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Kundenrezensionen

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am 27. Dezember 2006
"Mein ganzes Streben geht dahin, daß jedermann, der meine Werke gelesen hat, nach Herzenslust über den Teufel lachen kann", schrieb Gogol einmal. Und zu Lachen gibt es für den Leser der "Toten Seelen" wahrhaftig genug, auch über den Teufel, und wenn es nur der Teufel ist, der im Detail steckt, oder über den Teufel in der Bürokratie mit ihren zahlreichen Pferdefüßen, oder über den kleinen Teufel, der in jedem Menschen irgendwie steckt.

Mit unnachahmlicher Bravour beschreibt Gogol in seinen "Toten Seelen" (einem Stoff, den er von seinem älteren Freund Puschkin erhalten hat)das sich selbst verwaltende Chaos der damaligen russischen Bürokratie. Gemeinsam mit seinem Helden Tschitschikow - ebenfalls ein Gauner und Hochstapler - führt er uns in eine Welt aus Korruption, Selbstbetrug und vor allem Lächerlichkeit. In einer satirisch übersteigerten Darstellung des allgegenwärtigen Bürokraten- und Pedantentums reißt er den im Roman auftretenden Personen die Maske herunter, legt das Tölpelhafte bloß, das hinter der Großmannssucht steckt, deckt die Gemeinheiten menschlichen Strebens auf, reißt respektlos die blendenden Fassaden nieder, die den Aufschneider und Großtuer umgeben. Nicht umsonst verleiht Gogol seinem Protagonisten Tschitschikow die Statur und die Physiognomie eines Napoleon.

Obwohl die Handlung äußerst dürftig ist, so dürftig, daß man kaum von einer Handlung sprechen kann, fesselt einen das Buch durch die Ironie und den Sprachwitz seines Autors. Ich habe es bereits zum zweiten Male mit großem Vergnügen gelesen. Leider hat Gogol Teile des Manuskripts in der Folge seiner Hinwendung zur Religiosität, die später sogar in einen religiösen Wahn mündete, wieder vernichtet.
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am 29. Mai 2009
Nikolai Gogol, bekannt auch durch zahlreiche Kurzgeschichten wie "Die Nase" oder "Der Mantel", schuf mit den "Toten Seelen" seinen einzigen Roman, der leider unvollendet blieb. Das Manuskript zum zweiten Teil verbrannte er in einem Anfall von Wahnsinn. Verloren zwischen religiösem Fanatismus und schöpferischer Krise starb Gogol im Alter von gerade einmal 42 Jahren. Umso erstaunlicher, daß ihm eine der großartigsten und auch über Russland hinaus bekanntesten Satiren gelungen ist, die je das Licht der Welt erblickt haben.

Der Nachwelt erhalten blieben nur der erste Teil, sowie Fragmente des zweiten Teiles der ursprünglich geplanten Trilogie.

Tschitschikow, der Protagonist, reist auf einer Kutsche von Gutsbesitzer zu Gutsbesitzer, um ihnen verstorbene Leibeigene, die sogenannten toten Seelen, abzukaufen und später, da sie in den Revisionslisten bis Ablauf des Jahres noch als lebendig geführt werden, gewinnbringend verschachern zu können. Nicht mehr und nicht weniger ist die Handlung. Die Geschichte zieht ihren Reiz aus den Begegnungen mit den so unterschiedlich gearteten Gutsbesitzern, bei denen Tschitschikow oft sein blaues Wunder erlebt.

Sämtliche Charaktere sind herrlich verschroben, Gogol karikariert nicht nur die Eigenarten des Adels, der höheren Gesellschaft, sondern der Menschen an sich. Frech und respektlos legt Gogol menschliche Schwächen bloß, spottet liebevoll über alles und offenbart so ganz nebenbei auch die Missstände im damaligen Russland.

Am vortrefflichsten gelungen ist der Protagonist Tschitschikow, an und für sich ein Gauner und Halsabschneider, aber auch so liebenswürdig und schelmisch, daß man oft selbst grinsen muss, wenn er mal wieder einem ahnungslosen Gutsbesitzer die toten Seelen abschwatzt oder in Teufels Küche gerät.

In Zeiten, in denen Humor oft mit Klamauk und pubertären Witzen gleichgesetzt wird, in denen der Zuschauer im TV oder der Leser von ach so aktueller Satire mit meist niveaulosem Stumpfsinn konfrontiert wird, ist Gogols subtiler und amüsanter Humor eine wohltuende Abwechslung. Um Missverständnissen vorzubeugen: "subtil und amüsant" bedeutet trotz allem, daß man an vielen Stellen Tränen lachen kann und wird.

Gogols Stil ist wunderbar, mühelos meistert er die Satire, eine der schwersten literarischen Kunstformen überhaupt. Immer wieder tritt er als Autor auch selbst in Erscheinung und ist sich nicht zu schade, über sich selbst zu spotten. Zum Ende hin fällt die Qualität des Romans ab, aus dem bereits genannten Grund, daß vom zweiten Teil nur noch Fragmente übriggeblieben sind und so stellenweise ganze Kapitel fehlen.

Trotz allem gibt es fünf Sterne, weil Gogol bis dahin ein phantastischer, lesenswerter Spaß gelungen ist. Wem Gogol gefällt, der kann im Anschluss direkt bei Bulgakow fortfahren - meiner Meinung nach der einzige Autor, der sich in der Satire mit Gogol messen kann.
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"Die Seele ist unsterblich; eine tote Seele gibt es nicht. Der Verfasser zieht wohl gegen die Unsterblichkeit der Seele ins Feld." So lautete das Urteil des Zensors über Nikolai Gogols Manuskript "Die toten Seelen". Der Autor bekam auch prompt eine Absage der Zensurbehörde. Dennoch konnte er schließlich zumindest den ersten Teilband seines Werkes drucken lassen. Der zweite Teil ist Fragment geblieben. Der Titel des Romans ist eigenartig und zweideutig. Eine Gespenstergeschichte, wie man vielleicht vermuten könnte, ist es nicht, eher eine Satire auf die zeitgenössische russische Gesellschaft. Tschitschikow, der Antiheld des Romans, reist durch das zaristische Russland, um Großgrundbesitzern ihre "tote Seelen", die Namen kürzlich verstorbener Leibeigener, abzukaufen. Diese gedenkt er später teuer zu verpfänden. Dass so etwas in Russland überhaupt möglich war, ist der Dreh- und Angelpunkt von Gogols beißender Satire. In realistischer Erzählweise, aber mit stets ironischem Unterton führt er dem Leser zwei der bestimmenden Bevölkerungsgruppen seiner Zeit vor: die Großgrundbesitzer und das Beamtentum. Gogols Roman wurde von manchen seiner Zeitgenossen frenetisch gefeiert, von anderen erbittert bekämpft. Heute räumt man Gogol ohne weiteres einen Platz an der Seite der großen russischen Dichter Dostojewski, Tolstoi und Turgenjew ein - eine Position, von der der depressive Dichter wohl nicht zu träumen gewagt hätte.
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am 18. November 2002
...dass Gogol sein Werk nicht vollenden konnte. Drei große Teile wollte er schreiben(angelehnt an Dantes „Commedia"), zwei sind es nur geworden, wobei der zweite Teil schon in einigen Passagen aus Fragmenten besteht, was vor allem an Gogols großer „Verbrennlust" liegt: der zweite Teil war schon druckfertig, als Gogol selbst ihn verbrannte! Dann fing er wieder an zu schreiben, war mit einigen Kapiteln nicht zufrieden und vernichtete diese dann (Auch einige Erzählungen vor den „Toten Seelen" mussten dran glauben!), so dass der zweite Teil mühselig aus den übrig gebliebenen Seiten zusammengesucht werden musste. Die Frage ist nun: Lohnt es sich, einen Roman zu lesen, der nicht einmal richtig fertig ist? Die Antwort: Ja, es lohnt sich! Nicht nur, dass wahre Größen wie Dostojewski Bezüge zu Gogols Roman schafften oder auch Puschkin und Thomas Mann ihn kannten und bewunderten - darin allein muss ja schon ein Grund liegen! -, nein, der Leser selbst wird diesen Roman zu schätzen wissen und nicht so leicht Tschitschikow, nebst anderen höchst skurrilen Figuren vergessen. Was dem Roman in der Kritik oft vorgeworfen wurde, ist seine Handlung im ersten Teil. „Da reist der Held doch nur von einem Gutsbesitzer zum anderen und kauft ihm tote Seelen ab - mehr ereignet sich doch nicht!"
Nicht ganz. Denn zum einen versteht es Gogol den Leser mit großartigen, spleenigen Einfällen zu unterhalten (selbst Puschkin musste wohl sehr oft lachen, als Gogol ihm vorlas), zum anderen ist jeder der von Tschitschikow bereisten Charakteren anders gestaltet (der eine servil, der andere jähzornig, der eine dumm, der andere geizig), was unseren Helden sehr wandlungsfähig machen lässt, machen muss. Auch der verräterische Nosdrew muss hier erwähnt werden, denn dieser ist der einzige, der Tschitschikow keine toten Seelen verkauft und ihn ständig in peinliche und auch gefährliche Situationen bringt. Und dann ist da noch die genaue, fast schon radikale Beobachtungsgabe Gogols oder liest man etwa alle Tage, wie ein Schwein ein Küken verschluckt?! Solche Einfälle und Szenen sind sehr oft in den „Toten Seelen" zu lesen. Erstaunlich, bei einem Autor, der psychisch oft so angeschlagen war. Auch der komplexe Charakter des Protagonisten ist bemerkenswert. Ist doch unser Tschitschikow keine gleichmäßig böse Figur, sondern hat auch viele gute Seiten, die erst so richtig im zweiten Teil immer mehr zum Vorschein kommen. Und im nicht vorhandenen dritten Teil sollte dann die völlige Wandlung beschrieben werden, was leider nicht mehr zustande kam. Auch der teilweise lückenhafte zweite Part des Romans fängt (wegen einiger Längen) zu wackeln an, fängt sich aber dann wieder sehr schnell. Dort wird vor allem dann der Charakter des Helden genauer unter die Lupen genommen und dort fängt die Wandlung langsam und daher auch glaubwürdig an, am besten vielleicht in einer Szene im Gefängnis mit einem alten Mann, aber es soll hier nicht mehr verraten werden. Gogols „Tote Seelen" bleiben das, was sie sind: ein unvergessliches Stück Literatur, welche sich viele Autoren danach zu Nutze machten und immer wieder daraus rezitierten oder Bezüge schafften. Auch wenn hier etwas fehlt, was ansonsten in jedem russischen Roman zu lesen ist, nämlich die Liebe (wird nur ganz am Rande erwähnt), so hetzt Gogol trotzdem den Helden durch Themen, wie Verrat, Neid, Faulheit, Unmenschlichkeit, Prasserei, etc. Und...vergisst niemals dabei den Humor.
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am 5. Februar 2006
Was die Wiener Klassik für die Musik, ist die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in Russland für die Literatur. Gogols "Tote Seelen" gelten als eine Art Vorreiter und Inspirator für das was später von Tolstoj und Dostojewski zu den Gipfeln geführt wurde.
In der Tat weist die Geschichte schon einige Elemente der späteren Highlights der Literaturgeschichte auf - wie etwa die erzählten Geschichten innerhalb der Geschichte oder die großartigen Charakterzeichnungen.
"Die toten Seelen" ist die Geschichte eines Betrügers, welcher durch die russische Provinz der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zieht und von den Landbesitzern "tote Seelen" aufzukaufen sucht, also seit der letzten Volkszählung verstorbene Leibeigene, deren Tod noch nicht von den Behörden registriert wurde, um sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen.
Das Panorama Gogols ist in der Tat äußerst beeindruckend. Die Kraft der gezeichneten Charaktere lässt an die flämischen Meisterwerke der Malerei des 16. Jahrhunderts denken, die Beschreibung der Landeigentümer nimmt in ihrer Luzidität Tolstoj oder Dostojewski vorweg, ist allerdings auch voller satirischer Spitzen. Bisweilen scheint es gar, als hätte Gogol in seinem Figurenkabinett die sieben Todsünden nachzeichnen wollen, so geglückt sind ihm die personifizierten Darstellungen von Geiz, Völlerei, Spiel- und Trunksucht.
Der zweite Teil des Romans liefert ein umfassendes Panorama des Werdegangs der Hauptperson des Hochstaplers, welche ein zeitkritisches Bild der russischen Gesellschaft wie auch ein Soziogramm einer korrupten Kultur bietet.
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am 29. Juli 2011
Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow tuckert, begleitet von zwei Bediensteten, in seinem federnden Pferdewagen durch die russische Provinz. Seine Geschäftsidee besteht im Aufkauf von 'toten Seelen', der faktisch verstorbenen, jedoch juristisch geführten Leibeigenen. Die so erstandenen Listen ist ein innovatives Finanzinstrument mit einer attraktiven erwarteten Rendite.
Der nicht mehr ganz so junge Junggeselle ist vom rundlichen Körperbau, trägt ein buntes Halstuch und muss auf seine Hämorrhoiden Rücksicht nehmen. Er hat einiges in diesem Leben gesehen, war auch im Staatsdienst, wo er allerdings 'für die Wahrheit leiden' musste. Dank seiner einschleimenden Gewandtheit macht er einen günstigen Eindruck auf die Provinzgesellschaft.
Tschitschikow vereint in sich widersprüchliche Eigenschaften. Bei aller seiner Fiesheit hat Gogol teilweise Mitgefühl oder Verständnis für die Schwächen seines Protagonisten, vermutlich leiht er ihm sogar hier und da eigene Seelenregungen.
Die Handlung, die unseren Helden durch die unendlichen Weiten Russlands führt, wird durch epische Reflektionen über das Land, das Schicksal, das Los des Schriftstellers, Gott und die Welt gesprenkelt. Daher wahrscheinlich die (wohl nicht ganz ohne Augenzwinkern vergebene) Gattungsbezeichnung 'Poem' für das Werk. Der Text ist eine Liebeserklärung an Russland, dessen zahlreiche Unzulänglichkeiten dem Autor freilich nicht entgehen.
Vor dem Leser eröffnet sich ein Panoptikum, reichlich bestückt mit Figuren unterschiedlicher Stände, trotz aller Groteske menschlich glaubwürdig gezeichnet. Da sind z.B. Tschitschikows schlicht gestrickte Diener, die nach einem Ausflug in die Wirtschaft eine Viertelstunde lang die Treppe hochsteigen. Zwei Damen, die nach ihrer wunderlichen Damenlogik aus dem Gerücht über den Aufkauf der toten Seelen eine drohende Brautentführung ableiten. Ein Staatsanwalt mit einem Augentick, der aufgrund dieser Gerüchte einen Schlag erleidet. Und natürlich die unterschiedlichsten Typen von Gutsherren. Darunter ein vom Altersschwachsinn heimgesuchter Geizhals, der den Wodkastand in seiner Karaffe, in der drei tote Fliegen schwimmen, markiert. Einer der um seine tote Bauern Dame spielt und dabei trickst. Oder ein kugelförmiger Gourmand, der beim Fischen für seine Mahlzeit sich im eigenen Netz verfängt.
Übrigens wartet Gogol, der selbst ein leidenschaftlicher Esser war, wiederholt mit genüsslichen Beschreibungen der Imbisse, Tischgelagen und Spezialitäten auf. Es werden Störe, Hammel, Ferkel, unterschiedlichste Sakuska und Pirogen in rauen Mengen konsumiert und mit Kwass und Schnäpsen in allen Regenbogenfarben heruntergespült.
Der erste Band des Werks gerät rund und abgeschlossen. Hier ist Tschitschikow in der Gouvernement NN, macht Connections in der Stadt und bereist die umliegenden Güter. Als sich Probleme andeuten, verschwindet er aus der Gegend.
Der zweite Band ist aus mehreren erhaltenen Fragmenten zusammengesetzt und nicht abgeschlossen. Die Fragmente deuten an, dass der Teil auf eine detailliertere Erzählweise und verwickeltere Handlung angelegt war. Hier verstrickt sich der Protagonist in komplexere Machenschaften und bekommt ernsthaftere Probleme.
Das Buch ist verblüffend aktuell und kann als eine perfekte Lektüre bei Vorbereitung auf einen Expat-Einsatz in Russland dienen. Die Menschentypen und Umgangsformen haben alle Wirren der Geschichte überlebt und sind in aller Knackigkeit vor Ort anzutreffen (nach einer Korrektur um satirische Überzeichnung natürlich).
Auch die russische Wahrnehmung der Deutschen ist lesenswert. Sie wird an mehreren Stellen durch unterschiedliche Charaktere, von einer wie eine Dörrbirne aussehenden Babuschka bis zum florierenden Gutsherrn, artikuliert. Auch streift der Autor in seinen Kontemplationen das Thema.
Zum Schluss ein paar Worte zum Titel. Meine Hypothese ist, dass Gogol einen griffigen, epischen und irgendwie tiefsinnigen Namen für sein Buch suchte. Die gängige Interpretation jedoch, wonach die meisten Charaktere in dem Poem quasi tote Seelen sind, kann ich nicht teilen. Sie mögen zu allen möglichen Schandtaten bereit sein, quicklebendig sind die meisten vom ihnen aber allemal, selbst in ihrem unreflektierten selbstsüchtigen Herumkrebsen. Andernfalls würde der Text wohl kaum eine so vergnügliche Lektüre abgeben.
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am 12. Juni 2008
Obwohl der Roman ein Fragment ist, weil Gogol den dritten Teil vernichtet hat, erscheint er äußerst vollendet zu sein. Tschitschikow reist darin von Gut zu Gut, um mit den Großgrundbesitzern zu verhandeln, und diejenigen Leibeigenen aufzukaufen, die seit der letzten Erhebung verstorben sind. Er hofft die toten Seelen, für die die Großgrundbesitzer weiterhin steuerlich aufkommen müssen, billig, wenn nicht gar kostenlos zu erwerben, um sie dann an den Staat mit einem erheblichen Mehrgewinn zu verpfänden. Nur stehen die finanziellen Interessen der rechtmäßigen Besitzer seinem Vorhaben entgegen. Sie wittern selber ein Geschäft. Auf seiner Reise begegnet er einer illustren Gesellschaft aus Adligen, Beamten und einer Landbevölkerung die Gogol allesamt mit einer spöttisch Neigung zur Bloßstellung betrachtet. Das es dabei zu makabren, absurden, witzigen Szenen kommt, liegt an den Störungen menschlichen Verhaltens, die ihm überall begegnen. Tschitschikow erhofft sich aus der Sammlung toter Seelen das große Geschäft. Er ist hartnäckig, verschlagen, scheut nicht vor großen Anstrengungen zurück und trifft nicht selten auf noch mehr Verschlagenheit, Habgier. Leidenschaft und Laster vermengen sich zu einem großen Gemälde. Es gibt die Oblomows und die umtriebigen Geschäftsleute. Das vorrevolutionäre Rußland ist bei Gogol korrupt, auf den eigenen Vorteil bedacht, leidet unter Verfolgungswahn. Ein meisterhafter Roman, auch als Fragment, über jemanden, der auf zu großem Fuße lebt, glaubt, eine phantastische Idee zu besitzen, um an Geld zu kommen, und doch nichts als seine Mittelmäßigkeit vor sich herträgt. Zu gerne hätten wir gewusst wie die Geschichte endet.
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am 27. Juli 2011
An "Die toten Seelen" bin ich ohne große Erwartungshaltung herangegangen. Ich hatte mir das Buch aus einer Laune heraus zu Weihnachten schenken lassen. Aber was ich dann bereits auf den ersten Seiten lesen durfte, war einfach zu witzig und grotesk zugleich, um es adäquat in Worte fassen zu können.

Die Geschichte vom prestigehungrigen Tschitschikow, einem ehemaligen Zollbeamten, der durch Russland zieht und Großgrundbesitzern zungenfertig ihre Pfandgüter abschwatzt, um dadurch zu Reichtum und Ruhm zu kommen, ist so ulkig, dass ich bei der Lektüre teilweise, selbst in der Straßenbahn, laut auflachen musste.

Zwar handelt es sich bei den "toten Seelen", die Tschitschikow bei diesen Großgrundbesitzern einheimst, um die Namen und Daten verstorbener Bauern, die zur Bemessung der Bonität des jeweiligen Großgrundbesitzers noch in den Akten auftauchen und aufgrund einer Lücke in der russischen Finanzverwaltung, was außer Tschitschikow kaum jemand weiß, makabrerweise als gültige Pfandobjekte gelten. Doch schöpft die Geschichte trotz dieses eigentlich ernsten Hintergrundes ihre sehr humoristische Färbung gerade aus der satirischen Art und Weise, mit der die Skrupellosigkeit Tschitschikows dargestellt wird. Tschitschikow begegnet auf seiner Reise durch Russland den unterschiedlichsten und schillerndsten Charakteren, denen man augenscheinlich schon aufgrund ihrer Physiognomie wohl nur in Russland begegnen kann, und biedert sich ihnen auf das widerlichste an. Auf diese Weise gelingt Gogol einerseits ein farbenprächtiges Gesellschaftspanorama, andererseits schafft er es, die Niedertracht und den Opportunismus Tschitschikows als Repräsentant einer stetig ums Aufstreben bemühten, im Grunde jedoch gewissenlosen Gesellschaft darzustellen. Der satirische Duktus des Romans lässt dabei auch zu keinem Zeitpunkt den Eindruck aufkommen, dass Gogol hier mit dem erhobenen Zeigefinger zu Werke ging. Ein absolut faszinierendes Buch, das man unbedingt einmal gelesen haben sollte!
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am 11. September 1999
Diese Übersetzung von H. Röhl gibt den Charakter des russischen Originaltexts aus meiner Sicht am besten wieder.
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am 2. Januar 2004
Wohl nur wenige Werke der Weltliteratur haben einen so hohen Unterhaltungswert, wie Gogols „Tote Seelen" - durchaus kein kurzer Roman, doch kurzweilig bis zum Schluß.
Die Welt der Gutsbesitzer und der Lakaien, der zaristischen Beamten und Kaufleute, in der Tschitschikow, der Held des Romans, sein betrügerisches Unwesen treibt, ist unwiederbringlich verloren, die Eigenschaften und Triebe der Charaktere die er zeichnet und überzeichnet sind unsterblich: Habgier, Geiz, Verschlagenheit, Anbiederei und Völlerei - all das ist ewig, bleibt immer aktuell.
Was mir etwas mißfiel, war die an den Kapitelanfängen und -Enden häufig einsetzende Plauderei des Erzählers, wodurch die Handlung eben nicht gerade vorangetrieben wird.
Übrigens: der Roman ist nicht unvollendet, wie hier oft zu lesen ist - er ist in sich geschlossen und vollendet; was Gogol über die Menschen, die ewige Wiederkehr des Menschlichen sagen wollte, hat er gesagt. Die verbrannte, an Dante angelehnte Fortsetzung des Romans - aus der Hölle, über Purgatorium, in das Paradies - all das hat trotz jahrelanger Arbeit weder ihn noch andere befriedigt; er scheiterte, ging vielleicht sogar daran zugrunde.
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