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Kundenrezensionen

75
4,5 von 5 Sternen
Deutschland misshandelt seine Kinder
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12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 22. Juni 2014
Kindesmisshandlung, ein Thema, das in Deutschland nach wie vor ein Tabu-Thema ist. "Mir hat das auch nicht geschadet", eine häufige Aussage von heutigen Erwachsenen, die selbst Gewalt in ihrer Kindheit erlebt haben, doch die Fakten sprechen eine andere Sprache. Laut offizieller Polizeistatistik sterben in Deutschland jede Woche drei Kinder durch Misshandlung, siebzig werden so schwer misshandelt, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Doch diese Zahlen sind nur die offiziellen Zahlen, die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher anzusetzen. Geht man jedoch davon aus, dass "nur" 50 Prozent der Gewaltdelikte an Kindern nicht bemerkt werden (was jede zweite Misshandlung wäre und damit eigentlich vollkommen unrealistisch, solch eine geringe Prozentzahl anzunehmen) könnte man sagen, dass jeden Tag in Deutschland ein Kind an den Folgen von Misshandlungen stirbt und mehr als 200.000 Kinder jährlich misshandelt werden.

Michael Tsokos und Saskia Guddat haben sich daran gemacht, diese Thema aus rechtsmedizinischer Sicht aufzuarbeiten, denn sie sind es, die schlussendlich die Fälle, die bekannt werden, "begutachten" bzw. obduzieren und was sie dabei Tag für Tag sehen und erleben müssen, grenzt an Unmenschlichkeit gegenüber den schwächsten Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft. Kindesmisshandlung kommt in allen Gesellschaftsschichten vor, egal, ob in Familien mit Migrationshintergrund oder Akademikerfamilien, Fakt ist, die Opfer sind immer Kinder und Jugendliche und die Täter fast immer Eltern- bzw. Stiefelternteile. Wer die Meinung vertritt "Eine Mutter tut so etwas nicht", der irrt, denn es sind nachweislich die Mütter und Väter, die ihre Kinder verletzten oder gar töten. Seit dem Jahr 2000 hat jedes Kind in Deutschland ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung - die Realität sieht anders aus.

Schlussendlich ist es die Aufgabe der Rechtsmedizin, Fakten zusammen zu tragen, wenn Eltern und ggf. das Jugendamt versagt haben und ein Kind zu Schaden/Tode kam. Doch die Rechtsmedizin kann auch entlasten. In dem Buch wird ein Fall benannt, in dem ein sechs Wochen alter Säugling 23 Knochenbrüche aufwies. Auf den ersten Blick sah alles nach Kindesmisshandlung aus, zumal der Kindsvater bereits Vorstrafen in Sachen Gewaltdelikte hatte. Hier konnte die Rechtsmedizin helfen und klären, dass dieses Kind keinesfalls von seinen Eltern misshandelt wurde, sondern an der Glasknochenkrankheit leidet, was den Eltern die Möglichkeit gab, frühzeitig mit Therapien zu Gunsten ihren Kindes zu beginnen. Doch solche Fälle sind selten, meistens sind es Verletzungen, die keinen anderen Schluss zulassen, als dass die Eltern ihr eigen Fleisch und Blut misshandelt haben. Viel muss getan werden, um diesen Missstand in Deutschland (und weltweit) auszumerzen.

"Wenn auf dem Grab jedes Ermordeten eine Kerze brennen würde, wären Friedhöfe nachts hell erleuchtet"! Dieses Buch klärt auf und beschönigt nichts, denn bei Kindesmisshandlung gibt es nichts zu beschönigen! An Hand diverser Fälle wird aufgeführt, wie Eltern und staatliche Stellen versagt haben, in denen schlussendlich Kinder zu Schaden/Tode kamen. Was mir besonders gut gefallen hat, ist, dass hier Lösungsansätze aufgezeigt werden. Gäbe es zum Beispiel eine generelle Obduktionspflicht für verstorbene Kinder und Jugendliche, würden viele Misshandlungen entdeckt werden und die Verursache endlich zur Rechenschaft gezogen. Wenn bekannt wäre, wie hoch die Zahl der Misshandlungen wirklich ist (was mit Hilfe einer Obduktionspflicht zumindest bei getöteten Kindern und Jugendlichen deutlichere Zahlen hervorbringen würde), müssten sich die Gerichte und die Gesellschaft sich endlich den Tatsachen stellen und zwar, wie viele Kinder und Jugendliche tatsächlich in Deutschland durch Misshandlungen sterben, ein Tabu-Thema, das endlich zur Sprache gebracht werden müsste. Ich muss gestehen, dieses Buch hat mir die Augen geöffnet, denn es zeigt auch mir, als einfachem Bürger an, was ich tun kann, wenn ich mitbekommen sollte, das ein Kind in meinem Umfeld misshandelt wird und wenn ein jeder so handeln würde, wie in diesem Buch beschrieben, um Kindesmisshandlungen ein Ende zu setzen, vielleicht, nur vielleicht, wäre die Welt dann ein Bisschen besser.
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 6. Mai 2014
Dieser Beitrag war längst überfällig. Für diejenigen, die beruflich mit Jugendämtern und Familiengerichten zu tun haben, ist es nicht überraschend zu hören über den mangelnden Kinderschutz in Deutschland.
Das Ausmaß aber des Versagens der deutschen Behörden übersteigt jegliche Vorstellungskraft.
Es fällt deshalb schwer, dem Buch Sterne zuzuordnen ... für diesen "schwer verdaulichen" Inhalt.
Daß Kinder, die nachweislich von den Eltern misshandelt wurden, aber nicht klar zugeordnet werden kann, ob durch Vater / Lebensgefährten oder Mutter; daß dann beide meist freigesprochen werden, und das Kind häufig wieder zu ihnen zurückkommt, und damit seinen Misshandler wieder überlassen wird, ist unglaublich zynisch. Das scheint dem Grundsatz zu folgen "Die Kinder sind das Eigentum ihrer Eltern, und diese können mit ihnen machen, was sie wollen."
Dabei ist in vielen der genannten Fällen klar, daß einer der beiden Täter ist, und der/ die andere sich der unterlassenen Hilfeleistung oder mindestens der Verletzung der Aufsichtspflicht schuldig gemacht hat. Warum werden diese Eltern nicht bestraft, und warum wird das Kind nicht geschützt durch Inobhutnahme bzw. Unterbringung in einer Pflegefamilie. Und das Sorgerecht vorübergehend entzogen mit Auflagen für die Eltern, Beratung oder Therapie in Anspruch zu nehmen, um dann evtl. wieder das Sorgerecht oder Umgangsrecht bekommen zu können. Vermutlich waren die Eltern selbst geschlagene oder vernachlässigte Kinder, und hätten so die Chance, ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten, um es nicht bei weiteren Kindern zu wiederholen.
Es wird so viel geredet über Kindeswohl-Gefährdung nach Par. 8a des KJHG und wenn es dann aber gemeldet wird beim Jugendamt z.B. von Fachleuten aus Familienberatungsstellen scheint nicht zu passieren, außer daß die Familie beobachtet wird.
Ich könnte hier einige Fälle beisteuern, wo es zum Teil sogar noch einfacher wäre, eine Maßnahme in die Wege zu leiten, weil z.B. ein Elternteil ausdrücklich darum gebeten hat, nachdem das Kind mit massiven Verletzungen vom anderen Elternteil zurückkam. Aber bei vielen Jugendämter gibt es offensichtlich klare Sparvorgaben und das heißt, es sollen Unterbringungen um jeden Preis - nicht selten eben um den Preis eines Kinder-Lebens- verhindert werden. Manche Jugendämter rühmen sich mit ihren besonders niedrigen Jugendhilfe-Kosten.
Am bittersten ist es bei Verdacht auf sexuellen Kindesmissbrauch - das könnte eine Fortsetzungsgeschichte für die Autoren sein.
Hier wird den Opfern meist ein Glaubhaftigkeits-Gutachten zugemutet, das weniger Aussagekraft hat, als wenn man eine Münze wirft, und das dann aber oft von FamilienrichterInnen stärker für ihre Entscheidung gewichtet wird als die Einschätzung der Rechtsmediziner über das Verletzungsprofil des Kindes.
Das wichtigste Kapitel im Buch ist natürlich "Was sich ändern muß": und da werden als Forderungen aufgeführt 1. Kinder schnell von ihren Misshandlern trennen, 2. Helfer schulen und stärken 3. Kontrolle der Kontrolleure! (Es gibt bisher keine funtionierende unabhängige Kontrolle) und natürlich auch Gesetzliche Meldepflicht einführen (wie in anderen Ländern üblich).
Es wird ganz deutlich, daß Deutschland hier Entwicklungshilfe braucht i. S. Kinderschutz von anderen Ländern.
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 27. April 2014
wenn der Inhalt auch mehr als erschreckend ist, sollte eigentlich ein MUSS in der Bibliothek eines klar denkenden Haushaltes sein. Es ist eine Mahnung wie unsere Gesellschaft wirklich ist und das sollte uns allen zu denken geben und mehr als das. Es sollte uns auch noch mehr dazu bewegen öfter mal hinzugucken als, wie weit verbreitet, wegzuschauen.
Das worüber da geschrieben wird ist unsere Gesellschaft und zwar hier und heute.
Nur das Lesen dieses Buches lässt einen schon vor der Realität erschauern aber es ist sinnvoll und notwendig.
Hut ab vor der Zivilcourage der beiden Autoren und sogar mehr als das.
Und mehr als das, ein dickes Lob für den Mut den sie zeigen mit diesem Thema klar und deutlich in die Öffentlichkeit zu gehen.
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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 24. März 2014
Dieses Buch ist meiner Meinung nach ein MUSS für alle Ärzte, Erzieher, Jugendamtmitarbeiter und Krankenpfleger. Aufrüttelnd und anklagend berichtigen die Autoren von ihrer Arbeit als Rechtsmediziner, in der sie immer wieder auch in Kindesmisshandlungsfällen konsultiert werden. Und machen damit aufmerksam auf ein Problem, das uns alle angeht. Somit ist dieses Buch auch eine wichtige Lektüre für alle, die mit offenen Augen durch die Welt gehen und sich nicht scheuen, Gewalt gegen Kinder öffentlich zu machen.

Weil jedes misshandelte Kind eins zuviel ist – und Einstellungen wie „Ein Klaps hat noch niemandem geschadet“ von Feigheit und Unfähigkeit zeugen. Nicht zuletzt seit das kindliche Recht auf gewaltfreie – psychische und physische – Erziehung im Gesetz verankert ist, sollte das Thema Kindesmisshandlung immer und immer diskutiert werden. Damit sich endlich was ändert – zehn zu Tode gequälte Kinder pro Jahr in Deutschland sind ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 4. August 2014
Ich arbeite selbst seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Jugendarbeit (DLRG & DRK), bin auf Psychologie- & Sozialmedizinischen Fachtagungen unterwegs und arbeite seit kurzem neben mein Studium in der Kinder- u. Jugendmedizin.

Das Buch hat die vollen 5 Sterne verdient.

Es bestätigt meine Weltanschauung und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass a) Gesellschaftsregeln hinterfragt werden und b) gute Lösungen für den systembedingten Fehler aufgezeigt werden. Die Zahlen & Fakten sind ganz gut recherchiert, obgleich ein paar mehr Quellenverweise sicher nicht geschadet hätten. Die Erzählerperspektive ist die des "Gesunden Menschenverstands". Es wird nicht idealisiert oder (wie so oft) unnötig die alleinige Schuld bei den Eltern gesucht.

Noch ein Schlusswort an alle die selber Kinder haben oder für sie schutzbefohlen (!) sind:

Egal wessen Kinder: sie sind unser aller Zukunft. Sie bilden, egal wie doof & naiv sie gerade in ihrer Entwicklung stecken, die kommenden Generationen unserer Gesellschaft. Ihnen werden wir in Zukunft unser Leben in allen gesellschaftlichen Disziplinen anvertrauen dürfen. Geht also bitte vernünftig mit Ihnen um; zeigt Ihnen die Wege und Möglichkeiten Ihrer Lebensplanung auf. Und keinesfalls verschließt die Augen, getreu dem Motto: "Was nicht sein kann, ist auch nicht". Ja das Kinderschutz-System ist träge, falsche Anreize herrschen vor und mehr Geld zu investieren korreliert nicht mit dessen Erfolgsquote. Seid wachsam, wenn Kinder nach Aufmerksamkeit schreien. Oftmals ist das ein lautlosen & stumpfes Schreien. Ihr erkennt es an Ihren Augen, Ihrem Verhalten und vor allem daran, wie die Eltern so ticken. Die Familie ist nicht der unantastbare heilige Gral, was sie vielleicht zu Zeit von Jägern & Sammlern in der Steinzeit war. Wir leben zivilisiert. Wir leben miteinander und füreinander.

Der Mensch von heute definiert sich über seine Funktion in der Gesellschaft und nicht mehr über die in seiner Familie. Also Augen auf und Zivilcourage zeigen!
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
VINE-PRODUKTTESTERam 21. April 2014
Seit 2000 haben Kinder in Deutschland das gesetzlich verankerte Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Dies bezieht sich nicht nur auf die körperliche, sondern auch auf die psychische Gewalt, die auf Kinder und Jugendliche ausgeübt wird. Dass dieses Recht in vielen Haushalten nicht umgesetzt wird, hat unter anderem eine Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2013 gezeigt (Link siehe unten). In Rahmen der so genannten Gewaltstudie haben Erziehungswissenschaftler mit 900 zufällig ausgewählten Familien aus Köln, Berlin und Dresden Interviews geführt. Die Eltern und Kinder wurden überwiegend getrennt befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass fast ein Viertel der Kinder und Jugendlichen hin und wieder geschlagen werden. Über 25% machen regelmäßig so genannte Missachtungserfahrungen und werden dadurch psychisch unter Druck gesetzt. Weiterhin gaben 5% an, dass sie so stark geschlagen werden, dass blaue Flecke sichtbar werden. Schaut man sich nun die Statistiken der letzten Jahre an, die sich natürlich nur auf die gemeldeten Misshandlungsfälle beziehen, kann man feststellen, dass zum Beispiel ca. 160 Kinder im Jahr an der Folge von Misshandlungen sterben. Die Zahlen des Dunkelfeldes liegen jedoch sehr viel höher. Bei den fast 4.000 angezeigten Misshandlungen (im Jahr 2012) geht man zum Beispiel davon aus, dass nur eine von bis zu 400 Taten überhaupt registriert wird. Das sind also rund 1,6 Millionen Straftaten. Und in Deutschland leben fast 11 Millionen Kinder (bis 14 Jahre). Statistisch gesehen stehen viele von uns praktisch an jedem Tag mindestens einem misshandelten Kind gegenüber.

Reagiert ein Mediziner, Lehrer, Nachbar oder das Jugendamt und die Verletzungen der Kinder werden dokumentiert, dann erfolgt dies meist durch Rechtsmediziner. Sie sind in der Lage gerichtsfest zu klären, wie die Verletzungen entstanden sein können und wann sie dem Opfer zugefügt wurden. Michael Tsokos, der seit 2007 die Rechtsmedizin der Charité leitet und selbst mehrfacher Vater ist, sieht misshandelte Kinder nahezu täglich. Gemeinsam mit seiner Kollegin Saskia Guddat (jetzt: Etzold) wollte er aktiv werden und der Gesellschaft einen Spiegel vor das Gesicht halten.

In ihrem Buch “Deutschland misshandelt seine Kinder” stellen sie anhand aktueller Fälle die Situation dar und geben Hinweise auf mögliche Veränderungen, die dem Schutz der Kinder dienen können. Die Autoren wollen informieren, aufrütteln und langfristige Änderungen herbeiführen.

Obwohl gleich zu Beginn des Werkes gesagt wird, dass sie Misshandlungen durch alle Schichten der Gesellschaft zieht, wird ein Augenmerk auf Familien gelegt, die eher dem sozial schwachen Milieu zuzuordnen sind. Dies hängt auf der einen Seite damit zusammen, dass man festgestellt hat, dass ihn gut bürgerlichen Familien eher psychische Misshandlungen vorkommen, die zunächst nicht sichtbar sind. Auf der anderen Seite haben die Rechtsmediziner beobachtet, dass schwere Misshandlungen und Misshandlungen mit Todesfolgen häufig in Familien vorkommen, die bereits Kontakt mit dem eigentlichen Schutzsystem für Kinder hatten. Und genau hier scheinen die größten Probleme zu liegen, die Tsokos und Guddat zu vier Punkten zusammenfassen.

1. Die Mitarbeiter des Jugendamtes haben zu viele Fälle, die sie bearbeiten müssen.

2. Freie Träger, die sich um die Betreuung der Familien kümmern, sind zu stark von den Jugendämtern abhängig und müssen wirtschaftliche handeln.

3. Häufig werden Berufsanfänger alleine mit der Betreuung der Familien beauftragt.

4. Ärzte, Lehrer, Erzieher und andere Personen, die viel Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben sind nicht ausreichend geschult.

Zudem gibt es in der deutschen Gesellschaft anscheinend eine Kultur des Wegschauens, die Straftäter indirekt unterstützt.

Mit diesen Punkten setzen sich die Autoren in zwölf Kapiteln auseinander. Dies geschieht in einer recht klaren und verständlichen Sprache, der man natürlich einen gewissen akademischen Hauch anmerkt. Für einige Leser wird das Buch daher zeitweise etwas trocken wirken. Durch die realen Fälle, die nichts für schwache Gemüter sind, wird die Erzählweise jedoch aufgelockert. Anstrengend ist an manchen Stellen, dass dem Text teilweise eine gewisse Stringenz fehlt und sich einige Aspekte mehrfach wiederholen. Hier gewinnt man leider den Eindruck, dass der Ghostwriter nicht ganz bei der Sache war oder so unbedingt die Leserschaft aufrütteln wollte, dass er ansatzweise in ein nerviges Lamentieren verfallen ist. Dies ist gerade bei der Brisanz des Themas und dem Ziel, das hinter der Schrift steht, sehr bedauerlich. Auch die stetige Anmerkung, dass man nicht die Mitarbeiter des Jugendamtes per se schlecht machen will, hätte einmalig erfolgen können beziehungsweise wird sie schon dadurch obsolet, dass verschiedene Mitarbeiter und ihre Vorgehensweisen innerhalb des Textes erläutert werden.

Man kann also sagen, dass man es hier mit einem interessanten Sachbuch zu tun hat, das zwar einige Mängel in der B-Note aufweist, seine Wirkung aber bei den meisten Lesern nicht verfehlen wird. Doch wer liest eigentlich dieses Buch und wie stark verinnerlicht der Leser die gesagten Worte? Darüber habe ich mir mehrfach den Kopf zerbrochen, weil ich das Gefühl hatte, dass die eigentlich verantwortlichen Personen das Buch nicht wahrnehmen werden oder die Situation bereits kennen. Und diejenigen, die das Buch lesen haben vielleicht keinen nennenswerten Einfluss. Kehren wir aber gedanklich wieder zu den Fallzahlen zurück, wird schnell klar, wie eigentlich jeder Einfluss ausüben kann. Wir können uns weiterbilden, wir können wachsam sein, wir können nachfragen und zuhören. Zudem können wir das, was wir aus dem Buch gezogen haben weitergeben. Wir können Ansprechpartner für Kinder sein, wir können aber auch einfach dem Nachbarn, der mal etwas lauter wird oder der sichtlich überforderten Mutter Hilfe anbieten. Und wir können in bestimmten Situationen einfach zum Telefon greifen und Hilfe rufen.

Nachtrag: Der eigentliche Rezensionsteil mag den Lesern vielleicht etwas kurz vorkommen. Ich möchte jedoch nicht zu viel Inhalt vorwegnehmen, sondern unbedingt zum Lesen anregen!
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 22. März 2014
Ich finde, das Buch ist eher Fachliteratur. Aber trotzdem; es ist erschütternd zu wissen, was hinter manchen Türen abgeht. Gott sei Dank, ist mir so etwas noch nicht begegnet. Man fühlt sich machtlos, wenn Jugendämter nichts dagegen machen können oder wollen. Es ist dringend notwendig, die Gesetze zu ändern, denn Kinder sind unsere Zukunft!
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55 von 63 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 26. Februar 2014
Vorweg: ich bin Familienrichter und, wie ich hoffe, einer von denen, die Herr Tsokos und Frau Guddat für eine absolute Ausnahme halten: ich kann bestätigen, was für entsetzliche Misshandlungen gerade durch Eltern und Stiefeltern gang und gäbe sind, und es schaudert mich immer noch, wenn ich Fotos von Säuglingen mit Bissverletzungen, Schädelbrüchen usw. sehe. Was Erwachsene ihren Kindern antun, können die meisten Menschen sich kaum vorstellen.

Was mich wundert: ich weiß nicht, ob das ein besonderes Berliner Phänomen ist, von der die Autoren berichten, aber nirgendwo hier in meiner Stadt, wo ich mich viel mit Kollegen austausche und eine enge, gute Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und der Polizei, mit medizinischen ebenso wie mit psychologischen Sachverständigen, mit Flexiblen Familienhilfen und Ärzten pflege, kenne ich einen einzigen Menschen, der bei einem Kleinkind mit großflächigen Brühverletzungen oder der charakteristischen Hand-auf-die-Herdplatte-pressen-Verbrennung allen Ernstes "Aber, so etwas tut eine Mutter doch nicht!" sagen würde. Bei Tsokos und Guddat sagen das alle, und sie sagen es immer, selbst wenn nur noch Hackfleisch von einem Kind übrig ist, und sie sagen es auf jeder zweiten Seite. Klar: es gibt Fälle, in denen die Jugendhilfe oder der Richter nicht gleich das Kind rausnehmen, auch wenn andere das gerne sehen würde; aber da reden wir nicht von den markerschütternden Extremfällen, die die Autoren auf 250 Seiten in jenem immer gleichen, hölzernen Dialogstil der billigsten Reality-Soaps bis zum Erbrechen wiederholen, sondern von beunruhigenden, aber oft eben auch viel milderen Ausdrucksformen der Überforderung. Wenn das passiert, was in diesem Buch meistens geschildert wird (und das passiert eben auch, viel zu oft), steht hier bei mir in der Stadt ausnahmslos jeder Gewehr bei Fuß und die Profis sind sich einig, dass man sofort durchgreift.

In meinem eigenen Arbeitsalltag -- der natürlich fundamental anders sein kann, als der in Berlin -- landen Fälle von Kindesmisshandlung häufig bei mir, weil Jugendhilfe oder Flex-Kraft frühzeitig das Familiengericht anrufen, wenn sie etwas beobachten. Und sie reagieren ausnahmslos weit sensibler, als die Autoren das bei der Mehrzahl der Jugendhilfemitarbeiter wahrnehmen. Die Arbeitsbelastung in den Jugendämtern ist groß, und ja, auch bei uns gibt es Sachbearbeiter, bei denen ich mich schonmal über fehlendes Engagement geärgert habe. Aber die Schilderung eines Systems, in dem auf einen engagierten jungen Burschen dreißig ausgebrannte oder gleichgültige Idioten kommen, entspricht nicht der Realität in unserem Jugendamt. Was sehr wohl stimmt: die personelle Unterbesetzung der meisten Jugendämter ist unverantwortlich und richtet Schaden an; und sehr viel hängt daran, wie viel Rückhalt und Unterstützung Jugendamtmitarbeiter auch bei ihren Vorgesetzten haben. Ich weiß, dass es darum oft schlechter bestellt ist, als gegenwärtig (gottseidank) in meinem Bezirk.

Man muss dem Buch zugute halten: es behandelt ein wichtiges Thema, und das Ausmaß alltäglicher Kindesmisshandlung wird nachwievor weit unterschätzt in der Öffentlichkeit. Und: das Buch richtet sich vielleicht vorrangig an ein Publikum, dem die auf andere peinlich wirkenden, schlecht nachgestellten Dialoge und das ununterbrochene Bedienen von (für das Kerngeschehen unwichtigen) Klischees für das Verständnis entgegenkommt.

Aber eben diese Sachen machen es für mich nur mit Mühe lesbar. Es ist z.B. vollkommen okay, wenn man mal ein paar Sprüche über die "Generation Kevin" macht (im Zusammenhang mit der wichtigen Feststellung, dass die Opfer von gestern häufig Täter von heute sind); Tsokos und Guddat aber müssen bei jeder von gefühlten 3000 Fallschilderungen, in denen mal wieder Kevin der Täter ist, mit ihrem grimmigen Rechtsmediziner-Sarkasmus wieder einen Spruch zum Namen machen; und, wenn die Tatszenen nacherzählt werden, deren genauen Verlauf in allen Details die Autoren nun mal nicht kennen können, weil sie nicht dabei waren, müssen all diese Kevins mit ihren muskelbepackten Oberarmen und den vielen Tattoos (selbstredend ganz viele Tattoos, es sind ja Gewalttäter, nicht wahr, Gewalttäter haben Tattoos!) so überzeugend die Ressentiments der Autoren bestätigen, wie es sonst nur die schlimmsten Drehbuchschreiber im Nachmittagsfernsehen ihren Amateur-Schauspielern in den Mund legen.

Klar werden jetzt viele sagen: aber das ist nunmal Realität, das mit den Kevins und den Tätowierten, das können Sie doch nicht einfach leugnen! Ach, Leute: ja, die Klischees werden natürlich immer wieder bestätigt (oft genug auch widerlegt, worauf die Autoren übrigens auch kurz eingehen, das muss man fairerweise sagen), aber eben nicht in einem fort so offensichtlich, durchschaubar und plakativ. Sonst wäre meine Tätigkeit, die der Jugendhilfe, der Polizei, der Sachverständigen, so viel einfacher.

Was nicht nur ärgerlich ist, sondern schlimm: wenn die Autoren das Rechtssystem dafür kritisieren, dass Menschen nunmal nur dann strafrechtlich verurteilt werden dürfen, wenn man ihnen die Tat hat nachweisen können. Bei aller Liebe: jetzt reichts. Das ist einer der Kernpunkte, der den Rechtsstaat vom Unrechtsstaat unterscheidet. Und wenn Eltern strafrechtlich ungeschoren davon kommen, weil der Richter nicht ermitteln kann, welcher von beiden es getan hat, dann heißt das nicht, dass man das Kind zurück in die Familie gibt. In mindestens fahrlässiger rechtlicher Unkenntnis stellen die Autoren es so dar, als würde in den Strafverhandlungen mit dem Freispruch auch der Säugling zurück in die Arme der prügelnden Mutter gegeben. Das ist einfach Quatsch: verurteilen oder freisprechen tut der Strafrichter; Kind wegnehmen oder zurückgeben tut der Familienrichter. Die beiden arbeiten nach vollkommen verschiedenen Maßstäben, und das zurecht.

Was bleibt: ein durchaus wichtiger Weckruf. Ein erschütterndes Bild auf einen deutschen Alltag, von dem auch die abgebrühten aus meiner Familie und meinem Freundeskreis immer sagen, sie hätten so etwas nie geglaubt, bevor ich Familienrichter wurde. Einige wichtige Hinweise auf entsetzliche Fehler im System, die aber leider unter einer dicken Schicht von Klischees, Ressentiments und Selbstgefälligkeit (Keiner sieht's! Nur wir Rechtsmediziner!) vergraben wurden. Und leider ein oder zwei Thesen, die niemals den Stammtisch hätten verlassen dürfen.

Ich habe eine Weile geschwankt zwischen zwei und drei Sternen. Drei sind es jetzt, mit Bauchschmerzen und trotz aller Mängel: weil die Autoren zweifelsohne mit viel Engagement ihre wichtige Nachricht weitergeben wollen, und weil die vielen positiven Rezensionen und der Verkaufsrang mir zeigen, dass auf diese Art und Weise das Thema wenigstens mal in seiner ganzen Entsetzlichkeit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wird. Und das ist gut.
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TOP 50 REZENSENTam 1. Februar 2014
Warum schreiben ausgerechnet 2 Gerichtsmediziner ein Buch über Kindesmisshandlung, und nicht etwa ein Familienrichter, oder ein Arzt oder der Leiter eines Jugendamtes? Weil die Gerichtsmediziner oft die Einzigen sind, die sehen (wollen), dass ein Unfall kein Unfall war, sondern eine Misshandlung, und die offen aussprechen, was nicht sein darf und trotzdem ist. Die Autoren klagen an, dass unsere Gesellschaft diesbezüglich immer noch mit Verdrängen und Totschweigen reagiert. Und sie wollen das mit dem Buch ändern, indem sie mit drastischen Fällen aus ihrer täglichen Praxis aufrütteln wollen und an alle gesellschaftlichen Entscheidungsträger appellieren, solche Fälle zukünftig verhindern zu helfen.

DAS GESETZ SCHÜTZT DIE TÄTER
Aber was sind die Gründe dafür, dass Kindesmisshandlung so wenig geahndet wird und deshalb so oft geschieht? Einer ist die lasche Rechtssprechung. "Das Gesetz schützt die Täter" schreiben die Autoren im Buch. Wenn Klage erhoben wird, kann sich die Staatsanwaltschaft zwar auf ein gerichtsmedizinisches Gutachten stützen, dass eindeutig bescheinigt, dass das Kind nicht etwa durch einen Unfall geschädigt wurde, sondern durch körperliche Gewalt - oftmals für sein ganzes Leben. Alle Beteiligten wissen in der Regel auch, dass nur einer der beiden Angeklagten in Frage kommen kann (Mutter, Vater bzw. Lebenspartner) Trotzdem werden sie freigesprochen, weil die Tat keinem der Angeklagten sicher zugeordnet werden kann. Beide beteuern ihre Unschuld und entlasten sich gegenseitig - und das Gericht streicht die Segel: "Im Zweifel für den Angeklagten"!

DAS SCHWEIGEN DER ÄRZTE
Was ist mit den Kinderärzten - sehen sie Misshandlungen nicht, oder wollen sie diese gar nicht sehen? Die Autoren sind hier fair zu ihren Kollegen und räumen ein, dass es durchaus Grenzfälle gibt, wo Misshandlungen wirklich schwer zu erkennen sind. Aber oft sind Kinderärzte auch unzureichend rechtsmedizinisch ausgebildet. Das Wort "Misshandlungsmedizin" ist hierzulande anders als in Amerika noch ein Fremdwort. Das muss anders werden, fordern die Autoren. Sie nehmen ihre Kollegen insoweit in Schutz, als dass es der Gesetzgeber den Ärzten oft unnötig schwer macht. Auch wenn Ärzte ein ungutes Gefühl haben, behalten sie es meist für sich, weil sie Angst vor der Reaktion der Eltern haben, die auf ihr Elternrecht pochen. Nach jetziger Rechtslage können diese schlichtweg verbieten, dass ihr Kind mit einem CT wegen Misshandlung untersucht wird. Die Ärzte dürfen ohne ihre schriftliche Genehmigung nicht mal Blut abnehmen. Im Zweifelsfall können die Eltern den Spieß sogar umdrehen und den Arzt, der ihr Kind "unerlaubt" untersucht, wegen Körperverletzung anzeigen. Auch diese Gesetzeslage muss sich ändern, fordern die Autoren.

FAZIT
"So etwas machen Eltern nicht". Diesen Satz haben die beiden Autoren oft von Jungendamtmitarbeitern, Polizisten, Ärzten, Staatsanwälten oder Familienrichtern gehört. Und doch geschieht Kindesmisshandlung in zigtausend Familien, in der Mitte unserer Gesellschaft, weil weggeschaut und totgeschwiegen wird. Das darf nicht mehr passieren, fordern die Autoren. Denn wenn die Kinder bei ihnen in der Gerichtsmedizin landen, ist es schon zu spät. Deshalb ist ihr Buch auch eine Anklage bezüglich des Versagens der Gesellschaft und eine Forderung, dass so schlimme Misshandlungsfälle, wie sie im Buch geschildert werden, zukünftig nicht mehr passieren können.
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am 13. März 2014
Mit diesem herausragenden Beitrag zum schockierenden Phänomen der Kindesmisshandlung in Familien haben die beiden Berliner Rechtsmediziner Saskia Guddat und Michael Tsokos bemerkenswerten Mut bewiesen. Fehlurteile und unentschuldbare Nachlässigkeiten seitens staatlicher Institutionen wie auch seitens niedergelassener und in Kliniken tätiger Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin werden schonungslos offengelegt. Für alle Erzieher/innen, Lehrer/innen sowie Haus- und Kinderärzte sollte das Buch zur Pflichtlektüre werden.
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