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70 von 75 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zwingt beim Lesen regelrecht zur Auseinandersetzung mit den Fragmenten und Täuschungen der eigenen Lebensgeschichte.
Für diesen schmalen, sprachlich konzentrierten und stilistisch sehr gelungenen, nachdenklichen Roman hat der englische Schriftsteller Julian Barnes 2011 -endlich, ist man geneigt zu sagen- den begehrten Booker Preis bekommen. Der Roman ist, hinter der Geschichte, die der Protagonist des Buches selbst erzählt, die tiefsinnige Umkreisung der Frage, was wir als...
Veröffentlicht am 14. Dezember 2011 von Winfried Stanzick

versus
58 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen ... und viele Fragen offen.
Erstaunlich, dass bisher nur ein einziger Rezensient die (zu) vielen offenen Fragen erwähnt. Das Buch ist zweifellos gut geschrieben und enthält bedenkenswerte Überlegungen zu Erinnern und Erinnerung, Vergessen, Verdrängung und Veränderung von Erlebnissen in der Rückschau.
Aber die "Auflösung" der spannenden Geschichte zwischen dem...
Veröffentlicht am 16. Februar 2012 von Koschka


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70 von 75 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zwingt beim Lesen regelrecht zur Auseinandersetzung mit den Fragmenten und Täuschungen der eigenen Lebensgeschichte., 14. Dezember 2011
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Für diesen schmalen, sprachlich konzentrierten und stilistisch sehr gelungenen, nachdenklichen Roman hat der englische Schriftsteller Julian Barnes 2011 -endlich, ist man geneigt zu sagen- den begehrten Booker Preis bekommen. Der Roman ist, hinter der Geschichte, die der Protagonist des Buches selbst erzählt, die tiefsinnige Umkreisung der Frage, was wir als Menschen überhaupt wissen können von unserem Leben. Wenn doch, wie jeder beim Nachdenken über sein eigenes Leben bis zurück in die Jugendzeit selbst schnell in Erfahrung bringen kann, die Erinnerung an das, was war, so unklar und trügerisch ist, wie soll man dann überhaupt erkennen und entscheiden können, was ein gutes Leben war oder ist ?

Indem Julian Barnes seine Hauptfigur Tony Webster als einen über sechzig Jahre alten Mann schildert, der über einen kürzeren Zeitraum hinweg sein Leben befragt, will er dem Leser zwischen den Zeilen die Erkenntnis vermitteln, dass jedes Bild, das wir, unser Leben erinnernd, uns von uns selbst machen, sich schon während dieses Vorgangs in ein permanent sich veränderndes Objekt verwandelt.

Tony Webster blickt auf ein durchaus erfolgreiches Leben zurück. Er hat es im Beruf zu etwas gebracht, sieht seinem Ruhestand gelassen entgegen. Seine Ehe mit Margaret ist zwar geschieden worden, doch immer wieder trifft er sich mit ihr, auch um die Dinge und Gefühle zu diskutieren, die ihn im Rahmen seiner Erinnerungsarbeit bewegen. Mit seiner schon erwachsenen Tochter versteht er sich gut.

Dieser eher durchschnittliche Mann hätte niemals in seinen Erinnerungen gewühlt und sich von ihnen sein Leben auf den Kopf stellen lassen, wäre nicht eines Tages ein Brief von einem Anwalt gekommen. Die Mutter seiner Jugendfreundin Veronica hat ihm das Tagebuch seines ehemaligen Schulfreundes Adrian vermacht. Dieser Adrian hatte, bald nachdem sich Veronica von Tony getrennt hatte, diese geheiratet und Tony damals in einem Brief quasi um Erlaubnis für diesen Schritt gebeten. Bald darauf nahm sich Adrian das Leben.

Veronica, die sich in den Besitz dieses Tagesbuch gebracht hat, will es Tony nicht überlassen. Weil er vermutet, aus diesem Tagebuch etwas über sein Leben zu erfahren, versucht er alles, um Veronica zur Herausgabe des Erbstücks zu bewegen. Und er beginnt die Geschichte zu erzählen, als, Jahrzehnte vorher, eines Tages ein neuer Schüler in die Klasse kommt, Adrian Finn. Klein und schüchtern, gibt er aber den Lehrern verstörende Antworten. Als in der Englischstunde etwa der Lehrer nach dem Sinn des Lebens am Beispiel eines Gedichtes fragt, antwortet Adrian:
"Eros und Thanatos, Sex und Tod. Oder Liebe und Tod, falls Ihnen das lieber ist. Jedenfalls um das erotische Prinzip und den Konflikt mit dem Todesprinzip und was aus diesem Konflikt folgt, Sir." Daran erinnert sich Tony noch sehr genau, genau wie an eine andere Szene aus dem Geschichtsunterricht. Auf die Frage des Lehrers, was Geschichte sei, antwortet Tony: "Geschichte ist die Summe der Lügen der Sieger."
Adrian Finn, danach vom Lehrer zu einer Antwort aufgefordert, sagt: "Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen." Und er bezieht es, weiter gefragt, auf den unerklärlichen Selbstmord des Mitschülers Robson, der sich erhängt hatte, nachdem er seine Freundin geschwängert hatte: "Nichts ersetzt die Aussage von ihm."

Dieser Satz, den er bei dem Franzosen Patrick Lagrange gefunden hat, ist sozusagen der Schlüsselsatz des ganzen Romans. Denn das ihm vermachte Tagebuch Adrians wird dem gesetzten Tony geradezu zur Obsession. Denn in Adrians Aussagen über ihn sucht er Aufklärung über sein eigenes Leben. Seine eigenen Erinnerungen sind ihm nicht genug, er glaubt, er könnte sich im Anderen finden. Eine verhängnisvolle Täuschung und eine erbärmliche Kapitulation des eigenen Ichs dazu.

Schon früher hatte Tony immer auf Adrian geschaut, seine Worte regelrecht in sich aufgesogen. Doch nun muss er, sich immer weiter erinnernd, und immer mehr Details erfahrend, ernüchtert feststellen, dass er selbst das Leben Adrians vielleicht mehr beeinflusst hat, als er dachte, bis hin zu seinem Suizid.

Der Roman fesselt seinen Leser bis zum überraschenden Ende und zwingt ihn regelrecht zur Auseinandersetzung mit den Fragmenten und Täuschungen seiner eigenen Lebensgeschichte.
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unruhe, große Unruhe, 12. April 2012
"Schade, schon vorbei." Das war mein erster Gedanke, als die letzte Seite gelesen war. Das Buch hat mich gefesselt von der ersten bis zu letzten Seite. Am Ende war ich fasziniert von der Geschichte, die Julian Barnes grandios auf einer verhältnismäßig kleinen Seitenzahl erzählt.
Der Leser begleitet den Ich-Erzähler Tony Webster bei seinem Weg zurück in die eigene Vergangenheit, ausgelöst durch die Ankündigung, das Tagebuch seines in Vergessenheit geratenen Jugendfreundes Adrian zu erben, der damals Suizid begangen hatte. Doch seltsamerweise soll Tony es erst jetzt, nach dem Tod der Mutter seiner Freundin zu Studienzeiten, Veronica, erhalten. Zwar könnte man meinen, dass mit der Erbschaft alles erledigt sei und bestenfalls der Grund für den Suizid zutage kommen würde; doch so einfach soll die Geschichte nicht werden. Wieso war das Tagebuch bei Veronicas Mutter aufgehoben? Wieso weigert sich Veronica, ihm das Tagebuch auszuhändigen? Und wieso scheint Veronica ihn zu hassen?
Wie in einem Krimi beobachtet der Leser Tonys Bemühungen und Gedankenspiele und versucht selber, in dessen Erinnerungen Hinweise auf diese Fragen zu finden. Tonys Erinnerungen - oder besser gesagt: gerade die fehlenden Versatzstücke in Tonys Erinnerung sind schließlich der Schlüssel, um vieles, wenn auch nicht alles zu verstehen.
Veronica hat - so zumindest erfährt es der Leser in Tonys Erinnerung - die schwierige Beziehung weitestgehend dominiert. Nach dem Ende der Beziehung werden Adrian und Veronica ein Paar. Tony ist gekränkt, schreibt jedoch einen halbwegs versöhnlichen Brief an Adrian; auch wenn er damit letztlich den Kontakt abbricht. So ist eben der Lauf der Dinge.
Dass Veronica nicht die netteste Zeitgenossin war, ahnt der Leser bereits. Doch warum verweigert sie Tony das ihm zustehende Erbe? Sie muss also mehr wissen als er. Als Tony von ihr einen Brief erhält, in dem er seine Schrift wiedererkennt, bekommt seine Erinnerung plötzlich einen ersten tiefen Riss. Denn in diesem Brief, den er offensichtlich damals an Adrian und Veronica geschickt hat, ist nichts Versöhnliches zu lesen; nur hässliche Beschimpfungen und Verwünschungen und der Hinweis an Adrian, dass er anscheinend nur Veronicas Mutter trauen kann. Mit diesem Brief nimmt der Roman noch einmal an Fahrt auf. Wie konnte Tony diesen Brief vergessen? Trägt Tony eine Mitschuld am Suizid seines einst besten Freundes? Ist dieser Brief der Grund für Veronicas jetziges Verhalten? Und vor allem: Welcher Erinnerung können Tony und Leser jetzt noch Vertrauen schenken?
Julian Barnes schafft ein Werk der allmählichen Destruktion seines Protagonisten, der am Ende der Geschichte feststellen muss, dass sich diese letztlich nicht ändern lässt. Doch vielleicht ist es noch gar nicht das Ende? Barnes hat einen starken Roman geschrieben, der trotz der unterschiedlichen Erinnerungsversatzstücke den Leser ohne Umwege, beinahe gnadenlos ans Ziel führt. Manche Sätze, die schon während des Lesens auffallen, lassen einen ahnen, dass sie wiederkehren werden. Das mag schon etwas konstruiert wirken, wird aber aufgewogen durch Auflösungen, die sich der Leser härter erarbeiten muss. Das Ende bleibt dennoch offen, selbst wenn einige Erzählstränge zu ihrem Ende gekommen sein mögen.
Ein tolles Buch! (Den Satz konnte ich mir nicht verkneifen ;o))
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131 von 149 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geschichte ist "die Summe der Selbsttäuschungen der Besiegten" (S.24), 6. Dezember 2011
In seinem nicht einmal 200 Seiten dünnen Roman "Vom Ende einer Geschichte", welcher - meiner Meinung nach zurecht - in diesem Jahr den renommierten Booker Prize gewonnen hat, erzählt der Autor Julian Barnes eindrucksvoll eine Geschichte über die Reflektion der eigenen Vergangenheit und dem kritischen Umgang mit sich selbst.

Der Ich-Erzähler, Tony Webster, erinnert sich im ersten Teil des Romans an seine eigene Jugend Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger Jahre in London zurück. Zu Schulzeiten gesellte sich zu seinem Freundeskreis, der bis dahin mit Alex, Colin und ihm aus drei Jungen bestanden hatte, der stille, aber hoch intelligente und sehr philosophisch denkende Adrian Finn. Nach der Schule trennten sich die Wege der Jungen, Tony studierte in Bristol, Adrian bekam das Stipendium für Cambridge, und der Kontakt wurde sporadisch. Tonys erste Freundin Veronica war für ihn eine Enttäuschung. Sie manipulierte ihn, ließ ihn zappeln und schon bald war Schluss. Später eröffnet Adrian ihm, dass er nun eine Beziehung mit Veronica hat und bittet um seine Erlaubnis, worauf Tony ungehalten reagiert. Der Kontakt der beiden jungen Männer endet.
Mit nur 22 Jahren nimmt sich Adrian das Leben und hinterlässt nur einen Abschiedbrief mit hochphilosophischen Erklärungen.

Mehr als 40 Jahre vergehen, in denen Tony ein ganz normales Leben führt, heiratet, eine Tochter und ein Enkelkind bekommt, geschieden und pensioniert wird. Doch dann holt ihn die Vergangenheit plötzlich wieder ein, denn Veronicas Mutter, die er nur ein einziges Mal gesehen hatte, hat ihn in ihrem Testament bedacht: 500 Pfund und Adrians Tagebuch soll er bekommen. Da Veronica dieses aber zurückhält, ist er gezwungen sich in seinen ungenauen Erinnerungen noch einmal intensiv mit seiner Vergangenheit zu beschäftigen und auch kritisch zu hinterfragen, ob er das Bild, das er all die Jahre von der Beziehung zu Veronica und von Adrians Tod hatte, wirklich richtig ist, oder ob er sich nicht vielleicht doch selbst getäuscht hat.

Berührend und voller überraschender Wendungen blickt der Ich-Erzähler auf sich selbst zurück und riss mich beim Lesen mit jeder Seite und ohne die kleinste Länge mit. Ein wirklich gelungener Roman, der einen nachdenklich stimmt und wohl noch lange in Erinnerung bleibt. Wirklich sehr lesenswert.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nachdenklich und großartig!, 18. Juli 2013
In „Vom Ende einer Geschichte“ erinnert sich Tony an sein Leben, seine Jugendzeit mit seinen Freunden, seine erste Liebe und einen Freund, der sich immer von den anderen abgehoben hatte, nämlich Adrian. Gemeinsam waren sie zur Schule gegangen, später trennten sich ihre Wege, als sie an unterschiedlichen Colleges studierten. Als Adrian mit Tonys erster Freundin eine Beziehung anfängt, bricht die Freundschaft ab. Tony heiratet, bekommt eine Tochter und lebt trotz späterer Scheidung ein glückliches und ruhiges Leben. Bis plötzlich der Brief eines Anwalts auftaucht und er das Tagebuch seines Jugendfreundes erben soll.
Julian Barnes beschreibt die Erinnerungen von Tony Webster ebenso eindringlich wie die Selbsttäuschung, der der Protagonist aufsitzt. Konfrontiert mit den Charakteren seiner Vergangenheit und ihrer Version seiner Lebensgeschichte wird ihm klar, wie subjektiv er seine Erinnerung verklärt und sich selbst ins richtige, weil schönere Licht gerückt hat. Ein alter Brief, den er damals geschrieben hat, zeigt ihm, wie unbarmherzig er doch mit anderen Menschen ins Gericht gegangen ist, ohne sich selbst kritisch zu hinterfragen und eigene Fehler einzugestehen. Die Geschichte um Tony und sein Leben nimmt einen mit auf eine Reise, die einen auch selbst hinterfragt. Denn jeder speichert seine Erinnerungen subjektiv ab, doch inwieweit verfälschen wir die Tatsachen dabei wirklich? Handelt es sich wirklich nur um Schönheitskorrekturen oder lügen wir uns an einigen Stellen nicht sogar unseren ganzen Lebensentwurf schön? Tony muss sich plötzlich mit diesen Fragen auseinandersetzen, an einem Punkt seines Lebens, an dem er eigentlich keine Abzweigungen oder Aufregungen mehr erwartet hatte.
All dies erzählt Julian Barnes mit einer Leichtigkeit, die einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt. Zu sehr will man wissen, was wirklich hinter dem Ende von Adrians und Tonys Freundschaft steckt, zu spannend ist die Frage, welche Rolle eine Frau dabei wirklich gespielt hat - und vor allem welche Frau. Die ganze Geschichte basiert auf den fein gestrickten Charakteren, die sich aneinander reiben, sobald sie aufeinander treffen. Dabei geht es auch um Menschen, die gerade deshalb Probleme haben obwohl sie eigentlich belanglos nebeneinander leben, ohne Konflikte auszutragen.
„Vom Ende einer Geschichte“ ist ein wunderbares nachdenkliches Buch, dass Fragen aufwirft, die sich auch der Leser stellen sollte. Für Tony lautet die wichtigste Frage „Wie war eigentlich mein Leben?“, denn seine Erinnerung scheint ihm einige -beschönigende- Streiche zu spielen.
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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wenn dich die Vergangenheit einholt..., 24. Januar 2012
Von 
goldmarie (lestumzuleben.blogspot.com/) - Alle meine Rezensionen ansehen
Colin, Alex, Tony und später auch Adrian - eine Gruppe pubertierender Jungen, nicht mehr Kind, aber auch noch nicht richtig erwachsen, die in von Sarkasmus und überspitzter Intellektualität geprägten Gesprächen über Literatur, Philosophie und ihren zögerlichen Erstkontakt zum schöneren Geschlecht diskutieren.
Einzig der hochbegabte Adrian scheint in allem etwas reifer zu sein, erhaben über die grundsätzlichen Verarschungen", die die anderen ihren Lehrern und dem Rest der Welt entgegenbringen.
Auch nach Ende der Schulzeit bleiben sie sporadisch in Kontakt, bis ihre Freundschaft durch eine plötzliche Tragödie ein jähes Ende findet.
Knapp vierzig Jahre später holt Tony (verheiratet, geschieden, Vater, Großvater und glücklich) seine Vergangenheit in Form eines Anwaltsbriefes und einer unerwarteten Erbschaft mit voller Wucht ein.
Plötzlich tauchen verdrängte Erinnerungen in seinem Kopf auf, unliebsame Zeugen seiner Vergangenheit und er muss alles in Frage stellen: seine Jugend, seine erste Liebe, seine Freundschaft zu Adrian und letztlich auch sich selbst...

Julian Barnes Geschichte vom Ende einer Geschichte ist eine Erzählung in ruhigen Tönen. Nicht spannungsgeladen und Nerven kitzelnd, nicht künstlich überzogen oder Aufmerksamkeit heischend.
Sie erzählt in Selbstreflexionen, Rückblenden und Begegnungen die Geschichte eines Lebens, nein, eigentlich mehrerer Leben und wie unmittelbar sie miteinander verflochten sind, sich gegenseitig beeinflussen und verändern - und wie oft man erst ganz am Ende (einer Geschichte) mit der Nase auf die Wahrheit stößt.
Oder, um es mit den Worten von Tonys Jugendliebe Angelica auszudrücken: Du kapierst wohl gar nichts, was? Hast du nie und wirst du auch nie."
Nach unzähligen Wendungen, Spekulationen, Überraschungen, Verblüffungen und Irrfahrten meiner Gedanken war ich am Ende der Geschichte angelangt - und Julian Barnes hat es, trotz dieser leisen, schleichenden Spannung, geschafft, mich mit seiner Geschichte, seiner Sprache, so gefangen zu nehmen, dass ich seiner Welt noch lange nicht entfliehen konnte.
In stilistischer Vollendung bringt der Autor die Gedanken der Protagonisten wie auch die Handlungsschübe stets haarscharf auf den Punkt. Er schreibt intelligent und anspruchsvoll, doch verfällt nie in die schwer entzifferbare, bei allzu vielen Literaten beliebte Maschinerie des ungenießbaren Schachtelsätze Konstruierens.
Ein wirklich lesenswerter, nachdenklich stimmender Roman in einer perfekten Symbiose aus Unterhaltung und Anspruch!
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie wahr sind unsere Erinnerungen?, 25. Februar 2012
Julian Barnes wurde für seinen Roman "Vom Ende einer Geschichte" mit dem Booker-Preis ausgezeichnet.Meiner Meinung nach vollkommen zu Recht!
In diesem Roman blickt der Erzähler, Tony Webster, auf sein Leben zurück. Er ist mittlerweile im Ruhestand, schon seit vielen Jahren geschieden, hat aber zu seiner Exfrau noch immer einen guten Kontakt, das Verhältnis zur erwachsenen Tochter ist entspannt. Der Rückblick in beruflicher Hinsicht ist ebenfalls zufriedenstellend.
Zu Beginn des Buches erinnert er sich an seine Schulzeit und seine beiden besten Freunde. Gemeinsam schien ihnen alles möglich. Kein Weg war ungangbar, kein Ziel zu groß. Als Adrian Finn in ihre Klasse kommt, verändert sich etwas in ihrer aller Leben. Adrian erscheint ihnen klüger, weltgewandter und auch weiser zu sein; an ihm und seiner Meinung müssen sich nun alle Themen und Problemstellungen ihres Lebens messen. Selbstverständlich geht Adrian zum Studium nach Cambridge, Tony "nur" nach Bristol. Dennoch bleiben sie in Kontakt. Ihre Freundschaft, wenn es denn je eine echte war, zerbricht erst als Adrian und Veronica, die kapriziöse Ex-Freundin Tonys, ein Paar werden. Für Tony endet ihre gemeinsame Zeit an diesem Punkt.
Das letzte was er über Adrian erfährt, ist dessen unerwarteter und unerklärlicher Selbstmord.

40 Jahre später erbt er überraschenderweise von Veronicas Mutter einen ungewöhnlichen Geldbetrag und das Versprechen, Adrians Tagebuch zu erhalten. Tony wird aus seiner angenehmen Routine herausgerissen und beginnt, sich Fragen zu stellen. Den Kontakt zu den anderen Freunden seiner Schulzeit hat er schon lange verloren. In seiner Verwirrung versucht er, Kontakt zu Veronica aufzunehmen. Diese verhält sich abweisend, kratzbürstig, wütend und ablehnend. Nach und nach dämmert Tony, dass mit seinen Erinnerungen etwas nicht stimmt oder ihnen zumindest große Teile fehlen. Verzweifelt bemüht er sich, die Lücken zu schließen. Wieder und wieder versucht er, sich an die gemeinsame Zeit mit Adrian und Veronica zu erinnern. Doch so sehr er sich auch bemüht, er kann die eingeschlagenen Wege seiner Gedanken nicht verlassen. Kleine Hinweise verweisen darauf, dass nicht alles so gewesen ist, wie es in seinem Lebensrückblick scheint.
Tony wird aus seiner Gemütsruhe gerissen. Ihm wird klar, dass er nichts mehr ändern kann, dass er nichts mehr in Erfahrung bringen kann, dass dieser Teil seines eigenen Lebens vor ihm verschlossen ist. Diese Unfähigkeit, nach so vielen Jahren, Klarheit in der eigenen Vergangenheit zu schaffen, wenn die hilfreichsten Personen dafür nicht mehr am Leben sind und die eigenen Erinnerungen nicht helfen, hat Julian Barnes großartig herausgearbeitet.

Mir hat das ganze Buch ausnehmend gut gefallen; folgende 2 Abschnitte aber ganz besonders: zum einen, als Julian Barnes Tonys Leben zwischen Studium und Ruhestand schildert. Dieser Zeitraum nimmt knapp 3 Seiten ein, erscheint aber völlig ausreichend, nicht bitter oder traurig. Alles was in ein Leben gehören sollte, findet in diesen wenigen Seiten Platz.
Und dann noch die vorvorletzte Seite, als plötzlich Tonys mühsam wiedergefundenes Gleichgewicht nochmals umgestoßen wird. Als endgültig nichts mehr so ist wie es sein sollte.
Ein Buch über das Leben und die Schwierigkeiten, die sich durch Erinnerungen ergeben können.
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58 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen ... und viele Fragen offen., 16. Februar 2012
Erstaunlich, dass bisher nur ein einziger Rezensient die (zu) vielen offenen Fragen erwähnt. Das Buch ist zweifellos gut geschrieben und enthält bedenkenswerte Überlegungen zu Erinnern und Erinnerung, Vergessen, Verdrängung und Veränderung von Erlebnissen in der Rückschau.
Aber die "Auflösung" der spannenden Geschichte zwischen dem Ich-Erzähler Tony Webster, seinem Freund Adrian, seiner Jugendliebe Veronika und deren Mutter ließen mich und inzwischen drei Bekannte ziemlich ratlos grübelnd zurück. Eine Begründung für das Testament und das Vermächtnis von 500 Pfund für Tony gibt es nicht. Warum wird diese Summe als "Blutgeld" (blood money) bezeichnet? Das aufschlussgebende Tagebuch ist bis auf eine kryptische Seite vernichtet. Was hätte Tony von sich aus verstehen sollen? Veronika, deren Verhalten ihm gegenüber ausgesprochen aggressiv ist, wirft ihm mehrmals vor:"Du verstehst überhaupt nichts." Warum fürchtet sich der behinderte (vermeintliche?)Sohn von Adrian vor Tony? War dieser womöglich sein Erzeuger? Irgendetwas hatte zwischen diesem und Veronikas und des Behinderten Mutter stattgefunden, was der Leser nicht erfährt, weil der Protagonist sich nur an Nebensächlichkeiten erinnert, die aber offensichtlich etwas zu bedeuten haben.
Wie man es auch dreht und wendet, das "Ende einer Geschichte" ist nicht überzeugend.
Bleibt zu überlegen, was der originale Titel "The Sense of an Ending" meint - Gespür für eine Ende, Bedeutung/Sinn eines Endes, oder....? Die deutsche Übersetzung ist es jedenfalls nicht.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen eine Geschichte, die das Leben erzählt, 13. März 2012
Wir sind dass was wir wahrnehmen. Das ist stets subjektiv und selektiv.
Weil Erinnerungen eben subjektiv sind, müssen sie nicht immer unbedingt der historischen Wahrheit entsprechen.
Julian Barnes stellt sich dieser Erfahrung in seinem Roman auf seine, bestechend kluge und sprachlich konzentrierte Art und Weise und regt den Leser damit sehr zum Nachdenken an. Und dennoch bei allem Tiefgang und aller Nachdenklichkeit ist der Roman schwungvoll und leichthändig, amüsant und voller Mitgefühl für seine Protagonisten. Wer die Zeit leugnet, der sagt: Vierzig ist gar nichts, mit fünfzig steht man in der Blüte des Lebens, sechzig ist da neue vierzig und dergleichen mehr. So viel ich nun schon: Es gibt eine objektive Zeit, aber auch eine subjektive Zeit, und die trägt man innen am Handgelenk, direkt am Puls. Und diese persönliche Zeit ist die wahre Zeit, und ihr Maß ist das persönliche Verhältnis zur Erinnerung.".

Tony Webster erinnert sich oder sagen wir, er muss sich erinnern:
Er hat sein Leben als Beamter in einer städtischen Kurverwaltung verbracht.
In Kindheit und Jugend stilisierte er sich mit seinen drei Freunden zu subversiven Rebellen der 50er Und 60er Jahre. Jede bürgerliche Konvention verachtend, erlebten die Jugendlichen in ihrer Wildheit aber auch Naivität, die aufregende Welt der Literatur die ersten sexuellen Erfahrungen und philosophische Grundsatzdiskussionen. Doch mit dem Selbstmord des Schulfreundes Adrian bekam die behütete College-Welt erste Risse.
Im Brief einer Notarin wird Tony mitgeteilt, dass nun, vierzig Jahre später, ein Tagebuch des viel zu früh verstorbenen Schulfreundes Adrian aufgetaucht ist. Adrian und Tony hatten eine innige Beziehung zu einem Mädchen namens Veronica. Um sich Klarheit über seine Vergangenheit zu verschaffen, beginnt nun Tony, mittlerweile geschiedener Pensionär, in seinen lückenhaften und unvollkommenen Erinnerungen zu wühlen. Als er nun nach vierzig Jahren in Kontakt mit Veronica tritt, wird er regelrecht von seiner eigenen Lebensgeschichte überrollt.

Als Leser beginnt man sich mit den Fragmenten und Täuschungen seiner eigenen Lebensgeschichte zu befassen und bekommt ein Gespür dafür, dass ja jedes Bild, dessen wir uns erinnern und das daraus resultierende Selbstbild, sich permanent in ein veränderndes Objekt verwandeln kann und häufig nur eine Version von vielen der erlebten Wirklichkeit ist .

Julian Barnes stellt in "Vom Ende einer Geschichte" meisterlich Altvertrautes in Frage und schreibt ganz ohne Pathos und Plattitüden von der Unbekümmertheit und der Schwere des menschlichen Daseins. Klug, differenziert und leichthändig. Jetzt endlich, er war bereits einige Male heißer Anwärter, hat er mit diesem Roman den Booker Preis erhalten.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was wirklich war..., 8. Oktober 2012
Von 
Xirxe (Hannover) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Irgendwann kommt ein Zeitpunkt, an dem man feststellt, dass die noch vor einem liegende Lebensspanne deutlich kürzer ist als die bereits vergangene. Es ist der Moment, ab dem man beginnt, sich öfter auf das Vergangene zu besinnen und sich Fragen stellt wie: Bin ich zufrieden mit meinem Leben? War es erfüllt? Lebte ICH oder wurde ich gelebt? Was wurde aus meinen Träumen, Wünschen, Sehnsüchten?
Tony Webster, um die 60 und im Ruhestand, geschieden, im Großen und Ganzen mit sich im Reinen, ereilt dieser Moment, als er einen Brief eines Anwaltbüros erhält, in dem ihm mitgeteilt wird, dass er von der Mutter einer früheren Freundin eine kleine Erbschaft zu erwarten hat: 500 Pfund und das Tagebuch seines bewunderten Jugendfreundes Adrian. Wie diese in den Besitz des Buches kam, ist Tony völlig unklar und er beginnt mit Nachforschungen, die ihn in seine eigene Vergangenheit zurückführen und mit manchem konfrontieren, das er in völlig anderer Erinnerung hat.
Je intensiver er sich damit befasst, umso mehr muss er erkennen, dass seine Wahrheit nicht unbedingt die einzige und wahre ist und in schonungsloser Offenheit macht er sich klar, wieviel Selbsttäuschung in seinem Leben herrscht. Immer wieder kommen Fragen auf, die man sich auch selbst stellen kann und deren Beantwortung die Lesezeit des doch recht dünnen Büchleins (174 Seiten) deutlich verlängern können.
Es ist eine leise, zurückhaltende Geschichte ohne großen Spannungsbogen und vergleichsweise handlungsarm. Dennoch hat sie einen (zumindest für mich) überraschenden Schluss und es fiel mir schwer, das Buch vor dem Ende aus der Hand zu legen. Es regt zum Nachdenken über das eigene Leben an - und hoffentlich, bevor es zu spät ist.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was ist Geschichte?, 31. Mai 2012
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Ich habe bereits zwei Bücher von Julian Barnes gelesen, die mir beide gut gefielen, aber dieses ist definitiv das Beste (bisher)!

Zum Inhalt ist in der Zusammenfassung und den anderen Rezensionen schon alles gesagt worden, und obwohl die Handlung natürlich essentiell ist, glaube ich nicht, dass sie den Hauptreiz dieses Buches ausmacht.
Dieser liegt für mich eindeutig in der Sprache. Sie zieht einem sofort in den Bann und während man noch glaubt locker leicht dahinzulesen, wird man schon von der ersten Überlegung der Hauptperson überrollt und man stellt sich unwillkürlich die Frage - ist das so? Empfinde ich das auch?
Und weil das zumindest bei mir der Fall war, beginnt man sich langsam ein klein wenig mit Tony Webster zu identifizieren und ist irgendwann ganz auf seiner Seite. Er führt vielleicht kein aufregendes Leben - Schule, Freundin, Heirat, Kinder, Scheidung, alles ganz durchschnittlich und möglicherweise sogar ein bißchen langweilig. Selbst seine Empfindungen kommen sehr allerweltsmäßig daher, alles recht nett eigentlich.

Aber dann holt ihn seine Vergangenheit in Form einer Erbschaft ein und er muss eigentlich sein gesamtes bisheriges Leben überdenken. Und die Frage vom Beginn taucht wieder auf: Ist das tatsächlich so?
An welcher Stelle hat man die anderen und sich selbst belogen? Ist man der, der man zu sein vorgibt? Wie sicher kann man sich seiner eigenen Erinnerung sein?

"... darüber hinaus herrscht Unruhe. Es herrscht große Unruhe"

Großartig.
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Vom Ende einer Geschichte: Roman
Vom Ende einer Geschichte: Roman von Julian Barnes (Taschenbuch - 10. Juni 2013)
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