Kundenrezensionen

50
3,7 von 5 Sternen
Die Ökonomie von Gut und Böse
Format: TaschenbuchÄndern
Preis:12,99 €+Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime
Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

55 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 28. Juni 2012
AUTOR UND ZIEL DES BUCHES

Tomás Sedlácek (*1977) ist ein tschechischer Ökonom. Basis ist seine Dissertation, die aber (laut WIKIPEDIA) abgelehnt wurde. Man erkennt diese Herkunft. Im Anhang gibt es 677 Anmerkungen mit den Quellen der Textzitate, 14 engbedruckte Seiten Autorenverzeichnis und ein umfangreiches Sachregister. Das soll aber nicht abschrecken. Es zeigt, dass sehr sorgfältige Quellen- und Textrecherchen durchgeführt worden sind. Das Buch ist durchgängig sehr verständlich geschrieben. Auch ohne ökonomisches Vorwissen ist es gut lesbar. Es ist in zwei Teile gegliedert: Teil I Ökonomie in früheren Zeiten, Teil II Blasphemische Gedanken.

Die Ziele seines Buches nennt er zum Schluss. Es soll eine (S. 396) "postmoderne Kritik der mechanistischen und imperialen Mainstream-Ökonomie" sein; eine (S. 403) "weiter gespannte und faszinierende Geschichte der Ökonomie" über die mathematische Wahrnehmung hinaus; eine "Antithese zur vorherrschenden morallosen, positivistischen und deskriptiv aussehenden Ökonomie." Seine grundsätzliche Einstellung ist in einer Fußnote (S. 351) versteckt. Er ist "überzeugt, dass wir das menschliche Verhalten nie besser verstehen werden, wenn wir uns mit der Ökonomie befassen, ohne über das rein Ökonomische hinauszugehen."

ÜBER DIE INHALTE

TEIL I: Sedlacek meint, dass uns Mythen und Religionen, Philosophen und Dichter ebenso viel über Ökonomie lehren können, wie die heutigen mathematischen Modelle der sogenannten Mainstream-Ökonomie. Er analysiert zu Beginn das Gilgamesch-Epos. Dort entdeckt er, dass das Ziel der Zivilisation und des Wirtschaftens sei, den Menschen immer mehr unabhängiger zu machen von der Natur, ihm eine konstante und kontrollierbare Umgebung zu schaffen. Die Idee des Fortschritts findet er bei den Hebräern. Vorher sei das (wirtschaftliche) Geschehen als zyklisches, sich wiederholendes Ereignis empfunden worden. Er bespricht den ersten dokumentierten Konjunkturzyklus im Alten Testament, der Traum des Pharaos mit den sieben fetten und mageren Kühen, der von Josef interpretiert wurde. Bei dem griechischen Philosophen Xenophon stellt Sedlacek fest, dass dieser bereits den Unterschied zwischen Gebrauchs- und Tauschwert eines Gutes kannte und auch die Vorteile der Arbeitsteilung.

Bei den Stoikern und Hedonisten erkennt Sedlacek zwei Grundprinzipien, wie man mit Mangel umgeht. Stoikern setzen auf Verringerung der Nachfrage, Hedonisten auf Vergrößerung des Angebotes. Die heutige Ökonomie habe, so folgert er später, das hedonistische Konzept verinnerlicht. Bibel und Ökonomie sieht Sedlacek sehr eng miteinander verwoben. Er findet im Alten Testament Anweisungen dafür, wie die Schwächsten der Gesellschaft geschützt werden sollen: Witwen, Waisen und Fremde. Die überwiegende Anzahl Gleichnisse und Beispiele im Neuen Testament würden im wirtschaftlichen und sozialen Kontext handeln.

Mit Rene Descartes findet nach Sedlacek der Umschwung statt von der philosophisch ethischen Basis der Ökonomie hin zur Mathematisierung und Mechanisierung. Natürlich wird auch Adam Smith erwähnt. Smith sei aber von seinen Nachfolgern weitgehend reduziert worden auf seine ökonomischen Ausführungen (z.B. die unsichtbare Hand des Marktes). Man habe seine moralphilosophischen Schriften vernachlässigt mit der Folge, dass der Mensch als Nutzenmaximierer und Homo oeconomicus gesehen werde. Ihn, den Homo Oeconomicus, hält Sedlecek für (S. 218)"ein mechanisches Konstrukt, das gemäß unfehlbarer mathematischer Prinzipien und durch reine Mechanik funktioniert". Während der religiös gläubige Mensch sich ausdrücklich zu seinem Glauben bekennen müsse, hänge der moderne Mensch seinem wissenschaftlichen Glauben unbewusst an.

TEIL II: Dieser Teil beginnt mit der Erkenntnis, dass (S. 273)"Unzufriedenheit der Motor des Fortschritts und der Marktkapitalisierung ist". Wir seien heute von der Idee des beständigen Wachstums so besessen, dass wir bereit seien uns dafür hoch zu verschulden, nicht nur in Krisenzeiten sondern auch in Zeiten großen Wirtschaftswachstums. "Der materielle Fortschritt ist in vieler Hinsicht zur säkularen Religion und zur großen Hoffnung unserer Zeit geworden", und die Ökonomen seien dabei die modernen Priester, die prophetische Dienste zu leisten hätten. Sedlacek weist darauf hin, dass auch ökonomische Theorien mit deren mathematischen Modellen so etwas wie moderne Mythen seien. Man wisse, dass sie nicht wahr seien, glaube aber, dass sie dennoch etwas Wahres über die Welt aussagen würden.

Der Mensch bewegt sich nach Sedlacek zwischen zwei Polen: einerseits die Überrationalisierung, die ihn zum Roboter mache und anderseits übergroße Spontaneität, die zu unbeherrschtem (tierischen) Verhalten führen würde. Er meint (S. 399) unser Weg liege irgendwo in der Mitte. Mit Blick auf die aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise kommt Sedlacek zu folgender Empfehlung (S. 400): "Umdenken ist nötig, weil eine Wirtschaftspolitik, die nur materielle Ziele verfolgt, immer zu Schulden führen wird. Jede Wirtschaftskrise wird viel schlimmer werden, wenn wir ständig die Last dieser Schulden stemmen müssen. Wir müssen sie daher schnell zurückzahlen. Wenn die nächste größere Wirtschaftskrise unser System trifft, müssen wir vorbereitet sein ... Wer ständig auf des Messers Schneide lebt, darf sich nicht wundern, wenn er sich dabei verletzt." Die derzeitige fiskalische Philosophie bezeichnet Sedlacek daher als (S.308) "Bastard-Keynesianismus".

BEURTEILUNG

Das Buch kommt ohne eine einzige mathematische Formel aus. Es ist mehr eine Geschichte des ökonomischen Denkens. Da heute die Mainstream-Ökonomie mit ihrer Mathematisierung an Grenzen stößt, wird zusätzlich wieder eine (Rück-)Besinnung auf die Ethik und Moral der Ökonomie erforderlich. Sedlecek schreibt verständlich mit nur wenig Fachterminologie, wenngleich ein paar Grundkenntnisse der Ökonomie den Lesegenuss erhöhen würden. Viele Kapitelüberschriften erleichtern die Orientierung und dienen oft als eine kurze Zusammenfassung des folgenden Textes. Wer möchte, kann aufgrund der umfangreichen Anmerkungen im Anhang die originalen Textstellen leicht finden. Man braucht nicht immer mit Sedlaceks Folgerungen übereinstimmen. Eine tiefschürfende Auseinandersetzung darüber, was GUT und was BÖSE ist, fehlt zwar. Aber darüber haben sich Philosophen, Soziologen und Theologen schon genügend Gedanken gemacht. Insgesamt ist das Buch sehr empfehlenswert für all diejenigen, die jenseits von Formeln nach einem tieferen Verständnis ökonomischer Prinzipien suchen.
22 KommentareWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 500 REZENSENTam 26. Februar 2012
Zugegeben, ich habe nicht ganz verstanden, was der Autor mit seinem Buch überhaupt sagen will. Im Grunde ist es ein geisteswissenschaftliches Buch. Als Naturwissenschaftlerin verstehe ich ihn nicht.

Mein Fazit hätte vielleicht noch sein können, dass der Autor uns klar machen möchte, dass die Ökonomie keine rein positive Wissenschaft ist, die sie so gerne sein möchte, sondern eher eine normative, bei der es ganz viel um Gut und Böse bzw. Schlecht geht. Um diese These zu belegen, geht er sehr weit zurück in der menschlichen Kulturgeschichte, genauer bis zum Gilgamesch-Epos, einer der ältesten schriftlich festgehaltenen Dichtungen der Menschengeschichte. All das ist sehr interessant und auch leicht lesbar und gut herausgearbeitet, deshalb drei Sterne.

Seine zentralen Fragen sind (19): "Gibt es eine Ökonomie von Gut und Böse? Zahlt es sich aus, gut zu sein, oder liegt das Gute außerhalb von jedem ökonomischen Kalkül? Ist die Selbstsucht dem Menschen angeboren? Kann man sie rechtfertigen, wenn sie zu etwas führt, was gut für die Gesellschaft ist?" Gesucht wird also so etwas wie eine Metaökonomie.

Doch worum geht es in der Ökonomie überhaupt? Meist wird die Ökonomie als die "Wissenschaft von der Optimierung der individuellen Bedürfnisbefriedigung bei knappen Ressourcen" definiert (siehe z. B. Herrmann-Pillath: Grundriß der Evolutionsökonomik). In diesem Sinne wäre eine ökonomische Maßnahme "gut", wenn sie die allgemeine individuelle Bedürfnisbefriedigung verbessert, "schlecht", wenn sie das Gegenteil bewirkt. Doch für wen? Für die aktuelle Generation oder auch generationenübergreifend? Vor einer ähnlichen Problematik steht bereits die gesamte Natur, denn auch darin geht es um die individuelle Bedürfnisbefriedigung bei knappen Ressourcen.

Dies zeigt, dass sich die vom Autor aufgeworfenen Fragen nur vor dem Hintergrund einer evolutionären Perspektive behandeln lassen, wie es Peter Mersch in Systemische Evolutionstheorie: Eine systemtheoretische Verallgemeinerung der Darwinschen Evolutionstheorie und Eric D. Beinhocker in Die Entstehung des Wohlstands. Wie Evolution die Wirtschaft antreibt versucht haben. Fragen wie "Ist die Selbstsucht dem Menschen angeboren?" greifen eindeutig zu kurz, wenn man in der Analyse nur bis zum Gilgamesch-Epos zurückgeht. Mersch beispielsweise leitet, ausgehend von der Fragestellung, was Leben ist, die aktuellen Großprobleme der Menschheit direkt aus dem Urknall bzw. der Grundstruktur unseres Universums ab. Für ihn sind Lebewesen und die darauf aufbauenden Phänomene wie Unternehmen und andere Superorganismen "selbstreproduktive" bzw. nachhaltige Systeme, die bestrebt sind, ihre Kompetenzen (insbesondere ihr Wissen) zu bewahren, und zwar auf Kosten ihrer Umwelt. Sie verhalten sich nachhaltig gegenüber ihren Kompetenzen und ausbeutend gegenüber der Umwelt. Sie sind bestrebt, nicht nur absolut, sondern auch relativ gegenüber anderen nicht schlechter zu werden. Gemäß Mersch sind wir letztlich alle so konstruiert, denn unser Universum hat uns so gemacht, ja machen müssen. In diesem Sinne wertet er nicht (Begriffe wie Gut und Böse kennt er nicht).

Die genannten Eigenschaften mögen noch ganz harmlos sein, wenn man allein auf der Welt ist und im Grunde nur die Sonne ausbeutet und dem Boden Nährstoffe und Wasser entzieht. Werden die Ressourcen, die zur Bewahrung der vorhandenen Kompetenzen regelmäßig benötigt werden, jedoch knapp, entsteht sofort das ökonomische Grundproblem, und zwar in der Natur wie in menschlichen Sozialstaaten als auch in der Unternehmenswelt.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Menschheit es nicht schaffen wird, wenn wir nicht endlich bei den zentralen Zukunftsproblemen eine primär naturwissenschaftliche, evolutionäre Perspektive einnehmen, bei der es weniger um Fragen wie Gut oder Böse geht, sondern darum, ob es vor dem Hintergrund, dass wir Kinder des Urknalls - und nicht Gottes - sind, überhaupt Lösungen für die anstehenden Zukunftsprobleme der Menschheit gibt, die ohne die üblichen Schuldigen, gegenseitiges Köpfeeinschlagen und schwere individuelle Zwangsmaßnahmen auskommen.

Ganz entsprechend hat der Autor nach meinem Dafürhalten keine sinnvollen Vorschläge für die Zukunft der Menschheit parat, jedenfalls sind mir keine ins Auge gestochen. Sein Appell, wir sollten uns in Zukunft sparsamer und bescheidener verhalten und den nächsten Generationen insbesondere weniger Schulden hinterlassen, zielt jedenfalls ins Leere. So etwas würde wohl nur in nichtdemokratischen Gesellschaften funktionieren. Es gelingt ja nicht einmal in der sonstigen Natur, wie Richard Dawkins in seinen Büchern (z. B. Das egoistische Gen) stets deutlich gemacht hat.
11 KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
76 von 90 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 12. Februar 2012
Eine super Buch welches nur jemand schreiben kann der die Katastrophe des Kommunismus kennt und die Unvollkommenheit des Kapitalismus erlebt.

Die Ökonomie wird in ihrem Kern sowohl durch gute wie falsche Entscheidungen vorangetrieben. Wir handeln nicht wie Roboter deren Entscheidungen vorhersehbar sind. Als geistige Wesen haben wir eine Vielfalt an Handlungsweisen welche oft aus tiefen Emotionen oder gelernten Verhaltensmustern bestehen.

Warum zahlen wir Trinkgeld obwohl wir da vielleicht nie mehr vorbei kommen? Warum helfen wir jemandem ohne Gegenleistung? Warum sind die Dinge am wertvollsten die man nicht kaufen kann? Warum ist eine Anerkennung etwas wert? Wäre ein Scheck nicht wertvoller?

Als soziale Wesen die im innersten das gute und richtige tun wollen können wir der Vielfalt der Einzelentscheidungen trauen.

Diese Buch hat einen sehr philosophischen, teils religiösen Ansatz. Es zeigt wie das wirtschaften aus unserem Wesen und der Urbanisierung entstanden ist. Jeder der über seinen Tellerrand hinaus denken will muss dieses Buch unbedingt lesen. Eine Ökonomie die der Natur des Menschen entspricht und deren Schwächen akzeptiert ist ein sehr wertvolles gut.

Was wir heute als neu betrachten ist in Wirklichkeit uraltes Wissen. Sedlacek hat hier ein Meisterwerk zusammen gestellt.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 23. Juli 2013
Der Autor, Tomás, Sedláèek, Chefökonom einer tschechischen Großbank, lehrt an der Universität Prag Wirtschaftswissenschaften und fungierte während der Amtszeit von Präsident Václav Havel als dessen Berater. Kein ausschließlich im Elfenbeinturm sitzender Gelehrter also, sondern vielmehr ein Mann mit praktischem Zugang zu den in seinem Buch behandelten Fragen. Der von John Stuart Mill (dem Vater" des Utilitarismus), später auch von F. A. Hayek, formulierte Gedanke Wer nichts anderes ist, wird wahrscheinlich kein guter Volkswirt sein", charakterisiert die Arbeit Sedláèeks. Hier schreibt eher der Philosoph, weniger der Ökonom. Sein zentrales Anliegen ist es, der Frage nachzugehen, ob es sich auszahlt, gut zu sein, oder ob das Gute außerhalb jedes Nutzenkalküls liegt.

Zu diesem Behufe schlägt der Autor - nicht ohne Witz und mit scharfem Blick fürs Wesentliche - einen weiten Bogen von den Anfängen aller schriftlichen Überlieferungen, dem Gilgamesch-Epos, über das Alte und Neue Testament (letztes hat er akribisch auf seine erstaunlich zahlreichen, wirtschaftlich relevanten Aussagen untersucht) und die Klassiker" der Ökonomie, bis in unsere, von einer langjährigen Schulden- Währungs- und Demokratiekrise gekennzeichneten Tage. Sedláèek geht mit seiner eigenen Zunft durchaus hart ins Gericht. So kritisiert er etwa scharf deren Reduzierung des Menschen auf den Homo oeconomicus und dessen rein mathematische Funktionen. Die moderne Ökonomie lege seiner Meinung nach zu viel Gewicht auf die Methode anstatt auf die Substanz." In der Tat: Moderne Lehrbücher der Ökonomie sind - seit Paul Samuelsons Economics: An Introductory Analysis" - anders als die der Klassiker, voll mit Formeln und Diagrammen. Man meint, es mit Werken zur Physik zu tun zu haben...

Betrachtungen der Phänomene Geld, Zinsen, Wert und Bedeutung der Arbeit (die dem Menschen erst mit seiner Vertreibung aus dem Garten Eden zum Fluch wurde) bilden ebenso Bestandteile seiner Ausführungen, wie solche zum Unterschied von Tausch- und Gebrauchswert von Gütern und die Beschäftigung mit der Spieltheorie.

Der heutzutage so gut wie ausschließlichen Festlegung von Studenten der Wirtschaftswissenschaften auf die total mathematisierte Neoklassik" steht Sedláèek kritisch gegenüber: Obwohl wir am stärksten an die menschliche Entscheidungsfreiheit glauben, erlauben wir es den Stundenten ja nicht, ihre eigene ökonomische Denkschule auszuwählen - wir lehren sie nur noch den Mainstream." Man meint, den Befund eines Protagonisten der Austrian Economics" vor sich zu haben.

Bilanz des Autors: Wir haben zu viel Weisheit gegen Exaktheit getauscht, zu viel Menschlichkeit gegen Mathematisierung." Mein Fazit: Erhellende Sommerlektüre!
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
am 19. Juli 2015
Der Titel macht neugierig. Vaclav Havel schrieb das Vorwort. Der Autor hat einen universitären Lehrauftrag und ist zudem Chefökonom. Darüber hinaus gibt es viele positive Rezensionen und dieses Buch ist ein Spiegel Bestseller. Naheliegende Gründe, sich für dieses Buch zu interessieren.

Kurz gesagt, es war für mich eine Enttäuschung auf der ganzen Linie. Dass die heutige Ökonomie äußerst bedenkliche Facetten hat, ist offensichtlich, hier hatte ich auf Antworten oder wenigstens Einsichten gehofft.

Zunächst holt der Autor weit aus. Sehr weit. Bis in die Antike. Das Buch beginnt mit dem Gilgamesch Epos. Nun gut, warum nicht. Aber Seite für Seite quält man sich beim Lesen durch wiederholt vorgetragene geschichtliche Aspekte und die korrespondierenden Gedanken des Autors. Streckenweise stellte ich mir die Frage, ob der Autor das Ziel hatte, den Leser von des Autors humanistischer Bildung zu überzeugen. Das wäre jedenfalls gelungen.

Nach reichlich hundert Seiten stellt er nun endlich fest, dass die Ökonomie Moral und Ethik hinter sich gelassen hat. Warum das so ist oder gar wie man diesen Trend umkehren kann, dazu sieht er sich nicht in der Lage.

Zu seinem Anliegen kommt der Autor dann endlich im Schlusswort und auch dort erst im zweiten Kapitel: Die heutige Ökonomie überbetont die Mathematik und vernachlässigt sozial-wissenschaftliche und ethische Aspekte, obwohl offensichtlich geworden ist, dass die mathematischen Modelle ausserstande sind, wichtige Teile ökonomischen (und nicht-ökonomischen) Verhaltens vorherzusagen. Dazu hat es genau 400 Seiten gebraucht.

Man lasse sich also nicht täuschen. Die Masse dieses Buches sind geschichtliche Betrachtungen und des Autors Gedanken dazu. Bei entsprechender geschmacklicher Disposition mag dieses Buch vielleicht mit Gewinn gelesen werden. Für mich war es eine Qual, und nur die Hoffnung, dass irgendwann doch noch die erwarteten Gedankenanstösse kommen würden, hat mich bis zu den letzten Seiten vordringen lassen.

Aber vielleicht tue ich dem Autor Unrecht:

Vielleicht gehöre ich als Nicht-Ökonom auch gar nicht zu seinem Zielpubliikum. Mehrmals spricht er Ökonomen an und natürlich kennt er dieses Zielpublikum besser als ich. Vielleicht brauchen manche Ökonomen diese 400 Seiten zur Einspeichelung und Vorverdauung bevor sie sich dem Gedanken nähern können, dass in ihrer Disziplin der Wurm ist.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 11. Februar 2013
"Schon wieder so ein Besserwisser" war mein Gedanke, als ich das Buch geschenkt bekam. Dann lag es erst einmal ein halbes Jahr bei mir rum.

Um das Buch zu beginnen, braucht man wirklich Ausdauer. Sedlacek holt nämlich aus, ganz weit aus,... geht bis zu Christus zurück, noch vor die Antike zurück - Bis zur ersten schriftlichen Überlieferung: Gilgamesch. Oh je, was hat das jetzt mit Ökonomie zu tun?

Sedlaceks Buch ist weniger ein volkswirtschaftliches, es ist eher wirtschaftsphilosophisch. Aber wer ist heute schon philosophisch, gerade in der Zeit von Markowitz und Bloomberg? Passt denn das noch? Ja! Absolut! Wie Edzard Reuter auf dem Buchrücken indossiert "...höchste Zeit, dass die Ökonomie wieder vom Kopf auf die Füße gestellt wird". Und Recht hat er!

Während des Lesens kam mir immer wieder der Gedanke, was das denn jetzt alles mit "Gut und Böse" zu tun hat? Ja gut, da ist die Morallehre der Bibel und andere Überlieferungen. Doch die Antwort wird dem Leser erst allmählich klar, je weiter er vordringt. Sedlacek führt den Leser ganz langsam - und mit historischen Belegen - an die Fragestellung heran. Er benutzt dazu auch das Höhlengleichnis von Platon: Demnach sehen wir Menschen heute auf die Ökonomie nicht mit den richtigen Augen. Und zwar: Die Fragestellung, doch zu erklären, was uns antreibt, was gesellschaftliches Leben bestimmt (oder bestimmen sollte), wie wir uns gesellschaftlich organisieren, miteinander auskommen, all diese Fragen sind so alt wie die Menschheit selbst. Darum geht es. Frei nach dem - ebenfalls zitierten platonschen Höhlengleichnis - sehen wir die Dinge genau so, wie unsere Augen sie uns erklären. Doch ist das Erklärungsmodell für die Ökonomie heute wirklich das, was real ist? Oder ist es vielmehr das, was wir gelernt haben als Realität wahrzunehmen? Ist schon sehr philosophisch, oder?

Aber Sedlacek wird durchaus konkreter. Er räumt mit Missinterpretationen auf - u.a. mit Sagen um Adam Smith und seiner "invisible hand" erklärt das historische Aufkommen von Strömungen wissenschaftlicher Erklärungsversuche. Griechen, Jesus, Thomas von Aquin, die Klassiker, Neoklassiker, die Kirche bis zur Moderne, Marx und Keynes - alle kommen zu Wort und werden mit ihren Erklärungsansätzen und Kritiken beleuchtet: Wie sollte der Mensch sein? Wie sollte die Gesellschaft wirtschaften? Ist er ein emotionsloser Rationalist, oder ein kulturell, ethnisch und emotional getriebener Romantiker mit Vorlieben und Abneigungen, durch die wir uns unterscheiden und zu unterschiedlichen (wirtschaftlichen) Entscheidungen gelangen?

Sedlacek übt scharfe Kritik an der seit Descrates technokratisierten Wissenschaftsübung in der Ökonomie. Er vermisst den moralischen und emotionalen Einfluss, den eine Sozialgemeinschaft besitzt und der ihr Handeln bestimmt. Er fragt, warum es die Ökonomie verlernt hat, Modelle zu verwerfen, selbst wenn diese offenkundig nicht mehr in die Zeit passen. Die Ökonomie übe sich wie die Physik mathematisch und mechanisch auf die Wahrheit zu konzentrieren - es gebe nur ein richtiges Ergebnis. Doch ist das so? Und warum tut die Ökonomie so? Keine Wissenschaft (selbst nicht die Modell stehende Physik) ist derart unfähig, eigene Modelle zu verwerfen. Mit Sedlacek wird nicht ein neues Modell geschaffen. Nein, er zeigt dem Leser auf, dass die Herkunft der Denkmuster der Mainstream-Ökonomie auf teilweisen Irrtümern und Glauben fußen, denen sie heute noch nachhängt, doch die offenkundig nicht weiter erforscht und kritisiert werden. Es fehlt an der philosophischen Untersuchung der Dinge selbst. Stattdessen hat sie sich der schnörkellosen Klarheit der Methoden der Physik bedient, die alle "soften" Elemente ausklammert. "Denn es ist doch so schön in dieser künstlichen Welt. Warum in die unklare mit schwer beschreibbaren ethischen und kulturellen Strömungen überzogene Realität treten?"

Ein brillantes Buch, das sehr aktuell ist. Es ist weniger auf gegenwärtige Probleme der Wirtschaft bezogen, sondern vielmehr generalistisch auf das Thema Ökonomie und Wissenschaft ausgelegt. Es beantwortet demnach keine topaktuellen Fragen der Wirtschaft und ihre Krisen, sondern vielmehr gibt es einen - überfälligen - Denkanstoß an die Wirtschaftstheoretiker der Welt. Der Beginn eines geistigen Wandels? Ich weis es nicht.

Mich hat das Buch sehr bewegt!
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
am 2. Dezember 2013
Zugegeben, Thomáš Sedláček hat den Titel etwas drastisch gewählt, aber für dieses Buch ist es höchste Zeit geworden.

Es führt die Ökonomie wieder dorthin, wo sie eigentlich hingehört – näher zu den Geisteswissenschaften. Nur weil sie sich mittlerweile vieler naturwissenschaftlicher Werkzeuge wie der Mathematik bedient ist, sie noch lange keine Naturwissenschaft! Hier hat, wie so häufig, eine Subjekt-Objekt-Verschiebung stattgefunden, die dringend berichtigt werden muss. Technokraten, Tayloristen u. ä. haben diese Schieflage gierig aufgenommen, Statistiken und Score Cards wie Fackeln vor sich hergetragen und nicht wahrhaben wollen, dass sie die Gesellschaft bestenfalls in eine Sackgasse steuern, wahrscheinlich in etwas wesentlich Schlimmeres. (Horror-Szenario: Permanenter, vollautomatischer Aktienhandel per Supercomputer in Milliardenhöhe)

Haben wir es vergessen? Ökonomie ist die Lehre vom "klugen Haushalten" und das ist gut biblisch. Was aber unsere "Magnaten" mittlerweile anstellen ist weder klug, noch hat es irgendetwas mit Haushalten zu tun – vom biblisch/ethischen ganz zu schweigen. Dieses Buch erklärt, warum wieder Werte in und von der Wirtschaft gefordert werden müssen. -- Seine Botschaft lautet: Zurück!

Einen Punktabzug gibt es, wegen der deutschen Übersetzung.

Gerade im ersten Teil wird eine sehr missverständliche Wortwahl an den Tag gelegt. Man erkennt unschwer, dass Frau Proß-Gill und das Lektorat die intelligenten Verknüpfungen nicht nachvollziehen konnten oder einfach nicht genügend bibelfest sind ;-)

Die Ökonomie von Gut und Böse
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
23 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 27. Februar 2012
Die Stärke dieses Buches ist sein provokanter Ansatz, gerade weil es "geisteswissenschaftliche" Inhalte einbezieht.

Ich habe daher nicht ganz verstanden, was Lena Waider als Rezensentin eigentlich sagen will. Verstanden habe ich nur, sie verstehe Sedlacek nicht, sie vermutet, dass liege daran, dass sie Naturwissenschaftlerin sei und sie halte dies Buch ein für "die geisteswissenschaftlich unterwanderten Feuilltons" geschaffenes Werk. Es läuft also darauf hinaus, dass Lena Waider hier eine extreme Abneigung gegenüber den Geisteswissenschaften (=Nicht-Naturwissenschaften?) kundtut und dies zur Grundlage gegenüber ihrer Bewertung macht.

Persönlich missfällt mir dieser ausgrenzende Ansatz von der Rezension von Lena Waider gegenüber 'Geisteswissenschaftlichem'. (Die Ökonomie ist übrigens weder eine Geistes- noch eine Naturwissenschaft. Sie ist eine Sozialwissenschaft - man könnte sie auch Begriff den humanities zuordnen.) Diejenigen methodischen, wissenschaftlichen Ansätze sind zur Erklärung eines Phänomens zu Rate zu ziehen, die es gut, am besten erklären können. Tatsächlich erklärt der Ansatz von Sedlacek eine ganze Menge (dasselbe gilt von David Graeber, Debt http://www.amazon.de/Debt-The-First-000-Years/dp/1933633867/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1330509304&sr=8-1 deutsche Ausgabe: http://www.amazon.de/Schulden-Die-ersten-5000-Jahre/dp/3608947671/ref=pd_sim_eb_1). Der Ökonom Sedlacek sagt hierzu: Wir sollten auf diejenigen wissenschaftlichen Erklärungen hören, die schon vor der Krise vor ihr erklärend gewarnt haben: Das waren Soziologen, Ethnologen, Historiker, Philosophen. (Vgl. auch das Gespräch mit Sedlacek bei der Sendung "Sternstunde Philosophie" (Youtube)).

Daher ist es mehr als begrüßenswert, wenn der Ökonom Sedlacek derartige außerkönomische Theorieansätze verwendet, um die Krise zu erklären. Interessant ist, dass Sedlacek (wie auch Graeber) die ökonomisches Handeln selbst moralisiert. In seinen Augen ist jedes wirtschaftliche Handeln auch moralisch zu bewertendes Handeln. Naheliegend, dass das Personen nicht schmeckt, die wertfreies Wirtschaften propagieren, ohne dafür argumentativ eine belastbare anthropologische (wieder eine "Geisteswissenschaft") Grundlage geschaffen zu haben. (Schon Friedman hierzu: Der wesentliche menschliche Antrieb ist die Gier.)

Der homo oeconomicus wird schon lange als unzureichend Basis für jedes ökonomische Modell gesehen. Um den homo zu untersuchen, bedarf es aber auch der Geistes- und der Sozialwissenschaft (dabei will ich naturwissenschaftliche Modelle gar nicht ausklammern, da sich dies in meinen Augen nicht ausschließt). Um so unverständlicher, dass Ansätze wie die von Sedlacek oder auch Graeber tatsächlich entgegnet wird, sie könnten nichts erklären, weil sie (a) methodologisch nicht das gängige Modell vertreten (was 2007/8 grandios versagte) und (b) methodologisch sozial/geisteswissenschaftliche Ansätze

Das war jetzt viel Verteidigung, weil ich die Kritik an Sedlaceks methodologischer Ansatz nicht nachvollziehbar fand. Besonders irritiert mich, dass Lena Waider in ihrer Rezension dann vor allem die Evolutionäre Ökonomie propagiert. Diese hat mit dem Buch von Sedlacek gar nichts zu tun und erscheint mir deplazierte Werbung zu sein. Zweitens ist nun genau diese sehr junge Forschungsrichtung Evolutionäre Evolutionäre Ökonomie in sehr hohem Maße wissenschaftstheoretischen Kritikpunkten ausgesetzt. Denn anders als (die bezüglich der Entstehung der biologischen Arten weitgehend unbestrittene) Evolutionstheorie entwickeln sich diverse Evolutionsforschungsansätze mit dem Anschein der exact sciences zu spekulativen Forschungsfeldern. So kritisiert S. J. Gould an der vergleichsweise (seit den 1970ern) etablierten Evolutionären Psychologie, ihre "Annahmen über die evolutionäre Bildung kognitiver Mechanismen seien häufig nicht mehr als plausibel klingende Geschichten, die sich nicht im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung bestätigen oder widerlegen ließen." (Vgl. Wikipedia zu Evolutionäre Psychologie) Die noch jüngere Evolutionsökonomie dürfte ähnlichen Angriffen ausgesetzt sein.

Wer also verschiedene methodischen Ansätze verknüpfendes, nicht engstirniges Denken schätzt, dem sei Sedlaceks Buch wärmstens empfohlen. Bei den anderen hoffe ich auf Besserung.
11 KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
24 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 9. März 2012
In diesem Buch geht es um die Wechselwirkung zwischen den Wirtschaftswissenschaften auf der einen und der Ethik auf der anderen Seite. Muss Wirtschaft sich an eine Ethik halten oder nützt das nichts? Und was versteht man unter dem Guten und dem Bösen?

Zunächst werden diese Fragen im historischen Zusammenhang diskutiert. Dazu dienen das uralte sumerische Gilgamesch-Epos, Altes und Neues Testament, antike griechische Philosophie und Philosophen der Neuzeit (Descartes, Mandeville, Smith). Hier sieht man, dass die Menschen der Antike von der Wirtschaft und den Städten verunsichert waren. Ob die städtische Zivilisation gut oder schlecht war, wurde immer anders gesehen. In der Neuzeit wurde alles mechanistischer gesehen; teils sollte die Gesellschaft wie ein Uhrwerk funktionieren.

Der thematische Teil des Buches befasst sich u. a. mit Gier, Fortschritt, Träumen, Wissenschaft und Wahrheit. Dabei geht es immer darum, ob die unsichtbare Hand des Marktes eine Ethik benötigt oder ob eben alles automatisch abläuft.

Man sieht, dass die Wirtschaftswissenschaften keine Naturwissenschaften sind (Menschen sind eben keine unbelebte Materie). Deshalb sind allzu vereinfachende Konzepte wie der Homo oeconomicus (der allwissende Mensch, der allein nach dem Nutzen schaut), mathematische Gleichungen und Ökonometrie (statistische Verfahren) nicht sehr sinnvoll. Wo bleiben die Träume oder Triebe der Menschen? Die kann niemand prognostizieren...

Als Lösung zur Finanzkrise wird zur Verringerung der Schulden aufgerufen. Außerdem sei die Marktwirtschaft diskreditiert (wenngleich der Marxismus keinesfalls funktionieren kann).

***

Mir hat das Buch teilweise gut gefallen. Der Autor rätselt, warum die Gesellschaft immer mehr Wirtschaftswachstum will und dazu immer mehr Schulden benötigt. Das müsse man jedenfalls in den Griff kriegen. Die Lösung liegt im aktuellen keynesianisch-monetaristischen Paradigma der Wirtschaftswissenschaften: Zur Senkung der Arbeitslosigkeit braucht man Wachstum. Wachstum erzeugt die Zentralbank über eine Ausweitung der Geldmenge, was über die Geschäftsbanken die Verschuldung erhöht. Warum der Autor sich manchmal auf Hayek und Mises beruft, aber dann deren Konjunkturtheorie vergisst, ist mir ein Rätsel.

Ayn Rands Philosophie, der Objektivismus, wird als "Reduktionismus und radikaler Egoismus" beschrieben. Dass dazu eine quasi naturrechtliche Ethik (Freiheit, Eigentum, Arbeit, Ehrlichkeit) gehört, wird verschwiegen.

Die Frage, was im Bereich der Wirtschaft gut oder böse ist, wird meiner Meinung nach nicht beantwortet. Der Autor schließt, dass Theorien nützlich sein müssen und es nichts bringt, nach einer wahren Theorie für alles zu suchen.
44 KommentareWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 1000 REZENSENTam 4. Mai 2012
Der Autor begibt sich zunächst auf die Spurensuche nach Grundmustern der Gestaltung des Wirtschaftslebens im Altertum. Er greift hier Motive aus der babylonischen und griechischen Mythologie bzw. Philosophie sowie Aussagen aus dem Alten und Neuen Testament auf und macht deutlich, dass hier durchaus schlichte - aber nur mit entsprechenden Konsequenzen zu vernachlässigende - Weisheiten zu finden sind.

Im Zentrum des Buches steht dann jedoch der Mann, der unser modernes ökonomisches Denken prägte, wie kein zweiter: Adam Smith. Dieser schien mit seiner "Untersuchung über Natur und Ursachen des Wohlstands der Nationen" (1776) den Nachweis zu erbringen, dass es eine Art Naturgesetzlichkeit des Marktes gäbe, die praktisch im Selbstlauf kontinuierliche Prosperität garantieren würde, so die Menschen ihre Entfaltung nicht behinderten. Die treibende Kraft dabei sei das auf Eigennutz gerichtete Streben der Individuen.

"Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen- sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil."

Damit setzt eine gesellschaftliche Entwicklung ein, die von Max Weber als bestimmend für die Entstehung des "Geistes des Kapitalismus" beschrieben wurde. Zwar sieht Weber die Ursache des wirtschaftlichen Aufschwungs vom 17. Jahrhundert an in Mitteleuropa und Amerika zunächst in der dort vorherrschenden protestantischen Ethik. Doch nicht in der Reformation an sich oder auch nur in nachfolgenden Aufbrüche, wie dem Puritanismus, der Täuferbewegung, dem Pietismus oder Methodismus sieht Weber dann den Geist des modernen Kapitalismus" erstehen. Motive wie das Streben nach Erfolg, weltlicher Anerkennung oder Wohlstand , so Weber, wurden erst bestimmend als das geistliche Leben aus diesen Bewegungen schwand. Das entstandene Vakuum wurde nun gefüllt mit rastlosem unternehmerischem Aktionismus.

Äußerlich betrachtet blieben die entscheidenden Tugenden bestehen, jedoch die Antriebe veränderten sich. Es entstand ein Denken, das Weber prototypisch bei Franklin ausmacht, wenn dieser seinen Landsleuten die tägl. Verschwendung eines Groschens oder einiger Minuten für etwas Unproduktives auf die finanziellen Nachteile eines ganzen Lebens hochrechnet. Weber konstatiert: "Eine Gesinnung wie sie in den zitierten Ausführungen Benjamin Franklins zum Ausdruck kam und den Beifall eines ganzen Volkes fand, wäre im Altertum wie im Mittelalter ebenso als Ausdruck des schmutzigsten Geizes und einer schlechthin würdelosen Gesinnung proskripiert worden"

Zum ersten Mal in der Geschichte begann eine Ethik sich zu etablieren, die nicht mehr auf ein lebendiges und harmonisches Miteinander oder so etwas wie menschliche Tugendhaftigkeit oder Größe im antiken Sinne hinzielte, sondern vom utilitaristischen Geist kühler Zweckrationalität bestimmt war.

Smith propagierte nun bei all dem keinesfalls einen rücksichtlosen Konkurrenzkampf aller gegen alle. Er setzte vielmehr voraus (dargelegt in seinem 1759 veröffentlichten und damals eigentlich seinen Ruhm begründenden Werk Theorie der moralischen Gefühle"), dass Menschen im Großen und Ganzen durch ein ihnen eigenes moralisches Empfinden geleitet werden. Die Maßstäbe, die dieses Empfinden vermittelt, ergeben sich für Smith aus der Fähigkeit des Menschen zum Mitgefühl bzw. zur Einfühlung. Von Mandeville, der das "Laster" in seiner "Fable of the Bees" als geradezu notwendig für das Gedeihen einer Nation apostrophierte, distanzierte sich Smith entschieden. Unverkennbar ist aber, dass Smith hier wohl auch maßgeblich rezipiert hat.

Sedlacek spricht hier denn auch von zwei Smiths, die nicht wirklich in Einklang zu bringen sind. In weiten Teilen der Gesellschaft fehlte hierfür aber auch das Interesse. Vielmehr griff man die Möglichkeit, sich in seinem eigensüchtigen Gewinnstreben legitimiert zu sehen, begeistert auf. Tatsächlich gab es eine wirtschaftliche Entwicklung von zuvor nie geahntem Ausmaß. Doch waren die Ursachen hierfür vielfältig. Zum einen lagen sie in einer zumindest einigermaßen verlässlichen Motivationsstruktur innerhalb der westlichen Bevölkerung sowie in der sich etablierenden Rechtsstaatlichkeit. Zum anderen ist natürlich Entscheidendes dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu verdanken. Es kam andererseits jedoch auch zu ungeheuer tief greifenden sozialen Verwerfungen.

In den westlichen Demokratien der Nachkriegszeit etablierten sich dann schließlich eine mehr oder weniger ausgeprägte Sozialstaatlichkeit, ein gewisses Maß an Fairness und Rechtssicherheit für Arbeitnehmer. Im Zuge der Globalisierung wurde und wird hier jedoch vieles wieder sehr fragil - außerhalb des Westens ist dies in oft erschreckend hohem hohem Maße der Fall. Die Ökonomisierung des gesamten Lebens mit all den Folgen für soziale Bezüge und Werte blieb ohnehin durchgehend bestimmend. Darüber hinaus zeigen immer neue Krisen, dass ein an den Maximen Eigennutz und Gewinnmaximierung orientiertes Wirtschaften eben nicht zur bestmöglichen Ressourcenallokation führen - im Gegenteil. Niemand weiß, wie die gegenwärtigen Krisen der Öko-, Finanz- und Sozialsysteme enden werden.

Hier helfen nun auch systemische, staatliche Regularien, Rahmensetzungen nur sehr bedingt. Der Autor trifft exakt den Punkt: Ökonomie muss von den Grundlagen her völlig neu gedacht werden. Er weist in diesem Zusammenhang u.a. auf Keynes hin, der die Mathematisierung und "Vernaturwissenschaftlichung" der Wirtschaftslehre als Irrweg bezeichnet hatte und schrieb: "Ich möchte entschieden betonen, dass die Wirtschaftswissenschaft eine moralische Wissenschaft ist." In allen wissenschaftlichen Bereichen, die Menschen auf die Arbeit in gesellschaftlichen Tätigkeitsfeldern vorbereiten, wird ganz selbstverständlich ein hohes Ethos als zentral angesehen. Das gilt für den Bereich der Medizin, des Rechts, der Pädagogik, der Sozialarbeit, der Verwaltung etc. Nur für den Bereich der Ökonomie leisten wir uns eine Anarchie die auf den Irrtümern eines längst überholten, mechanistischen Weltbildes basiert.

Aber der Autor wird noch grundsätzlicher: Er regt ein Nachdenken darüber an, was ein gelungenes, glückliches oder zufriedenes Leben überhaupt ausmacht und dem Materiellen in unserer Existenz den ihm angemessenen Stellenwert zuzuordnen.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
     
 
Kunden, die diesen Artikel angesehen haben, haben auch angesehen
Revolution oder Evolution: Das Ende des Kapitalismus?
Revolution oder Evolution: Das Ende des Kapitalismus? von Tomas Sedlacek (Gebundene Ausgabe - 2. Februar 2015)
EUR 15,90

Schulden: Die ersten 5000 Jahre
Schulden: Die ersten 5000 Jahre von David Graeber (Gebundene Ausgabe - 14. Mai 2012)
EUR 26,95

Bescheidenheit - für eine neue Ökonomie
Bescheidenheit - für eine neue Ökonomie von Tomás Sedlácek (Gebundene Ausgabe - 25. Februar 2013)
EUR 12,90