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42 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen
Komplexe Weimar-Studie mit hohen Anforderungen,
Von Gordian Ezazi (Troisdorf, Nordrhein-Westfalen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf Roman (Taschenbuch)
Man mag, kann und muss über Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz" differenziert diskutieren. Die einen geißeln es als überladenes, wirres Roman-Ungetüm, während die anderen in ihm eines der größten deutschen Werke sehen, das sich in methodischer und sprachlicher Qualität als wahrer Schatz erweist.Ob einem das Buch gefällt oder nicht, mag durchaus daran liegen, mit welcher Intention man sich an es heranwagt. Will ich einen zeitgenössischen Weimar-Roman lesen, der sich primär um die gesellschaftlichen Probleme der damaligen Zeit dreht und diese anhand des „babylonischen Berlins" festmacht oder möchte ich darüber hinaus, und das ist eine nicht zu vernachlässigende Prämisse, in die persönlich-emotionalen Weiten einer tragischen und zugleich umstrittenen Figur (Franz Bieberkopf) abtauchen. Das lässt sich synthetisch nur schwer miteinander vereinbaren, weshalb das Buch an manch gehegter Erwartungshaltung scheitert (siehe hierzu andere Rezensionen). Franz Biberkopfs Kampf mit der Großstadt Berlin, ist auch ein Kampf mit dem Geist seiner Zeit. Verlockung und Abscheu zugleich: wie der verbotene Apfel im Garten Eden verführt ihn die Faszination an der Kriminalität. Biberkopf stilisiert sich dabei immer wieder selbst als Opfer, das sich den Fängen der urbanen Umgebung ausgesetzt sieht. Vieles von dem wie Biberkopf handelt, ist dabei kennzeichnend für die gesamtgesellschaftlichen Strukturen der Weimarer Republik Dennoch tut man sich schwer Bieberkopf zu (er)fassen und sogleich auch die historische Dimension der 20er-Jahre („Goldenen Zwanziger") und deren fundamentale Umwälzungen zu begreifen. Sie sind nicht offensichtlich, sondern vielmehr in komplexer Art und Weise in eine ungewohnte methodische Form eingebettet: Zeitgenössische Schlager- und Werbetexte werden dabei mit Mono- und Dialogen vermischt, überblendet und mit „Zeitungsklatsch" vermischt. Das hört sich skurril an und mag den Zugang zur komplexen Welt, die Döblin ohne Frage in diesem Werk schonungslos präsentiert, erschweren, ist aber zugleich auch eine Herausforderung an und für den Leser. Wie gesagt, es kommt auf die Erwartungshaltung an, leichte Kost ist Döblins Sujet in keinem Fall. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen
Millieustudie,
Rezension bezieht sich auf: Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf Roman (Taschenbuch)
Berlin Ende der Zwanziger Jahre: Die Weltwirtschaftskrise ist überwunden, die Wirtschaft hat sich stabilisiert, das Ende der Weimarer Republik ist abzusehen. Franz Biberkopf wird nach 4 Jahren aus der Haftanstalt in Tegel entlassen und weiß nicht mehr so recht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Kein geregelter Tagesrhythmus mehr, wie soll es mit ihm bloß weitergehen. Er hat niemanden mehr, nachdem er sein Geliebte Ida erschlagen hat. Durch die Hilfe der Gefangenenfürsorge, findet er zurück uns Leben und schwört, anständig zu bleiben. Er findet Arbeit als Strassenhändler, erst verkauft er Schlipshalter, später Zeitungen. Lina, Franz' neue Freundin unterstützt ihn und sorgt dafür, dass er anständig bleibt. Aber ein Zwischenfall mit Linas Onkel sorgt dafür, dass Franz alles wieder in Frage stellt und seinem anständigen Leben den Rücken kehrt. Er ist verletzt und muss erst mal seine Wunden lecken. Als er sich wieder gefangen hat, macht er die Bekanntschaft von Reinhold, dessen Freundschaft zu ihm Franz fast zum Verhängnis werden soll. Reinhold bringt Franz in Kontakt zu Pums, einem Hehler, der sich seine "Waren" selber besorgt. Bei einem "Einkauf" und einem Streit mit Reinhold verliert Franz seinen rechten Arm. Sein ehemaliger Knastbruder Herbert und seine Freundin Eva kümmern sich um ihn, pflegen ihn gesund. Eva stellt Franz ihre Freundin Sonja vor, die Franz fortan nur noch Mieze ruft. Er scheint wieder ein halbwegs anständiges Leben zu führen, bis er aus Langeweile wieder anfängt, für Pums zu arbeiten. Weder Mieze noch Herbert und Eva können ihn davon abhalten. Als Mieze eines Tage nicht nach Hause kommt, fällt ein dunkler Schatten auf Franz, der ihn fast zu Grunde richtet.Alfred Döblin erzählt in seinem expressionistischen Roman "Berlin Alexanderplatz" nicht nur die Geschichte des Franz Biberkopfs sondern auch der Stadt Berlin, und gibt einen Einblick in das Leben Ende der Zwanziger Jahre in Deutschland. Der Roman ist Charakterstudie, Zeitbild und Gesellschaftskritik in einem. Mit einer Aktualität wie man sie auf den ersten Blick nicht vermuten würde. Die Charaktere des Romans sind sehr gut skizziert. Wir lernen Franz Biberkopf als naiven, treu-doofen Mann kennen, der sich sehr leicht manipulieren lässt. Freundschaft ist ihm sehr wichtig. Um Gegensatz zu Reinhold: Er versucht, aus allem nur seinen Vorteil zu ziehen. Mieze hält treu zu Franz, hat Vorahnungen, kann sich aber nicht wirklich durchsetzen, genausowenig wie Eva. Auch das Leben in einer Großstadt wird anschaulich beschrieben, man spürt förmlich das Gewusel der Stadt, hört den Lärm. Der Erzählvorgang der Geschichte ist in Einzelteile zerbrochen, die Erzählperspektiven wechseln sich ständig. Das ist anfangs etwas befremdlich, aber man gewöhnt sich sehr schnell daran. Döblin schafft metaphorische Bilder, die auf dem ersten Blick nichts mit der Geschichte zu tun haben, aber einen Hinweis darauf geben, wie die Geschichte weitergehen wird. Geschichten aus der Bibel und der Mythologie ergänzen diese Bilder. Allerdings sollte man schon eine sehr gute Allgemeinbildung haben, um diese Sachen auch richtig deuten zu können, andernfalls bleiben sie verwirrende Einschübe. Mit diesem Roman sollte sich der Leser kritisch auseinandersetzten, sollte ihn mehrmals lesen, um alles zu verstehen. Aber wer sich dran wagt, wird nicht enttäuscht werden. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
20 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Ein interessantes und wichtiges Buch!,
Von anspruchsvolle (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf Roman (Taschenbuch)
Für diese 455 Seiten sollte man Zeit und Ruhe haben. Wer es über die ersten 100, etwas trägen Seiten hinaus schafft, ahnt allmählich, dass es sich hierbei um ein wichtiges Werk handelt, und wer den krönenden Abschluss der Geschichte des Franz Biberkopf erlebt hat, wird in dieser Ahnung bestätigt sein und für seine Mühe belohnt. Franz Biberkopf, ein Krimineller, gerade aus dem Gefängnis entlassen, will von nun an „anständig" sein, gerät aber nach und nach doch wieder auf die schiefe Bahn. Aus mangelndem Willen, Pech, Bequemlichkeit, Unvernunft, wegen sogenannter „Blindheit"? Man sieht ihn geradezu in den Abgrund stürzen, den er sich selbst geschaffen hat - ein Menschexemplar in einer schwierigen Zeit inmitten schlechten Umgangs, der mit und gegen sein Schicksal kämpft und doch nur verlieren kann, daher zeitlos. Vom Stil her ein sehr ungewöhnliches Buch. Viel Berliner Dialekt (selbst als Berliner schwer zu verstehen) und Redensarten, seltsame Grammatik, es mischen sich oft Handlung, Eindrücke, Gedanken, Reklamesprüche,... was Konzentration bedarf. Zu lachen gibt es auch. Interessant auch als Zeitdokument des Berlins der 20er Jahre. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
23 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Literarisches Kino und die Sperstitze der Moderne,
Von
Rezension bezieht sich auf: Berlin Alexanderplatz (Gebundene Ausgabe)
1929, neue Sachlichkeit, überwundene Romantik, die Moderne ist auf ihrer wahrlich kurzen Hochphase und Alfred Döblin schreibt das beste Buch seiner Gattung.Man kann mit breiten Ausführungen lang beschreiben, was dieses Buch auszeichnet: Die Einmaligkeit seiner Sprache, die literarischen Kamerafahrten, der Geruch des zwanziger Jahre Berlins, den man zu spüren glaubt, Franz Biberkopf, der tragische Held des Romans; am Besten aber kommt man dahinter, indem man den authentischen Text zur Hand nimmt und sich fesseln läßt. Die Geschichte ist schnell erzählt: Franz Biberkopf wird aus der Haftanstalt entlassen, in der er für den Mord an seiner Frau einsaß, mit ihm der feste Plan nicht wieder als Kleinkrimineller seinen Tagelohn zu verdienen und krumme Dinger zu drehen, sondern ein anständiges Leben zu leben, allein: Die Stadt läßt ihm keine Wahl, zieht ihn in einen Strudel und ehe Franz Biberkopf sich versieht, hängt er tiefer drin als je zuvor, verliert einen Arm, verliert seine zweite Frau, verliert seinen Verstand. Das Untergehen in einer Zeit, deren Impressionen den einfachen Mann erdrücken, deren Zwänge seine Widerstandsfähigkeiten überfordern; es ist ein Roman, der den Nerv der Zeit, seine Natur und die Menschen auf herrliche, überzogene, auf einzigartige Art und Weise beschreibt, der einen Einblick gibt, in das Seelenwesen der Menschen und in eine Stadt, die heute so nicht mehr existiert. Döblins Haupttätigkeit als Nervenarzt ist dem Buch vielerorts anzumerken, das bizarre Seelenleben der Menschen wird ebenso plastisch festgehalten, wie das bizarre, moderne Eigenleben der Großstadt nach dem ersten Weltkrieg. Alfred Döblin schafft mit Berlin Alexanderplatz ein Buch, dessen Darstellungsform an Bildkünster seiner Zeit erinnert, an den Surrealismus, und das den größten Meistern dieser Zeit in keinsterweise auch nur einen Deut nachsteht. Lange ist mir das Buch bekannt, die hier beschriebe Ausgabe, ein Reprint der Originalausgabe, ist besonders schön und jedem ans Herz zu legen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Aussergewöhnlich geil.,
Rezension bezieht sich auf: Berlin Alexanderplatz (Gebundene Ausgabe)
Zunächst zu der Ausgabe vom Fischer-Verlag: Toll! Schön aufgemacht, gutes Papier, übersichtlich, einwandfreie Rechtschreibung. So etwas nimmt man gerne in die Hand!Vorab: Diese Rezension ist nicht hilfreich. Keine Rezension zu diesem Buch ist es. Genau deshalb schreibe ich sie. "Berlin Alexanderplatz" ist ein so aussergewöhnlich geschriebener Roman, dass man ihn einfach nicht pauschal als gut oder schlecht bezeichnen kann. Das ist natürlich de facto bei keinem Buch möglich. Hier fällt es mir allerdings besonders auf. Als Beweis gelten ja allein schon die sehr verschiedenen Rezensionen, die veröffentlicht wurden. Für mich ist dieses Buch zu einem "Heiligtum" avanciert. Das war es nicht von Anfang an! Die ersten fünfzig Seiten waren im wahrsten Sinne des Wortes Arbeit. Denn Döblins Stil ist so abstrakt, setzt sich aus so vielen Einzelheiten zusammen, dass es seine Zeit braucht, um sich einzulesen. Es ist wie bei einem Lied mit schwerem Rhythmus. Den muss man erstmal einige Zeit anhören, um ihn zu verstehen. Dann macht das Tanzen aber umso mehr Spaß! Genauso habe ich es beim "Alexanderplatz" empfunden. Es ist ein bisschen Ausdauer nötig, um in den Stil hineinzufinden. Wenn man dann aber drin ist! Wow! Mich hat dieses Buch vor allem begeistert, weil es aufgrund der Montagetechnik und der manchmal scheinbar willkürlich zusammengesetzten Teile eine Stimmung erschafft, die mich völlig in die 20er Jahre gesogen hat. Außerdem wird durch diese Stilmittel die Aussage auf schönere Weise klarer, als es im herkömmlichen Roman möglich wäre. Das beste Beispiel ist hierfür die Situation nach der Armamputation an Franz. Es wird dargelegt, wie er weint, verzweifelt ist, sich nicht traut, den Grund für das Geschehen auszusprechen. Und mittendrin in dieser Atmosphäre, die Mitleid beim Leser hervorruft, kommt der Einschub: Döblin nennt Zahlen aus einem Schlachtbetrieb. Wie viele zehntausende Rinder, Schafe etc. abgeschlachtet werden. Das wirkt wie eine Ohrfeige. Wieso haben wir gerade mit einem Menschen Mitleid, nur weil er einen Arm verliert? Dafür liebe ich diesen Roman! Für die unerbittliche Ehrlichkeit, die aber das Wichtigste nicht vergisst: Ja, Döblin schildert eine düstere Welt. Das Buch wirkt auf mich aber nicht depressiv. Es ist vielmehr von einer großen Menschenliebe geprägt. So sehe ich Döblins Werk. Und ebenso kann ich es verstehen, wenn Leute damit überhaupt nichts anfangen können. Ich habe noch nie ein Buch gelesen, dessen Stil mir so Typ-abhängig erschien. Denn das Buch lebt von einem völlig unormalen Stil. Und es ist logisch, dass gerade darum keine allgemeingültige Bewertung stattfinden kann. Viele schreiben, dass sie viel zu lang für das Buch gebraucht haben. Auch ich habe es nicht in einem Haps verschlungen. Aber bei mir war es sogar anders: Es tat mir leid um jede Seite, die ich gelesen hatte, denn damit näherte ich mich dem Ende. Was ich mit all dem ausdrücken will: Dieses Buch muss man ausprobieren! Keine Rezension hilft weiter. Aber nicht umsonst zählt es zu den großen Werken des 20. Jahrhunderts. Und wenn man es schafft, in dieses Buch hineinzuschlüpfen... dann gnade einem Gott! ;-) Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen
„Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, hat Gewalt vom großen Gott“,
Von
Rezension bezieht sich auf: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf. (Broschiert)
Wie viele Schicksalsschläge vermag ein Mensch zu ertragen, bevor er zusammenbricht oder sein Leben ändert? („Ich spreche zu Gott: Verdamme mich nicht! Lass mich wissen, weshalb du mich befehdest!“ - Buch Hiob 10,2)Franz Biberkopf, der Protagonist in Alfred Döblins Roman ‚Berlin Alexanderplatz’, viele Prüfungen bestehen. Schlag auf Schlag prasselt auf den einfachen, grobschlächtigen Mann nieder. „Dreimal fährt dies gegen den Mann und stört ihn in seinem Lebensplan“. Er wankt, aber er steht noch. Dann trifft ihn der „Hammer … in einen regelrechten Kampf verwickelt mit etwas, das von außen kommt, das unberechenbar ist und wie ein Schicksal aussieht. Damit ist unser guter Mann, der sich bis zuletzt stramm gehalten hat, zur Strecke gebracht.“ Alfred Döblin schlüpft in die Rolle des mitfühlenden Erzählers, der den Fortgang der Story bereits kennt. Er bezieht den Leser in das Geschehen ein und fordert ihn zu aktiver Stellungnahme heraus: „Worüber aber, meine Damen und Herren, die ihr dies lest, weint Franz Biberkopf?“. Zuweilen greift er dem Geschehen vorweg, zuweilen schweift er in einem Exkurs ab und entschuldigt sich mit den Worten: „ … es tut eben jeder, was er für nötig hält“. Sprache „Ich konnte mich auf die Sprache verlassen: die gesprochene Berliner Sprache; aus ihr konnte ich schöpfen, und die Schicksale, die ich gesehen und miterlebt hatte, und meines dazu garantierten mir sichere Fahrt“, schrieb Döblin. Im Osten Berlins ist er aufgewachsen. Hier hat er zwanzig Jahre als Arzt praktiziert. Er kennt die derbe Sprache derjenigen, die ein ärmliches Dasein fristen, die in den engen Mietskasernen hausen und ihr täglich Brot mit legaler und illegaler Arbeit verdienen. „Wennste willst, zahl ich dir jleich aus.“ Selbst der Tod plaudert Berlinerisch. Ein Stilmittel Döblins sind die Wort- und Satzwiederholungen. Einerseits wird dadurch der Sprache Nachdruck verliehen („Ihr habt schön gesungen, ihr habt wirklich schön gesungen“) und andererseits versichert sich der Sprecher des Gesprochenen („das Leben ist schön, schön, alles schön“). Berlin 1928 Ziellos lässt sich Franz Biberkopf durch das Leben der Großstadt treiben. Mit dem Verkauf von Zeitungen verdient er ein paar Groschen, aber zu wenig für jemanden, der vom Leben mehr verlangt „als das Butterbrot“. Er amüsiert sich, trifft alte Freunde, lernt neue Freunde kennen, trinkt viel und vergnügt sich mit Frauen, doch es gelingt ihm nicht einen „Lebensplan“ zu entwickeln. In einer facettenreichen Kollage ordnet Döblin die Bilder der Belle Epoche an: Schlagertexte von zeitgenössischen Liedern erklingen, Werbeplakate versprechen ein sorgenfreies Leben, öffentliche Bekanntmachungen hängen aus, in den Zeitungen finden wir neben dem Wetterbericht den üblichen Klatsch und Tratsch. Marcel-Reich Ranicki bezeichnet es als „Kinostil“. In der Großstadt treffen auch die politischen Fronten aufeinander. Auf der einen Seite lodern die Hassparolen der Faschisten: „Blut muss fließen, knüppelhageldick“. Auf der anderen Seite verteufeln die Sozialdemokraten die Bourgeoisie. Franz ist verwirrt. Hat er nicht als Kind gelernt, dass der Kaiser für Recht und Ordnung sorgt? „Und es muss Ruhe werden, damit man arbeiten und leben kann … und damit Ordnung ist, sonst kann man eben nicht arbeiten“. Der Hammer Das erste Unglück liegt in der Vergangenheit. Im Streit erschlug der ehemalige Zement- und Transportarbeiter Franz Biberkopf seine Freundin Ida und verbüßte eine vierjährige Haftstrafe im Gefängnis Tegel. Er steht vor dem Gefängnistor und schwört, anständig zu bleiben, doch das Schicksal verfolgt andere Pläne. Der erste Tiefschlag: Ein Freund missbraucht sein Vertrauen. „Das Leben findet das auf die Dauer zu fein und stellt ihm hinterlistig ein Bein“. Kein außergewöhnliches Erlebnis, wird der Leser denken, aber Franzens Weltbild gerät aus den Fugen. „Ihr werdet den Mann hier saufen sehen“, prophezeit der Erzähler. Der zweite Schlag trifft Franz körperlich. Er verliert einen Arm, versteht aber nicht, dass er ein weiteres Mal betrogen wird. Trotzig will er es allen zeigen. Der dritte Schlag haut ihn um. Als seine Freundin getötet wird, reagiert er seine Wut nicht nach außen, sondern nach innen ab. Der Wahnsinn droht. Opfer Ganz in der biblisch-religiösen Tradition versteht Alfred Döblin Opfer und Selbstopferung als Schlüssel zur Erlösung. War nicht Abraham bereit, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern und hat nicht der Gott der Christen seinen eingeborenen Sohn geopfert für die Menschheit? Franz Biberkopf redet sich ein „stark wie eine Kobraschlange“ zu sein. Erst als er demütig erkennt, dass er „hochmütig und ahnungslos, frech, dabei feige und voller Schwäche“ ist, kann die himmlische Gewalt ihm zu Hilfe kommen. Vielen Kritikern erscheint der Schluss widersprüchlich. Aber hat nicht auch der große Johann Wolfgang von Goethe am Ende ein Einsehen mit seinem Helden Faust und erlöst die Seele, die in ihrem dunklen Streben sich des rechten Weges wohl bewusst war? Tod „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, hat Gewalt vom großen Gott“. Wie ein roter Faden zieht sich das Motiv der Vergänglichkeit und der Endlichkeit durch den Roman. „Ich bin das Leben und die wahrste Kraft … Du willst dich erfahren, du willst dich erproben, das Leben kann sich ohne mich nicht lohnen.“, spricht der Tod. Franz begegnet dem Tod gleich mehrfach im Roman. Er spürt, da ist etwas „es will mich kaputt machen, und wenn ich ein Balken aus, es will mich kaputt brechen“. In der Irrenanstalt folgt die Begegnung mit dem Schnitter: „Der Tod singt sein langsames. langsames Lied“. Er schwingt sein Beil und zerhackt den starken Mann Stück für Stück, unsichtbar, unhörbar. Erst jetzt versteht Franz: „Die Stimme des Todes, die Stimme des Todes, die Stimme des Todes: Was nützt alle Stärke, was nützt alles Anständigsein, o ja, o ja, blick hin auf sie. Erkenne, bereue … Das Opfer, das Opfer, das ist der Tod!“ Mit der Ermahnung, wachsam zu sein und gemeinsam für die Welt Sorge zu tragen („Viel Unglück kommt davon, wenn man allein geht“), endet das Werk. Wiederholt hat man ‚Berlin Alexanderplatz’ mit den großen Werken von James Joyce und Emile Zola verglichen. Döblin bestreitet aber bestreitet alle Vorwürfe der Imitation: „Dieselbe Zeit kann unabhängig voneinander Ähnliches, ja Gleiches an verschiedenen Stellen erzeugen“. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Zeitgeschichte,
Von faustino888 (Tokyo) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf Roman (Taschenbuch)
Eines steht fest: Man liebt dieses Buch oder man hasst es, man liest es zu Ende oder hoert mittendrin auf. Wenn ich ein Buch dieser Komplexitaet zur Hand nehme, muss ich mich fragen, warum ich es tue und welche Erwartungen ich damit verbinde. Döblin schafft es, die damalige Zeit der Weimarer Republik lebendig werden zu lassen. Er macht sich zum Chronisten, beschreibt soziale und politische Zusammenhaenge, zeigt auf, laesst erahnen, wie es zum 3. Reich kommen konnte. Berlin ist nicht nur die Hauptstadt, sondern auch der Schmelztiegel, in dem sich die verschiedenen gesellschaftlichen Schichten vereinen und auf engstem Raum nebeneinander leben, erhalten Einblicke voneinander. Hier ist es dem einzelnen moeglich, sich in einem bestimmten Rahmen auszuleben, Eigenarten zu entwickeln. Dennoch ist der Zwang zur Konformitaet gross. Berlin ist fortschrittlicher als die anderen Regionen des Landes, aber auch damals schon bunter. Berlin verfuehrt. Die Probleme engen, menschlichen Zusammenlebens, die Haerten des Lebens sind hier offensichtlicher und werden weniger durch die Gemeinschaft abgefedert, als es in beschaulicheren Teilen der Republik der Fall ist..Mit den alltaeglichen Problemen konfrontiert, geht es fuer viele 'einfache' Buerger nur ums Ueberleben. Tagein, tagaus. Ums Ueberleben, ohne sich dabei verkaufen zu muessen. Was angesichts der Verhaeltnisse schwer genug zu sein scheint. Das versucht auch die Hauptperson Franz Biberkopf, um bei diesem Versuch zu scheitern und sich den Anforderungen der damaligen Zeit zu ergeben und zum kopflosen Mitlaeufer zu werden. Welche andere Chance haette er gehabt? Diese Frage muss jeder fuer sich selbst beantworten. Doeblins Meisterwerk ist eine Bestandsaufnahme Berlins und der damaligen Zeit. Es gewaehrt uns Einblicke in das Denken, Handeln und Fuehlen eines Mannes, der den Lebensumstaenden auf Dauer nicht gewachsen war. Das Resultat folgte einige Jahre spaeter. Die Dichte und Detailgenauigkeit der Erzaehlung entschaedigt fuer die teilweise anstrengende Schreibweise. Zeit und Ort werden fuer den Leser transparent und lebendig. Meine Erwartungen wurden voll erfuellt, um auf meine anfaenglichen Ausfuehrungen zurueckzukommen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
16 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen
Viel genannt, vermutlich wenig gelesen,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf Roman (Taschenbuch)
"Berlin Alexanderplatz" muss immer wieder als klassisches Beispiel herhalten: fuer den einzigen deutschen "Grossstadtroman", fuer ein Beispiel von expressionistischer Literatur etc. pp. Dennoch ist er aus dem Interesse der LiteraturwissenschaftlerInnen weitgehend verschwunden, und auch ansonsten interessiert sich kaum jemand dafuer. Dabei ist es ein wirklich gutes Buch. Vielleicht ein bisschen zu lang, meiner persoenlichen Meinung nach, weil stellenweise etwas langatmig und ueberladen, aber deswegen keineswegs schlecht. Erzaehlt wird die Geschichte von Franz Biberkopf, der frueher als Transportarbeiter gearbeitet hat, dann jedoch seine Frau schlug und damit auch (mehr aus Versehen, man ahnt es) totschlug und ins Gefaegnis kam. Und im Jahre 1928 wieder in die Welt, d.h. ins zeitgenoessische Berlin gesetzt wird und sich vornimmt, sauber zu bleiben. Das aber wird ihm nicht gelingen, denn der Autor hat vor, an ihm ein Exempel zu zeigen, wie es einem ergeht im Leben, der mehr vom Leben verlangt "als ein Butterbrot". Wie das Buch ausgeht, soll nicht verraten werden. Aber gelesen werden kann es nicht nur als Erzaehlung, sondern auch als Stimmungsbericht aus dem Berlin der spaeten Zwanziger Jahre... und was fuer eins! Voll von Assoziationen, collagenartig nebeneinandergesetzten Zeitschnipseln. Ein wunderbares Buch. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Mangelgesellschaft in Arm und Reich,
Von
Rezension bezieht sich auf: Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf Roman (Taschenbuch)
Ein Körper fährt ganz alleine, ermüdet und freiwillig zurück ins Gefängnis. Franz Biberkopf gehört dieser Körper, doch er merkt ganz genau, dass er - dösend in der Straßenbahnlinie, die ihn Richtung Vollzugsanstalt fährt - das Steuer für sein Leben bereits aus der Hand gegeben hat. Die Komplexität des Lebens ist einfach zu übermächtig und auch, wer den guten Willen hat, nach verbüßter Haftstrafe ins Leben zurückzufinden, scheint machtlos zu sein gegen falsche Freunde, vergebliche Liebe und den Zwang, sich materiell vom Bodensatz zu lösen und mit ehrlicher Arbeit Freiräume für das Ich zu erkämpfen. Darauf hat die Welt nicht gewartet, dass so ein Häftling zurückkommt. Allenfalls für Kriminelle ist er - wenn er sich doch nur geschickt anstellen würde - ein brauchbares Werkzeug. Also zurück ins Gefängnis oder wenigstens in die Nähe dahin, an den Ort, wo man wusste, wann man aufsteht und wann man isst, wen man kennt und wie die Hierarchie aussieht. Ein bisschen verwundert ist Franz Biberkopf dann doch, als er aus seinem Dösen erwacht und sich vor "seinem" Gefängnis wiederfindet. Er muss zurück ins Leben, das ihn abstößt und bitter resigniert der scheinbar unbeteiligte Erzähler: "Da ist ein Schnitter, der heißt Tod." Übersetzt heißt es nichts anderes, als dass nicht für jeden Platz ist in einer Gesellschaft des Individualismus. Wer die 20er Jahre anhand des Buchs "Alexanderplatz" erfährt und versteht, der versteht den Fundamentalismus und die Orientierungslosigkeit des neuen Jahrtausends, den sozialen Neid auf den glücklichen Mitmenschen und den Verzicht auf eigene Kinder, bevor man sich endlich einmal verwirklicht hat. Denn der Mangel ist geblieben: Weil das Individuum frei ist. So schließt sich dem Leser eine Frage an: "Was kann ich tun, wenn ich frei bin, und woran merke ich, dass ich das Richtige tue?" Da ist ein Schnitter und der heißt Tod und töten kann er jeden Sinn des Lebens. Nicht jeder liebt seinen Beruf, denn nicht jeder findet seinen Traumberuf. Nicht jeder liebt seine Kinder, denn nicht jeder verzichtet gern auf Fernreisen und Oberklassewagen. Nicht jeder liebt seine Frau, denn nicht jeder ist immun gegen das abschätzige Urteil der Umwelt gegenüber der Frau, die man liebt. Nicht jeder liebt seinen Nächsten, denn nicht jeder Nächste scheint diese Liebe wert zu sein. Wo soll man denn hin mit seinen Wünschen, wenn man nie so genau weiß, was man sich wünscht? Obwohl man einfach nur in Frieden leben will.
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15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen
Ein Leseerlebnis wie eine Tropfenfolter - nur etwas für extreme Hard-Core-Leser,
Von
Rezension bezieht sich auf: Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf Roman (Taschenbuch)
Mit Büchern geht es einem oft wie mit Menschen. Wenn man mehrfach und aufrichtig versucht hat, zu jemandem in Kontakt zu treten und es immer wieder scheitert, dann lässt man es schließlich. Ebenso ging es mir mit Döblins "Berlin Alexanderplatz". Ich habe dieses Buch immer gerne lesen wollen, weil alle erzählen, es sei ein Meilenstein der abendländischen Kulturentwicklung, doch ich habe die Lektüre immer wieder abgebrochen, weil mir der Stil zuwider war, weil mich die Handlung langweilte (insofern ich eine erkennen konnte) oder weil ich bei aller Mühe keinerlei Interesse für die Hauptperson Franz Biberkopf aufbringen konnte. Dann aber geriet dieses Buch auf die Agenda unseres Lesekreises, und nun half alles nichts mehr: nun musste ich es lesen, und wenn mit vor Ödnis die Brille von der Nase fallen würde.Normalerweise lese ich ein Buch in wenigen Tagen. Für die ersten 90 Seiten "Berlin Alexanderplatz" habe ich über eine Woche gebraucht, nach zweieinhalb Wochen befinde ich mich nun auf S. 142 am Ende des vierten Buches. Manchmal packt einen ein regelrechter Widerwillen gegen dieses Konvolut, und die Lektüre macnher Seiten kommt mir so vor, als würde man Holzwolle lutschen oder sich selber eine Ohrfeige verpassen. Der Text ist im Stil freier Assoziation verfasst, und man muss sich immer genau überlegen, wer gerade spricht - ist es der Franz, ist es sein Gegenüber, oder ist es der Erzähler? Sehr oft erscheinen Nebenfiguren, die vom Autor genau vorgestellt werden, nur um gleich wieder zu verschwinden, ohne jemals wieder aufzutauchen. Innere Assoziationsketten und die Schilderung äußerer Abläufe gehen ineinander über, ebenso die Zeitebenen, mal wird etwas aus der Vergangenheit berichtet, dann befinden wir uns plötzlich schon wieder in der Gegenwart. Dass Döblin überwiegend Umgangssprache schreibt und seinen Ehrgeiz darin setzt, diesen restringierten Berliner Unterschichtenslang möglichst echt rüberzubringen, fordert vom Leser die Ausbildung einer ästethischen Elefantenhaut. Und nun die Überraschung! Dergleichen Kritik macht in der Sicht der Döblin-Gemeinde gerade den Rang des Werkes aus. Das Unzusammenhängende ist die "Montage", der sich Döblin bedient, um die Fragmentarität des Großstadtlebens zu demonstrieren, die Schroffheit des Werkes, das alle Formen sprengt, ist seinem "Futurismus" geschuldet, d. h., dem festen Willen, etablierte Kunst- und Ausdrucksformen auf den Müll zu werfen. Allerdings muss man tatsächlich zugeben, dass Döblin mit diesen Stilmitteln hier und da literarische Passagen von bedrückender Eindringlichkeit gelingen - die Schlachthofszenen ab S. 119 des Buches gehören sicher zum Schockierendsten, das man in der Literatur lesen kann. Wie aber verhält es sich mit der Handlung? Der Franz Biberkopf, der noch am Anfang das Gefängnis mit dem festen Vorsatz verließ: "Es können alle wieder auf die Beine kommen, die gesessen haben, und die können gemacht haben, was sie wollen." (S. 22), wird dann doch wieder rückfällig. Bei der Diebestour verunglückt er durch die Mitschuld seiner Kumpane, so dass sein Arm amputiert werden muss. Kurz darauf verliert er auch noch seine Braut, die hingebungsvolle "Mieze", die vom widerwärtigen Reinhold ermordet wird. Das Leid, das über dem armen Franz hereinbricht, hat etwas Knarrendes, es ist plötzlich so, also würde das Buch brummen, so schrecklich ist die Pein, die der arme Franz erleidet, der eigentlich gut ist, gut sein will und der doch scheitert. In diesen finalen Passagen gewinnt der Roman endlich etwas Packendes, weil nun Stil und Leid merkwürdig harmonieren. Am Ende leidet Franz Biberkopf am Leben mehr als der Leser an diesem Buch, Biberkopf hat sich zu einem modernen Hiob entwickelt, vom Leben grausam geprüft, stolz und uneinsichtig - und extrem leidensfähig, wie die abschließenden Szenen aus dem Irrenhaus beweisen. Am Ende des Buches wird er zum zweitenmal aus dem Gefängnis entlassen und landet als "Hilfsportier in einer mittleren Fabrik(...) Weiter ist hier von seinem Leben nichts zu berichten."(S.409). Mit diesem Buch geht es mir genauso. Ratlos wie Franz Biberkopf bleibe auch ich nach der Lektüre des Buches zurück. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen |
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Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf Roman von Alfred Döblin (Taschenbuch - 1. April 1965)
EUR 8,90
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