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5.0 von 5 Sternen Der Gerechte und der Gehenkte, 28. November 2006
Von 
Francis Pierquin (Vernouillet, France - fspierqu@club-internet.fr) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Reise in Polen (Taschenbuch)
Er ist Nervenarzt und Schriftsteller, ist in Berlin ansässig, in der westeuropäischen Kultur verankert, spricht leidlich französisch und reist unvermittelt nach… Polen. Man schreibt das Jahr 1924. Die Reise dauert etwa zwei Monate, wird vermutlich vom S.Fischer Verlag finanziert und führt über Warschau, Wilno, Lublin, Lemberg, Krakau, Zakopane und Lodz. Ein Jahr später, im November 1925, liegt das literarische Ergebnis vor, schlichtweg "Reise in Polen" genannt. Der Autor heißt Alfred Döblin, "Berlin Alexanderplatz" hat er noch vor sich. Diese Reise ist keine einfache, schon allein deswegen, weil "ich die Sprache, nein, die Sprachen des Landes nicht kann: Polnisch, Ukrainisch, Weißrussisch, Jiddisch, Litauisch." Deutsch ist zwar auch Landessprache, namentlich in der Dreivölkerstadt Lodz, aber "das Hakenkreuz auf dem Umschlag" eines Buches in der Auslage einer Buchhandlung ist wohl nicht dazu angetan, die wiederholt festgestellte Abneigung gegen alles Deutsche und die deutsche Sprache zu vermindern, die sich nur bei Juden einiger Beliebtheit zu erfreuen scheint: "Und wenn es keine Juden in Polen gäbe, die mit mir deutsch sprechen und auf Bahnhöfen sagen, wo mein Zug steht und abfährt, wäre ich nicht über Warschau hinausgekommen." Und dennoch: Als es gilt, Abschied zu nehmen und wieder heim ins Reich zu fahren, ist der Reisende "wehmütig, dankbar (…) Gern war ich hier, gefesselt bin ich (…) Es gibt dieses Land. Ich weiß es herzlich." Was also ist es, was Döblin trotz aller Beschwerlichkeiten so sehr an Polen zu schätzen wußte, was ist es, was ihn so stark zu fesseln vermochte? Bestimmt nicht der materielle Reichtum des Landes. Die immer noch zerstörten Brücken über die Weichsel in Warschau lassen erahnen, wieviel nötig ist, "um das Land zu heben", das eben noch zergliedert unter einem dreifachen Joch ächzte. Die instabile Lage im Inneren und die bereits – oder schon wieder – wahrnehmbare Bedrohung an den Landesgrenzen – der Danziger Korridor macht bereits von sich reden, und "bei allen Parteien herrscht Furcht vor einem deutschen Revanchekrieg" – tun ein übriges hinzu, das Land wirtschaftlich darben zu lassen. Über die wirtschaftliche Misere hilft "der Stolz und das Lebensgefühl des befreiten Volkes" kaum hinweg. Und trotz gelegentlicher rühmlicher Erscheinungen: welch ein Gegensatz etwa zur deutsch geprägten Freistadt Danzig, wo alles eitel "Ordnung und Sauberkeit" ist, wo "die Straßenfronten nicht abbröckeln" und wo "das Pflaster auf dem Damm tadellos intakt" ist. Dafür aber die ungeheure Wirkung des gekreuzigten Heilands in der Krakauer Marienkirche: "Ich (...) gehe dreimal täglich in die Marienkirche, auf fünf Minuten, zehn Minuten, laß die Gewölbe über meinem Kopf hängen und zusammenschlagen (…) die Marienkirche und der Delinquent unter der Decke. Ein Mensch Veit Stoß hat ihn aus seiner jammernde Seele geholt." Bis zum Ende der Reise wird das Bild des Gekreuzigten Döblin nicht mehr loslassen. Zum einen. Zum anderen trifft Döblin in Polen aber auch Juden – es sind ihrer etwa dreieinhalb Millionen im Land -, die sich von den Westjuden, zu denen er selbst gehört, wesentlich unterscheiden. Bald wird er inne, daß das, "was man im Westen sieht", ein sehr verwässertes Judentum ist, nichts als "Entstellung". Ganz anders in Polen, wo die Juden nicht nur in ungleich größerer Zahl anzutreffen sind, sondern wo auch die meisten von ihnen den Glauben und die Geistigkeit intakt erhalten haben – bis hin zu zwei miteinander konkurrierenden jüdischen Sprachen, die im Westen gar keine große Rolle spielen: Jiddisch und Hebräisch. Und so wie er dem gewaltigen Eindruck des sehr lebhaften Katholizismus erlegen ist, erliegt Döblin dem ungeheuren Eindruck des lebendigen Judentums: "Was ging in diesen scheinbar kulturarmen Ostlandschaften vor. Wie fließt alles um das Geistige. Welche ungeheure Wichtigkeit mißt man dem Geistigen, Religiösen zu. Nicht eine kleine Volksschicht, eine ganze Masse geistig gebunden. In diesem Religiös-Geistigen ist das Volk so zentriert wie kaum ein anderes in seinem." Schließlich ist es in Krakau, wo Döblin dem gleichzeitigen Wirken von Katholizismus und Judentum erliegt, die beide ineinander überzufließen scheinen: "Von dem Gehenkten kann ich nicht lassen. Es zieht mich zu ihm. Der Gerechte, der Zadik, die Säule, auf der die Welt ruht: das ist der Gehenkte, der Hingerichtete. Mit stärkeren Farben, mit glühenderen Farbgriffen, gleich denen auf den Kirchenfenstern. Er, wieder er. Er stärker, stärker oder anders, ringender. Wie ein Mensch, der ruhig steht und geht, und einer, den man ins Wasser wirft und der am Ertrinken ist: so der Gerechte und der Hingerichtete." Das ist es, was Döblin in Polen gesucht und wohl auch gefunden hat: "Die – Seele. Der Geist", denn: "Man kann sich nur im Geistigen erhalten, darum muß man im Geistigen bleiben." Dies als Gegengewicht zu dem, was den Westvölkern geschehen ist: "Seit Jahrhunderten geht ein altes Gefühl unter ihnen zugrunde; Aufklärung, Wissenschaft, Politik, Staatlichkeit springen dafür ein" – eine Entwicklung, die, wenn zu radikal, hin zum "Herzenstod" zu führen droht. Ist Döblin also ein verkappter Schwärmer, ein Mystiker gewesen, der in Polen jeglichen Sinn für irdische Realitäten verloren hätte? Dies wohl nicht. Denn allenthalben hält er auch den Blick fest gerichtet auf alles Soziale (wie bei Eisenbahnerunruhen in Krakau), auf alles Materielle (wie in den Textilfabriken in Lodz), und auf alles Natürliche (wie in der Tatra in Zakopane), das den Menschen umfangen hält. Und naiv ist er auch nicht, weiß er doch z.B. sehr wohl Bescheid über den abgrundtiefen Fremden- und Judenhaß, den manche Polen hegen, wie z.B. sein letzter polnischer Gesprächspartner im Zug zwischen Warschau und Danzig: "Sein Deutschenhaß ist mit Furcht verbunden. Gegen die Juden äußert er reinsten Haß, der sich zum Ekel steigert." So schauerlich diese Schattenseiten aber auch gewesen sein mögen: Döblin durfte in Polen einen unvermuteten Hort der europäischen Geistigkeit entdecken, schätzen und lieben lernen. Hinter den scheinbar flüchtig hingeworfenen, impressionistisch angehauchten Notizen des eilig Reisenden steckt Weiterreichendes. Vieles hat bis heute seine Gültigkeit bewahrt. Wohl möglich, daß Döblin auf den Straßen von Warschau an einem Isaac Bashevis Singer vorbeiging, in Drohobycz (wo er auch war) an einem Bruno Schulz, ohne daß sie sich kannten und erkannten. Dabei saßen sie alle drei, jeder auf eine recht unterschiedliche Weise, an ein- und derselben Quelle.
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Reise in Polen
Reise in Polen von Alfred Döblin (Taschenbuch - 1993)
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