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am 22. März 2011
Eine unglaubliche Lektüre! Roberto Bolaño, der 2003 auf eine Lebertransplantation wartend im Alter von 50 Jahren starb, schrieb fieberhaft in seinen letzten Jahren, fast so, als wäre seine Lebenszeit nur geliehen. "Die wilden Detektive" wird spätestens (in Gleichstellung mit Mario Vargas Llosa's 'Gespräch in der Kathedrale') in jüngerer Zunkunft als Meisterwerk der lateinamerikanischen Literatur angesehen werden. Was auch für Bolaño's weiteres großes Werk "2666" gelten dürfte.

In Mexiko City in den frühen 70'er Jahren beginnend, ist "Die wilden Detektive" in drei Abschnitte aufgeteilt:

Der erste Teil, der von einem jungen Poeten namens Juan Garcia Madero erzählt wird, steht in Verbindung mit einer Literatengruppe, die sich selbst die 'Realviszeralisten' nennt (als Vorbild galt eine frühere Gruppe von Poeten in den 20'er Jahren). Die quasi-Anführer dieser Gruppe sind Ulises Lima und Arturo Belano. Die Realviszeralisten wollen sozusagen mit bestehenden Formen der Tradition brechen; in welcher Form auch immer. Sie stehlen Bücher, leben entfernt von Freunden und Familie, haben oft freigiebigen Sex und tönen über die Gesellschaft und die Literatur an sich. Am Ende des ersten Teils retten Belano, Lima und Madero eine Prostituierte vor ihrem Zuhälter, der ihnen allerdings folgt.

Teil Zwei (die "Zeugenaussagen", die die Hälfte des Buchs ausmachen), ist aus 26 Kapiteln zusammengesetzt und berichtet uns in einer Vielzahl von Erzählern von Lima und/oder Belano, die sie an diesem oder jenem Ort getroffen haben, als Arbeitslosen oder umherziehenden Arbeiter, manchmal krank oder hungernd, Drogen verkaufend, einem Leben nachgehend, dass nicht immer nachvollziehbar ist - ich will an dieser Stelle nicht zu viel verraten, das würde die Lesefreude erheblich schmälern. Nur so viel sei verraten: dieser Teil beinhalten unter anderem ein Treffen mit Octavio Paz ("Das Labyrinth der Einsamkeit"), die damalige Lage in Liberia, ein Duell mit einem Kritiker und vieles mehr - der beste Teil dieses Meisterwerks!

Der kürzeste dritte Teil von "Die wildend Detektive" führt uns an den Zeitpunkt zurück, an dem wir den ersten Teil verließen - oder anders ausgedrückt: zurück zu Garcia Maredo's Erzählung; Lima, Belano und Garcia Madero sind zusammen mit Lupe auf der Flucht in Richtung Nord-Mexiko vor den Verfolgern der Prostituierten. Gleichzeitig suchen die Verfolgten nach Spuren von Cesarea Tinajero, die die Gründerin der ersten Gruppe der 'Realviszeralisten' war (in den 20'er Jahren). Cesarea Tinajero verschwand in dieser Region vor ungefähr vierzig Jahren. Es werden Stadtarchive und Bibliotheken nach irgendwelchen hilfreichen Spuren über ihren Verbleib durchsucht. Irgendwann überschlagen sich die Ereignisse: in einem Streit tötet Belano mit einem Messer (wen?, lest selbst), Tinajero rettet Lima das Leben (aber zu welchem Preis?)

Alles in allem ist dies ein außergewöhnliches, atemberaubendes, aus vielen Sichtpunkten geschriebenes Buch. Bolaño's Prosa ist stets objektiv, einzigartig, deutlich und klar.

Dieser Roman ist soviel wie eine Charakterstudie, ein Ausflug in die Nostalgie der literarischen Avantgarde, ein literarisches Rätsel und eine Studie der literarischen Berufung und des Lebens im Exil.

Ich bin nicht sicher, welcher Art von Leser ich dieses Buch empfehlen soll; es wird nicht jedem gefallen. Aber wenn du in der Stimmung für etwas wahrhaft andersartiges bist und es unwichtig ist, dass du vielleicht mehrere Wochen mit diesem Werk beschäftigt bist, dann ist "Die wilden Detektiv" auf jeden Fall einen Versuch wert.
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am 29. Juli 2010
"Und es gibt eine Literatur für die Stunden der Verzweiflung. Diese letztere war es, die Ulises Lima und Belano wollten."

Die wilden Detektive ist kein Detektivroman, nicht im klassischen Sinne, um das vorwegzunehmen. Der Titel der deutschen Übersetzung von Bolaños 1998 erstmalig erschienen Roman Los detectivos salvajes suggeriert offenbar eine Mischung aus der Wilden 13, Die Wilden Kerle sowie Emil und die Detektive, das waren die häufigsten Spontanassoziationen Bolaño-Fremder, wenn ich über das Buch gesprochen habe. "Worum geht es denn?" - nun ja, so ziemlich um alles, handelt es sich doch um ein "bolañoeskes" Werk (F. von Lovenberg, FAZ).

Der Chilene Roberto Bolaño Ávalos, bereits 51jährig im Jahr 2003 - auf eine Spenderleber wartend - verstorben, hat der Leserschaft mit 2666 sein umfangreiches und komplexes Vermächtnis hinterlassen, ein "literarisches Ereignis". Die wilden Detektive ist in mancherlei Hinsicht vergleichbar zu seinem Opus magnum (welches auch sein Opus summum werden sollte), jedoch weder ein wirklicher Vorläufer noch ein Versuch. Ein kurzer Versuch, den Facettenreichtum von Die wilden Detektive zu beschreiben, muss unweigerlich scheitern oder ausufern, besser gesagt: in ein unendliches Verknüpfungsmuster, in die Vielfalt des Möglichen mäandern. Wetten?

Los geht's: Der Roman besteht aus drei Teilen, beginnt und endet mit den Tagebuchaufzeichnungen des 17jährigen Mexikaners Juan García Madero aus den letzten Tagen des Jahres 1975 und den ersten des Folgejahres. Madero, eigentlich Student der Rechte in Mexico City, wird berauscht von der revolutionären Stimmung der Dichterszene und gerät in den Kreis der sog. Realviszeralisten, einer Gruppe von jungen Dichtern und solchen, die es gerne wären, angeführt von Arturo Belano und Ulises Lima, mysteriöse Poeten im Stile eines Arthur Rimbaud (Arturo!). Belano und Lima begeben sich auf die Suche nach Cesárea Tinajero, der "Mutter aller Realviszeralisten" und ihren vermuteten Schriften. Dass sie ihr Einkommen nicht der Schriftstellerei, sondern offensichtlich durch den Verkauf von Dope Marke Golden Acapulco bestreiten, mag eine Marginalie sein. Oder auch nicht. Einen selbstverfassten Vers der beiden jedenfalls wird der Leser nicht zu Gesicht bekommen. Ein Gedicht, ein einziges, von Cesárea Tinajero finden sie in den Archiven der Hauptstadt, ein Bildgedicht, ein Witz vielleicht?

Die Spur von Cesárea Tinajero führt in die Wüste, in den Bundestaat Sonora, und Belano und Lima folgen ihr. Oder flüchten sie? Immerhin haben Sie neben Madero noch die junge Prostituierte Lupe im Auto, deren Zuhälter Alberto sie durch Wüste und nach Sonora verfolgt. Dieser dritte Teil des Romans hat Züge eines Roadmovies und einen Showdown nach mexikanischer Art. Ein Ende also, wie es Bolaño-Kenner nicht erwarten, alles weitgehend transparent und nachvollziehbar?

Glücklicherweise nicht, denn es gibt den ungleich umfangreicheren Mittelteil des Romans, bestehend aus Aussagen von Weggefährten und Bekanntschaften von Belano und Lima, aus Anekdoten und Berichten von Dichtern, Verlegern, Buchhändlern und einigen Menschen, die zufällig oder auch nicht ebenfalls dort waren, wo Belano oder Lima waren, in Mexiko, in Amerika, in Europa und in Afrika. So erfahren wir, wo sich die beiden in der Zeit von 1976 bis 1996 aufgehalten haben, mit wem sie Kontakt hatten, womit sie Geld verdient haben. Wir bekommen zumindest Anhaltspunkte. Häufig nur kurze Lebenslichter von zwei Menschen, die getrieben sind, ständig unterwegs, die als Seemann wieder in Erscheinung treten, als Campingplatzbewacher (einer von Bolaños Jobs nach seiner Emigration nach Spanien, eines von vielen sicherlich autobiografischen Elementen), als Straßenräuber und Literaturplauderer. Vom Poeten ist der Habitus geblieben und das Interesse. Und wundersame Sachen passieren zwischendurch, eine mystische Aura umgibt Belano und Ulises. Mir scheint, es ist schon lang nicht mehr die Aura des Dichters, des Revolutionärs und seiner "großen Sache"; auch nicht die Aura der Kriminalität oder des undurchsichtigen Weltreisenden. Es ist die Aura der schieren Existenz, das Unfassbare des Lebens, das gnadenlos die bloße Vorstellung von den Lebensmöglichkeiten begleitet.

Dieses komplexe Geschichtengebilde legt sich zeitlich in die Tagebuchrahmenhandlung des Juan García Madero, berichtet von Dingen, die sich innerhalb des Tagebuchs bewegen und erzählt insbesondere von Ereignissen, die sich nach Maderos Aufzeichnungen abspielen (werden), nach dem Showdown in Sonora. Genaue Grenzen innerhalb von Abläufen und Ursachen und Wirkungen zu ziehen ist - nicht anders als bei 2666 - schwierig, Zusammenhänge fließen ineinander und ergeben ein Optionsgeflecht. Wem berichten die Zeugen? Warum berichten sie?

"Bolañoesk" also, es geht um alles und alles ist möglich, alle Verbindungen sind denkbar und viele werden gedacht, Orientierung und Kausalität funktionieren nicht wie gewohnt, Verschwörungstheorien drängen sich auf, werden abgedrängt. Das Geschehen gleicht einer Liste von Ereignissen, einer Liste von Erzählungen und Bildern. Listenhaft, andeutend und reihenfolglich ist insgesamt das Schreiben von Bolaño. Es gibt Listen mit Einteilungen von spanischsprachigen Dichtern in "Schwule", "Tunten", "tattrige Schwuchteln" etc., Listen von Fachbegriffen aus der Metrik, Listen von lateinamerikanischen Dichtern und eine Abrechnung mit ihnen und dergleichen mehr.

Viele der "Zeugenaussagen" erzählen eigene Lebensgeschichten, eine bestimmte Sicht auf Ereignisse und können kontextlos als kleine Psycho- und Soziogramme gelesen werden. Einige Zeugen melden sich mehrfach zu Wort, allen voran Amadeo Salvatierra, der Belano und Lima über Cesárea Tinajero Auskunft geben kann, und dessen Bericht durch seine Datierung eine besondere Bedeutung bekommt.

Liebe und Sex, Literatur und Literaturbetrieb, Erwachsenwerden und Anderssein, Drogen und Städte, Gewalt und Kriminalität, es geht um Exil, Wohlstand und Armut, Politik, Polizei und Krieg. Natürlich geht es auch um Cesárea Tinajero, um ihre Bedeutung für den Durchbruch der realviszeralistischen Dichtung, um ihren Verbleib in der Wüste von Sonora, um das "eigentliche" Leben der Cesárea Tinajero. Belano und Lima werden scheinbar abgelenkt von ihrer Suche nach Idealen und von der Revolution im Herzen, werden in ihrem Schicksal damit vielleicht - ohne es zu wissen - Cesárea Tinajero immer ähnlicher. Wie Rimbaud fliehen Sie vor der Literatur (vor dem Herstellen von Literatur) ins Abenteuer des Überlebens, aus Enttäuschung vielleicht. Anders als Rimbaud haben sie zudem ganz praktische Gründe, ihrer Exilheimat den Rücken zu kehren.

Beide Werke, 2666 und auch Die wilden Detektive werden ihren Platz in der Weltliteratur finden. Ich möchte das Erlebnis dieser Lektüren sehr empfehlen. Was Besseres als dieses Buch ist mir in der letzten Woche nicht passiert. Beim Schreiben dieser Rezension entstehen mir so viele Fragen, dass ich es eigentlich sofort ein zweites Mal ... quod erat demonstrandum!
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am 13. Januar 2010
Roberto Bolanos Roman "Die wilden Detektive" ist ein in jeder Hinsicht literarisches Fest.

Arturo Belano und Ulyses Lima sind die beiden passiven Protagonisten dieses komplexen und vielschichtigen Romans, der im ersten Teil als Tagebuch des jungen Möchtegern Schriftstellers und Mitglied der literarischen Gruppe der "viszeralen Realisten", Juan Garcia Madero. Was der viszerale Realismus sein soll, das ist eine Frage, die die beiden Köpfe der Gruppe, Belano und Lima, wenig bis gar nicht interessiert.
In rasantem Tempo lässt Roberto Bolano den Leser an der literarischen und vermehrt auch sexuell orientierten Entwicklung des jungen Autors teilhaben. Quasi nebenbei erlebt man die Geschichte von Arturo Belano und Ulyses Lima, die am Ende des ersten Teils auf der Flucht vor Zuhältern und Mördern verschwinden.

Opulent fabuliert und inszeniert Roberto Bolano dieses schelmisch und möglicherweise doch auch autobiographisch angehauchte Leseerlebnis. Die scheinbar unmotivierten erotischen Eskapaden des Tagebuchführenden sind der Grundstein für das Verständnis des zweiten Teils, der sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt und aus Aussagen, bzw. Berichten von Personen, die mit den beiden Verschwundenen, Arturo Belano und Ulyses Lima auf ganz unterschiedliche Weise in Kontakt waren, besteht. Wenn hier Zuhälter, Drogendealer, Huren, Psychopathen, verflossene Freundinnen, Lebenskünstler und Literaten in Tel Aviv, Mexico, San Diego, Barcelona, Paris und Wien zu Wort kommen, so erlaubt das Bolano die Zeichnung eines fantasievollen, farbenreichen biografischen Bildes; serviert mit unzähligen Pointen, feinen Anspielungen auf die südamerikanische Literatur und deren verschiedene Richtungen.

So ergibt sich eine Doppelbiografie, die, zusammengesetzt aus mühsam zusammengefügten Teilen, sich dem Leser erst im Ganzen offenbart. Mit Verlauf dieser Berichtsammlung bremst Roberto Bolano das Tempo sukzessive ab, um im kurzen dritten Teil, der die Tagebucheinträge des jungen Juan Garcia Madero weiterführt und quasi Epilog und Aufklärung der verzweifelten Suche nach der geheimnisvollen und ebenso unauffindbaren Mutter des viszeralen Realismus ist, dem schelmisch augenzwinkernden Ende rasant entgegenzurasen.

"Die wilden Detektive" ist ein großes Stück wilder Literatur. Ein ganz eigenständiger und unverwechselbarer Roman, ein wildes Abenteuer, ein frivol spannendes Road-Novel, ein selbstironisches Portrait eine Schriftstellers, der sich möglicherweise auf verschiedene Protagonisten aufgeteilt, dem Leser offenbart.

Wer bereit ist, sich in diesem unvorhersehbar spannenden Roman fallen zu lassen, der wird von Roberto Bolano reichlich belohnt. Wer diesen Roman nicht liest, dem entgeht eine wahre literarische Sternstunde.
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am 13. Mai 2010
Es ist schwer zu sagen, ob 2666 oder Die wilden Detektive beeindruckender daherkommt - was den Umfang angeht, schenken sich beide Werke nicht viel.
Während man während des Lesens von 2666 irgendwann selbst nicht mehr weiß, wo auf dem Parkplatz um die Ecke die nächste Frauenleiche liegen könnte - so verstörend wirkt in einem Kapitel das monotone, detailliert-sachliche Auflisten einer jahrelangen Mordserie - läßt einen dieses Buch eher selten mit einem so beklemmenden Gefühl allein. Die Grundstimmung ist anders, wenn auch ebenso verwirrend, so doch deutlich optimistischer.
Man taucht ein in ein soziales Netzwerk, das oft wechselnd, aus zahlreichen Perspektiven, vielstimmig das Leben um zwei junge Literaten in Mexiko-City erzählt. Variantenreich im Stil, den Erzählorten und den Figuren wird das Leben einer Szene geschildert und im Zuge dessen bekommt man irgendwann das Gefühl, in diesen Kosmos eingetaucht zu sein, viele und vieles wiederzuerkennen und dennoch zu suchen.
Und das eint die beiden Werke: die ausweglose Bemühen um vielschichtige, tiefgehende Erkenntnis, das trotz der Intensität des Bemühens erfolglos bleibt.
Trotz des Umfangs liest sich der Schmöker sehr leicht, die Sprache ist -egal aus welcher Perspektive, ob Dialog oder Gedankenstrom - immer leicht zugänglich.
Aber darauf kommt es letztlich gar nicht so sehr an - Bolano gelingt es durch seine ziellos herumirrende Erzählweise - und er ist ein wirklich guter Erzähler-, den Leser einen Blick über den Tellerrand unseres sinnlosen aber schönen Lebens zu werfen.
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am 20. September 2010
Bolanos Werke entziehen sich jeder Einordnung, trotzen den üblichen Lesegewohnheiten. Wo also nur anfangen?

Anfangs ist vor allem Geduld gefragt. Es dauert eine Weile, ehe sich erste Handlungsstränge und Zusammenhänge abzeichnen. Allmählich verdichten sich die unzähligen Biografien und Erzählungen wie Mosaiksteinchen zu einem wilden Gesamtkonstrukt. Sobald die Gruppe um Belano und Lima aufbricht, um nach der verschollenen Gründerin des Realviszeralismus zu suchen, verlieren sich ihre Spuren. Sie gehen selbst verschollen, werden zum Mysterium und Inhalt obskurer Geschichten, die man sich an abgelegenen Orten erzählt. Nun ist es der Leser, der in die Detektivrolle schlüpft, sich an ihre Fersen heftet und begierig den verschiedensten Fährten folgt.

"Die wilden Detektive" ist insgesamt stimmiger, schlüssiger konstruiert als "2666", stellt jedoch auch höhere Anforderungen an den Leser. Die ständigen Zeitsprünge zwischen Figuren aus mehr als zwei Jahrzehnten, die Stilbrüche und nicht enden wollenden Lebensläufe beanspruchen viel Aufmerksamkeit. Ein weiterer wesentlicher Unterschied: "Die wilden Detektive" ist bei weitem nicht so düster und beklemmend, oft sogar ziemlich witzig, sofern man sich mit dem Humor Bolanos anfreunden kann. Vor allem die oft verschrobenen Dichter und den Literaturbetrieb an sich zerpflückt er genüsslich. Überhaupt ist Literatur das bestimmende Thema.

"Die wilden Detektive" gehört für mich mit zum Aufregendsten, was Literatur zu bieten hat. Rätselhafte, hochintelligente, vor Sprachgewalt strotzende Prosa, die völlig mühelos zwischen den Figuren, Zeiten und Orten hin- und herspringt. Zudem werden einzelne Ereignisse oft aus mehreren Perspektiven beleuchtet, was zusätzliche Spannung schafft. Jede der Figuren, die erzählt, hat eine ganz eigene Ausdrucksweise und entsprechendes Vokabular: Von obszönen Schimpftiraden bis hin zu hochtrabendem Intellektuellen-Gelaber ist alles vertreten. All die einzelnen Geschichten sind hierbei so raffiniert aneinander gereiht, dass die vielen kleinen Episoden, die anfangs noch zusammengewürfelt wirken, sich in Wahrheit als stimmige Gesamtkomposition erweisen.

Vermutlich wird aus dieser Rezension niemand so richtig schlau. Vielleicht ist es die eigene Unfähigkeit, das Wesen des Romans zu erfassen und begreiflich zu machen. Vermutlich aber ist es dieses Wesen, das sich gar nicht erfassen lässt. Man kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, ehe man "Die wilden Detektive" nicht selbst gelesen hat. Und das sollte man unbedingt.
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am 19. Juni 2013
noch besser als 2666. Bolano ist sicher kein Autor für die Pflichtlektüre in der Schule, und genau das ist das Schöne. Denn in eine bestimmte Richtung interpretierbar sind seine Romane nicht. Was
wollte der Autor uns damit sagen, wenn er überhaupt diese Absicht hatte ? Keine Ahnung.
Und genau das ist seine Kunst, er schafft es trotzdem mich als Leser zu fesseln und mich immer gespannt weiterlesen zu lassen. Denn seine Phantasie und kuriosen, teilweise auch humorvollen Einfälle scheinen grenzenlos zu sein. Es macht einfach Spaß Bolano zu lesen - schade, daß er so früh verstarb.
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VINE-PRODUKTTESTERam 16. September 2009
Ich lernte Arturo Belano und Ulises Lima nur durch Zufall kennen. Es war im Sommer 2009, in einem kleinen Antiquariat in Berlin. Man hatte sie beide längst für tot gehalten, man hatte sie längst vergessen. Deutschland vergisst gerne, denke ich. Warum? Tja, das habe ich selbst nie begriffen.

Die wilden Detektive rund um Cesárea Tinajero oder nein, rund um Roberto Bolaño, oder: um Belano & Lima, sind mehr als nur wild: sie sind unkontrollierbar, - ihrer Fährte zu folgen ist ein Hindernisparkur, ein Gewaltakt, eine Frage der Aufmerksamkeit. Ich, der ich unschuldig war, unwissend, einer, der wirklich nie begriffen hat, was ein Tetrastichon ist (eine Strophe aus vier Versen), oder ein Glyconeus (ein in der klassischen Metrik gebräuchlicher Vers, der sich als vierfüßiger katalektischer Logaeder in syllabam definieren lässt), einer, das sei allen gesagt, der von mexikanischer Geschichte oder Geographie nichts wusste, - Hermosillo auf der Karte zu finden?, sicher, aber Caborca?, - einer, der von sich behauptet hatte, er lese gerne auch mittelamerikanische Literatur, & der in Wirklichkeit doch keine Ahnung davon hatte, ich, ja, also ich! griff zu den wilden Detektiven, um den Realviszeralismus, den viszeralen Realismus (oder wie auch immer) zu begreifen. Habe ich ihn begriffen? Ich befürchte es.

Dieses Buch, ja, denn darum geht's ja eigentlich, dieses Buch ist ein episches, ein mühseliges, ein kompliziertes Buch. In drei Teile gegliedert, chronologisch durch den letzten gebrochen, vermittelt es eine unpräzise Präzision von Wahrheit & Fiktion, etwas, das sich, selbst jetzt, 24 Stunden nach dem letzten Wort, schwer benennen lässt. Zumindest für mich. Dennoch sei's gewagt: Es geht um Mexiko, ja. Es geht um Menschen in Mexiko, hauptsächlich um Dichter & Schriftsteller. Es geht um mexikanische Literatur. Südamerikanische um genau zu sein. Es ist eine Kritik, eine Satire auf den Akt des Kritikerlebens, des Schriftstellerlebens im allgemeinen. Es ist nichts davon. Was als Komödie beginnt, endet als Horrorfilm.

Im ersten Teil schildert der siebzehnjährige Juan García Madero sein Eintreten ins Erwachsenenleben unter dem Aspekt der Avantgarde des Realviszeralismus. Soweit so klar. Juan schreibt Tagebuch, seine Einträge sind präzise. Mitte der siebziger Jahre eilt er wie viele andren durch Mexiko Stadt, er verliebt sich, hat Sex, - aber es bleibt nicht normal, es ist nicht diese schlichte Geschichte von der Jugend, oder dergleichen. Juan gerät immer tiefer in ein Netzwerk des viszeralen Realismus, den er zu fassen versucht, & kommt dabei in die Gravitation von Lima & Belano, die ihn ebenso verschlingen wie seinen Verstand. Ein Schrecken zeichnet sich leise & dunkel ab, langsam. In schlichten Nebensätzen, die angeschnitten & noch im Anschneiden fallen gelassen werden. Etwas furchtbares wird geschehen, aber dann, ja, verlassen sie zu später Stunde doch noch die Party.

Der zweite Teil ist da schon wesentlicher härter, - er macht den wesentlichen Bestandteil des Buches aus. Nichts, was im ersten Teil geschehen ist, scheint im zweiten eine Bedeutung zu haben. Lima & Belano sind fort, & was sie zurückgelassen haben, ist Chaos. Charaktere, die man am Anfang zu kennen glaubte, sind verrückt geworden, - verrückter, müsste man sagen, - & was vorhin noch Liebe war, ist jetzt Einsamkeit. Dutzende Menschen im Umkreis (& noch darüber hinaus) berichten von beiden & ihrer Jagd nach Cesárea Tinajero, der geheimnisvollen, der Mutter aller Dichter, - dies geschieht im Stil von Interviews, die über Tage, Monate, Jahre! hinweg geführt werden. Dabei ist nicht nur einfach ein kultureller Querschnitt verschiedener Schichten entstanden, sondern ein Kaleidoskop einer Zeit im Zusammenbruch, Aufbruch, im Wahnsinn, im Exil. (Denn ja, um das Exil geht es letzten Endes). Als Leser verfolgt man Lima & Belano wie Schatten, ohne sie dabei je wirklich zu sehen zu bekommen; sie sind Teufel, sie sind Romantiker, sie sind besessen & unberechenbar, - was ist aus jenen geschehen, die man zu kennen glaubte, & wie entwickelt sich ihr Leben?

Der zweite Teil ist mühsam. Zugegeben. Ich denke, er wird für viele auch ausgesprochen langweilig sein. Weshalb? Menschen sind unterschiedlich, das sind sie auch bei den wilden Detektiven. Einer, ein Literat, reiht seitenweise Namen aneinander, Schriftstellernamen. Ein anderer rattert lateinische Sprichwörter herunter als ginge es um sein Seelenheil, - & vermutlich tut es das auch. Unzusammenhängend wirkende Einzelmomente werden vernäht, nur um wieder auseinander gerissen zu werden; es ist ein Flickenteppich aus zwanzig Jahren, - von Menschen aus verschiedenen Ländern getragen, Wien, Tel Aviv, Paris, Lissabon, Barcelona, Mexiko, etc. etc. Das kann ermüden, & es wird ermüden. Es als Roman für Zwischendurch zu lesen kann man in jedem Fall getrost vergessen. Vergessen, jaja.

Der dritte Teil knüpft da an, wo der erste endet, & was dort geschieht, in der Wüste Sonora, erklärt alles. Es lässt nicht unbedingt mit offenem Mund staunen, - ich bezweifle, dass viele Menschen heute noch zum Staunen in der Lage sind, - aber es weckt die Erinnerung an einen Schrecken, der vergessen war, ein Kindheitsalptraum sozusagen, nur aus einer so unermesslichen Ferne, dass man danach, nach dem Weglegen des Buches, fragen muss, was es bedeutet, das alles. Worauf der viszerale Realismus letzten Endes hinausläuft. Das Fenster, das zum Schluss geöffnet bleibt, macht den unbescholtenen Leser, den unwissenden, zu einem Verschwörer, der mit dabei war, der alles begriffen hat & der trotzdem nach immer mehr fragen muss. Nein, es ist nicht einfach. Nein, es ist nicht für jeden. Mich hat es jedoch wahnsinnig beeindruckt. Diese Realität ist es, in der wir leben. Diese Zeit, 2600 & ein paar zerquetschte, darauf läuft es hinaus: Du hast nichts begriffen, nichts, von allem.

Fazit? Die wilden Detektive ist ein böses, zynisches, ein düsteres Buch voller Dämonen, & Menschen, die sich als solche ausgeben. Es ist manisch, es ist traurig, es macht unglaublichen Spaß, es langweilt zu Tode. Großartig!, wie kann man so was nur aus den Augen verlieren?, wie kann man's nur vergessen? In diesem Buch steckt nicht nur ein Universum, sondern hunderte. Mehr Bolaño!
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am 23. März 2016
Das findet man selten: Ein Autor der lange (bis nach seinem Tod) auf Erfolg wartet und doch herausragende Literatur über diese geschrieben hat. In "Die wilden Detektive" hält Bolano leichtfüssig die Balance zwischen fiktionaler Geschichte der jungen Dichter und Anmerkungen zum Zirkus des Literaturkreises, bzw der Literatur-Industrie. Ich habe oft schallend gelacht, gerade im zweiten Teil der den Charakteren Raum gibt ihre Gedanken zu äußern. Seine Wortwahl und die daraus entstehenden Bilder sind fantastisch.
Ich kann das Buch nur empfehlen.
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am 7. Juni 2004
"Los detectives salvajes" war nach langer Zeit ein Roman, der wirklich beeindruckt: in seiner Fülle - zunächst - und mit seiner Phantasie und Poesie. Bolano ist es gelungen die Stimmung und das Lebensgefühl der jungen (Möchtegern)Dichter zu beschreiben, ihre Illusionen, ihre Träume, ihre Wege und ihr Scheitern, ihre Rückkehr ins Bürgerliche und ins europäische Exil. Ausserdem beschert Bolano sozusagen einen Überblick der süd- und mittelamerikansichen Literatur (natürlich entlang seiner Vorlieben und Antipathien) und über lateinamerikanische Geschichte v.a. der jüngeren Vergangenheit. Und die Detektive verweigern sich dem wohlgeordneten europäischen Denken und wohl den Vorstellungen wie ein Roman sein muss. Eine wunderbare Überraschung. Schade, dass Roberto Bolano letztes Jahr verstorben ist!
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am 13. Januar 2012
Mann, Mann' Ich habe ewig für 'Die wilden Detektive' gebraucht. Nicht weil das Buch schlecht wäre. Das Problem war, dass es einfach keine gerade spannende Handlungslinie gibt, was dazu führte, dass ich das Buch (wenn ich es einmal in der Hand hatte) wirklich gern las, dann aber kein Drang mehr aufkam die Story weiter zu verfolgen, da es nicht eine Geschichte gab, sondern Dutzende.

Die Rahmenhandlung ist die Geschichte des 'Realviszeralisten', einer Dichterströmung aus Mexiko. Um die Dichtergruppe schlingert und wabbert die Handlung; genauer: Um (fantastischer Name) Ulises Lima und Arturo Belano, die die Köpfe (wenn man so etwas sagen kann) der Bewegung sind. Wenn man überhaupt davon sprechen kann, denn der 'Realviszeralismus' geht nach einem kurzen Hype über in die Bedeutungslosigkeit.
Der Autor Roberto Bolano schildert die Handlung über zwei fiktionale Ebenen:
a) Das Tagebuch des jungen Juan Garcia Madero
b) Einer Sammlung von Interviews und Erzählung (die den Hauptteil des 760 Seiten Werkes ausmacht, bis schließlich das Tagebuch Maderos die Geschichte beenden).

Während Maderos Tagebuch noch eine direkte Handlung vorzuweisen hat, wird der zweite Teil schon viel komplizierter, denn dieser Teil ist der Teil der 'wilden Detektive'. Die Detektive (zum einem natürlich der Leser, zum anderen eine Person oder Personengruppe, die die Interviews führt oder die Berichte sammelt ' wer genau und warum bleibt ungeklärt) machen sich auf die Spur von Ulises Lima und Arturo Belano, die auf ihren Pfaden quer durch Lateinamerika, Europa, Afrika und in die Vereinigten Staaten reisen. Doch wohin und warum reisen die zwei Dichter eigentlich?

Der Roman ist gespickt voll mit dutzenden Handlungen, Personen und Erzählsträngen, deren einzig verbindendes Element die Realviszeralisten sind, was manchmal soweit geht, dass 20 bis 30 Seiten lang eine spannende, erotische oder banale Geschichte erzählt wird, in der sich Dichter, Intellektuelle, Huren, Mörder, Buchverleger, Zuhälter, Verrückte, besorgte Familienväter und und die Klinken in die Hand geben , damit schließlich Ulises Lima oder Belano eine Zeile lang durch die Handlung laufen, während an anderer Stelle sich dann die gesamte Handlung um sie dreht.

Roberto Bolano ist ein fantastischer Erzähler. Immer wieder entwirft er Biografien und Perspektiven von den verschiedensten Menschen und Blickwinkeln, so dass sich eine (fiktive?) Innenansicht einer Künstler- und Weltenbummlergeneration entfaltet, die mal an Rebellionen, dann wieder an Resignation erinnert. Die Figuren sind verrückt und jung, alt und wahnsinnig, konservativ und geborgen, frei oder auf der Flucht, doch die ganze Zeit gefangen in einem pulsierenden, lebenden Herz der Menschlichkeit; es wird verdammt viel gelebt bei Bolano.
Dass, wie bereits erwähnt, hat bei mir zu Ermüdungserscheinungen in meinem Leseverhalten geführt. Normalerweise 'esse ich gern Bücher', doch die Windigkeit und Beweglichkeit der Erzählung erweckte in mir das Gefühl mehrere Bücher auf einmal zu lesen ' was gar nicht mein Fall ist. Dennoch und auf jeden Fall werde ich mir '2666', das 'Hauptwerk' des bereits verstorbenen chilenischen Schriftstellers Roberto Bolano besorgen, dass nach einem ähnlichen Prinzip geschrieben wurde. Dieses Buch ist wirklich klug und ergreifend geschrieben, durch all sein viel zu viel an Information sehr modern (gibt es eigentlich kein aktuelleres Wort als 'modern?' Hm'), wobei es durch seine Wirkung und Philosophie eher wieder an die alten Meister erinnert (da könnte ihr jetzt einsetzen was ihr wollt wer für euch diese Meister sind).
'Die wilden Detektive' werden bestimmt nicht jedem gefallen und auch ich schiebe meine nächste Bolano Lektüre auf später, freue mich aber darauf. Wer auf große Sprache, große Handlung und (jetzt kommts) große Unterhaltung wert legt, dem sei zu diesem Buch geraten. Nichts für zwischendurch, doch eine Bereicherung für jeden, der gerne Bücher 'frisst'.
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