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TOP 500 REZENSENTam 8. September 2013
Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich nicht um eine weitere, womöglich praxisferne wissenschaftliche Abhandlung zum Ziganismus, sondern um eine höchst subjektiv gefärbte Zusammenstellung der Erlebnisse des Autors mit einem Portrait verschiedenster Stämme und Volksgruppen in ganz Europa mit dem Schwerpunkt auf Osteuropa. Der Autor hat als Reporter und Fotograf jahrelang zahlreiche Reisen unternommen und seine Eindrücke und Gewissheiten notiert, verfestigt, abgewogen und nunmehr zusammenfassend veröffentlicht. Dabei grenzt er sich bewusst von diversen anderen Spielarten von Veröffentlichungen ab, die rund um das Thema Zigeuner, Sinti oder Roma existieren: er möchte mit Autoren, die nie einen Fuß in die Lebensgebiete und Dörfer der betroffenen Menschen gesetzt haben, auf keinen Fall gleichgesetzt werden. Und er sieht sich auch nicht in der Position, eine irgendwie geartete Moralkeule über den von ihm portraitierten Menschen zu schwingen. Schließlich möchte er sich auch von Betroffenheitsliteratur distanziert sehen. Dennoch spricht er selbstverständlich die Probleme des Zusammenlebens mit den Zigeunern, sei es in ihrem heimatlichen Lebensraum, sei es nach ihrer Migration Richtung Westen an, dazu aber auch ihre zahlreichen und heftigen Querelen untereinander. Es bleibt also nicht bei der bloßen Beobachtung, sondern diese wird beschreibend und bewertend ergänzt, wenngleich es für meinen Geschmack manchmal doch mehr als der erlebten Geschichten bedurft hätte, um ein angesprochenes Thema gelungen abzurunden. Denn Konsequenzen vorzuschlagen oder gar belehrende Schlussfolgerungen zu machen, dazu lässt sich der Autor nicht hinreißen - dies würde die Komposition seines Buches empfindlich stören. Dadurch entsteht aber eben manchmal der schale Eindruck eines angerissenen, aber nicht zu Ende gedachten Problems, manifestiert vor allem durch die fehlenden allgemein(gültig)en Ausführungen und die dafür im Übermaß vorhandenen Einzelbetrachtungen und Erlebnisberichte. Diese sind letzten Endes aber alle interessant, amüsant, tragisch und in vielen weiteren Facetten der Gefühlswelt zu beschreiben und der Autor vermag es, seine eigenen Empfindungen, selbst wenn sie auf Fehleinschätzungen beruhten, authentisch nachzuzeichnen.

Unterteilt in 14 Kapitel hat der Autor den jeweiligen Berichten ein Thema gegeben und so eine ansprechende inhaltliche Gruppierung seiner Erlebnisse vorgenommen. Beginnend mit dem Preis der Freiheit" berichtet er von den harten Zeiten nach dem Fall des eisernen Vorhangs, verschäft später durch die Anforderungen der kapitalistischen Marktwirtschaft und die Unfähigkeit zur effektiven und wirtschaftlichen Selbstorganisation der Stämme bzw. Dörfer. Das ist auch ein Aspekt im Kapitel Träume und Traumata", wo ein hoffnungsvoll gestartetes, aber nach Wegzug des Gründers jäh in sich zusammenfallendes Aufbauprojekt für ein Dorf beschrieben wird. In Orakel und faule Zauber" widmet sich der Autor den Hellseherinnen und Hexen, insbesondere den aberwitzigen Folgen, wenn diese wie seit neuestem Steuern auf ihre Tätigkeit entrichten müssten. Dass da die Frage der Gewährleistung auftaucht, ist natürlich ein voraussehbarer Scherz. Erschütternd sind die Ausführungen in Aus der Zeit gefallen", wenn über die vergeblichen Versuche des traditionellen Handwerks geschrieben wird, mit der Moderne Schritt zu halten, aber erst recht, wenn das Leben auf der Müllkippe von Oradea nachgezeichnet wird: wie wenig kann ein Mensch den Wert sein? Nahtlos gehen die schlimmen Gedanken über in den Sumpf des Hasses", wo von Anschlägen und der mangelnden Aufklärung derselben berichtet wird, aber auch von der unmöglichen Rekonstruktion der Wahrheit, wenn jeder jeden der Lüge bezichtigt. Ein erster Umschwung des Buches findet statt, als der Autor über die gewonnene Erkenntnis berichtet, dass doch nachweisbare Gewalt von Roma ausgeht und nicht nur in Einzelfällen, dies am Beispiel Ungarn.

Nach gut der Hälfte des Buches kommt der Autor dann endlich einmal in eine Fahrtrichtung, die ich mir schon viel früher gewünscht hätte. Er berichtet über die von verworrener Dogmatik und Lebensferne geprägten Forscher und Institute, die sich der Bekämpfung des Antiziganismus verschrieben haben. Dabei deckt er nicht nur logische und fachliche Fehler auf, sondern beschreibt auch schön das Denkkarussell, in dem sich die Mitglieder dieser Zirkel befinden: das Forschungssubjekt wird mit dem Generalverdacht Opferstatus" versehen, Tatsächliches wird ausgeblendet, insbesondere was die Prämisse der Schutzbedürftigkeit der vermeintlichen Opfer stören könnte, aber es wird auch schön erklärt, dass das stete Verharren im Status der Diskriminierung auf Dauer verhindert, dass man sich innerhalb der Gesellschaft auf Augenhöhe gegenübersteht. Auch die nur allzu bereitwillig als Claqueure herbeispringenden Linksintellektuellen kriegen das Fett ab, das ihnen gebührt. Und auch der Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland samt dessen rührigen Vorsitzenden sowie verschiedene angegliederte Institutionen (siehe v.a. Kapitel 14) werden kritisch beleuchtet, insbesondere der sprachliche Wandel, der an dem Vorsitzenden selbst über die Jahrzehnte hin auszumachen ist, und die Multifunktionalität einiger Vorstandsmitglieder, die die Validität ihrer Publikationen und angeblichen Forschungsergebnisse ohne viel Argumentationsaufwand rasch ad absurdum führt. Letzten Endes arbeitet der Autor heraus, dass all diese Akteure keinen Beitrag zur faktischen Verbesserung der Lebenssituation der Betroffenen erbringen, dass die vornehmlich theoretisch beteiligte Wissenschaft diese Lebenssituation nicht einmal begreift - wie auch, wenn man sich nicht in die Problemgebiete vor Ort begibt, sondern nur mit fragwürdigen theoretisch-analytischen Methoden sprachliche Vergehen anderer zu ächten gewillt ist und dabei mitunter völlig absurde Vergleiche zum immer wieder als Totschlagsargument herbeigezogenen Naziregime gegen andere Bevölkerungsgruppen wie die Juden zieht. Dabei kommt fast schon zynisch hinzu, dass sich beileibe nicht alle Zigeuner" unter den Schutz" des genannten Zentralrats gestellt sehen wollen, vielmehr Roma und Sinti keineswegs alle unter einen Hut zu bringen sind, ja sogar bestimmte Roma keinesfalls von Sinti vertreten werden wollen und umgekehrt und es daneben durchaus Gruppen gibt, die sich selbstbewusst Zigeuner nennen und das keinesfalls als Beleidigung ansehen. Dazu analysiert der Autor treffend, dass sich gerade öffentliche Stellen sehr wohl der diskriminierenden Wirkung bewusst sein müssen, wenn sie Roma-Kriminalität" pauschal als solche bezeichnen, obwohl es bei typischen Delikten, Beispiel Metalldiebstähle, auch etliche andere Trittbrettfahrer gibt, die rein gar nichts mit Roma zu tun haben. Er plädiert deswegen aber völlig zu Recht dafür, dass Missstände benannt werden können müssen und nicht unter einem falschen Deckmantel der Nichtdiskriminierung das Schweigen öffentlicher Stellen und engagierter Bürger dazu führt, dass redliche Mitglieder jeglicher Minderheiten von wenigen kriminellen Subjekten in Misskredit gezogen werden.

Das alles ist sehr spannend zu lesen und könnte eine Kulmination des Buches sein, aber leider geht der Autor dann in den letzten drei Kapiteln wieder zum Duktus des Anfangs zurück und gerät ins Erzählen ohne zielführende Struktur. So werden natürlich noch weitere Themen abgedeckt, etwa ausbeuterische Strukturen innerhalb von Roma-Gemeinden, die Vorliebe ganzer Dörfer für bestimmte Destinationen, etwa der Straßenstrich in Dortmund oder Frankreichs Süden statt Deutschland, die Perversion von Bettelei oder die eigenen Pilgerfahrten der Ziganen. Aber das schon zu Beginn bemängelte strukturlose Dahinfließen der Erzählung ist für das viele Wissen und die unbestreitbare Analysekompetenz des Autors zu wenig. Es hätte zum Beispiel wenig bedurft um das Problem der Verhinderung des Zugangs der Kinder zur Bildung durch die eigenen Väter (Grund: durch Wissen wird die Autorität des Familienoberhauptes schwächer) auch bei anderen sozial schwachen Bevölkerungsgruppen auszumachen, also wiederum ein allgemeines Problem und nicht ein spezifisch ziganes zu erläutern. Und auch das Wiederaufgreifen der Probleme rund um den Zentralrat in Kapitel 14 hätte mit den Punkten, die im Mitteilteil des Buches angesprochen worden waren, besser gebündelt und als Schlusspunkt ausgearbeitet werden können. Stattdessen endet das Buch seicht und nahezu nichtssagend mit einem Wunsch nach Verbesserung der Zustände: wie das passieren soll, bleibt offen.

Was bleibt als Fazit? Dieses Buch gibt dem interessierten Leser viel Wissenswertes zum Begreifen und auch zum Nachdenken. Eine einheitliche Volksgruppe der Zigeuner gibt es nicht. Es gibt viele und deutliche regionale Unterschiede und es gibt wie in jeder Bevölkerungsgruppe redliche und unredliche Exemplare. Dazu gibt es - wie so oft bei Minderheiten - keine einheitliche und vor allem keine altruistisch-redliche Lobby, sondern es hat sich mittlerweile eine den Opferstatus weidlich auskostende Anprangerungsindustrie gebildet, die öffentliche Gelder nutzt, um praktisch wenig zielführende Beiträge und Forderungen von sich zu geben, und statt der Eigenständigkeit der Betroffenen nur immer neue Hilfsmittel verlangt. Die wahre Arbeit an den Menschen und für die Menschen wird stattdessen auf Kirche, soziale Einrichtungen und Einzelpersonen abgewälzt, die oft mit der schieren Masse von Neuankömmlingen oder Ansässigen überfordert sind, aber auch mit deren Einstellung zum Leben und zu rechtlichen und moralischen Normen. In puncto Kriminalität kann man aus den Ausführungen des Autors überwiegend völlig richtig entnehmen, dass es dem Grunde nach keine typische Zigeuner- oder Romakriminalität gibt, wohl aber Kriminelle aus dieser Bevölkerungsgruppe wie auch aus anderen. Es gibt dagegen sehr wohl nach innen, also innerhalb der einzelnen Roma-Gruppen, kriminelles Verhalten, etwa das Ausbeuten untereinander und viele Formen mafiöser Strukturen, oft aufgrund der schwachen Stellung der Roma nach außen, aber auch aufgrund der problematischen gesellschaftsinternen Strukturen der Roma in den osteuropäischen Staaten, die ihnen den Zugang zu rechtlichen Möglichkeiten zumindest erschwert. Konkrete Hilfestellungen für den Umgang mit Zigeunern, Roma oder Sinti, egal ob in Deutschland oder in Europa, gibt das Buch leider nicht, nur viele und rege Aspekte zur weiteren Reflektion.
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am 18. November 2015
Zigeuner? Ein diskriminierendes Schimpfwort, das sagt man nicht! Zumindest, wenn es nach dem Zentralrat der Sinti und Roma und zahlreichen Meinungsbildnern in der deutschen Öffentlichkeit geht. Im Widerspruch dazu bezeichnen sich aber nicht nur weltweit Menschen als Gitanos, Tzigani oder Zingaros und in Deutschland nicht wenige selbstbewusst und mit Stolz als Zigeuner. Rolf Bauerdick betitelt sein Buch „Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“, auch, weil er den jahrhundertealten Begriff keineswegs als pejorativ, den Streit um den richtigen Begriff dagegen als grotesk empfindet und ihm nichts ferner liegt als rassistische Diskriminierung. Die Rede vom „Volk der Zigeuner“ rufe die Vorstellung einer ethnischen Homogenität hervor, die schon lange nicht mehr existiere. Seit sie vor tausend Jahren aus dem indischen Punjab nach Europa aufbrachen, habe sich ein Geflecht von Stämmen, Sippen und Familienverbänden herausgebildet, deren Fremd- und Eigenbezeichnungen auch Ethnologen nur schwer überblickten.

Der Autor hat „weit mehr als einhundert Reisen zu Zigeunern in zwölf europäischen Ländern unternommen“ und dabei „viele humorvolle, gastfreundliche, schlitzohrige, rundum liebenswerte Menschen“ kennengelernt. Er erzählt herzzerreißende Geschichten aus dem Alltag der zerfallenden Ostblockländer in den 90er Jahren, in denen die Zigeuner durch alle Ritzen der zerborstenen gesellschaftlichen Strukturen fallen. Ein unvorstellbares Elend wird voller Anteilnahme und Verzweiflung zugleich geschildert. In den nachsozialistischen Gesellschaften wurden sie als Arbeitskräfte zuerst entlassen, mit ihren vielköpfigen Familien nicht mehr aufgefangen durch die ohnehin dürftigen Netze sozialer Sicherung. Verdrängt werde allerdings, so Bauerdick, dass die Zigeuner weniger von den „Gadsche“ (den Nicht-Zigeunern), als „von den Angehörigen des eigenen Volkes ausgebeutet werden“ und unter „Kindesmissbrauch, Frauenhandel und Zuhälterei, unter Kreditwucher, Erpressung und Bandendiebstahl“ leiden. Die Schilderungen leidvoller Einzel-Schicksale verdichten sich zu einer kollektiven Tragödie.

Bauerdick will nicht belehren, wohl aber kritisiert der Autor den „keimfreien Diskurs“ derjenigen Antiziganismusforscher, die „keinen einzigen Tag ihres Lebens mit den Zigeunern auf osteuropäischen Müllkippen teilen; die von Kongress zu Kongress reisen, doch albanische, bulgarische oder ukrainische Elendsviertel nicht einmal vom Hörensagen kennen“ aber trotzdem meinen, für „Sinti und Roma“ sprechen zu müssen und gewöhnlich mit der Belehrung aufwarten, „wie rassistisch und antiziganistisch die Dominanzgesellschaft ist“. Es gilt als ausgemacht, dass die Entstehung von Rassismus im Allgemeinen dort eine geringere Chance hat, wo man den/die Anderen aus der Nähe erfahren und kennen lernen kann. Die Stärke der Pegida-Bewegung im Osten der Republik wird angesichts des dort deutlich geringeren Ausländeranteils in der Bevölkerung gern zum Beleg für diese These genommen. Im Kontakt mit den ziganen Populationen scheint dieser Effekt nicht zu greifen. Im Gegenteil: Gerade in Ländern mit hohem Anteil jener Bevölkerungsgruppen finden sich nicht nur Ausgrenzung, gewalttätige Übergriffe und tiefe Verachtung, sondern auch selten die Bereitschaft zum Zusammenleben – auf beiden Seiten. Wir werden ausgegrenzt, sagen die einen, ihr seid nicht zu integrieren, die anderen.

In Deutschland hingegen dominieren in der Öffentlichkeit Nachsicht mit den Nachkommen der Verfolgten und Ermordeten des Nationalsozialismus, Verständnis für die allerorten Geächteten,– zumindest solange sie keine unmittelbaren Nachbarn sind. Was dann geschieht, schildert Rolf Bauerdick ausführlicher an zwei bundesdeutschen Konflikt-Beispielen, einem jüngeren Datums (Dortmund) und einem weiter zurück liegenden (Darmstadt): Es entstehe „ein intellektuelles Klima, in dem sich politisch korrekte Meinungen hartnäckig gegen jedes Erfahrungswissen behaupten wollen“. Eine moralische Avantgarde missbrauche die Zigeuner als Objekt einer bloß imaginären Fürsorge, während die verschleißende Arbeit in den Armutsquartieren verzweifelnden Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen und Lehrern überlassen werde. Kein offenes kritisches Wort über bulgarische Zigeuner (in diesem Fall weder Sinti, noch Roma), die hunderte junger Frauen in Dortmund auf den Straßenstrich schickten und skrupellose Verbrecher, die in andern europäischen Städten verwahrlosten und apathischen Kindern Bettelgeld abknöpften. Wo die „politisch Korrekten“ nur „rechtlose Opfer von Globalisierung und Ausgrenzung, heimatlos, auf der Suche nach Arbeit, Lohn und Brot“ sehen, will Bauerdick u. a. auch die in Osteuropa sitzenden „Patrone und Sippenchefs“ genannt wissen, „die sich in einem bizarren Wettbewerb um den Protz ihrer Paläste und Kitschburgen permanent übertrumpfen“.

Andererseits wirbt Bauerdick auch um Verständnis: „Wir leben in denselben Länden und denselben Städten und dennoch sehen „Gadsche“ und Roma dieselbe Welt mit anderen Augen an.“ Die tiefe Schicksalsgläubigkeit, den verbreiteten Aberglauben und ein magisches Denken führt ein vom Autor zitierter serbischer Roma-Menschenrechtler auch auf die Verwurzelung des geistigen Erbes im Denken Indiens zurück. Für den Autor selbst sind die unter Zigeunern häufig anzutreffende heitere Gelassenheit bzw. lethargischer Fatalismus eher die Folge einer Unterdrückung und Fremdbestimmung über Jahrhunderte, in denen nie gelernt wurde, das Geschick in die eigenen Hände zu legen. Bauerdick gibt keine fertigen Antworten, und verteilt keine vorschnellen Schuldzuweisungen, gibt dagegen Hinweise auf dasjenige, was fehlt bzw. nötig wäre: „Es hapert an positiven Lebensentwürfen, an Modellen für gelungene Mittelklasse-Biografien, die Kindern und Jugendlich eine alltagstaugliche Orientierung bieten. Es fehlen lokale Führer, deren Blick über den Rand des eigenen Familienclans hinausragt; an geduldigen Lehrern, die zum Lernen motivieren; an Geschäftsleuten und Handwerkern, die Ausbildungsplätze schaffen.“ Die Bildungsmisere der Roma sei kein ethnisches, sondern ein soziales Problem. Es fehle allerdings auch an Eigeninitiative bei den Zigeunern selbst, bzgl. des hohen Anteils an Schulverweigerern seien sie nicht Opfer, sondern eigenverantwortliche Täter. Die Eltern sähen eben in Bildung und Erziehung keinesfalls eine Chance, der Armut und der Abhängigkeit von der Sozialhilfe zu entgehen. Und nicht zuletzt sei das Insistieren auf der Opferperspektive seitens der offiziellen Verbände in Deutschland geeignet, den letzten Rest „ziganen Selbstbewußtseins“ zu tilgen; es verstelle zugleich den Blick auf Möglichkeiten, wenn man nur über Armut und Defizite definiert werde.

Das Buch lebt von spannend erzählten und glänzend geschriebenen Geschichten, ergänzt durch Bewertungen, die durch Erfahrung beglaubigt sind. Man liest es wie ein positives Gegenbeispiel zu der Mahnung von Albert Camus: „Indem man die Dinge falsch benennt, trägt man zum Übel in der Welt bei.“
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am 29. Mai 2015
Der Autor schafft beachtliches: Einen Blick hinter den Klischeevorhang zu liefern, ohne Probleme und Mißstände bei Zigeunern politisch korrekt auszulassen. Dies ist kein sentimentales "Die armen Ziegeuner sind alle Opfer"-Buch noch bleibt es bei Berichten über Verfehlungen und Verbrechen dieser Bevölkerungsgruppe stehen. Bei allen reportagehaften Schilderungen scheint immer wieder der Respekt und die Liebe des Autors zu den Zigeunern durch, die er (im Gegensatz zu wohl vielen anderen, die nur ÜBER sie schreiben) oft selbst besucht und mit denen er einiges über die Jahre an Zeit verbracht hat.
Für mich war dieses Buch ein lohnenswerter Anfang, der Lust auf mehr macht, z.B. darauf, Romane von Zigeunern über Zigeuner zu lesen. Dafür danke ich dem Autor.
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am 5. April 2013
Begegnungen mit Zigeunern hinterlassen starke Eindrücke: Klaukinder in St. Marie de la mer, Rumänische Pappbudenbewohner am Kreisverkehr in der Normandie, Wohnwagen-Camps in Penmarc'h (Bretagne), barfüßige Kinder am Markt in Tirana oder am Bahnhof Suceava, Metallsammler in Dortmund und Alt-Fratauz (Bukowina) und ganze Sippen aus Stolipinovo, die auf dem Mittelstreifen der Malinckrodtstrasse in Dortmund-Nord leben...

Diese Menschen sind laut, bunt und oft lästig. Wenn sie sich nicht verstecken müssen. Und sie sind eindruck-weckend.
Diese Eindrücke werfen Fragen auf. Was verbindet die Zigeuner? Was macht sie so besonders?
Vernachlässigen sie ihre Kinder wirklich so? Woher kommt diese Musikalität? Warum ziehen sie immer wieder Hass und Ablehnung auf sich? Und vor allem: Warum landen sie immer wieder an den unteren Rändern der Gesellschaft?

Wer nach Antworten sucht, findet die Filme von Gatlif und Kusturica oder jahrhundertealte Bücher mit Berichten über Versuche der Ansiedlung und Beschulung von Zigeunern. Man findet viel wissenschaftliches, romantisierendes aber auch hasserfülltes. Aber gute Antworten findet man nicht.

Gute Antworten gibt auch Bauerdick nicht. Aber er läßt uns Leser an seinen farbigen, bedrückenden und nachdenklich machenden Erfahrungen teilhaben. Und er scheut sich nicht, Ross und Reiter zu benennen. Nicht immer sind die Zigeuner die Opfer, die Gadsche die Täter. Der Begriff "Zigeunerkriminalität" mag politisch unkorrekt sein. Wer aber mit Zigeunern zu tun hat, lernt oft schnell, was damit gemeint ist. Es braucht keine rechtsradikale Gesinnung um von aggressivem Betteln, vermüllten Wohnungen oder von bandenmäßiger Kriminalität die Wut zu bekommen. Ein schwarz-weisses Täter-Opfer-Denken kann sich nur leisten, wer weit entfernt von den sozialen Brennpunkten lebt. Am Beispiel des Rechtsrucks in Ungarn zeigt Bauerdick, daß das politisch korrekte Verschweigen der Probleme eher zur Radikalisierung der Parteien beigetragen hat.

Nun wird es Zeit, sich in Deutschland mit diesen Fragen zu beschäftigen. Denn die Armutseinwanderung bringt hunderttausende osteuropäische Zigeuner in unsere Städte. Frankreich schickt sie spektakulär zurück nach Hause. Italiener zerstören ihre Bretterbudensiedlungen. Dortmund schließt den Straßenstrich. Man kuriert an den Symptomen ohne das darunterliegende Problem benennen, geschweigedenn kurieren zu können.

Bauerdicks Buch hilft, Hintergründe, Historie und Eigenarten der Zigeuner kennen zu lernen. Es desillusioniert diejenigen, die simple Lösungswege favorisieren (sogar gutgemeinte Kleiderspenden können Unheil anrichten). Es erklärt Verhaltensweisen, die unsereins unerklärlich erscheinen. Und es ist spannend zu lesen. Weil es brilliant geschrieben ist. Erfahrungsbasiert und empathisch. Danke dafür!
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am 15. Februar 2014
Ein Muss für jeden, der sich für das Leben der Zigeuner in Europa interessiert. Der Autor berichtet unvoreingenommen und realistisch von seinen Reisen zu Zigeunern in unterschiedlichen europäischen Ländern, insbesondere Ungarn, Rumänien, Bulgarien. Interessant auch, zu erfahren, dass und warum sich die meisten dieser Völker in Europa nach wie vor Zigeuner / Cigan nennen und nicht "Sinti und Roma". Das Buch hebt sich sehr positiv ab von der zahlreichen Literatur, deren Autoren das Leben der Zigeuner nur aus Sekundärliteratur kennen.
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am 23. März 2013
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist es in Deutschland schwer geworden über Zigeuner zu sprechen und einen unverstellten, von verschiedenen politischen Korrektheiten freien Blick auf ihre Geschichte, Kultur und Gegenwart zu werfen. Lange Zeit war es verpönt, den Namen Zigeuner überhaupt zu benutzen und nur wenige Eingeweihte wussten über die Unterschiede und auch Kämpfe zwischen den Roma und den Sinti wirklich Bescheid. Romani Rose hat über Jahrzehnte tapfer versucht, einer bundesdeutschen Öffentlichkeit den Opferstatus seines Volkes vorzuhalten, aber solange sie in ihrer Minderheit als geachtete Musiker auftraten und in ihrer großen Mehrheit in Rumänien und Bulgarien und anderen Länder sicher hinter dem Eisernen Vorhang versteckt lebten, war die Welt der Deutschen in Ordnung.

Nun, durch die Aufnahme dieser beiden Länder in die EU (dass das ein großer Fehler war, tut hier nichts zur Sache) haben deutsche Großstädte schon seit langem mit einem Phänomen zu tun, das in den letzten Wochen von der Öffentlichkeit mit der gebotenen Vorsicht, aber ohne die Fesseln einer lange die Debatte verhindernden politischen Korrektheit, diskutiert wird. Die Rede ist von der sogenannten Armutseinwanderung, bei der ganze Dörfer und Sippen von Roma nach Deutschland kommen und hier in sich schnell bildenden Ghettos von der Sozialhilfe, dem Kindergeld und vor allem vom geplanten Betteln leben. Es sind gerade die ärmsten Städte, wie etwa Duisburg, die am meisten betroffen sind. Noch weiß niemand so recht, was zu tun ist, und alle schauen mit Sorge auf den Beginn des Jahres 2014, ab dem die volle Freizügigkeit für die Bürger Rumäniens und Bulgariens beginnt.

Fakt ist: die Zigeuner sind in aller Munde. Es wird viel diskutiert über ihre Kultur, ihr „Wesen“, auch Zigeuner selbst melden sich durchaus kritisch zu dem Phänomen der Armutseinwanderung zu Wort. Dennoch ist in weiten Teilen der Öffentlichkeit die Kenntnis über die Zigeuner erschreckend gering und deshalb auch die Debatte um sie mit den uralten Klischees und Vorurteilen behaftet.

Das vorliegende Buch von Rolf Bauerdick ist auf eine besondere Weise dazu geeignet, hier Abhilfe zu schaffen. Auf über einhundert Reisen in elf Länder, in denen Zigeuner leben, hat er viele persönliche Erfahrungen gemacht, von denen er hier in teils erschütternder, teils faszinierender Weise erzählt.

Er geht den Ursachen der Verelendung der Zigeuner auf den Grund und der daraus resultierenden Zunahme von Konflikten. Seine Erzählungen sind beeindruckend und strahlen eine große Kraft aus. Immer in der Hochachtung vor der Kultur und des Alltags eines ungeliebten und unverstandenen Volkes. Er arbeitet mit allem Respekt heraus, dass es eben nicht immer die Diskriminierungen in ihren jeweiligen Mehrheitsgesellschaften sind, die ihre Probleme generieren, sondern dass sie für ihre Lage auch teilweise selbst verantwortlich sind.

Die öffentlich diskutierte Armutseinwanderung von Zigeunern vor allem in Deutschland kann mit den Informationen dieses Buches besser eingeschätzt und politisch bewältigt werden. Deshalb kann man es allen betroffenen Kommunalpolitikern, aber auch allen am öffentlichen Diskurs dieses Landes beteiligten Bürgern nur ans Herz legen.
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am 27. Mai 2014
Hervorragend geschrieben im Inhalt, Stil und Ausgewogenheit. Kein ideologisches Traktakt, sondern beeindruckendes, teiweise bedrückenden Erfahrungswissen. Auch das Schmunzeln hat seinen Platz.
War selbt ca. 20 mal in Rumänien und kann dies Buch wärmstens empfehlen, es beschreibt manchmal unbeschreibliches.
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Das wunderbare für mich an diesem Buch ist, Rolf Bauerdick ist diesem ungeliebten Volk nicht als Wissenschaftler auf der Spur. Die hat er vorher besucht und war zum Teil enttäuscht, weil sie viel an Theorie im Hirn hatten, aber noch nie im Leben einem Zigeuner wirklich begegnet waren.

Der Autor hat sie in mehreren Reisen besucht. Hat sich von ihnen bestehlen lassen, wurde von ihnen auf die Schippe genommen und war dem anders sein dieses Volkes dicht auf der Spur. Mit vielen hat er gesprochen, sich deren Lage erklären lassen. Unterschiede des Lebens im Sozialismus in Bulgarien, Rumänien und Ungarn zu heute werden deutlich sichtbar. Von Verbesserungen lese ich selten.

In 14 Kapiteln, auf immer wieder neuen Reisen, mit immer neuen und interessanten Menschen, geht der Autor Fragen der Geschichte und Gegenwart nach. Endgültige Antworten sucht man hier vergeblich. Auch enthält dieses Buch keine Anleitung zur Eingliederung eines Volkes ohne Grenzen in Normen und Erwartungen, dies wäre ohnehin unmöglich. Was dieses buch ermöglicht, ist das Kennenlernen der anderen Seite. Wer dieses Buch gelesen hat, dem sind viele interessante Menschen begegnet.

Dieses Buch ist ein sehr bewegender Reisebericht durch Südeuropa zu einem fremden Volk ohne Grenzen.

Sehr zu empfehlen!
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am 22. November 2013
Skizzen zu Begegnungen mit Gitanos, Manouches, Roma und den elenden Bedingungen, unter denen die meisten leben. B. hat diese Berichte von Reisen in die Zigeunergebiete Europas mitgebracht. Dabei fehlen oder werden eher am Rande berührt die Sinti, romanichals, (finnische) Kalé, Zigeuner in Russland ... Auch wenn keine Begegnungen mit diesen Gruppen stattgefunden, bezieht sich B. immer wieder auf einschlägige Zeugnisse (etwa des kanadischen Rom Ronald Lee). B.s Schilderungen wollen keine systematisch-umfassenden (ethnologischen, soziologischen, kulturwissenschaftlichen) Darstellungen sein; eher anekdotische Berichte, die durchaus charakteristische Eindrücke realitätsnah wiedergeben. Sie bestätigen dabei erstaunlicherweise mitunter, was an anderer Stelle (etwa bei Bogdal. Europa erfindet die Zigeuner) als von Vorurteil und Missverständnis getragene, ausgrenzende Sichtweise gekennzeichnet wird. B.s anekdotisch-zersplittert wirkende Berichte spiegeln vielgestaltige Lebensformen der Rom-Völker, die für gadsche in vielerlei Hinsicht fremd & rätselhaft bleiben, was dann bei "gestaltenden" Autoren, wie Bogdal sie unter die Lupe nimmt, nur zu leicht aus hilfloser Ratlosigkeit oder in diskriminierender Absicht zu Vorurteil & verzerrten Mythen geführt hat. B.s Schilderungen sind keineswegs vorurteilsbehaftet, sie stammen aus eigener Beobachtung in persönlichen Kontakten. Sie zeigen Akzeptanz & Verständnis des Fremdartigen und enthalten durchaus auch kritische Urteile; so die Kritik an einer gewissen Schicksalsergebenheit, Iniativelosigkeit von Zigeunern, was den Verlust des Bewußtseins ihrer Identität und der eigenen Ethnie zur Folge habe und so häufig zu einer Fürsorgementalität bei den gadsche führe. Dies hält B. durchaus für eine Form der Diskriminierung
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am 13. Oktober 2014
Der Fotograf und Journalist Rolf Bauerdick ist auf soziale Reportagen spezialisiert, oft im Auftrag katholischer Hilfswerke hat er in Slums und Elendssiedlungen rund um den Erdball gearbeitet. Mehr als 100 Reisen führten ihn zu Zigeunern in 12 europäischen Ländern. Um Vorurteile hat er sich bei seiner Arbeit nie gekümmert. Das fängt schon bei den Begriffen an: Wie es Roma und Sinti gibt, die den Begriff Zigeuner als Beleidigung empfinden, so ist Bauerdick in Osteuropa in der Hauptsache auf Menschen gestoßen, die sich stolz als „Zigeuner“ (in welcher Sprache auch immer) bezeichneten und die Benennung als Roma zurückwiesen. Noch abstruser ist es, so der Autor, wenn deutsche Journalisten von „den Roma und Sinti“ etwa in Rumänien oder Bulgarien sprechen, Ländern, in denen es überhaupt keine Sinti gibt.

Überhaupt die „Antiziganismus“-Forscher und sonstigen selbsternannten Fürsprecher dieses Volkes: Bauerdick führt sie in ihrer ganzen Unwissenheit vor und betont, auf seinen Reisen, bei denen er tage- und wochenlang in den Dörfern der Zigeuner gelebt hat, nicht ein einziges Mal auf einen dieser „Experten“ vor Ort gestoßen zu sein. Die Folgen dieser Ignoranz mögen grotesk oder lächerlich sein, wenn Jugendbuchautorinnen wie Enid Blyton rigoros umgeschrieben werden oder behauptet wird, das romantische Bild der glutäugigen tanzenden Zigeunerin vor dem Lagerfeuer sei bloß „eine Projektion bürgerlicher Sehnsüchte“ und vermittle falsche Klischees vom Leben dieser Menschen. Dazu Bauerdick: „Sagen will ich, daß mir Bildnisse dieser verlockenden Schönheiten als Fotograf sehr vertraut sind. In allen Varianten. In Öl gemalt, mit Garn gestickt, als Puzzle gelegt, als Wandteppich geknüpft und als Kunstdruck verblichen. Die Bilder hängen in Wohnzimmern, in denen ich ungezählte Roma-Familien porträtiert habe.“ Gefährlich wird es, wenn die Faktenblindheit solcher Publizisten und Agitatoren, die Zigeuner als bloße Opfer (der Mehrheitsgesellschaft, des Kapitalismus, der modernen Welt, des Anti-Zigeuner-Rassismus etc.) proträtiert und suggeriert wird, mit mehr Hilfsgeldern und anti-rassistischer Propaganda würde sich ihre Lage rasch verbessern lassen. Bauerdick zeigt, daß dem nicht so ist. Er schildert das Leben der reichen Clan-Chefs und „Zigeuner-Könige“, die sich Millionen Euro teure Paläste bauen lassen – mit dem Geld unzähliger Familien, die sie in die Zinsknechtschaft getrieben haben und die nun als Bettler unsere Fußgängerzonen bevölkern. Er verschließt die Augen nicht vor Verwahrlosung und Gleichgültigkeit selbst der Mütter, denen Kinder sterben, weil sie im Winter halbnackt im Freien spielen oder wenn er von einem Baby ohne Zehen berichtet, dessen Mutter auf seine Nachfrage lakonisch antwortet: „Das waren die Ratten. Die fressen alles.“ Eine Reportage im rumänischen Oradea hat ihn, der Müllmenschen schon in Manila, Mexiko-City, Sao Paulo und Kairo fotografiert hatte, besonders erschüttert: „Obschon die Müllhalden der Metropolen zurecht als Stätten des Elends gelten, war keine von ihnen mit der Kippe von Oradea zu vergleichen. … Egal ob in Brasilien, in Ägypten oder auf den Philippinen, überall gab es so etwas wie eine Solidarität unter den Armen. Sie verfügten über den Willen, die Möglichkeiten zu nutzen, die einen Schritt aus der Armut herausführten.“ Bei den Zigeunern von Oradea war davon nichts zu merken. Trotz der vielen oft chronischen Krankheiten, unter denen schon die Kinder aufgrund der Lebensbedingungen an diesem Ort des Grauens leiden, hat keiner von ihnen noch das örtliche Krankenhaus besucht, in dem mittellose Patienten anstandslos gratis behandelt werden. Und als Bauerdick selbst bei einem zweiten Besuch mit einem Wagen voll gesammelter Altkleider ankam, um sie zu verteilen, entbrannte sofort ein gewalttätiger Streit der Familien um die besten Stücke, schließlich wurde er bezichtigt, nicht genügend Kleider für alle mitgebracht zu haben und mit Steinwürfen von der Müllhalde vertrieben. Auch an anderen Orten hat er ähnliche Erfahrungen gemacht: Kleiderlieferungen in eine Siedlung, die nie bei den nur mit Fetzen bekleideten Kindern ankamen, sondern am nächsten Trödelmarkt zu Geld gemacht wurden, die Lieferung einer Möbelspende in ein Zigeunerdorf, die zuerst zu großem Streit führte, wer welches Stück behalten darf, bis schließlich alle Möbel zwischen den Hütten im Schnee lagen und verrotteten, weil sich niemand mehr darum kümmerte. Besuche mit einer Hilfsorganisation in Siedlungen, wo die herbeigeeilten Mütter wortreich das Elend ihrer Kinder beschrieben, von denen sich jedoch keine je die Mühe gemacht hatte, selbst in das nur wenige Kilometer entfernte Büro dieser Organisation zu kommen.

Auch das von den indischen Ursprüngen her stammende, nach wie vor stark verwurzelte Kastendenken, ja geradezu der Rassismus einzelner Zigeunerstämme gegenüber anderen, wird geschildert.

Dabei ist das Buch von großer Sympathie getragen und zeigt, daß es auch Gegenbeispiele gibt: Nicht nur die stolzen Pferdehändler und Kupferschmiede, die einst durchaus ihren Platz in den europäischen Gesellschaften hatten und erst durch die moderne Welt um ihre Stellung gebracht wurden. Auch Zigeuner, die im Kommunismus noch in die normalen Arbeitsverhältnisse der Länder Osteuropas eingebunden waren, oft freilich für besonders gefährliche oder gesundheitsschädliche Arbeiten herangezogen, und trotzdem „humorvolle, gastfreundliche, schlitzohrige, rundum liebenswerte Menschen“ geblieben waren. Bauerdick hat sich unter ihnen wohl gefühlt und macht keinen Hehl daraus.

Besondere Aufmerksamkeit widmet er den Verhältnissen in Ungarn, wo es in den letzten Jahren zu gezielten Morden an Roma gekommen ist, die auch hierzulande ein großes Presseecho gefunden haben. Die Recherchen machten dem Autor aber bald klar, daß es sich dabei nur um eine Seite der Medaille handelte. Die andere waren weit über hundert Gewaltverbrechen, darunter viele Morde, die von Zigeunern an Ungarn verübt worden waren – wovon bei uns kaum je etwas zu lesen war. Darunter der Fall eines Lehrers, der mit seinem Auto ein kleines Roma-Mädchen niederfuhr, der aus dem Wagen sprang, um sich um das Kind zu kümmer, das glücklicherweise fast unverletzt überlebt hatte – und der dann vor den Augen seiner beiden kleinen Töchter von den herbeigeeilten Männern des Dorfes totgeschlagen wurde. Frauen, die vergewaltigt und lebendig verbrannt, junge Ungarn, die totgefoltert worden waren. Ein bekannter Sportler, der vor laufenden Überwachungskameras in einem Lokal von einer Bande Zuhälter und Schutzgelderpresser ermordet wurde, ohne daß er sie zuvor in irgendeiner Weise provoziert hätte. Bauerdick zeigt auf, daß es im Ungarn nach der Wende zu einer Explosion der Zigeunerkriminalität gekommen war, die die ungarische Dorfkultur zerstört hat. Dörfer, in denen arme Ungarn wohnen, die darauf angewiesen wären, selbst Gemüse anzubauen, Hühner zu halten, um ihre karge Rente aufzubessern und die jetzt nichts von alledem mehr tun, nicht einmal mehr einen einzigen Obstbaum im Garten stehen haben, weil ihnen alles gestohlen wird, bevor sie selbst zur Verwertung schreiten können. Menschen, die sonntags nicht einmal gemeinsam die Kirche besuchen können, weil ihnen sofort das Haus leergeräumt wird, wenn es nicht zumindest einer bewacht. Verhältnisse wie diese haben zu den großen Wahlerfolgen der Jobbik geführt, und die Schuld liegt für den Autor klar bei der sozialliberalen Regierung, die aus einer falsch verstandenen Liberalität heraus verhinderte, daß die Polizei bei Delikten, deren materieller Schaden unter 80 Euro lag, überhaupt ermittelte. Wenn einem aber täglich zwei Hühner gestohlen werden, ist der Schaden immer unter 80 Euro und am Ende der Stall leer. Die sozialistische Regierung hat mit ihrer Politik eine solche Kultur der Konfrontation bewusst herbeigeführt. Erst damals wuchs diese Zwietracht zwischen Ungarn und Zigeunern, die das Land nun, so die Worte eines ungarischen Gewährsmanns, an den Rand eines Bürgerkriegs geführt haben: „Wo Unrecht aus politischen Motiven kein Unrecht mehr ist, wird das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen zerstört. So entstehen Hassverhältnisse.“ Die Verfolgung von Straftätern hätte dies verhindert, denn: „Man hat ignoriert, daß mit jedem Übeltäter, der gefasst und bestraft wird, auch ein zu Unrecht Verdächtigter entlastet wird.“ Wenn Ungarn ihre Kinder nicht zur Schule schicken, droht ihnen eine Haftstrafe. „Wenn die Roma sich so verhielten, geschah gar nichts und man glaubte, das sei liberal. Die Kultur der Konfrontation hat den Cigany eingeredet, ihr seid gedemütigt und beleidigt worden. Wenn ihr jetzt zurückschlagt, dann ist es euer gutes Recht.“ Die Folgen dieser sozialiberalen Politik badet Ungarn noch heute aus, doch jetzt beginnen auch viele Zigeuner, sich gegen diese Entwicklungen zu wehren. Nicht alle sind kriminell oder auch nur bereit, die Machenschaften der kriminellen Familien und Clans hinzunehmen. Es gibt Zigeunerführer, die – sogar auf Versammlungen der Regierungspartei Fidesz – klare Worte sprechen. Aus einem besonders terrorisierten Dorf, in dem er recherchierte, berichtet Bauerdick von einer Unterschriftenliste, mit der die Bewohner die Behörden zu schärferem Durchgreifen auffordern – und die Mehrheit der Unterschriften stammt von Zigeunerfamilien. Im selben Dorf, in dem die Ungarn in ihren Gärten kein Gemüse und Obst mehr anbauen können, weil ihnen alles gestohlen wird, gibt es zahlreiche Zigeunerfamilien, die als Erntehelfer in andere ungarische Gemeinden reisen – für einen Arbeitslohn von weniger als € 1,00 pro Stunde. Den Rest behält der Organisator – ein Cigan. Aber immerhin: Menschen, die bereit sind für einen solchen Hungerlohn zu arbeiten, wollen ihr Schicksal verbessern und zwar nach Möglichkeit auf ehrliche Art und Weise.

Gleichgültigkeit, Trägheit und Verwahrlosung ist, wie das Buch unmissverständlich klar macht, ein hausgemachtes Problem bei einem großen Teil dieses Volkes – aber nicht bei allen. Und so viele Beispiele für gescheiterte Hilfsprojekte sich auch finden, so sehr bemüht sich der Autor im abschließenden Kapitel des Buches, Perspektiven aufzuzeigen, wie sich das Leben dieser Menschen auf Dauer wohl doch verbessern ließe. Ohne die Scheuklappen und Denkverbote der „politically“ Korrekten, freilich.
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