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16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Bühne, auf der ein bedeutendes Werk entstand, 27. März 2014
Von 
Fuchs Werner Dr (Zug Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(#1 HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Max Weber: Preuße, Denker, Muttersohn (Gebundene Ausgabe)
Vor 150 Jahren, genauer gesagt am 21. April 1864, wurde in Erfurt Maximilian Carl Emil Weber geboren. Es war also voraussehbar, dass im Jubiläumsjahr verschiedene Biografien aufliegen werden. Erstaunt hat mich nur, dass man nicht an die Leser dachte, die weder Lust noch Zeit auf 1000-seitige Werke haben. Denn leider wurden die vergriffenen Bücher von Karl Jaspers und Hans N. Fügen nicht neu ediert. Zur Auswahl stehen also lediglich Biografien ab 500 Seiten.

Was den Umfang betrifft, steht dieses Buch in direkter Konkurrenz zu dem von Joachim Radkau, das seit diesem Jahr auch in einer Taschenbuchausgabe erhältlich ist. Bei Dirk Kaesler stieß es bei seinem Erscheinen in der Hardcover-Version auf heftige Kritik. Die kann ich allerdings nach der Lektüre von Kaeslers Werk nur bedingt nachvollziehen, ist doch der emeritierte Professor für Allgemeine Soziologie an der Philipps-Universität Marburg ebenfalls der Versuchung erlegen, dem Sexualleben Max Webers allzu große Beachtung zu schenken und sich aufs Glatteis tiefenpsychologischer Deutungen zu begeben.

Im Rückblick gesehen bin ich froh, dass es noch keine so umfangreichen Max Weber-Biografien gab, als ich eine Seminararbeit über Webers bekanntestes Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus schrieb. Aber mehr über das politische und gesellschaftliche Umfeld zu wissen, in dem Max Weber heranwuchs, wäre sicher sinnvoll sowie anregend gewesen. Und wie Dirk Kaesler solche Informationen vermittelt, ist auch der Grund, weshalb ich seine Biografie mit fünf Sternen bewerte. Denn von Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasoff“ inspiriert, beschreibt Kaesler die Bühne, auf der Max Weber agiert und ihn letztlich einer Person macht, die in all ihren schillernden Facetten unfassbar bleibt.

Wie Kaesler seine Bühne aufbaut und wohin er die Scheinwerferkegel richtet, wird all denen nicht gefallen, die Quellenangaben nach wissenschaftlichen Standards wünschen, elterliche Einflüsse weniger gewichten, einen enge Vorstellung von Trivialitäten haben und sich am Begriff „Muttersohn“ stören. Aber mich hat Kaeslers Herangehensweise schon beim Kapitel „Vor dem Vorhang“ überzeugt. Und da ich mich schon länger von der schulmeisterlichen Erwartung lösen konnte, man müsse jeder Buchseite die volle Aufmerksamkeit schenken, konzentrierte ich mich ohne schlechtes Gewissen auf meine Interessengebiete.

Was hat Max Weber geprägt? Wogegen ließ ihn sein Charakter aufbegehren? Welche Thesen können auch als Rationalisierungen persönlichen Erlebnisse aufgefasst werden? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Soziologie, Geschichtswissenschaft und Nationalökonomie? Wie können wir Überzeitliches von Biografischem trennen? Und wie sollen wir die einzelnen Lebensabschnitte einer verstorbenen Person gewichten, um die biografischen Einflüsse auf ihr Werk angemessen beurteilen zu können?

Da mir Dirk Kaesler ebenso interessante und brauchbare Antworten auf solche Fragen gibt, hat mir seine Max Weber-Biografie gefallen. Zumal ich selbstverständlich nicht den Anspruch habe, von einem Biografen die Wahrheit zu erfahren. Ich bin zufrieden, wenn es einem Autor gelingt, mich in so fremde Welten wie das 19. Jahrhundert, das vom Protestantismus geprägte Bürgertum und das Denken des frühen Kapitalismus’ zu entführen. Und wenn ich danach zur Ansicht gelange, auf der Bühne sei ein faszinierendes Stück aufgeführt worden, stören mich vermeidbare Längen nicht mehr.

Mein Fazit: Es sind Jahrzehnte her, seit ich mich intensiver mit dem Leben und Werk von Max Weber befasste. Doch obwohl mich der Umfang dieser neuen Biografie zuerst abschreckte, ist es Dirk Kaesler gelungen, mich bei der Lektüre bei Laune zu halten. Dazu beigetragen haben außer den vielen spannenden Geschichten aus einer vergangenen Zeit auch das Bildmaterial und Kaeslers Bühnengestaltung. Für Leser, die eher langweilige Passagen nicht überlesen können, wäre eine Kurfassung natürlich wünschenswert. Aber eine solche liegt nun Mal nicht vor.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Umfassende, fundierte und gut zu lesende Biographie, 22. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Max Weber: Preuße, Denker, Muttersohn (Gebundene Ausgabe)
Person und Werk fließen in dieser sehr umfassenden Biographie Max Webers im Lauf der Lektüre mehr und mehr zusammen.

Auch wenn Dirk Kaesler seine Darstellung stringent biographisch aufbaut, Schritt für Schritt die einzelnen Lebensstationen Max Webers abgeht, es kann ja gar nicht ausbleiben, dass die großen und bis heute nachhallenden, Grundlegendes beitragenden Gedanken Webers zur protestantischen Ethik, zur sozialen Frage, zu den sozialen Tatsachen und Theorien, immer und immer wieder dazu die Formulierungen seiner Grundforderung nach der „Wertfreiheit der Wissenschaft („Die Wert(Urteils)-Freiheit“) sich mit den biographischen Stationen, den Lehrstühlen, den intensiv beobachtenden Reisen vermengen.

„Max Weber schrieb als denkender Mensch über das, was er erlebte. Und er erlebte, worüber er dachte und schrieb“.

Person und Werk sind in späteren Zeiten bei Max Weber kaum zu trennen, die eigenen, ausgewerteten Erfahrungen und Eindrücke fließen ein in die Formulierungen der Lehre und die Erkenntnisse des Forschens beeinflussen den Blick der Person auf die Welt.

Alles je nutzbar gemacht und „hineingedacht“ in die beiden „großen Themen“ Webers, die Religion und die (industriell zunehmende) „Rationalisierung“.
Und auch hier ist gut zu sehen und nachzulesen, wie sehr Werk und Person sich verzahnen. Denn Ausgangspunkt der intensiven Überlegung zur protestantischen Ethik war die Selbstbeobachtung Webers zu seinem persönlichen Ehrgeiz, seiner Rastlosigkeit, immer noch mehr und weiter in der „Arbeit“ aufzugehen.

Eine Verzahnung und Entwicklung, die Kaesler systematisch nachvollzieht und aufzeigt, die er differenziert darstellt und dabei keinen wichtigen Schritt auslässt. Auf dem Lebensweg einer der entschiedensten Gestalten und Denker der Soziologie bis heute.

Wie kann und soll eine menschenwürdige Gesellschaft, eine „Sozial-Gemeinschaft“ aussehen? Was bedarf es für die Entwicklung einer solchen? Was hindert und stört?
Grundfragen, die Weber formulierte und denen er klar formuliert nachging, seine Antworten nicht nun in den Raum der Geisteswissenschaften, sondern des politischen Denkens und Diskurses bis in die Gegenwart hinein verankert hat.

Mit einem erkennbar mitschwingenden Grundgedanken Kaeslers, vor allem das Theorieverständnis Webers nach vorne zu stellen. Diesen Anspruch an die Wissenschaft, sich von vorhergehenden Werturteilungen zu lösen, die Dinge der Betrachtung möglichst objektiv und wertfrei zu durchdenken, darzustellen und späterhin erst Schlüsse und Folgerungen für das (vielleicht) praktische Handeln daraus abzuleiten.

Vor allem aber beleuchtet Kaesler den Werdegang und die Person Webers gründlich und von allen Seiten. Ein Leben, das sich auf „vielfältigen Bühnen““ abspielte und, von Kaelser gut gelöst, auf den „vielfältigen Bühnen“ dann auch erzählt wird. So dass letztendlich ein großes, aus vielen Einzelteilen gestaltetes „Mosaik eines Lebens“ entsteht, in dem der Leser dem Übergang vom 19. Zum 20. Jahrhundert, der entstehenden Soziologie, einem „inneren Fundament“ an „preußischer Haltung „und „protestantischer Ethik“ und einem klaren Denken begegnet, in dem Kaesler auch „viele andere Stimmen“ zu Wort kommen lässt. Allen voran jene Marianne Webers, der Ehefrau Max Webers. Und die seiner Eltern, seiner Geliebten, seiner Freunde, seiner Kollegen, nicht zuletzt die seiner Gegner (nicht wenig an der Zahl).

Stimmen, die das Bild dieser vielfältigen, in sich nicht geeinten Persönlichkeit erhellen und in großer Breite darstellen.

Alles in allem eine sehr umfassende, an die Person Webers aus verschiedenen Perspektiven herangehende Biographie, die Leben, Werk, innere Entwicklungen und den Charakter Webers als vielfältig spiegelndes Bild darzustellen vermag.
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Max Weber: Preuße, Denker, Muttersohn
Max Weber: Preuße, Denker, Muttersohn von Dirk Kaesler (Gebundene Ausgabe - 11. März 2014)
EUR 38,00
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