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Istanbul: Erinnerungen an eine Stadt
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49 von 51 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 7. Dezember 2006
Als Orhan Pamuk 1952 in Istanbul geboren wird, ist die Metropole am Bosporus schon seit Jahrzehnten dem Verfall preisgegeben - einem Verfall, der etwas Malerisches, Melancholisches hat und mit dem Ende des Osmanischen Reichs einsetzte. Der allmähliche Verlust des Familienvermögens spiegelt diesen Verfall wider.

Zunächst wächst der Junge in seiner Großfamilie auf, relativ isoliert von der eigentlichen Stadt. Das ändert sich, als er in die Schule kommt. Mit den Jahren wird er mehr und mehr Teil der Stadt, er beginnt, sie zu zeichnen und zu malen. Doch seine Mutter weiß, dass er selbst als höchst talentierter Maler im Istanbul seiner Zeit keine Chance hätte. Sie nötigt ihn, eine Entscheidung für seine berufliche Zukunft zu treffen. Aber das Beschreiben, die Darstellung, das Erzählen sind seine Welt, wenn nicht mit Farbe, so mit Worten, die Farben vermitteln können. Und so sagt er seiner Mutter: "Ich werde nicht Maler. Ich werde Schriftsteller."

Seine Entscheidung wurde 2006 mit dem Nobelpreis für Literatur belohnt.

Der Autor schildert seine facettenreiche Heimatstadt aus der Sicht des heranwachsenden Kindes, sodass der Leser ihre Entwicklung hautnah miterleben kann und sie sich nach und nach behutsam erschließt. Pamuk bindet zudem sehr interessante Exkurse über viele Aspekte der Geschichte Istanbuls ein, darunter Kunst und Literatur und selbstverständlich die Politik des Osmanischen Reiches. Zahlreiche persönliche Fotos sowie historische Bilder bereichern das Buch und vermitteln in ergänzender Weise einen Eindruck der im Text beschriebenen Orte und Gegebenheiten.

Orhan Pamuks Schreibkunst ist wie sein Gegenstand eine bezaubernde Mischung aus westlichem Faktenreichtum und orientalischer Farbigkeit. Man könnte auch sagen, er schreibe konkreter als ein orientalischer Erzähler und wesentlich bunter, ornamentreicher als die meisten europäischen Romanciers. Es verwundert nicht, dass er einst Maler werden wollte.

Pamuks Erinnerungen an Istanbul ergeben eine der charmantesten, stimmungsvollsten Autobiografien. Gleichzeitig sind sie die Biografie einer Stadt zwischen den Welten.
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56 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 500 REZENSENTam 11. Dezember 2006
Von seiner Kindheit in Istanbul berichtet der Nobelpreisträger und von den unbekannten Vierteln Istanbuls; von Franzosen und Engländern, die im 19. Jahrhundert in die osmanische Hauptstadt kamen und darüber schrieben oder malten; von türkischen Schriftstellern, die am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Stadt als Thema entdeckten und vom Verfall einer Stadt, die einst Hauptstadt einer Weltmacht war und dann ins Abseits geriet, in Armut und Vergessen.

Das Buch ist eine Liebeserklärung an Istanbul und eine traurige Bilanz des Zerfalls. Das dokumentiert nicht nur der glänzend geschriebene Text, sondern eine Unzahl historischer Schwarz-Weiß Fotos. Und es erklärt uns 'Hüzün', die schwermütige Stimmung, die Istanbul befallen, sich als Gemeinschaftsgefühl auf die Bewohner gelegt hat.

Auch wenn das Buch das alte Istanbul zwischen 1800 und 1970 beschreibt, die Zeiten, als es "nur" 1 Millionen Einwohner hatte, statt wie heute 15 Millionen, 'Hüzun' begegnet dem Besucher immer noch. Oft habe ich mich gewundert, nicht warum in allen türkischen Läden ein Bild von Atatürk hängt, wohl aber, warum es in den allermeisten Fällen nicht Atatürk als siegreichen Offizier in Uniform, nicht Atatürk als erfolgreichen Staatsmanns zeigte, sondern einen melancholisch in die Ferne blickenden Mann voller Sehnsucht zeigt. Hüzün, kein Zweifel.

Westliche Autoren wie Flaubert, Nerval, Gautier gaben sich im 19. Jahrhundert ihrer Orientbegeisterung hin, zelebrierten ihre eigene Form von Melancholie in der Stadt am Goldenen Horn. Anton Ignaz Melling zeichnete 1819 erstmals die Stadt. Auffällig, dass alle die Militärs und Ingenieure, die erst Preußen, später das deutsche Reich an den Bosporus entsandte, bei Orhan Pamuk nicht vorkommen. Aber preußische Militärs waren anders als französische Schriftsteller nicht dafür berühmt, anschauliche Schilderungen der Länder zu verfassen, die sie besuchten.

Vier türkische Autoren folgten den Franzosen: Re'at Ekrem Koçu, Abdülhak 'inasi Hisar, Yayha Kemal und Ahmed Hamdi Tanpinar. Allesamt, wie sollte es anders sein, melancholisch (und unverheiratet), allesamt von westlichen Autoren geprägt und gleichzeitig '- das ist verblüffend '- viel stärker auf das alte Istanbul, die osmanische Kultur bezogen, als ihre Mitbewohner, die sich einfach am Westen orientierten und dem Verfall der alten osmanischen Vierteln und Häusern keine Träne nachweinten, ja sogar die Brände, die einen alten Holzkonak nach dem anderen auffraßen als willkommene Abwechslung und Feierabendvergnügen begriffen.

Der Bezug auf die alte Kultur fällt auch bei Pamuk auf. Dieser Spagat zwischen Bewunderung für den Westen und der Scham für das arme, heruntergekommene Istanbul; die Liebe zur alten Kultur und gleichzeitig das Gefühl, dass diese nichts hervorgebracht habe, das sich mit dem Westen vergleichen ließe. In der Türkei gelten Künstler, erst recht Schriftsteller nichts, sagt Pamuk über sein Land und ich frage mich als Leser: Gab es keine Tausendundeine Nacht, gab es im osmanischen Reich nicht eine eigene Gilde der Geschichtenerzähler, wie Elsa Sophia von Kamphoevner behauptete? Oder ist dies nur eine weitere der orientbegeisterten Mythen, die das Abendland so gerne pflegt?

Überhaupt der Westen in der Türkei. Mit der Verwestlichung kam der Nationalismus, der aus dem osmanischen Vielvölkerstaat einen türkischen Nationalstaat machte und die ethnische Säuberungen 1923 und 1955 brachte. Ebenso die Verteufelung der Homosexualität. Nicht alles Westliche zeichnet sich durch Toleranz aus, auch wenn FAZ und andere Medien das gerne behaupten. Auch heute sind es die westlich orientierten Nationalisten, nicht die Islamisten, die unliebsame Autoren immer aufs neue vor türkische Gerichte zerren.

Einher mit dem Verfall Istanbuls geht der Verfall von Pamuks Familie. Vater und Onkel bringen in immer neuen Konkursen das großväterliche Erbe herunter. Der Sohn beobachtet es, wie er die Schiffe auf dem Bosperus beobachtet, wie er beobachtend die unbekannten ärmlichen Viertel durchstreift, in die sich normalerweise kein gebildeter westlicher Türke verläuft. Überhaupt ist Beobachten, nicht Bewerten die Stärke des Autors.

Manchmal wünsche ich mir als Leser allerdings ein wenig mehr Kommentar zu diesen seinen Beobachtungen. Etwa wenn er erwähnt, dass die rigide Zensur des Osmanenherrschers Abdülhamid II. (1876-1909) türkische Schriftsteller auf unpolitische Themen ausweichen ließ. Und auch über seine eigenen politischen Vorstellungen als er zwanzig war, schreibt er nur, dass er Parka trug und links war. Der Verlag hätte auch gut daran getan, der deutschen Ausgabe ein kommentiertes Personenverzeichnis beizufügen. Welcher Deutsche weiß schon, wann Abdülhamit und die anderen Herrscher regierten?

Die beiden letzten Kapitel sind sehr persönliche Schilderungen. Wie er sich in ein Mädchen, die "schwarze Rose" verliebte und sie in ihn und wie der Vater daraufhin das Mädchen umgehend in ein Schweizer Internat verfrachten ließ. Eine bittersüßte Liebesgeschichte, anrührend und tragisch zugleich. Und die Reaktionen seiner Mutter, als er ihr eröffnete, dass er das Architekturstudium abbrechen und Maler werden wollte. Die Mutter reagierte, wie wohl alle Mütter dieser Welt in solchen Fällen reagieren: Entsetzt.

So gibt uns Orhan Pamuk in "Istanbul" eine sehr persönliche Sicht auf die Stadt, stilistisch meisterhaft formuliert und inhaltlich dicht; macht uns mit ihr bekannt; weckt aber gleichzeitig neue Fragen und lässt uns nachsinnen. Doch was kann man von einem Buch besseres sagen?

(C) Hans Peter Roentgen
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 13. Juli 2008
418 Seiten über eine Stadt? Geht nicht, oder? Interessant für Geographen oder Historiker, aber Literatur? Keine Handlung, kein Spannungsbogen, keine Geschichte?
Wer hier was Leichtes für den Urlaub erwartet, am besten noch den ultimativen Stadtführer, der liegt falsch.

Ich muß sagen, mir fällt es selber schwer zu erklären, warum ich dieses Buch gut finde. Tatsache ist, ich habe es einfach richtig gern gelesen.

Das Buch bringt einem nicht nur Istanbul nahe, sondern die Türkei, die Türken. Was es wirklich bedeutet, zwischen Orient und Okzident zu leben, jenseits des Klischees. Es macht den Widerspruch liebenswert, den Verfall und die Melancholie, ohne es aber ins Reich des Exotischen zu verfrachten, wie es so viele Schriftsteller vor Pamuk getan haben. Verfall ist Verfall, und nicht die Rückkehr zu den Ursprüngen oder was immer man Exotisches, Romantisches da hineininterpretieren mag. Er versteht es einfach meisterhaft, Schwächen vorbehaltlos zu entlarven und dennoch nicht herumzumäkeln. Egal, ob es sich um die eigene Stadt, die eigene Familie oder die eigene Jugend handelt - Liebe ist, wenn man auch die Schwächen liebt. Keine atemberaubende Sprachakrobatik, keine bemühten Metaphern, kein Bildungsexhibitionismus. Ein meisterhafter Erzähler, der mit Liebe schreibt. Ich glaube, das ist es, was das Buch ausmacht. Ich meine, kann man wirklich darüber schreiben, daß eine Stadt schwarz-weiß ist? Ist langweilig, oder? Jedoch die Wärme, mit der Pamuk dieses Schwarz-weiß schildert, gibt ein wohliges Gefühl. Läßt uns die Stadt erleben und erfühlen.

(Be-)schreiben, ohne zu urteilen. Vielleicht kann das wirklich nur ein Istanbuler. Europäer tragen ihr Päckchen antiker Dialektik mit sich herum, versuchen immer, zu urteilen, zwischen richtig und falsch abzuwägen. Schließlich sind wir hier an der Schnittstelle zwischen West und Ost - und vielleicht geht es eben gar nicht um richtig oder falsch, um schön oder häßlich, um schwarz oder weiß. Es geht einfach nur um Istanbul. Es geht um Menschen. Gefangen in ihrer Geschichte, der eigenen und der ihrer Nation, hin- und hergerissen zwischen zwei Welten, zwischen Scham und Stolz, individuellem Streben und kollektiven Zwängen.

So beschrieben, daß man es gerne liest. Was will man mehr?
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15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 21. April 2008
Als ich das Buch in den Regalen im Schaufenster mit ehrenvollen Aufschriften wie "Bestseller" "Autor ist Nobelpreisträger" etc sah, war ich der Überzeugung, dass diese ruhmvolle Dekoration etwas heißen muss und kaufte es noch in der gleichen Minute.

Das Buch handelt bekanntlich über das Leben von Orhan Pamuk selbst.
Am Anfang erzählt er von seiner Kindheit, von seinen Gedanken als Kind und stellt dem Leser seine Familie vor. Bis dahin noch recht amüsant zu lesen und es gibt noch Hoffnung, dass es wohl auf den nächsten Seiten spannender wird. Zwischendurch und auch später schildert er die Lage in Istanbul in den 50ern, erzählt von den Problemen der Stadt, der Menschen, spricht diese und jene Straßen und Gebäuden an, gibt geschichtliche Hintergrundinfos zu Selbigen und nennt einige Autoren und wichtige Persönlichkeiten aus der Antike, die ihn beeindrucken.
Plötzlich tritt seine Familie erneut in den Vordergrund, er setzt fort mit anderen Gebäuden und anderen Straßen, bringt andere geschichtliche Infos zum Ausdruck und beschreibt andere dunkle Seiten des Lebens in Istanbul - und das, das ganze Buch über, ohne einer einzigen fesselnden Stelle, ohne jeglichen Höhepunkt.

Bei allem Respekt, ich habe das Buch gekauft, um die ehemals schönste Stadt der Welt aus der Sicht eines der berühmtesten Autoren der Türkei zu erleben, mit der Hoffnung, dass ich mich in diese Zeit zurückversetzen kann, und mir vorstellen kann, wie die alte Türkei und das Leben damals gewesen sein muss. Doch leider wurden meine Hoffnungen nicht ansatzweise erfüllt, da ich sogar teilweise Schwierigkeiten hatte, dem Erzählten zu folgen - geschweige denn mich zurück zu versetzen. Ich weiß nicht wie es anderen Lesern ging, aber mich hat das Lesen ernsthaft Nerven gekostet. Denn wenn teilweise ein einziger Satz ein Viertel einer Seite umfasst, vergisst man nicht selten wie der Satz angefangen hatte, und man ist gezwungen den einen Satz mehrmals durch zu gehen, um ihn zu verstehen. Und wenn dies jede Seite der Fall ist, verliert man auch recht schnell die Lust weiter zu lesen. Und wenn auch noch hinzukommt, dass der Inhalt so monoton ist und einem einfach nicht interessant erscheint, macht man es so wie ich, und legt das Buch nach der 300sten Seite weg, uns spart sich das Ende.

Ich schätze Orhan Pamuk sehr, und kenne den Stellenwert seiner sonstigen Bücher. Aber leider, das Buch, für dessen Präsentation ein ganzes Schaufenster ehrenvoll dekoriert und geschmückt wurde, und von dem ich persönlich am Meisten hielt, enttäuschte mich am Meisten. Für Leser, die Istanbul kennenlernen möchten, ergeben sich eindeutig günstigere Wege an Informationen zu gelangen, als über dieses Buch.
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20 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Der Autor Orhan Pamuk, einer der bedeutendsten Prosaautoren der heutigen Türkei ist durch den Literatur Nobelpreis noch berühmter geworden, als er es ohnehin für viele Literaturkenner schon war. Mit seinen Büchern „Schnee“, „Das neue Leben“, „Die weiße Festung“, „Rot ist mein Name“ und „Das schwarze Buch“ wurde er einem breiten Publikum bekannt. „Istanbul“ ist sein neuestes Buch. Es ist nicht nur ein Roman, sondern es sind auch seine persönlichen Erinnerungen die er uns bei seinem Bummel durch Istanbul mitteilt. Er reflektiert über seine ersten Erkundungen an der Hand der Mutter oder der ersten Fahrt im Auto seines Onkels und schließlich seine ersten Spaziergänge die er allein unternommen hat. Die Großfamilie lebt noch wie zu osmanischen Zeiten unter einem Dach. Pamuk verbindet mit einer gewissen Melancholie Altes mit Neuem auf ganz wunderbare Weise. Er zeigt, wie in dieser Großstadt die Gegensätze einer stark moslemisch geprägten ländlichen Tradition mit den neuen Fakten einer westlich-weltmännischen Sicht, aufeinander prallen. Es geht nicht nur mit seiner Familie bergab, denn Vater und Onkel verlieren unaufhaltsam ihr Vermögen, sondern der Niedergang macht auch vor der kosmopolitischen Stadt nicht Halt. Und so schildert uns der Autor mit emotionaler Traurigkeit, wie sich die schrittweise Auflösung von Pamuks Familie in dem sukzessiven Niedergang der Stadt Istanbul spiegelt. Eine sehr schöne historische Einführung in diese wirklich sehr eigenartige wie gleichermaßen ungewöhnliche Stadt.

Historisches und Modernes verbindet sich gut darin.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 3. April 2007
Die Hörbuchversion des vorliegenden Romans von Orhan Pamuk bedarf einiger zusätzlicher Kommentare. Zum einen geht aus der Produktbeschreibung nicht sogleich hervor, dass das Hörbuch insgesamt 11 CDs umfasst.

Zum anderen handelt es sich um eine Lesung von Ulrich Noethen, die durch keinerlei szenische Inszenierung untermalt oder aufgelockert wird. Dies setzt einen "fortgeschrittenen Zuhörer" voraus, der in der Lage ist, gut zwölf Stunden lang der ruhigen Stimme Noethens konzentriert zuzuhören.

Gut gelungen ist Noethen die Adaption einer türkischen Aussprache bei Namen und geographischen Termini.

Ergänzend hier einige Informationen zum Werk an sich:

Nehmen wir es gleich vorweg, das Buch ist ein (auto-) biographischer, historischer Rückblick, ein Familienroman à la "Café Heimat", wenn man so will, bei der die eigene Familiensage vor dem Hintergrund der Stadtgeschichte Istanbuls umfassend nachvollzogen wird. Dass das nicht für jeden Leser gleich interessant ist, liegt in der Natur der Dinge.

Als Reiseführer eignet sich das Buch ebenfalls nicht, da es vor allem die historischen Veränderungen Istanbuls beschreibt, denn es heißt ja auch im Untertitel "Erinnerungen an eine Stadt".

Spannend ist das Buch sicher vor allem (nur?) für die Leser, die sich entweder für die Geschichte und Kultur Istanbuls interessieren oder selber in dieser Stadt leben bzw. gelebt haben. Und so ist es auch weniger ein belletristisches Werk denn ein Sachbuch.

Das von Pamuk als "Hüzün" beschriebene melancholische Lebensgefühl der Stadt durchzieht - wie auch anders - das gesamte Buch. Dadurch mag es für den einen oder anderen Leser "langweilig" und ermüdend wirken.

Fazit: Man muss schon ein gewisses Maß an Interesse an der Geschichte und Kultur Istanbuls mitbringen, will man dieses Werk genießen können. Wer es liest, nur, weil es einen Literaturpreis erhalten hat, wird vermutlich enttäuscht werden.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 22. August 2010
In "Istanbul" bemüht sich Pamuk nach eigener Aussage darum, durch sich über Istanbul und durch Istanbul über sich zu berichten (S. 334). Daher zeichnet sich das Buch durch das Ineinander von Familienbiographie, Kindheitserinnerungen, Memoiren und Stadtbeschreibung aus. Dass diese Mischung mit kleineren Abstrichen insgesamt überzeugend gelingt, ist wohl auf das im Buch zum Ausdruck kommende innige Verhältnis des Autors zu dieser Stadt zurückzuführen. Istanbul, wo er seit 50 Jahren wohnt, ist sein "Schicksal" (S. 14), Quelle und Antrieb seiner schriftstellerischen Tätigkeit.

In 37 Kapiteln behandelt Pamuk den Zeitraum zwischen seiner Geburt 1952 und der Entscheidung, das Architekturstudium zu "schmeißen" und Schriftsteller zu werden im Jahre 1972. Die Erinnerungen an Vater, Mutter, Bruder, Geschwisterzank, Großmutter, Schulzeit, den eigenen Glauben, Ehekrach und erste Liebe wechseln sich ab mit Ausführungen über die Istanbul-Reiseberichte westeuropäischer Autoren (Nerval, Gautier, Flaubert), mit Porträts Istanbuler Ortschronisten, Schriftsteller und Journalisten, mit architektonischen Beobachtungen sowie mit örtlichen Besonderheiten, mit der Bedeutung des Bosporus oder dem Katastrophentourismus der Einheimischen.

Verbindendes Element ist das im 10. Kapitel anschaulich und detailliert geschilderte, mit Istanbul verbundene melancholieähnliche Gefühl - der "hüzün". Es wird nach Pamuk Tag für Tag von den Einwohnern gemeinschaftlich empfunden, sie erliegen ihm. Seine Ursache habe es im Verlust historischer Größe infolge des Zerfalls des Osmanischen Imperiums. Die Folge, dass sich eine Millionenstadt diesem Gefühl hingebe, seien Entschlusslosigkeit, Passivität und Daseinsöde, die etwa in dem Satz seiner Mutter mündeten: "Hier ist doch sowieso alles für die Katz."

Neben der Begegnung mit diesem Grundgefühl, dieser Mentalität Istanbuls, erhält man Einblick in die Denk- und Lebenswelt einer westlich orientierten Bourgeoisie in den 50er und 60er Jahren, zu der auch Pamuks Familie zählt. Pamuk hat sowohl seine Mutter als auch seinen Vater, dem das Buch gewidmet ist, zwar geliebt, doch kritisiert er die Oberflächlichkeit der Westorientierung, die dem Materiellen (Hausgeräte etc.), der Mode und ähnlichem verhaftet bleibt, ohne die westliche Kultur in ihrer Tiefe verstehen zu wollen. So finden sich zwar die Klassiker der westeuropäischen Literatur in den Bücherschränken, doch sind sie nur Staffage und niemand außer Pamuk liest sie. Gleiches gilt jedoch letztlich für die eigene, türkische, Geschichte, Malerei und Literatur, für die sich niemand zu interessieren scheint, weshalb der Eindruck einer gewissen Kulturlosigkeit der Bewohner dieser kulturell so bedeutsamen und interessanten Stadt entsteht.

Das Buch ist mit unzähligen Schwarz-Weiß-Fotografien - Familienfotos, Stadtansichten, Stiche - reich bebildert. Die Fotografien sind sorgfältig platziert, das heißt sie stehen immer in engem Bezug zum Text. Allerdings sind sie oft zu klein, um zu wirken und ermüden auch teilweise durch eine gewisse Redundanz. Das ist sehr schade, weil einige auch fotografische Qualität haben. Manchmal gibt es im Text etwas langatmige Wiederholungen.

Über diese liest man aber, wenn man mit dem Rhythmus des Buches vertraut geworden ist, schnell hinweg. Pamuks Stil ist reflektierend und anschaulich. In seiner Mischung aus Familienanekdoten, Selbstreflexion und Stadtbeobachtungen ist das Buch abwechslungsreich und unterhaltsam, teilweise auch witzig. Manchmal aber wird man selbst bei der Lektüre melancholisch ...

Man muss Istanbul nicht gesehen und erlebt haben, um das Buch mit Gewinn zu lesen, aber es macht die Lektüre vielleicht intensiver, wenn man an eigene Eindrücke anknüpfen kann. Das Buch ist nichts für Drei-Tage-Touristen, es ist kein Reiseführer, zumal die touristischen Sehenswürdigkeiten im Sultanahmet (Hagia Sophia, Blaue Moschee etc.) kaum Erwähnung finden. Wer mehr über Pamuk und seine Entwicklung zum Schriftsteller erfahren will, über die türkische Bourgeoisie, über das Schwanken zwischen Ost und West, über Mentalität, Seele, Architektur- und Kunstgeschichte Istanbul, dem sei das Buch empfohlen, der wird es mit Gewinn lesen.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Der Autor Orhan Pamuk, einer der bedeutendsten Prosaautoren der heutigen Türkei ist durch den Literatur Nobelpreis noch berühmter geworden, als er es ohnehin für viele Literaturkenner schon war. Mit seinen Büchern "Schnee", "Das neue Leben", "Die weiße Festung", "Rotist mein Name" und "Das schwarze Buch" wurde er einem breiten Publikum bekannt. "Istanbul" ist sein neuestes Buch. Es ist nicht nur ein Roman, sondern es sind auch seine persönlichen Erinnerungen die er uns bei seinem Bummel durch Istanbul mitteilt. Er reflektiert über seine ersten Erkundungen an der Hand der Mutter oder der ersten Fahrt im Auto seines Onkels und schließlich seine ersten Spaziergänge die er allein unternommen hat. Die Großfamilie lebt noch wie zu osmanischen Zeiten unter einem Dach. Pamuk verbindet mit einer gewissen Melancholie Altes mit Neuem auf ganz wunderbare Weise. Er zeigt, wie in dieser Großstadt die Gegensätze einer stark moslemisch geprägten ländlichen Tradition mit den neuen Fakten einer westlich-weltmännischen Sicht, aufeinander prallen. Es geht nicht nur mit seiner Familie bergab, denn Vater und Onkel verlieren unaufhaltsam ihr Vermögen, sondern der Niedergang macht auch vor der kosmopolitischen Stadt nicht Halt. Und so schildert uns der Autor mit emotionaler Traurigkeit, wie sich die schrittweise Auflösung von Pamuks Familie in dem sukzessiven Niedergang der Stadt Istanbul spiegelt. Eine sehr schöne historische Einführung in diese wirklich sehr eigenartige wie gleichermaßen ungewöhnliche Stadt. Historisches und Modernes verbindet sich gut darin.

Dieses wunderbare Buch wird von Ulrich Noethen, einem der populärsten deutschen Schauspieler und einem der besten Sprecher, eindrucksvoll vorgelesen.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Ursprünglich wollte ich mir das Hörbuch nebenbei beim Abwaschen anhören - naja irgendwann, war es dann so, dass ich den Abwasch kaum abwarten konnte.. Also das Hörbuch hat mir sehr gut gefallen.

Orhan Pamuk berichtet aus seiner Kindheit und Jugend im Istanbul der 50er bis frühen 70er Jahre. Aus der Geschichte geht hervor, dass er eigentlich immer in dieser Stadt, die er kennt und liebt, geblieben ist. Pamuks Istanbul ist hervorragend erzählt, mit schönen sprachlichen Bildern, ironisch und anschaulich. Man erfährt viele interessante Hintergründe über die Stadt und viel über das Lebensgefühl des Orhan Pamuk, das Werk ist ja, wie gesagt, autobiographisch. Es gibt viele Beschreibungen darüber, wie die westliche Rezeption der Stadt, in der Vergangenheit, in Malerei und Literatur, gewesen ist und wie die Bewohner der Stadt damit gelebt haben. Kuriositäten aus dem alten Istanbul, der Abstieg des Osmanischen Reiches und die Verwestlichung Istanbuls werden thematisiert, so wie auch ein, aus dem Gefühl des Abgeschnittenseins der Stadt resultierender Zustand, der des Hüzün, sind zentrale Punkte im Buch. Sonst sehr interessant, aber oft auch lustig, viele Beschreibungen aus dem Alltag der wohlhabenden aber irgendwie erfolglosen Familie, die Kämpfe mit dem Bruder, Erinnerungen aus der Schule, erste Liebe, Schiffe und Viertel am Bosporus - das alles wirkt sehr echt und lebendig. Auch die psychische Verwirrung und die Tagträumereien des jungen Orhan sind, nach meinem Dafürhalten, sehr treffend skizziert. Wer hier allerdings eine konventionelle Story mit Spannungskurve etc. erwartet oder eine Art Reiseführer, wird tatsächlich enttäuscht werden. Allerdings muss man nicht unbedingt von vornherein einen Bezug zu Istanbul mitbringen, um etwas von diesem Hörbuch zu haben.

Ein schönes Hörerlebnis mit Anspruch, sehr glaubwürdig und mit guter Stimme vorgetragen von Ulrich Noethen. Eine spannende Reise in eine interessante Stadt zu einem Mann mit einem wachen Auge für die Kulturen.
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36 von 50 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 7. Januar 2007
Der erste Eindruck nach der Lektüre des vorliegenden Buches von Pamuk ist ein starker Eklektizismus: er erzählt ein bisschen autobiographisch von seiner Kindheit, ein bisschen von Istanbul der 60er und 70er Jahre des letzten JH, ein bisschen über einige türkische Autoren (hauptsächlich jedoch über vier Autoren) aus der ersten Hälfte des 20. JH, und ein bisschen philosophiert er über westliche Maler und Autoren, die Istanbul im 19. JH besucht und gemalt oder über die Stadt geschrieben haben, aber nichts richtig Fesselndes. Der Hauptdiskurs des Buches ist die von ihm empfundene Trauer der Stadt (und die des Autors), die er durch die Komposition des Buches in Schwarz-Weiss nocht unterstreicht.

Wer Pamuk von seinen früheren Werken kennt (ich habe alle seine Werke in Original gelesen), wird gemerkt haben, dass seine stärksten Werke die früheren waren: u. a. "Cevdet Bey und seine Söhne", "Das schwarze Buch" "Mein Name ist Rot" gehören zu den Werken, die ihm, wie ich finde, zurecht, den verdienten Ruhm gebracht haben. Der treue Leser wird jedoch auch gemerkt haben, dass ihm offensichtlich seine literarische Munition allmählich ausgeht und seine Werke immer ärmer, künstlicher, ja gezwungener wirken.

So ist auch Istanbul: viele Redundanzen (einerseits fordert er die Leserschaft beim Lesen durch seinen sehr verschachtelten Duktus zu einer disziplinierten Konzentration heraus, andererseits muss der Leser mindestens an 4 - 5 Stellen wiederholt erfanren, dass der französische Schriftsteller Gautier 1852, also 100 Jahre vor der Geburt des Autors, Istanbul besucht hatte), immer wieder im Kern ähnliche Aussagen zur Trauer der Stadt und zu seiner Trauer, Flüchtigkeitsfehler (auf Seite 230 der türkischen Ausgabe scheribt er, dass zwei Dinge den Prozess "westliche Beobachter - das Verschwinden" brechen können; dann gibt er an "erstens" das Rudel der Straßenhunde, "zweitens" sucht der Leser jedoch vergeblich - offensichtlich hat der Autor seine eigene Angabe mit "zwei Dingen" selbst übersehen!) Auch seine Selbstanalysen, die einen erheblichen Teil des Buches ausmachen, lassen die in der Weltliteratur bekannte Tiefe und Schärfe (wie z. B. bei Franz Kafka oder James Joyce) reichlich vermissen und kratzen nur auf der Oberfläche.

Wer hofft, in diesem Buch Anhaltspunkte zur Stadt Istanbul zu finden, wird enttäuscht: hier wird ein düsteres, schwarzes Bild von Istanbul von vor 50 Jahren gezeichnet - insofern bleibt beim vom Autor intendierten Schwarz-Weiss-Metapher leider nur das Schwarze übrig. Vielleicht sollte der Autor dieses Buch, anstatt "Istanbul. Erinnerungen und die Stadt" (Originaltitel) zutreffender Weise mit "Das schwarze Buch II" betiteln.

Insgesamt bleibt es literarisch leider ein armes Buch.

Dr. Cihan Arin
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