holidaypacklist Hier klicken Sport & Outdoor foreign_books Cloud Drive Photos Learn More designshop Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Autorip GC FS16

Kundenrezensionen

4,4 von 5 Sternen53
4,4 von 5 Sternen
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:9,90 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime
Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 10. Januar 2007
Edgar Hilsenrath schreibt ein Buch, dessen Rezensionsgeschichte eine bezeichnede ist. Erst nach 50 Einreichungen wird es gedruckt. Warum?

Der Roman ist in 6 Bücher unterteilt. Das erste hebt sich vom Rest ab, so als sei es erheblich früher oder später geschrieben und erst nachträglich auf den Roman zugeschnitten. Wer nur das erste Buch gelesen hat, wird den Roman als unerträglich obszön abtun.

Und tut diesem Roman damit mehr als Unrecht.

Der Nazi und der Friseur ist ein unglaublich mutiges Buch. Es beschreibt brilliant, und dennoch kann der Leser sich nicht identifizieren, er bleibt staunender Zuschauer, den es schauert und graust, der lacht und sich amüsiert, den es kalt überläuft, der von seiner eigenen Moral geschüttelt wird.

Zum Inhalt: Der spätere Nazi ist ein mißbrauchtes Kind aus ärmlichen Verhältnissen, das in Gleichgültigkeit aufwächst, wenn auch nicht in echter Kälte. Sein bester Freund wird der Sohn der jüdischen und erfolgreichen Konkurrenz. Sie lernen zusammen im Gymnasium, sie beten zusammen jüdische Riten, sie werden gemeinsam Lehrling beim jüdischen Vater, sie wachsen auf wie Geschwister im Geiste.

Und doch ist der deutsche Junge allein durch seine Herkunft ein Verlierer und als solcher geht er zu einer Versammlung der SA, die auch sein ehemaliger Deutschlehrer besucht, der hellsichtig bemerkt, dass sich auf diesem Feld die Getretenen versammelt haben, um Gelegenheit zu bekommen, wieder zu treten.

Der Junge wechselt zur SS, weil dort alle Intelligenten landen, sein Stiefvater muss bei der SA verbleiben. Mit der SS geht der Junge nach Polen und erschießt dort Tausende, Zehntausende von Juden. Wahrscheinlich auch die jüdische Familie, die ihn so viel gelehrt hatte.

Der Nazi, er selbst nennt sich fortan Massenmörder Max Schulz, nimmt auf der Flucht vor den Russen die Identität seines Jugendfreundes an, er wird monatelang im polnischen Wald von einer Frau missbraucht, ihm gelingt die Flucht und er wird zum erfolgreichen Schwarzhändler mit jüdischen Kontakten. Er setzt mit einem Seelenverkäufer, der statt der Maximalbeslastung von 700 doch 1600 Flüchtlinge mitnimmt, nach Israel, damals noch unter britischen Protektorat, über. Er wird wieder Friseur, wird zum jüdischen Terroristen für die Befreiung von den Engländern - für ein Israel für die Juden. Ein Weg, der durch seine kühle Logik erschauern lässt.

Alles was dieser Mann tut, tut er ohne große Gefühlsregungen. Nein, seine Frau, die nach dem Lager an unstillbarer Fresssucht leidet, die kann als einzige ihm Gefühle entlocken. Alles was dieser Mann tut, tut er so gut er kann, daraus zieht er seine Menschenwürde: Max Schulz ist ein guter Schüler, ein guter Jude, ein guter Friseur, ein guter Massenmörder, ein guter Schwarzhändler, ein guter Terrorist. Nie begehrt er auf, nie verlangt er etwas vom Schicksal, immer erfüllt er die Anforderungen mit all seinen Kräften. Er lässt sich treiben und treibt nicht.

Insofern könnte der Titel irreführend sein: Dieser Nazi ist kein Gestalter, er handelt, weil das halt so ist, und wenn er handelt, macht er seine Sache gut. - Schuldgefühle hat er, aber nicht wegen seiner Taten, sondern weil keiner in Israel vermutet, er sei der gesuchte Massenmörder Max Schulz.

Selten hat mich ein Buch so berührt, so geschüttelt. Es ist ein ganz und gar grausliges Buch - aber erst, wenn man es aus der Hand legt und sich darüber klar wird, wie schnell das Leben aus einem Jungen einen Mann, aus einem Nazi einen Juden, aus einem Juden einen Terroristen machen kann, wenn man nichts will, außer in Ruhe leben und in Würde sein Leben leben und seinen Beruf erfüllen.

Es ist ein notwendiges Buch, das uns allen den Spiegel vorhalten kann: Sind wir auch so anspruchslos, könnte es uns nicht auch ähnlich ergehen, wenn wir um unser Leben fürchten? Hoffentlich wären wir die mit Mut und Verve? Würden wir die Zeichen erkennen und rückwärts rudern? Wirklich? Wie gesagt: Es ist ein ganz und gar grausliges Buch und ein Nobelpreisverdächtiges noch dazu.
33 Kommentare|76 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
TOP 500 REZENSENTam 18. März 2007
"Komödie ist Tragödie plus Zeit", heißt es bei Woody Allen, aber wer hätte gedacht, dass die Menschheitstragödie der europäischen Judenvernichtung jemals zum Stoff einer Satire oder Komödie werden könnte? Seit dem internationalen Erfolg des Films "Das Leben ist schön" hat sich die Beschäftigung mit diesem Trauma des 20. Jhdts. nun auch auf das Stilmittel von Komödie und Satire ausgeweitet. Literarisch gab es diesen Ansatz aber schon lange - erstmalig und bis heute unübertroffen vorgelegt von Edgar Hilsenrath in seinem Roman "Der Nazi und der Friseur". Es ist eine wahrhaft unglaubliche Geschichte, die Hilsenrath dem schockierten Leser präsentiert, und das unglaublichste ist - die Geschichte ist bei allem Grauen nicht frei von Humor und Witz Wie ist so etwas möglich?
Wir schreiben das Jahr 1907. Max Schulz wird als unehelicher Sohn der Magd Minna Schulz, geboren, die zur gleichen Zeit ein Verhältnis mit fünf unterschiedlichen Bediensteten und Halbproleten unterhält so dass nicht klar wird, wer als der eigentliche Vater anzusehen ist. Der kleine Max, der von seinem widerwärtigen Stiefvater, dem Friseur Anton Slavitzki, regelmäßig vergewaltigt wird, freundet sich mit dem Nachbarsjungen Itzig Finkelstein an, dem Sohn des Friseurs Chaim Finkelstein. Der heranwachsende Max geht sogar bei dem Juden Chaim Finkelstein in die Lehre, was seinem erfolglosen Stiefvater Slavitzki übel aufstößt. Erst als der Nationalsozialismus seinen Siegeszug durch Deutschland beginnt, als Hitler wie ein Erlöser zu den Massen spricht, kommen die Verhältnisse ins Rutschen. Slavitzki und Max Schulz treten in die Partei ein und malträtieren alle Juden ihrer Umgebung - Slavitzki aus Neigung, der heranwachsende Max, weil alles es tun. Die freundlichen Finkelsteins werden nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges wie Millionen andere deportiert und treffen auf ihrer Todesreise durch den Osten Europas schließlich auf Max Schulz, der es inzwischen zum Unteroffizier eines Massenerschießungskommandos gebracht hat und der Finkelsteins ohne großes Zögern erschießt wie alles anderen auch.
Als die Ostfront schließlich zusammenbricht und die Angehörigen der Todeschwadrone in panischer Angst nach Westen flüchten, gelingt es Max Schulz sich in einer Bauernkate bei einer uralten Polin zu verstecken, ehe er diese Polin umbringt und sich bis Kriegsende nach Berlin durchschlägt.
Wie aber sollte der Massenmörder Schulz nun den Nachforschungen der Sieger entkommen? Nichts leichter als das. Max Schulz, der ohnehin von seinem Aussehen her an einem "Stürmer-Juden" erinnert, gibt sich als der überlebende Itzig Finkelstein aus, lässt sich beschneiden und mit einer Auschwitz Tätowierung versehen. Solcherart von allen Nachforschungen der Siegermächte gefeit, steigt er als unter seinem neuen Namen und mit einem Sack Goldzähne ermordeter Juden als Grundkapital erfolgreich in das Schwarzmarktgeschäft ein, erlebt dabei aber zu seiner Überraschung die ganze Wucht des noch immer virulenten Antisemitismus am eigenen Leib, als sogar seine Geliebte, die "nordische Gräfin", ihn als "Schwarzmarkt Juden" verachtet.
Darüber grollt der ehemalige Massenmörder Max Schulz und der wiedererstandene Itzig Finkelstein derart, dass er auf eine Idee kommt, die der bizarren Handlung die Krone aufsetzt: er wandert mit Hilfe jüdischer Organisationen nach Palästina aus. Nach einer abenteuerlichen Fahrt auf der "Exitus"(!) landet der Finkelstein alias Max Schulz zuerst im Kibbuz und dann im Friseurgeschäft, wo ihm der Einstieg in eine reputierliche und hoch geachtete Existenz problemlos gelingt, ehe er als verheirateter Mann in den Sechziger Jahren an den Folgen einer Herzattacke stirbt.
Soweit der Abriss der Handlung, die aber die Stimmung des Buches nur sehr begrenzt wiedergeben kann. Seinen außergewöhnlichen Rang erhält das Werk erst durch das frappierende Nebeneinader von Grauen und Humor, die das Buch von der ersten bis zur letzen Seite durchzieht. Überall wird das stets latente Entsetzen durch den Einbau urkomischer Szenen, Gestalten und Einfälle kontrastiert. Frau Holle mit dem Holzbein, die versehentliche Fahrt des Soldaten Finkelstein zum Suezkanal, der tote Engländer, der in der Nacht an einen Haushaken abgehängt und erst am Morgen auf den höchsten Fahnenmast der Stadt zur Schau gestellt wird, die durchnummerierten Sessel im jüdischen Friseursalon von Beth David und das Haarwuchsmittel "Samson V2" - schier unausschöpflich erscheint das Arsenal der Einfälle, mit denen der Autor den Leser unterhält, und der kann einfach nicht anders, als auch in diesem Buch mitunter herzlich zu lachen. Aber das Grauen und das Lachen sind nur Mittel um den Leser zur grundlegenden Einsicht des Werkes zu führen: der Einsicht, dass der Charakter der meisten Menschen eine einzige Leerstelle ist, dass sich die meisten einfach nur anpassen so dass sie ihr Leben ebenso gut zum SS-Mörder wie zum jüdischen Friseur beschließen können. Das ist schlimm und wahr, öffnet es doch den totalitären Systemen jeder Provinienz Tür und Tor und leider überhaupt nicht zum Lachen.
0Kommentar|21 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 29. Januar 2007
Max Schulz ist arisch, sieht jedoch so aus, wie man sich gemeinhin einen Juden vorstellt. Er wird als SS-Mann während des Krieges in das KZ Laubwalde abkommandiert und bringt dort unzählig viele Juden um. Nach dem Krieg schlüpft er in die Identität seinen ehemaligen jüdischen Kinderfreundes Itzig Finkelstein und lebt von da an ein jüdisches Leben, das ihn bis in den neu gegründeten Staat Israel bringen wird und ihm dort eine angesehene Existenz beschert.

Das Buch ist eine bitterböse Satire, und wenn man keinen schwarzen Humor hat, kann einen der Inhalt verzweifeln lassen. So bleibt einem jeder Schmunzler im Halse stecken, wenn es heißt, dass doch nicht etwa 6 Millionen Juden umgebracht worden sind. Nein, diese Zahl ist bestimmt zu hoch, es können höchstens 3-4 Millionen gewesen sein. Wie schrecklich makaber, wie absurd und wie treffend wird hier ein Bild der Menschen gezeichnet, die auch nach dem Krieg die große Lüge weiterleben wollen.

Hilsenrath führt in seinem lakonisch geprägten Erzählstil die Menschen vor, Mitläufer, Ignoranten, Befehlsempfänger und Selbstgerechte, die immer ihrem Wesen treu bleiben, sich nicht ändern und nur das sehen, was sie sehen wollen (z.B. den Amtsrichter, der schon von Berufs wegen die Wahrheit herausfinden sollte). Und so hat das Buch immer eine gegenwärtige Gültigkeit, unabhängig von Zeit und Land.

Wirklich beachtenswert finde ich die Tatsache, dass Hilsenrath diesen Roman bereits 1968/69 geschrieben hat, also seiner Zeit weit voraus war, was Aufarbeitung des Holocausts und Kritik an allen Beteiligten des Naziregimes betreffen. Dies wird auch belegt durch die Schwierigkeiten, einen Verlag zu finden, der den Mut aufbringen würde, dieses Buch zu verlegen.
0Kommentar|32 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 12. April 2007
Dieses Buch zu lesen kostete Überwindung. Ich bin immer wieder in Versuchung gewesen, es zuzuklappen. Der erste Teil ist furchtbar, obszön, schrecklich und pervers. Aber es geht von dem Buch eine unglaubliche Faszination aus, die mich dann doch immer wieder zum Weiterlesen zwang. Die nächsten Teile sind zwar immer noch schrecklich, werden aber immer spannender. Ich musste mich zunehmend in das Fühlen dieses Mörders hineinversetzen bis zu der Erkenntnis, dass ich anfing, für diesen Teufel Sympathie, ja Mitleid zu empfinden und mich dann auch gegen diese Gefühle wehren musste.

Die Geschichte ist atemberaubend spannend, besonders auch die Teile, die in der Zeit der Einwanderung nach Palästina und des Aufbaus des Staates Israel spielen.

Ich empfehle das Buch nur sehr gefestigten LeserInnen. Aber es ist sicher eins der besten, die ich bisher gelesen habe.
0Kommentar|13 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 8. Januar 2007
Man muss ein hervorragender Erzähler sein um aus diesem Thema, ausgerechnet in dieser Form, Weltliteratur zu machen.
Die menschenverachtende Zeit des Dritten Reiches wurde zum Thema von bedeutenden Romanwerken, ich denke da an die Seghers, an Jurek Becker ...oder aber düsterster Poesie Celans.
Hilsenraths Roman ist ein Schelmenroman, ebenso wie Grass'Blechtrommel einer ist, doch "der Nazi& der Friseur" ist eine blutige Satire, von teilweise so grausamer Lakonik, dass ein guter Witz mich ebenso auch weinend machte.
Der Roman erzählt die Geschichte des Ich-Erzählers Max Schulz, arisches, wenn auch uneheliches Kind von gar nicht arischem Wuchs und Äußeren. Max ist ein Mitläufer, talentiert darin, anderen nachzueifern. So auch dem jüdischen Nachbarsjungen und Freund Itzig Finkelstein. Dieser ist begabt, hat blaue Augen, blonde Haare, eine Nase von geradem Wuchse und soll einmal den Friseursalon des Vaters Chaim Finkelstein übernehmen. Max zieht mit und lässt sich zum Friseur ausbilden. Dann kommt der barbarische Umschwung, Juden werden gemordet und Max ist wie immer mit dabei. Er tötet ohne Skrupel, weil man es ihm befiehlt. Fragen stellt er sich keine. Das Dritte Reich neigt sich dem Ende entgegen, Max überlebt, wird als Massenmörder gesucht, lässt sich mit Hilfe überlebender Nazitreuer zum authentischen Juden umwandeln, obgleich, er auch sonst für einen gehalten worden wäre und mutiert problemlos zum jüdischen Friseur, der mit seiner Hände Arbeit zu Wohlstand kommt. Dies führt soweit, dass er für den Staat Israel zu kämpfen beginnt, wieder mordet und wieder nicht nachdenkt. Am Ende stirbt er hohen Alters mit der Gewissheit, dass es für ihn auf Erden nur Freispruch als Urteil geben kann und mit der gleichen Angst seiner Opfer im Leibe.

Das Buch hat mich gefesselt, auch zum Lachen gebracht, unterhalten, gleichzeitig entsetzt, zum Weiterlesen gezwungen, traurig gemacht, weil man eben letzendlich in mehr liest als in einem Buch.
Ich empfehle das Buch nachdrücklich, aufgrund seiner Lesbarkeit, seiner Sprache, seiner Bedeutung und vielleicht auch seiner Einzigartigkeit.
0Kommentar|18 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 22. Mai 2000
Der "Arier" Max Schultz, der alle Kennzeichen aufweißt, die die Nazis den Juden zuschrieben, ist seit seiner Kindheit mit dem Juden Itzig Finkelstein, der wiederum dem Ideal der nordischen Rasse entspricht, befreundet, der im Gegensatz zu ihm, nicht nur weiß wer sein Vater ist, sondern auch klüger ist als er. Die Mutter von Max heiratet einen erfolglosen und trinkfreudigen Frisör, dessen Salon genau gegenüber dem des Vaters von Itzig liegt. Itzigs Vater ist erfolgreich und führt seinen Salon vorbildlich, Max' Stiefvater zieht es vor die Waschbecken als Toilette zu benutzen und neidet dem Konkurrenten den Erfolg. Als sich zu Beginn der 20er Jahre die NSDAP gründet, werden aus den ehemaligen Freunden, Gegner. Max Schultz, der wie Itzig Frisör gelernt hat, engagiert sich in der SS und wird während des 2. Weltkrieges zum Massenmörder. In dem Konzentrationslager, in dem er eingesetzt ist, trifft er Itzig wieder, den er kaltblütig erschießt. Nach dem Krieg schlüpft er in die Rolle Itzigs, was ihm jeder abnimmt, da er, wie gesagt, jüdischer aussieht als jeder wirkliche Jude. Nach einigen Erfahrungen auf dem Schwarzmarkt, beginnt er in Israel ein Leben als angesehener Bürger.
Dieses Buch zeigt vor allem, wie menschliche Werte wie z.B. Freundschaft ganz plötzlich abgeschaltet werden können. Es hilft durch die satirische Sicht der Dinge zu verstehen, dass Hitler den Menschen lediglich ihr Spiegelbild vorhielt in dem man erkennen konnte, dass in jedem ein Verbrecher steckt. Natürlich wird auch klar wie unsinnig irgendwelche Rassenmerkmale und Vorurteile sind und dass diese überhaupt nichts über Religion oder Charakter aussagen. Von den 2000 Jahre alten Vorurteilen haben sich sogar die Juden selbst blenden lassen, obwohl sie wissen müssten, was dahinter steckt. Die Figur von Max Schultz ist faszinierend und teilweise so widerlich, dass man glücklicher Weise nie in Versuchung gerät, sie sympathisch zu finden. Die Erkenntnis, dass es solche oder so ähnliche Typen gegeben haben kann, schreckt nicht nur ab, sie ruft auch die Frage hervor, ob es überhaupt noch sinnvol ist, sich Gesetzen und Moralvorstellungen zu unterwerfen, wenn diese so schnell gekippt werden können.
0Kommentar|34 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 22. Mai 2006
Ich habe dieses Buch mit Begeisterung am Wochenende verschlungen und fühlte mich mitunter an die "Blechtrommel" von Grass erinnert. Da mich das Buch so begeistert hatte, stöberte ich heute auf den Verlagsseiten über Hilsenrath. Wie es scheint, war in der Vergangenheit schon oft ein Vergleich mit Grass gezogen worden.

Ich jedenfalls finde, dass "Der Nazi und der Friseur" eines der aufwühlendsten und faszinierendsten Bücher ist, die ich in den letzten Jahren gelesen habe - gerade aufgrund der grotesken Handlung und der sehr direkten Sprache. Ist es politisch korrekt zu sagen, dass mir das Buch trotz der Thematik wirklich großes Lesevergnügen bereitet hat?
0Kommentar|26 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 25. November 2009
Dieses ist nur ein Versuch, einen großartigen Roman zu beschreiben.
Zwei Jungen geboren 1907 in Deutschland, wohnen in derselben Straße, werden Freunde, gehen gemeinsam zur Schule, machen das Abitur und erlernen beide den Beruf des Friseurs und arbeiten sogar im selben Salon. Der eine ist Jude, Itizg Finkelstein und sieht aus wie ein Deutscher. Der andere, Max Schulz, sieht aus wie ein Jude.
Bis dahin mag die Geschichte eine von vielen sein, auch wenn sie im Hintergrund des nahenden Dritten Reiches spielt.
Hitler kommt an die Macht und im Buch wird der Jude sterben und der Deutsche wird zum Massenmörder und überlebt den Zweiten Weltkrieg. Auch bis hierhin verläuft die Geschichte so, wie man es erwartet hatte. Sicher mag die Freundschaft schon an sich ungewöhnlich gewesen sein, aber nicht unmöglich. Aber mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs fängt Hilsenraths Geschichte an, richtig Fahrt aufzunehmen. Wobei ich an dieser Stelle sagen muss, dass der Autor es schon nach wenigen Seiten geschafft hat, mich bei Laune zu halten. Sein Erzählstil, so locker daherkommend, hat mit ausnehmend gut gefallen. So gar nicht Deutsch und man mag denken, auch nicht dem Thema angemessen. Aber Juden können damit wohl eher umgehen als der 'Schuldbeladene Deutsche'. Man denke da nur an den Film 'Mein Führer'. Welcher deutsche Regisseur hätte sich das so getraut und hinbekommen?
Was mit Max Schulz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs passiert, macht den größten Teil dieses Romans aus. Wohltuend ist, das Hilsenrath nicht versucht, die Fragen zu beantworten. Fragen nach Schuld, Gerechtigkeit, gerechter Strafe usw. usf. Er entwickelt Ideen und Bilder, aber eine endgültige Beantwortung bleibt auch er schuldig. Niemand wird die Antwort finden.
So mag dann auch das Ende des Buches fast zu banal für das Thema zu sein. aber hier steckt mehr dahinter, als das, was man oberflächlich liest und sieht. Dieses Buch hat es in sich und hätte ich nicht 'Die Büchermörderin' gelesen, wäre dieses Buch für mich das Buch des Jahres geworden, auch wenn es schon vor über 30 Jahren veröffentlicht wurde. Überhaupt kann ich mit dieser Rezension diesem Buch überhaupt nicht gerecht werden. Ich kann es nur jedem Leser empfehlen. Mit Humor dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte zu beackern ist bemerkenswert. Doch es wird auch nicht lächerlich oder zu oberflächlich. Umgangssprachlich kann man sagen, dieses Buch ist der absolute Hammer. Und man bekommt es so rasch nicht aus seinem Kopf. Und das wiederum ist für mich ein Zeichen ausgezeichneter Literatur.
Unbedingt lesen!
0Kommentar|5 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Ist das Leben des 1926 geborenen deutschen Juden Edgar Hilsenrath mit den Durchlaufstationen Deutschland, Rumänien, Palästina, USA und wieder Deutschland schon schillernd genug, so ist der 1967 im amerikanischen Exil zum ersten mal erschienene und erst ein Jahrzehnt von deutscher Verlegerseele zugelassene Roman Der Nazi und der Frisör die bis heute unverfrorenste literarische Antwort auf die bisher größte Unverfrorenheit gegenüber der abendländischen Zivilisation. Der heute in Berlin lebende Hilsenrath hat die kritische Distanz des ironisierenden Judentums der größten Verletzung des jüdischen Volkes gegenüber bewahren können und damit nicht wenige Nicht-Juden zum Entsetzen und zur Verständnislosigkeit getrieben.

In seinem weltweit in viele Sprachen übersetzten und millionenfach verkauften Roman geht es um die Geschichte des Massenmörders Max Schulz, der in der Provinz mit seinem Nachbarn Itzig Finkelstein aufwächst. Er lernt beim Vater des jüdischen Nachbarn wie dieser selbst den Beruf des Frisörs, bis auch in diesen Winkel der Provinz die Massenpsychose des Faschismus dringt und alles aus den Fugen geraten lässt. Max Schulz verschlägt es aus Orientierungslosigkeit und Eitelkeit in die SS, er gehört bald den Mordschwadronen in Osteuropa an und entwickelt sich binnen kurzer Zeit zum Massenmörder. Die Finkelsteins werden in einem der Lager, in dem Max Schulz auch Dienst verrichtet, umgebracht. Zu Kriegsende gelingt Max Schulz die Flucht mit einem Karton voller Zahngold aus dem KZ. Mit der Valuta in Berlin angekommen, verschafft er sich die Identität seines ermordeten jüdischen Freundes Itzig Finkelstein, lässt sich eine KZ-Nummer tätowieren und beschneiden. Als Itzig Finkelstein stürmt er auf den Berliner Nachkriegsschwarzmarkt, reüssiert, wird trotz des Reichtums mit den antisemitischen Ressentiments der arischen Kaufmannsmischpoke konfrontiert, verliert bei einer Spekulation alles und macht sich auf den Weg nach Palästina. Dort mündet er als Itzig Finkelstein in eine angesehene bürgerliche Existenz als Frisör und als waffenversierter Kämpfer der israelischen Streitkräfte. Itzig Finkelstein alias der Massenmörder Max Schulz bleibt ein angesehener Bürger des neuen Israel und der Autor Hilsenrath verwehrt es dem wartenden Leser, dass diese blutbesudelte Fälschung eines neuen jüdischen Bourgeois enttarnt wird.

Das Groteske, nie in irgendeiner Form Hinnehmbare des Romans liegt in mehreren kompositorischen und dramaturgischen Griffen, die den Leser aus einem sicher geglaubten Wertekodex herausreißt. Er nimmt als Genre für die grausigste Mordgeschichte der Geschichte den Schelmenroman und entscheidet sich zudem noch wie in der komischen Oper für die groß angelegte Verwechslung der Charaktere. Nur dass hier der Täter zum Opfer wird und in keiner Weise bei der Wahrnehmung der neuen Identität in größere Schwierigkeiten verfällt. Ganz im Gegenteil, selbst die emotionale Welt des Opfers ist dem Täter ganz selbstverständlich affin. Was Hilsenrath hier gewagt hat, ist bis heute einzigartig. Was er wagte, konnte er nur, weil er ein Jude ist. Und er hat gespien auf alle Tabus: Durch den problemlosen Identitätswechsel hat er das Teuflische der menschlichen Existenz per se jedem Volk der Erde zugetraut, auch dem eigenen.
11 Kommentar|5 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Edgar Hilsenrath überlebte in einem rumänischen Ghetto, wanderte 1945 nach Palästina, 1941 in die USA aus. Sein 1968 erschienenes und jetzt anlässlich seines 80. Geburtstages wieder neu aufgelegtes Buch „Der Nazi und der Friseur“ wurde ein Weltbestseller, geriet dann aber etwas in Vergessenheit.

Worum geht es? Max Schulz, ein rein arischer, unehelicher Sohn der Minna Schulz wird nicht unbedingt auf der „Sonnenseite des Lebens“ geboren. Alles was er an Kultur und Wissen vermittelt bekommt, erfährt er von seinem jüdischen Jugendfreund Itzig Finkelstein. So lernt er nicht nur Hebräisch, sondern er wird ebenso mit den jüdischen Gebräuchen vertraut gemacht. Während des Dritten Reiches wird Max ein SS-Mann und ein schlimmer Kriegsverbrecher. Um der Verantwortung für seine grässlichen Taten zu entgehen, schlüpft er nach Kriegsende in die Identität seines Jugendfreundes, der während der Nazi Zeit mit seinen Eltern in einem Konzentrationslager umgekommen ist. Er geht nach Israel, eröffnet in Tel Aviv einen Friseursalon und lebt dort als geachteter, unbescholtener Bürger weiter.

Dies Buch ist eine gekonnte Persiflage über Juden und SS. Es ist unglaublich unterhaltsam, heiter und gleichzeitig gnadenlos lakonisch erschütternd. Die Konstruktion ist faszinierend. Dieses Buch sollte man sich nicht entgehen lassen, weil es in der deutschen Literatur unserer Tage hohen Seltenheitswert besitzt.
0Kommentar|20 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden

Haben sich auch diese Artikel angesehen

25,00 €