Kundenrezensionen


167 Rezensionen
5 Sterne:
 (125)
4 Sterne:
 (21)
3 Sterne:
 (8)
2 Sterne:
 (6)
1 Sterne:
 (7)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 

Die hilfreichste positive Rezension
Die hilfreichste kritische Rezension


561 von 592 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Europa auf dem Weg in den Abgrund
Ein halbes Jahrhundert ist es jetzt her, dass Fritz Fischer die westdeutsche Geschichtswissenschaft mit seinen Thesen über die Schuld des Deutschen Kaiserreiches am Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Aufregung versetzte. Ein entfernter Nachhall der von Fischer ausgelösten Debatte ist noch in aktuellen Darstellungen zur Vorgeschichte und Geschichte des Ersten...
Vor 20 Monaten von Irulan Corrino veröffentlicht

versus
68 von 109 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kritik gegen Clark
Ohne Zweifel ein verdienstvolles Buch, dass den Blickwinkel auf den 1. Weltkrieg radikal verändert.

Trotzdem muss auch Kritik sein. Historiker wie Volker Ullrich (am 12.09.2013 in der Zeitung "Die Zeit"), Weltkriegexperte Gerd Krumeich (beachtliches, sehr deutliches Buch: "Juli 1914. Eine Bilanz") oder Wolfram Wette (sehr selbstsicher in der...
Vor 17 Monaten von Openuser veröffentlicht


Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Keine Schlafwandler, sondern Fatalisten, 28. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Die Botschaft des Buches ist nicht, dass sich die Staatsführer unversehens im Krieg befanden. Insoweit ist der Buchtitel irreführend. Es war vielmehr so - und Clark schreibt das ja auch - dass sich alle sehr bewusst darüber waren, dass der Krieg drohte. Man war sich so sehr darüber bewusst, dass man den Glauben verloren hatte, ihn noch abwenden zu können. Man war davon überzeugt, dass der große europäische Krieg kommen werde, wenn nicht jetzt, dann in ein oder zwei Jahren. Und deshalb gab man allseits (!) seine Vermeidungsstrategie auf und versuchte eine möglichst günstige Ausgangsposition zu erreichen, so wie Segelboote beim Start einer Regatta. Das ist eine Spielart von selbstbewahrheitender Prophezeiung. Und das ist, was wir von damals lernen können.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fesselnde Lektüre, 2. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch habe ich mir schon lange gewünscht, aufgrund des hohen Preises jedoch länger gezögert, es zu kaufen. Nun habe ich es bestellt und bisher den Kauf nicht bereut. Es ist gut und leicht verständlich geschrieben. Darauf lege ich als historisch interessierter Laie großen Wert. Ebenso war mir eine Zusammenfassung des bisherigen Wissensstandes wichtig, ohne selbst ca. 25000 Bände zum Thema lesen zu müssen. Dieses eine Buch wird mir noch lange genügend interessanten Lesestoff bieten.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


4.0 von 5 Sternen Schlafwandler?, 24. März 2015
Von 
Thomas Dunskus (Faleyras, France) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Wie schwierig die Beurteilung des 1. WKs und seines Ausbruchs auch heute noch ist, zeigt sich im Eintrag der allwissenden Wikipädie (in ihrer frz, Fassung) wo über den Mord an dem frz. Sozialisten Jean Jaurès am 31. Juli 1914 durch einen gewissen Raoul Villain gesagt wird:

"Raoul Villain est acquitté le 29 mars 1919 par onze voix sur douze, un juré ayant même estimé qu’il avait rendu service à sa patrie : « Si l’adversaire de la guerre, Jaurès, s’était imposé, la France n’aurait pas pu gagner la guerre. » La veuve de Jaurès est condamnée aux dépens (paiement des frais du procès)."

In meiner Übersetzung heißt das: "Raoul Villain wird am 29. März 1919 mit 11 von 12 Stimmen [der Geschworenen, TD] freigesprochen, wobei ein Geschworener soweit ging, zu sagen Villain habe damit seinem Vaterland gedient: "Wenn der Gegner des Krieges, Jaurès, sich durchgesetzt hätte, hätte Frankreich nicht den Krieg gewinnen können". Die Witwe von Jaurès, wird verurteilt, die Prozesskosten zu tragen".

Die Ironie der Geschichte will es, dass Villains Leben lt. Wikipédie, wie folgt endete:

"Raoul Villain s’exile alors sur l’île d’Ibiza. Peu après le début de la guerre d’Espagne en juillet 1936, l’île … est alors reprise par des groupes anarchistes, mais l’île est bombardée par l’aviation franquiste et … les anarchistes l’exécutent pour espionnage au profit de l’armée franquiste, sans que l’on sache s’ils savaient qui il était36".

Übers.: "Raoul Villain geht nun auf die Insel Ibiza ins Exil. Kurz nach dem Ausbruch des spaniscnen (Bürger)krieges im Juli 1936, wird die Insel … von anarchistischen Gruppen zurückerobert, aber die Insel wird von Franco-Fliegern bombardiert und … die Anarchisten exekutieren ihn wegen Spionage für die Franco-Truppen, ohne das man weiß, ob sie wussten, wer er war."

TD
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5.0 von 5 Sternen Unverzichtbares Werk über DIE "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", 29. November 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
"An Meine Völker!" Diese drei Worte leiten am 28.07.1914, also fast genau vor 100 Jahren, die Kriegserklärung Kaiser Franz Josephs von Österreich-Ungarn an Serbien ein.

Der Erste Weltkrieg… wie viele Bibliotheken umfasst dieses Thema über eine Katastrophe, die ganze vier Jahre (und schließlich als Folge daraus noch Jahre später!) lang den Kontinent Europa verwüstet hat? Das preisgekrönte Buch „Die Schlafwandler“ versucht einen Abriss darüber zu geben, wie es – möglicherweise - zu diesem bewaffneten Konflikt kommen konnte. Möglicherweise deshalb, weil nicht zu wenig Quellen über die Hinführung bis zu diesem grauenvollen Blutbad bestehen, sondern derer zu viele, die ihrerseits mit Ansichten etc. belastet sind.

Die Antwort, dass es sich dabei um die Ermordung des österreichischen Thronfolgers und dessen Gattin gehandelt haben solle wäre zu einfach. In einem ersten großen Abschnitt widmet sich Clark dem Ursprung des Ganzen: Sarajevo. Er stellt die politischen Gegebenheiten bereits zig Jahre zuvor dar, weist auf vollkommen utopische und wahnwitzige Vorstellungen hin, ein großserbisches Reich den mutmaßlichen Grenzen eines längst vergangenen und untergegangenen Reiches aus dem 14. (!) Jahrhundert wiederzugeben und die Ignoranz der Ränkeschmieder um die Einwohner der betreffenden Staatsgebiete, die allesamt sowieso serbisch seien.

In weiteren Fragen geht er den Ursachen nach, wie das Bündnissystem, das Bismarck in mühevoller Kleinstarbeit unter Inkaufnahme des Fernbleibens Deutschlands von der politischen Weltbühne zur Folge hatte, zerbrechen konnte und wie sich das Deutsche Reich zwei Fronten gegenübersah. Wie konnten die ansonsten guten Beziehungen zu Russland und Großbritannien zerbrechen, die letztlich immer schlechter wurden? Was haben die anderen Staaten an Verantwortung zu tragen? War es wirklich das sogenannte Wettrüsten um die Weltherrschaft auf dem Meer, falls diese überhaupt in Gefahr war?
Welche kriegstreiberischen Tendenzen hat Frankreich ins Feld geführt? Welche unsägliche Arroganz hat Großbritannien in einer Monroe-artigen-Doktrin hinsichtlich Afrika gegenüber Deutschland ausgeübt? Diese und einige Fragen beschäftigen Clark und er geht sie minutiös nach.

In einem kurzen Nebensatz behandelt er ein interessantes Thema, das der interessierte Leser gesondert nachlesen kann. Zu der Zeit, wo sich die imperialistischen europäischen Staaten schmutzige kleine Kolonialscharmützel leisteten hatte auch die USA einen ziemlich dreckigen Kolonialkrieg auf den Philippinen mit massenweise Kriegsverbrechen begangen. Ein General, der nicht nur „Veteran“ eines Indianermassakers war und auch für die auf die Philippinen begangenen Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wurde hat sinngemäß gesagt, er wolle keine Überlebenden, je mehr Tote und verbrannte Erde desto mehr wird es ihm gefallen. Ich weiß nur, dass dieser Mensch vor dem Kriegsgericht landete. Da die USA Europa gegenüber eine eigene Isolationspolitik betrieben hatte und erst spät in den ersten (als auch später in den zweiten) Weltkrieg eingetreten ist hatte dies keinen Einfluss auf die Vorgänge, die zum ersten Weltkrieg führen. Traurig interessant ist das gesonderte Thema allemal und soll hier noch einmal verdeutlichen, welche Mentalität vom „weißen Mann“ vorherrschte, den die Kolonialmächte vor Augen hatten…

Wie gesagt kann das Buch nur einen denkbaren Abriss von möglichen Abläufen geben, da die Quellen nicht zu Lebzeiten von auch nur einem Menschen ausgewertet wurden. Andere Quellen verfälschen die Realität aufgrund nachträglicher Erfahrungen und/oder aus Sieger/Verlierersicht. Wieder andere sind recht lückenhaft. Clark beschäftigt sich nicht mit der Schuldfrage in erster Linie. Der Leser soll unvoreingenommen die möglichen Fakten (so wie es sein sollte) präsentiert bekommen.

Allerdings wunderten mich einige Abschnitte schon. Vieles war mir nicht so bekannt. Ich hatte immer gelernt, dass u. a. die Kriegstreiberei Deutschlands eine Mitschuld insbesondere was den Flottenaufbau anging trug. Wie sich aus den britischen Reaktionen aus der Zeit ablesen ließ war dem nicht so. Insbesondere hatte das Buch Ähnlichkeiten mit einer Kindle-Erscheinung, die zwar polemisch aufgezogen war und ohne Zitate auskam. Letzteres hatte teilweise die Schuldfrage immer in den Vordergrund gestellt und als Hauptursache für den Kriegsbeginn insbesondere wirtschaftliche Interessen ins Feld geführt. Deutschland hatte ein Weltwirtschaftswunder hingelegt von dem die anderen Staaten nur neidisch träumen konnten. Großbritannien war unerbittlich seinem Kolonisierungsdrang gefolgt und nicht scharf darauf, dass sich jemand weiterer an die Kolonien zu schaffen machte. Wenn Großbritannien kolonisierte und die Kolonien ausnutzte war das von Gott gewollt. Deutschland hingegen war der Kriegstreiber. Frankreich war sowieso germanophob ausgerichtet. So oder ähnlich waren die Aussagen des Buches.
Zitierfähig oder nicht muss ich jedoch zugeben, dass der Autor des letzten Buches - wenn auch stark vereinfacht - so Unrecht nicht hat, wie das durchaus fundierte und um Wirklichkeitstreue bemühte Werk Clarks bald zeigen sollte. Das Buch ist so fesselnd geschrieben, dass man die Beteiligten doch lieber wachrütteln möchte und - vergebens - hofft, es möge nicht eintreten, was einem vernünftig denkenden Menschen doch einleuchten müsse...

Ferner beleuchtet Clark die politischen Führungen. Wer hat so an der Spitze gesessen und wie sah deren Führungsstil aus. Aus heutiger Sicht kann man nur den Kopf schütteln mit welcher Brachialdiplomatie vorgegangen wurde, wie mit Kriegsdrohungen um sich geworfen wurde. Der Leser erfährt, wie tölpelhaft sich Kaiser Wilhelm II. auf der politischen Weltbühne verhalten hat und wie auch die übrigen Oberhäupter, die bis auf die Ausnahme Frankreich alle aus der absolutistischen Schiene kamen und entweder König, Kaiser oder Zar darstellten ihr Beiwerk dazu taten die öffentliche Meinung in den jeweils anderen Gegnerstaaten nicht gerade zu verbessern. Ebenso dürften die sich genauso absolutistisch vorkommenen Außenminister und Diplomaten eher eine Cowboydiplomatie zuschreiben lassen, die ihrerseits durch das Hin und Her die Gesamtsituation verschlimmerte. Irgendwie hat man beim Lesen das Gefühl, dass es bereits 20 Jahre fortwährend vor dem Ersten Weltkrieg hätte „knallen“ können, aber man hat sich da immer wieder rausgewuselt. Aber verschiedene Fehden, die bereits schon 20 Jahre zuvor bestanden haben, die dann und wann auseinander liefen, aber immer unterschwellig vorhanden waren, spitzten sich immer mehr zu, verwoben zu einem großen Ganzen, bis die ganze Sache eskalierte.

Nach fast 500 Seiten auf denen die unheilvollen Verflechtungen, Paranoia und Wahnsinn beschrieben worden sind, die in den Vorkriegsjahren vorherrschten, geht es letztlich richtig rund. Minutiös wird das Attentat beschrieben. Der Thronfolger – von der Öffentlichkeit eher unbeliebt – wird hier zum Menschen. Kümmert sich um ein Opfer. Es wird von der breiten Öffentlichkeit in Sarajevo als Affront aufgenommen, dass er gerade an diesem Tag – einem Gedenktag, an dem die Serben den Osmanen vor 600 Jahren (!!!!) unterlagen – auf Pomp und Gloria machen – allerdings fast ohne Gefolge und komplett ohne Sicherheitsabschirmung. Es ist aber auch die Geschichte eines Liebespaares, das sich bis zum Ende geliebt hat und an dem denkwürdigen Katastrophentag seinen Hochzeitstag hatte…

Es ist die Geschichte von einem unvermeidbaren Krieg, der eigentlich vermeidbar war. Und in der Nachfolgezeit ein geradezu schnoddriges Verhalten aus Serbiens Ecke kam, die die Luft noch mehr aufheizte, man die durchaus gerechtfertigten Belange einer Großmacht kontinuierlich ignorierte. Ferner belegt es die Unfähigkeit einiger Personen, die Verkettung widriger Ereignisse und das Zusammentreffen von Meinungen und Charakteren, die sich alle zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort entluden. Geradezu fatalistisch wird es, wenn man bedenkt, dass wäre das Attentat nicht erfolgt, das ohnehin schon recht brüchige Bündnissystem Großbritannien/Russland zusammengebrochen wäre und Frankreichs Regierung der Hardliner auf der Kippe stand. Wir erfahren, dass Großbritannien ein recht wankelmütiger Verbündeter sein konnte und irgendwie alle und niemand den Krieg haben wollte, sich der eine auf den anderen verlassen hatte und jeder sich als Verteidiger einer gerechen Sache sah.

Auch hatte Serbien im Vorfeld längst nicht das gesamte Verständnis der Entente auf seiner Seite. Die britische Presse sah Serbien durchaus als Strippenzieher hinter den feigen Mordanschlägen. Noch verhängnisvoller war die unglaubliche Trägheit der Donaumonarchie, die sich teilweise nachträglich als peinliche Lächerlichkeit darstellen, wenn sie nicht so traurig wäre. Ein Zitat ist hier erwähnenswert, das die ganze Handhabung der Doppelmonarchie gut erklärt: „Die Österreicher glichen Igel, die ohne nach links oder rechts zu schauen, über eine Autobahn trippeln.“

Ich habe mir später die Mühe gemacht, die Zitate nach weiteren Infos zu durchforsten. Wünschenswert wäre eine Quellenangabe in der Nähe des Textes gewesen, weil man den Anhang nicht in einem mit dem Fließtext lesen kann. Die Kriegserklärung Kaiser Franz-Josephs (es wurden auch Internetquellen genutzt, was immer die Gefahr einer Abschaltung/Verlagerung der Quellen mit sich bringt) habe ich tatsächlich gefunden, allerdings erst durch Eingabe in die Suchmaschine unter der genannten Homepage, da mir unter der angegebenen Linkseite nach mühevollem Abtippen eine Fehlermeldung auftauchte.

Alles im Allen handelt es sich bei Clarks Buch um ein großartiges Werk zusammengetragener Fakten, das seinesgleichen sucht. Am Anfang mag man etwas erschlagen von den vielen Protagonisten und etwaigen Sprüngen sein, die sich hinterher jedoch zu einem großen Ganzen manifestieren.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5.0 von 5 Sternen Ein Meisterwerk!, 1. August 2014
Von 
makie19 "makie19" - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Ein Meisterwerk, brillant geschrieben (auch wenn die Fabulierlust oft mit dem Autor durchgeht) und trotz seines Umfangs nie langatmig oder gar langweilig.
Akribisch arbeitet Clark die Vor-Geschichte des 1. Weltkrieges gestützt auf Quellen in den Sprachen aller wichtigen Kriegsteilnehmer heraus, teilweise unterstützt durch Rechercheure, die ihm zugearbeitet haben. Die Fülle des Stoffes beherrscht er souverän. Kleinere Unzulänglichkeiten der deutschen Übersetzung (so werden russische ‚Großfürsten‘ und ‚Großfürstinnen‘ durchweg als ‚Großherzöge‘ bzw. ‚Großherzoginnen‘ bezeichnet) sind zu verschmerzen.
Clark lehnt es ab, einen Schuldigen am Kriegsausbruch zu benennen. Artikel 231 des Friedensvertrags von Versailles wies Deutschland und seinen Verbündeten die alleinige Verantwortung für den Ersten Weltkrieg zu. Gerade die Diskussion um die unselige‚Kriegsschuldlüge‘ vergiftete das politische Klima der Weimarer Republik und trug zum Aufstieg der Nationalsozialisten bei.
Ist Clark deswegen ein Revisionist? Mitnichten! Für Clark ist die Frage der Schuld bedeutungslos, ein anklägerischer Ansatz habe den Nachteil, dass das Blickfeld eingeengt werde. (Die Weltgeschichte ist eben kein Weltgericht, wie Hegel meinte!). „Der Kriegsausbruch von 1914 ist kein Agatha-Christie-Thriller, an dessen Ende wir den Schuldigen im Wintergarten über einen Leichnam gebeugt auf frischer Tat ertappen. In dieser Geschichte gibt es keine Tatwaffe als unwiderlegbaren Beweis, oder genauer: Es gibt sie in der Hand jedes einzelnen Akteurs. So gesehen war der Kriegsausbruch eine Tragödie, kein Verbrechen.“
Clark weitet stattdessen die Perspektive auf die gesamte europäische Ebene aus. Es entsteht das Bild eines hochkomplexen internationalen Systems, das von einer Atmosphäre gegenseitigen Misstrauens geprägt war und dessen Akteure unter Paranoia litten. Aber waren diese politischen Akteure deshalb ‚Schlafwandler’, „wachsam aber blind, von Alpträumen geplagt, aber unfähig, die Realität der Gräuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten“? Mit letzterem Punkt ist Clark im Prinzip gar nicht so weit von Gerd Krumeich entfernt, der meinte keiner der Staatsmänner „hatte eine Vorstellung davon, dass dieser Krieg einmal mindestens zehn Millionen Tote kosten würde. Sie hätten anders entschieden, hätten sie das gewusst.“
Dennoch unterschätzt er die risikobereite Rolle der deutschen und der österreichisch-ungarischen Führung bei der Verursachung des Krieges. „Das tragische Pokerspiel hatte begonnen“ schreibt Clark an früherer Stelle. Und beim Pokern gibt es fast immer einen der überreizt. Wenn so große Furcht vor der wachsenden Stärke Russlands herrschte, warum verließ sich Deutschland dann auf den wahnwitzigen Schlieffenplan? Der Plan zu einem "Ostaufmarsch" wurde seit 1913 nicht mehr weiter verfolgt. Aber nur er hätte einen lokal begrenzten Krieg ermöglicht. Der Schlieffenplan jedenfalls passte nicht zu einem Szenario der Lokalisierung eines Konflikts.
Auch wenn man mit der Schlussfolgerung des Autors, die im Titel so pointiert und plakativ zum Ausdruck kommt, nicht völlig übereinstimmt, ist dies ein gutes und wichtiges Buch, das mit großem Gewinn zu lesen ist. Dem Autor gebührt das Verdienst, die Debatte über die Ursachen des Kriegsausbruchs neu befeuert zu haben.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5.0 von 5 Sternen eine neue, präzise Sichtweise des 1. Weltkrieges!, 9. September 2013
Von 
Jouvancourt (Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
*

Der renommierte Autor Christopher Clark erklärt in diesem 900 Seiten starken Geschichtsbuch, warum der Erste Weltkrieg auf einer rationalen Entscheidung der damaligen Großmächte Österreich-Ungarn, Frankreich, Russland und Deutschland beruhte.

Es ist vor allem interessant, dass ein ausländischer Geschichtsexperte den Kriegsverursacher nicht im deutschen Kaiserreich sieht, sondern in einer Verkettung der damaligen Umstände und Interessen! Damit liegt er, als anerkannter "Preußen-Experte", in der Nähe seiner viel beachteten Sicht des damaligen Preußens, dem er eine Normalität im europäischen Zusammenhang bescheinigt.

Clark versteht es auf feinsinnige Weise, mit klaren Argumenten, und nebenbei sehr unterhaltsam geschrieben, die Geschichte des 1. WK neu aufzurollen. Er distanziert sich von der auslösenden Rolle des Sarajevo Mordes am Kronprinzen und an der Schuld des Kriegstreibers Deutschland. Es waren vielmehr viele Gründe die zum Krieg führten: die neue Stellung der Großmacht Deutschland, die maritime Aufrüstung des deutschen Reiches und Großbritanniens, die Stellung der russischen Aristokratie, das Machtschwinden des ottomanischen Reiches, die innenpolitischen, schwierigen Verhältnisse des österreich-ungarischen Kaiserreiches, die Rolle des Unruheherdes Serbien, das Machtvakuum im Balkan, die weltweite, rasante Wirtschaftsentwicklung der erste Jahre des 20. Jahrhunderts, die Kolonialpolitik, die neue Allianzen forderte und viele andere Gründe. Dafür werden seitenlang diplomatische Protokolle aufgeführt, man erfährt, was in den französischen und englischen Außenministerien vor sich gegangen war, wie wankelmütig der deutsche Kaiser war und welche Resultate die internationalen Verhandlungen hatten. Es waren innenpolitische Gründe einzelner Länder, außenpolitische Gründe von allen beteiligten Auslösermächten und natürlich auch wirtschaftliche Gründe. Deutschland war der Nachzügler in der Kolonialpolitik, es ging um Rohstoffe, Landerwerb und auch um den Absatz von Waffen und Kriegsgütern.

Der australische Geschichtsprofessor Clark zeigt auf, dass die Mächte damals wie Schlafwandler in den Krieg gestolpert seien. Der umfassenste Krieg der Menschheitsgeschichte, der 40 Staaten involvierte und 70 Millionen Soldaten unter Waffen sah, ist in Deutschland vom 2. WK überschattet. Dabei wird der 1. WK heute noch als "La Grande Guerre" in Frankreich bezeichnet und als "The Great War" in England. Es war der bislang größte Krieg der Geschichte und über die wirklichen Ursachen gibt es viele Mythen, mit denen Clark in diesem Standardwerk aufräumt!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Anregung klassisches Schulwissen kritisch zu hinterfragen und Augenöffner für das Verstehen von Europas heutigen inneren und äuß, 6. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Titel hat mich anfangs gereizt, doch der Umfang des Buches hat mich lange abgehalten es zu lesen. Irgendwann vor einigen Tagen hab ich hineingesehen und es hat mich nicht mehr losgelassene. Es ist nicht nur die Vorgeschichte des ersten Weltkrieges sondern zeigt als Lehrstück auf wie fragil unsere Welt ist und dass wir nie mehr aufhören dürfen an unserem europäischen Haus zu bauen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht einfach zu lesen, aber packend und informativ, 16. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Auch wenn ich mich die letzten 35 Jahre intensiv mit der Geschichte Deutschlands befasste, so musste ich feststellen, dass ich die Zusammenhänge, die zum ersten Weltkrieg führten, so nicht kannte. Clark hat es geschafft die verschiedenen Interessenlagen einzelner Staaten und Personen wie unter einem Brennglas darzustellen. Persönliche Verbindungen, Abhängigkeiten, Revanchestreben und Egoismen, Unfähigkeit und Dummheit, Lügen und gezielte Falschinformation einzelner Politiker und Herrscher werden sorgsam herausgearbeitet. Dadurch erscheint einem die extrem komplexe und auch chaotische politische Landkarte plötzlich übersichtlicher und transparenter. Manches von dem was sich damals vor dem ersten Schuss herausbildete, erscheint mir unter den heutigen politischen Gegebenheiten nicht unbekannt. Mit Recht verweist Clark auf die Europäische Union. Eine komplexe Organisation die mit widersprüchlichen Interessen der Länder zurechtkommen muss. Es wird sich weisen, ob die Regierungschefs der EU Länder, allen voran die Briten, Lehren aus 1914 gezogen haben, oder ob auch weiterhin egoistische Ziele verfolgt und gegensätzliche Positionen zur Not mit erpresserischen Kommentaren bekämpft werden. Ich glaube wir sollten dieses Buch aufmerksam lesen, um auch in unserem alltäglichen Leben Ursache, Wirkung und Effekt besser zu verstehen. Wenn wir für unsere Kinder ein sicheres Leben erreichen wollen, dann ist das die Voraussetzung dafür. Christopher Clark hat ein starkes Buch geschrieben und hat meine uneingeschränkte Empfehlung, nicht nur für Geschichtsinteressierte.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Endlich mehr als eine Analyse deutscher Quellen, 21. März 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Endlich mehr als eine bloße Analyse deutscher Quellen wie bei F.Fischer und I.Geiss. Ein Blick über den Tellerrand mit einem deshalb differenzierteren Ergebnis. BRAVO.
Beispiel: Natürlich hatte Poincare' Angst, dass aus Frankreich eine unbedeutende größere Mittelmacht werden könnte, was ja auch ohne den 1. Weltkrieg so passiert wäre. Deshalb musste Deutschland amputiert und geteilt werden. In der Konsequenz so grausam wie die von Berlin aus geplante und in Brest-Litowsk vorläufig umgesetzte „Neupordnungspolitik“ des russischen Raums.
Damals wie heute ist ferner zu unterscheiden zwischen Serbien und den Serben. Die österreichischen Serben waren wie die Kroaten und Slowenen vor 1914 von westlichem Denken und Traditionen geprägt und an einer demokratischen Konföderation innerhalb eines habsburger Trialismus interessiert. Der religiös-byzantinisch geprägte vor-moderne Nationalismus aus Belgrad zielte von Anfang an auf ein großserbisches Supremat über die anderen Völker des westlichen Balkan. Was die Albaner und Makedonier seit 1878 in Serbien erdulden mussten, sollte nach 1918 auf die anderen Völker Südslawiens mit Macht und Gewalt zukommen. Dagegen war Österreichs (undemokratische!) Politik in Bosnien beinahe als modernisierende Aufbaupolitik zu verstehen. Das wusste das slowenische, kroatische und serbische aufgeklärte Bürgertum zwischen Ljubljana und Kotor nur allzu gut. Von daher ließ sich Belgrads Position 1914 nur mit Gewalt durchsetzen.
Danke Prof. Clark für das umfassendere Bild.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein wichtiger Beitrag, aber mir Schwächen, 24. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Als unbestreitbares Verdienst des Buches ist zunächst hervorzuheben, dass es in der Frage nach der Verantwortung für den Kriegsausbruch ein bedeutsames Gegengewicht zu dem m.E. immer noch zu sehr auf Deutschland (und Österreich) gerichteten Fokus bildet damit einer alternativen Interpretation des Weges in den Krieg auch in Deutschland größere Aufmerksamkeit verschafft. Dennoch drängte sich mir beim Lesen der Verdacht auf, dass Clark bei seinem lobenswerten Bemühen, von einer germanozentrischen Perspektive wegzukommen, manchmal von einem Extrem ins andere gefallen ist: Wo die meisten Autoren zu sehr auf Deutschland schauen, tut Clark dies zu wenig. Während den Entwicklungen in Serbien und den Entente-Mächten (durchaus zurecht) viel Platz eingeräumt wird, gerät das Deutsche Reich fast zur Randfigur. Gerade in den Kapiteln zu Julikrise fällt das auf: Die zentralen Überlegungen und handlungsleitenden Motive der deutschen politischen und militärischen Akteure werden zwar unter Einbeziehung der wichtigsten Quellen (Riezler-Tagebücher etc.) gut nachvollziehbar dargestellt, doch bei weitem nicht so detailliert wie beispielsweise bei Russland. Angesichts der vielen wissenschaftlichen Untersuchungen und Veröffentlichung der letzten Jahre und Jahrzehnte wäre eine etwas eingehendere Betrachtung der Ambivalenzen und Schwankungen, welche die deutsche Politik jener entscheidenden Wochen prägten, jedoch wünschenswert gewesen. So erklärt sich auch der in der Diskussion um das Buch immer wieder geäußerte Vorwurf an Clark, er würde den deutschen Beitrag zum Kriegsausbruch verharmlosen. Zu diesem Vorwurf trägt auch seine Tendenz bei, den Irrtümern und Fehlern der Mittelmächte eher mir Erstaunen und Verwunderung zu begegnen, währende er für jene der Entente viel öfter kritische Worte findet.

Das alles bedeutet freilich nicht, dass die Ergebnisse, zu denen Clark schlussendlich kommt, falsch sind, denn er argumentiert durchweg schlüssig, nachvollziehbar und quellengestützt. Es zeigt aber, dass das letzte Wort zum Kriegsausbruch auch mit diesem Buch noch lange nicht gesprochen ist, ja wahrscheinlich auch nie gesprochen seien wird. Denn es hängt, wie Peter Graf Kielmansegg in einem sehr lesenswerten Beitrag von 29.06.2014 in der FAZ gezeigt, immer von der Perspektive ab, mit der man auf die Julikrise schaut, ob man nun Clarks Interpretation einer gemeinsamen Verantwortung oder einer alternativen deutsch-österreichischen (siehe z.B. Gerd Krumeichs ebenfalls lesenswertes Buch zur Julikrise) oder gar russich-französischen (siehe Sean McMeekin) Hauptverantwortung folgt: "Sie zeigen (...), dass einfache Urteile über Schuld und Unschuld die Wirklichkeit dieser Krise verfehlen. Dass kein einfaches Urteil möglich sei, heißt nicht, dass kein Urteil möglich sei. Aber der Gestus schroffer Wahrheitsgewissheit, der die Jahrhundertdebatte über lange Strecken bestimmte, passt schlecht zu den Realitäten."
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog
Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog von Christopher Clark (Gebundene Ausgabe - 9. September 2013)
EUR 39,99
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen