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Zankel wird seinem Anspruch nicht gerecht, 1. Februar 2008
Die Geschichte der Weissen Rose« fasziniert immer wieder. Die umfangreiche Rezeption ist freilich stark von geschichtspolitischen Interessen zum Widerstand sowie ideologischen Prämissen geprägt. Zuletzt löste Sönke Zankel mit seiner provozierenden Streitschrift »Die Weisse Rose war nur der Anfang« (Köln 2006) einen kleinen Skandal aus, weil er die Gruppe von der Weissen Rose als Drogenkonsumenten, Verräter und Antijudaisten hingestellt hatte. Kein Wunder, dass er bei der Mehrheit der Rezensenten er auf empörte Ablehnung stieß. Mit seiner neuen Veröffentlichung »Mit Flugblättern gegen Hitler« bekundet Zankel den Anspruch, durch die Aufarbeitung des ideengeschichtlichen Hintergrunds eine ganzheitliche Wahrnehmung des Phänomens« Weisse Rose zu leisten. Indes: Zankel wird seinem Anspruch nicht gerecht. Eine kritische Analyse von Zankels Kurzbiographien zu Hans und Sophie Scholl soll dies beispielhaft belegen.
»Allmählich wurde«, heißt es auf Seite 65, »die Gedankenwelt Scholls religiös«. Zankel übersieht dabei, dass Scholl eindeutig Zeugnis ablegte. So teilte er seinem Mentor Carl Muth in einem Bekenntnisbrief von Weihnachten 1941 seine sinnlich religiösen Erfahrungen mit: »Dann ist es wie Schuppen von den Augen gefallen.« Dass Scholl hier auf Paulus und die Apostelgeschichte (Apg 9, 18) anspielt, sieht Zankel nicht. Da er Religion auf ein gedankliches Konstrukt verkürzt, muss ihm verborgen bleiben, zu welcher Radikalität christliche Gläubigkeit befähigen kann. Für Zankels oberflächliche Sichtweise von Religion finden sich zahlreiche Belege; so wenn er vollmundig behauptet, die »Theologisierung des Leids« (S. 67) löse dieses in seinem eigentlichen Sinne auf. Oder folgende These auf Seite 209: »Die christliche Theologie ist wie jede Theologie eine idealistische...«
An einem Sonntag im Advent 1942 trafen sich einige Freunde der »Weissen Rose« mit dem katholischen Kulturphilosophen Theodor Haecker. Zankel erfasst überhaupt nicht die Bedeutung dieser Begegnung, in der es um eine grundlegende Auseinandersetzung ging. Hier meine Darstellung dieser Schlüsselszene: Die Frage kam auf die »Heraufkunft des Antichrist«. Haecker, darauf vorbereitet, las zunächst die entsprechende Bibelstelle (2 Thess 2, 1 - 12) vor und gab dann eine Deutung im Sinne des englischen Theologen John Henry Newman (1801 - 1890), indem er seine eigene Übersetzung von Newmans Oxforder Predigt »Die Zeiten des Antichrist« vortrug. Hans Scholl protestierte gegen diese religiös-eschatologische Deutung: »Der Antichrist kommt nicht erst, er ist schon da!« Die Frontfamulatur und die Erfahrungen an der Ostfront hatten Scholl radikalisiert. Im vierten Flugblatt hatte er Hitler noch als »Dämon« und als »Boten des Antichrist« attackiert, nun nannte er Hitler den »Antichrist«. Es wurde ein religiöser und politischer Konflikt zwischen Scholl und Haecker ausgetragen. Allein Zankel ist nicht fähig, diese Dimensionen wahrzunehmen. Es ist nicht nachvollziehbar, warum Zankel diesen Streit Scholl - Haecker dem Lebensbild von Christoph Probst zuordnet. Überdies vertritt Zankel diese falsche These: »Scholls Denken war für Haecker viel zu weltlich, zu bürgerlich-liberal« (S. 268) Richtig ist: Haecker war besorgt angesichts von Scholls religiöser Schwärmerei.
Ein weiteres Beispiel für die Willkür der Interpretation von Zankel findet sich bei der Kurzbiographie von Sophie Scholl. Als sie im Frühjahr 1941 ihren Reichsarbeitsdienst ableisten musste, las sie in den Werken des Kirchenlehrers Augustinus. Diese Lektüre brachte ihr manche »spöttische Bemerkung« ihrer RAD-Kameradinnen ein. Für Zankel ist es fraglich, ob diese Lektüre von »entscheidender Bedeutung« (S. 108) war. Mit dieser Einschätzung liegt er falsch; hier und an anderen Stellen schiebt er ihm bekannte Quellen beiseite, wenn sie seine Sicht stören. So übergeht er die Wende und Umkehr in Sophie Scholls Leben. Seit dem Frühjahr 1941 fand sie gerade in augustinischen Schriften eine Orientierung. Wenige Monate später entdeckte sie die »herrliche Welt« des John Henry Newman. Diese Entdeckung ist folgerichtig, denn seine Werke stehen in der Tradition von Augustinus und anderen Kirchenlehrern. Sophie Scholl fühlte sich angesprochen von dieser Geistigkeit, die aus der Intuition heraus die Wahrheit sucht. Man kann Newmans Leben und Werk als einen einzigen großen Kommentar zur Frage des Gewissens bezeichnen.
Als Sophie Scholl und Fritz Hartnagel, weil der an die Ostfront abkommandiert wurde, Ende Mai 1942 voneinander Abschied nahmen, schenkte sie ihrem Verlobten zwei Bände mit Predigten von Newman. Darüber findet sich kein Wort bei Zankel. Dabei kennt er den Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und Fritz Hartnagel. »Uns ist mit dem Gewissen«, schrieb Hartnagel als Frucht seiner Newman-Lektüre im Juli 1942, »die Fähigkeit gegeben, Gutes von Bösem zu unterscheiden.«
Theodor Haecker, der spätere Mentor von Hans und Sophie Scholl, hatte sein religiöses Erwachen gefunden, als er 1920/21 Newmans Hauptwerk »Grammar of Assent« (Zustimmungslehre) ins Deutsche übertrug. Als Haecker im Juli 1942 und Februar 1943 im Kreis der Weissen Rose aus seinen Werken »Der Christ und die Geschichte« und »Schöpfer und Schöpfung« las, zitierte er dabei auch Auszüge aus seiner oben genannten Newman-Übersetzung.
Wer wie Zankel die ideengeschichtlichen Hintergründe erkunden will, der müsste auch die biblischen Anspielungen im vierten Flugblatt vom 12. Juli 1942 für den Leser erhellen. Doch Zankel will nicht sehen, dass viele religiöse Motive, wie etwa die dort erwähnten »Propheten und Heiligen«, aus der Offenbarung des Johannes (Apokalypse) übernommen sind.
Es ist deutlich geworden, wie Zankel in seiner Interpretation mitunter willkürlich vorgeht, aber die folgende bibliographische Schlamperei ist unverzeihlich. Im Literaturverzeichnis wird ein Werk, wo Zankel als Mitherausgeber verantwortlich zeichnet, mit dem Titel »Judentum, Christentum, Islam und ihr Verhältnis zum Islam« aufgeführt. Indes: Diesen Buchtitel sucht man vergeblich. Vielleicht meint Zankel seine eigene Veröffentlichung: »Abrahams Enkel. Juden, Christen und Muslime und die Schoa«?
Zu guter Letzt: Uneingeschränkte Anerkennung freilich verdient Zankel dafür, dass er bei der Erforschung der Wirkungsgeschichte des Kreises mehrere Widerstandsaktionen, so den Fall des Paters Hermann Vell und die Aktion Scholl, aufspürte, die der bisherigen Forschung verborgen geblieben waren. Dies sind bleibende Rechercheleistungen von Sönke Zankel.
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