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Kundenrezensionen

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am 19. November 2001
Alles beginnt im Iran, Teheran, 1979. Dies verwundert nicht weiter, wer Krachts „bunten Bleistift" kennt, weiß um seine Affinität zum Orient und Nahen Osten. Es ist die Zeit des Umbruchs, der islamischen Revolution. Der Kriegszustand ist ausgerufen, und inmitten dieser Wirren der Zeit, agieren der Protagonist und sein -zu meiner Überraschung- schwuler Freund Christoph wie zwei Grotesken. Typisch Kracht steht die Politik hinten an, stattdessen werden Vorhänge kritisiert, Chaiselongues vom Ich-Erzähler und Innenarchitekten beschrieben. Wer die aus „Faserland" bekannte Barbourjacke sucht, wird nach nicht ganz zehn Seiten fündig, sie wurde lediglich durch ein Paar Berluti-Schuhe ersetzt, diese erfüllen aber ihren Zweck genauso gut, nämlich den Leser immer wieder an die Anfänge dieses wahnwitzigen Werkes zu erinnern. Das ist auch bitter nötig, denn was Kracht da in nicht einmal 180 Seiten zusammengeschrieben hat, wäre genug Stoff für andere Zeitgenossen, daraus eine sich über mehrere Jahrzehnte erstreckende Trilogie zu stricken. Ich danke Herrn Kracht für die Kurzfassung. Er bleibt sich -zumindest am Anfang- völlig Treu. Der geliebte, intelligente und hochzynische Freund des Erzählers und die ausschweifende Drogenparty, auf der die beiden in den ersten fünfzig Seiten landen ließen jedenfalls auf ein Remake von „Faserland" in Fernost vermuten, könnte doch der Verlauf der Feier genauso gut einer Szene des genannten Buches entnommen sein. Doch weit gefehlt. Ohne zuviel verraten zu wollen, wer ein von diesem Buch leichte Unterhaltung erwartet, dem wird spätestens im letzen Viertel das Lachen im Halse stecken bleiben. Und trotz der tragisch beschriebenen folgenden Ereignisse, die ich nicht so recht Kracht zuschreiben wollte bleibt es ein „echtes" Buch, made by C.K. Ein Feuerwerk überhöhter Ironie, eine Leichtigkeit und die Einfachheit der Sprache in Verbindung mit der paradoxen Geschichte stehen in einem grotesken Zusammenspiel und machen „1979" zu einem der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Wo andere Erzähler sich wortgewaltiger, blumiger Floskeln bedienen, um den Geschehnissen Tribut zu zollen, lässt der Kracht der Geschichte Luft, Platz zum Atmen, eine mysteriöse Ruhe liegt über den Ereignissen und der Leser darf sich selbst ein Bild der Geschichte machen. Und wenn man - wie ich - nach nicht ganz fünf Stunden intensiven Lesens das schlichte Buch beiseite legt, in einem Wechselbad der Gefühle, zwischen Schrecken, Empörung und Entzücken. - Der darf getrost wieder von vorne beginnen. Denn im Wissen um die späteren Ereignisse lassen die Hauptdarsteller in einem ganz anderen Licht dastehen, die Figuren wirken - im Gegensatz zum ersten Mal- schlüssig. Da passen die Details, die Lücken sind gefüllt. Für mich ist „1979" ganz klar eines der großen Werke der Gegenwartsliteratur.
Und wer nun aufgrund dieser Kritik über die Anschaffung nachdenkt, und zuvor keinen Kontakt mit dem Schreiben Krachts hatte, dem sei zuerst die Lektüre von „Faserland" ans Herz gelegt. Zum einen, weil das Erstlingswerk schon als Taschenbuch verfügbar, zum anderen, weil „1979" als konsequente Weiterentwicklung zu sehen ist. Doch Vorsicht: Kracht wird nicht erwachsen. Nur besser.
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am 15. November 2013
Gelesen hat man das Buch in wenigen Stunden. Aufgehört darüber Nachzudenken, sich an der eleganten Sprache zu erfreuen und durch und durch beeindruckt von den wenigen aber dafür umso prächtiger konstruierten Charakteren zu sein, habe ich auch ein halbes Jahr später nicht. Mit 1979 geht Christian Kracht weit über das reine Geschichten erzählen hinaus. Ich habe noch nichts vergleichbares gelesen.
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am 20. Mai 2015
Eigentlich hatte ich nach „Faserland“ gesucht, bin dann aber glücklicherweise an „1979“ geraten.
Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren so eine inhaltlich ungewöhnliche Novelle (sehr kurz das Buch; unter 200 Seiten bei sehr sparsamen Text im Seiten-Layout) gelesen zu haben.
Faszinierend ist vor allem, wie sich „1979“ jeder Deutung und Einordnung entzieht.

Handlung:
Die Geschehnisse an sich sind im 1. Teil banal: Ein Pärchen ohne gemeinsame Zukunft ist auf einer Iran-Reise am Vorabend der Revolution und besucht eine dekadent-ausschweifende Party der Teheraner Oberschicht. Schließlich verstirbt noch in der selben Nacht -vermutlich- aufgrund von Drogen- und Alkohol-Missbrauch der Lebensgefährte des Ich-Erzählers. Kurz darauf tritt dieser Ich-Erzähler in den ersten Wirren der Revolution sodann über den ersten surrealen Kniff der Geschichte erneut auf einen weiteren Gast der vorerwähnten Party. Dieser Herr -seltsam weltentrückt/spirituell/zwielichtig- ermuntert den Protagonisten schließlich zu einer Pilgerreise zum heiligen Berg Kailash in Tibet.

Der 2. Teil beginnt sodann mit dem Ende einer vermutlichen Odyssee, welche den Ich-Erzähler schließlich zum besagten Berg gebracht hat. Die Umrundung des Kailash wird aber durch die Festnahme durch chinesische Soldaten und Verbringung in ein Gefangenenlager mit anschließendem Verhör/Folter verhindert. Ohne Chance auf Flucht oder Entlassung vegetiert der Protagonist körperlich schließlich in mehreren mondähnlichen Landschaften (Tibet/Lop Nor) mit anderen Personen einem Tod durch Mangelernährung/Zwangsarbeit/Verstrahlung entgegen. Spirituell scheint er jedoch seinen Frieden mit sich und seiner Umwelt gefunden zu haben und erfreut sich aufrichtig an 15 Gramm selbstgezüchtetem Madenfleisch zur Nahrungsanreicherung.

Sprache:
Der Text ist kurz, die Sprache trocken, karg und lässt trotzt bestimmter Einschübe von Kleidungs- und Designbeschreibung im 1. Teil sehr vieles offen. Wirklich konkrete Schilderungen gibt es kaum (vielleicht im Krankenhaus in Teheran oder im 2. Teil bei den Lager-Bedingungen), ansonsten bleibt vieles vage; vor allem Vorgeschichte und Motivationen der Charaktere sind unklar, es sind reine „Momente“, die geschildert werden.
Ein bisschen erinnert diese Lakonie auch an Stellen bei Hemingway und hinsichtlich der am Ende doch seltsam grotesken/surrealen/bizarren Entwicklung an Kafka.

Dennoch ist der Text stets von gewisser Ironie durchzogen (im Mann'schen Sinne) und stilistisch sehr fein und subtil; durchaus beeindruckend und -zusammen mit dem Inhalt- mit immer größerer Wirkung auf den Leser.

Inhalt:
Ich glaube, dass „1979“ schon durch Umfang und Sprache gleichzeitig jeder Interpretation offen steht (Raum ist da für wirklich vieles) und andererseits durch die Handlungsbrüche (und auch bewusst gesetzte logische Brüche) zwischen 1. und 2. Teil jede Deutung unzulänglich macht.
Es ist eine Geschichte eines körperlichen Niedergangs und sozialer Isolation bei gleichzeitiger spiritueller Erhöhung (oder einfach beginnender Geisteskrankheit), die sich einer logischen Durchdringung entzieht. Wie sollte man auch wirklich nachvollziehen können, dass ein Mensch beim Sturz des Schahs nicht über die Deutsche Botschaft heimkehrt, sondern ohne wirkliche Planung und Intention illegal nach Tibet einreist?
Das für den Icherzähler schaurige Ende lässt den Leser auf angenehme Weise verstört und mit der Frage: „Was habe ich den da gerade gelesen?“ zurück. Auch mit anderen literarischen Begriffen/Schlagwörtern ist dem Text nicht beizukommen.

Und DAS wiederum schaffen nur große Geschichten und Bücher. „1973“ ist -trotz mancher Assoziationen wie oben- etwas völlig Eigenständiges und Neues. Ja, postmodern, aber was kann man nicht unter die Postmoderne fassen?

Alles in allem: Ein großartiger Text, der aufgrund vieler ungewöhnlicher Elemente den Leser fordert, ihn intellektuell verunsichert und dessen (vielleicht festgefahrene?) Erwartungshaltungen an Literatur/Prosa in Frage stellt. In dem Zusammenhang wundert es nicht, dass bei der internen Suche zu „1979“ bei Amazon viel Sekundärliteratur erscheint.

Faszinierendes Buch!
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am 5. August 2015
Dieses kleine Buch von 180 Seiten ist sehr rätselhaft. Am einfachsten scheint mir noch die Amazon-Bewertung zu sein. Natürlich fünf Punkte. Man könnte auch 14 oder 19 Punkte vergeben.

Beginnen wir mit einer Frage: Was treibt zwei reiche, gut ausgebildete Deutsche im Jahr 1979 zur schlimmsten Revolutionszeit in den Iran? Offenbar folgten die Lebensgefährten den architektonischen Studien des einen, der dann in Teheran in einem öffentlichen, fürchterlichen Krankenhaus seinen Drogeneskapaden erliegt.

Die zweite Frage ist schon nicht mehr so komisch: Warum begibt sich die Hauptfigur von Teheran nicht etwa zurück nach Deutschland, in die Schweiz oder nach Paris, sondern in ein unwegsames tibetanisches Gebirge? Tja, ein ominöser Rumäne hatte die Hauptfigur in Teheran dazu aufgefordert, sich mit der Bergumrundung reinzuwaschen. Das klappte jedoch nur bedingt. Die Hauptfigur wird von den Chinesen geschnappt und in ein Arbeitslager gesteckt, wo sie wohl heute noch sitzt.

Wie kommt man auf so eine Story? Wollte Kracht damit wirklich etwas ausdrücken? Hat das Buch eine Message? Ist es ein lösbares Rätsel? Vielleicht. Aber nicht für mich. Ich denke, Kracht wollte hier etwas besonders Geheimnisvolles abliefern, ein Stück raunendes Gewisper, einen opaken Finsterwald, wie auch immer. Jedenfalls ist das wirklich Kunst. Man muss nicht immer alles verstehen.
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am 19. August 2003
Eine Geschichte, die nicht belangloser und zugleich treffender die Partnerschaft zweier Menschen, die Asymmetrie ihrer Liebe und den verzweifelten Kampf eben um diese Liebe von unterschiedlichen Standpunkten und Bedürfniswinkeln aus beschreiben könnte, nimmt eine merkwürdige Kehrtwende und führt den Leser zum zweiten Teil auf die Grundwerte der menschlichen Existenz zurück.
Am Ende des Buches war ich innerlich zerrissen zwischen Mitleid mit dem Erzähler und der aufrichtigen Freude für ihn, denn Sinn für das beschriebene und gelebt erlebte Leben gefunden zu haben.
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am 3. Juni 2003
Das Buch ist groß! Ich habe es in einem durchgelesen und war schwer beeindruckt. Die Monotone Ruhe, die im Sprachrhythmus liegt ist poetisch, die Ereignisse surreal, die humoristischen Stellen höchst amüsant und die erschreckende Realität im letzten Teil des Buchs grausam, gerade weil sie so real wirkt. Und viel dichter dran als bei George Orwell.
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am 11. Februar 2002
Natürlich wurde und wird auch dieser Roman von Kracht wieder verissen. Dies geschieht - schon wieder - in derart ungerechter und dilettantischer Art, dass es schon fast weh tut!
Unpolitisch sei 1979 - nun, ich bezweifle, dass viele Leser und Kritiker überhaupt irgendetwas über den Iran wussten. Ich z.B. musste auch erst nachschlagen, was genau dort 1979 passierte. Natürlich bezieht Kracht durch seinen Ich-Erzähler nicht persönlich Stellung, denn genau das würde seine Aussage, würde den Ich-Erzähler ruinieren. Dieser ist unpolitisch bis dumm - aber deshalb sind es Kracht und der Roman insgesamt doch nicht!
Kracht kennt Asien sehr gut, und man bedenke bitte, dass 1979 nicht in der Welle des 11. Septembers erschien und auch nicht entstand. Da lag Harald Schmidt schon richtig, als er sagte, der Roman sei visionär.
Der Roman habe keine Aussage und gar kein wirkliches Thema - also, ein Mensch, der so von einem anderen abhängig ist, wie der Erzähler von Christopher, ein Mensch, der sich vor seinem eigenen Speichel ekelt, der keine Kindheitserinnerungen hat, den nur Innenarchitektur interessiert und der erst in einem Umerziehungslager eine gewisse Zufriedenheit erlangt...na, klingelt's langsam? Dieser Erzähler handelt nicht böse, oft sogar im Gegenteil, aber irgendwie tut er es doch! Er misshandelt niemanden, aber er schreitet eben auch nicht ein, wenn es andere tun. Ein Niemand also, der nicht zu den ganz bösen gehört, aber dennoch nicht nachahmenswert ist. Und das ist NICHT unpolitisch. Kracht gibt keine Anweisungen, er zeigt "nur" den Weg an. Mehr haben auch die ganz Großen nicht getan, und das mussten sie auch nicht.
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am 8. März 2016
Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht erzählt in seinem Roman '1979' auf gewohnt provozierende und verstörende Art vom Aufeinandertreffen zwischen surrealer Dekadenz und brutaler Radikalität. Ein junger Dandy stolpert mit viel Pop und Pathos in die Wirrungen der Revolutionsunruhen in Teheran und fällt dabei in einen Sog der Ereignisse, welchem er mit paradoxer Gleichgültigkeit entgegentritt.

Der Roman spielt zunächst im Iran des Jahres 1979. Die revolutionäre Bewegung ist im vollen Gange. Ajatollah Chomeini führt Demonstrationen gegen Schah Mohammad Reza Pahlavi an und fordert dessen Absetzung. Von alle dem bekommen der namenlose Erzähler und sein Freund Christopher allerdings nichts mit - sie sind viel mehr mit sich selbst beschäftigt. Da scheint die Frage nach der passenden Schuhwahl für die anstehende Party wichtiger. In den Unruhen um sie herum wirken die beiden grotesk deplatziert. Auf einer dekadenten und skurrilen Party in Teheran führen Christophers Drogeneskapaden je zu einem bitteren Kurswechsel der Geschichte. Auf sich allein gestellt irrt der dandyhafte Erzähler von nun an durch die Geschichte. Gelenkt von Suche und Zufall begibt er sich dabei nach Tibet und China ' Orte, an denen der westlichen Weltanschauung unbegreifliche Gefahren drohen.

Nach seinem Debüt 'Faserland' legte Kracht erneut ein verstörendes und oft nur symbolhaft-andeutendes Werk vor. Der recht schmale und schnell gelesene Roman fährt dabei mit obskuren Figuren, spannenden Beschreibungen und teilweise schrecklichen Begebenheiten auf. Kracht schafft es den Leser trotz der ständig unklar bleibenden Thematik am Ball zu halten. Am Ende steht die Frage, was man da eigentlich gelesen hat, aber gleichzeitig auch eine ungeheure Faszination in Bezug auf die unergründlichen Leerstellen des Textes. Was bei anderen Autoren oft sperrig wirken kann, zieht einen hier in den Bann.

Zum Erscheinungsdatum des Buches waren die im Text angesprochenen Themen - nach den Anschlägen in New York und Washington - brandaktuell, aber auch heute noch hat '1979' nichts von seiner Brisanz verloren.

Kracht setzt '1979' als Mittelpunkt seines Triptychons über ratlose Reisende. Es empfiehlt sich also das Werk zusammen mit den Romanen 'Faserland' und 'Ich werde hier sein im Schatten und im Sonnenschein' zu lesen.
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am 17. Oktober 2001
Christian Kracht hat ein kurzes Buch geschrieben: 150 Seiten, die Hälfte davon nur bedruckt, wenige Worte füllen eine Zeile. Nach gut einer Stunde ist man durch, und man wird nicht anders können, als gleich nochmal von vorne anzufangen: in einem komplett anderen Licht erscheinen dann plötzlich die Streitigkeiten der beiden schwulen Hauptfiguren, und auch die dekadente Party in Teheran, die mühelos auch am Bodensee in Rollos Haus hätte stattfinden können, wird man plötzlich ganz anders lesen. Überall lauern versteckte Anspielungen auf das Ende, aber auch auf den 11. September, der im Grunde ein ziemlich dämliches Datum ist, aber vielleicht auch der Tag, an dem uns die Augen dafür aufgingen, was Christian Kracht schon lange wusste: "Wir haben uns alle verschuldet, weil wir Amerika zugelassen haben. Und wir werden unsere Dekadenz nie wieder gut machen können, nie wieder." Für Kracht ist 1979 "light entertaintment", doch der Leser, der derartige Gewissheiten erst langsam verdauen muss, während der Ich-Erzähler mehr und mehr von Durchfall gequält wird, ist mehr erschrocken als amüsiert. Es ist die Leichtigkeit, die Überhöhung, der Hauch von Parodie, mit der Kracht seine bittere Geschichte vorbringt, die aus diesem Roman ein herausragendes Buch macht, ein Buch, das zum Besten der deutschen Gegenwartsliteratur zählt, das man wieder und wieder lesen wird und das einmal übrig bleibt, wenn der Begriff Popliteratur bedeutungslos geworden ist, Bernhard Schlink vergessen, Stuckrad-Barre verdrängt. Kracht ist der intelligenteste Autor unserer Zeit, 1979 sein bislang bestes Buch.
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TOP 500 REZENSENTam 9. August 2012
"Ein kleiner Bach floß aus einem Gebüsch, schlängelte sich quer durch den Rasen und verschwand am unteren Ende des Grundstücks in einem Dornenstrauch. Brennende Fackeln waren in unregelmäßigen Abständen in den Boden gesteckt. Eine Frau in einem hellblauen Kleid stand etwas abseits im Garten und zielte mit einem Luftgewehr auf die Baumwipfel. Ihr Schatten zitterte auf dem Gras."

Völlig klar und doch wieder schematisch, so erscheint uns die Welt oft; Christian Kracht hat das in seinem Buch "Faserland" hervorragend eingefangen.
Auch in 1979, seinem Anschlusswerk, ist alles völlig klar, und auch ein wenig absurd, und doch auch irgendwie schematisch, als ob es keinen Ausweg gebe, als sei das Buch eine Reise in einem verschlossenen Waggon, also kombinierten die einzelnen Sätze des Werkes die Realität und wüchsen dann untrennbar zusammen. Schicksal und Vorbestimmung, dass alles wird ab ad absurdum geführt und doch wird die menschliche Bestimmung hervorgehoben.

Das Buch startet im Iran, in Teheran, Anfang 1979. Das Land ist im Umbruch, die alte Ordnung bröckelt, die offene Revolution gegen das Königshaus des Schahs ist nah. Aber ähnlich wie Nicolas Borns Held in Die Fälschung (ein Buch, das ein ganz kleines bisschen ist wie eine ältere Faserlandversion von "1979"), haben auch Krachts Protagonisten wenig Interesse an den Geschehnissen, denn sie sind, wie das bei normalen Menschen halt so ist und wie Kracht es auch konsequent verfolgt, laufend mit sich selbst beschäftigt, auf sich selbst konzentriert oder auf ihre Bezugspersonen/-punkte. Und so streifen sie den eigentlich alles beherrschenden Sog der Geschichte nur am Rande - die persönliche Innerlichkeit steht im Vordergrund, das Erleben der ganz und gar dezentralen Welt der Zentralismen.

In einer Odyssee wird aus Teheran über Tod und Flucht hinweg schließlich Tibet; eine Reise, die scheinbar ohne Grenzen und auch ohne Ziel bleibt. Von der Liebe, über die Freundschaft, den Glauben, bis zum letzten Ursprünglichen ist Kracht bis dahin die Stufen der Lebensleiter immer weiter hinabgestiegen. Viel kann nicht mehr kommen. Und so endet dieser Abstiegsroman kurz vor dem Nichts. Ein fast schon Beckett ähnliches Nichts, aber nicht mal mit dem Hang es zu erreichen.

Das schöne an 1979 ist, dass es ein Buch ist, das scheinbar keinerlei Erwartungen stellt. Und so ist der Leser angehalten viel vorsichtiger und aufmerksamer die Zwischenräume zu erkunden, die sich hinter Gedanken und Schilderungen des Ich-Erzählers und den Zusammenhängen ergeben, er kann mit Gedanken spielen wie mit dem Feuer - auch wenn sie letztlich nur Fragen ergeben.
Sicherlich ist es vor allem eine postmoderne Erzählung, die uns möglicherweise zeigen will, wie leicht der Abstieg aus der Zivilisation ist, weil schon einfachste Sachen ihr Gerüst herabsenken. Nie ist man fern von der Zivilisation, außer vielleicht in sich selbst.
Wegen Krachts detaillierter und nuancierter Erzählpolitik ist das Buch mehr ein Erlebnis, denn eine Geschichte, auch wenn es für viele wohl eher ein Fremderlebnis sein dürfte. Aber ein intensives Fremd- und Literaturerlebnis, keine Frage.
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