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27 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Muss denn immer alles Spaß machen?
So macht Geschichtsunterricht Spaß, schreibt der „Blick“, ist sogar auf die Rückseite des Taschenbuches gedruckt. Dabei frage ich mich ganz ehrlich, wo der Verfasser dieser Rezension seinen Spaß hat, wenn es um ertrinkende Menschen und das zerstörte Seelenleben eines Neonazis geht. Günter Grass' Novelle „Im Krebsgang“...
Veröffentlicht am 19. Mai 2006 von säbelzahntiger

versus
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Literarischer Krebsgang zwischen dokumentarischer Reportage und hoher Literatur
Mit seinem Buch Im Krebsgang vollzieht Günter Grass einen Wandel in der Literatur der Bundesrepublik Deutschland. Er als einer der wichtigen Stellvertreter der Literatur dieses Landes nach 1945 macht die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße zum Thema. Dafür hat er ohne Zweifel Achtung und Lob verdient...
Veröffentlicht am 6. September 2008 von buechermaxe


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27 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Muss denn immer alles Spaß machen?, 19. Mai 2006
Rezension bezieht sich auf: Im Krebsgang: Eine Novelle (Taschenbuch)
So macht Geschichtsunterricht Spaß, schreibt der „Blick“, ist sogar auf die Rückseite des Taschenbuches gedruckt. Dabei frage ich mich ganz ehrlich, wo der Verfasser dieser Rezension seinen Spaß hat, wenn es um ertrinkende Menschen und das zerstörte Seelenleben eines Neonazis geht. Günter Grass' Novelle „Im Krebsgang“ nämlich arbeitet ein Thema deutscher Vergangenheit auf, dass hier im Lande gerne mal mehr oder weniger totgeschwiegen wurde: Deutsche als Opfer im zweiten Weltkrieg?, eine Frage, mit der sich der aufmerksame Leser zwangsläufig zu beschäftigen hat.

Um die Geschichte des 1945 abgeschossenen deutschen Flüchtlingsschiffes Wilhelm Gustloff, dessen Untergang bis heute noch die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten, in der Gegenwart aber kaum noch wem bekannt, hat Grass eine zusätzliche Handlung eingewebt, die prekärer und aktueller denn je, eine Sache, die, wie er selbst im letzten Satz seiner Novelle schreibt, niemals aufhört, nämlich der Rechtsextremismus in unserer Zeit, die diesbezüglichen Gefahren des Internets und dem traurigen Fakt, dass es immer und immer wieder Menschen geben wird, die gefallen finden am NS-Idealismus und dessen Rassenhass.

Geradezu mit der Sprache spielend, die aufgrund der häufigen Stilwechsel weder zu sachlich nüchtern, noch zu narrativ, insgesamt sehr abwechslungsreich erscheint, was beinahe schon den Eindruck vermittelt, dass Grass kein einziges Wort ohne tiefsinnigere Bedeutung gewählt hat, hinterfragt die Novelle Missstände in der Erziehung sowie in der Gesellschaft und auch die Psyche rechter Gewalttäter, arbeitet gleichermaßen die Gustloff-Geschichte mit wahnsinniger Liebe zum Detail auf, ist diese schließlich eine Geschichte, die der Danziger Grass schon seit Jahrzehnten zu verarbeiten gedachte, nicht zuletzt aus persönlichen Gründen, aber die passende Gelegenheit hierfür erst jetzt erkannte.

Grass' Novelle ist daher sehr umfassend und das Zusammenflechten verschiedener Handlungsabläufe erschwert das Lesen gerade am Anfang, besser, macht es gewöhnungsbedürftig, doch auch interessanter und dass Grass' Werke keine triviale Strandlektüre für zwischendurch sind, sollte einem schon vor dem Griff ins Bücherregal bewusst sein.

Ich persönlich kann „Im Krebsgang“ jedenfalls nur weiterempfehlen, insbesondere an Menschen, die sich für Geschichte und Bewältigung der Geschichte interessieren, sowohl inhaltlich als auch sprachlich handelt es sich in meinen Augen um ein großes Werk deutscher Literatur, das, wenn Grass zwar nicht spannend, dafür auf andere, dem tragischen Inhalt angemessenere, Art und Weise fesselnd erzählt und dem Leser Krieg, Tod und Gewalt keineswegs „spaßig“versucht zu vermitteln.
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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schwieriges Urteil, 26. Januar 2006
Von 
M. G. Herold (Wien) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Im Krebsgang: Eine Novelle (Taschenbuch)
Was sagt man nun zu diesem Buch. Ein Literat von Gewicht liefert ein neues Werk ab, sofort werden Artikel um Artikel geschrieben, Kritik um Kritik abgeliefert, Bewertung jagt Bewertung, Kritik jagt Kritik. Ist es leichtgewichtig, banal geschrieben, ein Schwergewicht, ein neuer Meilenstein? Grass behandelt den Untergang eines Flüchtlingsschiffes, voll mit deutschen Flüchtlingen, kurz vor Ende von WK 2, versenkt durch ein russisches U-Boot. Die größte Schiffskatastrophe der Geschichte. (Ist eine absichtlich herbeigeführte Katastrophe eigentlich eine solche?) Beleuchtet wird, und hier wiederhole ich andere Rezensionen, politisch korrekt das oft unter den Teppich gekehrte Flüchtligselend der Deutschen, und verbindet es mit einem Vater-Sohn-Konflikt, der in die Neonaziszene überleitet. Das Buch ist spannend und wohltuend gut geschrieben, offenbart ganz nebenher geschichtliche Fakten, hat auch etwas Belehrendes, no na, schließlich schreibt Grass; was aber meines Erachtens besonders anschaulich vermittelt wird, ist die subkutane, vielleicht (aber eher nicht) unabsichtliche, aber subtile Beeinflussung der Jungen durch die ältere Generation. Indem die Großmutter, die vom Untergang der Wilhelm Gustloff persönlich betroffen war, immer wieder - gebetsmühlenartig - ihr Schicksal und positiv verklärt die Nazizeit schildert, beeinflußt sie den Sohn des ablehnend sich verhaltenden Ich-Erzählers, ihren Enkel, nachhaltig. Offiziell ist alles verarbeitet, doch in Wirklichkeit ist es das bei weitem nicht und pflanzt sich auf die Jungen fort. Oder wie Grass sein Buch abschließt "Das hört niemals auf".
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 5 sterne für das hörbuch !, 12. September 2006
Von 
J. Fromholzer "fromholzer" (berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Im Krebsgang, 9 Audio-CDs (Audio CD)
Kaufen Sie das Hörbuch von "IM KREBSGANG" (gelesen vom Autor selbst!) und machen Sie nicht den Fehler das Buch zu kaufen. Natürlich liest es sich schwer, den äußerst musikalischen Schreibstiel von Grass muss man mögen - und zu lesen verstehen. Meine Vorredner hier an dieser Stelle beklagen sich darüber. Nun ist es aber ein großer Glücksfall, dass Günter Grass dieses Buch SELBST vollständig vorliest. Grass liest traumhaft schön, eine "Ein Mann Oper", ist man versucht zu sagen. Wer jemals schon bei einer seiner seltenen Lesungen war, wird mir sicherlich recht geben. Wenn Grass selbst liest, ist die Handlung des Gelesenen (eigentlich) sekundär.
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40 von 47 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Es hört nie auf..., 1. März 2002
Von 
Peter Bahner (Börnsen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Doch, es hört auf, denn dies sind die letzten Worte in Günter Grass' neuem Buch "Im Krebsgang". Obwohl als Novelle bezeichnet, scheint es meiner Ansicht nach irgendwo zwischen dem und einem Roman zu schweben mit seinen über 200 Seiten, knapp und in relativ kleiner Schrift gesetzt. Selbst der ewig knirschende Literaturpapst Reich-Ranicki, der Grass in der Vergangenheit mit einigen kritischen Worten bedacht hatte, ist von diesem Werk überzeugt. Mir persönlich ist dessen Empfehlung allein jedoch keinen Kauf wert. So war es auch eher meine Neugierde, die "Im Krebsgang" unbedingt wegen der aktuellen Thematik und auch, weil Grass sich kritisch gegenüber Themen geäussert hatte, die auch ich kritisch sehe, haben wollte. Ein spannend gemachter, neugierig machender SPIEGEL-Artikel hat mich dazu verleitet, den neuen Grass zu lesen.
Das Thema? Die Ereignisse um die Torpedierung und den anschliessenden Untergang der "Wilhelm Gustloff", eines ehemaligen Kreuzfahrtschiffes des 3. Reiches, das zu Kriegszeiten längst militärischen Zwecken diente und als Flüchtlingsschiff, das nicht mehr viele retten konnte, endete. Es ist ein Kapitel deutscher Geschichte, das lange verschwiegen wurde: abgeschossen von der russischen Marine in der Annahme, ein mit Armee bestücktes Kriegsschiff zu vernichten, war die Gustloff zwar auch mit Militär, aber vor allem mit vor der nahenden Front fliehenden Frauen und Kindern belegt. Nach dem Krieg wollte über solche Unglücke aber niemand etwas hören... Grass lässt den Erzähler einen jener Geretteten sein, die während der Flucht geboren wurden. Dramatischer noch wurde Paul, wie der Protagonist des Buches heisst, angeblich genau auf die Minute geboren, als das lecke Schiff endgültig versank. Pauls Mutter Tulla, alten Grass-Lesern aus vielen seiner Bücher zumindest als Nebenfigur bekannt, quält ihren sich oft als Versager fühlenden Sohn jahrelang mit dem Wunsch, er möge ihre Geschichte aufschreiben und die Überlebenden wie die Toten der "Gustloff" so nicht vergessen lassen. Doch Paul will nie, und so konzentriert sich Tullas nie enden wollendes Vergangenheitsgerede um ihre wundersame Rettung und seine Geburt schliesslich auf ihren Enkel, Pauls Sohn Konrad. Der saugt Tullas Wissen wie ein Schwamm in sich auf. Wozu das führt, merkt Paul viel zu spät bei seinen dann doch noch irgendwann beginnenden Recherchen um die "Gustloff": sein Sohn hat eine rechtsradikale Webseite ins Leben gerufen, auf der er den Namensgeber des Schiffes als Helden feiert...
Diese Geschichte, von der ich hier nicht mehr verraten möchte, klang für mich spannend genug mich diesem Grass-Buch zu widmen. Bisher hatte ich ihn immer für einen jener intellektuellen Autoren gehalten, die viel reden und meist dazu keine echte Geschichte haben. Man könnte auch sagen, ich habe mich einfach nicht an ihn herangewagt. Doch meine Vorurteile haben sich durch "Im Krebsgang" angenehm zerstreut. Keine langen, verschachtelten, schwallenden Kunstsätze gibt es hier zu lesen, sondern eine wirklich interessant verpackte Geschichtsstunde, immer wieder unterbrochen durch die Gegenwart und Pauls eigenes Leben, das wie der absolute Gegenpol zu seiner Geburt merkwürdig ereignisreich verlaufen ist. Besonders interessant erscheinen mir die kleinen Einschübe, in denen Grass selbst als "der Alte" erwähnt wird, eine Art Arbeitgeber oder Mentor von Paul, der an einer Stelle zugibt, selbst halb erfunden zu sein. Halb deswegen, weil Grass sich sehr eng an eine tatsächliche Begebenheit hält: wirklich ist einer hochschwangeren Frau an Bord der Gustloff genau das passiert, was Pauls Mutter in dieser fiktiven Geschichte passiert. Und wirklich gibt es den ehemaligen Zahlmeister, der später Bücher über die Gustloff geschrieben hat. Hier werden gleich mehrere Schicksale miteinander verknüpft, und dies so gut und auch spannend, dass mir das Buch wirklich gefallen hat. Die Geschichte treibt stetig voran, man könnte ihr allenfalls vorwerfen dass sie möglicherweise ein bisschen klischeehaft daherkommt: Vater ein Verlierer, Mutter hilflos, Grossmutter die ewig Gestrige und als Resultat der Enkel ein Nazi.
Zur Zeit wird dieses alte, düstere Kapitel Geschichte wieder aus der Schublade geholt, und für viele längst überfällig darf auch endlich darüber gesprochen werden. War es vor Jahren noch verpönt, auch Deutsche als Opfer zu betrachten, so begrüsse ich Grass' Ansichten, dass derartige Geschichten nicht den heute ewig Gestrigen, den Neonazis und ihrem Gefolge überlassen werden dürfen. Denn sonst entstehen Webseiten wie die fiktive in diesem Buch, auf denen Helden gepriesen werden, die keine sind. Geschichtsverdrehung gibt es schon genug.
Kompakt gesprochen empfehle ich dieses Buch vielen Menschen - zum einen natürlich den Grass-Lesern, die Tulla wiedersehen möchten. Ich habe darüber gelesen, dass er diese Figur schon in früheren Büchern immer wieder hervorgekramt hat, und finde derartige Verstrickungen über viele Geschichten hinweg faszinierend. Dann auch eine Empfehlung an die, die wie ich bisher vielleicht Vorbehalte gegen den Autor hatten - seine Sprache ist leicht, niveauvoll zwar, aber weder ideologisch noch in negativem Sinne intellektuell gefärbt. Und zum Schluss allen interessierten und aufgeschlossenen Lesern.
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12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bahnbrechender Krebsgang!, 28. Juni 2002
Beim Thema "II. Weltkrieg" zeigt man bei uns in Deutschland offenbar immer mehr Bereitschaft, sich auch mit dem damaligen Elend der eigenen Zivilbevölkerung (hier aufgezeigt durch Grass), dem Schicksal der Soldaten (vgl. Eichner, JENSEITS DER STEPPE) oder dem Los der Kriegsgefangenen (vgl. Seidl, VOM SONNENWALD NACH SIBIRIEN) näher zu befassen.
Wegbereiter dieser Enttabuisierung bzw. Auslöser für das gestiegene Interesse waren nicht zuletzt Walter Kempowski (z.B. durch die ECHOLOT-Reihe) sowie Guido Knopp mit seinen einschlägigen Fernsehdokumentationen bzw. Sachbüchern. Und dass Josef Martin Bauers Klassiker SO WEIT DIE FÜSSE TRAGEN als Buch-Neuausgabe bzw. Film-Remake wieder auf vermehrte Nachfrage stößt, dürfte auch kein Zufall sein.
Grass jedenfalls hat mit seiner Novelle der weiteren, objektiven Beschäftigung mit speziell dieser Thematik (d.h. der Kriegsleiden auf deutscher Seite) endgültig zum Durchbruch verholfen.Mit dem Werk über die "Wilhelm Gustloff" ist dem Nobelpreisträger offensichtlich ein großer Wurf gelungen. Nicht nur die Wahl des Sujets, sondern ebenso dessen dramaturgische Aufbereitung und sprachliche Darstellung verdienen hohes Lob.
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12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grass in "Hochform", 13. Juni 2002
Von 
Peter Bahner (Börnsen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Im Krebsgang, 6 Cassetten (Hörkassette)
Im Krebsgang
Es hört nie auf...
Doch, es hört auf, denn dies sind die letzten Worte in Günter Grass' neuem Werk "Im Krebsgang". Obwohl als Novelle bezeichnet, scheint es meiner Ansicht nach irgendwo zwischen dem und einem Roman zu schweben. Selbst der ewig knirschende Literaturpapst Reich-Ranicki, der Grass in der Vergangenheit mit einigen kritischen Worten bedacht hatte, ist von diesem Werk überzeugt. Mir persönlich ist dessen Empfehlung allein jedoch keinen Kauf wert. So war es auch eher meine Neugierde, die "Im Krebsgang" unbedingt wegen der aktuellen Thematik und auch, weil Grass sich kritisch gegenüber Themen geäussert hatte, die auch ich kritisch sehe, haben wollte. Ein spannend gemachter, neugierig machender SPIEGEL-Artikel hat mich dazu verleitet, den neuen Grass zu lesen.
Das Thema? Die Ereignisse um die Torpedierung und den anschliessenden Untergang der "Wilhelm Gustloff", eines ehemaligen Kreuzfahrtschiffes des 3. Reiches, das zu Kriegszeiten längst militärischen Zwecken diente und als Flüchtlingsschiff, das nicht mehr viele retten konnte, endete. Es ist ein Kapitel deutscher Geschichte, das lange verschwiegen wurde: abgeschossen von der russischen Marine in der Annahme, ein mit Armee bestücktes Kriegsschiff zu vernichten, war die Gustloff zwar auch mit Militär, aber vor allem mit vor der nahenden Front fliehenden Frauen und Kindern belegt. Nach dem Krieg wollte über solche Unglücke aber niemand etwas hören... Grass lässt den Erzähler einen jener Geretteten sein, die während der Flucht geboren wurden. Dramatischer noch wurde Paul, wie der Protagonist des Buches heisst, angeblich genau auf die Minute geboren, als das lecke Schiff endgültig versank. Pauls Mutter Tulla, alten Grass-Lesern aus vielen seiner Bücher zumindest als Nebenfigur bekannt, quält ihren sich oft als Versager fühlenden Sohn jahrelang mit dem Wunsch, er möge ihre Geschichte aufschreiben und die Überlebenden wie die Toten der "Gustloff" so nicht vergessen lassen. Doch Paul will nie, und so konzentriert sich Tullas nie enden wollendes Vergangenheitsgerede um ihre wundersame Rettung und seine Geburt schliesslich auf ihren Enkel, Pauls Sohn Konrad. Der saugt Tullas Wissen wie ein Schwamm in sich auf. Wozu das führt, merkt Paul viel zu spät bei seinen dann doch noch irgendwann beginnenden Recherchen um die "Gustloff": sein Sohn hat eine rechtsradikale Webseite ins Leben gerufen, auf der er den Namensgeber des Schiffes als Helden feiert...
Diese Geschichte, von der ich hier nicht mehr verraten möchte, klang für mich spannend genug mich diesem Grass-Werk zu widmen. Bisher hatte ich ihn immer für einen jener intellektuellen Autoren gehalten, die viel reden und meist dazu keine echte Geschichte haben. Man könnte auch sagen, ich habe mich einfach nicht an ihn herangewagt. Doch meine Vorurteile haben sich durch "Im Krebsgang" angenehm zerstreut. Keine langen, verschachtelten, schwallenden Kunstsätze gibt es hier zu hören, sondern eine wirklich interessant verpackte Geschichtsstunde, immer wieder unterbrochen durch die Gegenwart und Pauls eigenes Leben, das wie der absolute Gegenpol zu seiner Geburt merkwürdig ereignisreich verlaufen ist. Besonders interessant erscheinen mir die kleinen Einschübe, in denen Grass selbst als "der Alte" erwähnt wird, eine Art Arbeitgeber oder Mentor von Paul, der an einer Stelle zugibt, selbst halb erfunden zu sein. Halb deswegen, weil Grass sich sehr eng an eine tatsächliche Begebenheit hält: wirklich ist einer hochschwangeren Frau an Bord der Gustloff genau das passiert, was Pauls Mutter in dieser fiktiven Geschichte passiert. Und wirklich gibt es den ehemaligen Zahlmeister, der später Bücher über die Gustloff geschrieben hat. Hier werden gleich mehrere Schicksale miteinander verknüpft, und dies so gut und auch spannend, dass mir das Werk wirklich gefallen hat. Die Geschichte treibt stetig voran, man könnte ihr allenfalls vorwerfen dass sie möglicherweise ein bisschen klischeehaft daherkommt: Vater ein Verlierer, Mutter hilflos, Grossmutter die ewig Gestrige (im übrigen entlockt die Grass-Interpretation des Dialektes Tulla's ab und an ein Schmunzeln) und als Resultat der Enkel ein Nazi.
Zur Zeit wird dieses alte, düstere Kapitel Geschichte wieder aus der Schublade geholt, und für viele längst überfällig darf auch endlich darüber gesprochen werden. War es vor Jahren noch verpönt, auch Deutsche als Opfer zu betrachten, so begrüsse ich Grass' Ansichten, dass derartige Geschichten nicht den heute ewig Gestrigen, den Neonazis und ihrem Gefolge überlassen werden dürfen. Denn sonst entstehen Webseiten wie die fiktive in diesem Buch, auf denen Helden gepriesen werden, die keine sind. Geschichtsverdrehung gibt es schon genug.
Kompakt gesprochen empfehle ich dieses Werk vielen Menschen - zum einen natürlich den Grass-Lesern, die Tulla wiedersehen möchten. Ich habe darüber gelesen, dass er diese Figur schon in früheren Büchern immer wieder hervorgekramt hat, und finde derartige Verstrickungen über viele Geschichten hinweg faszinierend. Dann auch eine Empfehlung an die, die wie ich bisher vielleicht Vorbehalte gegen den Autor hatten - seine Sprache ist leicht, niveauvoll zwar, aber weder ideologisch noch in negativem Sinne intellektuell gefärbt. Und zum Schluss allen interessierten und aufgeschlossenen Lesern.
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32 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Günter Grass, Im Krebsgang, 5. Februar 2002
Von Ein Kunde
Günter Grass hat mit dieser Novelle ein ganz erstaunliches Werk verfasst, das mit zu dem Besten gehört, was er in seiner ganzen literarischen Laufbahn geschrieben hat. Er behandelt den Untergang der "Wilhelm Gustloff", jenem KdF-Schiff, das die ideale Gesellschaft der NS-Regimes darstelle. Bei Grass verkörpert das Schif jedoch mehr als nur das ideale Gesellschaftsbild. Es symbolisiert das Dritte Reich in seiner Gesamtheit.
Grass hat mit dieser Novelle eine Wende in seinem Werk eingeläutet. Jene, die sich oft über seinen einschläfernden Erzählstil beklagt haben mögen, werden durch diese Buch mit großer Sicherheit zufriedengestellt werden. Sein Erzählstil ist frappierend, der Katastrophe angepasst. Man liest bei den Untergang, er ist literarisch illustriert, musikalisch ausgemalt. Grassens Novelle ist schlicht Programmusik.
Er hat thematisch ein Sujet aufgegriffen, das so in der deutschen Gegenwartsliteratur noch nicht behandelt wurde, sieht man einmal von einigen Groschenromanversuchen ab. Es handelt sich jedoch hierbei keineswegs um ein Tabuthema, wie große Tageszeitungen sich gefallen zu behaupten. Dennoch kann man Grass dankbar sein, daß er dieses Thema zum Gegenstand seiner Erzählung gemacht hat. Grass hat den für ihn idealen Stoff gefunden. In älteren Werken konnte er sich nie vom Anekdotischen lösen, was seine Bücher schwierig und zäh machte. Ihm ist die perfekte Symbiose aus Handlung, geistreich, mitunter rührend weil tragisch, und Erzählstil gelungen
Grass ist ohne Zweifel ein großer Wurf gelungen. Es bleibt zu hoffen, daß er an diese Erzählung, eine der besten der neuen deutschen Literatur, mit weiteren Werken anknüpfen kann.
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein großer Wurf von Günter Grass!, 4. Januar 2003
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"'Warum erst jetzt?', sagte jemand, der nicht ich bin." So lässt Günter Grass sein neuestes Werk beginnen und stellt damit die Frage in den Raum, warum das Elend der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten über Jahrzehnte hinweg nie eine große Rolle im öffentlichen Diskurs gespielt hat. Die Antwort liefert er nach: "Wir waren mit eigenen Verbrechen beschäftigt."
Es ist ein großes Verdienst von Günter Grass, dieses sensible Thema mit seiner Novelle endlich anzupacken, aber gleichzeitig nicht in klischeehaftes Opfer- und Täterdenken zu verfallen. Sehr differenziert und ohne oberlehrerhaften Duktus wird verdeutlicht, wie das Unrecht, das von den Nazis ausging und von Deutschen begangen wurde, rückläufig geworden ist und vor allem die Ostflüchtlinge mit brutaler Härte traf. Die Beschreibung des Untergangs der "Wilhelm Gustloff" ist nicht sprachlich ausschweifend, aber geht unter die Haut.
Doch das ist nicht alles: Die historische Makroebene wirkt im Buch des Nobelpreisträgers in Form einer fiktiven Familiengeschichte bis in die Gegenwart hinein. Es ist eine literarische Meisterleistung, wie die verschiedenen Erzählebenen sich im Verlauf der Handlung zunehmend als komplementär zueinander erweisen und sich daher auch immer stärker durchdringen, bis am Ende - über ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende - eine weitere Katastrophe passiert...
Treue Leser von Grass werden viele alte Bekannte wiedererkennen, wenn sie "dem Alten" noch einmal in die Danziger Vergangenheit folgen. Doch auch Leser, die dem oft schwierigen Stil und der barocken Sprachgewalt in früheren Werken von Grass eher skeptisch gegenüberstanden, werden an dieser packenden Novelle ihre Freude haben.
Für mich ist "Im Krebsgang" ganz klar die Top-Neuerscheinung des Jahres 2002 und ein künftiger Klassiker der Schullektüre. Danke, Günter Grass!
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nachwirkungen einer menschlichen Tragödie, 23. Oktober 2006
Von 
Rezension bezieht sich auf: Im Krebsgang: Eine Novelle (Taschenbuch)
Das Buch behandelt in einer Art Zeitraffer die Epoche vom herannahenden Ende des zweiten Weltkrieges bis zur Jahrtausendwende und beleuchtet schonungslos die misslungenen Leben von 3 Generationen: der Deutschen, die den Krieg miterleben mussten, der zum Kriegsende oder danach geborenen und der Wohlstandskinder der 80er und 90 er Jahre. Grass beleuchtet grell die Unfähigkeit der Mutter, die ihr Kind kurz nach der Rettung von der sinkenden Wilhelm Gustloff auf einem Torpedoboot gebären musste, sich von dieser Episode zu lösen und gleichsam Sohn und Enkel brutal mit ihren Erinnerungen anfällt. Dem Sohn (Ich-Erzähler des Buches) sind die Schilderungen seiner Mutter gleichgültig. Er ist geschieden, eine kleine unbedeutende journalistische Existenz. Beim Enkel, dem Sohn des Erzählers jedoch, fallen diese immerfort wiederholten Schilderungen auf fruchtbaren Boden. Dieser verspürt bald den inneren Zwang, die Versenkung des mit Flüchtlingen überladenen Schiffes, die fast 60 Jahhre zurück liegt, zu sühnen.

Vater und Sohn begegnen sich zum Teil unter Pseudonymen in Chatrooms im Internet und bald kann auch der Vater nicht mehr die Augen vor der tiefbraunen Gesinnung des Sohnes verschließen. Die sich daraus ergebende Tat kann er jedoch nicht verhindern.

Zugegeben, die ersten etwa 20 Seiten und die oft etwas zu ausgedehnten im weltweiten Netz spielenden Szenen sind teilweise quälend: deshalb nur 4 Punkte. Die Schilderung des Untergangs der Wilhelm Gustloff nach dem Treffer mehrerer russischer Torpedos indes ist unglaublich gut gelungen und zählt zum beeindruckendsten, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Grass gelingt die Reise vom unter der Last des verlorengehenden Kriegen ächzenden Großdeutschen Reiches bis in den Wohnzimmermief der Bundesrepublik Deutschland nach der Wende ganz vorzüglich und mit Leichtigkeit, mit einfachen Mitteln und wenigen Worten: das Buch hat etwas über 200 Seiten, damit auch für wenig Leser eine realistische Herausforderung. Und die lohnt sich. Bravo, Herr Grass!
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr interessant für Freunde der deutschen Geschichte, 1. Februar 2005
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Im Krebsgang: Eine Novelle (Taschenbuch)
Da dieses Buch eine historische Begebenheit darstellt, war ich zu Beginn sehr skeptisch. Nach nur wenigen Seiten begann ich mich für dieses Buch zu interessieren und nach weiteren Seiten war ich so von dem Buch eingenommen, dass ich nicht mehr aufhören wollte. Dabei störten mich weder die plötzlichen Sprünge zwischen der Jetztzeit und den historischen Begebenheiten noch die norddeutsche Schreibweise mancher Worte.
Es ist sehr gut, dass sich endlich ein Schriftsteller mit dem Untergang der Willhelm Gustloff beschäftigt, da dieser bis jetzt von den meisten Menschen übergangen wurde. Günter Grass schafft es endlich, die Titanic von ihrer Stellung als schrecklichste Schiffskatastrophe zu verdrängen.
Der ich - Erzähler der Geschichte ist in allen Punkten von Günter Grass verschieden. Zum Beispiel sagt der Erzähler von sich, dass er völlig Unpolitisch ist.
Das Buch hat drei Höhepunkte, die durch den Namen Willhelm Gustloff miteinander verbunden sind. Die ersten zwei sind historische Tatsachen, der dritte erfunden.
Zuerst wird Willhelm Gustloff von David Frankfurter ermordet. Der Erzähler erfährt davon durch eine Internetseite.
Dann wird das KdF - Schiff Willhelm Gustloff durch den U-Bootkapitän Alexander Marinesku versenkt. Dabei starben mehrere tausend Menschen. Auch davon erfährt der Erzähler durch die Homepage, die, wie er inzwischen herausgefunden hat, von seinem Sohn Konrad erstellt wurde.
Auf der Homepage lernte sein Sohn, der sich den Decknamen „Willhelm" zugelegt hat, einen anderen Charakter kennen, der sich im Internet "David" nennt. Als dritten Höhepunkt erschießt „Willhelm" „David" aus Rache an Willhelm Gustloff.
Beim darauf folgenden Gerichtsverfahren wird „Willhelm", im Gegensatz zu David Frankfurter, zu nur 9 Jahren Haft verurteilt. Die Eltern von „David" machen Konrad Pockriefke keine Vorwürfe. Das Ende des Buches ist offen.
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Im Krebsgang: Eine Novelle von Günter Grass (Taschenbuch - 1. März 2004)
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