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561 von 592 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Europa auf dem Weg in den Abgrund
Ein halbes Jahrhundert ist es jetzt her, dass Fritz Fischer die westdeutsche Geschichtswissenschaft mit seinen Thesen über die Schuld des Deutschen Kaiserreiches am Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Aufregung versetzte. Ein entfernter Nachhall der von Fischer ausgelösten Debatte ist noch in aktuellen Darstellungen zur Vorgeschichte und Geschichte des Ersten...
Vor 20 Monaten von Irulan Corrino veröffentlicht

versus
68 von 109 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kritik gegen Clark
Ohne Zweifel ein verdienstvolles Buch, dass den Blickwinkel auf den 1. Weltkrieg radikal verändert.

Trotzdem muss auch Kritik sein. Historiker wie Volker Ullrich (am 12.09.2013 in der Zeitung "Die Zeit"), Weltkriegexperte Gerd Krumeich (beachtliches, sehr deutliches Buch: "Juli 1914. Eine Bilanz") oder Wolfram Wette (sehr selbstsicher in der...
Vor 17 Monaten von Openuser veröffentlicht


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561 von 592 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Europa auf dem Weg in den Abgrund, 9. September 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Ein halbes Jahrhundert ist es jetzt her, dass Fritz Fischer die westdeutsche Geschichtswissenschaft mit seinen Thesen über die Schuld des Deutschen Kaiserreiches am Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Aufregung versetzte. Ein entfernter Nachhall der von Fischer ausgelösten Debatte ist noch in aktuellen Darstellungen zur Vorgeschichte und Geschichte des Ersten Weltkrieges zu spüren. Zwar teilt heute niemand Fischers Position, das Deutsche Reich habe gezielt auf einen großen europäischen Krieg hingearbeitet und sich an einem "Griff nach der Weltmacht" versucht. Doch in vielen deutschsprachigen Arbeiten - man denke etwa an einschlägige Darstellungen von Volker Berghahn, Klaus Hildebrand, Wolfgang Mommsen oder Gregor Schöllgen - fällt eine einseitig deutschlandzentrierte Sicht auf die Krise vom Juli 1914 auf. Die Fehlkalkulationen und Fehlentscheidungen der deutschen Führung werden weithin als maßgeblicher kriegsauslösender Faktor betrachtet.

Ausgehend von der Illusion, Russland und Frankreich seien nicht bereit, sich wegen eines Konfliktes auf dem Balkan militärisch zu engagieren, habe die deutsche Führung nach dem Attentat von Sarajewo auf eine Lokalisierung des absehbaren österreichisch-serbischen Krieges gesetzt und der Wiener Regierung einen "Blankoscheck" für ein rasches Losschlagen gegen Serbien ausgestellt. Abgesichert durch die Rückendeckung des deutschen Bündnispartners habe Österreich einen harten, kompromisslosen Kurs gesteuert, der zwangsläufig Russland als Schutzmacht Serbiens auf den Plan gerufen habe. Als sich die Krise zugespitzt habe, habe Berlin nicht mäßigend auf Wien eingewirkt. Im Gegenteil, die Führung des Deutschen Reiches habe bewusst auf Risiko gespielt, um zu "testen", wie kriegswillig Russland sei und wie sich die Entente in dieser explosiven Situation verhalten werde. Die Reichsleitung, seit Jahren über Deutschlands außenpolitische Isolation und das militärische Erstarken Russlands besorgt, sei gewillt gewesen, Frankreich und Russland notfalls durch einen Krieg nachhaltig zu schwächen, sollte es nicht gelingen, die Gegner auf diplomatischem Wege auseinanderzudividieren. Diese Risikostrategie der deutschen Führung sei fehlgeschlagen, weil sich Russland auf die Seite Serbiens gestellt, Frankreich seine Bündnisverpflichtungen gegenüber Russland erfüllt und Großbritannien wider Erwarten keine neutrale Haltung eingenommen, sondern Partei für Frankreich und Russland ergriffen habe.

Christopher Clark unternimmt es in seinem neuen Buch, diese allzu sehr auf Deutschland fokussierte Sicht auf die Julikrise durch eine Perspektive zu ergänzen, die auch die anderen Großmächte sowie eine Reihe kleinerer europäischer Staaten in den Blick nimmt. Clark möchte herausarbeiten, welche Prozesse und Entwicklungen, welche Entscheidungen und Zäsuren eine Situation entstehen ließen, die den Ausbruch des Ersten Weltkrieges möglich machte. Ihm geht es nicht darum, die Kriegsschuldfrage neu zu stellen und die Schuld am Kriegsausbruch einem einzelnen Staat zuzuweisen, wie dies in der Vergangenheit oft geschehen ist. Clarks dezidiert personenbezogene Darstellung (das Buch ist über weite Strecken eine klassische Diplomatiegeschichte) rückt die Akteure in den Mittelpunkt, die in den Jahrzehnten vor dem großen Krieg in Europas Hauptstädten über den Gang der Außenpolitik bestimmten - Monarchen, Regierungschefs, Außenminister, Diplomaten. Wer waren diese Männer, und von welchen Erfahrungen und Wahrnehmungen wurde ihr politisches Handeln beeinflusst? Wie und in welchen institutionellen Strukturen liefen Entscheidungsprozesse ab? Welche Überlegungen und Berechnungen waren für außenpolitische Entscheidungen und Weichenstellungen ausschlaggebend? Clark möchte ein "multipolares" und "interaktives" Bild von der europäischen Staatenwelt am Vorabend des Ersten Weltkrieges zeichnen. Daher räumt er allen fünf Großmächten - Deutschland, Österreich-Ungarn, Großbritannien, Frankreich und Russland - gleich viel Raum ein. Wie wirkten die Großmächte aufeinander ein, sei es als Verbündete, sei es als Gegner, und welche Dynamik ergab sich aus dieser Interaktion? Außerdem bezieht Clark, wenn es geboten ist, kleinere Staaten wie Italien, Serbien und Bulgarien in die Darstellung ein.

Da Clark der Auffassung ist, dass die Rolle Serbiens in der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges lange Zeit vernachlässigt wurde, lässt er sein Buch in Belgrad beginnen, mit der Ermordung König Alexanders durch nationalistische Offiziere im Juni 1903 (Kap. 1). Der Umsturz und der Dynastiewechsel zogen eine außenpolitische Neuorientierung Serbiens nach sich, weg von Österreich-Ungarn, hin zu Russland. Das Königreich, so Clark, sei fortan ein Unruheherd auf dem Balkan gewesen, denn sowohl die Regierung unter dem zwielichtigen Ministerpräsidenten Nikola Pasic als auch schwer zu bändigende nationalistische Untergrundorganisationen hätten sich der Expansion Serbiens und der Errichtung eines großserbischen Staates verschrieben. Künftige Konflikte mit Österreich-Ungarn seien deshalb abzusehen gewesen. Die serbische Regierung habe nichts gegen die Untergrundorganisationen getan und damit indirekt den Weg zum Attentat von Sarajewo geebnet. Dieser kritische Blick auf die serbischen Verhältnisse und ihre destabilisierenden Wirkungen nach außen (u.a. auf das von Österreich annektierte Bosnien-Herzegovina) steht in auffälligem Kontrast zu dem positiven Bild, das Clark in Kapitel 2 vom Habsburgerreich zeichnet. Österreich-Ungarn sei mitnichten dysfunktional und moribund gewesen. Innenpolitisch sei es stabil gewesen; außenpolitisch sei es allerdings durch den lautstarken serbischen Chauvinismus und Russlands wiedererwachendes Interesse am Balkan unter Zugzwang gesetzt worden.

Im dritten Kapitel skizziert Clark die Blockbildung in Europa in den Jahren unmittelbar vor und nach 1900. Frankreich und Russland schlossen 1894 eine Allianz. Es folgten die britisch-französische Entente cordiale von 1904 und das britisch-russische Abkommen von 1907. Clark betont, die von Großbritannien mit Frankreich und Russland eingegangenen Bündnisse seien ursprünglich nicht gegen Deutschland gerichtet gewesen, sondern hätten vorrangig der Klärung und Beilegung von Konflikten an der kolonialen Peripherie gedient. Aus britischer Sicht sei Russland ein gefährlicherer Gegner als Deutschland gewesen. Eine Verständigung mit Russland sei daher für London wichtiger gewesen als ein Zusammengehen mit Deutschland. Die Dreier-Entente dürfe im Übrigen nicht als solides Bündnis ohne innere Widersprüche betrachtet werden, denn alle drei beteiligten Staaten hätten unterschiedliche Vorstellungen davon gehabt, wer ihr Hauptgegner sei und welche Pflichten im Ernstfall gegenüber den Bündnispartnern zu erbringen seien. Frankreich, auf eine Revanche für 1871 sinnend, habe in Deutschland seinen Hauptgegner gesehen, Russland hingegen in Österreich-Ungarn. Das Deutsche Reich habe derweil eine in ihren Zielsetzungen unklare "Weltpolitik" betrieben und sich schrittweise in die außenpolitische Isolation manövriert. Einer kleinen Gruppe antideutsch gesonnener britischer Diplomaten um Außenminister Grey hätten die Missgriffe der deutschen Politik als Vorwand gedient, das energisch aufstrebende Deutschland zum lästigen Nebenbuhler und neuen Hauptgegner Großbritanniens hochzustilisieren. Ein Krieg zwischen der Entente und den Mittelmächten sei aber 1907 keineswegs vorprogrammiert gewesen.

Das vierte Kapitel ist den Entscheidungsträgern gewidmet, den Strukturen, in denen sie tätig waren, und den Einflüssen, denen sie sich ausgesetzt sahen. Clark stellt die These auf, interne Rivalitäten in Regierungen, Kabinetten und Außenministerien sowie Unklarheit in Bezug auf die Kompetenzen und Befugnisse politischer Akteure hätten es Außenstehenden immer wieder erschwert, Entscheidungsprozesse nachzuvollziehen und zu verstehen. Es sei für die Regierenden oft schwierig gewesen, das Handeln ihrer Verbündeten und Gegner in den anderen Hauptstädten zu durchschauen und zu deuten. Die Ungewissheit über die Absichten von Freund und Feind und das aus dieser Ungewissheit resultierende Misstrauen hätten die Kommunikation der Regierungen untereinander erschwert. In diesem Kapitel - wie auch an vielen anderen Stellen - gelingen Clark treffsichere und teilweise faszinierende Porträts der handelnden Staatsmänner.

Mit den Kapiteln 5 und 6 kehrt Clark zur Ereignisgeschichte zurück. Die beiden Balkankriege von 1911/12 erwiesen sich als entscheidende Zäsur. Russland, das seine außenpolitischen Ambitionen nach der Niederlage gegen Japan wieder auf Europa, den Balkan und die Dardanellen richtete, nahm das zunehmend selbstbewusster auftretende Serbien unter seine Fittiche, freilich nicht aus panslawischer Solidarität, sondern um Österreich-Ungarn in Bedrängnis zu bringen. Frankreich intensivierte sein Engagement auf dem Balkan ebenfalls. Auch dies geschah nicht uneigennützig, sondern aus der Überlegung heraus, dass ein österreichisch-serbischer Konflikt das beste Szenario darstellte, um Russland an der Seite Frankreichs in einen Krieg mit Deutschland hineinzuziehen. Ohne Russlands Hilfe hätte Frankreich nicht gegen Deutschland bestehen können. Paris war ab 1912 bereit, Petersburg eine französische Version des Blankoschecks auszustellen: Wenn Russland Serbien in einem Krieg mit Österreich-Ungarn unterstütze und Deutschland zugunsten Österreichs interveniere, so sei für Frankreich der Bündnisfall gegeben, dann werde es zusammen mit Russland gegen Deutschland in den Krieg ziehen. Umfangreiche französische Kredite an Russland und Serbien dienten dem Zweck, beide Staaten für den erwarteten Waffengang zu rüsten.

Clark kommt zu dem Schluss, die Einkreisungsängste der deutschen Führung seien berechtigt gewesen. Die Bereitschaft der Russen und Franzosen, einen Balkankonflikt zum Anlass für die Abrechnung mit Deutschland zu nehmen, habe den Handlungsspielraum der Deutschen auf verhängnisvolle Weise eingeschränkt und sie in dem Entschluss bestärkt, die gegnerische Koalition bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit militärisch niederzuringen. Spätestens an diesem Punkt wird jedem Leser klar, dass aus Clarks Sicht von einer Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht gesprochen werden kann. Der deutsche Anteil am Ausbruch des Krieges wird von Clark keineswegs in Abrede gestellt, aber durch eine Neubewertung und Neugewichtung des Vorgehens der anderen Staaten, besonders Frankreichs und Russlands, relativiert. In den Kapiteln 7 bis 12 zeichnet Clark minutiös das Attentat von Sarajewo und den Verlauf der Julikrise nach. Die Fehler aller beteiligten Regierungen werden anschaulich herausgearbeitet, Fehler, die in Kombination miteinander zu einer schrittweisen Verschlimmerung der Situation führten: Belgrad verweigerte auf provozierende Weise eine Mitwirkung an der Aufklärung des Attentats. Wien, von Berlin ermuntert, setzte von Anfang an ausschließlich auf eine militärische Aktion gegen Belgrad, zog andere Optionen nicht in Betracht und verschloss die Augen vor der Möglichkeit einer russischen Intervention. Berlin hoffte, der Konflikt werde sich lokalisieren und zum Austesten der russischen Kriegswilligkeit nutzen lassen. Petersburg sprach Wien rigoros das Recht ab, in irgendeiner Form gegen Belgrad vorzugehen, eine unnötig schroffe Position, die Paris und London fatalerweise übernahmen. Keiner der Akteure konnte die entstandene Situation noch überschauen geschweige denn im Alleingang kontrollieren und beherrschen.

Paris tat nichts, um Petersburg zurückzuhalten, auch nicht vor der Generalmobilmachung am 29./30. Juli, mit der Russland die Weichen endgültig in Richtung Krieg stellte. Nun hatte Berlin keine andere Wahl, als ebenfalls mobil zu machen. Der französische Präsident Poincaré und der russische Außenminister Sasonow, seit Jahren vereint in rabiater Feindseligkeit gegenüber Deutschland, hatten unversehens den Balkankonflikt bekommen, der ihrer Ansicht nach nötig war, um gemeinsam gegen das Deutsche Reich vorgehen zu können. Bis Ende Juli hoffte Berlin, London werde neutral bleiben. Mit dem Hinweis, dass Frankreich und Russland gar nicht direkt bedroht seien, lehnte die britische Regierung bis zum 1. August eine Parteinahme ab. Tags darauf erfolgte dann der jähe Umschwung. Nicht die Verletzung der Neutralität Belgiens habe den Ausschlag gegeben, so Clark, sondern die Furcht, Großbritannien werde sich Russland wieder zum Feind machen, wenn es nicht an seiner und Frankreichs Seite gegen Deutschland in den Krieg ziehe. Mit dem Kriegseintritt habe Großbritannien zweierlei erreichen wollen: Eindämmung der deutschen Gefahr und Festigung des Bündnisses mit Russland, dessen Bestand nicht riskiert werden durfte. Dem Sog, den die anderen vier Großmächte mit ihrer starren Bündnistreue und ihrer kaum verhohlenen Kriegswilligkeit ausgelöst hatten, konnte sich am Ende auch Großbritannien nicht entziehen.

Um all das zu erzählen, was hier mit wenigen Worten zusammengefasst wurde, braucht Clark über 700 Seiten. Sein Buch ist unnötig lang. Allzu oft lässt Clark seiner Erzählfreude ungebremst freien Lauf. Jedes der zwölf Kapitel hätte gestrafft und gekürzt werden können, ohne dass die Darstellung dadurch an Anschaulichkeit und Überzeugungskraft eingebüßt hätte. Dies ist kein Buch zum Schmökern. Die Komplexität der Erzählung entspricht der Komplexität des Themas. Clark hat es sich selbst als Autor nicht leicht gemacht. Er ist den beschwerlichen Weg gegangen, er hat bekannte Quellen noch einmal gelesen, er hat neue Quellen erschlossen, er hat einem Thema, zu dem schon alles gesagt schien, neue Einsichten abgerungen. Das hat aber auch seinen Preis: Die Lektüre erfordert mehr Geduld und Konzentration, als mancher Leser aufzubringen bereit sein mag. Ungeachtet dieser kritischen Bemerkungen ist festzustellen, dass Christopher Clark nach seiner Geschichte Preußens erneut ein großes und bedeutendes Werk vorgelegt hat. Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Historiker sich noch einmal grundsätzlich mit einem Thema beschäftigt, das bereits als "erledigt" galt. Über dieses Buch wird man noch lange diskutieren. Wer sich künftig mit der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges befasst, der wird an Clarks "Schlafwandlern" nicht vorbeikommen. Hut ab vor einem großen Historiker unserer Zeit!

(Ich weiß, ich weiß, die Rezension ist viel zu lang. Aber man könnte über dieses Buch noch viel mehr schreiben ...)
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74 von 84 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen SCHWERE KOST, 31. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Als politisch und geschichtlich Interessierter, der sich in seiner Jugend auch, dem Zeitgeist folgend, mit der "Fischer-Kontroverse" beschäftigte, hat mich der Titel "Die Schlafwandler" dazu verleitet diesen "dicken Brocken" käuflich zu erwerben. Da das Buch in sämtlichen Bestseller-Listen auf Platz 1 geführt wird,und entsprechend viele Käufer/innen gefunden haben muss, erwartete ich eine spannende, eher populärwissenschaftliche und feuilletonischte Darstellung der Entstehungsgeschichte des 1. Weltkrieges.

Nach dem "Einstieg" in das Buch, der geradezu minutiös die Vorbereitungen des Attentats und die Befindlichkeiten beteiligter Akteure und Opfer aus unterschiedlichen Perspektiven zeigt, war mir klar, dass die noch vor mir liegenden Kapitel alles andere als leicht zu lesende Kost sein würden.

Wie in der glänzenden Amazon-Rezension von Irulan Corrino bereits erwähnt, wertet Clark nicht leichtfertig, sondern stellt die Handelnden in ihren Charakteren und vor dem Hintergrund ihrer unterschiedlichen biografischen un politischen Sozialisationen dar, so dass sich mosaiksteinartig ein Bild der seinerzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse in den unterschiedlich konfliktbeteiligten Staaten ergibt. Die Irrungen, Wirrungen einzelner Politiker und Diplomaten vor Ausbruch des Krieges, die vielschichtigen Verästelungen in zwischenstaatlichen Beziehungen, die Clark schildert, können den Leser, der ein vereinfachendes Fazit aus der umfassenden Darstellung Clarks sucht, dazu verleiten, die konfuse und instabile Rolle Serbiens noch dramatischer zu bewerten, als dies bislang ohnehin in der Geschichtsschreibung üblich war.

Überzeugend sind die Abschnitte des Buches, in denen Clark detailliert schildert, wie Unzulänglichkeiten in der Kommunikation, und Missverständnisse und Fehleinschätzungen der Absichten des Gegenübers letztendlich mitverantwortlich dafür waren, dass es zur großen Katatrophe kam.

Im letzten Drittel des Buches wird vom Autor dann eindrucksvoll das belegt, was das Buch zum Bestseller gemacht haben mag: Die Behauptung, Deutschland allein sei schuld am Ausbruch des 1. Weltkrieges,ist nicht aufrechtzuerhalten, sie ist falsch.

In dieser Form, so gründlich und akribisch untersuchend, ist über die Ursachen für den Ausbruch des 1. Weltkrieges wohl selten geschrieben worden.

Das Buch ist wirklich schwere Kost für einen Nichthistoriker (wie mich). Über weite Strecken wirkt es langatmig, ermüdend, anstrengend. Es ist kein unterhaltendes, auch kein spannendes Buch, eher ein wissenschaftliches Werk. Nicht jeder Leser, der es gekauft hat, wird es Seite für Seite und auf Punkt und Komma genau gelesen haben.

Aber es ist gut , dass dieses Buch geschrieben worden ist.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Ende von der deutschen Alleinschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges, 11. April 2015
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Am 28. Juni 1914 verübte der bosnische Serbe Gavrilo Princip das vielleicht folgenschwerste Attentat der Geschichte. Er erschoss den in Sarajevo zu Besuch weilenden Erzherzog Franz Ferdinand, den habsburgischen Thronerben von Österreich-Ungarn. Obgleich die feige Bluttat in den Metropolen von Wien, Berlin, Paris, Rom, London, Sankt Petersburg und New York gleichermaßen verurteilt wurde, sollte sie doch den Startschuss zu einem militärischen Konflikt bilden, in dessen Verlauf mehr als 20 Millionen Menschen ihr Leben verloren: den „Großen Krieg“ oder, wie wir heute sagen: den Ersten Weltkrieg.

Wie konnte ein blutiger Terrorakt, der rund um den Globus mit Abscheu betrachtet wurde, die Welt in einen Krieg stürzen, wie sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte? Dies ist die Frage, der der australische Historiker Christopher Clark in seinem ebenso ausgezeichnet wie anschaulich geschriebenen Buch „Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ nachgeht.

Im Unterschied zu anderen Forschern – allen voran den nach wie vor von volkspädagogischen Motiven geleiteten deutschen Historikern – ist es Christopher Clark nicht darum zu tun, nach dem vermeintlich allein schuldigen Urheber des Krieges zu suchen. Für ihn ist der Erste Weltkrieg nicht das Ergebnis eines Verbrechens, wie etwa dem vielbeschworenen „Griff nach der Weltmacht“ durch Kaiser Wilhelm II. Für ihn ist der Erste Weltkrieg vielmehr eine Tragödie, in der die handelnden Figuren unschuldig schuldig wurden. Die europäischen Mächte sind, wie es der Titel von Clarks Buch denn auch andeuten will, mehr oder weniger „schlafwandlerisch“ in den Konflikt getaumelt: „Der Kriegsausbruch war eine Tragödie, kein Verbrechen.“ (S. 716)

Nach Christopher Clark plante im Sommer 1914 „keine einzige europäische Großmacht den Beginn eines Aggressionskrieges.“ (S. 470) Wie konnte es denn aber trotzdem zu einem globalen Krieg kommen? Um dies zu verstehen, muss man einen genaueren Blick auf die Hintergründe des Attentats von Sarajevo werfen.

Gavrilo Princip, der die tödlichen Schüsse auf Erzherzog Franz Ferdinand abfeuerte, war Mitglied der „Schwarzen Hand“, einer in Belgrad beheimateten terroristischen Vereinigung. Die Insignien dieser Organisation bestanden aus einem runden Logo mit einem Schädel, gekreuzten Knochen, einem Messer, einer Bombe und einer Phiole mit Gift. Es war buchstäblich eine Vereinigung von Selbstmordattentätern. (S. 69)

1911 von Oberstleutnant Dragutin Dimitrijevic in die Welt gerufen, setzte sich die Schwarze Hand die Gründung eines „Großserbischen Reiches“ zum Ziel. Dieses Reich sollte neben Serbien auch Kroatien, Bosnien, Istrien, Dalmatien, Makedonien, Albanien, Montenegro, Herzegowina, das Kosovo und den nördlichen Teil Griechenlands umfassen.

Der Verwirklichung des Traums von einem „südslawischen“ oder „jugoslawischen“ Reich standen allerdings zwei andere Reiche im Wege – das der Habsburger und das der Osmanen. In den Augen der Schwarzen Hand hielt Wien mit Bosnien und Herzegowina und Konstantinopel mit Makedonien und Albanien großserbische Territorien besetzt, die es unbedingt zu erobern galt.

Als die Nachricht vom Tode Franz Ferdinands in Wien eintraf, hatte die Regierung von Österreich-Ungarn freilich noch keinen handfesten Beweis dafür, dass das Attentat ein Werk der Schwarzen Hand war; doch es hegte bereits den mehr als berechtigten Verdacht, dass der Anschlag mit Wissen und Billigung der serbischen Regierung erfolgt war. Was sollte man tun? Da die Ermordung des Erzherzogs nicht der erste gegen Österreich-Ungarn gerichtete Terrorakt war – ihm gingen tatsächlich etwa ein Dutzend anderer Übergriffe voraus –, dachte man in Wien zuerst über einen sofortigen Militärschlag gegen Serbien nach.

Dank des Einlenkens des ungarischen Regierungschefs István Tisza einigte man sich jedoch darauf, dass der serbischen Regierung „Zeit gelassen werden sollte, ihre Loyalität zu bezeigen“. (S. 513) Mit anderen Worten: Belgrad sollte die Hintergründe des Attentats aufklären und sämtliche Drahtzieher des Verbrechens zur Verantwortung ziehen.

Als das serbische Innenministerium seine Untersuchung zu dem Anschlag bereits nach einer Woche abbrach und kurzerhand erklärte, dass das Attentat keinerlei Verbindungen zur Regierung aufweise, zeigte man sich in Wien ungehalten. Auch wenn man die genauen Hintergründe noch nicht kannte, hatten eigene Untersuchungen doch bereits ergeben, dass die Regierung in Belgrad von der Planung des Anschlags wusste und die Täter deckte.

Österreich-Ungarn beschloss daher, Serbien ein Ultimatum zu stellen. Belgrad sollte es Wien gestatten, sich mit eigenen Beamten an der lückenlosen Aufklärung des Attentats zu beteiligen.

„Da die Österreicher ihr Anliegen juristisch unbedingt so einwandfrei wie möglich präsentieren wollten, kam es nicht in Frage, Serbien eine direkte Mitschuld an dem Mord von Sarajevo zu unterstellen.“ (S. 582) In einem Begleittext zum Ultimatum, das der Regierung von Belgrad am 23. Juli 1914 übergeben wurde, war denn auch an keiner Stelle von einer serbischen Mittäterschaft die Rede. Stattdessen erinnerte man Belgrad lediglich daran, dass es versprochen habe, „eine freundnachbarliche Beziehung“ zu Österreich-Ungarn zu unterhalten. Trotz dieses Versprechens, fügte man in etwas schärferem Tone hinzu, habe die serbische Regierung jedoch die Existenz einer „subversiven Bewegung“ geduldet, welche „durch Akte des Terrorismus, durch eine Reihe von Attentaten und durch Morde Ausdruck gefunden“ habe. (S. 580)

Serbien war eine Frist von 48 Stunden gesetzt worden. Im Prinzip hätte es dem serbischen Regierungschef Nicola Pasic keine große Mühe bereiten sollen, ein im angemessenen Ton gehaltenes Antwortschreiben aufzusetzen und die wohl keineswegs als überzogen zu bezeichnenden Forderungen Wiens anzunehmen.

Doch Pasic befand sich in einem Dilemma. Obgleich er die Mittel der Schwarzen Hand verabscheute, unterstützte er doch ihre Ziele. Er träumte ebenfalls von einem Großserbischen Reich, das sich bis zur Adriaküste erstrecken sollte. Mehr noch: Wenn er Wiens Forderung nachgab und es österreichischen Beamten gestattete, die Hintergründe des Attentats aufzuklären, wäre womöglich ans Licht gekommen, dass er über den Plan zur Ermordung des Erzherzogs vorab in Kenntnis gesetzt worden war und es bewusst verabsäumte, die Doppelmonarchie zu warnen.

In seiner Not telegraphierte Pasic eine Nachricht an seine Gesandten in London, Paris, Wien, Berlin und Sankt Petersburg, in der er vorgab, dass er das österreichisch-ungarische Ultimatum bedingungslos zu akzeptieren gedenke. Mit diesem Schritt suchte Pasic jedoch nur die Haltung der anderen europäischen Mächte zu sondieren. Gab es vielleicht eine Regierung, die bereit war, Serbien zur Hilfe zu eilen?

Und tatsächlich: Russland, das sich als Protektor aller slawischen Völker betrachtete, sagte sogleich seine Unterstützung zu. Wie der serbische Gesandte in Sankt Petersburg, Miroslav Spalajkovic, mitteilte, habe das russische Außenministerium „das österreichisch-ungarische Ultimatum voller Abscheu verurteilt“ und erklärt, dass kein souveräner Staat derart demütigende Forderungen akzeptieren könne, „ohne Selbstmord zu begehen.“ Russland werde in Kürze ein Kommuniqué veröffentlichen, in dem es Serbien offiziell unter seinen Schutz stelle. (S. 592)

Durch Russlands Unterstützung ermuntert, beschloss Serbien, die Forderungen Österreichs abzulehnen. Fünf Minuten vor Ablauf der gesetzten Frist übergab Nicola Pasic der österreichischen Gesandtschaft eine Note, in der es hieß, dass die serbische Regierung nicht für die Handlungen privater Einzelpersonen verantwortlich gemacht werden könne. Zudem würde eine Beteiligung österreichischer Beamter an den Ermittlungen zur Aufklärung des Attentats von Sarajevo der serbischen Verfassung widersprechen.

Um sein Gesicht zu wahren, entschloss sich Österreich-Ungarn, Stärke zu demonstrieren. „Am Morgen des 28. Juli 1914 unterschrieb Kaiser Franz Joseph in seinem Arbeitszimmer in der kaiserlichen Villa in Bad Ischl am Schreibtisch mit einem Federkiel die Kriegserklärung an Serbien.“ (S. 601)

Mit welchem Recht, wird man an dieser Stelle fragen, glaubte Russland, sich in eine Angelegenheit einmischen zu dürfen, die eigentlich nur Serbien und Österreich betraf?

Wie erwähnt, betrachteten die Russen sich als „Blutsbrüder“ der Serben. Sie meinten, es sei ihre „historische Mission“, die „Unabhängigkeit aller slawischen Völker“ zu garantieren. Doch dies war natürlich bloße Rhetorik. Viel entscheidender war, dass Sankt Petersburg Belgrads Streben nach einem Großserbischen Reich unterstützte. Russland hoffte, mit Serbien einen gefügigen Bündnispartner auf dem Balkan zu gewinnen, der ihm half, seinen seit Jahrzehnten gehegten Traum zu verwirklichen: Die Kontrolle über den Bosporus. Eine Kontrolle über den ökonomisch und strategisch so wichtigen Bosporus sollte es den Russen ermöglichen, nicht nur ihre Handelsschiffe, sondern auch ihre Kriegsschiffe jederzeit vom Schwarzen Meer in das Mittelmeer entsenden zu können. So gesehen, ist es denn auch nicht weiter verwunderlich, dass aus Sankt Petersburg heimlich Gelder nach Belgrad flossen – Gelder zur Unterstützung der Schwarzen Hand.

Was war mit Frankreich und Deutschland? Paris hatte seit 1894 ein Bündnis mit Sankt Petersburg und Berlin hatte seit 1879 ein Bündnis mit Wien. Wenn es zu einem Krieg kommen sollte, war Frankreich verpflichtet, an der Seite von Russland zu kämpfen, und Deutschland war verpflichtet, an der Seite von Österreich zu kämpfen. Bedauerlicherweise begingen Paris und Berlin 1914 auch denselben Fehler: Indem Frankreich und Deutschland sogleich ihre Bündnistreue erklärten, stellten sie Russland und Österreich den viel zitierten Blankoscheck aus.

Wie Christopher Clark überzeugend dartut, ist „Blankoscheck“ allerdings ein irreführender Begriff. Es waren keineswegs nur die mit dem Beistandspakt einhergehenden Verpflichtungen, die Frankreich und Deutschland dazu bewogen, ihrem jeweiligen Bündnispartner zur Seite zu stehen.

In Berlin stellte der deutsche Kanzler Leopold von Bethmann Hollweg eine durchaus rationale Überlegung an. Er sagte sich, Sankt Petersburg hat nur zwei Optionen. Die erste Option, die er für die wahrscheinlichere hielt, war die, dass Russland angesichts eines drohenden Krieges mit Deutschland von einer weiteren Unterstützung Serbiens absehen und der Frieden erhalten bleiben werde. Die zweite Option, die er für eher unwahrscheinlich hielt, war die, dass Russland dennoch zu den Waffen greifen werde. Wenn Sankt Petersburg aber bereit sein sollte, für eine Sache zu kämpfen, die „weder aus moralisch-rechtlicher noch aus sicherheitspolitischer Sicht zu rechtfertigen war“ (S. 537), beweise dies nur, dass Russland den Willen habe, einen Krieg „zu suchen“ (S. 537). Und: „Wenn es ohnehin zum Krieg kommen sollte, dann lieber gleich“ (S. 536), also noch bevor Russland sein in alle Welt ausposauntes Aufrüstungsprogramm abgeschlossen hatte.

In Paris stellte der französische Präsident Raymond Poincaré ähnliche Überlegungen an wie Bethmann Hollweg. Um politischen Druck auf Berlin ausüben zu können, war es für Paris wichtig, dass Deutschland weiter von zwei Seiten bedroht blieb: Im Osten von Russland und im Westen von Frankreich. Angesichts des gigantischen Aufrüstungsprogramms, das Sankt Petersburg gestartet hatte, fürchtete Poincaré, dass die Russen vielleicht schon bald nicht mehr der Franzosen bedurften. (S. 406) Um Russland von der vitalen Bedeutung des bestehenden Bündnisses mit Frankreich zu überzeugen, glaubte er daher, keine Minute zögern zu dürfen, Sankt Petersburg seiner unbedingten Treue zu versichern. „Poincaré nannte das eine Politik des Friedens, weil er davon ausging, dass Deutschland und Österreich angesichts einer so unerschrockenen Solidarität wohl einen Rückzieher machen würden. Aber wenn alles schiefging, gab es Schlimmeres als einen Krieg an der Seite des mächtigen Russlands und der, wie man hoffte, Militär-, See- und Handelsmacht Großbritannien“ (S. 577).

Der Bündnistreue Frankreichs gewiss, befahl Russland am 30. Juli 1914 die Generalmobilmachung. Es mobilisierte seine Armee aber nicht nur entlang der österreichischen, sondern auch entlang der deutschen Grenze. Berlin, das zu dieser Zeit noch nicht einmal den Zustand drohender Kriegsgefahr ausgerufen hatte, appellierte an Sankt Petersburg, seine Mobilmachung sofort zu stoppen. Als Sankt Petersburg sich weigerte, seinen Mobilmachungsbefehl zurück zu nehmen, erklärte Deutschland Russland am 1. August 1914 den Krieg.

Großbritannien verhielt sich zu Beginn des Konflikts neutral. In einem Leitartikel der Times vom 16. Juli 1914 hieß es, „dass es das gute Recht der Österreicher sei, auf einer sorgfältigen Untersuchung aller Verzweigungen der Verschwörung zu bestehen“ (S. 521), die zur Ermordung seines Thronfolgers führte. Am 24. Juli bot London sogar an, als Schlichter in dem Konflikt aufzutreten. Auf Druck Russlands lehnte Serbien dieses Angebot jedoch ab. (S. 619) Der Manchester Guardian erklärte daraufhin, „dass Manchester sich so wenig um Belgrad schere wie Belgrad um Manchester“ (S. 629). Und „am 29. Juli äußerten die Daily News Abscheu bei der Vorstellung, dass britische Leben ‚im Namen der russischen Hegemonie über die slawische Welt‘ geopfert werden könnten“ (S. 629).

Was bewog Großbritannien zu der Entscheidung, an der Seite von Frankreich und Russland gegen Deutschland und Österreich zu kämpfen? Gemeinhin wird gesagt, dass es die Verletzung der belgischen Neutralität war, die London am 4. August 1914 dazu zwang, Berlin den Krieg zu erklären. Christopher Clark bezweifelt dies. Er verweist hierzu auf die Kabinettssitzung vom 29. Juli, auf der beschlossen wurde, dass eine deutsche Verletzung der belgischen Neutralität kein militärisches Eingreifen Großbritanniens erfordere. (S. 689) Der Marsch deutscher Truppen durch das neutrale Belgien war daher nicht der wahre Grund, sondern nur eine nachträgliche Rechtfertigung für die Kriegserklärung Großbritanniens. (S. 697)

Obgleich Clark ganz unmissverständlich schreibt, dass Großbritannien 1914 in den Krieg zog, „um Deutschland in Schach zu halten“ (S. 698), überlässt er es doch weitgehend seinen Lesern, Londons konkrete Motive zu verstehen. Offenbar war es das geradezu atemberaubende Wirtschaftswachstum Deutschlands, das Großbritannien Sorge bereitete: Im Jahr 1913 hatte die deutsche Industrie die britische überholt. „Anders ausgedrückt: In den Jahren von 1860 bis 1913 vervierfachte sich der deutsche Anteil an der weltweiten Industrieproduktion, während der britische Anteil um ein Drittel sank. Noch beeindruckender war der wachsende deutsche Anteil am Welthandel. Im Jahr 1880 kontrollierte Großbritannien 22,4 Prozent des Welthandels; die Deutschen belegten zwar den zweiten Platz, hatten aber mit 10,3 Prozent einen deutlichen Rückstand. Im Jahr 1913 hingegen war Deutschland mit 12,3 Prozent Großbritannien hart auf den Fersen, dessen Anteil auf 14,2 Prozent geschrumpft war. In Großbritannien schwang bei den Worten ‚Made in Germany‘ sehr stark das Gefühl einer Bedrohung mit, nicht weil die deutschen Handels- oder Wirtschaftspraktiken aggressiver oder expansionistischer als andere waren, sondern weil sie die Grenzen der britischen Weltherrschaft aufzeigten“ (S. 224).

Das einzige, was man in Clarks Buch vermisst, ist ein Kapitel über die territorialen und ökonomischen Gewinne, die sich die europäischen Mächte von einem etwaigen Krieg versprachen. Auch wenn letztlich keine Nation einen Krieg wollte, sondern ihn bestenfalls billigend in Kauf nahm, gab es doch in allen Hauptstädten bereits Überlegungen zur möglichen Kriegsbeute: Großbritannien hoffte sich eines lästigen Konkurrenten auf dem Weltmarkt entledigen zu können. Russland hoffte auf die Kontrolle des Bosporus. Frankreich hoffte auf die Rückeroberung von Elsass und Lothringen. Und Serbien hoffte auf die Entstehung eines von Belgrad regierten Jugoslawiens, das den Balkan dominieren und bis zur Adria reichen sollte.

Auf die Frage, wie der Krieg hätte vermieden werden können, gibt Clark eine ebenso einfache wie überzeugende Antwort: Der serbische Regierungschef Nicola Pasic „hätte eine echte Untersuchung der Verschwörung in die Wege leiten und sein eigenes Amt riskieren können, statt den Frieden seiner Nation“ (S. 95).

Eingangs ist die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand als das „vielleicht folgenschwerste Attentat der Geschichte“ bezeichnet worden. Um diese Aussage zu rechtfertigen, sollte ich abschließend noch kurz an einen Umstand erinnern, auf den nicht erst der australische Historiker Christopher Clark, sondern bereits der schottische Historiker Niall Ferguson in seinem Buch „Der falsche Krieg“ hingewiesen hat: Der Erste Weltkrieg war kein von langer Hand geplantes Verbrechen. Er war vielmehr eine durchaus vermeidbare Tragödie. Hätten die Machthaber in Wien, Belgrad, Sankt Petersburg, Berlin, Paris und London besonnener gehandelt und den lokalen Konflikt auf dem Balkan nicht zum Auslöser eines Krieges werden lassen, wäre 20 Millionen Menschen der Tod erspart geblieben. Ja, mehr noch: Wäre es nicht zu einem Waffengang gekommen, hätte es keine Oktoberrevolution, kein Schanddiktat von Versailles, keinen Reichskanzler namens Adolf Hitler und keinen Holocaust gegeben.
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Fakten Fakten Fakten....bis man erschlagen ist, 27. November 2014
Ich habe gerade das Hörbuch beendet und weiß gar nicht wie ich es genau beurteilen soll. Ich muss meinen Hut vor dem Author ziehen, da ich mir vorstellen kann was für ein Aufwand das war die ganzen Fakten zusammenzutragen. Es mussten Biografien und staatliche Aufzeichnungen gelesen und recherchiert werden und ebenso sehr viele Schriften die nach dem Krieg bereits verfasst wurden. Da hier sehr viele Nationen mit unterschiedlichen Sprachen beteiligt waren würde mich mal interessieren ob er auch alle Schriften übersetzen lassen musste oder aus ein Sammelsurium an bereits übersetzten Schriften zurückgreifen konnte.
Wie auch immer: Aus dieser schieren Datenmenge ein Konstrukt zu erschaffen das nachvollziehbar den Ablauf der Vorkriegsjahre beschreibt war sicherlich weitaus mehr Arbeit als einen gewöhnlichen Krimi zu schreiben.

Zum Hörbuch. Es ist technisch sauber umgesetzt. Der Sprecher hat eine angenehme Stimme und liest im ruhigen Tempo.
Meinen eigenen Wortschatz musste ich einige Mal erweitern bzw. nachschlagen was z.B. hegemonialen Herrschaftsstrukturen heißt. Das hat teilweise den Hörfluss gestört....aber was kann das Hörbuch für meine mangelnde Bildung?
Ohne konstruktive Vorschläge liefern zu können wie man es denn jetzt besser machen könnte kann ich nur sagen das mich die Einbung der Namen vieler Beteiligten schlicht erschlagen hat. Wenn man alleine bedenkt, dass Frankreich zwischen 1890 und 1914 über 20 Außenminister hatte, kann man sich vorstellen dass sich das teilweise anhörte als würde ein europäisches Telefonbuch seitenweise vorgelesen werden.....über 30 Stunden. Mir persönlich hätte vermutlich eine gekürzte Fassung von 15 Stunden gereicht wo nicht jedes Telegramm detailliert analysiert wird.

ABER: Zum Verständnis der Vorgehensweise der einzelnen Staaten muss man auch das Umfeld verstehen indem sie sich bewegen. Mir war z.B. nie klar wie wichtig den Russen die Dardanellen waren und damit auch der Balkan. Oder welcher Stolz dadurch verletzt wurde, dass Preußen wirtschaftlich so stark wurde und z.B. die Engländer Angst vor der aufstrebenen Marine hatten. Auch die einzelnen Bündnisse und was sich welcher Staat von diesen erhoffte wird detailliert beschrieben und ist sehr aufschlussreich.
Alles in allem hat das Buch sehr zum Verständnis von Europa zur Jahrhunderwende bis zum Kriegsausbruch beigetragen. Teilweise empfand ich es jedoch als ein wenig langatmig was dazu führte das ich auch froh war als die knapp 30 Stunden vorbei waren. Dafür ziehe ich einen Stern ab.
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67 von 82 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Selbst nach Sarajevo war der Ausbruch des Weltkriegs nicht unvermeidlich, 17. September 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Clark beginnt seinen ausgezeichneten Bericht über die Ereignisse, die dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs vorangingen, mit einer sich über 96 Seiten erstreckenden Schilderung (fast ein Fünftel des Buches) der Vorkriegsgeschichte Serbiens, unter der Obrenovic-Dynastie mit den Königen Milan (1868 bis 1889) und dessen autokratischem Sohn Alexandar (sic) (1889 bis 1903). Beide Monarchen waren Österreich zugeneigt und übergingen das intensive Nationalgefühl des serbischen Volkes und Teilen der serbischen Armee, welche das große serbische Reich, wie es im Mittelalter unter Zar Dusan existiert hatte, wiederherstellen wollten. Diese unpopuläre Politik der Könige war ein Grund - jedoch nicht der einzige - für den blutigen Schlag einer Gruppe von Offizieren gegen diese Dynastie im Jahre 1903, mit dem die Dynastie der Karageorgevic als neue Herrscherin eingesetzt wurde und unter dem großen Beifall der Bevölkerung eine gegen Österreich gerichtete pro-russische Außenpolitik begann. Die Offiziere, die diesen Putsch durchgeführt hatten und von einem Mann mit dem Spitznamen Apis geführt wurden, setzten eine aufrührerische Politik der serbischen Minderheit in Österreich-Ungarn in Gang und ermordeten auch immer wieder habsburgische Beamte. Premierminister Pasic, ebenfalls ein Nationalist, war über die illegalen Aktionen besorgt, konnte sie jedoch nicht bremsen. Apis war der Leiter des serbischen militärischen Geheimdienstes (man fühlt sich stark an Pakistan erinnert). Als Pasic von den Plänen zur Ermordung des östereichischen Thronfolgers Franz Ferdinand erfuhr, schickte er zwar über den serbischen Botschafter in Wien "eine Art Warnung" an einen oesterreischischen Minister, der aber die Nachricht nicht ernst nahm und sie nicht an seine Vorgesetzten weiter gab.

Hier setzt Clark zu einem weiter gerichteten Blick auf Europa an, auf die langsame und zögerliche Ausbildung von Allianzen, die in den Krieg hineingezogen wurden. Diese Szenerie ist zwar bekannt, jedoch widerspricht Clark einer Reihe von herkömmlichen Ansichten. So legt er etwa dar, dass die britische Presse eine Furcht vor dem deutschen Flottenbau schürte, die britischen Minister sich darüber jedoch keine großen Sorgen machten und auch keinen Anlass dafür gehabt hätten: im Jahre 1905 verfügte das Deutsche Reich nur über 16 Schlachtschiffe, Großbritannien dagegen über 44; und im Jahre 1913 beendete Berlin ohnehin das Wettrüsten aus eigenem Antrieb. Dennoch hatten inzwischen entscheidende britische Poltiker das Reich als Hauptfeind ausgemacht, vielleicht schon seit dem Krüger-Telegramm (welches Clark hier in eine weitere Perspective setzt die mir bislang unbekannt war).. Er unterstreicht die britische Arroganz, mit welcher jede Ausweitung des Empires gerechtfertigt, jedes deutsche Streben nach Einfluss dagegen abgelehnt wurde. So wurde sofort protestiert, als Deutschland eine Eisenbahnlinie als Verbindung zwischen Transvaal und einem Hafen in Mozambique baute. Merkwürdigerweise werden in diesem sehr detaillierten Buch die drei Reisen von Joseph Chamberlain nach Berlin in den Jahren 1898, 1899 und 1901 nicht erwähnt, deren Ziel es war, ein mögliches Bündnis mit dem Reich zu sondieren. Erst als diese Bemühungen fehlschlugen, wandte sich London zuächst Frankreich und später Russland zu. Clark sagt aber auch, dass die Verständigung mit Frankreich und späterhin mit Russland primär gegen Deutschland gerichtet war. In der Entente mit Frankreich sieht er hauptsächlich einen Versuch, das Bündnis zwischen Frankreich und Russland zu schwächen (letzteres war in Großbritannien immer als die größte Bedrohung für das Empire betrachte worden), in der Entente mit Russland von 1907 hingegen die Ausnutzung der russischen Schwäche nach der Niederlage gegen Japan. So sollten die von Russland ausgehenden Bedrohungen, welche damals (und von einigen britischen Politkern auch noch Anfang 1914) als viel gefährlicher im Vergleich zu der Bedrohung durch das Deutsche Reich betrachtet wurden, aus dem Wege geräumt werden.

Es folgt ein faszinierends und detailliertes Kapitel in dem aufgezeigt wird, dass alle Großmächten immer wieder durch eine Unsicherheit über die eigentliche Leitung ihrer Aussenpolitik behindert wurden: lag die Führung bei den Monarchen? bei den Regierungchefs? bei den Außenministern? bei den Beamten des Außenministeriums? Bei den im Ausland tätigen Botschaftern? beim Militär? bei den Finanzministern?). Die Rivalität dieser Instanzen verursachte die Schwankungen in der Politik, besonders zwischen aggressiven und versöhnliche Schritten. Das wird häufig übersehen, wenn wir die Dinge hinterher nur als einen Marsch wahrnehmen der unaufhaltsam zu dem Zusammenprall von 1914 führen musste. Die eingehende Schilderung der Agadir-Krise von 1911 ist ein überzeugendes Beispiel für das Wechselspiel rivalisierender Zielsetzungen innnerhalb der Regierungen von Frankreich, Deutschland, und sogar Großbritannien.

Clark zeigt schließlich auf, wie brüchig die verschiedenen Bündnisse in den letzten drei Jahren vor dem Ausbruch des Krieges erschienen: wie sich London weiterhin Sorgen wegen russischer Aktivitäten im Mittleren und Fernen Osten machte und einen Austritt Russlands aus der Triple Entente befürchtete; wie sich Frankreich und Großbritannien den russischen Wünschen nach einer Öffnung der Dardanellen wideretzten; wie groß das Misstrauen Frankreichs in Bezug auf eine britische Unterstützung im Ernstfall war; wie Österreich das Deutsche Reich in der Agadir-Krise im Stich ließ und das Reich seinerseits Österreich in den beiden Balkankriegen nicht half; wie sogar Italien, bevor es die Seiten wechselte, nach dem habsburgischen Dalmatien gierte und die Interessen Österreichs und Deutschlands, seiner Partner im Dreibund, missachtete, als es im Jahre 1911 die Türkei angriff. Bis in den Juli 1914 hinein, als sich beide Seiten für einen - wie jede von ihnen meinte - Defensivkrieg rüsteten, bestand immer noch die Möglichkeit, dass die jeweiligen inneren Spannungen einen Krieg gegen den äußeren Feind verhindern würden.

Das Buch endet mit einer spannenden Schilderung der Zeitspanne zwischen den Morden in Sarajevo und dem Ausbruch des Krieges einen Monat später. Selbst in den letzten Tagen dieser Periode gab es noch Zuckungen. Bis hin zur russischen Mobilisierung hofften die Deutschen, die Oesterreich zu dem Ultimatuman Serbien ermutigt hatten, dass der sich daraus ergebende Krieg auf diese beiden Länder eingrenzbar sei. In Russland schwankte man zwischen einer Teilmobilisierung gegen Oesterreich oder einer Totalmobilisierung gegen Österreich und Deutschland, Noch am 1. August sagte Grey dem französischen Botschafter, sein Kabinett habe sich gegen eine britische Teilnahme am Krieg entschieden. Clark konzentriet sich sich hauptsächlich auf die alltäglichen diplomatischen Aktivitäten, und diese waren so beeinflusst von menschlichen Ängsten, Hemmungen und Sindesänderungen, dass man das Endergebnis nicht als vorbestimmt betrachten kann.

(Englische Rezension übersetzt von Thomas Dunskus.)
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein neues, üppiges Standardwerk über die Ursachen des 1. Weltkrieges!, 30. April 2015
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Gemeinhin gilt der Erste Weltkrieg als "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", die auch bereits den Nährboden für den Ausbruch des 2. Weltkrieges gelegt hat. Interessant diesbez. ist, dass die Ursachen des 2. WK im allgemeinen weit vielschichtiger und somit auch objektiver aufgearbeitet worden sind als jene des 1. WK, wobei die Dämonisierung der Figur Adolf Hitler in britisch-amerikanischen Medien meines Erachtens immer noch viel zu sehr in den Vordergrund tritt, was leider zur Folge hat, dass wirtschaftlich-politische Zusammenhänge und die Rolle der einzelnen Mittäter und Mitläufer etwas zu wenig fokussiert werden. Aber das ist ja ein anderes Thema...

Mit "The Sleepwalkers" ist Christopher Clark einer der ersten Autoren, der auch die komplexen politisch-wirtschaftlichen Verstrickungen der einzelnen Staaten am Vorabend des 1. WK ausführlich darzustellen versucht. Er bedient sich dazu vielerlei Quellen - wägt sogar sehr subjektive Tagebucheinträge einstiger Machthaber und Politiker gegeneinander ab, um so am Ende aufzuzeigen, dass die Suche nach dem Hauptschuldigen am Europäischen Fiasko eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist.
Auch waren es nicht die Könige, Kaiser, Zaren, Präsidenten ihrer Nationen, die ihre Völker aus persönlichen Motiven heraus am Schlachtfeld Europa aufeinander losgehetzt hätten. Dazu wären sie machtpolitisch aber auch gar nicht in der Lage gewesen...

Was im Klappentext als kleine Sensation angekündigt wird, nämlich, dass es unangemessen wäre, etwa dem Deutschen Reich die alleinige Hauptschuld am Ausbruch des Krieges zu geben, ist allerdings längst nichts Neues mehr. Ich glaube, dass es heutzutage so gut wie keinen ernstzunehmenden Historiker mehr geben dürfte, der diese These tatsächlich noch vertritt. Schon als Kind weiß man, dass es zum Streiten immer mindestens 2 Parteien braucht, auch, wenn es freilich viel bequemer ist, die Schuld beim Gegenüber zu suchen...

Aber auch das ist Herrn Clark durchweg großartig gelungen - er versucht gar nicht erst einen Schuldigen auszumachen, sondern stellt die schier unüberschaubaren Ereignisse am Vorabend des 1. WK sehr sachlich dar. Bei aller Mühe hierbei eine gewisse Übersichtlichkeit zu wahren, ist der Autor dabei offenkundig an seine Grenzen gestoßen. So gut einzelne Kapitel (vor allem der Anfangsteil, der sich dem Balkanproblem widmet sowie der Schlussteil, in dem es um die Haltung der Briten gegenüber ihrer Bundesgenossen bzw. gegenüber der Neutralitätswahrung Belgiens geht) lesbar und verständlich sind, so fordernd und teils auch ermüdend sind die vielen, vielen Namen (die man sich sowieso nicht merken kann) und teilweisen Wiederholungen von Thesen. Nicht selten wird eine These aufgestellt, anschließend ausführlichst begründet, ehe am Ende mit anderen Worten die These nochmals in den Raum gestellt wird. Es ist, als wäre es dem Autoren bewusst, dass er dem Leser am Ende der Beweisführung/Faktenvorlage nochmals in Erinnerung rufen müsste, was hier eben untermauert bzw. veranschaulicht werden sollte.
Dennoch kann man dem Schmöker meines Erachtens selbst beim schlechtesten Willen nicht vorhalten, in irgendeiner Weise zu stark subjektiv gefärbt zu sein.

Zwar kommen für meinen Geschmack beispielsweise die Serben (von ungebildeten, reformunwilligen Bauern, denen ihre Schnapsbrennereien wichtiger sind, als die Schulbücher der Kinder ist da im übertragenen Sinn die Rede) eher schlecht weg und auch die Russen (allerdings nicht die Bevölkerung an sich) werden als "kriegslüsterner" als beispielsweise die Briten dargestellt, trotzedem schafft es Clark immer wieder noch rechtzeitig die Kurve zu kriegen und erinnert gleich im jew. Anschluss an die besonderen Umstände und die hochkomplexen Zusammenhänge im Wechselspiel der Kräfte.
Und, dieser subjektive Einwurf meinerseits sei mir bitte gnädigst nachgesehen, haben nicht gerade die schrecklichen Jugoslawien-Kriege in den 90er-Jahren bewiesen, dass der Balkan ein Pulverfass ist? Bis heute gibt es sehr viele ungelöste Konflikte in dieser Region.

Sehr kritisch geht Clark aber auch mit seinem Heimatland um. Er spricht offen an, dass die Kolonialpolitik des British Empire vermutlich der ausschlaggebende Punkt für die damaligen Entscheidungsträger war, als beschlossen wurde, sich im Kriegsfall an die Seite Frankreichs und Russlands (dem vielseits misstraut wurde) zu Stellen. Frei nach dem Motto: Lieber einen Kolonialkonkurrenten als Verbündeten, als Frieden mit den Mittelmächten, die diesbezüglich keine reale Bedrohung darstellten.

Auch die Rolle Österreich-Ungarns, als Quasi-Vorläufer der EU (so haben das bislang wohl die wenigsten betrachtet), wird sehr differnziert und mit großem historischem Feingefühl unter die Lupe genommen. Vielleicht war die Donaumonarchie doch nicht bedingungslos dem Untergang geweiht und hätte möglicherweise noch länger bestanden, als man gemeinhin vermuten würde. Allerdings hätte es - wenn nicht am Balkan - vermutlich schon sehr bald anderswo im Habsburgerreich zu kriseln begonnen (Südtirol, Siebenbürgen etc.) Vor allem die seit dem Ausgleich von 1867 bessergestellten Ungarn hätten Reformversuche gegenüber anderer untergebener Völker nicht einfach so hingenommen - ein oft übersehener, aber durchaus gewichtiger Faktor, wenn man bedenkt, dass das Entscheidungsfindungen und Lösungsversuche oft erschwert hat, und das gerade in Situationen, wo schnelle Reaktion und rasches Vorgehen vonnöten gewesen wären...

Freilich spricht Clark in seinem Werk Deutschland nicht frei von Schuld, was wohl auch zu viel des Guten wäre, aber alleine der Versuch das zahnradähnliche Ineinandergreifen hochsensibler Mechanismen, die teils von traumatisierten und/oder paranoiden Männern angetrieben wurden, so gut es eben geht aufzuzeigen, ist weit mehr, als den meisten Historikerinnen und Historikern zu diesem (zugegebenermaßen anspruchsvollen) Thema bislang geglückt ist. Jedenfalls stellt der Autor unmissverständlich klar, dass man dem Deutschen Reich nicht so ohne weiters den Stempel des Hauptaggressors aufdrücken kann.

Einzig die Lesefreude leidet dann und wann unter der stellenweise erdrückenden Faktenmenge. Positive "Highlights" (schreibtechnisch gesehen) sind aber in jedem Fall die teils wortwörtlich zitierten Telegramm(auszüg)e und Tagebucheinträge, die dem ganzen, eher trockenen Stoff, Leben einhauchen können. Zudem sorgt die Einstreuung interessanter Details hier und da auch für kurze Erheiterung (unter anderem beschreibt Clark kurz die erste Begegnung anatolischer Bauern mit einer Dampflok, die neugierig mit Grasbüscheln zum neu eingeweihten Bahnhof gekommen waren, um die vermeintlichen Eisenbahnzugtiere zu füttern; oder die Beschreibung des eigenwilligen Charakters Wilhelm II. (Clark ist ja mit dessen Person bestens vertraut), der offenbar ob seiner unbedachten Redseligkeit bei Staatsbanketten regelrecht gefürchtet war).

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass der Krieg letztendlich wohl vermeidbar gewesen wäre, er unter gegebenen Umständen aber tatsächlich nur sehr schwer zu vermeiden war. "Die Schlafwandler" zeigt zudem die Ohnmacht bzw. die Unfähigkeit der damaligen Politiker und Minister auf, den Konsens zu suchen, wohl auch deshalb, weil sich niemand tatsächlich ausmalen konnte, wie folgenschwer sich ein gesamteuropäischer Konflikt letztlich auswirken sollte (oder konnten es manche doch und waren einfach nur unendlich ignorant?).

Die großen Leidtragenden waren - wie immer - die einfachen Leute, die offenbar alles andere als mit Begeisterung an die Front gingen. Die Mit-Hurra-in-den-Krieg-Theorie sieht Clark als überholt, weil es einfach zu wenige stichhaltige Beweise dafür gibt, eher bezeugen zeitgenössische Berichte eher das Gegenteil. Zwar wurde in den Medien teils ordentlich Stimmung gemacht, große Teile der Landbevölkerung (aller Nationen) wussten allerdings bis zuletzt nicht, gegen welchen Feind sie da in den Krieg geschickt wurden. Sie traf der Einberufungsbefehl wirklich wie aus heiterem Himmel. Was für damalige Machthabende und politisch Involvierte nur schwer zu begreifen war, konnten die einfachen Bauern und Arbeiter beim besten Willen nicht durchschauen. Vielleicht wäre es im Nachhinein aber sogar besser gewesen eben diese einfachen Leute über ihr Schicksal entscheiden zu lassen...

Ja, am Ende bleiben (natürlich) einige Fragen offen. Es sind aber Fragen, die man sich selbst stellt und nicht wenige davon sind moralischer Natur. So gesehen hat Christopher Clark wohl erreicht, was er mit vorliegendem Werk bewirken wollte.
Getrost traue ich mich "Die Schlafwandler", nicht zuletzt deshalb, als neues Standardwerk zum Thema 1. WK zu bezeichnen. Vielleicht folgen ja schon bald weitere Bücher zu diesem hochinteressanten und brisanten Themenbereich...

Einen Stern Abzug gibt's für die stellenweise Faktenüberflutung und die Detailverliebtheit, obwohl gerade darin andererseits auch wieder die Stärke des Schmökers zu finden ist. Wie auch immer. Insgesamt ist Christopher Clark ein sehr objektives und informatives Werk gelungen, das, wie ich glaube, noch lange Bestand haben und von vielen Historikerinnen und Historikern zitiert werden wird.

Für geschichtsinteressierte Menschen, HobbyhistorikerInnen und Geschichtelehrer ist dieses Buch eigentlich ein Muss!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hervorragend, aber schwer lesbar, 18. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ein dicker Wälzer, der auf Grund der vielen Details oder der vielen vielen, auch recht komplizierten und ungewohnten Namen (z.B. bei den Serben) sich nicht einfach liest. Die Masse der einbezogenen Personen ist schier unglaublich. Aber Clark erläutert und erklärt ja auch einen großen Zeitraum und ein großes Einzugsgebiet. Hier unterscheidet sich das Buch dann auch von der immer noch üblichen 08/15-Malerei der Schulbildung. Der oder der ist der Aggressor? Der oder der ist der Kriegsverursacher? Bei Clark ist das nicht so. Er zeigt, welche vielfältigen Zusammenhänge bestanden und wie manches Handeln (auch ungewollt oder unerwartet) überraschende Konsequenzen hatte.
Viele unbekannte, scheinbar nebensächliche Fakten werden auf einmal sichtbar, in neue Zusammenhänge gestellt und bekommen dadurch auf einmal Bedeutung. Die Gedankenwelt dieser Zeit und die Verhältnisse zwischen Ländern und Personen erscheint auf einmal in einem neuen Licht. Clark holt Unerwartetes und Unbekanntes aus dem Dunkel.

Das Buch zeigt aufs Eindringlichste, dass Geschichte und Politik nicht einfach ist. Nicht Schwarz und Weiss oder Gut und Böse. Wer hat Schuld? Wer hat Verantwortung für das Geschehen? Welchen Einfluss haben persönliche Faktoren, soziale Herkunft einzelner Personen, persönliches Erleben von Handelnden, private Einstellungen oder die Erziehung.

Dieses Buch sollte Pflichtlektüre der heutigen Politiker werden, weil es zeigt, wie völlig unterschiedliche Gedanken, wie persönliche Geltungssucht, wohlmeinendes Bemühen oder das anscheinend harmlose Verdrängen von ungeliebten Wahrheiten sich zuerst zu einer knisternder Spannung und dann zu einem vernichtenden Weltkrieg aufschaukelten.
Der Titel "Die Schlafwandler" ist der wirklich ideale Titel. Weiterwursteln und rumschwafeln, im Hintergrund Ränke schmieden, persönliche Vorteile suchen und nach Außen unablässig Friedensschwüre brabbeln. Kaum einer, der sich die Konsequenzen bis zum bitteren tödlichen Ende ausmalen konnte oder wollte. Und das bis der erste Schuss fiel.
Danach hat es wie üblich keiner gewollt und so schon gar nicht.
Bedrückend und zutiefst beängstigend, wenn man es mit der heutigen Zeit vergleicht. Zu viele Ähnlichkeiten.
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72 von 91 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Jeder Tritt ein Britt, jeder Stoß ein Franzoß, jeder Schuß ein Ruß??... Mr. Clark und der Erste Weltkrieg, 27. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Ich will vorwegschicken, daß ich sowohl die englischsprachige Fassung von Christopher Clarks bemerkenswertem Werk als auch die deutschsprachige Übersetzung gelesen habe. Der hier entbrannte scharfe Diskurs, ob das Buch nun die deutsche Kriegsschuld verharmlost oder richtig bewertet, amüsiert ob seiner Heftigkeit. Doch nun zum Thema: Clarks Buch weist ein schwerwiegendes Desiderat auf, was mich allerdings bei diesem akribisch arbeitenden Fachmann sehr verwundert — Clark läßt das Osmanische Reich (ich will die Geschichte seines Zerfalls und Untergangs hier nicht ausbreiten) als einen wichtigen Faktor in bezug auf die politische Situation in Europa völlig aus. Sollte er das getan haben, um sein Buch nicht zu ausufernd geraten zu lassen, wäre ein diesbezüglicher Hinweis nötig gewesen. Da der fehlt, liegt der Schluß nahe, daß Clark das spätestens seit 1908/ 1909 in Agonie liegende Osmanische Reich als quantité négligable ansieht, was allerdings ein fataler Irrtum wäre. Sollte Clark in den alten Fehler verfallen sein und tatsächlich meinen, der osmanische Staat wäre unwichtig im Hinblick auf die Ereignisse in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewesen? Nur einige Fakten: Österreich träumte schon lange vom Besitz des bis 1912 osmanischen Hafens Saloniki (der Besitz Serbiens (Wunsch nicht nur der österreichischen Militärs) war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Erfüllung dieses Zieles), Italien wollte gerne das gerade 1914 mit einem deutschen Fürsten beschenkte Albanien beherrschen, die Deutschen träumten von einer wirtschaftlich (semi-kolonialen) Durchdringung des Osmanischen Reiches und gedachten England am Persischen Golf (offiziell noch osmanischer Besitz!) in die kolonialen Schranken zu weisen (siehe Stefan M. Kreutzers sehr gutes, aber kritisch zu lesendes Buch »Dschihad für den deutschen Kaiser« zu diesem Thema), die Briten hofften Arabien in ihre Hände zu bringen, um damit den »Diamanten in der Krone des Empires« — Indien — abzusichern (über den Suez-Kanal und Ägypten eng mit dem Mutterland zu verbinden), das Eröl im Mossulgebiet begann alle zu interessieren... Das ließe sich noch ellenlang fortsetzen. Sultan Abdül Hamid II. wurde 1909 endgültig abgesetzt, die Jungtürken traten ihre verheerende Herrschaft an. Damit war das Osmanische Reich als ein wichtiger Garant für das Gleichgewicht der europäischen Mächte weggefallen, Abdül Hamid II. war ein skrupelloser Machtpolitiker, aber ein genialer Diplomat, dessen Rolle auf dem Parkett der Politik jener Jahre vor 1909 keineswegs unterschätzt werden darf. Die engen Beziehungen Deutschlands zu diesem Staat (um 1900 regte Graf Monts, der deutsche Botschafter am italienischen Hof an, das unsichere Italien durch das viel bündnistreuere Osmanische Reich im Dreibund zu ersetzen!) gefielen weder Großbritannien, Frankreich noch Rußland. Dieses wichtige Spielfeld der europäischen Mächte, man denke nur an die beiden Balkankriege 1912 / 1913 (!), in solch einem Buch auszulassen, stellt ein erhebliches Manko dar. Doch abgesehen davon ist Clark eine bemerkenswerte Darstellung der europäischen Konstellationen und dem Denken in den Hauptstädten der wichtigen Protagonisten am Vorabend des Kriegsausbruchs gelungen. Dennoch fragt sich der informierte Zeitgenosse, was ist an Clarks Darstellung so neu? Deutschland trägt am Ersten Weltkrieg ebenso wenig die alleinige Schuld wie Großbritannien oder Rußland oder Frankreich, egal, was in der Zeit geschrieben wird. Fazit: (Aber das lernte ich schon vor drei Jahrzehnten an der Universität) Allen Mächten, auch Deutschland, paßte dieser große Krieg in ihr Konzept, alle verfolgten sie in ihren Augen wichtige Kriegsziele,wollten ihre Konkurrenten ausschalten, aber im Sommer 1914 paßte keinem der Krieg so richtig. Clarks Verdienst liegt vielmehr darin, zu einer Zeit, in der (auch die deutsche) Geschichte in den auf uns einwirkenden Medien zunehemd einseitig vor allem aus us-amerikanischer Perspektive dargestellt wird, ein Buch vorgelegt zu haben, daß versucht, das in der Öffentlichekit vorherrschende Bild behutsam zu korrigieren. Wie Fischers Thesen vor 50 Jahren so bedeutsam waren, weil sie eine längst überfällige Diskussion auslösten, so ist auch Clarks Buch heute durchaus wichtig, weil es wieder eine Diskussion anstoßen könnte und uns auffordert, die »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts aus etwas anderem Blickwinkel zu bewerten. Auch Geschichtsbetrachtung verläuft oftmals zyklisch und ist bestimmten »Moden« unterworfen... Christopher Clark wird hoffentlich noch einige Bücher zur deutsch-preußischen Geschichte vorlegen und die Diskussion bereichern.
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28 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Brillante Analyse, 14. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Über Clarks Buch ist schon so viel Positives und Richtiges geschrieben worden, dass ich hier keine weitere Lobeshymne hinzufügen möchte. Der Ansatz des Autors, an das Thema vollkommen unvoreingenommen heranzugehen, unterscheidet sich wohltuend von deutschen Autoren. Bei denen weiß man meist schon beim Lesen der ersten Seiten, wie es endet, nämlich mit nostra culpa oder nostra maxima culpa. Außerdem stören bei diesen Autoren oftmals die schmale Basis der Untersuchung und die schlichte Analyse, was wiederum zu dem stereotypen Resümee führt. Clark hingegen hat ein erfrischend originelles und wohltuend intelligentes Buch geschrieben. Nur eines irritiert, nämlich seine Parallele zur Eurokrise. Clark fällt weder in diesem Buch noch in seinen vorherigen Schriften durch fundierten ökonomischen Sachverstand auf. Das erklärt vielleicht diesen aus meiner Sicht mehr als missglückten Vergleich.
Was ich mir in der Schlussbemerkung des Buches auch noch gewünscht hätte, wäre eine kurze Betrachtung und Bewertung dessen, was danach kam und welche Folgen dieser Krieg hatte. Auffällig ist meines Erachtens nämlich schon, dass gerade die Nationen, die vor Kriegsausbruch sehr wenig zur Deeskalation beigetragen bzw. fleißig direkt oder indirekt gezündelt haben, sich als gar nicht so standhafte Krieger erwiesen haben. Russland und Serbien schieden vorzeitig aus. Österreich brauchte ständig deutsche Unterstützung und Frankreich wäre schon bei der ersten Marneschlacht 1914 eingebrochen, wenn England und indirekt auch Russland nicht aktiv eingegriffen hätten. Und wie verhielt man sich bei den Friedenverhandlungen? Wer zeigte weder Weitsicht, noch christlichen Großmut, sondern kleinliche Rachsucht und ökonomischen Unverstand? Wer demütigte die Besiegten schon während der Sitzungen durch kindische Schikanen? Wer legte damit die Lunte für den nächsten großen Krieg? Die USA und England waren es nur insofern, als dass sie dies nicht aktiv verhinderten. Apropos USA, wenn diese sich ganz aus dem Krieg herausgehalten oder zu mindestens nicht aktiv eingegriffen hätte, wäre ein Erschöpfungsfrieden, bei dem England und Deutschland die Federführung gehabt hätten, sehr wahrscheinlich gewesen. Was wäre dann der Menschheit wohl alles erspart geblieben!
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17 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein europäisches Verhängnis, 28. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Am 28. 7. 2014, mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, beginnt der dritte Balkankrieg, der sich bereits nach wenigen Tagen zu einem europäischen Flächenbrand ausweitet.

Ob Hundertjähriger oder Dreißigjähriger Krieg, ob amerikanischer Bürgerkrieg oder russisch-japanischer Krieg 1904/05 - die Frage nach einer Kriegsschuld wird nie gestellt. Auch bei den sehr zahlreichen Nahostkriegen der zurückliegenden Jahrzehnte wird die Benennung eines Schuldigen stets vermieden. Der Erste Weltkrieg bildet in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Ausnahme: Insbesondere für Historiker deutscher Zunge besteht kein Zweifel daran, daß der Furor teutonicus für den Ausbruch der Feindseligkeiten verantwortlich zu machen ist. Der Kaiser war's!

So gesehen, legt der australische Historiker Christopher Clark mit seinem viel beachteten Buch zur Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, ein revisionistisches Werk vor. Denn er kommt er zu keiner eindeutigen Schuldzuweisung. Vielmehr beschreibt er die Geschehnisse, die zu dieser europäischen Katastrophe geführt haben, als eine hochkomplexe Gemengelage von einander widerstrebenden Zielen, persönlichen Befindlichkeiten, Fehleinschätzungen, Verbindlichkeiten und unglücklichen Zufällen. Clark misst den Ereignissen auf dem Balkan - anders als viele seiner Kollegen - aus vielerlei Gründen größte Bedeutung zu. Die Politik Serbiens bildet für ihn keine unbedeutende Randerscheinung, sondern ist ein zentrales Element der am Ende zum Krieg führenden Ereignisse. Nicht zufällig beginnt er seine fast 900 Seiten umfassenden Ausführungen mit dem Mord am Österreich freundlich gesinnten serbischen König Alexander Obrenovic und dessen Frau im Jahr 1903.

Russland konzentriert seine außenpolitischen Ambitionen - nach dem Debakel im Krieg gegen Japan - auf Europa. Die "türkischen Meerengen", die Dardanellen, waren und sind für Russland von größter Bedeutung. Eine Blockade dieser wichtigen Meeresstraße - durch welche Macht auch immer - bedeutet schweren wirtschaftlichen Schaden. Somit erlangt der Balkan für das Zarenreich große Bedeutung, zumal das Osmanische Reich sich durch den Kauf britischer Schlachtschiffe eben anschickt, die Kräfteverhältnisse im Schwarzen Meer entscheidend zu seinen Lasten zu verschieben. Auf diesem Pulverfass muss es zur Kollision russischer und österreichisch-ungarischer Interessen kommen (Bosnien-Herzegowina wird 1908 von der Donaumonarchie annektiert, was zu einer veritablen Krise führt).

Auch die gerne kolportierte Sage von der angeblichen Herausforderung der britischen Seemacht durch das ambitionierte deutsche Flottenbauprogramm wird von Clark zurechtgerückt: Niemals werden deutsche Kriegsschiffe zu einer ernsthaften Bedrohung für die Royal Navy. Daß bald nach der Jahrhundertwende die deutsche Industrie die britische im Hinblick auf die Produktion von Kohle, Eisen und Elektrizität überrundet und sich das Reich auch im internationalen Handel auf der Überholspur befindet, beeinflusst die britische Deutschlandpolitik weitaus stärker.

Den 1887 von Bismarck initiierten, deutsch-russischen "Rückversicherungsvertrag" auslaufen zu lassen, ist ein schwerer Fehler der deutschen Reichsregierung, der auf einer krassen Fehleinschätzung ihrer außenpolitischen Optionen beruht. Auf die Gunst dieser Stunde hat Frankreich nur gewartet. Der Weg zur "Einkreisung" des Reiches frei - die auch prompt folgt. Die Aussicht darauf, Deutschland einen Zweifrontenkrieg aufzwingen zu können, bestimmt fortan die militärstrategischen Überlegungen aller später am Krieg beteiligten Mächte.

Clark analysiert die politischen Strukturen der europäischen Mächte und stellt deren wichtigste Protagonisten vor. Österreich-Ungarn, oder besser: dessen komplizierte politische Ordnung, seine Schwerfälligkeit und seine beklagenswerte militärische Verfassung, kommen dabei nicht gut weg. Die auf österreichischer Seite handelnden Akteure sind weniger entschlossen und in ihren Einschätzungen weniger treffsicher, als jene auf englischer oder der französischer Seite. Daß - auf dem Weg zur Kriegserklärung an Serbien - ausschließlich ein lokaler Konflikt ins Auge gefasst und der "Plan R" - also ein Kriegseintritt Russlands - nahezu vollständig aus den Überlegungen der politischen und militärischen Führung ausgeblendet wird, ist beinahe unglaublich. Wie sich alsbald zeigt, ist Österreich-Ungarn einer derart großen Auseinandersetzung auch in keiner Weise gewachsen.

Der Autor zeichnet das Bild eines nach und nach entstehenden, unentwirrbaren gordischen Knotens. Als der fertig geschürzt ist, meinen alle Beteiligen, dass nur noch durch einen (kurzen!) Krieg seine Entwirrung zu bewerkstelligen sei. Clark weist darauf hin, dass es ein Fehler ist, die Ereignisse von 1914 und die Jahre zuvor ausschließlich aus der Perspektive des nachgeborenen Wissenden zu betrachten. Die Politik jener Zeit ist eben - auf allen Seiten - von Prognosen und Erwartungen geprägt, die zum Teil auf groben Fehleinschätzungen beruhen. Hätten die Hauptakteure gewusst, dass ein europäischer Krieg zu diesem Ergebnis führt (20 Millionen Tote, 21 Millionen verwundete, drei zerstörte europäische Reiche und der Aufstieg der schlimmsten Totalitarismen des 20 Jahrhunderts), wären sie mit Sicherheit zu politischen Lösungen gekommen. Denn nicht nur die Mittelmächte, sondern ganz Europa erleidet in diesem Krieg eine verheerende Niederlage.

Der Preußen-Experte Clark präsentiert alles andere als eine Apologie für Deutschland und Österreich-Ungarn. Aber er macht deutlich, dass einseitige Schuldzuweisungen an deren Adresse verfehlt sind. Daran, dass der folgende Friedensvertrag" von Versailles den Keim für die zwanzig Jahre später folgende Katastrophe bildet, steht für ihn außer Frage. Prädikat: lesenswert!
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Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog
Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog von Christopher Clark (Gebundene Ausgabe - 9. September 2013)
EUR 39,99
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