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Kundenrezensionen

4,4 von 5 Sternen22
4,4 von 5 Sternen
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am 26. Mai 2011
Es ist kein Roman, es sind Erzählungen von einzelnen Lebensabschnitten, die aber auch sehr abstrakt gehalten werden. Die Zusammenhänge erkennt man erst zum Schluss des Buches. Tatsächlich aber ist es glänzende Prosa mit pointierten Sätzen, die zum Nachdenken anregen und sicher manchen auf ihr eigenes Leben zurückwerfen. Es ist auch eine sehr subtile Mahnung für die jüngere Generation, dass solche politischen Auswüchse nie mehr stattfinden dürfen! Das Buch berührt im Herzen.
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am 2. Februar 2008
Als ich den Klappentext las und so etwas wie eine minimalistische Familiensaga erwartete, war ich nach dem Lesen der ersten Hälfte erst mal enttäuscht. Es werden unterschiedliche Personen und deren Situationen vor verschiedenen geschichtlichen Hintergründen scheinbar zusammenhanglos und recht knapp beschrieben. Die Menschen haben keinerlei Verbindung miteinander, kennen sich oftmals gar nicht und allen gemeinsam ist nur, dass sie in irgendeiner Weise mit einem Grundstück oder dem später darauf stehenden Haus in Brandenburg zu tun haben.
Also überdachte ich meine Vorurteile und lies mich ganz neu auf dieses Buch ein und sieh da: Es gehört zu den besten, die ich in letzter Zeit gelesen habe.
Jenny Erpenbeck schafft es, jedem Charakter eine ganz eigene Art zu verleihen, auch durch den unterschiedlichen Schreibstil; sie schreibt zwar zügig und beschreibt die Person eher tief als breit, doch genau das macht den Reiz dieses Buches aus.
Beim Lesen zieht ein Jahrhundert deutscher Geschichte am Leser vorbei und gerade die Tatsache, dass es sich nicht um eine umfangreiche Geschichtsstunde handelt, sondern einzelne Personen, die so real erscheinen, als hätte Jenny Erpenbeck Zugriff auf deren Tagebücher gehabt, Spuren hinterlassen, die im Gedächtnis bleiben finde ich großartig.
Ein ungewöhnliches und tolles Buch, das man idealerweise ohne falsche Erwartungen lesen sollte. Mittlerweile sage ich: "Zum großen Glück: Nicht noch eine Saga!"
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am 12. Februar 2013
Am Anfang war ein Flecken Erde, dann ein Sommerhaus in einem Fichtenwäldchen an einem brandenburgischem See. Man hat es vor Augen, so typisch scheint es. Caputh, Glindow, Petzow, Ferch? Aber der konkrete Ort ist nicht wichtig, das Haus ist die Bühne für die wechselvolle Geschichte des letzten Jahrhunderts. Die Eigentümer und Bewohner des Hauses vertreten mit ihrem Leben und dem Ausschnitt ihres Schicksals, der mit diesem Flecken Erde verbunden ist, den Ablauf der Zeit. Als einzige Konstante begleitet man den Gärtner, der über die Verrichtung seiner immer wiederkehrenden Tätigkeiten über die Jahreszeiten altert. Eine weitere Konstante ist natürlich das Haus, das bestimmte Merkmale behält und so die Spuren längst vergangener Bewohner bewahrt. Die geschnitzte Treppe, die Vogelfigur auf dem Balkon und die Buntglasfenster, vom Erbauer so sorgfältig ausgesucht, bleiben über die Jahrzehnte erhalten. Wie auch der Kampfergeruch im Wandschrank, Wäschebeigabe einer Bewohnerin, eben der Wandschrank, der zu Kriegszeiten als Versteck dient. Der junge Baum, der sich später knorrig über das Ufer neigt, wurde gepflanzt von Bewohnern, die das Haus auch ein Stück begleitet haben.
Eine eigentümliche Sprache und unvermittelt wechselnde Zeitebenen ziehen einen in den Bann; die Figuren bleiben auf Distanz, und trotzdem ist ihr Stück Lebenslauf, der mit dem Haus verbunden ist, eindringlich.
Ihr Auftritt und ihr Vergehen an einem einzigen Ort macht selten deutlich, dass wir hier nur flüchtige Gäste sind. Mit dem Abriss des Hauses, des geschnitzten Treppengeländers, der Buntglasfenster, des Vögelchens und des Wandschranks verlieren sich auch die letzten Spuren.
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am 28. Januar 2010
Jenny Erpenbecks "Heimsuchung" erzählt vom Leben und Leid der Bewohner eines Ferienhauses am Scharmützelsee in Brandenburg. Das Leben eines Haus mit seinen Generationen von Besitzern, Mietern, Angestellten, Gästen, Besatzern, wieder neuen Besitzern, Zerstörers und dem allgegenwärtigen Gärtner wird in teilweise chronologisch angeordneten, teilweise verschlungen Schlaglichtern erzählt. Das Haus erlebt einen Auf- und Abstieg ganz ähnlich einem wirklichen Leben, in der Mitte seiner Existenz erblüht es vor Leben, um Jahrzehnte später erst vergessen zu werden, dann im Streit der Erben zu verwahrlosen und schließlich abgerissen zu werden, um Platz für einen neuen Beginn zu schaffen.

Nichts bleibt den Bewohnern des Hauses erspart: Der jüdische Architekt flieht ins Exil, seine zurückgebliebenen Eltern und die Familie seiner Schwester überleben den Holocaust nicht. So bleibt es dem Leser nicht erspart, auf einem der wenigen Ausflüge weg vom Haus am See, die Nichte des Architekten auf ihrem Weg in den Tod zu begleiten. Die neue Besitzerin erlebt den Durchmarsch der roten Armee, Ihr Mann versucht einige Jahre später die Republikflucht. Es folgt ein Ehepaar, welches die Kriegsjahre in Moskau verbracht hat und nach den dortigen Verfolgungen vom real existierenden Sozialismus zunehmend desillusioniert wird. Die Wende kommt im Buch genauso plötzlich wie es real der Fall war und im Schatten der Einheit folgen Spekulanten, Rückgabeklagen und erneute Jahre der Lähmung.

Jenny Erpenbeck gelingt mit Ihrem Roman, nicht nur die Brüche des deutschen 19. Jahrhunderts nachzuzeichnen, sondern eine sehr persönliche Liebeserklärung an das Berliner Hinterland um das Märkische Meer zu verfassen. Zugleich gelingt es Ihr, trotz der Vielzahl der auf- und abtretenden Personen, diese auf den wenigen Seiten ihrer jeweiligen literarischen Existenz zu fast schon beängstigend fühlbaren Individuen erstehen zu lassen.

Das Buch ist konzeptionell wie auch erzählerisch ein Meisterwerk. 5 Sterne!
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am 29. Dezember 2008
"Woher er gekommen ist, weiß im Dorf niemand. Vielleicht war er schon immer da." - der Gärtner.
Zwölf Lebensgeschichten und Ausschnitte von Lebenswegen eines Jahrhunderts deutscher Geschichte verbindet und begleitet der Gärtner, der immer wieder in Takt bringt, was die Vorbesitzer in Unruhe hinterlassen haben.

Ein Grundstück am See, eine Villa nahe Berlin wechselt seine Besitzer vom Wurrach, dem Großbauern und seinen vier Töchtern zum Tuchhändler, dem Architekten, einer Schriftstellerin, die aus dem Exil heimkehrt, einer polnischen Schwiegermutter, den jeweiligen Erben und Pächtern. Nun ist der letzte Auswege des jüdischen Tuchhändlers, die Villa an den Architekten zu verkaufen, um die Flucht der Familie nach Übersee zu finanzieren; bleibt der Frau des Architekten (dieser ein Mitarbeiter der Gruppe Albert Speers) keine Wahl, mit russische Soldaten ihr Haus zu teilen; wird der Architekt seinerseits das Anwesen (mit seinen verspielten, mechanischen Feinheiten, etwa zum Öffnen der Fensterläden) zurücklassen, um dem System der DDR zu entkommen.

In zwölf Einzelschicksalen, getrennt durch die Anwesenheit des Gärtners erzählt Jenny Erpenbeck von der Entstehung des Hauses, der Bepflanzung und Rodung des Gartens bis zur Enteignung und dem Abbruch, des liebevoll inszenierten Gebäudes. Jeder einzelne Erzähler, jede Erzählerin bedient sich der eigenen Stimme, des eigenen Wortlauts. Jeder Bewohner ist sowohl Täter im Leben eines anderen, als auch Opfer von Gewalt, Hass und Vertreibung. Dem Leser wird ein Blick ins Innerste der Menschen gewährt, ohne sich dabei mit Oberflächlichkeiten wie Aussehen, Alter oder gängigen Charaktereigenschaften aufzuhalten.

In zwei Gruppen geteilt stellen die Erzählungen eine Verbindung zueinander her. Jedes Schicksal kann einzeln aber auch als Teil des Ganzen betrachtet werden. Der Wechsel von Perspektive, Sprache und Epoche ist einerseits klar durch die einzelnen Kapitel getrennt, andererseits jedoch eine Herausforderung, da die Charaktere den Fortgang der Handlung maßgeblich aufbauen und sie in ihrem Auftritt nicht zwingend eine Reihenfolge beibehalten.

Was mich besonders beeindruckt hat: die Konzentration aufs Wesentliche.
Was neu für mich war: die Aneinanderreihung der unterschiedlichsten Bräuche für Heirat und Begräbnis im Kapitel des Großbauern und seiner Töchter.
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am 7. August 2008
Dies Buch ist schmal, aber dafür sprachlich umso durchschlagskräftiger. Auch ich hatte eine komplizierte, vielleicht etwas langatmige Familiensaga (etwa à la "Die Mittagsfrau") erwartet und wurde so positiv überrascht, dass ich dieses Buch jedem empfehlen möchte, der sich an dem guten und glasklaren Umgang mit der deutschen Sprache erfreuen kann, wie Erpenbeck ihn beherrscht. Dieses Buch ist große Kunst!
Wie eben hingetupft erscheinen die Umrisse der beschrieben Figuren, und doch ergibt sich durch die Kunstfertigkeit der Autorin - und eben durch das viele Weglassen - ein umso eindrücklicheres Bild im eigenen Kopf. Gerade dass man nicht alles auf dem Silbertablett serviert bekommt, macht das Buch zu einem (nicht nur, aber auch intellektuellen) Vergnügen.
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Eine Definition des Begriffes Heimat zu geben ist sicherlich schwierig. Unterschiedliche Erlebnisse und Erinnerungen formen dabei die persönliche Erklärung.
Heimat muss keine lokale Prägung haben, sondern ist eher eine Beziehung zwischen Mensch und Raum.
Zwar hat Jenny Erpenbeck in ihrem großartigen Roman "Heimsuchung" eine ganz konkrete Heimstatt, nämlich ein Haus am Märkischen Meer in Mecklenburg ausgewählt, aber auch ihre Bewohner definieren den Begriff Heimat jeder auf andere Art und Weise.

Dieses Haus, errichtet in den 20er Jahren und bewohnt bis zur Jahrtausendwende, dient der Autorin gleichfalls nur als Hülle, als Rahmengerüst für ihr kunst- und genussvolles Wortgemälde. Am Ende verfällt es, wird abgerissen.

Anhand von zwölf Einzelschicksalen erzählt Erpenbeck die Suche und Sehnsucht des Menschen nach Heimat. Dabei streckt sie den eigentlich unbedeutenden Zeitraum um eine Zeitspanne von achtzig Jahren, beginnend in den Zwanzigern.
Ein Berliner Architekt, ein jüdischer Tuchfabrikant und ihre Familien und Schicksale rankt Erpenbeck um dieses Haus und das Grundstück.

Mit kurzen, prägnanten Sätzen, die sich von Zeit zu Zeit wiederholen, erzeugt die Autorin eine derart gefühlsmäßige Durchschlagkraft, die beinahe einem emotionalen Knockout gleichkommt, dass dem Leser der Atem stockt, Manchmal ist weniger mehr!

Und so verfolgt der Leser die wechselnden Besitzer der Räumlichkeiten, betritt mal dieses, mal jenes Zimmer, erfährt etwas über Frau des Architekten, die Kinder des Juden, die einmarschierenden Rotarmisten.
Als wiederum der Architekt ein paar Jahre später selbst vor dem DDR-Regime flieht, finden neue Bewohner Heimstatt im Haus, so die aus dem Exil heimkehrende Schriftstellerin, die wiederum der polnischen Mutter ihres Schwiegersohnes eine neue "Heimat" gewährt. Diese gehört zu der melancholischsten, gleichzeitig jedoch schönsten Erzählung Erpenbecks. Trotz des traurigen Untertons ist eine stille Freude darin. Großartige Worte wie Musik.

Verbindendes Glied und Einschub hinter jedem Einzelschicksal ist der Gärtner, der gleichsam stumm und scheinbar unveränderlich die Vegetation des Gartens am Leben erhält, der rodet und neu anpflanzt - je nach Wunsch der jeweiligen Besitzer -, bewässert und pflegt, wo diese doch am Ende auch gut ohne ihn auskommt und den Abbruch des Hauses überdauert. Er dient nach jedem Kapitel als emotionale "Bremse", mindert mit seiner beruhigenden Pflege und Hege der Natur die Wucht, die zerstörerische Kraft von Erpenbecks Text.

Erpenbecks Texte erzeugen trotz ihrer augenscheinlichen Marginalität eine permanente Sogwirkung, eine starke innere Spannung, der sich zu entziehen kaum möglich ist. Scheint anfänglich vieles noch vage, nur angedeutet und hingetupft, so verdichtet sich der Stoff von Seite zu Seite zunehmend, um beinahe tiefenpsychologische Dramatik zu erreichen. Dabei rollt die Autorin ihre Dramen nicht nacheinander ab, sondern stapelt sie neben- und übereinander, verknüpft, dröselt auf und webt wieder zusammen und lässt so Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beinahe gleichzeitig existieren. Nur der Wechsel der Sprach- und Stilebenen markiert das Vergehen der Zeit.

Die Enkelin der Schriftstellerin, die letzte Bewohnerin, ist wohl Jenny Erpenbecks Alter Ego. Denn das Reethaus am See, Ausgangspunkt und Ziel dieser Heim-Suchung, wurde 1936 tatsächlich von einem Berliner Architekten erbaut und ging nach dem Krieg in den Besitz ihrer Großeltern Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck über.

Fazit:
"Heimsuchung" ist ein anmutiges, episches wie poetisch verdichtetes Lesevergnügen der menschlichen Suche und Sehnsucht nach Heimat, indem die Autorin zwölf verknappte Lebensläufe vorstellt, die alle mehr oder weniger miteinander verwoben und untrennbar mit der deutschen Geschichte verbunden sind.

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2008 wäre Jenny Erpenbeck eine wahrhaft würdige Gewinnerin, denn ihre Sätze stehen nicht einfach auf dem Papier, sondern sie sind unterwegs zum Leser, der sich ihrer bedienen kann.

So sieht große Literatur aus!
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am 7. Dezember 2014
Der Roman behandelt zwölf Lebensläufe und Schicksale, die sich um dieses Haus ranken. "Heimat planen (...). Vier Wände um ein Stück Luft, ein Stück Luft sich mit steinerner Kralle aus allem, was wächst und wabert, herausreißen, und dingfest machen. Heimat. Ein Haus die dritte Haut, nach der Haut aus Fleisch und der Kleidung. Heimstatt." schreibt Jenny Erpenbeck über "das Haus". Dessen BewohnerInnen erleben Glück und Unglück, und das Haus im märkischen Idyll ist ein wichtiger Referenzpunkt für alle, die hier ihre Zeit verbracht haben. Der Zeitbogen beginnt in der Weimarer Republik und erstreckt sich bis in die Nachwendezeit.

Die Geschichte beginnt, als ein Großbauer, Vater von vier unverheirateten Töchtern, in der Weimarer Republik sein Land parzelliert und an einen Architekten und an einen jüdischen Tuchfabrikanten verkauft. Der Berliner Architekt, aus dem Stab von Albert Speer, baut auf seiner "Scholle" und erweitert 1939 günstig seine Immobilie. Sein Nachbar Artur und seine Herzallerliebste Hermine, wollen Deutschland wegen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten verlassen. Ein Teil der jüdischen Familie kann sich nach Südafrika retten, doch für die Eltern treffen die Papiere zu spät ein. Statt auszureisen, müssen sie 1940 einen Gaswagen in Kulmhof bei Litzmannstadt besteigen.

Der Architekt verbringt die Zeit des Nationalsozialismus bis Mitte der vierziger Jahre in der DDR in dem Haus. Mit Kriegsende kommen die Russen in das Haus am See. Auch der Architekt verlässt Anfang der 50er Jahre überstürzt sein Bungalow am See. Er hat für einen großen Bauauftrag Material aus dem Westen verwendet und soll dafür ins Gefängnis kommen. Die aus dem russischen Exil zurückkehrende Schriftstellerin und ihr Mann gehören der DDR Nomenklatura an. Es sind Jenny Erpenbecks Großeltern, die in der Uferstraße 13 in Diensdorf ein Sommerhaus beziehen. In dieses Haus sind die Großeltern Fritz Erpenbeck und Hedda Zinner heimgekehrt.

Deren Erfahrungen im Nationalsozialismus, im Exil und in der DDR beschreibt Jenny Erpenbeck so: "Damals haben sie das Schweigen gelernt, und dieses Schweigen war nach allen Entbehrungen das größte Geschenk an ihren Traum, der so groß blieb, dass jeder einzelne Genosse ganz allein war, wenn er darin umherging." Nach der Wende werden Restitutionsansprüche von verschiedenen Erbenparteien gestellt. Mit wehleidigem, romantisch verklärten Ton schildert sie die Gewalt des BGB Paragraphen 985, der die Anspruchsgrundlage der KlägerInnen auf die Herausgabe begründet. Das Haus verwahrlost und bevor es komplett durch Abbruch verschwindet, wohnt Jenny Erpenbeck noch einige Tage hier und lässt ihre Erinnerungen aus Kindertagen lebendig werden. "Wie mit Schlingen band die Zeit den Ort dort fest, wo er war, band die Erde an sich selbst fest, und band die Erde fest, und band sie an der Erde fest."

Der Gärtner, der für fast alle verschiedenen BewohnerInnen des Hauses tätig war, ist ein schweigsamer Mensch. "Er spricht wenig, und zu den Ereignissen im Dorf äußert er sich überhaupt nie". Sein Kosmos ist der Garten, der Kreislauf der Natur und deren Zeitachse.

Ein romantisches Buch und ein ostalgischer Blick auf die Kindheit der Jenny Erpenbeck.
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am 12. Februar 2009
Wie Tellkamps Turm-Roman ist auch Heimsuchung ein Geflecht aus verschiedenen Biografiesträngen, die teils unabhängig voneinander, teils sich doch berührend, gemeinsam ein Ganzes ergeben.

Ist Tellkamp ausschweifend und wortreich, liegt Erpenbecks Kunst in der Verknappung und Verdichtung.

Wie bei Tellkamp, gibt es einzelne Erzählstränge, die einen tiefer berühren als andere - Erpenbecks inneren Monolog der masurischen Großmutter, die ihre 3 Enkel im 2. Weltkrieg nach Berlin rettet und nun, im Alter, sich und ihre Umgebung nur schwerlich in Einklang bringen kann, finde ich atemberaubend. Wenige Seiten genügen und man spürt am eigenen Leibe, was es bedeuten mag, Flüchtling zu sein.

Auch ihre Darstellung des Lebens des sich stoisch seiner repetitiven Arbeit hingebenden Gärtners finde ich ergreifend.

Mit so wenigen Worten so viel Gehalt zu transportieren - das ist für mich wirklich Kunst!

Die Sprache, die Darstellung mögen kühl sein. Die Bilder, Gefühle, Assoziationen, die sie mit ihren Lebensskizzen auszulösen vermag, finde ich ungeheuerlich & alles andere als kühl.
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am 14. März 2014
In den meisten Besprechungen wird das Buch hoch gelobt und zunächst war ich auch ganz angetan.
Zunehmend fühlte ich mich aber durch die allwissende Perspektive der Autorin und ihre permanenten Wiederholungen genervt, verärgert und geradezu zum Widerspruch provoziert. Dazu kommt, dass die Personen kein wirkliches Leben entwickeln, sondern immer symbolhaft für ein bestimmtes Schicksal stehen. Die Autorin benutzt sie wie Marionetten auf der Bühne und wenn's aus ist mit ihrer Funktion fürs Buch, dann sind sie futsch und die nächste Person taucht auf.
So kommen einem die Personen und ihre Geschichte nie wirklich nahe, sondern sie werden einer - zugegeben kunstvoll gebauten - Struktur untergeordnet. Sie s i n d nicht - sie stehen f ü r etwas.
Gleichzeitig wird aber in einigen dramatischen Passagen das Mitgefühl des Lesers bis hin zur Schmerzgrenze und zum Kitsch angesprochen. Auch sind die im Subtext mitschwingenden Bedeutungen - alles vergeht, die Natur bleibt, jeder macht sich schuldig, auf diesem Stück Land hat sich schon Schlimmes und Dramatisches abgespielt - bei näherer Überprüfung doch recht banal.
Fazit: Ein guter vielfältiger Stoff, an dem die Autorin sich aber gründlich verhoben hat. Statt einer bedeutungsschwangeren Litanei wäre vielleicht ein Roman, der den Prozess des Recherchierens sichtbar macht, den Figuren eine Individualität gibt und sie nicht als Symbole für etwas benutzt, weitaus interessanter gewesen.
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