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86 von 92 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Folter oder Freiheit? Eine Aufarbeitung der Vergangenheit
Verlassen von der Mutter und aufgewachsen in Heimen und Pflegefamilien ist kein "rechtes Leben im Falschen!"

In seinem autobiographischen Roman "Rabenliebe" und in Abwandlung des Begriffes "Rabenmutter" erzählt der Autor Peter Wawerzinek seine eigene Geschichte.

Der assoziative Erzählfluss, unterbrochen nur von Geschichten aus den...
Veröffentlicht am 20. August 2010 von cl.borries

versus
3.0 von 5 Sternen Das Mutterproblem
Über das Trauma, von der Mutter verlassen, im Stich gelassen, abgewiesen worden zu sein. Die Mutter flüchtet aus der DDR in den Westen und lässt den dann zweijährigen Peter und seine Schwester einfach zurück.

Der Autor bearbeitet das Thema gründlich und intensiv, bis zur Neige. Er geht dabei sehr schöpferisch mit der Sprache...
Vor 4 Monaten von Gerbrand veröffentlicht


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86 von 92 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Folter oder Freiheit? Eine Aufarbeitung der Vergangenheit, 20. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Rabenliebe (Gebundene Ausgabe)
Verlassen von der Mutter und aufgewachsen in Heimen und Pflegefamilien ist kein "rechtes Leben im Falschen!"

In seinem autobiographischen Roman "Rabenliebe" und in Abwandlung des Begriffes "Rabenmutter" erzählt der Autor Peter Wawerzinek seine eigene Geschichte.

Der assoziative Erzählfluss, unterbrochen nur von Geschichten aus den Nachrichten über verlassene und vernachlässigte Kinder, über Folter und Strafen an Kindern, Auszüge von Gesetzesauslegungen über Elternrechte - und Pflichten und eingefügten Texten aus bekannten Kinderliedern, bekommt man einen Einblick in das Leben eines verlassenen Kindes.
Dieser Icherzähler erlebt sich als "Ding" und nicht als Mensch. Mit vier Jahren wird er von den Aufsichtsbehörden in ein Heim gegeben, nachdem sich die Mutter aus dem Osten Deutschlands in den Westen abgesetzt und ihn ohne Aufsicht zurückgelassen hat. Man spürt förmlich, wie sie sich nicht mehr nach ihm ungesehen hat und schnell in die vermeintliche westdeutsche Freiheit geflüchtet ist. Er wurde ohne Einschränkungen seinem Schicksal überlassen.
Von Heim zu Heim geschleift, unterbrochen nur von der gelegentlichen Aufnahme bei mehr oder weniger fürsorglichen Frauen, die ihn als Pflege - oder Adoptivkind anzunehmen versuchen, geht er einem Schicksal entgegen, in dem er nur folgen, gehorchen und sich fremden Regeln unterwerfen muss.
Lange bleibt der Junge stumm, spricht nur mit den Vögeln und lauscht den Geräuschen der Natur, bis er der Wirklichkeit näher kommt. Niemand hat je gefragt, wie es diesem Kind geht. Tief in sich selbst eingeschlossen ist es weniger ein Leben als ein Überleben, dem sich der Junge ausgesetzt sieht. Die Gefühle von Verlassenheit und mangelnder Zugehörigkeit werden in unübertroffener Diktion durch monotone und kalt-nüchterne Beobachtungen des Opfers sinnfällig. Es gefriert die Seele, wenn man liest, was ein kleiner Mensch aushalten kann und muss.

Wo ist die Mutter? Warum ließ sie ihn im Stich?

Lebenslang quält er sich mit Fragen nach dem "Warum".

Als er sich nach langen Jahren auf der Suche nach dem Verbleib seiner leiblichen Mutter bei ihr im Kreise vieler Halbgeschwister wieder findet, entspricht sie nicht dem Bild, das er die ganze Zeit in sich trug.
Erschütternd, tragisch und enthüllend sind diese Aufzeichnungen eines Gezeichneten. Zum Menschen wird man erst durch Liebe, Zuwendung und Ermutigung.
Peter Wawerzinek hat mit der Poesie die Brücke zur Welt gefunden. Seine Ausführungen sind von sensibler und penibler Genauigkeit, klangvoll und tiefenscharf. Hier hat sich einer mit Wort und Schrift vom Trauma eines Lebens befreit. Ein hoch zu lobendes und preiswürdiges Buch!
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zwiespältig, 23. Mai 2012
Von 
Th. Leibfried "TL" (Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Rabenliebe (Gebundene Ausgabe)
Es ist manchmal so eine Sache mit der von Kritikern hochgelobten Literatur. Selten handelt es sich dabei um Massenkompatibles, ebenso selten um anspruchsvolles und doch verhältnismäßig leicht zu Lesendes. An sich ist das kein Problem, soll sich mit anspruchsvoller Literatur doch beschäftigen, wer die Muße und die Geduld und das Stehvermögen dazu hat. Und all das habe ich üblicherweise auch und tue mir mit Titeln, die preisgekrönt sind, dennoch eher selten schwer. Mit "Rabenliebe", dem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichneten und es auf die Short List des Deutschen Buchpreises gesetzten Romans Peter Wawerzineks, war es phasenweise, ja überwiegend anders.

Wawerzinek, der als Peter Runkel in Rostock geboren wurde, von seiner Mutter verstoßen erst in Kinderheimen, dann bei verschiedenen Pflegefamilien in der DDR aufwuchs, verarbeitet in diesem Werk, das eher Autobiografie als Roman ist, seine traumatischen Erlebnisse der Kindheit und berichtet im letzten Drittel von der Suche nach und von der Begegnung mit seiner leiblichen Mutter. Literarisch-qualitativ hebt sich das Buch deutlich von vielem ab, was in deutschen Buchhandlungen über die Ladentheke geht. Fünf Sterne für Wawerzineks Umgang mit der Sprache. Andererseits ist es mir nicht gelungen, den Roman in einem Rutsch zu lesen, sondern ich unterbrach vielfach, um andere Bücher zur Hand zu nehmen, so dass sich die Lektüre von "Rabenliebe" letztendlich über Monate zog.

Dazu spickt Wawerzinek seinen Text in den ersten beiden Dritteln, also der Erzählung über seine Kindheit, einerseits mit Einschüben von Pressemitteilungen über (unter anderem) Kindesmisshandlungen und andererseits mit bürokratischen Schriftsätzen zu Adoptionsfragen und -gesetzen. Dazu kommen in die Erzählung eingewobene, zahlreiche Kinderlieder und -reime, von denen mir das ein oder andere bekannt war oder bekannt vorkam, das meiste allerdings nicht. Ein Lesefluss, eine Sog kam dadurch erst im letzten Viertel auf. Ein wenig mag ich diesen Stil mit dem von Günter Grass vergleichen.

Dreieinhalb, zu vier aufgerundete Sterne, das Sprachmächtige und den Mut über Intimstes zu schreiben hoch bewertend von mir als Fazit, aber zumindest eine vorsichtige Warnung aussprechend, in das Buch bei Gelegenheit erst hineinzulesen, zwei, drei Seiten lang, um einen Eindruck zu erlangen, ob man damit klar kommt, bevor es weitestgehend ungelesen im Bücherschrank verschwindet.
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58 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Da hat einer um sein Leben geschrieben, das er verloren glaubte und er hat es gewonnen, 21. August 2010
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Rabenliebe (Gebundene Ausgabe)
Da hat sich ein Mann seine Lebensgeschichte von der Seele geschrieben, der ein Leben lang nach seiner Mutter suchte und ihr hinterher trauerte. Zwei Jahre alt war der kleine Peter Wawerzinek, als seine Eltern 1956 die DDR verließen und in den Westen flohen. Der kleine Junge wurde "inobhutgenommen", ein Vorgang, der auch heute noch, mit steigender Tendenz übrigens, mehr als 35 000 Kinder jedes Jahr in unserem Land betrifft.

Alleingelassen, von der Mutter sozusagen verstoßen, von einer Adoptivfamilie an die andere weitergereicht, hat Peter Wawerzinek fast 50 Jahre nach seiner Mutter gesucht. Ein schwieriges Leben, ein Leben mit vielen Fast-Durchbrüchen als Literat, mit vielen Abstürzen und Rückzügen, mit vielen weiteren menschlichen Enttäuschungen hat er durchlebt und durchlitten, bevor er endlich seine Mutter fand, sie zur Rede stellen konnte und damit seine 'Bindung' an sie lösen konnte.

Sein Roman "Rabenliebe", für dessen Beginn er in Klagenfurt den Bachmannpreis bekam, ist der atemlose Versuch, in der Auseinandersetzung mit seiner eigenen Geschichte, mit Literatur und Zeitungsmeldungen, sein Leben zu retten:
"Ich habe gedacht, wenn ich mich schreibend verschenke, entfliehe ich dem Teufelskreis der Erinnerung. Schreibend bin ich tiefer ins Erinnern geraten, als mir lieb ist."

Das Schreiben hat ihn gerettet, ein Vorgang, den schon viele andere Schriftsteller vor ihm erlebt und beschrieben haben. Nicht immer war die Rettung auf Dauer gestellt. Wünschen wir diesem beeindruckenden Mann, dass er mit dem Ruhm, den ihm dieses Buch mit Sicherheit bringen wird, umgehen kann, dass er uns weitere Bücher schenken wird.
Und wünschen wir, dass sein Lebensschicksal ein Licht wirft auf die Zehntausende von Kindern, die immer noch jedes Jahr sein Kinderschicksal teilen, indem sie "inobhutgenommen" werden, weil ihre Eltern sie auf die eine oder andere Weise im Stich gelassen haben.

Da hat einer um sein Leben geschrieben, das er verloren glaubte und er hat es gewonnen.
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27 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen nichts denn Liebe, die Nacht bis an den Tag.., 3. September 2010
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Rabenliebe (Gebundene Ausgabe)
Bei der Durchsicht, der vorgeschlagenen Buchtitel für den diesjährigen Deutschen Buchpreis 2010, ist wohl an Peter Wawerzinek nicht vorbeizukommen. Nach all den anderen Titeln, die ich naserümpfend wieder in meiner Buchhandlung zurücklege, scheint "Rabenliebe" das Zeug zu haben, es ganz nach vorne zu bringen. Wofür so ein Buchpreis gut sein soll, darüber kann man sich sicher streiten. Die einen katapultiert es in die Bestseller-Listen, die anderen werden schon nach kurzer Zeit als Eintagsfliegen vergessen sein. Peter Wawerzinek hat es immerhin bis zum Ingeborg Bachmann Preis und Publikumspreis 2010 geschafft. Der Autor erzählt in seinem neuen Roman, die erschütternde Geschichte seiner Kindheit in einem Waisenhaus der ehemaligen DDR, wo ihn seine Eltern zurückgelassen haben, um in den Westen zu flüchten.

Schon nach wenigen Seiten, spürt man, das Peter Wawerzinek etwas zu sagen hat. Vor allem die Sprache ist es, die einem mit voller Wucht entgegen kommt. Sie ist schockierend, brutal, dicht gedrängt geschrieben, gewaltig, unglaublich, anspruchsvoll, konzentriert, atemlos, beklemmend, traurig, unfassbar, sehnsüchtig, und dann spürt vor allem eines, nämlich dass es weh tut. Wie von einer ganz tiefen Kinderseele erzählt, bekommt man beizeiten ein wenig kalt und fröstelt, werden mitgenommen in einen überbordenden Gedankenstrudel, unglaubliche Gedanken und Formulierungen, die man erst einmal ankommen lassen muss. Ein Autor, der der Sprachlosigkeit, einen Ausdruck verleiht. Ein gewaltige Sprachvirtuosität, die man nicht alle Tage antrifft, mit neuen Wortschöpfungen angereichert um dem näher zu kommen, von was sich eine wehe Kinderseele befreien möchte..."..die eigene Mutter dort besuchen, um mich von ihr zu befreien.."

Wir starten beim 4. Lebensjahr, in den fünziger Jahren, erleben Kinderheime, Adoptionsfamilien, Adoptionsmütter und Väter, einer herum geschobenen Kinderseele: "..Der Fluch meines Lebens. Die eisige Wange. Von hier nach dort verstossen, umhergezogen, nebenbei behandelt, verhöhnt, verlacht und in ungemütliche Richtungen gestossen, von einer Kälte in die nächste Kälte geworfen, von dort nach da und dort zurückgeschubst..Von der Mutter verstossen, bin ich nirgends daheim, von einem Heim zum Andern gebracht, von Grimmen nach Nienhagen und weiter nach Rerik überführt, wo ich in die Schule ging. Wie eine Ware stets. Wie ein Paket aus Fleisch und Blut werde ich angeliefert. Wohin ich auch komme, mit wem ich rede, von meiner Zeit ist nichts überliefert, nichts eins zu eins nachzuerleben. Die Wege sind ausgebessert, umgeordnet oder verschwunden.."

Wir erleben, die Jugend, das Erwachsenwerden, den inneren Überlebenskampf angesichts von Alleinsein und verzweifelter Hilflosigkeit, im Beisein, der Inneren Suche, nach der eigenen Mutter. "Ich weine, weil ich mir die Mutter, die ich nicht hatte, erfinden musste..Du kannst die Rituale des Heims nicht überleben, wenn du nicht heimlich eine Mutter im Herzen trägst." Wir erleben den jungen Erwachsenen als Grenzsoldat, der sich mit Gedanken der Flucht beschäftigt.."Das Land, wohin ich fliehen will, beginnt hundert Meter weiter, am Waldrand..Man darf es sich nicht zu früh anmerken lassen, wenn man abhauen will..die Frau finden, die meine Mutter ist, hinterm Zaun da drüben im Westen, auf der anderen Seite des Maschendrahts.."

Ein Buch das ein Anklage ist, an die Mutter, das System, dem Versagen von Erziehung, Adoption, Umerziehung, dem Drill, Alleingelassenwerden, des Verstossenseins. "Ein Wesen wie ich, ein Kind in den Heimen vorgeformt, lässt sich nicht nach den grotesken Regeln eines Anstandsbuches erziehen. Sie hätten besser getan mich nicht anzurühren..Es geht darum, Kinder vor Menschen zu schützen, die sich ihrer nicht erwehren können." Eine Rückkehr zu den Erinnerungen der eigenen Kinderheimzeit, die er als Erwachsener wieder aufsuchen wird: "Jahre später sitze ich also wieder mit dem Rücken gegen den Pfosten gelehnt, suche mit dem Herzen herauszufinden, was ich wohl gefühlt haben mag. Der Wind ist lange meine Mutter. Der Wind wischte mir die Tränen fort. Der Regen ist eine zeitlang meine Mutter..Die Wellen der Ostsee sind meine Mutter..Sie Sonne ist meine Mutter. Der kalte Mond am Himmel ist meine Mutter. Zur Nacht ist die rabenschwarze Nacht lang meine Mutter." Eine Kindheit, die dem Mangel an Liebe zum Opfer gefallen ist.."Ich habe während meiner Adoption nicht viel mehr an Liebe und Zuwendung erhaschen können, als mir während meiner gesamten Kinderheimzeit zugefallen ist."

Der Ich-Erzähler, dessen Adoptiv-Eltern nie einen Namen haben werden, macht sich auf zu seiner Mutter als Erwachsener. Eine innere Suche und Auseinandersetzung, die in der äusseren Realität , nach all den vielen Jahren, ihre Bewährungsprobe sucht:"Ich breche auf wie einst Scott zur Antarktis, mit dem Ziel, als erster Mensch den Südpol zu erreichen. Ich erreiche den Südpol, wenn ich den Klingelknopf zur Wohnung der Mutter drücke."

Ein Werdegang einer herumgetriebenen Seele, die sich irgendwann zum Schriftstellerberuf entscheidet, wo u.a. der Schnee als Gegenpol zur Schwere des Lebens eine sinnbildhafte Metapher wird.."Worte erscheinen in den Schnee geschrieben..Schnee treibt vor meinem Fenster, während ich an der Schreibmaschine sitze, schneeweisse Seiten fülle, um festzuhalten, was ich erlebt habe, nachdem er eines Tages an meine Tür geklopft hat..Schnee fliegt an meinem Haus vorbei, als wolle er nie landen..Alle wichtigen Ereignisse meines Lebens werden Schneeaugenblicke.."

Ein wortverspielter Autor, der uns schmunzeln lässt: "Schneefall, Schneeaugen, Schneeblicke, Schneeaugenblicke, Schneejahrzehnte..Schneefink, Schneemaus, Schneeeule, Schneebeere, Schneehase, Schneefuchs, Schneenacht, Schneeziege, Schneenantilope, Schneeman, Schneefrau, Schneekind, Schnee-ich, Schnee-du, Schneemüllers-Schuh, Schneehuhn, Schneehahn, Schneefrau, Schneemann, Schneemann, Schneegrenze.Aus." Schreiben, was noch vielmehr sein kann, als eine Befreiung von Angst, Vergangenheit, und einer wehen Kinderseele.."Ich schreibe aus Angst vor dem weissen Papier, kenne im Grunde keine grössere Angst als die Angst vor dem weissen Blatt Papier."

Mit eingeschobenen Zeitungsartikeln, die von vermissten, misshandelten, missbrauchten Kindern und Jugendlichen handeln, mit der der Autor arbeitet, sozusagen als stilistisches Mittel, hält man den Atem an, als ob man die Schauermeldungen über Kinderdramen ständig vor Augen hat. Peter Wawerzinek bedient sich darüber hinaus von altbekannten Kinderreimen, die manchmal aber nicht immer angesichts des ernsthaften Dramas passen. Auch kann er das hohe Niveau seiner Sprache, seiner Spannung nicht durchgehend halten, wo es schon fast ins Belanglose fällt, weitläufig und unwichtig erscheint...

Fazit: Peter Wawerzinek schreibt in seinem Buch über den Roman: "Ich möchte mein Thema wie einen Bombengürtel tragen, mich mit ihm in die Luft jagen. Anders gelingt der Roman zur Mutter nicht. Sie überlebt, wenn ich mich ausgeschrieben habe..und beider Bestimmung nach, haarscharf und getrennt, wie wir sind..". Ein beeindruckender Roman, der sich auf die Seite der wehrlosen Kinder stellt, in ihrem ausgelieferten Dasein, als Waisenkinder. Peter Wawerzinkes Schrift ist eine Verteidigung des ausgelieferten Kindes, ein Feuerwerk an sprachlicher Ausdrucksform, der dem Leisen, Ausdruckslosen, dem Stillen und Sprachlosen, wieder eine Sprache gibt. Ein Ausnahmeschriftsteller, der mit seinem Schreiben den Leser betroffen macht, und uns von etwas erlebten einer zarten verlassenen Kinderseele erzählt, wie es authentischer kaum erzählt werden könnte...ich gratuliere diesem Autor, zu seinem neuen Roman, dessen Dimension und Grösse, wir nur erahnen können...und es wäre nicht das erste Mal, dass ein Mensch, ein Autor, durch einen grossen Verlust auch etwas gewonnen hat...oder noch gewinnen könnte...

Nominierung: Zum Deutschen Buchpreis 2010 nominiert.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wertvolles Aufmerksamkeitstraining für alle, die mit Pflege- und Adoptivkindern zu tun haben, 15. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Rabenliebe (Gebundene Ausgabe)
Wenn ein Schriftsteller sich literarisch und autobiografisch mit erlebter Vernachlässigung und Verlassenheit auseinandersetzt und das dabei entstandene Buch mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Publikumspreis der Tage der deutschsprachigen Literatur ausgezeichnet, in auflagenstarken Magazinen ausführlich besprochen und landauf, landab in renommierten Buchhandlungen als besonders lesenswert empfohlen wird, scheinen weitere Erwähnungen überflüssig. Aus Perspektive des PFAD BUndesverbandes der Pflege- und Adoptivfamilien aber ist noch nicht das letzte Wort gesprochen: Durch die authentische Perspektive eines Ende der 1950er Jahre in der DDR zurückgelassenen Kindes bietet die Lektüre dieses Romans Familienberaterinnen und -beratern, Pflege- und Adoptiveltern ein wertvolles Aufmerksamkeitstraining und bringt verdrängte und verschwiegene Erfahrungen zur Sprache, die erwachsene Adoptierte, Waisen und ehemalige Pflegekinder gewiss nicht kalt lassen.

Jenseits der Kategorie erbaulicher Unterhaltung bringen die inneren Monologe des fragenden Zweiflers und die Vielstimmigkeit der Antworten die Stimme des verlassenen, vertrösteten, bedrängten, unverstandenen und umerzogenen Kindes zum Klingen. Aus Sehnsucht, Lebensmut, Enttäuschung und Entsetzen komponiert der Wortkünstler Peter Wawerzinek die kontrapunktische Melodie seiner Mutterverlassenheit und Mutterfindung: 'Das Wort Heimsuchung habe ich nie als einen mir und meinem Leben zugedachten Ausdruck interpretiert. (...) Kein Familienmitglied erinnert sich für mich, sagt zu mir, ich wäre so und so gewesen. (...) Ich weiß nichts von Heimsuchung. (...) Maria geriet mir nicht zur Mutterschaft, nahm mein Unheil nicht an, machte die andere Möglichkeit nicht möglich (...) Ich sehe die Frauen, die uns Kinder im Heim aufsuchen. (...) Das Kind steht neben sich und ist völlig unkonzentriert. (S. 31-32)

Die bitteren Erlebnisse um seine Adoption bannend, ringt er um Worte: 'Ich sehe mich, nach vergeblichen Versuchen doch noch adoptiert. Ich wollte die Besitznahme meiner Person nicht, Heinz und Tegen, meine beiden Freunde, ersehnten sich die Adoption so sehr. Uns war der Abschied voneinander nicht gegönnt. Wir gingen einfach so in einen anderen Zustand über, sahen uns auf immer getrennt. Keine Zeit, uns zu verschwören, kein Raum nach all den Trennungen, uns je wiederzusehen. Die Adoptionsmutter schneidet sämtliche Heimbande durch und spricht sich gegen jedweden Kontakt zum Heim aus, der Erziehungserfolge wegen. (...) Der Großmutter tat ich leid, nur konnte sie an den Grundsätzen ihrer Tochter auch nichts ändern. Lindern heißt ihre Aufgabe an mir, und einen Gegengeist bei mir erhalten.' (S. 148)

Über viele Seiten hinweg verbindet solche Sinnabschnitte ein mal fein, mal grob gesponnenes, dichtes Gewebe aus Erlebnisschilderungen und Gedankensträngen, begleitet von Kinderliedtexten, Versen und Sprüchen. Jäh unterbrechen aktuelle Zeitungsberichte über vernachlässigte Kinder den Erinnerungsstrom, Gefühlskaskaden auslösend. 'Ganz gleich, welchen Weg ich nehme: Ich gehe nach Hause' diese Beschwörungsformel schreibt sich der verlassene Sohn ins Notizbuch. Im Augenblick der Mutterfindung wird ihm klar: Die 'Heimsuchung' ist lebenslang und bleibt riskant. Im Namen eines ernst genommenen Kinderschutzes verdient dieses Buch selbstreflexive Leserinnen und Leser: bereit, sich erschüttern zu lassen und in einer Position, fachlich etwas zu bewegen. (mh)
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rabenliebe...eine Ballade über fehlende Mutterliebe, 16. Dezember 2011
Rezension bezieht sich auf: Rabenliebe (Gebundene Ausgabe)
In diesem Buch verschenkt sich der Autor schreibend und ich habe es als Geschenk empfunden, wie offen, echt, anrührend, wahrhaft, klar der Autor seine Geschichte erzählt. Schon der erste Satz zieht hinein in den Sog, dem man sich durchgehend nicht mehr entziehen kann. Die kurzen Sätze, der Mut zum Punkt, die Kunst bildhaft zu beschreiben, mit Worten, wie aus einem Gedicht und doch ohne Geschnörkel setzen einen Prozess des Mitfühlens in Gang. Man erfährt, wie es war, damals 1954 und die folgenden Jahre in der DDR. Ein Kind, ein Adoptionsfall aufgewachsen zwischen Menschen, nicht bei ihnen, alleingelassen mit seinen Sehnsüchten, Fragen und Gefühlen, die miteinbeziehen, sich anvertrauen an eine mutterlose Welt. Das Kind hört die Worte, läßt sie sich auf der Zunge zergehen, wie Schneeflocken, erzählt aus seiner Perspektive heraus, eindeutig klar seine Wahrnehmungen und man erlebt mit, ob man will oder nicht. Der Bachmann-Preis ist hier ein berechtigtes Prädikat. Ich hoffe, noch viel von Peter Wawerzinek lesen zu dürfen.
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22 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ricercare über das Mutterliebesuchen..., 25. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Rabenliebe (Gebundene Ausgabe)
Peter Wawerzinek hat 2010 mit einem Ausschnitt seines Romans "Rabenliebe" den Ingeborg Bachmann Preis und dazu gleich auch den Publikumspreis gewonnen. Nun ist der Roman fertig, erschienen und auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.
Eine gewaltige Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben ist es geworden. Das Trauma, von der Mutter in der DDR zurückgelassen zu werden, während die Mutter in den Westen flüchtete, hat den Autor fünfzig Jahre beschäftigt. Das Resultat ist ein riesiges, großes, fesselndes, teilweise aber auch wirres, schwer nachvollziehbares Buch, dass sich am Ende doch als enigmatisches, persönliches Loswerden der Erzählung entpuppt und sich, wie viele große Bücher, dem Leser auf gewisse Art und Weise auch entzieht.

Fast vierhundert Seiten dauert es, bis der Protagonist seiner leiblichen Mutter gegenübersteht. Fast vierhundert Seiten, die ein permanentes Kreisen, ja eine Art Verzetteln vermitteln, das scheinbar nur dem Zwecke dient, die Zusammenkunft mit der leiblichen Nichtmutter so lange wie möglich hinauszuzögern. Mit dem Muttertreffen ist die Spannung weg, das Material verpufft, der Leser (wie der Autor) erleichtert. Es kann weiter gehen.

"Schnee ist das Erste, woran ich mich erinnere. Verschneit liegt rings die ganze Welt, ich hab nichts, was mich freuet, verlassen steht der Baum im Feld, hat längst sein Laub verstreuet, der Wind nur geht bei stiller Nacht und rüttelt an dem Baume, da rührt er seinen Wipfel sacht und redet wie im Träume."

Dieser erste Satz löst eine wahre Flut an suchender, ständig abschweifender Muttersuche- und Waisenkindprosa aus. Eine Prosa, der man gebannt und begeistert folgt. Man spürt, wie wichtig es dem Autor mit diesem Text ist, ein Text, der so persönlich, wie er ist, auch kaum zu rezensieren ist, da sich das persönlich Erlebte der Beurteilung entzieht.

"Im Heim verabreichen sie den Kindern auf Löffeln gegossen braunen Lebertran. Mir wird schlecht davon. Ich kann das Zeug nicht schlucken, muss mich übergeben. Und immer wird der Lebertran nachgeschoben. Das erste Stück Räucheraal spucke ich auf den Tisch der Adoptionsküche. Aus dem Heim in die Traubenzeit geschickt, ist das Schmalhansleben ausgestanden, eingetauscht gegen die paradiesische Üppigkeit der Mahlzeiten an der Tischlereifesttafel und Anfasser genannte Keulen der Weihnachtsgans. Ich bewältige ihre Festessen nicht..."

So groß ist die Sehnsucht nach der unbekannten Mutter, dass der Protagonist die Umstände seines Lebens neu erfindet, so verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und der kindlichen Wunschwahrnehmung. Heimalltag, das Aufwachsen des jungen Protagonisten, erste Küsse, Briefmarkentausch, die verhinderte Adoption der Köchin durch ihren Busfahrermann, was im jungen Protagonisten einen fast ewigen Busfahrerhass auslöst, eine schief gelaufene Adoption und eine erfolgreich verlaufene Adoption lösen im Erzähler, der das Buch rückblickend erzählt, unterschiedliche Gefühle aus.

Wawerzineks assoziative Prosa ist im Verlauf des Buches immer knapp davor, den Leser mit einer Überfülle an Informationen und ihrer sprunghaften, von Einem ins Andere springenden Entwicklung wegzuschwemmen, aus dem Buch zu stoßen. Scheinbar willkürlich gesetzte Einschübe, eine Logik konnte ich bei bestem Willen nicht finden, mit Zitaten aus Zeitungsmeldungen über gesuchte, ermordete, vernachlässigte, vergewaltigte und anderen widrigen Umständen ausgesetzten Kindern, oder Auszügen aus dem (Deutschen) Recht bei Adoptionsverfahren dienen als kurze Unterbrechungen, als Momente des Durchatmens, des Sammelns von Kraft; Kraft, die man für den nächsten Prosaschwall braucht.
Die emotionale Entfernung und Spießigkeit der Adoptionseltern, der ständige innere Kampf gegen dieses Leben, mit der Adoptionsoma als einziger Verbündeten prägt den Erzähler mehr als er zugeben will. Seine Beziehung zum weiblichen Geschlecht scheint durch diese Jahre geprägt zu sein, jede seiner drei im Roman angeführten Beziehungen ist kürzer als die vorige, bis sie quasi gar nicht mehr wichtig sind.

Interessanterweise lässt Peter Wawerzinek das Thema DDR links liegen, berührt es nur peripher, nur dort, wo es sich gar nicht vermeiden lässt, wie beim Wehrdienst zum Beispiel, als der Protagonist zum Grenzschutz eingeteilt wird, einen Fluchtversuch plant und schon in der Zwischenzone ist, bevor er umkehrt.

Nach dem Mauerfall dauert es noch einige Jahre, bis der Sohn, obwohl er längst Adresse und Telefonnummer der Mutter hat, diese auch wirklich kontaktiert und zu ihr fährt.
Das Muttertreffen verläuft kühl, ohne Interesse der Mutter oder auch des Sohnes. Was sich vorausahnen ließ, ist eingetreten.

"Ich war ein Idiot, denke ich, als ich mich entschlossen habe, zur Mutter zu fahren. Ich war ein Idiot, als ich mich habe nicht adoptieren lassen wollen. Ich war ein Idiot, als ich den Schlaumeiern zuzuhören begann, die mir einzureden versuchten, ich wäre beim Ringen ums menschliche Seelengleichgewicht auf der Verliererstrecke, wenn ich nicht zur verlorenen Mutter zurückfinde. Ich hätte durch den Muttermangel bereits sichtbaren Schaden genommen, müsse wettmachen, die Mutter aufspüren, den tiefen Graben zwischen uns überbrücken, unbedingt auf die Mutter zugehen, sie in die Arme schließen, dass sie ruhig sterben könne..."

Leicht macht es Peter Wawerzinek dem Leser nicht, man muss schon immer wieder eine gehörige Portion Geduld zur Verfügung haben, um über einige Längen im zweiten Teil hinwegzukommen. Nichtsdestotrotz entschädigt das Gefühl, das man am Ende, nach dem letzten Satz hat. Ein in dieser Form seltenes Glücksgefühl, diesen (autobiographischen) Roman gelesen zu haben, dadurch quasi passiv Teil dieser Geschichte geworden zu sein.
"Rabenliebe" ist ein eigenwilliger Roman, nicht leicht zu lesen, nicht perfekt, aber ganz große Literatur.
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18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ich werde mich zur Mutter aufmachen und dabei ums Leben kommen.", 24. August 2010
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Rabenliebe (Gebundene Ausgabe)
"Ich habe gedacht, wenn ich mich schreibend verschenke,
entfliehe ich dem Teufelskreis der Erinnerung."

So überschreibt ein brillanter Autor ein brillantes Buch. Sehnsüchtig wartend nach der Vorbestellung, glücklich, es in den Händen zu haben, lesend sich vertiefen in das unsäglich Unfassbare und doch erschreckend Normale. Eintauchen in eine Sprache, die wechselt von den Kinderreimen in den harten, grausamen Alltag der Nachrichten. Verloren geglaubt als Kind, Erinnerungen an die eigene Situation aus der Zeitung und dann der wahre Wille, sich neu zu entdecken. Peter Wawerzineck ist mein Alter, die Sprache und die Berichte aus der allgemeinen Kindheit wecken den Leser, seine emotionale Betroffenheit fängt wie ein Netz und nimmt den Leser mit auf eine Reise, die zwischen Abwehr und höchster Anteilnahme wechselt. Aber der Leser spürt auch eines, dass nicht nur die Scott'sche Kälte am Südpol allein führt, dass nicht nur die Mutterkälte am Mutterpol entscheidend ist, denn bei aller Distanz aus dem Alter klingt zwischen all den Zeilen diese kindliche Wehmut nach einer liebenden Mutter.

Wenn in der Erinnerung das Schweigen die beste Zudecke war, dann ist es nun das Reden. Auch wenn die Angst vor der Erinnerung mitschwingt in den ersten Zeilen, die die Kälte des Schnees aufwärmen soll, dann weiß man schon sehr schnell, dass Schreiben zur Therapie wird, dass Schreiben die kleine kindliche Seele heilen soll, damit sie vor ihrer zweiten Geburt steht, dem Selbst. Biographisches Schreiben ist die Wiederaneignung der eigenen Geschichte, las ich mal vor einiger Zeit. Genau dieses zeigt sich in diesem brillanten Roman des Peter Wawerzinek, der mehr als nur eine Empfehlung ist, aber dem auch der Gedanke an den Vater fehlt. "Ich werde mich zur Mutter aufmachen und dabei ums Leben kommen" ist jener wichtige Satz, der in ihm das Alte umbringt, damit das Neue entsteht. Erinnerung ist eine Trickbetrügerin, sagt er an einer Stelle und man spürt, dass das schön Gedachte darin zerfällt, dass nicht alles so ist, wie beschrieben, aber auch, dass das Eis bricht für das neue Grün, für die Wärme des Lebens.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zerstörte Kindheit, 31. Januar 2014
Von 
Felix Richter - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Rabenliebe: Roman (Taschenbuch)
1956. Eine junge Mutter lässt ihre zwei Kinder in der Rostocker Wohnung zurück, um sich in den goldenen Westen abzusetzen. Die beiden überleben wie durch ein Wunder; der kleine Peter, das Ältere der beiden Kinder, ist zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt.

Es schließt sich eine Heimkindheit an, die von Kälte, Vernachlässigung und Erniedrigung geprägt ist - mit vier Jahren spricht er noch nicht - von tiefer Unsicherheit und von dem einzementierten Bewusstsein, ganz anders zu sein als die normalen Kinder, die eine Mutter haben. Daran können auch die wenigen wirklich fürsorglichen Menschen, denen er begegnet, nichts ändern, auch nicht Freundschaften und Solidaritäten unter den Heimkindern. Erste Versuche, ihn in Adoptivfamilien unterzubringen, scheitern, und das Lehrerehepaar, das ihn schließlich aufnimmt, macht in dem Bestreben, ihn zu einem "anständigen", funktionierenden Menschen zu erziehen, noch mehr kaputt als sämtliche Heime zuvor. Aber hier lernt er allmählich, wie er sich zur Wehr setzen kann.

Es ist ein großartiges, schonungsloses, böses Buch. Wawerziks assoziativer Erzählstil driftet ständig ab, zahllose Kinderreime sind gleichsam als Pflöcke eingehauen, an denen er sich festhält, wenn die Erinnerung unerträglich wird. Und dann gibt es immer wieder Einschübe aus Zeitungsartikeln über Fälle, in denen Mütter ihre Kinder ausgesetzt oder getötet haben - hätte es ihn vielleicht sogar noch schlimmer erwischt, wenn er bei der Mutter aufgewachsen wäre? Bei dieser Frau, die ihn 50 Jahre lang als Phantomschmerz verfolgte, die er jahrelang versuchte zu idealisieren, gerade weil man ihm einreden wollte, dass sie nichts taugte, und die er schließlich zum ersten Mal sieht, als das Buch schon beinahe vorbei ist. Es ist eine Begegnung, vor der es ihm wahrlich graut: Weitere fünf Jahre lang schiebt er diesen Kraftakt vor sich her, nachdem er längst die Adresse herausgefunden hat. Dieses Grauen vor dem Treffen und die Ernüchterung, die es schließlich auslöst, diese geplatzten Seifenblase - es ist wirklich harte Kost. Aber die Suche ist vorbei, die Last abgeworfen, das Thema für immer abgehakt.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Starke Lesegenuß und Inspiration zum Erinnern, 19. Dezember 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Rabenliebe (Gebundene Ausgabe)
Peter Wawerzineks "Rabenliebe" ist ein beeindruckender Roman.

Für mich liegt sein Wert mehr in der Sprachgewalt und Inspiration des eigenen Erinnerns als im Kennenlernen des Lebens eines Heimkindes, das sich als Erwachsener auf die Suche nach der Mutter macht. (Warum nicht auch nach dem Vater: von der Mutter scheint er seine Talente nicht geerbt zu haben.)

In Videos über das Buch wird das verlassene Kinderheim in Lohme gezeigt, der Autor wie er es besichtigt. Ich kenne das Heim, habe es mehrmals besucht, als noch Kinder in ihm lebten, betreut wurden.

Aus Sicht der meisten Heimkinder wird das kein angenehmes Leben gewesen sein. Aber man sollte auch die Kinder befragen, die nie in einem Heim eingewiesen wurden, obwohl sie die ausgesprochen spezielle Fürsorge von Mutti und Papi, Tante und Onkel und vielen Bekannten fast nicht überlebt hätten und deren Seelen nicht minder fürs Leben vernarbt wurden wie die des Autors.

Um diese Problematik ging es Peter Wawerzinek nicht. Könnte man aber hin und wieder beim Lesen glauben beim Ausmaß der Verzweiflung, des Schmerzes.

Das schmälerte mein Lesevergnügen nicht. Allerdings interessierte mich mehr die literarisch verarbeitete Selbstfindung, weniger das Leben in Kinderheimen.

Empfehlen kann ich das Buch nur Lesern, die Sprache sehr mögen. Sie werden viel Freunde an den eindringlichen Sprachbilders und den ungewohnten Klängen haben.

Leser, die mehr über das Leben in Kinderheimen erfahren wollen und Sprache hauptsächlich als Transportmittel für Informationen nutzen, sollte wohl eher Fachliteratur vorziehen, um sich nicht im wunderbaren Sprachlabyrinth der "Rabenliebe" zu verheddern.
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Rabenliebe: Roman
Rabenliebe: Roman von Peter Wawerzinek (Taschenbuch - 9. Januar 2012)
EUR 10,99
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