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Kundenrezensionen

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am 12. April 2005
Was dieses Buch von so vielen der deutschen Nachkriegszeit - und leider auch Grass' manchmal doch recht selbstverliebtem Spätwerk - abhebt, ist für mich der Schwung, die liebevolle Schilderung der Figuren und über allem viel Phantasie.
Wie auch bei den anderen beiden Büchern aus der "Danziger Trilogie" scheint für mich viel Spontanität und Übermut im Spiel gewesen zu sein. Sicherlich ist Grass' Feder auch hier schon sprachgewaltig und nicht immer ganz einfach zu lesen; dennoch wirkt sie für mich nie konstruiert oder überspitzt.
Insgesamt endlich einmal ein Buch, das sich mit der unglücksseligen deutschen Vergangenheit zwar sehr bewußt, aber nicht voller Selbstmitleid und unter dem Mantel der Betroffenheit mit dem Thema auseinandersetzt.
Die Genialität dieses Werkes liegt für mich darin, diese Zeit zwar aus der Sicht eines nicht involvierten Außenseiters, aber eben auch nicht aus intellektuell-unterkühlten Gesichtspunkten heraus zu zeigen. Ich halte dieses Buch nach wie vor für den besten Roman übers 3. Reich - und das auch noch nach über 45 Jahren!
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am 3. September 2002
Die Geschichte spielt in den Jahren 1930-1950 und erzählt das Leben von Oskar Matzerath. Dieser beschloss, im Alter von drei Jahren nicht mehr zu wachsen. An seinem dritten Geburtstag erhält Oskar die schon bei seiner Geburt versprochene Blechtrommel von seinen Eltern. Allen ist bewusst, dass Oskar kein gewöhnliches Kind ist, denn er besitzt unter anderem eine Stimme, die Glas zum Zerbrechen bringen kann. Oskar freundet sich im Laufe seines Lebens mit vielen skurrilen Persönlichkeiten an, mit denen er immer wieder neue Abenteuer bestreitet. Als Oskar noch jung ist stirbt seine Mutter, an deren Tod er indirekt mitschuldig ist. Oskar erlebt die Übernahme Danzigs durch die Nazis. Er verteidigt mit seinem vermeintlichen Vater die polnische Post, scheitert aber an der Übermacht der Nazis. Oskar ist an dem Tod seines mutmaßlichen Vaters mitschuldig. Er spielt im 2.Weltkrieg in einem Fronttheater in Frankreich mit. Als er dann auch noch den Tod seines zweiten mutmaßlichen Erzeugers verantworten muss, trennt er sich von seiner Trommel und beschließt, wieder zu wachsen. Nach dem Krieg reist Oskar noch mal an die französische Atlantikküste und lässt seine Erlebnisse Revue passieren. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wird Oskar in eine Pflege- und Heilanstalt eingewiesen.
Günter Grass hat seinen Roman „Die Blechtrommel" in drei Bücher aufgeteilt. Das erste Buch berichtet von der Zeit vor dem 2.Weltkrieg, in dem zweiten Buch über die Zeit während des 2. Weltkrieges und im dritten Buch dann schließlich über die Zeit nach dem 2. Weltkrieg in Westdeutschland. Der erste Hinweis findet sich in dem Kapitel „Falter und Glühbirne", wo geschrieben steht: „Der Krieg (hiermit ist der 1. Weltkrieg gemeint) hatte sich verausgabt. Man bastelte, Anlass zu ferneren Kriegen gebend, Friedensverträge". „Das Gebiet ... (um Danzig) ... wurde zum Freien Staat erklärt und dem Völkerbund unterstellt" (S.47/48). Immer wieder weisen gewisse Aktionen von Personen in dem Roman auf geschichtliche Hintergründe hin. So heißt es in Bezug auf Stalingrad, dass Oskar sich „aber weniger um die sechste Armee...", als, „vielmehr um Maria(s)..." Grippe sorgte (S.416). Das Ende Rommels Afrikakorps wird mit dem Ende von Kurtchens Keuchhusten verglichen. Aber nicht nur weltgeschichtliche Ereignisse hat Günter Grass in seinem Roman eingebaut. Es gibt auch viele Parallelen zwischen dem Buch und der Biographie von Günter Grass. Die eindeutigste Parallele ist, dass der Roman hauptsächlich in der Geburtsstadt von Günter Grass spielt. Die Blechtrommel, die Oskar im Roman bei sich hat, dient als Zeichen der Auflehnung gegenüber den Erwachsenen. Hauptsächlich handelt dieses Buch von der Übernahme Polens durch die Deutschen.
„Die Blechtrommel" ist ein sehr eigenwilliger Roman, der eigenen Mechanismen unterliegt. Obwohl Günter Grass in seinem Roman die Zeitstränge Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kunstvoll verwebt, ist seine schwer lesbare Sprachwahl kein Genuss für den Leser. Erst nachdem ich die Verfilmung der „Blechtrommel" gesehen hatte wurde mir klar, worum es in diesem Buch geht. Dieses Buch ist für den gebildeten Leser verwirklicht worden, da die teilweise eine halbe Seite langen Sätze nicht einfach zu verstehen sind. Wenn man einen Satz zu Ende gelesen hat weiß man meistens gar nicht mehr, worum es am Anfang des Satzes ging. Während des Lesens war ich immer wieder begeistert, auf welche originellen Ideen Günter Grass gekommen ist. Die Anspielungen auf Nazideutschland habe ich kaum wahrgenommen. Erst im Film und in der Sekundär-Literatur wurde mir bewusst, wie viele Hinweise über den zeitgeschichtlichen Hintergrund, in dem Roman, zu finden sind. An manchen Stellen wirkt das Buch meiner Meinung nach unnötig übertrieben pervers. Mit diesem Buch wird der Ernst der Vergangenheit verdeutlicht. Die vielen versteckten geschichtlichen Hinweise sind informativ in eine spannende Geschichte eingebunden, wobei einige Kapitel zu langatmig sind. Günter Grass beherrscht es, um einen Punkt stundenlang herumzureden. Das mag vielleicht zu seinem Schreibstil gehören, aber für den Leser ist das keineswegs angenehm. Durch diese langen Sätze wurde der Geschichte die gesamte Spannung entrissen. Ich hatte mir mehr von diesem Buch erwartet. „Die Blechtrommel" ist kein Buch, dass man an einem Wochenende durchliest. Man muss schon einen längeren Zeitraum einplanen. Das hängt aber nicht nur mit der Länge des Romans zusammen, sondern auch mit dem hohen Anspruch, den das Buch an den Leser stellt. Günter Grass hat es mit diesem Werk geschafft, eine Geschichte aus der Sicht von verschiedenen Personen (z.B. als Oskars Pfleger für Oskar schreibt S.552-564) über die Vergangenheit und die Gegenwart zu verfassen. Ich kann nachvollziehen, warum dieser Roman den Literatur Nobelpreis erhalten hat. Rundum ist „Die Blechtrommel" ein gelungenes Buch, dass aber nur für erwachsene und gebildete Leser geeignet ist.
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am 8. Dezember 2012
Auf einem Kartoffelacker beginnt alles. Anna Bronski gewährt dem flüchtigen Joseph Koljaiczek Unterschlupf im wahrsten Sinne des Wortes: unter ihren Röcken. Die Frucht dieser unverhofften Begegnung wird im Jahre 1900 geboren: Oskars Mutter. Unweigerlich stellen sich die dazu passenden Bilder ein. Sie stammen nicht von Günter Grass, sondern von Volker Schlöndorff. Bei der "Blechtrommel" stellt sich mehr als bei den meisten anderen verfilmten Romanen die Frage, welchen Anteil an der anhaltenden Popularität des Buches - lässt man den Literatur-Nobelpreis, der dem Autor ja ebenfalls vor allem für "Die Blechtrommel" verliehen wurde, mal außer Acht - eigentlich die Filmversion hat. Ich jedenfalls war nicht in der Lage, mir einen anderen Oskar vorzustellen als den von David Bennent kongenial verkörperten.

Volker Schlöndorff entschied sich dafür, das dritte Buch (der Roman besteht aus drei "Büchern"), in dem Oskars Erlebnisse in der Nachkriegszeit geschildert werden, bei der Verfilmung auszuklammern. Das erstaunt nicht: Es ist der blasseste Teil in dem voluminösen Werk. Es schildert Oskar, der inzwischen in Düsseldorf lebt, in seiner ertraglosen, in perfiden Nachstellungen gipfelnden Liebe zu der Krankenschwester Dorothea, die später Opfer eines Mordes wird. Dieser (von Oskar offenbar gar nicht begangene) Mord und ein abgeschnittener Ringfinger sind es schließlich auch, die Oskar in das schon im berühmten ersten Satz ("Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt", S. 9 dieser Ausgabe) genannte Sanatorium bringen, den Ort, an dem die Hauptfigur als erinnerndes Ich ihre Lebensgeschichte erzählt. Das dritte Buch führt also an die Erzählsituation heran. Davor zeigt es Oskar als Nacktmodell für moderne Kunst, als Azubi in einer Grabsteinschleiferei, deren Inhaber unter Furunkeln leidet, die Oskar ausdrückt, als mit seinem Freund, dem Maler Lankes, an die Westfront Zurückkehrenden (wo Lankes eine Nonne verführt), und an der Seite seines Freundes und Nachbarn Klepp als Mitglied einer dreiköpfigen Band, die im "Zwiebelkeller" des Herrn Schmuh aufspielt, nachdem sich dessen Gäste durch Zwiebeln zu läuterndem Weinen haben bringen lassen (Zwiebel-Krokodilstränen als Karikatur der scheinheiligen Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit in der Wirtschaftswundergeneration); schließlich macht Oskar mit Hilfe seines alten Gefährten Bebra international Karriere als Trommler.

Der Rhythmus der rasch aufeinander folgenden Szenen aus den ersten beiden Teilen wird also auch im dritten Buch fortgesetzt. Doch - und das ist generell das große Problem bei diesem großen Roman - eine Sogwirkung will sich dabei nicht einstellen. Allzusehr versinken Grass' Tableaus in den Satzkaskaden einer kunstvoll gedrechselten, sich häufig zum rhetorischen Fortissimo steigernden Sprache, dem eigentlichen Grund, warum dieses Werk schon früh unter Nobelpreis-Verdacht geraten ist. Eine Inhaltsangabe gleicht wegen der Detail- und Figurenfülle einer Sisyphus-Arbeit. Am besten, man lässt den Ich-Erzähler und Protagonisten seinen Lebensweg selbst resümieren und bekommt so auch gleich eine Vorstellung von dem Sprach-Crescendo, das für "Die Blechtrommel" symptomatisch ist: "Unter Glühbirnen geboren, im Alter von drei Jahren vorsätzlich das Wachstum unterbrochen, Trommel bekommen, Glas zersungen, Vanille gerochen, in Kirchen gehustet, Luzie gefüttert, Ameisen beobachtet, zum Wachstum entschlossen, Trommel begraben, nach Westen gefahren, den Osten verloren, Steinmetz gelernt und Modell gestanden, zur Trommel zurück und Beton besichtigt [am Atlantikwall], Geld verdient und den Finger [der ermordeten Schwester Dorothea] gehütet, den Finger verschenkt und lachend geflüchtet, aufgefahren [auf einer Pariser Rolltreppe], verhaftet, verurteilt, eingeliefert, demnächst freigesprochen, feiere ich heute meinen dreißigsten Geburtstag und fürchte mich immer noch vor der Schwarzen Köchin - Amen" (S. 776).

Oskar also - der Junge, der mit drei aufhört zu wachsen, der mit Goethe und Rasputin als Kinderbüchern aufwächst, der Glas zersingen kann wie Klarabella aus der "Micky Maus", den Gleichaltrige in der Siedlung mit einem Ekelgetränk foltern, der sich unter die Kartoffelacker-Röcke seiner Großmutter Koljaiczek zu flüchten pflegt, wenn es brenzlig wird, der im Vorkriegs-Danzig mit seinem deutsch-polnischen Einwohnergemisch, das Grass vor den Augen des Lesers sprachlich wiedererstehen lässt, aufwächst und beim Spielzeughändler Markus Blechtrommeln bekommt, wenn die Mutter sich mit ihrem Geliebten im Café Weitzke trifft, denn die hat eine Dauer-Affäre mit ihrem Cousin und Oskars mutmaßlichem Vater, dem Polen Jan Bronski. Dann die geniale Aal-Geschichte ("Karfreitagskost"): Aale in einem Pferdekopf werden aus der Ostsee gefischt, Matzerath, Oskars Vater, bereitet sie zu, seine Mutter ereilt eine Ekel-Attacke, wenig später ist sie tot. Seine beiden Väter bringt Oskar ins Grab, seinen mutmaßlichen Erzeuger, als die SS-Heimwehr in Danzig die Polnische Post stürmt, Jan Bronski, der im Beisein Oskars Karten gespielt hat, wird von Oskar verraten und gemeinsam mit anderen Polen erschossen. Auch seinen gesetzlichen Vater, Matzerath, reißt der Kleinwüchsige ins Verderben: Diesmal ist es ein Nazi-Parteiabzeichen, das, als der Krieg bereits verloren ist, zum Fallstrick wird: Oskar steckt den verräterischen Gegenstand seinem Vater zu, der beim Versuch, ihn zu schlucken, von den Russen erschossen wird ("Die Ameisenstraße"). Matzerath hat sich zuvor im Krieg mit seiner Laden-Aushilfe Maria Truczinski zum zweiten Mal verehelicht, doch die junge Frau ist ausgerechnet Oskars große, durch ein bizarres "Brausepulver"-Erlebnis ihm besonders verbundene Liebe. Da es mit ihr zu Intimitäten gekommen ist, hält er den von Matzerath gezeugten Sohn Kurt denn auch für seinen eigenen. Die Frustration über die Zurückweisung Marias treibt Oskar zu "Bebras Fronttheater", einem Wanderzirkus von Kleinwüchsigen, an die Atlantikküste, wo er Zeuge eines Kriegsverbrechens der Deutschen an französischen Nonnen wird und nach der Landung der Alliierten seine zweite Liebe, die alterslose 99-Zentimeter-Frau Roswitha, durch einen Granateinschlag verliert. Zurück in Danzig wird Oskar dank seiner beeindruckenden Begabung, Glas zum Bersten zu bringen, unter dem wenig bescheidenen Namen Jesus ("Die Nachfolge Christi trat ich an", S. 499) zum Anführer der "Stäuber", einer jugendlichen Diebesbande, die von dem Mädchen Luzie Rennwand verraten und beim Versuch, Jesus und Maria in der Kirche abzusägen und zu stehlen, gefasst wird. Oskar stellt sich dreijährig und kommt davon. Nach der Eroberung von Danzig und der Vertreibung durch die Polen, flieht er mit seiner Stiefmutter und seinem Sohn respektive Halbbruder Kurt nach Westen. Im Zugwaggon kommt es dabei zu einem überraschenden Wachstumsschub.

Der Ich-Erzähler fühlt sich schuldig am Tod seiner beiden Väter und auch am frühen Tod der Mutter trifft ihn nach eigener Einschätzung zumindest eine Teilschuld; ob er tatsächlich schuldig ist, der Väter Tod also tatsächlich wissentlich und willentlich herbeigeführt hat, bleibt unklar, denn eine objektive Erzählerinstanz gibt es nicht. Oskar - ein Dämon oder ein zweiter Jesus, zu dem er sich schließlich - die Blasphemie-Vorwürfe gegen den Roman kommen nicht von ungefähr - selbst deklariert? Es kann jedenfalls kein Zweifel daran bestehen, dass die Figur des Oskar Matzerath etwas genial Einzigartiges in der deutschen Literatur, in der Weltliteratur ist, eine Figur, ohne übertreiben zu wollen, vom Range eines Don Quixote. Und von etlichen anderen Figuren - man denke an Herbert Truczinski oder das Beerdigungsgespenst "Schugger Leo", einen gescheiterten Priesterseminaristen - lässt sich dasselbe behaupten. Darüber hinaus zählt das Spiel mit den tradierten Formen des Entwicklungs- und Schelmenromans zu den Stärken des Romans.

Ist "Die Blechtrommel" in ihrem genialen Einfallsreichtum, in der uferlosen Fülle an Themen, Unterthemen, Figuren und Nebenfiguren aber wirklich lesenswert? Fügt sich in diesem Kosmos alles harmonisch in- und zueinander? Ich finde: nur mit Abstrichen. Am Ende hat "Die Blechtrommel" in der Wiederholung der Motive und des Sprachduktus etwas Gebetsmühlenhaftes. Enttäuscht wird, wer in der Wiederaufnahme den Effekt des Komplementären erwartet. Beispiel: Wenn der Autor Oskar und den ehemaligen Wehrmachts-Obergefreiten Lankes im dritten Buch wieder an den Atlantikwall führt, kommt da nichts zum Abschluss, vielmehr wird mit der Verführung einer Nonne zum hundertsten Mal ein neues Fass aufgemacht, das wie so vieles zuvor lediglich für sich, aber nicht für den Roman insgesamt Bedeutung hat. Es gehört sicherlich zur Grundkonstellation des Werks, dass es keine schlüssigen Antworten liefern, viel aufwerfen, aber nichts auflösen möchte, doch dieses Verfahren muss den Leser über eine so lange Distanz ermüden.

Viele finden "Die Blechtrommel" ekelerregend, doch die Tabubrüche, die Grass Ende der fünfziger Jahre wagte, rufen heute nur noch ein müdes Lächeln hervor; mein Problem war eher, dass mich die Lektüre schon nach dem Abschluss des ersten Buches zunehmend angeödet hat. "Mystisch, barbarisch, gelangweilt!", lässt der Autor Bebras Leute in der Romanmitte ausrufen (S. 450), als hätte er geahnt, dass Erfindungsreichtum und Langeweile einander nicht ausschließen.

Mit mehr Gewinn kann man einzelne Kapitel herausgreifen, diese einem gründlichen Studium unterziehen und darin dann auch die Meisterschaft der Grass'schen Erzählkunst exemplifiziert finden. "Glaube Hoffnung Liebe" eignet sich dafür, das Schlusskapitel des ersten Buches, in dem in Crescendo-Manier das Eindringen, das Umsichgreifen, des Nazi-Geistes am Beispiel eines Täters, des Musikers Meyn, der zum SA-Mann und Katzenkiller degeneriert, und eines Opfers, des Spielzeughändlers Markus, geschildert wird, dessen Geschäft die braunen Horden in der Reichskristallnacht verwüsten: ein in Rhetorik gemeißeltes sprachliches Kleinod. Auch die Anekdote um das unheilvolle Unwesen der Niobe-Figur, die im gleichnamigen Kapitel Marias Vater Herbert Truczinski während seines Museumsdienstes auf skandalträchtige Weise zum Verhängnis wird, oder das Kapitel "Die Tribüne", in dem der Blechtrommler, unter einer Tribüne hockend, einen Nazi-Aufmarsch aus dem Rhythmus bringt, sind in ihrer satirischen Zuspitzung gute Beispiele für das sprachlich-spielerische Vermögen des Autors und die kunstfertige Art der Auseinandersetzung mit dem Ungeist des Nationalsozialismus. Im Anschluss an solche Kostproben kann jeder Leser, ohne dass eine Pointe verraten oder eine wichtige Weichenstellung vorweggenommen wäre, entscheiden, ob er sich das im Umfang von fast 800 Seiten antun möchte.

Zu dieser Jubiläumsausgabe gehört neben zwei Schutzumschlägen (eines mit der ursprünglichen und eines mit einer neuen Titelillustration des Autors) ein kleines Taschenbuch mit Texten zur Rezeption des Werks, erschienen zum 50. Geburtstag des Romans.
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am 3. Juli 2006
Ich habe es zu einer Regel für verfilmte Romane gemacht, mir erst die Verfilmung anzusehen, und erst dann den Roman zu lesen. Egal wie gut eine Filmversion ist, irgendeine Abänderung findet immer statt, daher befriedigt kaum eine Verfilmung auf voller Länge. Außerdem macht danach die Lektüre des Romans umso mehr Spaß

Bei der Blechtrommel dürfte es das erste (und ich hoffe letzte) Mal gewesen sein, dass diese Regel nicht gegriffen hat, ich vielmehr von einem beeindruckenden Film Lust auf den Roman bekommen habe und von diesem über alle Maßen enttäuscht wurde.
Dass der Film im Vergleich zum Roman doch so gut ist, hat einen einfachen Grund: Schlöndorff hat einfach die langweiligen Passagen aus dem Roman entfernt.

Als ich an der Stelle im Buch angelangt war, an dem sich der Film langsam dem Ende entgegenneigte (am Ende des 2. Weltkriegs), fragte ich mich, warum immer noch eine so weite Strecke im Buch vor mir lag.
Bis zu diesem Punkt fand ich das Buch durchschnittlich unterhaltend, eine einfache Sprache, interessante Geschichte- nichts besonderes, jedoch auch kein Buch über dass ich mich geärgert hätte.

Der letzte Teil des Romans, den Schlöndorff wohlweislich aus seiner Verfilmung ausgeschlossen hat, schaffte es jedoch, sowohl meinen Gesamturteil des Romans, wie auch des Schriftstellers Grass selbst, drastisch zu verschlechtern. Ich hatte vorher nichts von Grass gelesen, und dank diesem Roman werde ich wahrscheinlich auch für die nächsten Jahrzehnte keine Lust haben, diesem Schriftsteller noch eine Chance zu geben.

Und da "Die Blechtrommel" Grass Debütroman war, daher kann man hier auch nicht zu der beliebten Entschuldigung greifen, dieser Roman sei einfach nicht der "passende Einstieg" - es ist die Beliebigkeit, die Zusammenhanglosigkeit, die das letzte Viertel des Romans so unerträglich macht. Zahlreiche Handlungsstränge werden begonnen und keiner wird zu Ende geführt. Dies beginnt bereits noch während des Teils, der im Zweiten Weltkriegs spielt: Mal wird Oskar Matzerath Anführer einer Gruppe von jugendlichen Antifaschisten, die ihn scheinbar für einen Gesandten des Herrn halten, dann tritt er einer "Freakshow" bei, die eine Tournee durch die besetzten Westgebiete macht, plötzlich hat er einen Sohn. Von der Normandie reist er mal nach Berlin, mal wieder zurück nach Danzig.

Diese Handlungsabschnitte nehmen weitschweifige Kapitel in Anspruch, tragen jedoch nichts zu der eigentlichen Geschichte bei. Figuren werden vorgestellt, dann wieder für die nächsten 70 Seiten vernachlässigt.
Nach Kriegsende wird das Buch noch unübersichtlicher, noch episodenhafter. Die Flucht aus Danzig wäre ein geeigneter Moment gewesen, den Roman zu beenden. Nun fragt man sich, worauf die ganze Geschichte denn schlussendlich hinauslaufen soll.
Wieder erleben wir unzusammenhängende, wahllos aneinandergereihte Begebenheiten, die lediglich von dem Leitmotiv eines Ich-Erzählers und des im Titel vorgestellten Musikinstruments zusammengehalten werden.

Wer Grass Biographie kennt, wird schnell bemerken, dass er sich hierfür an eigenen Erfahrungen orientiert hat. Ein Abwägen zwischen wichtig und unwichtig findet jedoch auch hier nicht statt. Alles wird verarbeitet: Erst wird "das Oskarchen" Bildhauer bei einem Grabsteinhersteller, dann erlebt es einen Umzug in die große Stadt, und wird schlussendlich Trommler in einer Kneipe- und bemerkt hier seine Fähigkeit, dank seines Instruments das Publikum in ekstatische Verzückungszustände zu versetzen.

Wenn man mir jetzt vorwerfen will, dass meine schlechte Bewertung ungerechtfertigt ist, da doch offensichtlich der "lesbare" Teil von der Menge her, den unangenehmen überschattet, möchte ich sagen, dass diese letzten 200 Seiten des Buches so langweilig, so uninteressant, so monoton und so belanglos waren, dass mir keine andere Bewertung für angebracht erscheint. Es ist mir weder stilistisch noch handwerklich auch nur ansatzweise nachvollziehbar, wie dieses Buch in Deutschland eine nahezu mythologischen Status erlangen konnte. Vor 50 Jahren mochte man diesem Werk noch eine gewisse "Schockwirkung" zugestehen, aber was Grass aus dem Hut zaubert wirkt aus heutiger literarischer Perspektive nur noch pubertär. Ich selbst habe mich selten so sehr gefreut, ein Buch beendet zu haben, wie die "Blechtrommel"- daher schliesse ich mich mit besten Gewissen meinen Vorrednern an und empfehle dem geneigten Leser, die Filmfassung zu sehen, da hier alle guten Seiten des Romans bildreich vorgeführt werden. Ersparen Sie sich unnötigen Ärger und beherzigen Sie diesen Rat.
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Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel" leuchtet am Beispiel einer Danziger Kleinbürgerfamilie die Bedingungen für die Entstehung des Nationalsozialismus aus. Am Beispiel seiner Hauptfigur, des zwergwüchsigen Oskar Matzerath, widerlegt Grass die in den 50er Jahren häufig - und sogar heute noch vereinzelt - vertretene These, den Einzelnen treffe kaum Schuld am Aufkommen totalitären Denkens. Im Gegenteil: Im fehlenden Vermögen des Individuums, sich für das Gemeinwesen verantwortlich zu zeigen, in seiner Verführbarkeit ist der Keim der Nazibarbarei angelegt. Oskar Matzerath enthüllt durch seine schon bei der Geburt vorhandene Einsicht schonungslos die Egoismen, Kleingeistigkeiten und Lebensängste seiner Mitmenschen, die sie letztlich verführbar machen. Doch Oskar findet auch selbst Gefallen an der Manipulation und erweist sich als mitunter bösartiger und egoistischer Zeitgenosse. Allerdings ist er auch ein Opfer, aus nazistischer Sicht "unwertes Leben", ein Zeit seines Lebens Getriebener. Einerseits trommelt er gegen das Vergessen - und darin liegt der moralische Anspruch des Romans -, andererseits stellt sich im Trommeln auf groteske Weise das Gefühl von Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein dar. Die stupende Phantastik des Geschehens, die Grass auf rund 800 Seiten mit hoher Sprachkunst ausbreitet, macht aus der "Blechtrommel" einen Roman von Weltrang.
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am 8. Oktober 2006
Jeder, der den 2. Weltkrieg verstehen will, sollte dieses Buch gelesen haben! Denn hier wird nicht den "bösen Nazis" die Schuld an den grausemen Schandtaten des 2. Weltkriegs zugeschoben, sondern erklärt, dass jeder Einzelne, der sich nicht aufgelehnt hat gegen das vorherrschende Regime, die Schuld mit sich trägt und zwar für immer.

Grass gelingt es in diesem Roman zu schildern, dass die Mittäter meist Mitläufer waren und keine Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie. Es waren Menschen wie Du und ich, die gegen die Juden aufgehetzt haben und zerstört haben, was sich nicht wieder herstellen lässt. Denn das politische Bewußtsein fehlte den meisten und sie ahnten kein bißchen, welche Auswirkungen ihr Mitläufertum haben könnte. Die Blechtrommel ist ein Roman, der das politische Bewußtsein der Leser schärfen will und sollte daher auf gar keinen Fall jemals in Vergessenheit geraten. Der Roman bewältigt die Geschichte des Nationalsozialismus nicht, er beschreibt sie in ihrer wahren Aura und fordert den Leser dazu auf diese Geschichte nicht zu vergessen und die kommenden Generationen daran zu erinnern, damit sich die Geschichte auf solch grausame Art nicht mehr wiederholen kann.
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am 6. Februar 2016
Die Blechtrommel“ gehört zu den wichtigsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur. Aus der Perspektive des Sonderlings Oskar Matzerath erzählt Grass vom Zweiten Weltkrieg in Polen. An seinem dritten Geburtstag entscheidet Oskar, nicht mehr wachsen zu wollen. Nach einem Sturz von der Kellertreppe bleibt er ein Kind. Seine Blechtrommel ist sein ständiger Begleiter. Sie ist es auch, die ihn später, im Irrenhaus, wo er seine Geschichte erzählt, an die Vergangenheit erinnert. Oskars Lebensbeichte ist geprägt von einer scharfen Beobachtungsgabe und seiner hellsichtigen Außenseiterposition.
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am 20. Juli 2004
Günter Grass liefert 1959 mit der Blechtrommel ein eindrucksvolles Romandebüt ab. Inhalt wie auch sprachliche Umsetzung lassen kaum zu wünschen übrig, und spätestens zum Ende des zweiten Teils, brilliert Grass wie es kaum ein anderer Schriftsteller vermag. Einzig das letzte Drittel kam mir etwas zusammengeschustert vor, ließ ein wenig die Genialität der ersten 550 Seiten vermissen. Ich hatte den Eindruck, dass hier (zumindest zum Teil) der Werdegang des Schriftstellers und nicht der des Hauptprotagonisten wiedergegeben wird. Aber das mag Ansichtssache sein und kann den Gesamteindruck nicht trüben.
Günther Grass lässt längst vergangene Zeiten scheinbar mühelos wiederauferstehen, schreibt stets wortgewaltig und mit einem ironischen Unterton. Dieses Buch diente wohl John Irving als Grundlage für seinen Roman Owen Meany (man weiß ja, dass die beiden Schriftsteller gute Freunde sind). Bedenkenlos weiterzuempfehlen.
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am 5. Juli 2003
Ich kann jeden verstehen, der dieses Buch liebt und kann durchaus nachvollziehen, warum es als ein Meisterwerk gilt. Trotzdem: Für mich (Jahrgang 1980) klingt daraus immer die Stimme einer vergangenen und etwas altmodischen Epoche deutscher Literatur, zu der ich nur sehr schwer einen Zugang finden kann. Obwohl Grass zweifellos sprachgewaltig schildern kann, schaffe ich es einfach nicht die Geschichte in meinem Kopf mit Bildern auszustatten.
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am 5. Januar 2002
Wenn man bedenkt aus welcher Zeit dieses Buch stammt, wenn man bedenkt was die Moderne versucht, wenn man bedenkt wie Moral vermittelt wird, sollte man "Die Blechtrommel" lesen.
Dieses Buch handelt von Menschen. Dieses Buch ist auch sehr alt. Aber es hat mich gepackt. Die Blechtrommel ist für mich DAS Deutsche Buch. Verschissenes Bürgertum, Kleingeistigkeit und gehemmte Sexualität wird präsentiert. Ein Doppelmoralkiller! So alt und doch so modern.
Für mich ein Muss!
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