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5.0 von 5 Sternen Erster Dichter der Moderne, 7. April 2006
Von 
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Taubenherz und Geierschnabel. Heinrich Heine - Eine Biographie (Beltz Taschenbuch / Biographie und Kontext) (Taschenbuch)
„Taubenherz und Geierschnabel" ist ein Satz von Heinrich Heine, mit dem er sich selber charakterisiert hat. Es ist eine Begrifflichkeit, um diesen schwierigen Menschen zu charakterisieren. Ein zarter, empfindlicher, überaus sensibler, leiser, melancholischer, devoter Mensch, also das wäre das Taubenherz, aber Heine war gleichzeitig ein zuhackender, zupackender, aus den Lüften hinab sausender Geierschnabel, wenn es darum ging sich mit seinen zahlreichen Gegnern auseinander zu setzen.
Wenn man sich mit dem Geheimnis Heine beschäftigt, dann fängt man an zu recherchieren, schaut nach den Lebensdaten, nach der Biographie, nach dem Elternhaus. Und schon da entdeckt man bei Heine, dass es mit dem Wahrheits- und Wirklichkeitsgehalt nicht weit her ist. Sein Geburtsdatum ist gefälscht, er hieß auch nicht Heinrich, sondern Harry, er hat allen Liebeskummer seines Lebens erfunden. Alle großen Amouren, die er schön besungen hat, gab es nicht. Auch der Schmerz, seine „Lebensmelodie", war ein Kunstschmerz.
Die Kindheitswelt, die ja etwas elementar Wichtiges für jeden Menschen ist, Heines Kindheit war recht behütet, heil, glücklich. Also angefangen, dass Heine nicht in einem jüdischen Ghetto aufgewachsen ist, dass seine Familie sehr angesehen war. Sicher er ist in der Schule gehänselt, nicht nur weil er Jude war, aber das Maß dieser Hänseleien haben dass Ausmaß dessen, was jedem passieren konnte, nicht überschritten. Man merkt sehr früh, dass da eine Kraft in dem jungen Heine liegt, die ihn nicht zum Fanatiker, nicht zum Radikalen werden lässt. Diese Gelassenheit, Dinge auch mit Humor zu parieren hat da eine Wurzel. Heine hasste nichts mehr als den Begriff oder die Wirklichkeit von Revolution. Er hat eigentlich schon in der Schule und besonders auch später in der Emigration, aus der Not eine Tugend gemacht. Er war ein Artist, er hat aus der schwierigen biographischen Lage aus der er kam, einen Gegenstand seines artistischen Schreibens gemacht. Das lässt sich durchgängig verfolgen. Auch seine Schmerzen werden Gegenstand von Artistik, dadurch gelingt es ihm auch einfach innerlich zu überleben. Er war ein Mensch, der in seiner eigenen Kunstwelt leben wollte, im Kunstbau seines literarischen Werkes. Dabei war er durchaus jemand, der durch Kritik in die gesellschaftlichen Verhältnisse einwirken wollte.
Heine liebte seinen Vater, er war für ihn die gütigste Seele von der Welt. Von ihm hatte er die Frohnatur. Er sagt einmal:" Ich habe meinen Vater sehr geliebt; denn ich habe nie daran gedacht, dass er sterben könne". „War der Vater für ihn ein „Elixier", dann war die Mutter eine „Utopie". Man nannte Heines Beziehung zu seiner Mutter „die sicherste und unerschütterlichste". Das war für ihn „vernichtend für sein erotisches Leben". Die Mutter sah für den kleinen Harry drei Berufsperspektiven: „Papst, Napoleon oder Rothschild".
Nach dem Tod des Vaters leben Heine und seine Mutter von der finanziellen Unterstützung seines reichen Hamburger Onkels Salomon. Es gibt von seinem Onkel diesen schönen Spruch: Hätten gelernt machen Geschäfte, hätten nicht brauchen schreiben Gedichte." Er hielt das für eine brotlose Kunst.
Heine hat sehr viel mit uns und unserer Zeit zu tun. Natürlich nicht, das er unsere Zeit darstellt oder analysiert, sondern seine Methodik, seine Art mit Gesellschaft umzugehen ist modern. Die Modernität macht vor allen Dingen aus, dass wir uns heute noch in Heine wiederfinden können. Jede Generation hat sich ja seinen Heine neu erlesen und erobern müssen. Das ist heute so und das wird auch in hundert Jahren so sein, so lange es Bibliotheken gibt. Es gibt und gab Leser in Deutschland, die Heine liebten, bewunderten und schätzten und wieder andere die ihn verachteten, attackierten, aber es gab keine Generation, der er gleichgültig gewesen wäre. Natürlich war die Sprache die moderne Zerrissenheit.
Heine war ein Meister der Prosa, seine Feullitons waren etwas vollkommen Neues. Man kann die Prosa natürlich leichter als die Poesie übersetzen. Es war ja ein Verdienst von ihm, dass er der Sprache das Mieder gelockert hat, dass er die Sprache modernisiert und demokratisiert hat. Seine Gedichte bewahren immer einen Spannungszustand. Da wird kein Vorgang geschildert, der irgendwann zu einem Ende kommt, sondern es gibt immer schon diese Disharmonie zwischen dem Liebenden und dem Liebesobjekt.
Heine war ein Bilddenker, er hatte die Gabe, die Komplexität eines Gegenstandes doch zu erhalten. Heine war ein Analytiker, er war ein Denker und er war ein genialer Religionsphilosoph. Er verspottet die Religion, er attackiert die Religion, aber er leugnet sie nicht in Tota.
Seine Art, mit sich selber und der Gesellschaft umzugehen, ist sehr modern. Aus seiner sozialen Situation heraus war er Außenseiter, ein Jude, der keine bürgerliche Existenz haben durfte. Es nutzte selbst nichts, dass er sich taufen ließ. Er hat einmal gesagt, die Taufe ist die Eintrittskarte in die bürgerliche Gesellschaft. Das funktionierte aber nicht. Aus war der Traum vom getauften Advokaten. Und wieder das wunderbare an Heine, aus dieser Außenseiter Situation, hat er eine ästhetische Konstruktion gemacht. Er schuf sich eine Welt, in der er wirklich zu Hause sein konnte, eine Kunstwelt, das war die Welt des Schönen, die Welt der Literatur.
Heine ist im 20. Jahrhundert immer wieder, im Guten wie im Bösen in der Politik vereinnahmt worden. Aber Heine war in Wirklichkeit kein politischer Mensch, er war vielmehr ein politischer Utopist. Er war vielleicht ein politischer Mensch in dem Sinne, dass er die Zeitverhältnisse genau durchleuchtet hat, aber er konnte kein System entwickeln, dass ein Paradies vom Himmel holen konnte. Das Wort Ideologie war ihm verhasst. Seine Freund Karl Marx nannte er ein „Schermesser", weil der glaubte den Weg ins Paradies gefunden zu haben.
Die drei zentralen Kategorien von Heines Existenz sind seine „Literatur, sein Judentum und sein Nationalgefühl". Heine hatte Methode darin, jemand anfangs zu loben oder in Schutz zu nehmen - um dann umso brutaler über ihn herzufallen. Das tat er besonders immer dann, wenn seine empfindlichster Nervenpunkt, seine Achillesferse getroffen wurde: sein Judentum. Aber dennoch ist Heines „Wendung zu jüdischen Gedanken, gar Bräuchen, nicht Hinwendung, sondern Abwehr".
In seinem Verhältnis zu dem zunächst vergötterten, dann verspotteten Goethe heißt es: „In Goethe erwehrt er sich eines übergroßen Schattens, gegen den er den eigenen werfen will".
Eine hinreißend spannende, umfangreiche Heine Biographie, über die schillernde Dichterlegende, die sich zur Prämisse machte, für sich selbst alleiniger Maßstab zu sein.
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Taubenherz und Geierschnabel. Heinrich Heine - Eine Biographie (Beltz Taschenbuch / Biographie und Kontext)
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