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Kundenrezensionen

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Eigentlich ist mit dem Sterben ja alles zu Ende. Dieses Buch dagegen fängt mit dem Tod an. Und danach geht es so richtig los mit der Lebensgeschichte, die der Autor hier im ersten von sechs Bänden erzählt.
Die Art, in der er das tut, ist einfach überwältigend gut. Ehrlich und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erzählt er sogar peinliche Situationen aus seiner Pubertät, Dinge, die man normalerweise schön für sich behält.
Dabei gehen seine Schilderungen weit über das hinaus, was man sonst in Autobiographien oder in autobiographisch angehauchten Romanen zu lesen bekommt. Denn Knausgård hat eine ganz spezielle Art, eine Situation bis in die kleinsten Einzelheiten zu schildern. Bei seiner Lesung in Berlin hat er gesagt, dass er auch auf drei Seiten einen Tisch beschreiben könne, und das glaube ich ihm nicht nur, ich weiß auch, ich würde das mit der gleichen Begeisterung lesen wie alles in diesem Buch.
Allein schon der Anfang: Das Buch beginnt mit einer sachlichen Beschreibung der Vorgänge, die nach dem Tod eines Menschen in dessen Körper ablaufen, um dann sofort in eine Kindheitsszene zwischen Karl und seinen Vater überzugehen. Und dieser Übergang ist zwar ungewöhnlich, aber so fließend und selbstverständlich geschrieben, dass keine Zäsur entsteht.
Mit der Anfangsszene ist das Hauptthema des Buches klar. Und auch die Art des Verhältnisses zum Vater wird sofort deutlich. Der Vater ist distanziert und bedrohlich, immer präsent, auch wenn er gerade nicht anwesend ist. Alles dreht sich um ihn und seine Anforderungen. Alles ist streng reglementiert. Eine schöne Kindheit ist das nicht gerade. Ein schönes Sterben auch nicht, wie man später sieht, denn der Vater säuft sich zu Tode.
Schon auf den ersten Seiten glänzen der Scharfsinn und die genaue Beobachtungsgabe des Autors. Mir war es beispielsweise noch nie aufgefallen, dass mit dem Tod nie in der Höhe, sondern immer im Erdgeschoss oder im Keller umgegangen wird. Eine Leichenhalle im obersten Stockwerk ist nicht denkbar. 'Als verfügten wir über eine Art chtonischen Instinkt, irgendetwas tief in uns, das unsere Toten zu jener Erde hinabführen muss, aus der wir gekommen sind.' (S. 11).
Hinreißend komisch sind die pubertären Erlebnisse des Autors. Die Schrecken der ersten Erektion, der Versuch, eine Party mit Alkohol auszustatten, misslingende Sylvesterfeiern und die Schwierigkeiten mit dem anderen Geschlecht wurden schon oft beschrieben, aber nicht so lesenswert wie hier. Nicht so detailliert, nicht so ehrlich, nicht so hervorragend formuliert.
Das Spannungsfeld zwischen der individuellen Einmaligkeit und des kollektiven Erlebens ein und desselben Ereignisses ist mir nie so deutlich geworden wie in zwei Szenen dieses Buches, nämlich bei einem Besuch beim Bestatter und im Kreißsaal bei der Geburt der ersten Tochter.
Beim Bestatter trifft die selbst erlebte Trauer auf die Kleenex-Tücher, die auf dem Schreibtisch des Bestatters stehen, weil ein Trauernder nach dem anderen in dieses Büro kommt. Im Kreißsaal, wo das eigene Kind zur Welt kommt, ein Moment, der so intensiv ist, wie kein anderer im Leben, ist noch zu merken, dass kurz vorher weitere Schwangere hier ihr Kind zur Welt gebracht haben.
Für den Einzelnen einmalige Momente werden gleichzeitig tausendfach auf der Welt erlebt. Wir sind alle miteinander verbunden, auch wenn wir nichts voneinander wissen.
So ging es mir auch bei der Lektüre. Ich hatte das Gefühl, ich lese etwas über einen alten Freund. Es gibt so viele Gemeinsamkeiten, so viel ähnliches Fühlen und Denken, ich finde so viele Parallelen zu meinem eigenen Leben. Zum Beispiel ist die Erinnerung an die Schulzeit bei mir ähnlich. 'Ich war von Hunderten Jungen und Mädchen in meinem Alter umgeben, fand aber keinen Zugang zu dem Zusammenhang, der für sie galt.' (S. 76).
Und auch, wenn es darum geht, Zeit für sich selbst zu haben, spricht Knausgård mir aus der Seele. 'Es war mir schon immer sehr wichtig, für mich zu sein, ich benötige große Flächen des Alleinseins, und wenn ich diese wie in den letzten 5 Jahren nicht bekomme, nimmt meine Frustration zuweilen beinahe panische oder aggressive Formen an. (') Dass mir die Zeit davonläuft, wie Sand zwischen meinen Fingern zerrinnt, während ich' tja, was mache ich eigentlich? Putzen, Waschen, Essen kochen, spülen, einkaufen ('). Es ist ein Kampf (').' (S. 45f.) Ja, genau! Genauso geht es mir mit dem lästigen Alltagskram, der einen vom Schreiben abhält, auch.
Trotzdem tut Karl Ove Knausgård sich die Putzerei über Tage hinweg ununterbrochen an, in einem schon fast herkulischen Umfang. Denn als der Vater stirbt, zeigt sich im Haus der Großmutter, in dem er zuletzt gelebt, besser gesagt vegetiert hat, das ganze Ausmaß der Verwahrlosung des Vaters. Karl Ove Knausgård beseitigt schon fast manisch die Hinterlassenschaften seines Vaters und damit auch die Angst vor dem Vater, die sein Leben bisher beherrscht hat. In aller Ausführlichkeit beschreibt Knausgård die nicht besonders appetitlichen Aufräum- und Putzarbeiten und spart auch nicht den verwahrlosten Zustand seiner Großmutter aus. Das ist detailreich, aber nicht langweilig beschrieben, und ein Paradebeispiel für den außergewöhnlichen Schreibstil des Autors.
Karl Ove Knausgård schreibt über das, was viele von uns denken oder erlebt haben, und kommt uns deshalb so nahe, als wäre er ein enger Vertrauter.
Denselben Eindruck hatte ich, als ich mich nach seiner Lesung in den Nordischen Botschaften in Berlin kurz mit dem Autor unterhalten konnte. Ich habe selten einen so faszinierenden und intensiven Menschen kennen gelernt.
Auf meine Frage, ob seine Frau nicht sauer war, weil er so ehrlich geschrieben hat, wie sehr ihn die Alltagsverrichtungen stören, antwortete Karl Ove Knausgård, dass seine Frau sich nicht so sehr daran gestört habe, sondern viel mehr am zweiten Band, in dem er über ihre Beziehung schreibt. Genauso ehrlich wie im zweiten Band, zwar nicht bis in die allerletzten Einzelheiten, aber sehr weitgehend. Ich bin gespannt. Leider kommt der nächste Band, 'Lieben', erst im Frühjahr 2012 heraus.
'Sterben' ist eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und ganz große Literatur. Dieses Buch gehört meiner Meinung nach an die Spitze der Bestsellerliste.
Bleibt zu hoffen, dass der Luchterhand-Verlag den langen Atem hat, alle sechs Bände herauszubringen. Wenn nicht, werde ich wohl Norwegisch lernen müssen.
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am 1. Mai 2015
Mit gnadenloser Offenheit breitet Karl Ove Knausgard sein Leben vor uns aus. Er schont weder sich noch den Leser. Nichts scheint ihm peinlich zu sein, jedenfalls nicht peinlich genug, um es zu verschweigen.
Und er schreibt, wie es ihm gerade in den Sinn kommt, freies Assoziieren sozusagen. Das Buch hat kaum Struktur, hat fast keine Geschichte (was heutzutage 'Story' heißt), wenig Absätze, lebt in Zeitsprüngen, ergeht sich in extrem detaillierten Beschreibungen von materiellen Dingen und persönlichen Erinnerungen. Es beschreibt das Muster im Straßenpflaster und die Form von Schneeflocken und liefert uns ausführlichste Einkaufslisten. Karl Ove öffnet die Tür, tritt über die Schwelle ins Zimmer und schließt die Tür hinter sich. Mich persönlich hätte jetzt noch brennend interessiert, mit welchem Stift er die Einkaufsliste geschrieben hat, ob blau oder schwarz, oder welcher Art der Türgriff war, ob einfacher Drücker oder verschnörkelter Knauf, aber das hat Knausgard ganz vergessen zu beschreiben. Schade.
Genaueste Einzelheiten erfahren wir von seiner späten Kindheit, seiner Pubertät und seiner Zeit als Gymnasiast, ein paar Details zunächst auch aus seinem Leben als junger Erwachsener, und immer durchflochten von der mißliebigen Präsens seines Vaters. Stets verschwiegen indes ist Knausgard mit dem, was seine Mutter betrifft. Die ist zwar da, aber irgendwie auch nicht, sie ist irgendwie anwesend-abwesend, nicht vorhanden. Sie ist ein Geist. Sogar weitläufigere Verwandtschaft wird öfter erwähnt. Da die Mutter nicht vorhanden ist, kann sie auch keine Fehler machen. Der anwesende Vater schon. Der hat Karl Ove zwar nicht zum Opfer gemacht, sich nicht - in welcher Weise auch immer - in ihm vergangen, aber er war halt nicht der gütige Vorzeige-Papa. Anwesend, aber abweisend.

Das Hauptaugenmerk jedenfalls liegt auf dem Vater, der letztendlich an seiner späten Alkoholkrankheit stirbt. Es geht jedoch nicht darum, die Trauer um den verstorbenen Vater zu verarbeiten. Es geht aber auch nicht darum, mit der Nicht-Trauer zurechtzukommen.

Der Vater war ein ausgewachsener Stinkstiefel, und nicht jeder hat das Glück, sich bei seinem Erzeuger an den lieben Papi zu erinnern. Zum Schluß war der Vater "nur" alkoholkrank. Geliebt hat Knausgard seinen Vater nie. Deshalb kann ich nicht nachvollziehen, warum er nach dessen Tod ständig in heftigste Tränen ausbricht. Er weiß es selber nicht. Es ist einfach nur peinlich und unverständlich. Trotz der unsagbar vielen Worte. All die Tränenfluten hindern Knausgard aber nicht daran, jede Diskretion über Bord zu werfen und seinem Vater jede Würde zu nehmen, indem er haarklein dessen verwüstete Wohnung und die wahrhaft ekligen Hinterlassenschaften beschreibt. Es bleibt eigentlich nur grandioses Selbstmitleid aus sentimentalen und nostalgischen Gründen übrig.

Jedenfalls ist der Vater jetzt tot, wohnte zuletzt zusammen mit seiner senilen und ebenfalls an Alkohol gewöhnten Mutter (also Karl Oves Großmutter) in deren Haus, das mit seinen beiden kranken Insassen derweil ganz grauenhaft verwahrloste. Karl Ove und sein älterer Bruder Yngve, beide inzwischen über dreißig, kommen angereist, um die Beerdigung zu organisieren und aufzuräumen. Während die beiden Herren mit Handschuhen und Klorix bewaffnet das ruinierte Haus säubern, lassen sie ihre Großmutter auf ihrem Stuhl (das Wort können Sie jetzt so oder so nehmen) sitzend dumpf vor sich hin brüten. 'Es stinkt, es riecht nach Urin', finden die beiden Brüder und sie finden und entsorgen ganze Berge verfaulter Schmutzwäsche, aber es wird nicht einmal dafür gesorgt, daß die nahezu demente Großmutter gewaschen wird und saubere Kleidung bekommt, geschweige denn, professionelle Hilfe. Ein paar Pillen werden ihr aufgedrückt, anschließend wird sie ordentlich mit Wodka versorgt, das reicht und es geht ihr gleich wieder besser. Das reicht auch Karl Ove, der exzentrischen Heulboje, und Yngve, dem angebeteten drögen Bruder, mustergültig und langweilig. Immerhin gelingt es dem, nicht zu flennen, weil der es schon frühzeitig geschafft hatte, seinen Vater abzuschreiben. Und im Gegensatz zu seinem Vater ist Yngve zum Musterexemplar eines skandinavischen Papis geworden. Dennoch: Beide Söhne sind mir unsympathisch, zu polarisiert, ebenso wie sämtliche übrigen Familienmitglieder. Ich fühle eine verstörende Diskrepanz zwischen dem lockeren Gehabe der Models in einem skandinavischen Möbelkatalog und dem elenden Schmadder in einem englischen Drogenmilieu-Film.

Ich weiß nicht, woher in Norwegen die Hype für Knausgards Kampf-Reihe kommt. Voyeure werden hier gut bedient, aber ob es das wirklich ist? Nein, das kann es nicht sein. Oder ob man im Buch vorkommt? Nein, eher nicht. Oder ob man eine Art Mitbetroffenen braucht, ein anerkanntes, offenes und ehrliches Sprachrohr für eigenes vermeintliches Versagen, das hier endlich mal ein Ventil gefunden hat, dafür, daß auch in den hochsozialen und -demokratischen skandinavischen Gesellschaften nicht alles perfekt ist? Wer weiß.

Ich jedenfalls werde mir die nächsten Folgen nicht antun. Streckenweise hat mich das Buch fasziniert: Die Sprache hat mir sehr gut gefallen, viele Gedankengänge auch, und ich habe Erinnerungen wiedergefunden, die längst verschüttet waren. Ja, so war es. - Extrem schlimm und völlig inakzeptabel finde ich die öffentliche Zurschaustellung des Vaters, mag er gewesen sein, wie er halt war. Der kann sich nicht mehr wehren, und ich bestreite, daß Erben machen können, was sie wollen. Karl Ove Knausgard mag sich selbst aufs Abscheulichste entblößen, aber die Grenze ist dort erreicht, wo er andere Personen zerfleddert.
Ansonsten ist das Buch eher ein überlanges Essay als ein Roman. Wer so etwas mag, dem wird das Buch gefallen. Wer chronologisch erzählte Geschichten mag, ob gute oder böse, womöglich sogar mit einer Auflösung, der wird hieran keine Freude haben. Und Knausgards zunehmendes Verlustieren in kleinen und kleinsten Kleinigkeiten nervt. Es ist weder malerisch oder erhellend noch trägt es zum Fortgang der Erzählung bei. Überflüssig, gefühlsduselig. Insgesamt ein fragwürdiges Werk. Es ist ein gutes Buch - aber gefallen hat es mir nicht.
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am 11. August 2013
Mich müssen Bücher anspringen... Ich war in meinem Buchladen und guckte nach den Neuerscheinungen, danach bei den Romanen nach den Autoren im Alphabeth geordnet. Und der Rücken dieses Buches sprang mich an: "Sterben". Ich blätterte darin, las den Buchdeckel und wusste, dass es für mich war. Eine Schilderung des Lebens mit der ganzen Wucht der Zweifelhaftigkeit, Verzweiflung des Lebens. Kein Buch für Systemdenker und Träumer die sich in dieser Welt absorbiert haben und im Glauben sind, Realisten zu sein. Ein Buch für lebendige Zweifler denen das Leben mehr bedeutet als die eigene zweifelhafte Sicherheit. Ein Buch das aufräumt mit allem Pathos der Erinnerung und aufkommende Nostalgie schreddert. Die Probleme mit dem Vater, als Ziel und Weg durchs eigene Leben... Man muss von seinen Vater nicht vergewaltigt werden, um Spuren mitzutragen, Verletzungen weiterzugeben, am Vater, und vielleicht dadurch in seinem Leben zu scheitern. Kein Buch für Literaten, denen eine verkurbelte Prosa in der Sprache wichtig ist. Hier zählt allein der Bericht, der Erlebnisbericht, das Erlebnis des Lebens, die genaue und "coole" (unaufgeregte) Sicht eines jungen Mannes, wie er mit der Situation fertig wird, die einem das Leben in die Wiege legt.

Das Buch ist weder lyrisch, warm, noch interlektuell... und trotzdem alles zusammen. Es jagt mir geregelt nach allen fünf Sätzen Tränen in meine Augen, die mir unkontrolliert aus dem Gesicht fallen. Pure Ehrlichkeit!
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TOP 1000 REZENSENTam 29. Oktober 2013
Stellen wir uns vor, wir verbringen einen ganzen Tag nur mit uns selbst. Wir sind alleine zuhause, niemand klingelt an der Tür, das Telefon bleibt stumm. Wir beschäftigen uns wie immer mit allen möglichen Dingen, machen Frühstück, lesen die Zeitung, hören Musik, gelegentlich schauen wir aus dem Fenster, gehen von einem Zimmer in das andere, nehmen wahr, daß es angefangen hat zu regnen, daß wir die Heizung höher drehen sollten, daß die Blumen Wasser brauchen...usw. usw....und bei alledem ist unser Gehirn pausenlos aktiv. Unsere Gedanken sind parallel zu unserem Tun entweder bei der Sache oder sie springen assoziativ von einem zum anderen. Wir denken nach, überlegen, erinnern uns, etwas fällt uns ein, wir führen gedankliche Selbstgespräche und treffen unaufhörlich irgendwelche Schlussfolgerungen, Entscheidungen, wir stellen infrage und bejahen, wir verwerfen einen Gedanken und grübeln über einem Problem. Würden wir alles, was uns den ganzen Tag über durch den Kopf geht, simultan zu Papier bringen, füllten wir Seite um Seite, und vielleicht würden wir staunen, daß sich durch all das Gewirr von Themen und Gedanken ein roter Faden zieht.
Sobald die Gedanken aber aus den Tiefen des Unterbewusstseins an die Oberfläche kommen, und das tun sie, wenn wir sie aufschreiben wollen, unterliegen sie einem anderen Grad der Bewusstwerdung. Sofort würde in uns die Zensur erwachen, und wahrscheinlich gäben wir das Projekt wieder auf, weil wir uns sicher wären, daß dieses Konstrukt, würde es auf einmal transzendiert, niemals Gegenstand allgemeinen Interesses sein könnte, schon gar nicht in einem literarischen Kontext.

Nicht so bei Karl Ove Knausgard.

Er hat sich die Aufgabe gestellt, in 6 Bänden sein Leben und - da er mit 45 Jahren noch relativ jung ist, um 6 Bände mit je annähernd 600 Seiten autobiografischer Aufzeichnungen füllen zu können - seine Gedanken zum Leben zu formulieren. Er tut das mit pedantischer Akribie. Jedes einzelne Detail ist ihm gleichermaßen wichtig, erwähnenswert und für das Verständnis der tieferen Zusammenhänge unabdingbar. Alles ist Leben, alles gehört zum Leben, alles, auch die nebensächlichste Beobachtung macht gerade dieses, sein Leben so speziell und einzigartig, daß er es für wert erachtet, es aufzuschreiben. Er mutet dem Leser dabei allerhand zu mit seinen langen, verschachtelten Sätzen, und wer sich tatsächlich mit ihm auseinandersetzen will, muß wissen, worauf er sich einlässt. Man muß ihn bedingungslos annehmen, anders gelingt keine Annäherung.
Den Schlüssel zum Verständnis, wie er es anstellt und wie ihm das gelingt, sein Schreiben zu Literatur werden zu lassen, finden wir auf S.257:

"Das ist ihr einziges Gesetz: Alles muß sich der Form unterordnen. Ist ein anderes Element
der Literatur stärker als die Form, etwa der Stil, die Handlung, die Thematik, gewinnt eins
von ihnen die Oberhand über die Form, ist das Ergebnis schwach. Deshalb schreiben Autoren
mit einem markanten Stil so häufig schwache Bücher. Deshalb schreiben auch Autoren mit einer
markanten Thematik so häufig schwache Bücher. Damit Literatur entstehen kann, muß das Markante
in Thematik und Stil niedergerissen werden. Dieses Niederreißen ist es, was man 'schreiben'
nennt. Beim Schreiben geht es eher ums Zerstören als ums Erschaffen."

An dieser Stelle ist es an der Zeit, dem Übersetzer Paul Berf ebenfalls 5 Sterne zu verleihen. Nur in der emotionalen und geistigen Durchdringung, der Identifikation mit dem Autor, konnte die Übertragung aus dem Norwegischen so glaubwürdig, der sprachliche Duktus so selbstverständlich und flüssig gelingen.

Der erste Band des autobiografischen Projektes mit dem deutschen Titel "Sterben" bezieht sich auf den Tod des Vaters von Karl Ove Knausgard. Um zu verstehen, was der Tod seines Vaters für ihn bedeutet, wie es zu den todbringenden Umständen kommen konnte, wie der Vater gelebt, wie sich die Familiensituation gestaltet hat, wo die Ursachen für die - wie wir sehen werden - problematische Vater-Sohn-Konstellation zu suchen sind, wie es mit dem Urvertrauen bestellt war. Alles das erfahren wir genauer als es uns lieb ist. Es ist ein unendlicher Monolog, erzählend, reflektierend, grübelnd. Aber in seiner suggestiven Eindringlichkeit so fesselnd, daß man ihm, wie unter Hypnose, bis zum bitteren Ende folgt, folgen muß und zum Teil der Geschichte mutiert.
Man sieht mit seinen Augen, hört mit seinen Ohren, spricht mit seinem Munde. Ich hatte den Gestank von Fäulnis und Verwesung in der Nase und roch die Schärfe der Desinfektionsmittel. Im Aufräumen und Saubermachen der verwahrlosten Wohnung des Vaters liegt der Wunsch nach Versöhnung verborgen, im Entsorgen des ganzen ekelhaften Mülls wird schließlich posthum das Belastende bereinigt, werden die Verletzungen betäubt, gelingt es ihm, sich innerlich aus der Beziehung zu befreien. Dieses darzustellen war ihm wichtig: der Reinigungsprozess als symbolischer Akt der inneren Läuterung. Deshalb mussten wir viele Seiten lang einen Eimer nach dem anderen mit heißem Wasser füllen, Putzmittel auftragen, scheuern, Putzlappen auswaschen, auswringen und die Kloake ins Abwasser gießen.
Das gehört zum Leben - und zum Sterben sowieso.
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am 22. Oktober 2015
In diesem ersten Roman seiner autobiographischen Selbstbespiegelung schreibt Karl Ove Knausgård hauptsächlich über den Tod seines Vaters und das Verhältnis zu seinem Vater. Er beginnt mit einigen allgemeinen Betrachtungen über den Tod und beschäftigt sich dann ungefähr bis zur Mitte des Buches mit Erinnerungen an seine Kindheit und Pubertät. Dabei wiederum stehen seine ersten Erfahrungen mit Mädchen und mit Alkohol im Mittelpunkt. Vieles davon findet sich in den Erfahrungen von mitteleuropäischen Männern aus der zweiten Hälfte des 20. Jh. wieder und das macht auch sicher einen Teil des Reizes dieser fast "fotorealistischen" Betrachtungen aus. Merkwürdigerweise halt sich Karl Ove Knausgård für einen einsamen Jugendlichen, schildert aber eine Vielzahl von Kontakten und Freundschaften sowohl zu männlichen als auch weiblichen Jugendlichen. Diesen Widerspruch zwischen Selbstgefühl und Realität (den es häufig tatsächlich gibt) reflektiert er aber nicht, obwohl er sonst alles was er tut und denkt beständig reflektiert.
In der zweiten Hälfte des Buches organisieren er und sein Bruder das Begräbnis ihres Vaters bzw. die Reinigung des Hauses ihrer Großmutter mit der zusammen Vater Knausgård in den letzten Jahren mehr gehaust als gewohnt und sich zu Tode gesoffen hat. Hierbei führt Karl Ove Knausgård einen beständigen inneren Dialog mit sich selbst, warum er trotzt seines - verständlicherweise - denkbar schlechten Verhältnisses zu seinem Vater so heftig um ihn trauert. Auch hier gibt es eine merkwürdige Lücke in der Betrachtung. Der Autor gibt uns keine Erklärung für den radikalen Buch in der Biographie des Vaters, der vom gutbürgerlich pedantischen Gymnasial-Lehrer zu einem Menschen wird, der sich in Müll und Schmutz systematisch zu Tode säuft (und sogar seinen Namen wechselt). Karl Ove Knausgård als Ich-Erzähler seines Romans scheint sich darüber keine Gedanken gemacht zu haben. Das bleibt bei aller Selbstreflektion rätselhaft.
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am 4. Oktober 2015
ich las im Spiegel über Knausgard. Dass er langsam erzählt. Dass er keine großartige Geschichte erzählt. Dass er keinen außerordentlichen Schreibstil mitbringt und es doch schafft, die Leser zu bannen. Nachdem genau dies Murakami bei mir gelungen war, war ich sehr gespannt (bitte entschuldigen Sie, dass ich Murakamis Geschichten nicht großartig finde und seinen Schreibstil nicht bemerkenswert...der ein oder andere Bildungsbürger wird das sicher anders sehen, jedoch: Ich kann Murakami lesen, wenn ich müde bin. Ich kann zwar keinem erzählen, wovon die Bücher handeln, bin aber geradezu euphorisiert von ihnen). Knausgard schafft es bei mir nicht, ihn nicht zur Seite zu legen, ihn auch mit müden Augen weiterzulesen. Er nervt gleich zu Anfang mit (banalen) Betrachtungen zum Umgang mit den Tod und fährt auch weiter fort, Dinge zu beschreiben, die ich nicht nachempfinden will und auch mit bester Mühe nicht nachempfinden kann. Nach drei Stunden fühle ich mich an Diaabende erinnert. Gewiss bedeutet dem Gastgeber jedes Bild etwas, gewiss war die abgebildete Situation ein Stück eines (aus seiner Sicht) tollen Erlebnisses. Nach drei Stunden vermag ich aber nicht mehr, Begeisterung aufzubringen und noch weniger, Begeisterung zu heucheln. Knausgards (als "offenherzig" gepriesene) Beobachtungen mögen ihm selbst wichtig sein, auf mich üben sie keinerlei Faszination aus: "Die Bilder des späten Rembrandt sind normalerweise von fast unerhörte Grobheit, in ihnen ist alles dem Ausdruck eines Augenblicks unterworfen, schimmernd und heilig zugleich, bis heute unübertroffen in der Kunst - eventuell mit Ausnahme desse, was Hölderlin in seiner späten Dichtung erreicht, wo wenig wie sich beides vergleichen lässt, denn wo Hölderlins Licht, heraufbeschworen in der Sprache, ätherisch und himmlich ist, da ist Rembramdts Licht, heraufbeschworen in der Farbe, das der Erde, des Metalls, der Materie....." oder "Mir kommen die Tränen, wenn ich ein schönes Gemälde sehe, jedoch nicht, wenn ich meine Kinder sehe. Das heißt nicht, dass ich sie nicht liebe, denn das tue ich von ganzem Herzen, es bedeutet nur, dass der Sinn, den sie schenken, kein Leben ausfüllen kann".
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am 19. Dezember 2015
Das gibt einen Stern Abzug: Aus Gründen der politischen Korrektheit, verkaufstaktisch, oder warum auch immer erscheinen Knausgårds Romane 1-6 in deutscher Ausgabe unter diesen unsäglich pathetischen Titeln "Sterben", "Lieben" usw. Eine verpasste Chance! Die deutschen Leser hätten den Originaltitel "Min Kamp" sehr gut verstanden, und eine ironische Brechung, in Deutschland aus nachvollziehbaren Gründen vielleicht gerechtfertigt, gleich umsonst mitgeliefert bekommen. Nun, ist Knausgård selbst ironisch? Nein, er ist ein ausserordentlich ernster Mensch, und seine Romane sind es auch. Er erzählt alles so nah und so genau, vermittelt die Illusion einer totalen Selbstentblössung, ohne peinlich zu sein. Man meint, zumal als Mann, sein eigenes Leben im Detail nachzulesen. Sein "Trick" ist der des Hyperrealismus: so wie die hyperrealistischen Ölbilder genauer sind als Fotografien, ja genauer als die Realität scheinen, weil sowohl Vorder- als auch Hintergrund, weil sowohl Wichtiges als auch Unwichtiges in Fokus dargestellt ist. Bei Knausgård erscheinen Vergangenes und Banalitäten im selben scharfen Fokus wie die Gegenwart und Wesentliches. Ja, "Sterben" handelt vom Tod seines gehassten Vaters, aber auch vom "Putzen" dessen verkommenen Haushalts, in dem immer noch die verwirrte, inkontinente Grossmutter haust, und vom "Saufen" des von den typischen sexuellen und sonstigen Nöten geplagten Heranwachsenden Karl Ove. Knausgård beschreibt diesen selbstbezogenen Jungen, wie er alles, was ihm nicht passt, als schlechten Geschmack der mediokren Anderen aburteilt (er spielt Rockgitarre, hasst also Jazz, er bemitleidet die Kleidung seiner Klassengenossen, weil er selbst eine spezielle schwarze Hose trägt usw.). Ein fantasievolles Innenleben wird nicht sichtbar. Es ist teilweise also auch ein Entwicklungsroman, habe ihn gerne gelesen trotz der nicht sehr einnehmenden Figuren. Aber die ganzen 5000 Seiten Hyperrealismus von Min Kamp 1-6 lesen? Fünfzig mal lieber die ersten 100 Seiten von Proust '.
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am 10. November 2014
Nachdem ich "Leben", den vierten Teil der Min-kamp-Reihe, gelesen hatte, wagte ich mich an "Sterben" heran, in dem es, wie immer bei Knausgård, um Knausgård geht: er springt zwischen den verschiedenen Phasen seines Lebens hin und her. Der Leser lernt den alkoholbegeisterten Teenager kennen, den 35jährigen Schriftsteller mit hochschwangerer Ehefrau an seiner Seite und, vor allem, den ca. 30jährigen, dessen Vater sich selbstzerstörerisch auslöscht. Zwischendurch bleibt immer Zeit für so etwas wie ein Essay über den Tod und das Sterben in der Moderne oder über Knausgårds künstlerisches Programm.

Die Begeisterung für dieses Buch kommt wahrhaftig auf leisen Sohlen daher. Im Grunde gibt es gar kein Thema bis auf ein allumfassendes Thema, nämlich seine Wahrnehmung der Welt und seinen aktuellen seelischen Zustand. Eine Handlung, eine erzählerische Spannung im konventionellen Sinne kann ich nicht recht entdecken, und wer das braucht, wird es hier vermissen und ja, ich kann mir durchaus vorstellen, dass einem dieser Detailreichtum zu viel wird, man genug von Karl Ove und seiner Sicht auf die Welt bekommt, um dann dankend auszusteigen. Ich dagegen habe auch dieses zweite Mal an seinen Lippen gehangen. Er nimmt sich Zeit, um ganz alltägliche Dinge treffend auf den Punkt zu bringen, und das ist faszinierend zu lesen. Wenn er als verknallter Teenager seiner Angebeteten beim Flirten mit einem anderen Jungen zusehen muss, produziert er darüber Sätze wie diese:

"Da, in dem Moment, war ich niemand gewesen. Ich war ausradiert worden. Ich mit all den Zetteln, die ich ihr schrieb, und den ganzen Diskussionen, mit all meinen simplen Hoffnungen und kindischen Gelüsten, ich war niemand, ein Ruf auf dem Schulhof, ein Körnchen in einer Uhr, das Hupen eines Autos." (S. 221).

Er schreibt und schreibt und schreibt, spart nichts aus, fördert jeden Zweifel zu Tage, jede Blödheit und jede Unsicherheit. Ich bin vermutlich nicht der einzige Leser, der sich manchmal überrascht wiedererkannt hat - und dann schlägt er zu, der Knausgård, mit seiner unprätentiösen, geschmeidigen Sprache:

"Es war ein fantastisches Bild, es löste wie alle fantastischen Bilder diese ganzen Gefühle in mir aus, aber wenn ich erklären sollte, warum das so war, worin das Fantastische bestand, wollte es mir einfach nicht gelingen. Das Bild ließ mein Inneres erbeben, aber warum? Das Bild erfüllte mich mit Sehnsucht, aber wonach?" (S. 272)

Ich habe es jedenfalls verdammt gerne gelesen.
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am 17. Juli 2014
Vor einiger Zeit habe ich eine Dokumentation über Karl Ove Knausgard gesehen, die mich angesprochen und neugierig gemacht hat, obwohl ich gleichzeitig so ein spontanes Urteil sich in mir formen fühlte: Das ist ein eitler Mann, der an großer Selbstüberschätzung leidet. Jetzt habe ich also den ersten Teil seiner 6-bändigen, über 3.000 Seiten langen Autobiografie, die im Original 'Mein Kampf' heißt, gelesen. Ich hatte dabei wiederholt ein unbehagliches Gefühl und fragte mich, warum lese ich das eigentlich? Ich empfand es, als läge er auf der Psychiater-Couch und erzählte in epischer Breite aus seinem Leben und über seine Erkenntnisse.

Nun ist es ja nicht wenigen Männern eigen, dass sie mit Vorliebe und weitschweifig über sich selbst sprechen nach dem Motto: 'Er ist ein Mann von Welt, der gern von sich erzählt.' Das Ungewöhnliche in diesem Fall ist die schonungslose Offenheit und die gnadenlose Ehrlichkeit, mit der der Autor alles, aber auch alles erzählt, und dass er selbst alles ist, bloß kein Held. Einerseits spricht dieses Konzept mich an, nicht tun als ob, keine Fassade aufbauen, keine Maske aufsetzen, keine Rolle spielen, sein, der man ist, sagen, was einen bewegt, was man sagen will, wie man es sagen will. Keine Tabus, keine Distanz, keine Delikatheit, kein schöner Schein, sondern die Wirklichkeit und die unpassenden, unsympathischen Gedanken, die man hat, aussprechen, aussprechen, aussprechen.

Was er möchte ist ehrlich sein. Er will nicht seine Gedanken und Gefühle verbergen. Er hat einen starken Drang seine Schwächen zuzugeben, seine Unvollkommenheiten auszusprechen, auch wenn er dann nicht 'gut dasteht', sondern sich verletzbar macht, aber auch unbeliebt, angreifbar. Vor allem weil er auch nicht Halt macht vor den Schwächen und Niederlagen der Anderen. Er hadert mit seinem Vater, breitet dessen egozentrischen Charakter und maßlose Alkoholsucht aus, er schreibt (in einem anderen Band) über die bipolare Störung seiner Frau, wirft sich im Nachhinein vor, dass sein Stress ihren Weg in die Krise verkürzt hat, er fühlt sich gefangen im normalen Familienleben mit Kindern. Beim Lesen fühlte ich mich wie ein Voyeur. Was geht mich das eigentlich an? Lese ich das aus purer Neu-gier, Dinge aus dem Leben anderer zu erfahren, die ich sonst nie erfahre, weil niemand so über sich spricht? Schreibt er das wirklich alles aus innerer Notwendigkeit, sogar Not? Weil er muss, nicht anders kann? Oder ist es doch 'gemacht', ein Projekt, ein Schriftsteller, der sich fragt, was hatten wir denn noch nicht, wie kann ich einen tiefen Fußabdruck in der Literaturgeschichte machen?

Einerseits fühle ich mich ihm nah, weil er sich so preisgibt, sich so entblößt und mir so auch erlaubt, mehr zu meinen dunklen, gemeinen Gedanken und Gefühlen zu stehen, was sich befreiend anfühlt. Dann wieder werde ich irgendwie ungehalten, denke: Was ist das hier für ein Diva-artiges Lamento? Warum denkt der Autor, dass jeder seiner Sätze so wichtig ist, dass er sich nicht beschränkt, begrenzt, sondern alles hinschreibt und stehenlässt? Wo ist die Scham, die Loyalität? Es 'gehört' sich doch nicht, schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen, das bleibt drinnen, im Haus, im Inneren. Woher nimmt der Autor das Recht, Intimstes aus dem Leben seiner Familie und Freunde der Welt mitzuteilen?

Gleichzeitig ist da so eine Dankbarkeit gegenüber dem Autor, dass er all diese Dinge ausspricht, die im Allgemeinen verborgen werden. Man spürt, wie das innerlich einen Knoten löst, eine Erleichterung bringt, Druck wegnimmt. Vielleicht hat er das selbst beim Schreiben auch so erlebt. Dieses wilde Lustgefühl, wenn der Damm bricht, wenn man einmal beschlossen hat, ich sage jetzt alles und dann dieses Hochgefühl, so jetzt ist es raus. Die Maßlosigkeit, die Knausgard wohl von seinem Vater geerbt hat, lässt diesen Strom dann nicht mehr aufhören.

Manche Leser schreiben, dass sie süchtig geworden sind, nicht mehr aufhören konnten zu lesen. So ging es mir nicht, ich konnte mich aber doch einer Faszination nicht entziehen und kam trotz zwiespältiger Gefühle in einen Sog. Der Stil ist sehr beschreibend, auffallend ist, dass Knausgard Unmengen von Banalitäten, alltäglichen kleinen Dingen und Unwichtigkeiten schreibt, ohne dass es langweilig wird.
Die anderen Personen der Familie sind mir nicht wirklich nahe gekommen. Obwohl er viel über sie schreibt, kommt es mir nicht vor als 'kenne' ich sie ein wenig. Vor allem ihre Beweggründe bleiben sehr unbestimmt. Eigentlich schreibt Knausgard über alles nur mit Bezug auf seine eigene Person.

Die Frage, soll, will ich die folgenden fünf Bände ebenfalls lesen, habe ich mir noch nicht beantwortet. Es macht mich nachdenklich, dass Karl Ove Knausgard nach Beendigung seiner Biografie kein Gefühl der Zufriedenheit und Befreiung empfindet, sondern ernste Zweifel: "Es bleibt das Gefühl, dass das alles unethisch war." und "Das alles fühlt sich erniedrigend und unangenehm an, ekelhaft und schrecklich." Ich glaube, er wollte das alles loswerden, ohne Rücksicht darauf, ob er sich damit unbeliebt macht, weil es ihn erstickte, weil es die Realität ist, die er leben will, keine Fassade. Vielleicht hat er gehofft, er würde sich danach freier fühlen, mehr eins mit sich selbst. Aber er fühlt nun hauptsächlich Leere und Zweifel, da nun jeder alles über ihn weiß. Und auch das lebt er wieder in der Öffentlichkeit, denn er arbeitet an einem Dokumentarfilm mit und lässt sich weiterhin weltweit interviewen und fotografieren.
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am 5. Februar 2016
'Sterben' ist der zuerst erschienene biografische Roman des mittlerweile zum Kultautor, ob berechtigt oder nicht, avancierten norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgard. Er stellt den Start für ein insgesamt sechsbändiges Gesamtwerk über das Leben des (immer noch jungen) Knausgard dar. Ausgerechnet der Band 'Sterben' steht also am Anfang des umfangreichen Werkes, ihm folgen durchaus zufällig wirkend 'Lieben', 'Spielen', 'Leben' und 'Träumen' - alles recht unverbindlich klingende Titel der deutschen Ausgaben . In der norwegischen Ausgabe heißen sie alle (irritierenderweise )Mein Kampf und sind in der genannten Reihenfolge durchnumeriert. Ob es vom Autor eine Begründung für diese recht ungewöhnliche Abfolge gibt, hat hier nicht interessiert. Sicher wird es entsprechende Hinweise geben. Zu vermuten steht aber, dass 'Sterben' , gemeint ist vor allem der geistige und körperliche Niedergang und Tod des Vaters, der Auslöser für das Gesamtwerk war. Immer wieder wird auf das schwierige aber bedeutsame Verhältnis zum Vater Bezug genommen.

Inhaltlich ist zu 'Sterben' im Rahmen der Rezensionen ja schon einiges gesagt, deshalb hier nur einige Angaben zum Inhalt. Beschrieben wird im Wesentlichen die Zeit von der frühen Jugend Knausgards vor und auf dem Gymnasium, die Studienzeit und erste Berufjahre an wechselnden Orten in Norwegen und zum Teil auch in Schweden. Das 'Schicksalsjahr' ist für Knausgard sein 30. Lebensjahr, das Jahr des Todes seines Vaters. Das wird auch in seinem Buch deutlich. Bis zu diesem Ereignis wird sehr akribisch auf einzelne entsprechende Lebensphasen, -episoden und Begegnungen eingegangen, ohne dass eine nähere Einordnung oder Interpretation hinsichtlich des Gesamtkontextes des Buches erkennbar wird. Eingeleitet wird 'Sterben' von einer Art Essay über Tod und Sterben im Allgemeinen , der zu dem Ergebnis kommt, dass wir in westlichen Kulturen große Schwierigkeiten haben, uns mit dem Inhalt dieser Begrifflichkeiten auseinanderzusetzen. Vielmehr bestünde die Neigung, alles ,was damit zu tun hat, weitmöglichst im Wege der Ritualisierung und Tabuisierung zu verdrängen. Unausgesprochen will Knausgard wohl auf das vorbereiten, was später auf seinen Bruder und ihn ohne Vorbereitungschance zukommt. Im Anschluss an diesen essayistischen Prolog jedenfalls hat der noch achtjährige Karl Ove nach einem im Fernsehen gezeigten Schiffsunglück tagelang ein albtraumhaftes Bild eines aufsteigenden (Jesus-) Gesichtes über der Unglücksstelle vor sich, dessen Bedeutung wie so vieles bei Knausgard nicht ganz klar wird, mit einigem guten Willen aber als schicksalhaft für seine weitere Zukunft gedeutet werden könnte.

Erst nach der ersten Hälfte von 'Sterben' kommt Knausgard zu dem, was ihn offenkundig von Anfang an bewegt, das Ableben des Vaters. Eigenartigerweise scheint es ihm dabei zunächst weniger um die Person des Vaters zu gehen , sondern vielmehr um den Tod an sich. Jedenfalls wird der wichtigste Teil des Buches mit dem Satz eingeleitet : 'Ich selbst war fast dreißig Jahre alt, als ich zum ersten Mal eine Leiche sah. Es geschah im Sommer 1998 ' in einer Kapelle in Kristiansand. Mein Vater war gestorben.' Erst später wird auf die Umstände der Todesnachricht eingegangen. Das ist schon recht verquer und wirft ein Licht auf die ambivalenten Empfindungen, die der junge Karl Ove gegenüber dem Vater hatte. Sie reichen von panikartiger Angst, abgrundtiefer Distanz bis zu großem Respekt . Dementsprechend empfand er den Tod des Vaters mit großer Erleichterung , aber auch mit Trauer. Trotz seines Vaterhasses muss er ständig weinen, dass sich bis zu hysterieartigen Weinkrämpfen steigern kann. Man hat den Eindruck , dass es ihm dabei nicht allein um die Trauer um den Vater geht, sondern um die Bewältigung der ersten Begegnung mit dem Tod. All diese Empfindungen begleiten ihn während der im zweiten Teil des Romans folgenden Aufräumarbeiten in dem völlig verwahrlosten Haus, in dem der Vater am Ende zusammen mit der dementen Großmutter als Alkoholiker dahinvegetierte, und den Vorbereitungen für die Trauerfeier. Mit dieser nicht mehr beschriebenen Trauerfeier endet 'Sterben'.

Das Buch hat im Vergleich zu den anderen bereits erschienenen Einzelbänden eine relativ schlechte Kritik bekommen. Das gilt besonders im Vergleich zu 'Spielen' , dass vor allem vom Verhältnis zum Vater in frühester Kindheit handelt. Diese Bewertung kann ich keinesfalls teilen. Während bei 'Spielen' der rote Handlungsfaden und eine inhaltliche Deutung seines Lebens fast völlig fehlen, gibt es in 'Sterben' einen akzeptablen Handlungsrahmen und eine deutliche thematische Zuspitzung, die auch höhere literarische Ansprüche ( Gedanken über den Tod) erfüllt. Natürlich kann es sein, dass diejenigen, die 'Sterben' gelesen haben, 'Spielen ' nicht mehr haben folgen lassen - und umgekehrt. Es kann empfohlen werden, beide Teilromane zu lesen. Dann wird man auch mit der interessanten Erkenntnis überrascht, dass Knausgard den Vater in beiden Bänden unterschiedlich bewertet. In 'Spielen' (später erschienen) ist er die ultimative Hass- und Horrorfigur, in 'Sterben' empfindet er eher Distanz, Respekt, Entsetzen, auch Hass, gleichzeitig aber Trauer und Mitgefühl. Mag sein, dass er im Nachhinein die Rolle des Vaters noch einmal überdacht hat und ihn erst jetzt für die seelischen Beschädigungen - Knausgard ist nach eigener Beschreibung, soweit verfolgbar, im realen Leben schwierig, weil besessen, egomanisch, hysterisch - verantwortlich zu machen in der Lage ist.

Noch mehr als in 'Spielen' fällt auf, dass die Mutter, an der er eigentlich hängt, in 'Sterben' so gut wie keine Rolle spielt. Sicher, sie hat sich von dem eigenbrötlerischen Mann getrennt. Eine durchdachte Buchregie , die leider in 'Sterben' nicht ganz durchgängig vorliegt, hätte eigentlich das Thema Mutter behandeln müssen , so oder so. Im Gegensatz zu einigen Kritiken sehe ich es positiv, dass Knausgard die Lebensumstände des Vaters und der Großmutter schonungslos , ohne Tabus, beschreibt, auch wenn es weder taktvoll ist, noch mit Pietät zu tun hat. So weit zu erkennen, strebt er durch das Schreiben offenbar einen inneren Erkenntnis- und Selbstreinigungsprozess an , zu dem die schonungslose Offenlegung seines familiären Umfeldes gehört. Es ist, als ob er Angst hätte, ein ähnliches Schicksal wie das des Vaters zu erleiden. Allerdings erfährt man nichts über die Ursachen, die zum Desaster des Vaters führten.

Da 'Sterben' trotz vieler Ungereimtheiten wesentlich mehr als 'Spielen' als thematisch geschlossene Darstellung anzusehen ist und es hier eine fokussierte Themenstellung gibt wie Vergänglichkeit, Tod und Vergangenheitsbewältigung, ist es aus meiner Sicht das bessere Buch, dass man trotz mancher Längen mit Gewinn lesen kann. Dafür gibt es vier Punkte.
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