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am 1. Februar 2006
Benno Ohnesorg – das Bild des 1967 auf einer Demonstration in Berlin erschossenen Studenten wurde zur Ikone der 68er Bewegung. Uwe Timm hatte Ohnesorg sieben Jahre vorher gekennen gelernt, gemeinsam mit ihm das Abitur nachgeholt. Timm, oder genauer gesagt der namenlose Ich-Erzähler, fasst bald nach dem Tod des Freundes den Plan, über ihn zu schreiben. Das Vorhaben misslingt. „Es blieb aber der Vorsatz, mehr noch, die Verpflichtung, über ihn zu schreiben. Ein Erzählen, das nur gelingen konnte – und diese Einsicht musste erst wachsen -, wenn ich auch über mich erzählte.“ So macht sich der Ich-Erzähler nun daran, sich an die gemeinsame Zeit zu erinnern, erzählt uns einen Teil seiner eigenen Lebensgeschichte, versucht, zu ergründen, wer der früh verstorbene Freund war, sucht dazu auch das Gespräch mit dessen Bekannten und Verwandten.
Das Buch ist nicht in Kapitel, sondern in längere und kürzere Abschnitte geteilt, erzählt wird nicht chronologisch, sondern sprunghaft, assoziativ, so wie auch ein Erinnerungsprozess abläuft.
Was schliesslich entsteht, ist einerseits der sensible Versuch einer Annäherung an den toten Freund, andererseits das sehr dichte Bild einer Epoche: – eine Gesellschaft, deren Eliten vielfach zu Demokraten gewandelte Nazis sind, deren junge Generation sich an das Hinterfragen überkommener Werte und Strukturen macht, an „die Abgrenzung von all dem, was Konvention war, die Infragestellung der grossen Gefühle und Tugenden: Nation, Familie, Heimat, Pflicht...“ - beinflusst durch die Lektüre von Camus und anderer Existentialisten.
Timm erzählt die Geschichte einer Freundschaft. „Der Fremde und der Freund“ – ist hier gemeint, dass der Freund gleichzeitig ein Fremder war? Wer war Benno Ohnesorg? Weder dem Ich-Erzähler noch dem Leser bietet sich schliesslich ein kohärentes Bild dieser Person. Ein solches könnte auch nur Illusion sein. Immerhin erahnt man nach der Lektüre den Menschen hinter der Ikone.
Im Titel zeigt sich aber auch das Eingeständnis, den Freund allein gelassen, sich ihm gegenüber wie ein Fremder verhalten zu haben. Wie der Titelheld im gemeinsam mit dem Freund gelesenen „Der Fremde“ von Camus, erstrebte der Ich-Erzähler die „Verweigerung von jeglicher Bindung im Privaten, im Kollektiv... Distanz vor jeder Festlegung.“ Es ist dieses Bestreben, das schliesslich dazu führt, dass der Ich-Erzähler nach dem Abitur nicht wie geplant mit dem Freund zum Studium nach Berlin fährt, sondern ohne ihn in München an die Uni geht, ihn nie wieder sieht. Jahre später erfährt er, dass der Freund ihm deshalb böse gewesen ist. „Eine Nachricht, die mich verstörte und mit ein Grund war, über ihn, über uns zu schreiben.“
Erst der Tod des Freundes bringt den Ich-Erzähler und mit ihm wohl einen grossen Teil seiner Generation dazu, die Haltung der Bindungslosigkeit, des sich Verweigerns, aufzugeben, zur politischen Aktion zu schreiten, Verantwortung zu übernehmen. Die persönliche Geschichte des Ich-Erzählers wird hier auch zur allgemeinen, zu derjenigen einer ganzen Generation.
Und dennoch gelingt Timm ein sehr persönliches Buch, das auch nach dem Lesen nicht loslässt, nachdenklich stimmt. Es bleibt das Gefühl, Wesentliches über das Lebensgefühl der jungen Menschen der 60er Jahre erfahren zu haben und gleichzeitig einen intimen persönlichen Erinnerungsbericht gelesen zu haben.
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am 16. Mai 2007
Uwe Timm gehört zu meinen Lieblingsautoren und ich habe schon einiges von ihm gelesen. Auch dieses Buch fand ich lesenswert. Es liest sich gut und flüssig, der Hintergrund bewegt. Interessant fand ich vor allem die autobiografische Beschreibung der Schul- und Ausbildungszeit von Herrn Timm im "Braunschweig Kolleg", wo er mit Benno Ohnesorg die Schulbank drückte. Auch seine Lehre als Kürschner und seinen weiteren Lebensweg fand ich äußerst interessant.

Für die jüngeren Leser mag Benno Ohnesorg nicht unbedingt ein Begriff sein, dafür umso mehr für die etwas älteren. Der erste Student, der in West-Deutschland nach dem Krieg bei einer Demonstration von einem deutschen Polizisten erschossen wurde. Das war 1967. Benno Ohnesorgs Tod wurde zum Signal der Radikalisierung der Studentenbewegung. Wir lernen ihn als einen ganz normalen jungen Mann kennen, weit ernfernt von terroristischer oder gewalttätiger Gesinnung. Interessiert an Literatur und Kunst, schweigsam, verschlossen. Uwe Timm findet Spuren des ehemaligen Schulkollegen und Freundes nach dessen gewaltsamen, frühen Tod.

Das Lesen lohnt sich unbedingt!
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am 29. Oktober 2006
Uwe Timm gelang mit diesem Buch eine sehr persönliche Beschreibung und Darstellung der sechziger Jahre, die für eine Zeit voller Konflikte mit der Elterngeneration und dem Aufbruch in eine neu zu gestaltende Zeit stand. Uwe Timms nahe Beziehung zu Benno Ohnesorg sichert dabei eine enge Verzahnung zu den damaligen Ereignissen der Anti-Schah-Demo, den Studenten-Krawallen und dem Versuch, neues, aufklärerisches Denken in den Köpfen zu verankern, die noch sehr in den überkommenen konservativen bis völkischen Gefühligkeiten befangen waren. Ein Buch, das für alle, die Nachgeborene sind, eine persönliche Einsicht in die Zeit der 68er-Bewegung, deren Hintergründe und Anstöße, erlaubt. Damit ein sehr wichtiges, zeitgeschichtlich historisches Buch, aber ebenso, um nachvollziehbare Kenntnisse über diese Zeit zu gewinnen, aber auch, um diese Zeit, Beweggründe und Personen besser zu verstehen. Für mich also ein sehr persönliches Buch Uwe Timms, hinter dessen Schilderungen die Person Benno Ohnesorgs eher nur erzählerischer Aufhänger ist, nicht aber zum eigentlichen Thema gehört. Denn er selbst steht dort, im Zentrum seines erzählerischen Wahrnehmens. Denn dieses Zentrum ist für Uwe Timm selbst, sein persönliches, politisches Erwachen in einer von jugendlichem Aufbruch und revolutionärem Geist vibrierenden Zeit. Ein Buch für alle, die persönliche Wahrnehmungen und Einsichten in diese Zeit suchen.
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am 5. August 2007
Das Thema der Studentenrevolte zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk von Uwe Timm, vom ersten Romanerfolg "Heißer Sommer" über "Kerbels Flucht bis hin zu "Rot".

Nach den "Römischen Aufzeichnungen" und "Am Beispiel meines Bruders" legt Uwe Timm im Jahre 2005 sein drittes autobiographisches Buch vor.

Dieses Mal geht es abgesehen von einer sehr beeindruckenden Aufarbeitung des Lebens von Benno Ohnesorg auch um das Denken und Handeln der ersten Nachkriegsgeneration. Der Leser erhält Teilantworten auf mögliche Einflussfaktoren auf die jungen Menschen dieser Zeit des versuchten Aus- und Aufbruchs.

Keineswegs nur Marx/Engels, sondern gerade auch die französischen Autoren des Existentialismus haben diese Generation entscheidend geprägt. Die Erkenntnis, dass "alles sinnlos" ist, war vermutlich eine viel größere Keimzelle revolutionären Denkens als die politischen Klassiker des 19. Jahrhunderts. Ein Thema, dass bisher kaum aufgearbeitet wurde.

Fazit: Ein bewegendes Buch später Trauerarbeit und ein tiefer Einblick in die Generation der sogenannten 68er.
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Ich bin mit meinen 20 Jahren nicht die erinnernde Zielgruppe dieses Werkes sondern die zuhörende, die sich aus der Vergangenheit erzählen lässt. Eigentlich sind Bücher mit einem historischen Hintergrund - egal ob in ein fiktives oder reales Gewand gekleidet - nicht mein literarisches Interessengebiet, aber dieses Buch hat mich total begeistert.

Uwe Timm erzählt aus seinem früheren Leben, wie er damals "den Freund" kennengelernt, wie sie diskutiert, gelacht und gemeinsam an ihrem schriftstellerischen Schaffen gearbeitet haben. Dann trennen sich die Wege der beiden, da der Ich-Erzähler in Paris studieren möchte, sein Freund aber in Deutschland bleibt um hier sein Studium zu beginnen. Der Erzähler berichtet von einem introvertierten, poetischen jungen Mann und einer Freundschaft unter Fremden.

Uwe Timm entwirft hier ein Bild eines jungen Mannes, der die gesamte Zukunft noch vor sich hat, aber aufgrund eines absurden Zufalls à la "zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort" umgebracht wird. Dieses Buch hätte eine Abrechnung mit den Polizisten, die den Mord begangen haben, werden können, ein schriftlicher Racheakt, aber nichts von alledem trifft ein. Vielmehr ist "Der Freund der Fremde" ein in Teilen hochphilosophisches Buch, dass mit wunderbaren Zitaten Camus' oder Becketts unterfüttert ist. Die Frage des Seins wird ebenso gestellt wie die Sinnhaftigkeit unseres Lebens.

Die knapp 180 Seiten lassen sich relativ schnell lesen, jedoch nicht sonderlich flüssig, denn so manche Sätze musste ich ein weiteres Mal lesen um deren Hintergrund bzw. Bedeutung nachvollziehen zu können.

Abschließen möchte ich meine Rezension mit folgendem Zitat (Seite 95):
"Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts."
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am 11. November 2006
Uwe Timm gehört zu meinen Lieblingsautoren und ich habe schon einiges von ihm gelesen. Auch dieses Buch fand ich lesenswert. Es liest sich gut und flüssig, der Hintergrund bewegt. Interessant fand ich vor allem die autobiografische Beschreibung der Schul- und Ausbildungszeit von Herrn Timm im "Braunschweig-Kolleg", in welchem er mit Benno Ohnesorg die Schulbank drückte. Auch seine Lehre als Kürschner und seinen weiteren Lebensweg fand ich faszinierend, denn bisher wußte ich nicht, dass Uwe Timm über den "zweiten Bildungsweg" zum Schreiben gekommen ist.

Für die jüngeren Leser mag Benno Ohnesorg kein Begriff sein, für die älteren natürlich unbedingt, denn er war ja der erste Student, der in West-Deutschland nach dem Krieg bei einer Demonstration von einem deutschen Polizisten erschossen wurde. Das war 1967. Benno Ohnesorgs Tod wurde zum Signal der Radikalisierung der Studentenbewegung. Wir lernen ihn als einen ganz normalen jungen Mann kennen, weit entfernt von terroristischer oder gewalttätiger Gesinnung. Interessiert an Literatur und Kunst, schweigsam, verschlossen. Uwe Timm findet Spuren des ehemaligen Schulkollegen und Freundes nach dessen gewaltsamen, frühen Tod.

Das Lesen lohnt sich unbedingt!
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Uwe Timms Erzählung ist von vielen Ort- und Zeitwechseln geprägt und lässt die Zeit der 60er Jahr enoch einmal so richtig aufleben.
Die Stimmungen in der Politik und in der Gesellschaft, die Nachwirkungen des Krieges und die widersprüchlichen Darstellungen und Postenbesetzungen in der Nachkriegszeit werden hier zu einem interessanten Bündel zusammengetragen. Besonders hervorzuheben sind die vielen literarischen und politischen Querverweise sowie die anrührige und respektvolle Art, mit der Uwe Timm seine Erinnerungen an Begegnungen mit Benno Ohnesorg aufbereitet. Wie sehr gesellschaftspolitische Ereignisse ins Private hineinwirken macht er auf phänomenale Weise deutlich. Und sicherlich wird man auch die wehmütige Stimmung als Leser/-in einfangen, wenn deutlich wird, was alles nicht mehr möglich ist, weil es für vieles keine zweite Chance gibt.
Sowohl für Literaturbeflissene als auch vor allem für Menschen, die sich mit Politik- und Gesellschaftsfragen befassen, ist dieses Buch eine sehr hilfreiche und weiterführende Lektüre, die auf jeden Fall nachwirkt...
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am 22. Oktober 2011
Uwe Timm berichtet in diesem Buch von seiner Freundschaft zu Benno Ohnesorg, der von einem Polizisten 1967 erschossen wurde und mit dem er gemeinsam sein Abitur nachgeholt hatte. Das Buch ist eine vorsichtige Annäherung an den Freund, an die Freundschaft, an Verbindendes und Trennendes; und an die Zeiten, in denen sie sich kennengelernt haben. Zugleich ist es auch eine Beschreibung des eigenen Werdeganges vom Kürschner zum Schriftsteller (und gleichzeitig auch der Versuch, den Werdegang des Freundes nachzuzeichnen), es gibt Passagen über das Schreiben, über die Begeisterung für den Existenzialismus, über das Leben in jenen Jahren. Auf diese Weise wird auch noch einmal jener Generationenkonflikt rekapituliert, der schließlich zu den Studentenprotesten und damit zu dem führte, was heute unter dem Stichwort "68er" subsummiert wird. Besonders gefallen hat mir der Ton, der das Buch durchzieht. Uwe Timm tastet sich vorsichtig fragend vor, er gibt nichts vor, er ergänzt nicht, wo es Lücken gibt, wagt allenfalls eine Vermutung - und auch die noch deutlich als solche gekennzeichnet, tut auch nicht so, als wisse es von sich selbst genau, warum er dieses oder jenes tat - oder eben auch nicht. Mit den Befragten (z.B. Ohnesorgs Sohn) geht er ebenso behutsam um, er hält sich mit Bewertungen zurück, versucht sich allenfalls mit einer metaphorischen Deutung der beschriebenen Personen. Und so finden wir zwei behutsam gezeichnete Lebensläufe, ein Gemälde auch jener Jahre und vor allem eine Freundschaft, bzw. die Beschreibung einer Freundschaft, die anrührend ist, auch deshalb wieder anrührend ist, weil Timm nicht überzeichnet, nicht verherrlicht, sondern stets zurückhaltend und somit angemessen bleibt. Es findet sich - in diesem Sinne - ja bereits im Titel das, was wir alle kennen; die Unmöglichkeit, einen Menschen schreibend zu erfassen, das Rätsel Mensch und Freund, das Gefühl eben, sich selbst und schon gar den anderen, den Freund, nicht wirklich begreifen und verstehen zu können. Ein leises, ein vorsichtiges, ein schönes Buch.
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am 18. Mai 2009
"Nicht sein Leben und Schreiben sollte ihn bekannt machen, sondern sein Tod. So einfach, so banal läßt es sich sagen. Ein Tod ohne Ankündigung. Ein Tod ohne Krankheit. Ein Tod als Zufall. Ein Tod als Opfer. Nicht einmal bewußt in Kauf genommen, wenn man davon absieht, daß er bewußt auf diese Demonstration gegangen war. Ein dummer Tod. Aber jeder Tod ist dumm, es gibt nur einige Abschattungen, die das Dumme mit etwas mehr Bedeutung, mit Wertung aufladen, eine dieser Wertungen ist der Opfertod, ein Tod, der andere vor dem Tod bewahrt. Das Empörende an seinem Tod ist das Zufällige. Das Absurde." Uwe Timm war der Freund von Benno Ohnesorg, der am Freitag den 2.Juni 1967 vom Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen wurde. Als dies geschah, war ihre Freundschaft schon erkaltet, weil es Timm wegzog von ihrem gemeinsamen Studienort Braunschweig, zuerst nach München und dann nach Paris. In Paris wollte er in Philosophie promovieren und schrieb dafür an seiner Arbeit über "Das Problem der Absurdität bei Camus". Im Radio hörte er vom Tod seines früheren Freundes. Der Freund, der ein Fremder geworden war. Aber wie der Fremde bei Camus, hatte er nicht einen Menschen erschossen - er war von einem Menschen erschossen worden.
Uwe Timm schreibt wie ein Fluß, der ins Meer will. Die Mündung ist nah und der Fluß mäandert. Er verästelt sich hier und dort und da und hier führt er sich wieder zusammen. Um sich gleich wieder zu zerreißen. Alles strebt zum Meer. Zur großen See(le). So zu schreiben, so unlinear, ist sicher nicht jedermanns Sache und ich denk mir, das viele es anstrengend finden. Ich find es wunderbar. Genauso arbeitet ja das Gehirn - die Synapsen mäandern, wenn man sie läßt und nicht in Kanäle zwingt. Dies Buch muß man auch lassen, dann ist es klar und schön.
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VINE-PRODUKTTESTERam 24. Oktober 2012
Uwe Timms Buch „Der Freund und der Fremde“ über seine Freundschaft mit Benno Ohnesorg während ihrer gemeinsamen Zeit am Braunschweig-Kolleg zu Beginn der 60er Jahre ist sehr beeindruckend, sowohl als Zeitdokument wie auch als persönliche Niederschrift. Ich hatte bei der Lektüre stets das Gefühl, mehr über Uwe Timm als über Benno Ohnesorg zu erfahren. Bei genauer Betrachtung ist das auch logisch, handelt es sich doch bei der Vita Ohnesorgs um ein gewaltsam abgerissenes Leben, wohingegen Timm die Ereignisse nun mit der Distanz von 40 Jahren schildert. Da ist es unvermeidlich, dass seine eigenen Lebenserfahrungen sowie Reflexionen in seinen Text einfließen.

Timm geht nicht chronologisch vor, sondern schreibt episodenhaft über seine eigene Biografie, die Kürschner-Ausbildung, die sehr frühe wirtschaftliche Verantwortung für das Familienunternehmen nach dem Tod des Vaters, seine Zeit am Braunschweig-Kolleg und über sein Studium. Ebenso episodenhaft berichtet er über die Details, die er über Ohnesorgs Leben weiß – es gibt Parallelen im Werdegang, auch er hat zuvor eine Berufsausbildung absolviert. Gemeinsam ist beiden außerdem die tiefe Hinwendung zur Literatur und erste literarische Gehversuche. Aus dem ursprünglich gefassten Plan, gemeinsam in Berlin zu studieren, wird dann doch nichts, da Timm sich für Paris entscheidet. So reißt der Kontakt ab, und die gedankliche was-wäre-gewesen-wenn-Spirale nimmt ihren Lauf.

Das Buch besticht durch seine kurze, prägnante Form und motiviert dazu, sich sowohl weiter mit der Literatur Uwe Timms als auch mit Literatur zum Deutschen Herbst zu beschäftigen. Für beides bildet es einen sehr guten Einstieg.
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