holidaypacklist Hier klicken Jetzt informieren Unterwegs_mit_Kindern Cloud Drive Photos UHD TVs Learn More madamet Samsung AddWash Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Autorip GC FS16

Kundenrezensionen

4,0 von 5 Sternen7
4,0 von 5 Sternen
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:8,95 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime
Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 12. Juni 2015
Im Zuge der Diskussion um die (angebliche) Neubewertung der Kriegsschuldfrage des Ersten Weltkrieges dürfte auch das Interesse an der in diesen Prozessen nicht unmaßgeblichen Person des deutschen Kaisers, Wilhelms II. (reg. 1888-1918) wieder zunehmen. John Röhl nun ist der unbestritten anerkannteste und mit Abstand kompetenteste Historiker für die Geschichte des Lebens und Wirkens des letzten deutschen Monarchen, der zahlreiche Arbeiten, Aufsätze und Monographien über ihn vorgelegt hat, darunter eine voluminöse 3-bändige Biographie von fast 4000 Seiten, an der er 30 Jahre lang arbeitete und die ich mit großem Gewinn gelesen habe. Hier zog er die Summe lebenslanger Forschungen und wertete zahlreiche Quellen aus, die teilweise erst durch ihn entdeckt, editiert und bekannt geworden sind. Es gibt kaum einen Forscher, der über sein Thema mit größerer Quellenkenntnis und -fundierung zu berichten weiß. Dazu bewahrt sich Röhl die Fähigkeit, zu klaren Urteilen und einem verständlichen, spannenden und nachvollziehbaren Schreibstil. Alle diese Vorteile schlagen sich auch in dieser Miniaturbiographie nieder, in welcher Röhl seine Arbeiten und Thesen auf gerade einmal 141 Seiten zu bündeln weiß, was sehr souverän geschieht. Es war eine sehr gute Idee, diese gekürzte Version der Biographie zu veröffentlichen, für alle, die sich über das Leben und Wirken Wilhelms II. durch die Feder des kompetentesten Experten informieren wollen, ohne sich seine drei Bände anzutun.

Warum dann nur drei Sterne? Röhl mag der kompetenteste und belesenste Experte Wilhelms sein, jedoch ist er gleichzeitig der voreingenommendste, der Parteiischste. Um dies zu begründen und zugleich die Gelegenheit zu nutzen, Röhls Forschungen im Rahmen einer Rezension zu beurteilen, soll die Arbeit kurz nachgezeichnet und bewertet werden:

Röhl hat die Forschungsposition und -perspektive begründet, in dem letzten deutschen Kaiser eine Art Unperson zu sehen, die durch ein "persönliches", selbstherrliches Regiment, eine aggressive und dilettantische Politik das Land und die Innenpolitik kompromittiert und Deutschland und Europa auf der Grundlage hochfliegender Weltmachtpläne und unbändiger Aggressivität in den Ersten Weltkrieg hineingeführt habe. Wilhelm sei so höchstpersönlich für die fatalen Fehler der deutschen Innen- und Außenpolitik verantwortlich und von geradezu widerwärtigem Charakter gewesen. Bereits die Kapitelüberschriften des neuen Werks aus dem Jahre 2013 zeigen, dass sich Röhls diesbezügliche Haltung keinen Deut geändert hat: Als "anachronistischer Autokrat", "uferloser Weltpolitiker", "skandalumwitterter Souverän", "streitsüchtiger Kriegsherr", "größenwahnsinniger Gottesstreiter" und "rachsüchtiger Exiliant" wird er hier schon zu Eingang der Kapitel dem Leser präsentiert. Röhl hat sich in dieser Hinsicht auch nicht durch die neueren Arbeiten namhafter Historiker (wie C. Clark, F. L. Kroll usw.) aus dem Konzept bringen lassen, da er sich v.a. auf seine überlegene Quellenkenntnis stützt (in der Einleitung des dritten Bandes seiner großen Biographie meint er gar nicht ohne Selbstbewusstsein, seine Quellen seien gleich "forensischen Beweisen" (Der Weg in den Abrund, S. 26). Röhl versucht nun seinen Lesern zu zeigen, wie er zu diesem Bild kommt:

Kindheit und Jugend des jungen Wilhelm seien bereits Katastrophen gleichgekommen; seine körperlichen und möglicherweise geistigen Geburtsfehler seien durch eine grausame medizinische Behandlung und die mütterliche Zurückweisung und ostentative Geringschätzung noch verschlimmert worden und hätten mittelbar dazu beigetragen, bei Wilhelm Aggressivität, Feindseligkeit gegenüber den liberalen Prinzipien seiner Eltern, seinen Hochmut und seine Hinwendung zum militaristischen Milieu zu erzeugen bzw. zu verstärken. Nach seiner Thronbesteigung führte diese verhängnisvolle Prägung zu seiner Vision eines autokratischen, unzeitgemäßen "Gottesgnadentums": Wilhelm trachtete danach, das konstitutionell verfasste Land "persönlich" zu regieren, schaltete hierzu erst nach einem langem Machtkampf Bismarck und dann sukzessive während der 1890er Jahre alle Elemente aus, die ihm in seinem selbstherrlichen und quasi-absolutistischen Sendungsbewusstsein im Wege gestanden hätten. Das Ministerium und der Kanzler seien bis Ende der 1890er Jahre entmachtet gewesen und der Kaiser habe wesentliche Linien der Innen- und Außenpolitik mithilfe seiner von Intriganten und karrieristischen Schmeichlern durchsetzten Umgebung durchgesetzt bzw. bestimmt.

Hier taucht allerdings das Problem auf, das sich durch Röhls gesamten Ansatz zieht: Die eingeengte Perspektive auf den Kaiser verstellt den Blick für den Gesamtzusammenhang, verwechselt Eindrücke von Zeitgenossen und großspurige Ankündigungen des Kaisers mit der historischen Realität, Wilhelms Anspruch mit der Wirklichkeit: Wie Wehler, Kroll, Clark und andere argumentiert haben, war ein "persönliches Regiment", wie Röhl es suggeriert, ein "systemwidriges Experiment" (Wehler, Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 1000f.); Reichstag, Diplomaten und Sachzwänge ließen mehrere Initiativen des Kaisers (wie die "Zuchthausvorlage" 1898 und die "Umsturzvorlage" 1894, die auch Röhl erwähnt, ohne die naheliegenden Schlüsse zu ziehen) scheitern; Wilhelm war in seinem rastlosen und widersprüchlichen Naturell nicht in der Lage, ein stringentes Regierungsprogramm zu entwerfen, sondern lediglich, bisherige Strukturen zu stören oder zu zerstören: Durch launenhafte Interventionen, seine Ernennungsprärogative von Ministern und Beamten und seine militärische und maritime Kommandogewalt. Daher ist Röhls These, mit der Entlassung Bismarcks 1890 habe sich das Gewicht der Macht sukzessive von der Reichskanzlei zum monarchischen Hof verschoben (S. 41f.), sicherlich nicht falsch oder gar unwichtig, jedoch zu relativieren.

Der Kaiser fand sich in einer neuartigen politischen Kultur wieder, zu der seine anachronistischen monarchischen Vorstellungen samt der höfischen Intrigen und obskuren Inszenierungen nicht passten: Zwei Mal stürzte er beinahe über mediale Krisen, die er selber mit ausgelöst hatte: Die Daily Telegraph-Affäre und die Eulenburg-Affäre kompromittierten und diskreditierten die kaiserliche Herrschaft und den Monarchen - Nervenzusammenbrüche Wilhelms waren die Folge. Während Röhl im folgenden zurecht innenpolitisch den scharfen Konfrontationskurs des Kaisers (u.a. gegen die Sozialdemokratie) betont, schmettert er Wilhelms Engagement für Kultur, Technik und Wissenschaft auf einer halben Seite (!) mit dem Hinweis ab, diese Faktoren fielen im Vergleich mit den Defiziten seiner Herrschaft kaum ins Gewicht.

Überhaupt liest sich das ganze Buch mehr wie eine Anklageschrift für einen Kriegsverbrecherprozess gegen Wilhelm, dessen Nichtzustandekommen nach dem Ersten Weltkrieg Röhl zu bedauern scheint... Dies ist zwar nicht ganz unbegründet, jedoch etwas einseitig und überspitzt, wenn man sich Röhls Rekonstruktion der wilhelminischen Außenpolitik, erneut sehr quellennah gestaltet, ansieht: Wilhelm vertrat laut Röhl die Vorstellung einer europäischen Vorherrschaft Deutschlands, mit scharfer, kriegsbereiter Wendung gegen Großbritannien, Amerika, Frankreich und die kleineren Staaten sowie der Avisierung eines riesigen Kolonialreiches. Deutschland wurde nach Röhl bald als ambitionierte, gefährliche Macht und als potentieller Zerstörer der europäischen Friedensordnung wahrgenommen, weshalb sich die übrigen Mächte Europas gegen diese deutsche Hybris zusammengeschlossen hätten. Wie bewertet die übrige Forschung dies? Es wird auf die Widersprüchlichkeit und Inkonsequenz von Wilhelms imperialistischen Zielsetzungen ebenso hingewiesen wie auf die Schieflage von Röhls Argumentation, wenn er Deutschland einen weltpolitischen Kurs vorwirft, den zu gleicher Zeit viele andere Großmächte teilweise noch ambitionierter (wenn auch nicht so martialisch und ruhelos wie ungeschickt) betrieben. Im Übrigen hat die Forschung in den letzten Jahren herausgearbeitet (siehe u.a. die Arbeiten von Andreas Rose und das neue Werk Clarks), dass die rapide Verschlechterung der deutschen außenpolitischen Situation nicht nur oder nicht einmal in erster Linie auf die dilettantische kaiserliche Außenpolitik zurückzuführen waren.

Dennoch ist mit Röhl hervorzuheben, dass die wilhelminische Außenpolitik das ohnehin angespannte Weltstaatensystem noch mehr in Aufruhr versetzte und seine Aggressivität wie Ungeschicklichkeit mit dazu beitrug, die deutsche internationale Reputation erheblich ins Gegenteil zu verkehren. Insbesondere ist für Röhl hier die Flottenpolitik Wilhelms ein Kern des Problems, wobei er mich allerdings nicht dahingehend argumentativ überzeugen konnte, weshalb denn bitte Deutschland etwas vorenthalten werden sollte, das Großbritannien selbst praktizierte? Dem könnte man sicherlich die Aggressivität und militaristische Spitze von Wilhelms Flottenplänen entgegenhalten, dessen anti-englische Stoßrichtung nicht zu übersehen war - am wenigsten für die Briten. Dies allerdings als Hauptgrund für die Situation, die zum 1. Wk führte, zu behaupten, greift zu kurz. Gleichwohl vermag Röhl überzeugend dazulegen, wie sich aus der deutschen Haltung während der Balkankrisen von 1908, 1912 und 1913 bereits ein gefährlich aggressiver, martialischer, kriegsbereiter Ton auf deutscher Seite artikulierte, der das unbedingte Bündnis mit Österreich-Ungarn und die scharfe Wendung gegen Serbien, Frankreich, Großbritannien und Russland als wichtige Faktoren beinhaltete: Bei mehreren Gelegenheiten sprach Wilhelm, dessen antisemitische und rassistische Vorstellungen der (zurecht) sichtlich angewiderte Röhl mehrmals hervorhebt, vom bevorstehenden "Rassekampf" gegen "Slawen"und "Gallier", zeigte säbelrasselnde Kriegsbereitschaft.

Dem muss man (teilweise auf der Grundlage des von Röhl selber zusammengetragenen Argumentations- und Quellenmaterials) entgegenhalten, dass sich Wilhelm bei nahezu allen der geschilderten außenpolitischen Krisen sehr widersprüchlich verhielt: Martialische Reden und Randbemerkungen wechselten sich ab mit Wünschen um friedliche Lösungen und zeigten in der Regel keine gravierenden Wirkungen. Überhaupt scheint Röhl - trotz der überzeugend klingenden Belege für die auch für das Ausland schockierenden Fehltritte des Monarchen - die Bedeutung des deutschen außenpolitischen Verhaltens für die Genesis des Krieges im Sommer 1914 überzubewerten, welche nicht ohne Berücksichtigung des Verhaltens aller anderen Mächte zu verstehen ist - auch dies hat uns Clark gezeigt. Röhl stellt die Vorgänge um die Balkankrisen sehr selektiv - man könnte auch von einer bewussten Verzerrung reden - und die sicherlich abstoßenden Ausfälle des Kaisers als entscheidende und konstitutive Charakteristika der deutsche Politik dar.

Im Hinblick auf die Rolle Wilhelms in der "Julikrise" 1914 betont Röhl, Wilhelm sei sicher nicht der "Hauptantreiber" zum Krieg gewesen und von seinen Beratern bisweilen in der Krise hinters Licht geführt worden (S. 120), doch vertritt er kurz darauf paradoxerweise die Ansicht, dass den Kaiser womöglich "schwerere Schuld" treffe als irgendjemanden sonst. Vergleicht man darüber hinaus Röhls Ausführungen mit denen Clarks in seiner Wilhelm-Biographie (dort S. 270-79), so fallt auf, dass Röhl hier erneut martialische Äußerungen Wilhelms hervorhebt und Friedensinitiativen und Unsicherheiten des Monarchen marginalisiert, auf diese Weise einen dezidierten Kriegskurs der Deutschen suggeriert, den es so wohl nicht gegeben hat - am wenigsten beim Kaiser, trotz dessen vielen, von Militarismus und Säbelrasseln strotzenden Ausfällen. Röhl hebt diese Äußerungen und Gelegenheiten hervor und schweigt sich aus über Quellen, welche zeigen, dass (ob Balkan- oder Julikrise) von verschiedenen Seiten das "Zaudern" Wilhelms, sein Bestehen auf Frieden und seine Entscheidungsschwäche hervorgehoben werden. Dies heißt nicht, dass man das scharf negative Bild, welches Röhl von Wilhelm zeichnet, umkehren darf: Ein Friedensengel war der Kaiser keinesfalls, sondern zeigte definitiv aggressive Züge, die aber wohl nicht entscheidend waren. Der Kaiser fuhr einen widersprüchlichen Kurs und wusste telweise selber nicht genau, was er wollte.

Insgesamt tappt Röhl hier in die Falle, die C. Clark in seinem neuen Buch "Die Schlafwandler" in Bezug auf die Rekonstruktion der Kriegsursachen geschildert hat (Schlafwandler, S. 716): Eine eingeengte, auf Schuldzuweisungen basierte Suche nach einem Verursacher des Krieges habe den Nachteil das politische Temperament und die Initiativen einzelner Staaten und Personen überzubewerten. Damit soll keineswegs der wilhelminische Imperialismus und seine kriegerische Paranoia marginalisiert werden - nur muss hervorgehoben werden, dass dergleichen auch bei anderen europäischen Mächten anzutreffen war. Allerdings ist mit Röhl und gegenüber Clark dezidiert hervorzuheben, dass man durchaus nach wie vor die Ansicht vertreten kann, dass der deutschen Reichsleitung durch ihr Verhalten in der Julikrise zusammen mit Österreich-Ungarn die meiste Verantwortung für die Genesis des Ersten Weltkrieges zuzusprechen ist. Dies ist jedoch nicht gleichzusetzen mit der Bewertung, die Röhl hier Wilhelm zuteil werden lässt: Nicht nur verhielt sich der Monarch in dieser Krise regelrecht schizophren, wenn er einerseits u.a. versuchte, einen Krieg Österreichs gegen Serbien (den er vorher gebilligt hatte), Ende Juli doch noch zu verhindern, und andererseits beispielsweise im gleichen Zeitraum Feuer und Flamme war, doch gleich den großen Krieg durch Beschießung russischer Häfen zu beginnen! Nein, die deutschen Verantwortlichen (Reichskanzler, Diplomaten und Militärs) bemühten sich fast die gesamte Krise, bloß den unberechenbaren Kaiser vom Entscheidungsprozess auszuschließen; tatsächlich traf er wenige der verhängnisvollen Entscheidungen, welche den Weltkrieg auslösten. Dazu gehörten allerdings so schwergewichtige Aspekte wie der "Blankoscheck" vom 5. Juli, in welchem Wilhelm und die Reichsleitung den Österreichern schon früh uneingeschränkte Unterstützung bei einem etwaigen kriegerischen Vorgehen zusicherten.

Doch die Hauptverantwortung für die meisten verhängnisvollen Entwicklungen der Julikrise sind sicherlich nicht Wilhelm anzulasten. Gleichwohl: Er war es, der die Befehle, Mobilmachungbeschlüsse, letztlich die Kriegserklärung zu unterzeichnen hatte. Das Verhalten des Kaisers war also durchaus mitentscheidend. Und er zeigte hier, wie vorher in der Innenpolitik und später im Krieg, noch später im Exil, in das er nach seiner Abdankung flüchten musste und wo er über "jüdische Weltverschwörungen" phantasierte und sich den Nazis anbiederte, dass er in wichtigen Phasen völlig den Kopf verlieren konnte und nicht in der Lage war, ein so schwierig zu regierenden Land durch eine noch schwierigere Zeit zu führen. Wilhelm bleibt charakterlich ein ziemlich abstoßender, aber auch Mitleid erregender Herrscher und Röhls moralisierendes und anklagendes Porträt wird weder der Geschichte des späten Kaiserreiches noch der Vorkriegspolitik noch der Person des letzten deutschen Kaisers voll gerecht.

Es ist nichtsdestotrotz jedoch wichtig, mit Röhl von einem Monarchen zu sprechen, der im Mittelpunkt des politischen Entscheidungsprozesses gesehen werden muss und dessen Ungeschicklichkeit, Aggressivität, Impulsivität und Kriegs- wie Rassenparanoia nicht nur abstoßend wirken, sondern auch stets in Erinnerung rufen, wie wichtig es ist, einen kritischen Blick auf die Rolle Wilhelms im Hinblick auf die Genesis des Ersten Weltkrieges zu werfen. Aber eine Sammlung von Anklagepunkten und eine einseitige Perspektive aus der Sicht des angewiderten Historikers vermag ein diferenziertes Urteil über den Ort Wilhelms in der europäischen wie deutschen Geschichte nicht zu ersetzen. Wilhelm trug Verantwortung für die Atomisierung und Konfusion der deutschen Politik der letzten Jahre des Kaiserreiches, er trug Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, seine Weltsicht und Feindbilder bleiben teilweise verabscheuungswürdig - aber man sollte dabei die Ambivalenzen seiner Person und Regierungszeit nicht aus den Augen verlieren. Für eine solche Sicht ist dieses Buch jedoch ziemlich unzureichend.
0Kommentar|5 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 22. März 2014
Der Verlag stellt das Buch als eine "differenzierte wie faszinierende, ganz und gar aus den Quellen gearbeitete Miniaturbiographie" vor. Dem ist im Hinblick auf die Erschliessung der Archivalien zuzustimmen, jedoch vermisse ich die Neutralität bei der Auswahl der Quellen und infolgedessen verengen sich die Schlussfolgerungen der Analyse auf einen bestimmten Blickwinkel. Dieser Mangel an Objektivität kommt gut im Kapitel "Der Kaiser in der Julikrise 1914" zum Vorschein (S.109ff).

Das Kapitel welches Wilhelms Kurs im letzen Monat vor dem Kriegsausbruch nachzeichnet, basiert ganz offensichtlich wesentlich auf dem Quellenwerk "Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch", Sammlung Kautsky. Aus den vielleicht hundert Dokumenten die Wilhelm persönlich kommentiert hat, sucht der Verfasser genau jene paar heraus, die ihm dann zu dem Schluss kommen lassen, "So trifft ihn doch die schwere Schuld. - vielleicht die schwerste überhaupt -, die Urkatastrophe Europas heraufbeschworen zu haben" (S. 120f).

Es gibt in der Sammlung Kautsky Kommentare bzw. Randbemerkungen Wilhelms, die in die Publikation der diplomatischen Urkunden aufgenommen wurden, die m.E. eine so verengte Sicht der Dinge nicht zulassen. Einige Beispiele aus der Ausgabe von 1919:

Botschafter in Petersburg an Reichskanzler, 13.07.14, Band 1, S. 79 - "Nicht nur in der Presse, sondern auch in der Gesellschaft begegnete man fast nur unfreundlichen Urteilen über den ermordeten Erzherzog unter Hinweis darauf, dass Russland in ihm einen erbitterten Feind verloren hat." Kommentar Wilhelm: "Er wollte ja immer den alten 3 Kaiserbund wiederherstellen! Er war der beste Freund Russlands!"

Botschafter in Petersburg an Reichskanzler, 24.07.14, Band 1, S. 207 - "Man muss es als eine Ironie des Schicksals empfinden, dass zu der gleichen Zeit, zu welcher im Lager von Krasnoje Selo die russischen Garden den Gast des Zaren (Poincare) mit den Klängen der "Marsaillaise" begrüssen, in den Vorstädten Petersburg die Kosaken auf die Arbeiter einhieben, welche dieselbe Marsaillaise sangen." Kommentar Wilhelm: "das kommt vom Bunde der Absoluten Monarchie und der Sozialistischen Sansculotten Republik!"

Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt, 30.07.14. Band 2, S. 131 - "Sansonow war nicht davon abzubringen, dass Russland Serbien nicht im Stich lassen könne. Keine Regierung würde ohne ernste Gefahren für die Monarchie eine solche Politik hier führen können." Kommentar Wilhelm: "Blödsinn! Diese Sorte von Politik bringt die ernstesten Gefahren für den Zaren mit sich!"

Fazit: Die wenigen zitierten Kommentare von Wilhelm belegen doch, dass er ganz klar sah, dass die Politik des Zaren und der russischen Regierung zuallererst Russland selbst schädigt - wie es dann ja auch der Fall war. Außerdem erkannt er die Problematik der Entende, Serbien Schutz zu gewaehren, indem der Zar sich mit einer Republik verbündet - um sich "auf seitens von Banditen und Königsmördern stellen würde, selbst auf die Gefahr hin einen Europ. Krieg zu entfesseln. Einer solchen Mentalität ist ein Germane unfähig, die ist Slavisch oder Lateinisch." (Band 2, S. 9) Bei einer differenzierten Betrachtungsweise hätte der Autor auf diese polemischen, aber ja nachweislich weitsichtigen Kommentare eingehen müssen. Da er dies nicht unternimmt, also entlastendes bzw. differenzierendes weglässt, kommt mir die Publikation wie eine Art Anklage in Versailles vor - zu schwarz-weiß, kaum Grautöne.

Wegen der guten Lesbarkeit 2 Sterne.
0Kommentar|17 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 9. Oktober 2015
Kurz aber sehr interessant. Meine beide Grossväter haben mir öfters über den Kaiser geredet, dieses während meiner Jugend. Die Zeilen des Buches haben meine Kenntnisse über den Kaiser bereichert.
0Kommentar|War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 1. Februar 2014
Diese verkürzte Fassung erspart die zeit- und finanzintensive dreibändige Biographie von Röhl. Alle wesentlichen Thesen und Aspekte sind enthalten.

Allerdings ist Röhls Darstellung des letzten Deutschen Kaisers nicht immer fair. Der Skandal um die homosexuellen Höfling um Wilhelm II wird allzu breit getreten und den negativen Seiten des ambivalenten Monarchen oftmals deutlich mehr Raum gegeben als angemessen.

Es mag vielleicht an der verkürzten Form liegen, aber Wilhelm II wird deutlich negativer geschildert, als er in einigen neueren Biographien erscheint. Wegen dieser nicht ganz fairen Betrachtung einen Punkt Abzug.
0Kommentar|2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 30. August 2014
Ich habe das Buch gekauft, weil ich mich über Kaiser Wilhelmll informieren wollt. Das Buch ist sehr informativ und lasst sich gut lesen. Es macht Spaß das Buch zu lesen. Das Buch ist eine verkürzte Version (150 Seiten), enthält trotzdem alle wichtigen Informationen. Einen Punkt Abzug gibt es, weil im Buch Wilhelm negativer beschrieben wird als in anderen. Der Preis ist sehr gut und der Versand hat auch gut geklappt. Ich würde das Buch jedem empfehlen. Auch jemand der nicht so gerne liest, weil es wenige Seiten hat und leicht zu lesen ist.
0Kommentar|2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Auf fast 150 Seiten hat John C.G. Röhl sein opulentes Werk über Wilhelm II. zusammengeschrieben, ohne seine ganz eigene Sicht aufzugeben oder Wesentliches zu Wilhelm II. zu vernachlässigen. Ebenso kompakt wie klar malt das Buch einen Kaiser vor Augen, der in vielerlei Hinsicht kompliziert war und gerne als Kriegstreiber eingeschätzt wird. Doch gerade Letzteres leugnet bzw. relativiert der Historiker Röhl konsequent und einleuchtend. Man sollte sich Geschichte nicht zu einfach machen.

In einem chronologischen Vorgehen werden sieben Abschnitte präsentiert, wobei zunächst die Persönlichkeit des Kaisers in Blick genommen wird. Hintergründe und Hinweise auf Herkunft und Gesundheit runden das Bild ab, ohne dass es letztlich zu einer ganz und gar abgerundeten Bewertung kommen kann. Vieles ist und bleibt ambivalent, anstößig und anders. Dies zeigt sich dann auch auf dem Weg zur Macht ...
Teil 4 widmet sich den Affären des "skandalumwitterten Souveräns" und zeichnet ein menschliches Bild, während nahezu eine "Bestie" gezeichnet wird in Kapitel 5, in dem es vorrangig um die zahlreichen außenpolitischen Krisen des "streitsüchtigen Kriegsherrn" geht. Teil 6 geht des Spuren des "größenwahnsinnigen Gottesstreiters" (1914 - 1918) mit seinen utopischen Kriegszielen nach, um das Buch dann mit den Einsichten des uneinsichtigen "rachsüchtigen Exulanten" (1918 - 1941) ausklingen zu lassen.

Das Buch zeigt, dass Wilhelm II. wesentlich, aber am allerwenigsten allein für den Beginn und Verlauf des I. Weltkriegs verantwortlich war und entlarvt, wie sehr die Militärs Aufmerksamkeit und Einfluss genossen.

Ein außergewöhnlich leicht zu lesendes und ausgesprochen ansprechendes Buch zu einer wesentlichen Passage Deutscher Geschichte.

Überaus empfehlenswert!
0Kommentar|8 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
"Der Kaiser ist sein eigener Reichskanzler. Von ihm sind alle wichtigen
politischen Entscheidungen der letzten zwölf Jahre ausgegangen."
(Maximilian Harden in Die Zukunft, Nr. 40,. Jg. 1902, S. 340)

Wie Wilhelm II. ist auch Prof. Dr. emer. John Charles Gerald Röhl (Jahrgang 1938) der Sohn eines deutschen Vaters und einer englischen Mutter. Aufgrund einer Reihe von Publikationen gilt er international als einer der besten Kenner des Zweiten Deutschen Kaiserreiches. Für sein dreiteiliges, über 4000 Seiten umfassendes "opus magnum" "Wilhelm II., Die Jugend des Kaisers 1859-1888" (2008), "Wilhelm II., Der Aufbau der Persönlichen Monarchie 1888-1900" und "Wilhelm II.: Der Weg in den Abgrund 1900 - 1941: Bd.3" (2009) wurde Röhl am 16. März 2013 im geschichtsträchtigen Selingenstadt der achte Einhard-Preis für biographische Literatur verliehen. Mit seinem, in der Reihe C.H.Beck Wissen erschienenen Band bietet Röhl nun eine biografische Miniatur seines Meisterwerks. Anders als bei anderen Bänden der Reihe, die vorwiegend 128 Seiten vorweisen können, wurden Röhl für seinen Extrakt vom Verlag 144 Seiten zugebilligt.

In seinem Vorwort erinnert der Autor zunächst an die Tabuisierung Wilhelms II. in der Weimarer Republik und dem "Dritten Reich" in der "vaterländischen Geschichtsschreibung" mit der die "Versailler Kriegsschuldlüge" zurückgewiesen werden sollte. (timediver® möchte dem noch hinzufügen, dass durch die vorrangige Aufarbeitung der Nazizeit, auch nach dem Zweiten Weltkrieg das Thema nicht nur eher vernachlässigt wurde, sondern Kaiser Wilhelm II. in einer teilweise romantischen Verklärung als "nicht so schlimm" eingeschätzt wurde. Der Begriff vom Ersten Weltkrieg als "The great seminal catastrophe of this century" (Urkatastrophe des 20. Jahrhundert) sollte dann auch erst im Jahre von George Frost Kennan (1904 – 2005) in seinem Buch "The Decline of Bismarck's European Order: Franco-Russian Relations, 1875-1890: Franco-Prussian Relations, 1875-1890" geprägt werden.) Das Wissen, welches sich auf den Grundlagen moderner Forschungsergebnisse zusammenfassen lasse, habe nach der Überzeugung Röhls das Bild des letzten deutschen Kaisers um mehrere Schattierungen verdunkelt.

"Wilhelm, der Letzte" ist der Titel eines zweiseitigen Überblicks, den der Autor seinem Vorwort folgen lässt. Hierbei stellt er fest, das sich das Leben Wilhelms (1859 – 1941) chronologisch beinahe genau mit dem Aufstieg und Zusammenbruch des ersten deutschen Nationalstaates (1861 – 1945) unter der mächtigen des Militärstaates Preußen deckt. Bis zum Kriegsentschluss, an dem er maßgeblich beteiligt war, besaß Wilhelm II. als "Herrscher vor Gottes Gnaden" in allen wichtigen Fragen der Personal-, Militär, Außen- und Rüstungspolitik das letzte Wort. Nachdem er den Reichsgründer und Lotsen Bismarck entlassen hatte, konnte der hochgradig ruhelose, emotionale und selbstverliebte Monarch seine "persönliche Monarchie" Schritt um Schritt ausbauen. Der von ihm geförderte Servilismus byzantinischer Prägung, sein zur Schau getragenes aggressives und martialisches Autokratentum und sein säbelrasselnder Militarismus wurden vielerorts im Volk als Affront und Rückfall ins 18. Jahrhundert.

Röhl hat seine Kurzfassung in sieben chronologische Abschnitte (Kapitel) untergliedert. Kapitel 1 ist dem "gepeinigten Preußenprinzen" gewidmet, der infolge der Komplikationen bei seiner Geburt lebenslang durch eine linksseitige Armplexus-Lähmung gezeichnet bleiben sollte, was seine Mutter als eine Tochter der britischen Königin Viktoria und spätere "Kaiserin Friedrich" mittels fragwürdiger medizinischer Peinigungen und rigorosen Erziehungsmethoden zu kompensieren versuchte. Während das ambivalente Verhältnis zur Mutter und der Konflikt Wilhelms mit seinen Eltern bis zu seiner Thronbesteigung im Dreikaiserjahr 1888 thematisiert werden, bietet Röhl kaum Anhaltspunkte zur Vaterrolle Friedrichs III. Die gnadenlose Berufung auf sein Gottesgnadentum, die Entlassung Bismarcks und die allmähliche Degradierung der nachfolgenden Reichskanzler zu Höflingen „seiner Majestät“ und das großkotzige und uferlose Auftreten Wilhelms II. als Weltpolitiker, der die friedenssichernde Politik Bismarcks aufgegeben hatte und zudem den Antagonismus zu einem über Jahrhunderte treuen Verbündeten (Großbritannien) entstehen lässt sind Gegenstände der beiden nachfolgenden Kapitel. Während sich das vierte Kapitel mit den Affären des des "skandalumwitterten Souveräns" und das fünfte mit den außenpolitischen Krisen des "streitsüchtigen Kriegsherrn" befassen, zeichnet und belegt Röhl in den letzten beiden Kapiteln das Bild des "größenwahnsinnigen Gottesstreiters" (1914 – 1918) mit seinen utopischen Kriegszielen und des "rachsüchtigen Exilanten" (1918 – 1941).

Röhl macht deutlich, dass Wilhelms ungezügelte Emotionalität, seine damit verbundene Selbstgefälligkeit, Radikalität und oftmalige Wechselhaftigkeit der Spiegel seines anachronistische Herrschaftsverständnis und manichäisch vereinfachtes Weltbild waren, welches in einem widerwärtigen antidemokratischen, rassistischen und antisemitischen Vokabular gipfelte, das bereits die Parolen des Hetzers Julius Streiches und die verbrecherischen Methoden des Holocaust vorwegnahm. Bei seinem Sturz blieb ihm das gewaltsame Ende anderer Autokraten erspart. Ganz im Gegenteil sorgte die von ihm verhasste Republik für sein standesgemäßes Auskommen im niederländischen Haus Doorn, wo der als Kriegsverbrecher von der Entente gesuchte Phantast, davon träumte, dass ihn die Nazis wieder auf den Thron hieven würden.

Der Begriff des "Persönlichen Regiments Wilhelms II." bestimmt zwar den Röhl zugeschriebene Paradigmenwechsel in der deutschen Geschichtswissenschaft, geht jedoch auf einen Brief des Reichskanzlers von Bernhard von Bülow (1849–1929), an Philipp Graf zu Eulenburg vom 23. Juli 1896 zurück. Das Eingangszitat verdeutlicht, dass diese wilhelminische Autokratie bereits im Kaiserreich bekannt war und auch öffentlich angeprangert wurde. Der Terminus verdeutlicht vielmehr, dass Röhls Gesamtwerk auch in seiner Komprimierung gerade keine anglozentrische "damnatio memoriae" darstellt. Die bis in die 1980er Jahre im angloamerikanischen Raum vorherrschende Ansicht, dass Wilhelm II. ein "schwachen Herrscher mit begrenztem politischem Einfluss" gewesen sei, wird auch heute noch bzw. wieder von dem australischen Historiker Christopher Munro Clark (Jahrgang 1960) vertreten. Sein "Wilhelm II.: Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers" (2009) und "Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog" (2013) sind ein Gegenentwurf zu Röhls weitaus umfassenderen Biografie. (Hierbei stellt der in England lebende Clark nicht nur das Postulat eines "preußisch-deutschen Sonderweges" in Abrede, sondern läuft auch Gefahr, als Apologet Wilhelms II. und eines, bereits vor ihm bestehenden, hegemonialen Militärstaates angesehen zu werden.)

Auch John C. G. Röhls komprimierte Biografie verdient 5 Amazonsterne.
0Kommentar|5 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden