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10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Überlässt man sich den Phrasen, kann man sich das Denken sparen
Die 'Süddeutsche Zeitung', deren leitender Redakteur Thomas Steinfeld ist, verschenkt (auf Kugelschreibern) Buchstaben in der korrekten Reihenfolge, schwarz auf Weiß. Auf dem Schutzumschlag seines neuen Sachbuches 'Der Sprachverführer' wirbeln die farbigen Lettern des Titels auf den ersten Blick durcheinander. Auf den zweiten verwirren höchstens noch...
Veröffentlicht am 3. August 2011 von Rita König

versus
53 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Stilkunde in feuilletonistischem Stil
Man sollte hier keinesfalls ein strukturiertes Lehrbuch für guten Schreibstil erwarten, das einem Schritt für Schritt zu besserem Stil verhilft, auch wenn die Kurzbeschreibung dies suggerieren könnte.
Vielmehr werden einzelne Sätze zahlreicher Autoren (nicht nur Schriftstellern wie etwa Kafka, Grass und Lessing, sondern auch vieler anderer...
Veröffentlicht am 5. Februar 2011 von Masala


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10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Überlässt man sich den Phrasen, kann man sich das Denken sparen, 3. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann (Gebundene Ausgabe)
Die 'Süddeutsche Zeitung', deren leitender Redakteur Thomas Steinfeld ist, verschenkt (auf Kugelschreibern) Buchstaben in der korrekten Reihenfolge, schwarz auf Weiß. Auf dem Schutzumschlag seines neuen Sachbuches 'Der Sprachverführer' wirbeln die farbigen Lettern des Titels auf den ersten Blick durcheinander. Auf den zweiten verwirren höchstens noch die Worttrennung und das Ineinandergreifen der einzelnen Buchstaben. Der Umschlag illustriert den Inhalt des Buches auf besondere Weise: es geht nicht um Schwarz-Weiß-Malerei und nicht um die exakte Reihenfolge, sondern darum, wie bunt und anschaulich unsere Muttersprache ist.
Ein 'Sprachverführer', der zeigen will, 'was die deutsche Sprache ist und was sie kann', geht selbstverständlich auf Satzbau, Syntax und Grammatik ein, aber Thomas Steinfeld tut noch mehr. Er beginnt mit der Analyse des ersten Satzes aus Kafkas Geschichte 'Die Verwandlung'. 'Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.' Anhand eines alltäglichen Begriffes wie 'Schreibwarenfachgeschäft' erläutert er, dass das Bestimmte im Deutschen am Schluss der Kette steht (Geschäft) und zeigt bei Kafka nicht nur die darauf beruhende Wirkung ' denn erst das Wort 'verwandelt' löst die Spannung des Satzes ' Thomas Steinfeld vergleicht diesen deutschen Satz mit der englischen und französischen Übersetzung. Ein konjugiertes Verb ans Ende eines Nebensatzes zu stellen oder ein Partizip ans Ende eines Hauptsatzes entwickelt im Deutschen eine Dramatik, die es im Englischen und Französischen so nicht geben kann. Und 'welche Beweglichkeit bieten Vorsilben wie 'be-' und 'ent-' oder 'emp-', 'er-' und 'ge-', 'miss-', 'un-' und 'ver-' und 'zer-'.' Selbst bei den Nachteilen kommt der Autor ins Schwärmen. 'Wie heißt es im Französischen? 'Les amis rassemblés, la fête commença' ' 'als sich die Freunde versammelt hatten, fing das Fest an'. Im Französischen ist noch eine Ahnung von Stühlerücken und Fußscharren da, von allmählich gerinnender Ordnung, während das Deutsche einen Tagesplan beschreibt.'
Thomas Steinfeld hat nicht nur einen Ratgeber zum Thema Deutsch geschrieben wie andere vor ihm; in einem Exkurs zur Entstehung einer einheitlichen deutschen Kultursprache belegt er, wie wichtig Martin Luthers Bibelübersetzung aus sprachlicher Sicht war. 'Keine Sprache ist nur autonom', sagt der Autor und fügt an anderer Stelle an: 'Das Adjektiv 'cool' (kann) Dinge ausdrücken, für die es kein deutsches Wort gibt und für die es keines geben muss.'
Ob gegenwärtiger 'Anglizismus' oder einstige 'Verwelschung' ' der Autor beklagt nicht; er zeigt vielmehr auf, dass die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts mit neuen Wortschöpfungen genauso wie mit Versuchen, Lehnwörter durch deutsche zu ersetzen, nur eines erstrebten: eine reichhaltige, lebendige Sprache. Und das ist es, was Thomas Steinfeld dem Leser mit auf den Weg geben will: es sind nicht die Anglizismen, die unsere Sprache bedrohen, nicht einmal der unkorrekte Gebrauch des Genitivs ' es sind die Phrasen, das 'Kommunizieren', das heute das Denken und Reden ersetzt. Am Beispiel eines Satzes von Josef Ackermann, den Thomas Steinfeld über sechs Seiten auseinandernimmt, zeigt er, woher die Gefahr tatsächlich kommt. Die guten Beispiele stammen von Goethe, Schiller, Stifter und Hegel, Heinrich Heine und Bertolt Brecht, Botho Strauß, W. G. Sebald, Ingo Schulze, Felicitas Hoppe und Brigitte Kronauer.
Es wird Stilkunde betrieben in diesem Buch; zur Stillehre fehlte neben dem Personen- ein Sach- und Schlagwortregister. Es ist dennoch ein Buch über guten Stil, weil der Autor tolerant Sprache und Sprachentwicklung betrachtet, weil er kritisch die Einflüsse des Staates, der Schulbildung und der Rechtschreibreform beurteilt, weil er dazu verführt, Sprache als bunte Vielfalt zu entdecken.
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47 von 50 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt" (Wittgenstein), 12. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann (Gebundene Ausgabe)
"Es gibt unendlich viele Formen von 'guter' Sprache, und gemeinsam ist ihnen vor allem, dass sie genügend Spannung besitzen, um die Lektüre voranzutreiben und doch, in kraftvoller Schönheit, den Leser zum Verweilen in einem jeden Satz einladen." (S 241) Steinfelds "Sprachverführer" ist randvoll gefüllt mit solchen Sätzen und liefert eine schonungslose Stilkritik der modernen deutschen Sprache (und ihrer Sprecher).

Beginnend bei der Phrasendrescherei Josef Ackermanns macht Steinfeld auch vor Günter Grass nicht halt, ganz im Gegenteil, entwickelt sich letzterer sogar geradezu zu Steinfelds Lieblingsvorführobjekt. Kapitel für Kapitel seziert Steinfeld die Elemente mal mehr, mal weniger gelungener Sätze. Er vergleicht die Entstehungsgeschichte der deutschen Schriftsprache mit der des Französischen oder Englischen. Steinfeld wandert durch die Jahrhunderte und besucht die historischen Schlüsselmomente der deutschen Sprache, die Luthersche Bibelübersetzung, die Literatur des Sturm und Drang, die Phasen wortschöpferischer Fruchtbarkeit sowie zentralstaatlicher Formalisierung und Bürokratisierung.

Steinfeld reiht sich dabei nicht in den Chor der linguistischen Zukunftspessimisten ein. " ... das kann nur heißen: etwas als Lebendiges übernehmen, zum Pflegen und Weiterbilden, nicht zum Zweck der Verteidigung, nicht als Besitz, nicht als hilfloser Glauben an eine Heilsgemeinschaft in der Muttersprache, sondern als gewußte Veränderung". (S 243) Sprache lebt und - wie der Berliner ergänzen würde - das ist auch gut so. "Selbstverständlich kann man die deutsche Sprache lieben. Aber man sollte sie nicht auf die unfruchtbare Weise lieben, die auf einem bestimmten Zustand insistiert und ihn gegenüber aller Veränderung behaupten will - nicht pedantisch, sondern leicht und mit einem Blick für das Komische." (S 244)

Im Unterschied zu Guy Deutscher schert sich Steinfeld wenig um seine philologiefernen Leserschichten. Steinfeld setzt die Kenntnis des kompletten Kanons deutschsprachiger Klassiker voraus, wenn er leichtfüssig durch die Jahrhunderte der Entstehung der deutschen Kulturnation tänzelt. Absatzweise scheint er sich primär an solche Leser zu richten, die regelmäßig mit dem Feuilleton der FAZ unter dem Kopfkissen einschlafen und somit bei "Prosodie" oder "Hypotaxe" nicht zum Lexikon greifen müssen.

Überhaupt fehlt es Steinfelds Werk - trotz aller Stilsicherheit - auf geradezu absurde Weise an jeglicher Struktur. Bei aller Detailverliebtheit, mit der Steinfeld seine Sätze geradezu zelebriert, scheint eine steife Windböe dem Autor sein Gesamtmanuskript durcheinander geweht zu haben. Für einen Naturwissenschaftler geradezu körperliche Schmerzen verursachend, springt Steinfeld von Thema zu Thema, vorwärts, seitwärt und wieder zurück, reißt einzelne Thesen kurz an, um andere mantraartig x-fach zu wiederholen.

Gelegentlich kreist Steinfelds Weltsicht arg um den eigenen Bauchnabel und so verliert er darüber den Blick für seine Umwelt. So erfährt der Leser mit Erstaunen, dass der Begriff "der Schwarze" eindeutig dem verpönten "der Farbige" vorzuziehen sei und dass im übrigen die 68er Bewegung die einzig echte Revolte auf deutschem Boden gewesen sei. Letzteres wird vermutlich nicht nur ostdeutsche Gesichtszüge in Falten legen.

Trotz dieser Schwächen macht "Der Sprachverführer" trotzdem Lust auf mehr. Steinfelds feine Klinge, mit der er Sätze filetiert, seine Begeisterung für die Sprache mit all ihren Feinheiten, Unregelmäßigkeiten und unendlichen Variationsmöglichkeiten ist ansteckend. "Doch ist das Nachdenken über die Sprache, genauer: das Schreiben mit Bedacht, die Voraussetzung für eine gute Sprache." (S 103)

Und: "Denn wie einer redet und auch, wie einer schreibt, gehört ja zum Innersten eines jeden Menschen. Die Sprache offenbart mehr, viel mehr von ihm als sein Gesicht oder seine Kleidung." (S 46)
Oder: "Überläßt man sich den Phrasen, kann man sich das Denken sparen." (S 47)
Und zu guter Letzt: "Und wie ist es erst (...) bei 'copy and paste', wenn die Sprache aus dem einen elektronischen Dokument in das andere fließt, in unkontrollierten Mengen, und dazwischen keinen Augenblick in einem Kopf verweilt ...". (S 107)

Noch viele Zitate wären es wert, hier aufgeführt zu werden, aber die Rezension ist schon jetzt um ein Vielfaches zu lang geraten.

Schreibe ich nun besser, nachdem ich von Steinfeld auf 240 Seiten in die Geheimnisse gelungener Sätze eingeführt worden bin? Die Antwortet lautet: Leider nicht, aber zumindest bin ich mir der eigenen sprachlichen Mängel nun etwas bewußter. Auch das ist mir vier Sterne wert.
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Schön ist die Sprache immer dann, wenn man einen Menschen in ihr wahrnimmt.", 14. März 2011
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann (Gebundene Ausgabe)
Dieses wunderbare Buch des Literaturkritikers der Süddeutschen Zeitung, Thomas Steinfeld, löst tatsächlich das ein, was es zu sein vorgibt: es verführt seinen Leser.

Es ist ein Buch über die Schönheit der deutschen Sprache und ein Buch über das Schreiben. Seine Schwierigkeiten und die Befriedigung, die es dem verschafft, der sie so benutzt und anwendet, dass ihr wunderbarer Reichtum geborgen und gezeigt werden kann.

Er wählt mit seinen Annäherungen den naheliegenden Zugang zu den Schriftstellern der letzten 200 Jahre. Sie sind es, die ihm das Anschauungsmaterial liefern für eine Stilkunde, die die Ausdruckskraft und die Lebendigkeit unserer Sprache lobpreist, gegen alle Versuche und Tendenzen, sie zu verhunzen und zu verflachen.

Für alle Menschen, die gerne lesen, für alle, die gerne schreiben, auch Rezensionen, ist dieses Buch ein wahre Fundgrube von Sprachschätzen. Der Verlag schreibt auf der Umschlagseite: "Wer dieses Buch gelesen hat, wird in Zukunft vielleicht ein bisschen genauer lesen und ein bisschen besser schreiben."

Und er zitiert den Autor:
"Schön ist die Sprache immer dann, wenn man einen Menschen in ihr wahrnimmt."

Ja, so ist es.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf wundersamer Entdeckungsreise durch die Vielfalt der deutschen Sprache, 5. Juli 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann (Gebundene Ausgabe)
Der neue deutsche Sprachführer von SZ-Feuilletonist Thomas Steinfeld hat mir sehr gut gefallen. Es ist die Liebe des Autors zu den vielen Besonderheiten der deutschen Sprache, zu ihrer Ausdruckskraft und Lebendigkeit, die diese Stilkunde zu einem unterhaltsamen und informativen Lesevergnügen werden lassen.

Unterteilt in sieben Themenbereiche, die durch zwei Exkurse ergänzt werden, spannt Steinfeld einen umfangreichen inhaltlichen Bogen: Mit Kafka beginnend, über E.T.A. Hoffmann, bis zu Luther und Nietzsche taucht der Leser in die wundersame Welt der deutschen Sprache, ihren ungemeinen Formenreichtum und ihre - vielfach unterschätzten bzw. ungeahnten - Möglichkeiten ein. Von Friedrich Hölderlin erfährt der Leser beispielsweise wie sehr das Deutsche in seinem grammatischen Aufbau dem Lateinischen ähnelt und an ihm gewachsen ist; eine Besonderheit, die keine andere Gegenwartssprache teilt - selbst Italienisch nicht - und in erster Linie dem Humanismus geschuldet ist.

Eine allegorische Beschreibung der Einzigartigkeit der deutschen Sprache, insbesondere ihres kreativen Potenzials und ihrer Wortbildungsmöglichkeiten, liefert der renommierte deutsch-französische Übersetzer und Essayist Georges-Arthur Goldschmidt: "Man kann sie [Anm.: die deutsche Sprache] täglich nach Belieben neu zusammensetzen oder neu erfinden, das Deutsche spricht sich leicht, fast ein wenig zu leicht. Es ist wie ein Meer, dessen Tiefen noch nie ermessen wurden und dessen Oberfläche nur sich selbst preisgibt; bei schönem Wetter ist es von dunkel widerscheinendem Grün, undurchsichtig, aber von unerforschlichen Abstürzen kündend. Die Wellenkämme zerstieben im Wind zu weißem Schaum, spiegeln sich für einen Augenblick im Himmel und werden, niederfallend, von den Wassermassen verschlungen."

Ein sehr gelungener Sprachführer, der viel Wissenswertes enthält und jedem zu empfehlen ist, der sich für die Entwicklung, die Eigenheiten und - vor allen Dingen - die Möglichkeiten der schönen deutschen Sprache begeistern kann. Ferner ist dieses Buch als ein Appell des Autors zu verstehen, die eigene Sprache auf dem ihr zustehenden ästhetischen Niveau zu kultivieren. Ich vergebe die Höchstpunktzahl.
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64 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannende, weite Sätze um die deutsche Sprache., 31. Oktober 2010
Von 
Happyx - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann (Gebundene Ausgabe)
Sprache mäandert in unterschiedlichsten Sinn- und Lebenszusammenhängen, sie fließt zu einem weiten Strom, dessen Quellen oft nicht mehr einsehbar sind. Sie verändert sich täglich und Thomas Steinfeld versucht die Quellen wieder sprudeln zu lassen, die Kraft von Sprache in ihren Bestandteilen zu interpretieren, die Worte Glied für Glied zu einer Kette des Verständnisses aneinanderzureihen. Niemand kann ernsthaft eine umfassende Analyse erwarten, sondern selbstverständlich ein höchst individuelles, spannendes Auswahlverfahren bzw. Interpretationen.

Dies gelingt in diesem Buch in schönster, spannender Weise. Es dürfte für alle, die mit Sprache zu tun haben, reiche Wiedersehens- oder Neufassungsideen liefern. Der Autor wechselt medientechnisch vom geschriebenen, gesprochenen, fernseherischen, politischen, kirchlichen, literarischen zum theatralisch werblich säuselnden Wort und zeigt die Ähnlichkeiten bzw. Probleme auf. Der Autor schreibt bzw. zeigt als Journalist Verwertungszusammenhänge auf, die mich begeistert haben.

In diesem Kontext möchte ich auf zwei Aspekte eingehen. Erstens die Herkunft unserer Sprache durch Luthers Bibelübersetzung. Steinfeld weist auf die außerordentliche Leistung einer einheitlichen deutschen Sprachfassung in Luthers Bibel hin. Luther schaut dem Volk aufs Maul, er schreibt wie Menschen reden und verlässt dadurch den engen Kanon wissenschaftlich unverständlichen Mystifizierens, er bringt Wissen und Verstehen in die Welt und schafft dadurch erst jenen Nährboden, auf dem die spätere deutsche Literatur bzw. Kunst gedeihen kann. Zwar gab es schon vor Luther einheitliche deutsche Sprachen (Minnesang und Kameralistik), aber ihr Duktus war streng formell und dem unverständlichen Latein näher, es wurde nur von wenigen Menschen aus dem Adel gesprochen. Eine Hochsprache für alle Schichten der Gesellschaft schuf erst Martin Luther und seine Bibel war über alle Grenzen hinweg das erste Meister- bzw. Standardwerk der deutschen Sprache.

Allerdings schrieb Luther nicht primär für den kleine Mann/Frau, nein, er nutzte das Verständnis für die Bibel als Waffe gegen einen Katholizismus, der mit seinem Tand, seiner Selbstbeweihräucherung für Luther alle Grenzen des guten Geschmacks überschritt, er wollte eine Kirche in Selbstlosigkeit, ohne Eigennutz, ganz auf das Evangelium ausgerichtet. Die Predigt war in Deutschland nach Luther das wesentliche Mittel der öffentlichen Rhetorik. Man musste zuhören, konnte erregt sein, verärgert oder gut gelaunt: eine Entgegnung wie im englischen parlamentarischen System war nicht vorgesehen. Möglicherweise heute ein entscheidender Grund, warum wir immer noch so autoritätsgläubig sind. Bei den ersten öffentlichen Anhörungen im Suttgart 21 Fall erlebt man komischerweise zum ersten Mal die Rede und Gegenrede als eine wirkliche Bereicherung für die deutsche Debattenkultur - etwas völlig Neues, Partizipatives, Ernsthaftes. Interessanterweise werden Debatten im Bundestag nicht als ernsthaft, sondern als Inszenierungen empfunden.

Mich haben die weiten Sätze von Steinfeld fasziniert, weil Gedanken um Sprache dann besonders wild und gesprächsfördernd sind, wenn man ihnen auf gedruckter Weise folgen, sie stehen lassen, wieder lesen, sie wenden und drehen, ändern und klar stellen kann. "Mit literarischer Sprache geht nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Besänftigung einher, eine zivile Offenheit, die es nur in der Literatur gibt." Nirgendwo habe ich die Wirkung von Fernsehen besser aufgelesen als in dieser Formulierung des Autors: "Bei Bildern, bewegten zumal, ist es dagegen viel leichter, sie schlicht zu affirmieren. Sie sind einfach da, überwältigend, und der Geist des Zuschauers zieht sich bei ihrem Anblick zurück, wird kleinlaut und widerstandlos."

Der Gang zu den neuen, digitalen Medien verbleibt m.E. etwas im Ungefähren, nicht Wissenden. Man merkt, dass Steinbach als klassischer Journalist den Bedeutungsverlust seines eigenen Mediums erkennt und für die unzähligen Blogger z.B. keine Verwendung hat. Dies auf das Flüchtige zu reduzieren, das Nicht-Überlegte, schnell Dahingefaselte, halte ich für falsch. Tatsächlich sind Blogs jene Gegenrede, die Steinfeld beim einseitigen "Vom Kanzel Herab Reden" vermisst. Nicht umsonst entsteht so heute eine völlig neue Debattenkultur, die jenseits von Leitmedien uns alle gleichberechtigt neben die Informationsmeldegänger klassischer Prägung stellt. Bei der SZ ist heute für mich der Kommentarbereich der Leser weit relevanter und informativer als der eigentliche Artikel, der für mich nur der Auftakt für ein Gespräch darstellt.

Sprache fließt, sie ist kein Wert an sich, sondern bezieht diesen aus ihrer Notwendigkeit, Verständnis und Schlussfolgerungen zu ziehen, miteinander zu leben und zu überleben. "Die Frage nach dem besten Deutsch ist daher unfruchbar. Schon die nach dem besseren Deutsch wäre kaum zu beantworten, so viele Voraussetzungen wären dafür zu bedenken." Thomas Steinfeld hat völlig Recht und schreibt trotzdem ein tiefschürfendes Buch, das Verständnis weckt, Sprache verbessert, Herkünfte erklärt und am Ende klarstellt: "Schön ist die Sprache immer dann, wenn man einen Menschen in ihr wahrnimmt."
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26 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die grosse Freude an den Worten, 21. Januar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann (Gebundene Ausgabe)
Was man über dieses aussergewöhnlich schöne Buch sagen kann, fasst Thomas Steinfeld im Grunde auf Seite 231 gleich selbst zusammen: "Eine gute Sprache ist mehr, viel mehr als die Einkleidung eines vorhandenen Gedankens in eine möglichst passenden Satz. Wo sie wirklich gelingt, geht die Form ganz in ihrem Inhalt auf...".

Thomas Steinfeld ist das zweifelsfrei gelungen mit seinem Buch. Und all jene, die Freude an Worten und Sätzen, am Schreiben und Lesen haben, werden hier ihre kleine Insel des Glücks finden. Die Freude am Formulieren und Zaubern mit Worten dringt aus jeder Buchseite, denn es geht hier um nicht weniger als die Wertschätzung und ein Bewusstsein für die Sprache generell.

Steinfeld beginnt mit Kafkas berühmten Einstiegssatz zu dessen Erzählung "Die Verwandlung": "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." Was hat es mit diesem Satz auf sich? Was macht seine beinahe magische Kraft aus? Auf sechs Seiten breitet Steinfeld seine Gedanken aus, um sich handkehrum im nächsten Kapitel unter dem Titel: "Die Phrase und ihr Wirken" dann munter eines Satzes von Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, anzunehmen und über die Hässlichkeit von Phrasen zu räsonieren: "Josef Ackermann benutzt eine Sprache, die nur scheinbar lebt und eigentlich schon immer tot war." Oder dann nimmt er sich in Kapitel 6 beispielsweise eine angetroffene Liftbeschriftung vor, "Geben Sie Ihr gewünschtes Zielstockwerk ein", um zwei Seiten lang über diesen Satz zu befinden und dann elegant auf Günter Grass zu kommen.

Es macht wirklich grosse Freude, dem allem zu folgen. Und so geht es über 33 Kapitel weiter. Heiter gelassen hin und her schweifend zwischen Hochkultur und Banalem. Zwischen Freund und Leid der Worte. Es mag zwar ein wenig sehr viel Sprachgeschichtliches drin sein (Luther, Goethe usw.), aber auch das liest man gerne, weil es immer klug und interessant daherkommt.

Sehr inspirierend und anregend ist das. Für alle, die Worte nicht einfach so verwenden wollen.

Peter Steiner, Autor von "Das Wesentliche so nah", "Weisheit für Minimalisten" u.a.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Für die Gruppe zwischen normalen Lesern und Sprachwissenschaftlern, 5. Juni 2011
Von 
Th. Leibfried "TL" (Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann (Gebundene Ausgabe)
Der Germanist und Musikwissenschaftler Thomas Steinfeld hat mit dem "Sprachverführer" ein Buch veröffentlicht, dessen Zielgruppe mir nicht ganz klar wird. Sprachwissenschaftler können es nicht sein, dazu ist das Buch nicht wissenschaftlich genug. Normale Leser wohl auch nicht, dazu ist das Buch zu akademisch. Und für die ganz kleine Gruppe der Nichtsprachwissenschaftler, die dennoch die Auseinandersetzung mit dieser Lehre und ihren Spezifika nicht scheuen, verkauft es sich zu gut.

Steinfeld behandelt die deutsche Sprache in kurzen Kapiteln, die er - von wenigen Ausnahmen abgesehen - einem Autor widmet. Von Kafka über E.T.A. Hoffmann und Thomas Bernhard zu Lessing, Jelinek, Luther und W.G. Sebald. In jedem dieser Kapitel wird grammatischer Aspekt beleuchtet: Phrasen, Präpositionen, Partizipien und Zeitformen, Substantive, Fälle, Satzzeichen oder Sprachlogik. Er spart nicht mit Kritik an Autoren oder Sprechern, garniert durch viele Beispiele: an Josef Ackermann genauso wenig wie an Rainald Goetz oder Johann Gottlieb Fichte.

Wer sich für Sprache, deren Herkunft, Entstehung und Entwicklung interessiert, und sich an unzähligen Begriffen wie parataktisch, deiktisch oder Subjunktionen - die in diesem Beispiel auch noch in einem Absatz verwendet werden - abschrecken lässt, wird manch Interessantes erfahren oder wiederentdecken.

"Die Sprachwissenschaft ist eine große akademische Disziplin, und als Nebenfach und beiläufiges Interesse läßt sie sich kaum betrieben [...]" schreibt Steinfeld am Ende des Buches. Dem lässt sich wenig hinzufügen. Vier Sterne für ein auch in Etappen zu lesendes Werk, das man durchaus auch im Nachgang kapitelweise, je nach aktueller Fragestellung, zur Hand nehmen kann.
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53 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Stilkunde in feuilletonistischem Stil, 5. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann (Gebundene Ausgabe)
Man sollte hier keinesfalls ein strukturiertes Lehrbuch für guten Schreibstil erwarten, das einem Schritt für Schritt zu besserem Stil verhilft, auch wenn die Kurzbeschreibung dies suggerieren könnte.
Vielmehr werden einzelne Sätze zahlreicher Autoren (nicht nur Schriftstellern wie etwa Kafka, Grass und Lessing, sondern auch vieler anderer Persönlichkeiten, wie Josef Ackermann und Niklas Luhmann, vgl "Blick ins Buch") stilistisch untersucht und bewertet. Dies regt zur Reflexion und Diskussion über Sprache an. Ich kann mir jedoch kaum vorstellen, dass hier wirklich der Schreibstil auch nur eines Lesenden verbessert wird. Man wird sich aber besser darüber unterhalten können. Wem daran gelegen ist, dem wird das Buch gefallen. Ich habe nur die ersten 3 Teilkapitel geschafft, was insbesondere wie folgt begründet ist:
Das Buch ist mit vielen (zeit-)geschichtlichen und kulturellen Bezügen versehen und insgesamt in feuilletonistischem Stil verfasst, was mir persönlich missfällt. Eine nachträgliche Recherche ergab bestätigend, dass der Autor leitender Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung ist. Ich habe diesen Teil von Zeitungen immer ausgespart und zeige mich schnell gelangweilt. Wer diesen Stil mag, wird hier ein interessantes und gelungenes Werk vorfinden, alle anderen sollten vom Kauf besser absehen.
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19 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht selten selber sprachgewaltig, 6. Januar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann (Gebundene Ausgabe)
Zugegeben: das Buch hat Längen. Auf einige Wiederholungen hätte man verzichten können - so etwa auf die mehrfache Lobhudelei des Deutschen als Sprache der Dichter und Denker, als Manifest des Willens zu bildgewaltigem Wort und tiefem Sinn in Klassik und Romantik. Aber die Wiederholungen sind entschuldbar; ebenso wie die nicht immer gelungenen Beispiele für grammatische Besonderheiten; und auch die hin und wieder ins Akademische abtrifftenden Erörterungen zu den Möglichkeiten des Satzbaus im Deutschen. Denn das Alles ist außergewöhnlich gut formuliert - ja mitunter meisterhaft.
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0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Langweilig, 28. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann (Gebundene Ausgabe)
Schön, ich wurde vorgewarnt, dies sei kein Sprachlehrbuch. Aber deswegen muss doch nícht allgemein getellt werden, bis man einnickt. Mangels Vergleiche oder Beispiele bleibt nichts hängen. So kann ich über das Buch nur sagen, dass ich seinen Inhalt bereits vergessen habe, es auch keine Erheiterungseffekt oder sonstwas ausgelöst hat. Übrig bleibt nur ein Eindruck, auf den das Wort blass passt.
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Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann
Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann von Thomas Steinfeld (Gebundene Ausgabe - 16. August 2010)
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