Tabus, selbst die von anderen Aufklärern hoch gelobte "Vernunft" wird in Frage gestellt. Diderot und Holbach entwickeln eine Ethik der Leidenschaft, welche sowohl Aspekte des Hedonismus, Naturalismus, Materialismus, Sensualismus, Pragmatismus, Relativismus und vieler weiterer Theorien beinhaltet.

Dabei handelt es sich bei dem Buch nicht nur um die Darstellung von trockenen Theorien, nein, die Gedanken der "bösen Philosophen" werden dargestellt, als wären sie noch heute lebendig. Wir erfahren etwas über die damalige Gesellschaft, historische Entwicklungen, die Gegenüberstellung verschiedener philosophischer Ansätze, hoch interessante Kritik an eigentlich viel zu wenig kritisierten Aufklärern wie Voltaire oder Rousseau, Biographien und vieles mehr - und wir erkennen, wieso wir so denken, wie wir denken.

Der Schreibstil ist ausgesprochen gut, die Struktur klar gegliedert. Einziger Nachteil des Buches: Man sollte evtl. schon ein wenig Grundwissen über Philosophie & Geschichte der Aufklärung haben, ansonsten könnten einzelne Abschnitte des Buches schwer zu verstehen sein. Ansonsten ist es aber auch für den Laien geeignet und regt gerade Einsteiger der Philosophie zum Nachdenken an.
0Kommentar|4 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 26. September 2015
Hinweise auf wertvolle Bücher, deren Erscheinungstermin schon einige Zeit zurück liegt, verdankt man dem Zufall – oder Gesprächen mit interessanten Menschen!
So auch hier:
Dieses Buch schließt für mich eine Lücke in der Philosophiegeschichte der Aufklärung: Blom beschreibt die „radikalen“ Aufklärer – allen voran Diderot und die anderen „Enzyklopädisten“ - im Rahmen ihrer Zeit, unmittelbar vor der französischen Revolution, die geprägt ist durch ein Versteckspiel vor Spitzeln oder der durch Adel und Klerus gesteuerten Zensur, die verhindern sollten, dass die Grundlage der bestehenden Herrschaftsstruktur in Frage gestellt wird; ohne Schutz landete man schnell im Gefängnis oder auf dem Schafott.

Die Pariser Salonkultur – insbesondere der Salon des Baron Holbach, in dem fast alle kritischen Geister dieser Zeit verkehrten – bot hierzu einen gewissen Freiraum, weil eine geschlossene Gesellschaft in gepflegter Umgebung ungestört über Gott und die Welt diskutieren konnte.
Daraus entstehende Publikationen konnten jedoch nur unter größten Vorsichtsmaßnahmen erscheinen – unter Pseudonym, im Ausland oder posthum.
Selbst Beiträge in der berühmten Enzyklopädie konnten nicht in der gewünschten Deutlichkeit formuliert werden; oft musste es bei Andeutungen bleiben.

Blom gelingt es überzeugend, die unter diesen Einschränkungen diskutierten Konzepte der verschiedenen Protagonisten, die Parallelen und Differenzen ihrer Auffassungen, aber auch die Probleme, mit denen sie sich auseinander zu setzen hatten, anschaulich, glaubhaft und gut lesbar darzustellen.
In Ansätzen werden moderne Konzepte der Genetik, Evolution oder Neurobiologie vorweg genommen; die Gruppe war in ihrem Denken ihrer Zeit weit voraus, konnte die Konstrukte aber mit philosophischen Methoden – Sprache und Denken in Sprache – allein natürlich nicht belegen!
Die radikalen Aufklärer vertreten oft radikale materialistische Positionen, die Religion und auf Religion basierende Moral in Frage stellen. Die daraus folgenden Konsequenzen sind mit traditionellen Vorstellungen nicht oder nur schwer vereinbar, so dass auch mancher der „Mitstreiter“ diesen Weg nicht mehr mitgehen wollte oder konnte und es auch innerhalb der Gruppe zu Differenzen – im Falle von Rousseau: zum Zerwürfnis - kam.
Blom schließt allein schon durch diese Gesamtdarstellung eine Lücke, weil die hinterlassenen Schriften der „radikalen“ Aufklärer unter den damals gegebenen Bedingungen für die Nachwelt gar kein geschlossenes Bild abgeben konnten.

Hinzu kommt aber ein soziologischer Aspekt, den der Autor mit seinen Ausführungen plausibel macht: Die „radikale“ Aufklärung passte mit ihren materialistischen Ansätzen und empirischen Methoden sowie deterministischen Vorstellungen nicht in die Zeit des beginnenden bürgerlichen Kapitalismus mit seinem oft religiös begründeten Verständnis von Moral und „freiem Willen“; gleichzeitig unterstützten die christlichen Kirchen - insbesondere die katholische - Strömungen, die ihre traditionellen Auffassungen zumindest als Möglichkeit zuließ.
Die moderate Aufklärung im Sinne Kants, der Idealismus im Sinne Hegels entsprach dem gewünschten Profil und bestimmte dementsprechend die weitere Entwicklung: Gott, Seele, „freier Wille“ konnten als Konzepte überleben und sicherten so die Macht religiöser Institutionen auch für die Zukunft bis in unsere heutige Zeit.
Angesichts dieser mächtigen Verbündeten war es kein Wunder, dass es im Zuge der Entwicklungen gelang, den „radikalen“ Aufklärern das Image von Sektierern anzuhängen und sie praktisch dem Vergessen zu überlassen.
Heute geht die gleiche Auseinandersetzung, diesmal mit anderen Kontrahenten - mit naturwissenschaftlicher Unterstützung einerseits, mit konservativen Religionen andererseits - in eine neue Runde, deren Ergebnis angesichts raffinierter Rhetorik und „Marketing“ seitens der bisherigen Inhaber der „Deutungshoheit“ anstelle von Argumenten und Fakten völlig offen ist; der Sieg von Verstand und Vernunft ist noch lange nicht ausgemacht!

Insofern erinnert Blom gerade rechtzeitig an die „radikalen“ Aufklärer; ein sehr empfehlenswertes Buch!
0Kommentar|War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden