Fashion Sale Öle & Betriebsstoffe für Ihr Auto Fußball Fan-Artikel calendarGirl Cloud Drive Photos Erste Wahl Learn More HI_PROJECT Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Lego Summer Sale 16

Kundenrezensionen

4,0 von 5 Sternen43
4,0 von 5 Sternen
Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 12. Februar 2010
Einige Männer aus Laucane haben ihn zuerst zu Gesicht bekommen, mit ihrer Beute auf dem Rückweg von der Jagd. Dreizehn Jahre war er alt, als er sich schließlich in die Fänge der Gesellschaft verirrt hatte. Gehetzt, gefangen, eingesperrt wie ein Tier, doch das Gesicht hinter dem Wulst aus Haaren, verriet menschliche Gestalt. Er schlief auf hartem Grund, ernährte sich von Bucheckern, Eicheln und Wurzeln, verspeiste Kartoffel roh und macht keine Halt vor Kröten, die er ohne zu Zögern in einem Satz verschlang. Als kleiner Junge vom familiären Mittagstisch verstoßen, ist er mit einer Narbe am Hals seiner Stiefmutter großen Dank verpflichtet, die es nicht übers Herz brachte, dem Jungen die Kehle durchzuschneiden und ihn stattdessen im Wald verloren wusste. Bald ist er die große Attraktion von Paris 1799. Seiner moralischen Unzivilisiertheit wegen, fühlte sich nun der Klerus verantwortlich für das gottlose Wesen ohne Seele.

T.C.Boyle beschreibt in dieser bestechend nüchternen Erzählung die Zivilisierung eines ausgestoßenen Kindes nach Ansichten und Methoden einer Zeit anderer Moralvorstellungen - und dennoch ist diese Geschichte nicht so fern, wie das Jahr 1799. Unvorstellbar eindringlich ist die trockene Berichterstattung, trifft einerseits die Ader maßloser Bestürzung und Betroffenheit und schürt andererseits einen Ekel, eine Abscheu mit Seltenheitswert.

Keine typischen Boyle'schen Charaktere, wohl aber seine ureigenen Elemente von Realitäten, die einem das Hinsehen nicht einfach gestalten. Unbeschreiblich nachhaltig, eindrucksvoll und in nur wenigen schlichten Worten auf den Punkt gebracht!
0Kommentar|27 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 20. Juni 2010
Zur besseren Einordnung meiner Rezension möchte ich zwei Anmerkungen vorwegschicken:
a) Ich bin ausgesprochener Fan der Romane von TC Boyle.
b) Ich bin Romanleser und kann mich nicht wirklich für Kurzgeschichten begeistern. Dass ich denoch "Das wilde Kind" von TC Boyle gekauft habe, lag vor allem am Autor und der Tatsache, dass die knapp 110 Seiten dieser Erzählung Romancharakter versprachen.

In "Das wilde Kind" erzählt TC Boyle von einer wahren Begebenheit: Victor von Aveyron hat es tatsächlich gegeben. Als sogenanntes Wolfskind wurde er im nachrevolutionären Frankreich des späten 18ten Jahrhunderts von Jägern in einem Wald entdeckt und wenig später gefangen. Nach diversen Fluchten wurde das völlig verwilderte Kind schließlich in einer Anstalt zur Erziehung taubstummer Kinder untergebracht, wo sich der Arzt Itard mehrere Jahre der "Zivilisierung" des Kindes widmete. TC Boyle schmückt diese realen Begebenheiten, die im Detail bei Wikipedia nachzulesen wären, in seinem typisch spöttischen Stil aus, ohne die Tragik des victorschen Lebens zu unterschlagen.
Wie es im Wesen der Erzählung (im Gegensatz zum Roman) liegt, bleibt nicht genug Raum, um die handelnden Figuren (jenseits von Victor) im Detail zu entwickeln. "Das wilde Kind" ist eine gut lesbare Erzählung, die aber eigentlich nicht die Tiefe und Bedeutung hat, um ein eigenes Buch zu rechtfertigen. Und genau in dieser Erkenntnis liegt die Wurzel meiner Verärgerung über dieses Buch.

"Das wilde Kind" ist die Titelerzählung aus TC Boyles neuestem amerikanischen Erzählband "The wild child". Im Unterschied zur deutschen Ausgabe im Hanserverlag, umfaßt die US-Ausgabe aber eine Sammlung von Erzählungen (~300 Seiten) und nicht nur die Titelgeschichte. Die Begründung für diese Diskrepanz findet sich auf Seite 4 der Hanser-Ausgabe: "Die Übersetzung der restlichen Erzählung ist in Vorbereitung". Hat hier etwa ein renommierter Verlag das schnelle Geld gewittert und daher die vollständige Übersetzung eines Erzählbandes nicht abwarten wollen und stattdessen mit der Veröffentlichung einer Einzelerzählung den kommerziellen Erfolg dieses Autors maximal ausschlachten wollen?
0Kommentar|71 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Es ist ein alter Satz von mir - das wichtigste erlebt der Mensch vor seinem 15. Lebensjahr.
Hermann Hesse

Was passiert mit einem Menschen, der als Kleinkind einen Mordversuch überlebt und für Jahre im Wald sich selbst überlassen bleibt? Ist der Mensch von Natur aus "gut" und lebensfähig, oder ist er geprägt von Zuwendung, Erziehung, von der Vermittlung von Werten und in der Summe derjenige, welcher frühkindliche Prägung in Verbindung mit individuellen Anlagen werden ließ?

T. C. Boyle nimmt sich in der Novelle "Das wilde Kind" fiktionalisiert einer vielleicht wahren Begebenheit an. Im Jahr 1797 fangen Jäger in einem französischen Waldgebiet ein kleines, nacktes Kind, das kaum menschliche Verhaltensweisen besitzt. Es ist ein unter zehn Jahre altes Wesen, das völlig sich selbst überlassen das Leben eines kleinen Tiers in der freien Natur fristet. Es ernährt sich von den Früchten des Waldes, von kleinem Getier und von rohen Kartoffeln, die es auf entlegenen Äckern findet. Fast alles Menschliche ist ihm fremd. Seine Sinne sind ausschließlich auf das Befriedigen momentaner Bedürfnisse ausgerichtet. Schlafen, trinken, fressen, fressen vor allem, was sich später bei ihm zur Obsession entwickeln wird. Hitze und Kälte spürt es kaum, Kleidung und den Aufenthalt in Häusern hasst es. Die sensationelle Entdeckung spricht sich herum, und nachdem sich das kleine Wesen noch mehrmals der Zivilisation entziehen kann, wird es für lange Zeit der Obhut eines jungen Pariser Arztes überlassen, der äußerst engagiert mit Liebe, aber vor allem mit unnachgiebiger Strenge versucht, "Victor" elementare menschliche Verhaltensweisen und Fähigkeiten beizubringen. Davon überzeugt, dass der Junge kein Idiot ist, verknüpft er seine berufliche Reputation mit dem Erfolg der Sozialisierung des Kindes. Ein dorniger Weg, der viele Rückschläge bereithält und am Ende nur zu mäßigen Erfolgen führt. Mit Einsetzen der Pubertät beim "Wolfskind", das niemals den Trost kannte, Teil einer Wolfsmeute zu sein, nehmen die Schwierigkeiten noch einmal erheblich zu. Da der Junge weder Moral noch Scham kennt, bleiben Übergriffe nicht aus. Er muss das kirchlich geführte Heim für taubstumme Kinder verlassen und fortan in sehr bescheidenen Verhältnissen beim ehemaligen Hausmeisterehepaar leben. Die einfachen Leute meinen es gut mit Victor. Aber es ist zu spät für Eltern, zu spät für ein zivilisiertes Leben. In dem Jungen ist eine Barriere, die weder er noch andere überwinden können. Der Arzt, der lange Zeit sein engagierter Lehrer war und der doch noch bescheidene Berühmtheit erlangte, wird ihn schließlich auch aufgeben und versuchen zu vergessen.

Mythen über "wilde Kinder" gibt es in fast allen Kulturen. Die meisten Wissenschaftler sind der Meinung, dass ein kleines Kind ohne die frühe Zuwendung von Seinesgleichen nicht lange überleben kann. Die Entbehrung menschlichen Umgangs kann kein besonders ungebundenes und autonomes Wesen hervorbringen, sondern ein in vieler Hinsicht tief und dauerhaft behindertes und verstörtes Wesen, unabhängig von der genetisch vorgegebenen Intelligenz. Irgendwann ist der Zeitpunkt des Zugriffs auf angelegte Fähigkeiten verpasst. Verknüpfungen sind nicht mehr möglich. Deshalb sehen Fachleute auch den berühmtesten Fall eines "wilden Kindes", Kaspar Hauser, äußerst skeptisch. T. C. Boyle hat sich in seiner Erzählung, so weit ich das als Laie beurteilen kann, nah an den aktuellen Erkenntnisstand der Wissenschaft gehalten. Ein "Happyend" gibt es also nicht. Aber eine interessante, außergewöhnliche Geschichte auf gewohnt hohem T. C. Boyle-Niveau.

Helga Kurz
5. Februar 2010
0Kommentar|32 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
TOP 500 REZENSENTam 12. Februar 2010
T.C. Boyle erzählt ab der ersten Seite eine Geschichte, von einem wilden Jungen, der im 18.Jhd. im Wald aufgegabelt wird, in angestammter Manier, den Leser zu faszinieren, wie man Boyle eben kennt. Für mich eine Erzählung, die alles hat, was es braucht, spannenden Plot, tolle Sprache, als Leser lässt man sich da gerne hineinziehen, Boyle at his Best.

Boyle hält sich an die tatsächliche Geschichte, des Victor von Aveyron, der tatsächlich gelebt hat und ich nicht wusste. Boyle versteht es dieser bereits bekannten Geschichte neuen Atem einzuhauchen. Der junge ca. 10 Jährige, der später Victor heissen soll, verwildert, ohne Sprache, ohne Kleidung, wie ein Tier verhält er sich, scheu, isst lebende Frösche, defäkiert wie ein Tier, wird gegen seinen Willen eingefangen, und von Boyle auf eine faszinierende und einfühlsame Weise porträtiert. Ein junger Wilder, der weder Scham, Anstand noch Moral kennt, er masturbiert öffentlich, ohne sich dabei etwas zu denken, der es gelernt hat in der Natur zu überleben, unempfindlich gegen Hitze und Kälte zu sein scheint, und ursprünglich von seiner Mutter ausgesetzt wurde. Durch einen missglückten Mordversuch der eigenen Mutter überlebt er zwar, wird aber sein Leben lang eine Narbe an seinem Hals tragen.

Als der Junge im Jahre 1797 in Frankreich entdeckt wird, ist es eine kleine Sensation. Alle wollen sie ihn sehen. Dem gegenüber, steht die damalige französische Gesellschaft, die eine Zivilisierung und Erziehung des Jungen für unabdingbar hält. Er kommt in ein Heim für taubstumme Kinder, wo sich ihm der Arzt Itard annimmt, Victor wird zum Studienobjekt des ehrgeizigen Arztes.

Boyle schafft es, beide Seiten auf so deutliche Weise darzustellen. Das Fragen aufkommen lässt, welchen Sinn es wirklich hat, mit der Brechstange jemanden zivilisieren zu wollen. Als Leser bekommen wir einen Geschmack, wie aussichtslos, das ehrgeizige Bemühen, eines willensstarken Arztes zur damaligen Zeit eben fruchtlos, oder nur ansatzweise zum Erfolg führen kann. Wir nehmen Teil an diesem eigenartigen Leben, von dem wir eigentlich nur beschränkt erfahren. Boyle zeichnet einen Menschen, der auf seine Grundbedürfnisse fixiert ist, keine Kommunikationsmöglichkeiten hat, oder nur limitiert, und dem unsere Gesellschaft fremd ist, in die er sich auch nur begrenzt einfügt. Ob wir so einem Menschen dadurch wirklich einen Gefallen tun, kann man sich vielleicht wirklich für einen Moment lang fragen...

Der junge Victor wird älter und lebt bei dem Hausmeister-Ehepaar, das in der Nähe des Taubstummenheimes in Paris lebt. Wir erleben sein Älterwerden, das Scheitern eines Erziehungsversuchs, der Anspruch der Gesellschaft einen solchen Menschen zu erziehen läuft ins Leere. Boyle hinterlässt dem Leser ein sehr filigranes Bild von einem Menschen, der nicht von dieser Gesellschaft ist und sich auch nicht wirklich integrieren lässt. Die Idee, wie ein Mensch, völlig abseits der Zivilisation gelebt haben muss, wie es dabei ergangen sein muss, beschreibt Boyle in einer Art und Weise, die an ihrer Aktualität nichts verloren hat.

Das wilde Kind ist wohl ein Vorabdruck der Titelgeschichte eines Erzählbandes, der in Vorbereitung zu sein scheint. Warum man hier nicht warten konnte, bis der ganze Erzählband übersetzt ist? Und zu Guter letzt: Boyle erwähnt freundlicherweise, zwei Quellen, auf die seine Erzählung aufbaut, nämlich Das wilde Kind von Aveyron. Der Fall des Wolfsjungen. ( Ullstein Materialien). und Forbidden Experiment: Story of the Wild Boy of Aveyron , na wenn das nicht seriös ist..

Empfehlung
0Kommentar|3 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 22. Februar 2010
Die südfranzösische Provinz 1797; die Revolution ist vorüber, Vernunft und Rationalität regieren das Reich. Doch die Menschen im Land sehnen sich nach den Geheimnissen, Mythen und dem Zauber der Vergangenheit. Da taucht in den Wäldern des Languedoc eine geheimnisvolle Gestalt auf; ein wildes Kind, das offenbar ohne jeden Kontakt zur menschlichen Zivilisation aufgewachsen ist, offenbar vor Jahren von den eigenen Eltern ausgesetzt und gegen alle Wahrscheinlichkeit nicht gestorben, erfroren oder verhungert.

Es vergehen noch mehrere Jahre, ehe man das wilde Kind einfangen kann. Während die Bevölkerung hin und hergerissen ist zwischen Faszination und Abscheu, glaubt die Wissenschaft, eine einmalige Chance zu haben: nun lassen sich all die Theorien an der Wirklichkeit zu überprüfen - ist der Mensch von Natur aus gut und edel, wie Rousseau es vermutet hat? Ist moralisches Verhalten angeboren? Ist der Glaube an Gott angeboren? Und welches ist die Sprache aller Sprachen? Victor, wie der Junge genannt wird, kommt nach einer längeren Odyssee in die Hände des engagierten Taubstummenarztes Itard, der sich seiner liebevoll annimmt und diesen Fragen nachgehen möchte.

T.C. Boyle gelingt es hervorragend, die Zerrissenheit von Itard zwischen Ehrgeiz und Liebe, Berufung und Verzweiflung ebenso darzustellen, wie die rudimentäre, instinktgetriebene Innenwelt Victors und all das einzubetten in die nachrevolutionäre Gegenwart des Frankreichs zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Boris Aljinovic verleiht all diesen Charakteren Tiefe und Kontur und liest diese novellenhafte Erzählung von der ersten bis zur letzten Zeile mit großer Souveränität.

Ein kleines Hörbuch mit einer ganz großen Geschichte.
0Kommentar|3 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Wer sich den nicht leichten, weil sprachlich zwar exquisiten, immer aber doch unbequem zu lesenden Werken von T.C.Boyle nähern will, für den ist diese Kurzgeschichte genau das Richtige. Boyle schreibt pointiert, scheinbar sachlich, aber immer mit hintersinnigem "Spott" und wirft dabei unangenehme Fragen auf. Seine frühen Werke (World's End, Wassermusik) sind typisch dafür, fühlt man sich beim Lesen immer etwas ungemütlich, weil man sich mit unangenehmen Fragen konfrontiert sieht, die man sich selber beantworten muss.

"Das wilde Kind" ist eine stilistische Rückkehr zu diesen Anfängen - in Form einer etwas mehr als 100 Seiten umfassenden Kurzgeschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht, wie sie bei wikipedia kurz und knapp nachzulesen ist.

Boyle schafft es dabei mühelos, den Leser mit seiner sprachlichen Kunstfertigkeit in die Geschichte zu ziehen und eine Grundstimmung beim Leser zu erreichen, die der der damaligen Zeit entspricht. Man wird quasi mit der ersten Seite in das Frankreich des beginnenden 19. Jahrhunderts mit seinen gesellschaftlichen Umständen und seinem im Vergleich zu heute begrenzten Möglichkeiten "gebeamt". Trotzdem werden grundsätzliche Fragen aufgeworfen, die auch heute immer noch sehr aktuell sind.

Wer sich Boyle's Schreibstil nähern will, für den ist dieses kleine, feine aber Boyle-typisch unangenehme Büchlein genau das Richtige.
0Kommentar|3 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
TOP 1000 REZENSENTam 14. März 2015
Schon vor sehr vielen Jahren hatte ich Francois Truffault’s Film „Der Wolfsjunge“ von 1970 gesehen und anschließend das ebenfalls sehr interessante Buch „Die wilden Kinder“ gelesen, in dem auch über diesen erstmals 1797 in einem südfranzösischen Wald aufgegriffenen wilden Jungen „Victor von Aveyron“ von seinem späteren Erzieher und Taubstummenarzt Jean Itard berichtet wird.

T.C. Boyle muß dessen Bericht so fasziniert haben, dass er 2010 eine kurze Erzählung über dieses wilde Kind geschrieben hat, die sich sehr nah an den Fakten des Berichts orientiert. Aber natürlich baut Boyle sehr viel mehr Atmosphäre auf, weil er sich sowohl in den von seinen Eltern offenbar ausgesetzten (die Narbe am Hals weist sogar auf deren Tötungsversuch) und verwilderten Jungen, wie auch in den von pädagogischem Impetus ergriffenen Itard hineinversetzt, der schließlich nach 5 langen Jahren erkennen muß, dass Victor, obwohl er ganz offensichtlich Verstand hat, so früh von jeder menschlichen Zivilisation getrennt wurde, dass er keine nennenswerte Sprache und damit auch keine verbindlichen Normen mehr aufbauen kann. Man fragt sich als Leser natürlich, ob dieses Kind nicht in der Natur glücklicher geblieben wäre, statt so von allen Seiten domestiziert zu werden, und ohne dass er irgenwas begreift von dem, was man von ihm verlangt. Der Fall dieses Wolfsjungen zeigte die Wichtigkeit von früher Sozialisation dramatisch auf.

Eine spannende Lektüre, wenn auch so gar nicht der T.C. Boyle, den wir sonst kennen. (14.03.15)
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 2. Juni 2012
...sind das Motiv vieler Geschichten von T.C. Boyle, der offenbar Gefallen an den oft sehr ungewöhnlichen Umständen hat, in die ganz normale Menschen manchmal ohne Schuld und Absicht hineingleiten können. Hier ist es ein Kind, dass im frühen Alter ausgesetzt und sich selbst überlassen wurde, dem also (ein bisschen wie Kaspar Hauser) jegliche Zivilisation, Bildung und Gesellschaft abgeht. Das erzählt Boyle auch in einer dichten, dramaturgisch gut aufgebauten Erzählweise, der nie die Spannung ausgeht; darin ist er wirklich ein Könner. Allerdings bekomme ich immer mehr den Eindruck, dass das, was ihn daran interessiert und was er dem Leser weitergeben möchte, mehr die oft kuriosen, bis extremen, Umstände sind und nicht das, was das in den Beteiligten auslöst: wo ist die Lektion? Wo ist der Mensch, von dessen Erfahrung wir profitieren können? Ich finde die Figuren (wenn man bedenkt, dass der Erzählungsrahmen doch dafür mehr als einladend aufgebaut ist) ein wenig flach, als wäre ihr Zweck nichts weiter als die Illustration der interessanten Umstände. Ist das vielleicht die Eitelkeit eines Schriftstellers, der weiss, dass er sehr gut erzählen kann? Hat er vielleicht ein nur eingeschränktes Interesse an den Charakteren, an der Erfahrung dahinter? Was folgt daraus? Bei dieser Geschichte ist mir sehr deutlich in den Sinn gekommen, dass man sie auch anders hätte erzählen können. Wobei sie auch so eine interessante Unterhaltung für eine Bahnfahrt o.ä. ist.
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 30. Mai 2012
Es ist mir völlig schleierhaft, wieso der deutsche Verlag eine einzelne Geschichte Boyles aus der aktuellen amerikanischen Erzählungssammlung herausnimmt und diese als selbstständigen Roman '- zudem zunächst auch noch in gebundener Form - und schlussendlich für viel zu viel Geld auf den Markt wirft. Tatsächlich umfasst die Erzählung '"Das wilde Kind'" gerade etwas mehr als hundert Seiten.
Es handelt sich hierbei weder um eine Novelle, noch um einen Kurzroman oder eine Kurzgeschichte. Ein merkwürdiges Zwitterwesen, eine auf überlieferten Fakten basierende Erzählung, wie sie Truffaut schon vor Jahrzehnten verfilmt hat (mehr als einmal hat der Leser das Gefühl, ein Treatment zu dem Film "Der Wolfsjunge" zu lesen) - und wirklich etwas dazu addiert Boyle nicht.
Sicherlich ist Boyle wie stets sprachsicher. Aufgrund der berichtartigen Form weiß ich jedoch diese Erzählung nirgends so recht hinzustecken - die Handelnden bleiben seltsam blass und im Hintergrund, die interessanten Fragen scheinen pseudophilosophisch, die emotionale Ebene uninteressant.
Mich hätte Boyles komplette Anthologie mehr interessiert und dabei diese längere Erzählung gerne im Kontext gesehen. Schade, dtv.
0Kommentar|2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
1797 in Südfrankreich. In einem Wald entdeckt der Schmied des kleinen Dorfes Aveyron einen etwa achtjährigen verwahrlosten Jungen. Später gelingt es, die geheimnisvolle Kreatur, die seltsame, tierähnliche Laute von sich gibt, einzufangen. In der Dorfschänke wird das Monstrum begafft.

Nach mehreren Ausbrüchen wird der Junge endgültig in Ketten gelegt und nach Paris gebracht. Hier erhält er den Namen Victor. Man sperrt ihn in eine Kammer der Taubstummenanstalt, wo er zum genau untersuchten Objekt der Wissenschaft wird. Schließlich kümmert sich der junge Arzt Jean Itard um das wilde Kind. Mit religiösem Ehrgeiz versucht er die Kreatur zu kultivieren und zu zivilisieren.

Zu Itard und der Haushälterin der Anstalt fasst Victor langsam Vertrauen. Er lernt, gekochte Speisen zu essen, Kleider zu tragen und schließlich kann er sogar einige Wörter sprechen. Aber trotz aller Umerziehungsversuche bleibt Victor ein animalisches Wesen. Nur bis zu einem gewissen Grad kommt er den Anforderungen und Wünschen seiner Erzieher nach.

Selbst der geduldige Itard kapituliert nach jahrelangen Bemühungen. Bei einer Vorführung in einem Pariser Salon blamiert ihn sein Schützling. Victor ist einfach nicht gesellschaftsfähig. Itard verliert das Interesse an seinem Probanden, die anderen Kinder verhöhnen ihn und die Haushälterin benutzt ihn schließlich nur noch als Hausknecht. Victor stirbt 1828, völlig verwahrlost und längst vergessen.

Der amerikanische Bestsellerautor T.C. Boyle (Jg. 1948) erzählt Victors Leidensweg mit Mitgefühl, ohne dabei die Geschichte zu verklären. "Das wilde Kind" ist eine schmale, nachdenkliche Novelle, ein zutiefst ergreifendes Porträt eines Wolfskindes.

Manfred Orlick
0Kommentar|6 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden

Haben sich auch diese Artikel angesehen

10,90 €