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118 von 123 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Alte und die "Tochter des Herzens"
Es ist schön, dass es immer wieder Bücher gibt, die den Leser im guten Sinne aus der Fassung bringen können. Ein solches Buch ist "Accabadora". Geschrieben hat es die Sardin Michela Murgia, 38 Jahre alt und studierte Theologin. "Accabadora" ist ihr erster Roman - und ein kleines Meisterwerk, das nicht zu Unrecht in Italien bereits 2009 mit dem renommierten...
Veröffentlicht am 9. März 2010 von Günter Nawe "Herodot"

versus
1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen gemische Gefühle
Das Buch fängt spannend an und erreicht den Höhepunkt irgendwo in der Mitte, danach geht die Spannung steil hinunter und man fragt sie zum Schluss wozu die zweite Hälfte nötig war.
Der Schreibstil ist etwa gewöhnungsbedürftig.
Vor 1 Monat von ritter tugenden veröffentlicht


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118 von 123 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Alte und die "Tochter des Herzens", 9. März 2010
Von 
Günter Nawe "Herodot" (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Accabadora (Gebundene Ausgabe)
Es ist schön, dass es immer wieder Bücher gibt, die den Leser im guten Sinne aus der Fassung bringen können. Ein solches Buch ist "Accabadora". Geschrieben hat es die Sardin Michela Murgia, 38 Jahre alt und studierte Theologin. "Accabadora" ist ihr erster Roman - und ein kleines Meisterwerk, das nicht zu Unrecht in Italien bereits 2009 mit dem renommierten Premio Dessì ausgezeichet worden ist.

Accabadora ist eine typisch sardische "Dienstleisterin", eine Frau, die auf dem Boden alter, mythischer Traditionen in einem sardischen Dorf einem "Handwerk" nachgeht, das man hierzulande als "Sterbehilfe" bezeichnen könnte. Eine solche Accabadora ist die alte Schneiderin Bonaria Urrai. Maria Listru wiederum ist ein junges Mädchen, dass zu dieser Alten als "filius de anima", als "Tochter des Herzens" kommt; abgegebenen von ihren armen Eltern an eine, der der Kindersegen versagt blieb.

Aus dieser Gemeinschaft, aus der Beziehung dieser beiden so unterschiedlichen Frauen, speist sich der eine Erzählstrang dieses Romans. Hier das aufgeschlossenen, neugierige Kind, die junge Frau. Dort die Alte, verschlossen, geheimnisvoll und wortkarg. "Jedes Mal, wenn du den Mund öffnest, um zu sprechen, denke daran, dass Gott mit dem Wort die Welt erschaffen hat", heißt es an einer Stelle. Aber auch ohne dass Bonaria "den Mund öffnet", erfährt Maria von den heimlichen Gängen der Alten in den Nächten. Denn da geschehen seltsame Dinge.

Nicht lange lässt die Erzählerin den Leser im Unklaren, was diese nächtlichen Ausflüge zu bedeuten haben. Bonaria ist eine Accabadora, gerufen von Angehörigen, um Sterbenden zu helfen "die Schwelle zu übertreten", jenes "Zwischenreich, in dem die Grenzen verschwimmen". Ein Werk der Barmherzigkeit oder ein Verbrechen? Bonaria: "Denn niemals seit dieser Zeit waren ihr Zweifel gekommen, nicht zwischen Barmherzigkeit und Verbrechen unterscheiden zu können."

Ehe sich aber der Leser in juristischen Überlegungen verliert, folge er besser der Autorin. Sie lässt uns teilhaben an uraltem Wissen, an Traditionen und Überlieferungen. Sie lässt uns in die Seele der Menschen, der Handelnden und der anderen, blicken. Sie lässt uns auch etwas von der Würde des Todes ahnen. Und das mit großem psychologischem Einfühlungsvermögen und in einer wunderbaren Sprache.

Das gilt auch für den anderen Erzählstrang - die Schilderung dessen, was in diesem Dorf passiert: zwischen Kindern und Eltern, bei den Vorfällen des Lebens wie Hochzeiten, Geburt und Tod, im Nachbarschaftsstreit, der in alten Ritualen zufolge auch schon mal blutig enden kann. Denn alle diese Traditionen bilden den Hintergrund dessen, was sich um die beiden Protagonistinnen herum abspielt. Vor allem bei Maria, die immer aufmerksamer, auch selbstbewusster wird. Maria und Bonaria werden sich ähnlich und unterscheiden sich doch erheblich in ihren Psychogrammen.

Der Tod des jungen Nicola ist für Maria ein zentrales Ereignis: von ihm gewünscht, von Bonaria abgelehnt und dann doch gewährt. Vielschichtig und mit großer Sensibilität schildert Michela Murgia Gedanken und Gefühle Marias, Ihre "Flucht" auf das italienische Festland und ihre Rückkehr nach Sardinien. Maria ist gereift, ist eine Frau geworden - um am Ende an ihrer Ziehmutter Bonaria selbst zu einer Accabadora werden zu wollen.

Michela Murgia hat eine wunderbare Balance gefunden zwischen den vielen Dichotomien,die in diesem Roman aufeinanderstoßen: Archaisches und Modernes, Mythologie und Realität. Ihr ist eine berührend emphatische Lebenserzählung gelungen, ein Buch, das den Leser nicht nur fesselt, sondern erschüttert und nachdenklich stimmt.
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42 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Glaubst du wirklich, dass die Dinge, die geschehen sollen, im richtigen Moment von allein geschehen?", 25. August 2010
Von 
Regina Berger "Gina" (Rottach-Egern) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Accabadora (Gebundene Ausgabe)
"Meiner Mutter. Allen beiden." So lautet die Widmung zu Beginn des Buches. Dieser scheinbare Widerspruch war auf Sardinien eine jahrhundertelang praktizierte Form der Adoption. "fill`e anima", Kinder des Herzens, nannte man dort Kinder, die zweimal geboren wurden - aus der Armut einer Frau und der Unfruchtbarkeit einer anderen.

Schon auf den ersten Seiten prägen sich geheimnisvolle Klänge im Ohr des Lesers ein, fremde Wörter, deren Bedeutung man erst nach und nach erfasst. >Accabadora< lautet der Titel des Debütromanes der sardischen Schriftstellerin Michela Murgia, die nur wenige Sätze benötigt, um das Anderssein ihrer Landsleute treffend zu beschreiben. Derer, die in Dörfern des Hinterlandes leben, wo noch die alten Bräuche herrschen. Denn nur an wenigen Orten scheint Tradition so lebendig wie auf Sardinien.

Das Buch handelt in erster Linie von Maria, dem jüngsten Kind der Familie Listriu. Ihre kinderreiche, arme Mutter schafft es nicht, alle hungrigen Mäuler zu stopfen und gibt Maria deshalb an die alte Schneiderin Tzia Bonaria Urrai ab, die kinderlos und verwitwet ist. Diese Ziehmutter ist eine "Accabadora" - eine Engelmacherin am Ende des Lebens; eine im früheren Sardinien gesellschaftlich anerkannte "letzte Mutter". So wie sie als Hebamme fungiert, und bei der Geburt die Nabelschnur durchtrennt, so schneidet sie den letzten Faden des Lebens ab und begleitet den, der nicht sterben kann. Die Mutter-Tochter-Beziehung des aufgeschlossenen, neugierigen, jungen Mädchens und der wortkargen, geheimnisvollen Alten und deren Annäherung ist der Haupterzählstrang, der sich eindrucksvoll durch das Buch zieht.

Die Autorin, selbst eine "fill`e anima", verleiht der kraftvollen Geschichte oft mit wenigen Worten authentische Charaktere und eine durchwegs dichte Atmosphäre. Eine wesentliche Rolle der Erzählung spielen neben Leben und Tod, Schicksal und Handeln auch die strengen Verhaltensmuster innerhalb einer Dorfgemeinschaft in den fünfziger Jahren, eines kleinen Dorfes auf Sardinien, das arm an Ressourcen, aber reich an Riten ist. So vereinen sich in Michela Murgias diskreter Art Tradition und Mythos mit Moderne zu einem Thema, das auch heute noch die Gemüter erhitzt. Ihre Sprache ist dabei gradlinig, ganz ohne Schnörkel und trotzdem zärtlich. Der knappe Stil sowie die wechselnde Anrede der Personen verdeutlicht die jeweilige Perspektive und ändert oft nur subtil den Blickwinkel.

>Accabadora< ist ein Buch, das zu Herzen geht und offenbart, dass sich zwischen Gut und Böse manchmal ein Mysterium verbirgt. Es geht um Moral und darum, Grenzen zu ziehen, zwischen dem, was man tut, und was man nicht tut. Vieles bleibt unausgesprochen und ist dennoch gesagt. >Accabadora< ist eine intensive Erzählung mit melodiösem Klang, die auch der deutschen Übersetzung Stand gehalten hat. Für mich eine Perle anspruchsvoller Literatur, überaus ausdrucksvoll mit eindringlich fühlbaren Nachhall.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Düster - befremdlich - vergessen, 27. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Accabadora (Taschenbuch)
Es wäre einfacher, der Roman handelte vor 200 Jahren. Dann könnte man das Gelesene auf uralte Rithen und Mythen zurückführen. Aber er spielt fast in unserer Zeit, auf einer Urlaubsinsel. Allein schon der Begriff "Accabadora" hat mich fasziniert. Die Frau, die Menschen in den Tod hilft, sie aus ihrer Agonie befreit. Das Ganze in einem archaischen Umfeld, wo Frauen am Herd stehen und Männer ihre Grenzzäune mit der "Lupara" verteidigen. Klingt ganz weit weg.
Wir haben diese Welt durch Pflegestufen, Altersheime und medizinischen Fortschritt ersetzt. Mich hat der Roman nachdenklich gemacht.
Die Sprache fasziniert, einfach, schnörkelos. Die Autorin schafft es, den Leser mit auf die Reise zu nehmen, authentisch und spannend. Allein deswegen lohnt sich das Buch.
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16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein wunderschönes Stück Literatur, 26. Oktober 2010
Von 
Rezension bezieht sich auf: Accabadora (Gebundene Ausgabe)
"Accabadora" ist der Debütroman Michela Murgias und in ihrer Geschichte entführt sie uns ins Sardinien der 50er Jahre, in dem die Moderne auf die Gepflogenheiten und Gewohnheiten der alten Zeit trifft und man noch nicht sicher sein kann, wer von beiden diesen Kampf gewinnen wird.
Die alten Zeiten, das sind die, in denen neben dem christlichen Glauben noch eine Menge abergläubischer Rituale und Traditionen bestehen, die das Leben des einfachen Volkes bestimmen. So ist es beispielsweise nicht ungewöhnlich, dass ein böser Zauber benutzt wird, um dem heimlichen Versetzen einer Grenzmauer Erfolg angedeihen zu lassen. Aber auch andere Dinge sind Bestandteile dieser alten Zeit, und so kann es sein, dass eine Frau noch Mutter wird, die diesen Wunsch schon längst in sich begraben geglaubt hat. Bonaria Urrai ist eine solche Frau und Maria Listru ist die Tochter, die sie sich immer gewünscht hat. Maria ist eine fill'e anima, eine Tochter des Herzens. Als viertes Kind einer armen Witwe ist sie alles andere als gewollt und wird von der Mutter mehr als Last denn als Segen betrachtet, weswegen Bonaria Urrai sie als Tochter zu sich nimmt und sich um sie kümmert.

"Fillus de anima, Kinder des Herzens. So nennt man die Kinder, die zweimal geboren werden, aus der Armut einer Frau und der Unfruchtbarkeit einer anderen."

Maria fühlt sich wohl bei Bonaria, die sie mit liebevoller Härte erzieht, und ihre Familie vermisst sie nicht. Die beiden scheint nichts trennen zu können, zu gut geht es ihnen mit diesem Arrangement einer unproblematischen Adoption, bis zu dem einen schicksalhaften Tag, an dem eine fast schon erwachsene Maria erkennen muss, dass ihre geliebte Tzia Bonaria nicht nur die Schneiderin ist, für die sie sie gehalten hat...

Ich halte mich an dieser Stelle zurück, da dieses wunderbare Büchlein nur 170 Seiten umfasst und man schon reichlich früh in Gefahr gerät, zu viel von dieser ungewöhnlichen Mutter-Tochter-Geschichte zu verraten. Nur so viel sei gesagt: das titelgebende Wort Accabadora steht für jene Frauen, die Menschen in Agonie, also einem langanhaltenden Todeskampf, in früheren Zeiten zum Tode verhalfen, nachdem sie vom Sterbenden selbst und seiner Familie um diesen Akt der Gnade gebeten worden waren.

Bonaria und Maria, das sind zwei Menschen, die auf den ersten Blick ähnlich pragmatisch zu sein scheinen, auf den zweiten jedoch durch einen breiten Graben getrennt werden, der entstanden ist durch unterschiedliche Moralvorstellungen. Maria, die für ein Mädchen der damaligen Zeit schon ungewöhnlich lang die Schule besucht hat, wird zu einer jungen Frau, die von vielen Traditionen der alten Zeit nichts weiß und auch nichts hält. Bonaria hingegen lebt mit und für diese Rituale, die sie der Tochter jedoch in einer dunklen Vorahnung verbirgt. Und so kommt es, wie es kommen muss!
Doch aus jungen und ungestümen Mädchen, die an ihren Prinzipien festhalten, werden manchmal Frauen, die an dem reifen müssen, was ihnen widerfährt - so auch Maria.
Sprachlich ist dieser Roman ein Genuss: Murgia hüllt die Geschichte der beiden Frauen in eine kraftvolle, aber auch melancholische Sprache, die nie mehr sagt, als nötig ist. Ein wunderbares Buch, das ich einfach nur jedem ans Herz legen kann!
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch, das nicht mehr loslässt, 1. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Accabadora (Taschenbuch)
Im Urlaub lag das Buch einfach herum, weil es jemand dabei hatte. Eher zufällig bekam ich es also in die Hand, las erst den Klappentext, dann die ersten Seiten, aber ohne wirkliche Absichten. Und dann wurde es eine ganz lange Nacht, weil ich einfach nicht aufhören konnte. Welch ein Buch! Welch eine wunderbare Sprache! Auf den Inhalt gehe ich nicht ein, denn es ist hier schon alles geschrieben worden.
Dies ist eines der Bücher, die einen nicht verlassen, wenn man sie ausgelesen hat. Es bleibt im Kopf und zwingt in die eigene Tiefe; man muss sich stellen, denn die Verbindung von einem Stück szilianischer Kultur in die aktuelle Diskussion über Sterbehilfe und Selbstbestimmung lässt sich nicht übergehen.
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22 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine bewegende Geschichte, 18. April 2010
Von 
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Accabadora (Gebundene Ausgabe)
Das aus dem Italienischen von Julika Brandestini übersetzte Buch führt nach Italien, genauer gesagt nach Sardinien, in das Sardinien der 50 er Jahre. Es ist der mit geheimer Magie gefüllte starke Debütroman einer relativ jungen Autorin, von der man noch nie etwas gehört hat. Die Geschichte beruht auf jahrhunderte alten Traditionen und Michela Murgia erzählt diese Geschichte aus einer scheinbar fernen und vergangenen Welt in einer knappen, gradlinigen, sentimentalitätslosen, einfachen aber sehr eindrucksvollen Sprache, wobei der geheimnisvolle Titel des Buches hält was er verspricht.

Die nicht mehr ganz junge, kinderlose, lebenskluge Schneiderin Tzia Bonaria Urrai zieht die sechsjährige Maria als Adoptivtochter auf. Maria, die vierte Tochter einer bitterarmen Witwe, entwickelt eine sehr enge Beziehung zu dieser Adoptivmutter, obwohl die sehr streng ist. Die beiden leben wie Mutter und Tochter zusammen, trotzdem hat Maria in den vielen Jahren die sie bei ihrer Ziehmutter lebte niemals Mama zu ihr gesagt. Solche Lebensgemeinschaften, praktizierte Adoptionen, waren damals scheinbar häufiger üblich. Maria war ein "fillus de anima", ein Kind der Seele, "so nennt man die Kinder, die zweimal geboren werden, aus der Armut der einen Frau und der Unfruchtbarkeit der anderen". Maria hat ein eigenes Zimmer in dem reinlichen und großen Haus der Tzia Bonaria Urrai, ist bemüht sich als legitime Tochter zu fühlen. Dennoch waren die beiden immer Anlass für Tuscheleien, wenn sie die Straße hinunterliefen. Zog die Schneiderin das Mädchen nur groß in der Hoffnung, dass sie sich später um sie kümmern würde?

Die Autorin erzählt sehr eindrucksvoll von zwei Generationen, zwei Frauenleben, in einer rituellen und archaischen Welt, wo Zauberspuk und Magie eine große Rolle spielen. Als eines Morgens im Dorf ein junger Mann tot aufgefunden wird, ahnt Maria, dass mit ihrer wortkargen, stets in schwarz gekleideten Ziehmutter irgendetwas nicht stimmen kann. Scheinbar lebte Bonaria Urrai in zwei unterschiedlichen Welten. Maria hat das all die Jahre geahnt, konnte das Geheimnis aber nicht wirklich greifen, sie wusste nur das Bonaria Urrai etwas "Schwerwiegendes" zu verbergen hatte. Nun plötzlich versteht Maria, die inzwischen eine junge Frau geworden ist, dass die Bonaria Urrai eine Accabadora ist, eine Frau die den Menschen den Tod bringt, ihnen in Agonie zum Tode verhilft wenn der nicht von alleine kommen will. Sie bekleidet zugleich auch die Funktion einer Hebamme. Anthropologen sind sich nicht einig ob es diese "Accabadora" wirklich gegeben hat.

Entsetzt verlässt Maria das Haus, flüchtet aufs Festland nach Turin, beaufsichtigt Anna Gloria und Piergiorgio, die Kinder der gutbürgerlichen und reichen Familie Gentili. Sie wollte beherzt ein neues Leben beginnen, die Nabelschnur selbst durchschneiden. Doch im Laufe der Zeit kamen alle Erinnerungen, von denen sie glaubte sie am anderen Ufer zurückgelassen zu haben, ohne "erkennbare Logik" zurück. Inzwischen begannen sich "Vergangenheit und Gegenwart zu betrachten wie nach einem Waffenstillstand". Als sie in einem Brief ihrer Schwester von dem Schlaganfall der Tzia Bonaria erfuhr, kehrte sie zurück um sie hingebungsvoll zu pflegen, um auf diese Art und Weise ihre Schuld zurück zu zahlen. Als bei Bonaria Urrai die Sterbephase begann wurde gewiss, dass sie nun Maria nicht mehr das sagen konnte was sie ihr all die Jahre sagen wollte. Als Maria darüber reflektierte was Bonaria Urrai vor drei Jahren mit dem Satz "Sag nicht niemals, das nehme ich dir nicht ab" gemeint hatte, erkannte sie, dass sie sich irrte, der Himmel es vielleicht auch anders meinte und ihre Adoptivmutter immer noch "Macht" über sie hatte und sie über ein "affumento" (sardischer Ritus) in Kenntnis setzte.

Ich fand das Buch ungeheuer faszinierend, ein mit großer Anmut erzähltes wunderbares und fulminantes Buch über Kindheit und Alter, die Geschichte vom Erwachsen werden. Ein Adoleszenzroman mit starken Frauenfiguren, archaischer Fremdheit und mythischen Ritualen. Magischer Realismus, wie wir ihn von dem Literatur Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez aus dem Roman Hundert Jahre Einsamkeit" kennen gelernt haben, nur natürlich nicht so virtuos, denn sein bedeutendster Roman gehört zu den schönsten der Weltliteratur. Ich kann diesen Debütroman von Michela Murgia emphatisch empfehlen, das Buch wird sie nicht loslassen.
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16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alle Seelen, 16. Mai 2010
Von 
Esther (Graz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Accabadora (Gebundene Ausgabe)
"Fillus de anima, Kinder des Herzens. So nennt man die Kinder, die zweimal geboren werden, aus der Armut einer Frau und der Unfruchtbarkeit einer anderen. In dieser zweiten Geburt wurde Maria Listru zum späten Segen für Bonaria Urrai." S1

Kein Mensch bleibt im Alter gern allein! Bonaria Urrai ist, nachdem ihr Verlobter im großen Krieg gefallen war, Zeit ihrer Tage im Sardinischen Dorf Soreni allein geblieben. Als Schneiderin verdiente sie ihr Auskommen.

"Bonaria hatte sich von klein auf mit der Schneiderei beschäftigt, und wenn es etwas gab, worin sie gut war, so war es, Maß zu nehmen an den Menschen." S153

An einem besonderen Tag hat sie Maria Listru zu sich genommen und als fill'e anima (Tochter ihres Herzens) erzogen. Als vierte Tochter der Witwe des zu Lebtag nichtsnutzigen, seligen Listru wurde Maria aus ihrem Zuhause ohne Erklärung ins Haus der Tzia Bonaria geschickt. Mit außerordentlicher Liebe aber strenger Härte wurde Maria zu einer gebildeten jungen Frau erzogen. Sich ihrer beiden Mütter bewusst, war sie niemals hin und her gerissen, denn sie wusste wohin sie gehörte - bis zu jenem Tag, an dem Tzia Bonaria große Schuld auf sich geladen hat.

Wunderschön, kraftvoll, manchmal unheimlich melancholisch, aber zu jedem Zeitpunkt nüchtern und bestechend ehrlich erzählt Michela Murgia die Geschichte eines sardischen Dorfes, die Geschichte der papierlosen Adoption, die Geschichte zweier Mütter um eine Tochter, die Geschichte vom Verurteilen und Verzeihen und die Geschichte eines Todesengels, der Todgeweihte auf die letzte Reise entsendet, um deren Leiden ein Ende zu bereiten.

"Es gibt Orte, an denen die Wahrheit gleichbedeutend ist mit der Meinung der Mehrheit, und auf der geheimnisvollen Landkarte dieses Konsensprinzips war Soreni eine kleine moralische Hauptstadt." S68

Murgias klare Sprache - reich an selbsterklärenden Andeutungen, Bildern, Bräuchen, Geschmäckern und sardischen Gerüchen schenkt einen sehr persönlichen Einblick in einiger Menschen Leben. Ihre überaus authentischen Charaktere und die fabelhafte Übersetzung ins Deutsche runden diesen wunderbaren Roman ab.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aussergewöhnlich, 15. März 2011
Rezension bezieht sich auf: Accabadora (Gebundene Ausgabe)
Am meisten erstaunt hat mich, dass dieser Roman, der mit so viel Gespür und Lebensklugheit geschrieben ist, das Produkt einer doch recht jungen Autorin ist.
Die Geschichte einer Adoptivtochter (fill' e anima), die im Hause einer älteren Frau aufwächst, deren Rolle im sardischen Dorf die Beihilfe zum Sterben ist, ergreift in vieler Hinsicht.
Zum einen wird dem Leser das noch sehr von Traditionen geprägte Sardinien der 60/70iger Jahre durch Murgias reiche Erzählweise auf vielen Gefühlsebenen spürbar, so als weilte man mitten im Geschehen. Zum anderen erlebt man den Konflikt der Adoptivtochter hautnah, in den diese gestürzt wird, als ihr das unheilige Tun der Tzia Bonaria unwideruflich klar wird. Darüber hinaus gibt es aber manchmal auch eine leichte, fast heitere Note, die die eigenwilligen sardischen Dorfbewohner lebendig werden lässt.

Wohltuend ist, dass hier nicht geurteilt wird. Ob Sterbehilfe nun verwerflich ist oder in gewissen Momenten vertretbar, wird nicht ausdrücklicher Gegenstand der Geschichte, auch wenn das unheimlich anmutende Tun der alten Tzia Bonaria eine zentrale Rolle spielt. Die Autorin drängt in keine Richtung, auch nicht in der Figur der fill' e anima Maria, die erleben muss, dass es keine immergültigen Antworten geben kann.
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19 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein packendes Buch, 11. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Accabadora (Gebundene Ausgabe)
Das Buch hat mich gepackt, durchgeschüttelt und mit offenem Mund zurück gelassen. Dabei passiert gar nichts so vordergründig Spektakuläres. Bonaria Urrai verschwindet nachts ab und an, was ihre 'Tochter des Herzens' zwar anfangs irritiert aber dann zur Seite legt. Erst als ihr bester Freund Bonaria nachts in dem Haus seiner Familie spuken sieht und am nächsten Morgen sein Bruder tod ist, kommt es zu einer unheilsamen Auseinandersetzung. Maria - die Tochter - geht als Kindermädchen in die Stadt. Und einige Zeit später wird auch ihr klar, dass manche Fragen des Lebens nicht mit 'richtig' oder 'falsch', 'gut' oder 'böse' beantwortet werden können. Ein starkes Buch. Lesen!
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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Freiheit des Menschen, über sein Sterben zu entscheiden, 29. Mai 2011
Von 
Diethelm Thom - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Accabadora (Gebundene Ausgabe)
Ein sardisches Dorf halb noch im traditionsgebundenen Mittelalter, halb in der Moderne. Noch gibt es in der Dorfgemeinschaft die Accabadora, das ist eine Frau, die den in Agonie liegenden Kranken Sterbehilfe leistet. Der Fall: Darf die alte Bonaria Urrai, die hier die Accabadora ist, einem einst vor Kraft und Leben strotzenden jungen Mann, der durch seine Unbesonnenheit ein Bein verloren hat und nun nicht mehr leben will, Sterbehilfe leisten? Wie soll sie das vor sich und seiner Familie vertreten können, wie vor ihrer Pflegetochter Maria, die ihr zwar zu großem Dank verpflichtet ist, die aber nichtsdestoweniger zu einem kritischen, selbstbewussten Mädchen herangewachsen ist?

Es dauert ziemlich genau bis zur Hälfte des 170 Seiten schmalen Romans, bis diese Thematik aufgeworfen wird, und es ist leider zu fürchten, dass das Buch bis dahin eine Reihe von Lesern verloren haben wird, denn man weiß zunächst nicht so recht, was einem der Roman mit seiner Schilderung der dörflichen, halb-primitiven sardischen Welt eigentlich soll. In der Art, wie das Buch dann mit dem Konflikt umgeht, erweist es sich aber ab hier mehr und mehr als ein beachtliches literarisches Werk, bei dem nicht nur die Brisanz des Problems allein fesselt, sondern die vielschichtige, nuancenreiche Schilderung desselben im Leben aller Beteiligten. Der allwissende Erzähler wirkt geradezu altmodisch, indem er die Ereignisse schlicht und klar kommentiert, aber er tut dies auf eine so nuancenreiche und zurückhaltende Art und Weise, dass der Leser ständig gefordert bleibt mitzudenken, auf die Zwischentöne und Andeutungen zu achten und frei seine eigene Haltung den Personen und dem Fall gegenüber zu bestimmen.

Dennoch enthält das Buch so etwas wie eine Botschaft - sie läuft auf ein Plädoyer für die Freiheit des Menschen hinaus, auch im Gegensatz zu gängigen Moralvorstellungen selbst über sein Sterben entscheiden zu dürfen. Diese Botschaft wird in der gegenwärtigen Diskussion über die Sterbehilfe nicht unwidersprochen bleiben, sie trägt aber hier ihre poetische Wahrheit in sich selbst.
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Accabadora
Accabadora von Michela Murgia (Taschenbuch - 2012)
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