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Fünf Jahre ist der Ich-Erzähler alt, als er eines Tages mit seinen Eltern verreist. Doch was dem Kind als „Urlaub" angekündigt wurde, ist in Wirklichkeit die Auswanderung. Der Familie wurde die Ausreise aus der Sowjetunion nach Israel gestattet. „1971 stand die Existenz der Sowjetunion noch für mindestens zweihundert Jahre fest, und der eiserne Vorhang trennte für immer". Solange möchte der Vater nicht warten.
Doch Israel ist nicht das gelobte Land, das er sich erhofft und ausgemalt hatte. Bald verlassen sie es, ziehen nach Wien und stellen dort den Antrag auf Rückreise in die Sowjetunion. Der scheitert. In Österreich, der Geburtsheimat Hitlers, will der Vater auch nicht bleiben. So folgt die Ausreise nach Holland, Italien, zurück nach Israel dann wieder Wien, Amerika und schlussendlich, nach zehn Jahren Irrfahrt, lässt man sich doch in Wien nieder.
Die Heimat ist nirgendwo, schon gar nicht für den Vater, ein Phantast, der die Realitäten nicht wahrnehmen will, der immer vom gelobten Land träumt, das immer anderswo ist. Die Mutter, eine promovierte Mathematikerin und Physikerin, nimmt jede Stellung an, sie ernährt die Familie. Der Vater, unwillig, die Sprache des jeweiligen Gastlandes zu lernen, träumt derweil von der Ferne. Das Kind weiß nie, ob es morgen nicht in einem anderen Land leben wird, fern von allen Freunden, die es gefunden hat. Sie sind nicht die Einzigen, die keine Heimat finden, dafür aber gibt es überall Schicksalsgenossen. Gleich ob in Ostia bei Rom, Brigittenau in Wien oder in Brooklyn, überall gibt es Viertel, in den jüdische Flüchtlinge aus der Sowjetunion leben. Hochqualifizierte Akademiker arbeiten als Hilfsarbeiter für jeden Lohn, hoffen darauf, dass ihre unsichere Stellung endlich einmal legalisiert wird. Jüdische Hilfsorganisationen in der Diaspora ermöglichen das nackte Überleben, mehr aber können auch sie nicht bewegen. Wer aus der Sowjetunion ausreisen durfte, wurde meist israelischer Staatsbürger. Und wem das nicht gefiel, der hatte Pech gehabt. Mit einem israelischen Pass galten sie nicht mehr als politische Flüchtlinge, waren nirgendwo willkommen.
Die Urne mit der Asche der Großmutter fällt im Gedränge der Straßenbahn in St. Petersburg zu Boden und zerbricht. Die Geburtstage der Eltern kombiniert der Jugendliche zu einer gefälschten Sozialversicherungsnummer für einen Bibliotheksausweis. Leider gehört die Nummer einer achtzigjährigen Farbigen.
In Wien trifft der Sechsjährige, einsam und allein, eine alte Nachbarin, die sich des Kindes annimmt. Jeden Nachmittag verbringt er bei der alten Frau. Die hat ihn gern und freut sich, wenn er kommt. Sie erzählt ihm Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Doch die kann das Kind nicht recht einordnen. Frau Berger ist nämlich immer noch glühender Hitler-Fan und schenkt ihrem Liebling ein Zigarettenetui mit der eingravierten Karte des Großdeutschen Reiches.
Für die sowjetische Kommunisten sind Juden höchst verdächtige Kleinbürger, für Exilrussen ist der Bolschewismus immer noch eine jüdische Erfindung.
Vladimir Vertlib erzählt mit trockener Ironie, einem einmaligen Sinn für die Hintertreppenwitze der Geschichte. Oft muss man laut auflachen und gleichzeitig bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Immer aber fesselt das Buch. Spannend wie ein Krimi, unterhaltsam wie einer der Familienromane von John Irving; kaum jemand versteht es derart perfekt Unterhaltung und große Literatur zu kombinieren. Und wie in „Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur" und „Letzter Wunsch" erleben wir die Geschichte des zwanzigsten Jahrhundert. Nur aus ungewöhnlicher Perspektive, aus Einzelschicksalen; skurrile und komische Szenen, die dennoch - oder grade deswegen? - mehr über die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts verraten als so manches Sachbuch.
Die Heimatlosigkeit und der Konflikt mit dem Vater bestimmen den Roman. Und im Hintergrund blitzt immer wieder die Shoa auf, die auf allen Erwachsenen lastet.
Fazit: Unterhaltung und Literatur pur. Wer dieses Buch nicht liest, ist selbst schuld!
(C) Hans Peter Roentgen
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am 10. Januar 2002
Ein wichtiges Buch über die Irrwege einer russich-jüdischen Familie in den 1970er und 1980er Jahren. Der Ich-Erzähler blickt zurück auf eine Kindheit und Jugend in Ländern wie UdSSR, Israel, Italien, USA, den Niederlanden und letztlich Österreich. Vertlib erzählt die Probleme eines Heranwachsenden in oft skurrilen Episoden vor dem Hintergrund einer Odyssee, die nur aus dem jüdischen Schicksal des 20. Jahrhunderts verstanden werden kann. Begriffe wie Vergangenheitsbewältigung, Identitätssuche und Hemat werden thematisiert und gleichzeitig ironisch hinterfragt. Der Vater des Erzählers ist ein Getriebener, der nirgends heimisch werden kann, die Mutter trägt die Hauptlast der Emigration. Vertlib hat einen spannenden Roman geschrieben, der betroffen macht, ohne zu bedrücken, auch der schlimmsten Situation mit Augenzwinkern begegnet, vor allem aber zu unterhalten vermag.
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0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 18. Januar 2013
ganz tolles Buch aus der Sicht eines 10 jährigen Jungens geschrieben. Ich habe das Buch nicht mehr weggelegt bis ich es ausgelesen hatte.
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3 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 16. August 2005
In einer eher zusammenhanglosen Aneinanderreihung, die nur durch das fortschreitende Alter des Ich- erzählers bestimmt wird, wird der Leser Zeuge einer Reise durch verschiedene Länder der Welt, angefangen von Russland, über Israel, Österreich, Italien, bis hin zur USA.
All das ereignet sich während der Kindheit eines russischen Judenkindes, dessen Eltern sich aus der Enge der Sowjetunion befreien wollen, um in Israel ihr Glück zu finden. Bald zeichnet sich, aus den Augen des Jungen gesehen das stereotypische Immi- und Emmigrantenschicksal ab.
Ein hochqualifiziertes und gebildetes Ehepaar kann im Ausland keine entsprechende Arbeit bekommen, der Vater wird mit der Zeit zu faul oder zu frustriert um überhaupt auf die Suche zu gehen und treibt zum wiederholten Standortwechsel an. Die Mutter geht auch putzen und hat logistisch und organisatorisch das Heft in der Hand, fügt sich aber letztlich doch immer den Wünschen ihres Mannes. Und der Sohn, wächst in verschiedenen Ländern auf, in denen er dann wieder gehen muss, wenn er rudimentär die Sprache beherrscht. Er verliert seine Freunde immer und immer wieder, sieht Tode und lernt ehemalige Nazis kennen, ist in der Schule der Außenseiter und Sonderling und so fern.
Nur dank seiner naiven Erzählweise, die sehr an Imre Kertesz erinnert, kann dieser Roman eine Atmosphäre erzeugen. Obwohl hochgelobt, wird er mit der Anzahl der Seiten doch etwas tröge und stereotypisch und ist viel weniger Roman, als vielmehr eine Aneinaderreihung von Kurzgeschichten. Netter erzähltechnischer Ansatz, wenig Inhalt.
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