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TOP 500 REZENSENTam 5. Mai 2011
Das Buch besteht aus 4 größeren Teilen und einem kleineren 5., in dem sich lediglich ein Beitrag des Computer-Wissenschaftlers W. Daniel Hillis befindet. In Teil 1 geht es primär um Biologie und Evolution, in Teil 2 um Information, Bewusstsein, Sprache etc., in Teil 3 um Physik und Kosmologie und in Teil 4 um Komplexität, Selbstorganisation, Ordnung etc.

Eigentliches Thema ist die speziell in den USA zu beobachtende zunehmende Verdrängung des literarisch und geisteswissenschaftlich gebildeten Intellektuellen aus dem öffentlichen Diskurs. Seinen Platz nimmt nun immer häufiger der gleichermaßen in philosophischen Fragen bewanderte Naturwissenschaftler ein, der seine Antworten und Einsichten direkt aus den Erkenntnissen der naturwissenschaftlichen Disziplinen bezieht, wo mittlerweile ebenfalls Letztfragen gestellt werden. Dieser Personenkreis wird als dritte Kultur bezeichnet.

Dabei wird nicht mit Spott gespart. Beispielsweise heißt es gleich auf S. 15 über die traditionellen Intellektuellen Amerikas (und ich denke, dies dürfte auf Europa erst recht zutreffen): "Ihr wesentliches Kennzeichen sind Anmerkungen zu Anmerkungen, und diese Spirale der Anmerkungen dreht sich so lange, bis die wirkliche Welt verlorengeht."

Als ein Merkmal der zugehörigen Wissenschaftsdisziplinen wird der sog. "Physikneid" ausgemacht, den Richard Dawkins wie folgt beschreibt (24f.): "Und dann sind da noch die Gebiete, auf denen die Menschen (...) am 'Physikneid' leiden. Sie wollen, dass ihre Disziplin als ungeheuer schwierig gilt, obwohl sie das nicht ist. Die Physik ist von Natur aus ein schwieriges Gebiet, und deshalb gibt es eine ganze Branche, die die diffizilen Vorstellungen der Physik einfacher aufbereitet, damit die Leute sie verstehen können; umgekehrt gibt es aber auch eine Branche, die Themen ohne Substanz aufgreift und so tut, als hätte sie eine - man kleidet sie in eine Sprache, die um der Unverständlichkeit willen unverständlich ist, nur damit sie für tiefschürfend gehalten wird."

Und Der Genetiker Steve Jones legt nach (25): "Wer nicht allgemeinverständlich über wissenschaftliche wie auch über nichtwissenschaftliche Themen sprechen kann, ist nicht zivilisiert."

Nun scheint aber ausgerechnet die Biologie selbst ein wenig unter Physikneid zu leiden, wie Lynn Margulis in ihrem ausgezeichneten und mitunter äußerst witzigen Beitrag "Gaia ist ein zähes Weibsstück" deutlich macht, worin sie sich u.a. an ein Gespräch mit Richard Lewontin im Anschluss an dessen Vortrag erinnert (181): "Ich fragte ihn, warum er so darauf versessen sei, eine Kosten-Nutzen-Erklärung zu präsentieren, die sich aus einer unechten sozioökonomischen 'Theorie' ableite, wenn man nichts davon experimentell oder in der Praxis belegen könne. Warum wolle er solchen Unsinn lehren, wo er doch selbst auf schwerwiegende Schwachpunkte der Grundannahmen hingewiesen habe? Er erwiderte, dafür gebe es zwei Gründe: Die erste sei 'P.E.'. 'P.E.?' fragte ich. 'Was ist das? Bevölkerungsexplosion [Population explosion]? Unterbrochenes Gleichgewicht [Punctuated equilibrium]? Leibeserziehung [Physical education]?' 'Nein', entgegnete er, 'P.E. ist Physikneid [Physics envy].' Damit meinte er ein Krankheitsbild bei Wissenschaftlern anderer Fachgebiete, die sich nach den mathematisch eindeutigen Modellen der Physik sehnen. Sein zweiter Grund war heimtückischer: Wenn er seine Untersuchung nicht in den neodarwinistischen Denkstil kleidete (eine altertümliche und meines Erachtens völlig unpassende Sprache), würde er keine Forschungsmittel für seine Arbeiten bekommen."

Sehr hübsch!

Die Evolutionsbiologie scheint aber - wie das Buch gleichfalls deutlich macht - noch ganz andere Probleme zu besitzen, und zwar insbesondere Lagerbildung und Dogmatismus. Denn anders, als in den restlichen Teilen des Buches, wird im evolutionsbiologischen Teil 1 nur so mit gegenseitigen Sticheleien um sich geworfen. Richard Dawkins scheint dabei eine zentrale Rolle zu spielen. Lynn Margulis wirft ihm im Buch vor, ihr ein Gespräch verweigert zu haben und nicht einmal bereit gewesen zu sein, mit ihr am Telefon zu diskutieren. Geradezu vernichtend fällt das Urteil des Londoner Biologen Brian Goodwin aus (118): "Die interessanteste Erkenntnis taucht am Ende von 'Das egoistische Gen' auf, wenn Richard sagt, die Menschen könnten als einzige Spezies ihrem egoistischen Erbteil entgehen und durch Erziehung zu echten Altruisten werden. Ich stellte plötzlich fest, daß die vier zuvor genannten Punkte seine Neufassung von vier sehr vertrauten Prinzipien des christlichen Fundamentalismus waren, welche so lauten: 1. Der Mensch ist als Sünder geboren. 2. Wir haben ein egoistisches Erbe. 3. Deshalb ist die Menschheit zu einem aus Kampf und ständiger Mühsal bestehenden Leben verdammt. 4. Aber es gibt eine Erlösung. Damit hat Richard klargemacht, daß der Darwinismus eine Art Umwandlung der christlichen Theologie darstellt. (...) Ich habe den Verdacht, daß Richard in irgendeinem Stadium seines Lebens recht religiös war; dann machte er eine Art Bekehrung zum Darwinismus durch, und jetzt wünscht er inbrünstig, daß andere sich das als Lebensweise zu eigen machen."

Die ständigen Streitereien unter den Evolutionsbiologen sind offenkundig längst in das Bewusstsein von Wissenschaftlern anderer Disziplinen gedrungen. So merkt etwa der Physiker Lee Smolin an (197): "Was ich nicht verstehen kann, sind die Empfindlichkeiten zwischen den Evolutionstheoretikern wie Lynn Margulis, Richard Dawkins und anderen." Und W. Daniel Hillis sagt an anderer Stelle (29): "In der Biologie gibt es eine starke Strömung, der zufolge man Darwin nie öffentlich in Frage stellen sollte."

Die anderen Teile des Buches sind vergleichsweise geruhsam. Lee Smolin beklagt einmal mehr - wie auch in seinem Buch -, dass die Forschungsgelder zu einseitig den Stringtheorien zu gute kämen, obwohl diese bislang keine nachprüfbaren Resultate geliefert hätten. Und Alan Guth erläutert in knappen Worten sein kosmologisches Inflationsmodell. Hätte ich darüber nicht bereits zuvor etwas bei Stephen Hawking oder Brian Greene gelesen, hätte ich davon kein Wort verstanden. Immerhin ist die Vorstellung, man könne neue Universen im Hinterhof erzeugen (die dann genauso groß wie unser eigenes werden) recht witzig. Und wer möchte nicht gerne einmal Gott spielen. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass Kosmologen wie Guth (soll sich wie Gott aussprechen) irgendwann die erforderlichen Mittel zusammen haben werden, um ihre Idee verwirklichen zu können.

Wie dieses Experiment dann ausgehen wird, kann schon jetzt mit Gewissheit vorhergesagt werden: Sekunden später und nach der Verpuffung unseres bisherigen Universums hört man einen auf einer Wolke dahinschwebenden und mit seinen Engeln zu einem Gläschen Dom Perignon anstoßenden bärtigen alten Mann sagen: "Respekt, Respekt! Nur 13,7 Milliarden Jahre - so schnell waren sie bislang noch nie. Mal sehen, wie lange es diesmal dauert."
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