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16 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Aus, Schluss, vorbei
Jetzt haben wir es endlich hinter uns, dieses barbarische unmenschliche 20. Jahrhundert, und gehen schon deshalb voller Zuversicht ins 21., weil es gar nicht mehr schlimmer kommen kann. Grass, der große, erspart sie uns nicht, die Toten, die Gequälten, obwohl er, unserer Phantasie freien Raum schaffend, oft nur andeutet, wie verachtenswert manches war. So...
Am 10. Januar 2000 veröffentlicht

versus
8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Illustrationen eines Zeitalters
In diesem Buch läßt sich wahllos blättern , es enthält eine Ansammlung von Geschichten aus dem deutschen Alltag, für jedes Jahr in unserem Jahrhundert eine und die jeweils 4 Seiten lang.Die mit Aquarellen versehene Ausgabe liegt schön in der Hand und animiert zum Schmökern. Ich überlege, ob ich meinem Vater, der dieses Jahr 80...
Am 11. September 1999 veröffentlicht


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16 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Aus, Schluss, vorbei, 10. Januar 2000
Von Ein Kunde
Jetzt haben wir es endlich hinter uns, dieses barbarische unmenschliche 20. Jahrhundert, und gehen schon deshalb voller Zuversicht ins 21., weil es gar nicht mehr schlimmer kommen kann. Grass, der große, erspart sie uns nicht, die Toten, die Gequälten, obwohl er, unserer Phantasie freien Raum schaffend, oft nur andeutet, wie verachtenswert manches war. So etwa, wenn er die Jahre des Zweiten Weltkrieges als Kameradschaftstreffen ehemaliger Kriegsberichterstatter auf einer Nordseeinsel passieren läßt. Mit welcher Leichtigkeit der alte Grass noch erzählen kann, verblüffte mich durchaus: Zu meinen Favoriten gehört die Begegnung von Benn und Brecht am Grabe Kleists, die auch die beiden deutschen Staaten und deren Umgang mit Geschichte symbolisiert und trotzdem spannend zu lesen ist (und einfach auch ein bißchen Mitdenken erfordert). Die allerschlechtestens Text entstehen ja immer, wenn ein Autor zu aktuellen politischen Themen Stellung nimmt, Das trifft selbst auf unseren Nobelpreishelden zu: Die Geschichte über Birgit Breuel und die Treuhand, mag sie inhaltlich zutreffen oder diffamieren, literarisch entspricht sie nicht dem Niveau eines Elftklässlers. Ich bin mir sicher, dass ich meinen Söhnen - jetzt eineinhalb Jahre und elf Wochen alt - dieses Buch in die Hand drücken werde, wenn sie mehr über das Jahrhundert wissen wollen, in dem ich geboren bin. Und natürlich werde ich ihnen die illustrierte Fassung geben. Nicht weil Grass mit Farben so gut wie mit Worten malen kann, sondern weil uns ein ganzes Jahrhundert einen Moment der Betrachtung wert sein sollte.
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9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erste Interpretationen: 2 Einzelgeschichten, 5. November 1999
Von Ein Kunde
Zur Form: Bilderbögen für lernende Lehrer und Schüler
Grass orientiert sich mit "Mein Jahrhundert" vor dem Hintergrund eines Verlustes der Lesekultur an zwei Zielgruppen. Jugendliche etwa, die eine Lesekultur verlieren, ohne sie kennengelernt zu haben, sind angesprochen. Vermitteln soll dies jedoch die Gruppe der 'lernenden Lehrer': Die scheinbar einfachen Geschichten sind Lesebuchstoff, in der illustrierten Version sind es einzelne Bilderbögen, die insgesamt einen großen Jahrhundert-Bilderbogen ergeben: Vormals gab es den Neuruppiner Bilderbogen, an dem Geschichte in Comic-Manier mit Zeigestock dargestellt und kommentiert werden konnte. Dieses Medium ist ausgestorben. Heute, angesichts des globalen Problems der Zerstörung des Menschen durch den Menschen, könnte Ähnliches der Literatur drohen: Als Nischenphänomen verlöre dieses Gegenmittel seine Bedeutung.
Zum Inhalt: Einzelgeschichten mit Erzählerfehlern
Grass' Ironie, seine Ästhetik der Erzählerfehler, werden unsere Großkritiker wohl nie verstehen: Ulrich Greiner etwa kritisierte, daß der Rollenprosazwang der hundert Geschichten mit ständig wechselnden Erzählern dazu führe, daß in jeder Einzelgeschichte ständig erklärt werden muß, wer was wem wann und warum erzählt. Grass läßt hier tatsächlich sehr viele Fehler 'sich ereignen': Es wären Anfängerfehler, wenn es Fehler wären. Der 'niederbayerische Freiwillige' aus der ersten Geschichte betont tatsächlich, als wüßte sein Redegegenüber dies nicht, das er 'aus dem Niederbayerischen' kommt, als Niederbayer in Hamburg ist, von wo er zum imperialistischen Gemetzel, das später "Boxeraufstand" genannt wurde, aufbrach. Dort war er "zwecks Einschiffung". Greiner: "Wer redet hier? Ein plötzlich sprachlos gewordener Grass?" Wer solchen Fehlern nachgeht, entdeckt den Clou der Geschichte: Ein einziger Bayer - die Bayern haben bekanntlich etwas gegen die Preußen - folgte dem obersten Preußen, dem Kaiser mit der Pickelhaube. Er redet und schreibt wie ein Beamter: An die Aura, den Heiligenschein des im Gegenlicht plazierten Kaisers, darf er sich nur 'nüchtern' erinnern. Das wird erst in der Marokko-Krisen-Geschichte klar, in der anders über Wilhelms angemaßtes Pickelhauben-Gottesgnadentum gelästert wird. Also: Nicht nur 'freiwillig' und 'zwecks Einschiffung' war er dort, sondern vor allem 'zwecks Aufstiegs ins Beamtentum'! Er versprach sich im militaristischen 'Großpreußen'-Deutschland, seine Wurzeln verleugnend, den privaten Aufstieg, wo sein Kaiser sich den Aufstieg zur Weltmacht versprach. "Ein für allemal" sollte Kultur gebracht werden: Dazu waren 'alte Zöpfe' abzuschneiden - und im Kampf der hochgerüsteten Europäer gegen die 'mit der Faust kämpfenden', die man "Boxer" nannte, mußten auch die Zopfträger dran glauben. Die 'Kulturbringer' hausten wie Hunnen, die der Kaiser "so belobigte". Resi, die Verlobte aus Straubing, befürchtete "Spuk im Hause" dieses Kulturstifters: Gut-katholisch verbrannte sie den Zopf, mit dem ihr 'Held' sich zu Karneval brüstete. Vor allem beim Sex dürfte sie Schwierigkeiten mit ihrem "Barbaren und Tiger" gehabt haben, der "in fernen Dschungeln gierig nach Fleisch" war. Doch das ist Leerstelle und Überleitung: Dieser Satz stammt aus der zweiten Geschichte. Und er bezieht sich ausgerechnet auf den Doktor Gottfried Benn, dem seine vormalige Kurzzeitgeliebte, die jüdische Schriftstellerin Else Lasker-Schüler eine fulminante Absage erteilt - auf drei von Grass erfundenen Postkarten, die ihren Empfänger nicht fanden und bei einem Trödler gelandet waren. Sie, die deutsche Jüdin, hatte ihn und den Sex mit ihm vormals, im wilhelminischen Deutschland, kaum kaschiert, in Kunstzeitschriften quasi als neue Religion der Selbstbefreiung in Kunst und Leben gefeiert: Und doch waren diese Gedichte geradezu Zeugnisse einer Benn-Hörigkeit, die nicht ins Bild einer Frauenemanzipation passen wollten. Else Lasker-Schülers unerhörter Mut, sich so zu entblößen, Benn und ihre Beziehung, gerade so, als gäbe es keine Post für dichterische Liebesbriefe, als gemeinsames Kunstprojekt zu zelebrieren, erstaunt noch heute. Doch Benn hatte seine lyrische Absage schon 1912 publiziert.
"Heute", das heißt: kurz vor ihrem Tod im Januar 1945, als die ominösen 'Tausend Jahre' im Begriff sind, 'über die Wupper' zu gehen, plant Else Lasker-Schüler den anderen Aufbruch 'ins grad erblühte Jahrhundert', das nun das Jahrhundert nach der angeblichen 'Stunde Null' werden wird: Sie fährt in den Tod. Diese Jungfernfahrt wird sie - wie damals die Schwebebahn - über die neue 'schwarze Wupper' führen: Das 'Tausendjährige Reich' steht wie jener auf tausend Ringfüßen stehender Drache' von damals, wie die Schwebebahn von 1901 als Basis dieser Jungfernfahrt. Nun jedoch verspräche sich die kleine Else schon lieber dem Messias, ginge lieber ins Kloster, entsagte all ihrer Lebenslust, die Basis ihrer Gedichte war. Lieber entsagte sie, die Jüdin, auch ihrem jüdischen Glauben, als daß sie ihm, dem "abtrünnig gewordenen, hartgesichtigen Verräter und Barbar" noch einmal angehören wollte. Grass verwehrt Gottfried Benn hier im Namen der Schriftstellerin insgeheim dessen anmaßende "Rede auf Else Lasker-Schüler" aus dem Jahre 1952. "Wer suchet, der findet" heißt das Motto und der Anfangssatz dieser Geschichte für die Lehrer: Man findet etwa eine lyrische Absage an 'untreue Freunde', die Else Lasker-Schüler in ihrem letzten, hier erwähnten Gedichtband, "Mein blaues Klavier", unternommen hatte. Im Ton und den Bildern der "Gedichte an Giselher" - so bezeichnete sie Benn - läßt sie kaum Zweifel daran, wer gemeint oder zumindest mitgemeint ist. Andererseits 'findet' man aber auch die Rede des 'untreuen Barbaren', der die Dichterin hochlobt - und sich selbst damit exkulpiert. Else Lasker-Schüler und er, Gottfried Benn, stünden in dieser überhitzten Affäre für "das Deutsche und das Jüdische in einer lyrischen Inkarnation".
Und so weiter... So, die Häkchen aufgreifend, geduldig recherchierend, müßte "Mein Jahrhundert" gelesen werden. Nicht jeder Leser wird das können oder in dieser Kleinschrittigkeit überhaupt wollen: Ich bin halt ein Grass-Spezialist, der einigermaßen weiß, worauf zu achten ist. Doch wer immer das hier liest, sei versichert: "Mein Jahrhundert" ist große Kunst! Man sollte wieder ruhiger, geduldiger lesen lernen - und Rätsel auch als Rätsel stehenlassen können. Vor allem aber sollte man Reich-Ranicki, Greiner und Co. bei diesem Lesen schnell vergessen.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die etwas andere Chronik des 20. Jahrhunderts, 7. August 2014
Von 
B. Gutleben (Oberhausen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Mein Jahrhundert (Taschenbuch)
Ich glaube, das ist das erste Buch von Günter Grass, das ich aus freien Stücken komplett gelesen habe. Wahrscheinlich, weil es aus vielen kleinen Häppchen besteht, die man sich in kleineren oder größeren Portionen einverleiben kann. Jedem der hundert Jahre widmet er einen etwa vier Seiten langen Text, der jeweils von einem bestimmten Ereignis aus der Perspektive ständig wechselnder Personen berichtet. Diese wechselnden Erzähler/innen entstammen recht verschiedenen sozialen Milieus und verwenden daher unterschiedliche Sprachebenen, mitunter auch bestimmte Mundarten. Sie berichten eher selten - quasi live - ihre frischen Eindrücke, oft reflektieren sie eher aus größerem Abstand rückblickend oder gar Erzählungen von Vorfahren aufgreifend. Die berichteten Begebenheiten sind manchmal die großen Ereignisse, die quasi für uns alle mit dem entsprechenden Jahr verknüpft sind (wie meinetwegen der Gewinn der Fußball-WM 1954), mitunter aber auch weniger spektakuläre Dinge wie das erste Sechstagerennen oder der beginnende Siegeszug der Schallplatte. Es kommen Täter und Opfer ebenso zu Wort wie Durchschnittsbürger und Experten; insgesamt entsteht so ein vielstimmiges, multiperspektivisches Kaleidoskop der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, meines Erachtens übrigens keine reine »Geschichte von unten«. Nur auf zwei Weisen weicht Grass unterwegs vom ständigen Wechsel der Stimmen ab. Er berichtet von den beiden Weltkriegen mittels retrospektiver Gespräche: über den Ersten in Form eines Streitgesprächs zwischen Erich-Maria Remarque und Ernst Jünger 50 Jahre danach, über den Zweiten in Zusammenhang mit einem Treffen ehemaliger Frontberichterstatter, das - warum auch immer - 1962 auf Sylt stattfindet. Die andere Abweichung besteht darin, dass der Ich-Erzähler für etwa ein Dutzend Jahre und Themen tatsächlich der Autor Grass selbst ist. So gibt es also auch ein autobiographisches Element, das den Titel »Mein Jahrhundert« noch auf andere Weise rechtfertigt als nur dadurch, dass er durch die Auswahl der berichteten Ereignisse dem Buch ja auch eine persönliche Note gibt. Aus meiner Sicht eine inspirierende Ergänzung der strenger historischen Rückblicke auf das Jahrhundert - wenn auch andererseits gewiss nicht das literarisch bedeutendste Werk des Nobelpreisträgers.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Illustrationen eines Zeitalters, 11. September 1999
Von Ein Kunde
In diesem Buch läßt sich wahllos blättern , es enthält eine Ansammlung von Geschichten aus dem deutschen Alltag, für jedes Jahr in unserem Jahrhundert eine und die jeweils 4 Seiten lang.Die mit Aquarellen versehene Ausgabe liegt schön in der Hand und animiert zum Schmökern. Ich überlege, ob ich meinem Vater, der dieses Jahr 80 Jahre alt wird, diese Ausgabe mit den Grass'schen Aquarellen schenken soll. Die Illustrationen machen mich etwas traurig, sie erinnern mich doch stark an Charlotte Salomons Erzählbilder, in denen sie die aufwühlenden Erlebnisse als Jüdin in Deutschland anhand eines gemalten Tagebuchs beschreibt, bis hin zu dem vergeblichen Versuch den Nazi-Schergen in Südfrankreich zu entkommen. Diese existenziellen Zeitbilder kehren nun wieder ohne den Druck einer persönlichen Verzweiflung, sie werden zum Beiwerk von banalen, relativ belanglosen aber zeittypischen Geschichten. Na gut, warum auch nicht. Die Zeit geht weiter, ein Jahrhundert verweht wie ein Hauch. So ist es keine Tragik, wenn ein Jahr wie das andere vergeht, jedes 4 Seiten lang. Doch nein, ein Ereignis nimmt mehr Raum ein. Was ist's? Mutters Geburtstag! Günter Grass'Mutter wäre 1999 einhundertunddrei Jahre alt geworden. Nun gut, sie gibt mit aller Autorenfreiheit noch ein paar Kommentare ab über ihren wohlgeratenen Sohn, das darf ruhig etwas mehr sein. Und wie habe ich mich entschieden? Soll ich meinem Vater das Jahrhundertwerk schenken? Ja, ich glaube, er hat seine Freude dran.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fassettenreichtum, 21. Mai 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Mein Jahrhundert (Taschenbuch)
Ich habe mir dieses Buch auf Empfehlung durch meinen ehemaligen Lehrer gekauft und kann nur sagen : ein weiteres Meisterwerk von Grass.Er schlüpft in so viele Rollen und Personen und führt seine Rolle mit voller Konsequenz aus.Was mich besonders beeindruckt hat ist das Kapitel in denen er sich in die Rolle einer Journalisten begibt,die Remarque und Jüngers interviewt um so ihre Erfahrungen des 1.Weltkrieges in Erfahrung zu bringen.
Ein umfangreicher Einblick in die deutsche Geschichte und zwar mal von oben und mal von unten betrachtet was das ganze Buch und jede einzelne Geschichte sehr interessant macht und durch die typische Grass`sche Erzählweise wird "sein" Jahrhundert nicht nur lebendig sondern auch nachvollziehbar.
Für mich eines der besten Bücher von Grass.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das 20. Jahrhundert in Miniaturen, 11. September 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Mein Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
Günter Grass hat für „Mein Jahrhundert" 100 kurze, zumeist nur drei oder vier Seiten umfassende Texte geschrieben - einen für jedes Jahr. Hundert Miniaturen, in denen mehr oder weniger herausragende Ereignisse des jeweiligen Jahres behandelt werden. Dabei liegt naturgemäß Deutschland und die deutsche Geschichte im Zentrum der Betrachtungen. Jeder Text wird aus einem anderen Blickwinkel erzählt. So beginnt Grass' Jahrhundert mit dem Brief eines bayerischen Soldaten, der an der Niederschlagung des Boxeraufstands in China (1900) teilnahm, und endet mit einer Betrachtung des Lebens des Autors, die Grass seiner verstorbenen Mutter in den Mund legt. Damit wäre schon das Prinzip skizziert, dem die meisten Texte folgen: Die Geschehnisse werden aus ungewohnten und neuen Perspektiven erzählt: So ist das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1954, bei dem Deutschland durch einen Sieg über Ungarn den Meistertitel holte, Ausgangspunkt für die Betrachtung der Kommerzialisierung des Sports. Die beiden Weltkriege werden in mehreren zusammenhängenden Geschichten erzählt: Für den ersten Weltkrieg konstruiert Grass ein Zusammentreffen der Schriftsteller Erich Maria Remarque und Ernst Jünger. Der zweite Weltkrieg kommt als Bericht über ein Treffen ehemaliger Kriegsberichterstatter daher. An einigen Stellen von „Mein Jahrhundert" - Grass-Fans wird es freuen - scheint die Biographie des Autors durch: Etwa 1959, wenn der Erfolg der „Blechtrommel" thematisiert wird, oder 1984, dem Jahr von Grass' Reise nach Indien, in welchem auch Theodor Fontane eine Rolle spielt, der zum Dreh- und Angelpunkt der Arbeit am Roman „Ein weites Feld" avancierte. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Froschperspektive erfaßt Kosovo nicht, 26. Dezember 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Mein Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
Gleichsam aus der Froschperspektive beschreibt Günter Grass unser gerade zuendegehendes Jahrhundert. Aus der Sicht teils fiktiver, teils realer Zeitzeugen kommentiert der Autor die wichtigsten Geschehnisse eines jeden Jahres. Die stärksten Momente erzielt der bekannte linke Autor immer in der manchmal anteilsnamslos erscheinenden Beschreibung von Krieg und Gewalt. Dabei gelingt es Grass in seiner unnachahmlichen Weise, die Sinnlosigkeit und Menschenverachtung vieler Ereignisse dieses Jahrhunderts darzustellen. Dennoch zeigt sich eine gravierende Schwäche: Der Autor unterschlägt den dritten Krieg, an dem Deutschland in diesem Jahrhundert aktiv beteiligt ist, fast vollständig. Gerne hätte ich gewußt, wie Grass Stellung bezieht zu diesem so schwer zu verstehenden Ereignis im Kosovo und in Serbien. Liegt es daran, daß seine so sehr geliebte rot-grüne Koalition (der Wahlsieg wird im vorletzten Kapitel genüßlich zelebiert)die deutsche Kriegsteilnahme zu verantworten hat? Dieser black-out kostet Grass den 5ten Stern.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tradierte Geschichte in Grass'scher Manier, 15. Juli 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Mein Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
Günter Grass läßt in diesem Buch nicht nur die Seiten eines Geschichtsbuches umblättern. Er versucht nicht, die deutsche Geschichte zu analysieren um sie dem Leser verständlicher zu machen. Nein, hier wie in der Blechtrommel beleuchtet Grass Situationen, Schicksale und Personen, die weit ab von hoher Politik und geschichtsträchtigen Ereignissen Puzzleteile der Geschichte sind und trotzdem zusammengesetzt ein Gesamtkunstwerk ergeben, wie es meiner Meinung nach zur Zeit kein anderer deutscher Schriftsteller hätte bewerkstelligen können.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 100 Kurzgeschichten, 4. April 2009
Rezension bezieht sich auf: Mein Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
100 Kurzgeschichten, jede ein historischer Schnipsel für ein Jahr 1900-1999, jede in einem eigenen Stil geschrieben. Sowohl geschichtlich als auch literarisch interessant. Günter Grass schrieb mal in der Sprache einfacher Leute, mal in der Sprache Intellektueller; mal wählte er das wichtigste historische Ereignis eines Jahres, mal wählte er, was die meisten eher übersahen. In ein paar wenigen Geschichten schreibt er als er selbst und philosophiert über die Welt und ihre Entwicklungen.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Brilliante Idee, 26. Dezember 2005
Von 
Milchbart "marcon" (Münster) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Mein Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
ein ganzes Jahrhundert auf ein paar Seiten zusammen gefasst. Das ist eine Herausforderung, die Grass brilliant meistert. Besonders interessant wurden die Abhandlungen zu den einzelnen Jahren für mich, als Selbsterlebtes angesprochen wurde. Viele Erinnerungen wurden wieder lebendig. Die "Mehrteiler" fand ich etwas nervig zwischendurch. Der Perspektiv- und Sprachwechsel ist genial.Lesenswert - nicht nur für Zeitgeschichtsinteressierte.
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Mein Jahrhundert
Mein Jahrhundert von Günter Grass (Taschenbuch - 1. April 2001)
Gebraucht & neu ab: EUR 2,00
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