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am 30. Dezember 2012
Beinahe ein Jahrhundert nach ihrer Niederschrift erscheint André Gides kurze Erzählung „Die Ringeltaube“ erstmals auf Deutsch.
Im Jahre 1907 schreibt der damals 37-jährige Gide die kurze Erzählung „Die Ringeltaube“, mit der er auf ein Erlebnis reagiert, das ihm erst einige Nächte zuvor in Gestalt eines siebzehnjährigen Franzosen namens Ferdinand Pouzac widerfahren ist. „Ich habe keine schönere erlebt“, schreibt der Erzähler darin über die Nacht mit Ferdinand, mit dem er vom Fest eines Freundes auf sein Zimmer geflüchtet war. Gide hat diese Seiten, die den Eindruck der vergangenen Nacht mit ihrer Intimität und Vertraulichkeit festzuhalten suchen, nie veröffentlicht; erst ein knappes Jahrhundert später, 2002, wurden sie von Catherine Gide im Nachlass ihres Vaters gefunden und in Frankreich publiziert. Die Tochter des Autors hat sich dankenswerterweise entschieden, uns diesen „kleinen Text voller Lebensfreude“ lesen zu lassen. In der Deutschen Verlagsanstalt, die die Gesammelten Werke Gides besorgt hat, liegt die Erzählung, gut zwölf Seiten, übertragen von Andrea Spingler, jetzt erstmals auf Deutsch vor. Sie wird ergänzt durch ein Vor- und ein Geleitwort sowie ein Nachwort, in dem David H. Walker das Ringen des französischen Romanciers um die Andersheit seiner Sexualität, wie sie in der „Ringeltaube“ zum Ausdruck kommt, einfühlsam beschreibt.

Im Mittelpunkt der „Ringeltaube“ steht das Erlebnis der Nacht vom 28. Juli 1907, in der Gide den jungen Ferdinand auf einem Fest kennen lernt und von ihm fasziniert ist. Es wird ohne große Umschweife auf den Höhepunkt hin und dennoch mit Ruhe erzählt, und am Ende stellt der Erzähler, den man hier umstandslos mit dem Autor gleichsetzen darf, so lakonisch wie rührend fest, er habe sich zehn Jahre jünger gefühlt.

Die Figur des jungen, ungekämmten und sonnengebräunten Ferdinand ist herausragend liebevoll gezeichnet: „Sein Wesen, seine Worte zeigten eine außerordentliche Unschuld, für die er sich ein wenig schämte und die er vor mir zu verbergen suchte.“ Seinen Spitznamen, das wundervoll poetische Bild, das in den Titel eingegangen ist, erhält Ferdinand durch das gurrende Geräusch, das der Genuss von des älteren Mannes Liebesbezeugungen seiner Kehle entlockt.

Man kann freilich spekulieren, warum Gide, zu dessen Gewohnheiten es nicht gehörte, eigene Texte lange in der Schublade zu verwahren, gerade bei der „Ringeltaube“ eine Ausnahme machte. Der Herausgeber Jean-Claude Perrier mutmaßt, gerade dieser Text sei Gide wohl zu intim, zu „eindeutig“ vorgekommen – als habe es dem Autor widerstrebt, „durch irgendeinen häßlichen Exzeß“ der Öffentlichmachung „die Erinnerung zu verderben, die uns beiden [dem Erzähler und seinem jugendlichen Gefährten] von dieser Nacht bleiben würde.“ Der Erzähler bezieht das Wort vom „häßlichen Exzeß“ auf die Fellatio, die ihm der Jüngling unmissverständlich anbietet (so die zurückhaltenden Worte des Herausgebers – der Text selber drückt dies freilich herzhafter aus: „O ja, wir werden uns einen blasen!“). Es mag jedoch erlaubt sein, diese Stelle auf die schamhafte und feinfühlige Weise zu beziehen, mit der Gide mit den Erlebnissen seines Lebens und seinen Erinnerungen daran umzugehen pflegt. Man meint, bei der Lektüre der „Ringeltaube“ und dem Nachdenken über das Verhalten des Autors, seinen an anderer Stelle geäußerten Satz zu verstehen: „Der Schriftsteller muss nicht etwa sein Leben erzählen, wie er es gelebt hat, sondern es so leben, wie er es erzählen wird.“

Unabhängig von dieser Vermutung über die Unterlassung Gides, „Die Ringeltaube“ zu veröffentlichen, kann man davon ausgehen, dass Gide sich der Qualität des Geschriebenen zu bewusst war, als dass er eine Veröffentlichung unter allen Umständen hätte anstreben wollen. Denn „Die Ringeltaube“, in kürzester Zeit und in kürzestem Abstand zu dem Erlebnis, auf das sie sich bezieht, geschrieben, ist keineswegs eine streng ausgearbeitete, voraussehend entworfene, stilistisch an jeder Stelle abgewogene Erzählung. Sie ist literarisch nicht eben von Belang.

Aber das muss sie auch nicht sein. „Die Ringeltaube“ ist in erster Linie ein Dokument (und trotzdem voller „Frische und Poesie“, wie Catherine Gide schreibt) – ein Dokument der Lust einer Nacht und der Empfindsamkeit und Vorsicht eines Menschen, der sich täglich mit der Frage nach der Identität seiner Sexualität und seiner selbst auseinander zu setzen hatte. Sie ist das Zeugnis eines lebenslangen Kampfes mit sich selbst, des Kampfes mit der Entscheidung, man selbst zu sein. Am Schluss bleibt nur die Empfehlung des Geleitworts: „Hier muß man ihn einfach lesen.“
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