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Tonspuren: Roman
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am 8. Oktober 2013
Es ist klar, es wird immer deutlicher: Die Generation jener, die es erlebt haben, stirbt aus, die Generation, die weitererzählen will, weiter erzählen muß und dazu zwangsläufig auf Fiktionen zurückgreifen wird, tritt an. Also wird eines der entscheidenden Themen, die Publikationen wie Perlmans Buch immer begleiten werden, immer die Frage sein: Geht das?, darf man das?, kann am es SO machen?

Deshalb hier eine Antwort des Rezensenten vorneweg: Ja,man kann es so machen. Vielleicht MUSS man es so amchen. Elliot Perlman ist ein großer Roman geglückt, weil es ihm einerseits gelingt, seinem Thema - der Erinnerung und wie sie sich manifestiert, präsentiert und schließlich auch transformiert - gerecht zu werden, andererseits sowohl die Shoah zu thematisieren, als auch der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ein Denkmal zu setzen; zudem vermag er, zweien der schlimmsten Menschheitsverbrechen - eben der Shoah und der Sklaverei - zu gedenken, sie zu beschreiben, sie sogar in Bezug zueinander zu setzen und dennoch NICHT gegeneinander auszuspielen oder das eine mit dem anderen zu relativieren. Mehr noch: Es gelingt ihm - und dazu kann es nur die Fiktion geben - literarisch eine Aussöhnung und einen Hoffnungsschimmer in die Welt zu setzen.

Wenn ein Roman all dies leistet, muß man wohl von einem wahrlich "großen Buch" sprechen.

Erzählt wird die mehrfach ineinander verschlungene Geschichte von Lamont Williams und Adam Zignelik. Der Afroamerikaner Lamont ist nach Jahren im Gefängnis unbedingt auf seinen Job in einem Krankenhaus angewiesen, u.a. um seine Tochter wiederzufinden; er begegnet in jenem Krankenhaus dem sterbenden Henry Mandelbrot, einem Überlebenden der Sonderkommandos in Auschwitz, der Lamont seine Geschichte zu erzählen beginnt, weil sie "erinnert werden muß, nichts darf vergessen werden". Adam wiederum verliert gerade seinen Job als Dozent an der Columbia University, da er jahrelang keine Forschungsergebnisse vorgelegt hat. Er ist Historiker, der zu Beginn seiner Karriere ein Standardwerk über die Bürgerrechtsbewegung verfasst hat, in der sein Vater, ein jüdischer Anwalt, sehr engagiert gewesen ist. Sein einst bester Freund Charles, ein Afroamerikaner, ist Fachbereichsleiter für Geschichte und somit nicht ganz unbeteiligt an Adams beruflichen Problemen, dessen Vater wiederum - ebenfalls ein alter Haudegen aus der Zeit der frühen Bürgerrechtsbewegung - bittet Adam, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob Einheiten eines "schwarzen" Panzerbataillons an der Befreiung des KZ Dachau beteiligt gewesen sein könnten. Adam macht sich auf, und je weiter er vorstößt, desto mehr Material findet er - allerdings zu ganz anderen Themen: Der Chicagoer Psychologieprofessor Henry Border war direkt nach dem Ende des Krieges nach Deutschland gereist, um dort mit sogenannten DP's - Displaced Persons - zu reden, offiziell wollte er gewisse Sprachveränderungen bei Flüchtlingen untersuchen. Inoffiziell, und das findet Adam anhand von Borders hinterlassenen Tonbandaufnahemn schnell heraus, sprach der Professor offenbar ausschließlich mit Überlebenden der Konzentrationslager...

Und so öffnet sich nach und nach ein weites Panorama von miteinander verwobenen Geschichten vollkommen unterschiedlicher Menschen über Zeiten und Kontinente hinweg, breitet sich ein Geflecht aus, welches dem Leser beweist, daß man miteinander zu tun haben kann, obwohl man in den eigenen, ganz alltäglichen Kleinigkeiten gefangen scheint. Perlman nutzt dafür eine scheinbar oberflächlich dem Geschehen entäußerte Gegenwartsebene, in der Adam sich von seiner Freundin trennt, der er meint kein guter Lebensgefährte sein zu können, die Frau seines Freundes wiederum ist die Cousine von Lamont, beider Großmutter hat diese Kids einst in den 50er und 60er Jahren aufgezogen. Nach und nach vermischen sich die Erinnerungen an die Vernichtungslager und jene an die Tage des Kampfes um ein menschenwürdiges Dasein in den USA, welche immer befeuert waren von den Erinnerungen daran, wie schwarze Menschen einst schlicht aus ihrer Heimat entrissen, über Ozeane verschleppt und in die Sklaverei gebracht wurden.

Perlman macht es sich und dem Leser nicht einfach. Er bietet eine Geschichte über die Geschehnisse in den Lagern an, er wagt es sogar, aus den Lagern zu berichten. Sein "Kunstgriff" dabei ist, Menschen, die es erleben mussten erzählen zu lassen und somit genau das zu reflektieren, was für uns, die später Geborenen, die einzige Möglichkeit des Verständnisses bleibt: zuzuhören, zu lesen und sich immer wieder diesen Erinnerungen zu stellen. Wir erleben also, wie Geschichte vermittelt wird - als Erzählung ("Oral History" ist eines der Schlagworte, die auch im Text selbst häufig fallen), aber auch als Geschichte im Sinne von spannend weitergegebenen Geschichten. Und - natürlich - als Wissenschaft, die dennoch oft genug vor dem Gegenstand ihrer Untersuchung ebenso versagt, wie sie auch verzweifelt, weil sie das, was es zu berichten und zu überliefern gilt, schlicht nicht festhalten, nicht fassen kann in den Parametern ihrer Klassifikationen und Kategorien. Und weil die Sprache manchmal einfach versagt vor dem, was zu sagen wohl schlicht nicht mehr möglich ist. So erhält man Einblick in die Arbeit des Historikers, nimmt nahezu an einer historischen Recherche teil und muß trotzdem die Berichte ertragen, die ein Mann wie Mandelbrot zu erzählen hat. Die einfach nur der Erinnerung eines alten, sterbenden Mannes entspringen, die emotional sind und sich gerade in ihrer Emotionalität rigoros einschreiben in die Erinnerung eines jungen Mannes wie Lamont. Und diese Erinnerungen des alten, sterbenden Mannes sind schrecklich.

Hier nutzt Perlman intensiv Gideon Greifs "Wir weinten tränenlos. Augenzeugenberichte des jüdischen >Sonderkommandos< in Auschwitz" "Wir weinten tränenlos...". Augenzeugenberichte des jüdischen "Sonderkommandos" in Auschwitz, doch seinem Nachwort ist zu entnehmen, daß er auch eigene Interviews zum Thema geführt hat. Außerdem ist die Geschichte Borders wahr. David P. Boder war es, der die Befragungen 1946 durchführte und darüber berichtete. So verweben sich in Elliot Perlmans Text Wahrheit und Fiktion zu einer Textur des "so könnte es gewesen sein", ohne je zu leugnen, fiktional zu sein (was der Autor nachgerade brilliant anhand der Privat- und Alltagsgeschichten seiner Protagonisten verdeutlichen kann, die eben "nur" banal sind im Angesicht der Geschichte und dennoch ebenso von Schuld und Sühne erzählen, von selbstbegangenem Unrecht und der Möglichkeit, wieder gut zu machen, was man verbockt hat - alles eben ein paar Nummern kleiner, deshalb jedoch nicht weniger wichtig für den einzelnen). Das ist ausgesprochen wichtig für diesen Text. Seine Fiktionalität erlaubt es dem Juden Perlman, einen Zirkelschlag zu den Afroamerikanern zu machen, der ihr Schicksal, ihr Leiden nicht unterschlägt, indem er sehr genau beobachtet und beobachtend erklärt, wie es der zweitgrößten Bevölkerungsgruppe eines Landes nach wie vor verweigert werden kann, gleichberechtigt am Leben des Landes teilzunehmen, wie es auch Angehörige des im Holocaust so gnadenlos verfolgten Volkes nicht zwangsläufig gelingen muß, sich von Vorurteilen zu befreien und wie jene Afroamerikaner, die es "geschafft haben", sich ewig dankbar vorkommen müssen.

Dieser Zirkelschlag ist allerdings in einem politischen Sinne ausgesprochen wichtig für die amerikanische Gegenwart: Es gibt eine starke Abneigung zwischen den jüdischen und den afroamerikanischen US-Bürgern (was nicht immer so war, auch das zeigt das Buch sehr eindringlich) und dieser Text kann also auch als eine Art Angebot gelesen werden. Ein Friedensangebot, ja, aber auch als eine Handreichung, den einmal begonnenen GEMEINSAMEN Kampf wieder aufzunehmen. Dazu bietet Perlman am Ende des Buches eine Art Happy-End an, das vollkommen unwirklich anmutet (und das in seiner Unwirklichkeit auch genauso im Text selber dargestellt, behandelt und reflektiert wird), einmal mehr die Fiktionalität des gesamten Textes ausstellt und thematisiert, dabei jedoch den Sinn fiktionalen Erzählens hervorhebt und verdeutlicht und so immanent eine Antwort auf die am Anfang dieser Rezension gestellten Fragen liefert.

Das alles ist weder besonders leicht zu lesen, es ist nicht erbaulich und an manchen Stellen tut es einfach unendlich weh. Man kann dem Roman Vieles vorwerfen: Er ist thesenhaft, überkonstruiert, sein Personal möglicherweise zu eindimensional - alles wahr, alles richtig. Doch muß man beim Lesen sehr genau im Auge behalten, worum es hier geht! Der gesamte Text scheint sowohl mit Claude Lanzmanns "Shoah" zu korrespondieren, als auch mit Richard Powers Roman "Der Klang der Zeit". Man kann grundsätzlich diese Art "theoretischer" Literatur ablehnen und sich ihr verweigern, dann sollte man Perlmans Text gar nicht erst zur Hand nehmen; man kann aber auch der Meinung sein, daß diese Art der fiktionalisierten Geschichtsvermittlung so - und NUR so, auf DIESE Art und Weise - möglich und möglicherweise sogar nötig ist, dann hat man es hier mit einem der herausragenden Werke dieser Art zu tun. Claude Lanzmann war angesichts des Films "Schindlers Liste" der Meinung, Auschwitz, das Lager, sei nicht abbildbar. Der Rezensent pflichtet dem bei. Doch wir werden uns damit abfinden müssen, daß zusehends fiktional vom Holocaust erzählt werden wird. Dabei wird, was damals geschah, zwangsläufig verzerrt und falsch dargestellt werden und es wird oft - wie in Boynes "Der Junge im gestreiften Pyjama" - schlicht zur Hintergrundkulisse dienen müssen für zynische Schnulzen. Umso wichtiger, daß einige sich daran machen, das Material, das zur Verfügung steht und uns sehr genauen Einblick gibt, wieder und wieder zu sichten und so zu be- und verarbeiten, daß daraus zwar fiktionale Geschichten entstehen, diese jedoch vermitteln, was passiert ist, damit wir einer der zentralen Aufforderungen des Buches gerecht werden können:

"Sag allen, was hier passiert ist!"
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am 29. Juni 2013
Lamont Williams sitzt erschöpft in einem voll besetzten Bus. Von seiner sechsmonatigen Probezeit hat er den vierten Tag hinter sich gebracht. Als Angestellter beim Gebäudeservice der Memorial-Sloan-Kettering Krebsklinik könnte ihm das bisher Unmögliche gelingen. Keiner, der einen Teil seiner Vergangenheit im Gefängnis verbrachte, hatte bisher die strengen Anforderungen der Klinik erfüllen können.

Die Exodus Transitional Community, eine gemeinnützige Organisation, die mit privaten Spenden und "unregelmäßig hereinsickerndem Zufluss öffentlicher Mittel" gerade so über die Runden kommt, entwickelte ein neues Sozialhilfeprogramm, dessen erster Kandidat Lamont Williams ist. Voraussetzungen sind ein Lebenslauf ohne Gewaltverbrechen und Drogenmissbrauch sowie ein fester Wohnsitz.

Drei Jahre war Williams zunächst im Gefängnis von Woodbourne und später weitere drei Jahre in Mid-Orange inhaftiert. Er war unwissentlich an einem Raubüberfall beteiligt. Ein Freund und ein Bekannter baten ihn, an einem Spirituosenladen anzuhalten, wo sie für einen angeblichen Filmabend Pizza besorgen wollten ...

Und nun hat er die einmalige Chance zur Wiedereingliederung in ein festes Arbeitsverhältnis erhalten. Er wird angenommen und somit behandelt wie jeder neue Angestellte der Klinik. Nach einer Probezeit von sechs Monaten winkt eine feste Anstellung. Beschäftigt beim Gebäudeservice ahnt er in den ersten Tagen nicht, dass er sehr bald einen ganz besonderen Patienten der Klinik kennenlernen wird ...

Adam Zignelik wird niemals vergessen, was ihm einst sein Vater über die New Yorker Unruhen erzählt hatte. Der wütende Mob machte sogar vor dem Colored Orphan Asylum nicht halt. Im Sommer des Jahres 1863 herrschte nur noch das Chaos. Nord- und Südstaaten befanden sich im Krieg. Die Sklavenbefreiung durch Lincoln im Vorjahr bereits proklamiert, wollten nicht wenige Sklavenhalter auf ihr "Eigentum" keineswegs verzichten.

Schlimmer noch war, dass die unter dem Krieg leidende Bevölkerung ausgerechnet die Schwarzen dafür verantwortlich machte. Furcht vor der "Emanzipationsproklamation" machte sich breit. Man fürchtete eine Flut befreiter Sklaven, die sich auf die Jobs in New York stürzen würden. Schließlich wären sie bereit, für noch weniger Lohn zu arbeiten als Iren und Deutsche ...

Um eine drohende Eskalation abzuwenden, erließ Lincoln ein neues Einberufungsgesetz in Form einer Zwangsauslosung. Im Juli sollte eine solche erstmals stattfinden und es kam zum Aufruhr. Tausende rückten zur Einberufungsstelle und zerstörten sie. Polizei und eine kleine Militäreinheit waren machtlos. Auch vor jenem Waisenhaus, einer wohltätigen Einrichtung für schwarze Kinder, machten sie nicht Halt. Die Betreuer konnten die Kinder retten, bis auf ein Mädchen, welches von einem aus dem Fenster geworfenen Möbelstück tödlich getroffen wurde ...

Der Historiker Adam Zignelik ahnt ebenfalls nicht, welche unerwarteten Wege noch vor ihm liegen, und wie sich sein weiteres Schicksal gestalten und wenden sollte. Eine erstaunliche Entdeckung sollte ihm eine Aufgabe schenken, die er lange suchte und sich dabei selbst beinahe aufgegeben hätte. In den Archiven der Galvin Library des Illinois Institute of Technology in Chicago findet er Transkripte von Interviews, die ein gewisser Dr. Border 1946 bei einem Besuch in Europa geführt hat. Es handelt sich ausnahmslos um Gespräche mit Überlebenden des Holocausts, die Border mit einem Drahttongerät aufgezeichnet hatte ...

Auch der Patient in der Memorial-Sloan-Kettering Krebsklinik ist ein Überlebender. Henryk Mandelbrot ist schwer an Krebs erkrankt und findet in Lamont Williams einen idealen Gesprächspartner ...

... und was die unerwartete Bekanntschaft sowie den zufälligen Fund gleichermaßen betrifft, sind die Abgründe, in die beide führen: die Härte der Vergangenheit und Greueltaten - einmalig in der Weltgeschichte -, die oft und gerne auch heutzutage noch geleugnet, vergessen oder schlimmer, überhaupt nicht gekannt werden.

Elliot Perlmann geht es aber nicht nur um die Aufarbeitung dunkler Kapitel des zweiten Weltkrieges und den Wirren zur Zeit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, sondern um Geschichte im Allgemeinen und vor allem um die Geschichten, die uns Geschichte erzählen kann. Eine oder vielmehr gleich mehrere erzählt uns der Autor, indem er uns Menschen und deren Schicksal auf verschiedenen Zeitebenen vorstellt.

Dies tut er auf fast nüchterne Art und Weise, was dem Ernst der Geschichte(n) durchaus angepasst sein mag. Der ständige Wechsel von Zeit- und Erzählperspektiven leistet einem gewissen literarischen Anspruch Folge, gestaltet sich aber zumindest nach meinem Empfinden mitunter nicht unanstrengend und dem allgemeinen Verständnis nicht immer dienlich. Man darf sich auch gelegentlich fragen, mit welcher Person man es denn nun schon wieder zu tun hat. Man könnte hier und da auch schneller zum Punkt kommen und die eine oder andere Wiederholung streichen. Farblose Schilderungen privater Verhältnisse und Befindlichkeiten können langweilen und den Eindruck entstehen lassen, hier handle es sich um Werkzeuge des Spannungsaufbaus, was in einem solchen Werk eher fatal wäre.

Derartige Erwägungen treten aber hinter die Gesamtheit des Werkes zurück, welche mehr als ein leidenschaftliches Plädoyer gegen Rassismus in all seinen Schattierungen darstellt. Den grausamen Ereignissen stellt Elliot Einzelschicksale gegenüber und zeichnet somit ein wesentlich eindringlicheres Bild, als dies Geschichtsbücher in ihrer Sachlichkeit vermögen. Die unterschiedlichsten Charaktere vermitteln zudem das ganze Ausmaß eines menschenverachtenden Systems, ob es sich nun gegen Juden oder Schwarze wendet. So stehen die Menschen und ihre ganz persönlichen Befindlichkeiten in diesem Roman auch im Vordergrund. Krieg, Hass und all die Morde bekommen Gesichter! Die Gewalt bleibt kein diffuses Bild, sondern wendet sich gegen "Individuen mit Gedächtnissen, Gefühlen, Ambitionen, Beziehungen, Meinungen, Werten und Errungenschaften".

Henryk Mandelbrot glaubte, nichtsahnend in Ausschwitz angekommen, das Ende aller Tage, "wie er sie gekannt hatte", zu erleben. Was ihn am Leben erhält ist die Überzeugung, dass jemand erzählen muss, was hier geschehen ist.
So stellt auch die Macht der Erinnerung ein zentrales Thema dar. Sie kann grauenhaft sein, indem sie einfach kommt und geht wann sie will. Sie raubt den Schlaf und verhindert ein angstfreies Leben, auch wenn all die Schrecken längst im Nebel der Vergangenheit verschwunden sind. Doch die Erinnerung muss andererseits am Leben erhalten und weitergegeben werden. Sie ist Beleg und Zeugnis zugleich. Wird Geschichte ignoriert und totgeschwiegen, kann sie uns nichts lehren.
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am 5. Oktober 2013
Es allen zu erzählen. Dieses Buch handelt vom Holocaust und von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Hineingewoben sind Geschichten aus dem heutigen New York über Liebe, Karriere, Lebenszufriedenheit. Es hat eine ungeheure Wucht und Einprägsamkeit, die mich auch jetzt noch, Wochen nachdem ich es gelesen habe, immer wieder vereinnahmen.

Obwohl die beiden historischen Hauptthemen in etwa gleich viel Platz einnehmen, wird man zumindest in Deutschland die Teile über das Ghetto und die Lager, speziell die Vernichtungslager, wohl im Vordergrund sehen. Diese basieren auf den Aussagen von Überlebenden der Lager unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs. 1946 war ein amerikanischer Psychologe, David P. Boder, in die Flüchtlingslager gereist und hatte mit einem heute vorsintflutlich anmutenden Tonbandgerät die Überlebenden zu ihren Erlebnissen und Erinnerungen befragt. Diese Erinnerungen werden in Form von "Tonspuren" in Perlmans Buch wieder zum Leben erweckt und zeichnen ein unglaublich genaues und unglaublich brutales Bild des Lebens in Auschwitz und anderen Lagern. Es allen zu erzählen; damit die Leiden nicht umsonst waren, damit sich der Menschen erinnert wird, damit 6 Millionen als Persönlichkeiten und nicht nur als Masse der zu Tode Gekommenen im Gedächtnis bleiben. Ein großer Dienst ist ihnen mit diesem Buch erwiesen worden.

Dass das auch anstrengend zu lesen ist - keine Frage. Deshalb umso schöner, wenn es am Ende in der Jetztzeit auch Versöhnung und Freude gibt.
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