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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Non liquet, in dubio pro populo surum!, 11. Januar 2014
Von 
timediver® "Geschichte - Reisen - Rezensionen" (Oberursel/Taunus, Europe) - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Es gibt ein Leben nach Assad: Syrisches Tagebuch (Taschenbuch)
"Wer nach einfachen Antworten sucht und ein simples Schwarz-Weiß-Denken gewöhnt ist,
der wird die Realität dieses Konfliktes zwangsläufig verfehlen."
(Dr. Rupert Neudeck's Resumée, Seite 186/187)

Als timediver® im Februar 2011 in Syrien unterwegs war, konnte ich noch nicht voraussehen, welche Hölle sehr bald die gastfreundlichen und hilfsbereiten Menschen dieses 10.000 Jahre alten Kulturlandes hereinbrechen würde. Obgleich ich beobachten konnte, dass viele Syrer allabendlich die Ereignisse des sogenannten "Arabischen Frühlings" auf dem Kairoer Tahrir-Platz mit großem Interesse verfolgten, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es im darauffolgenden März in der Stadt Dar'a zu ersten Protesten und Toten kommen würde. Aufrufe von Oppositionellen am 4. und 5. Februar zu einem "Tag des Zorns" waren ohne Resonanz geblieben....

Nachdem sich binnen weniger Wochen die Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Staatssicherheitskräften eskaliert hatten, hegte ich im Main 2011 in meiner Rezension für "Syrien: Zwischen Damaskus, Palmyra, Aleppo und Euphrat: Zwischen Damaskus, Palmyra, Aleppo und dem Euphrat" die Hoffnung, dass die nunmehr landesweite Revolte einen friedlichen Ausgang nähmen würde und damit der Weg einer Demokratisierung beschritten werden könnte. Gleichzeitig wünschte ich mir, dass dadurch auch der Kulturtourismus endlich den Stellenwert bekommen würde, wie er diesem phantastischen historischen Land gebührt....

....doch leider nahmen die sich nun überstürzenden Ereignisse eine ganz andere, fatale und zerstörerische Entwicklung auf, die zunächst in einem unter geostrategischen "Stellvertreterkrieg" und schließlich in einer Anarchie von Gewalt gipfeln sollte.

Während Mamoun Fansa in seinem im Oktober 2013 erschienenen Buch "Aleppo. Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe Geschichte, Gegenwart, Perspektiven" die Zerstörung der Kulturgüter seiner Geburtsstadt Halab (Aleppo) anprangerte, hatte Dr. Rupert Neudeck in seinem "Syrischen Tagebuch" bereits im August die Leiden der syrischen Zivilbevölkerung in den Focus gestellt.

Neudeck beginnt seine Chronologie am 14. Juli 2012 mit dem Hinweis, dass er für ihren Titel "Es gibt ein Leben nach Assad" die Überschrift eines Artikel des Journalisten Wolfgang Bauer übernommen habe, der zwei Tage zuvor in der Wochenzeitschrift "DIE ZEIT" erschienen war. Über den Zeitraum von fast einem Jahr hinweg, schildert der Gründer des "Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e. V." welche Bestrebungen, Erfolge, Hoffnungen und Enttäuschungen, ihn und seine Mitarbeiter des 2003 - ebenfalls unter seiner Mitwirkung – gegründeten Grünhelme e. V während ihrer humanitären Hilfeleistungen in der Stadt Azaz und anderen Orten des syrisch-türkischen Grenzgebietes begleiteten. Die in Köln ansässige Hilfsorganisation, bei deren Gründung mit Aiman Mazyek auch der Vorsitzender des "Zentralrates der Muslime in Deutschland e.V." (ZMD) beteiligt war, betrachtet das von John F. Kennedy initiierte "Peace Corps" als sein Vorbild und versteht sich als parteipolitisch neutral sowie nationalitäts- und religionsübergreifend. Ziel des Vereins ist der Wiederaufbau von Gemeindeinfrastrukturen sowie sozialen, ökologischen, kulturellen und religiösen Einrichtungen in ehemaligen Kriegs- und Krisengebieten. Den Verein verbindet daher auch nichts mit der - unter dem Mandat der Arabischen Liga stehende - panarabischen Sicherheitstruppe, die aufgrund der (islamischen) Farbe ihrer Helme analog den "Blauhelmen" der UNO, inoffiziell als "Grünhelme" bezeichnet wurde.

Obgleich Neudecks Tagebuch-Eintragungen nicht lückenlos von Tag zu Tag sind und auch an verschiedenen Orten in Deutschland, der Türkei und in Syrien erfolgten, vermitteln sie ein eindrückliches Bild über eine zerstörerische und menschenverachtende Eskalation. Der Autor geht auch auf die fehlende Neutralität und Verantwortlichkeit ein, die ihm und seiner humanitär tätigen Organisation von verschiedenen Seiten vorgeworfen werden. Die Schilderungen Rupert Neudecks lassen zudem deutlich das Schwinden seines anfänglichen Optimismus erkennen. Dem Engagement des Grünhelme e. V. in Syrien sollte schließlich in der Nacht zum 15. Mai 2013 ein jähes Ende bereitet werden, als drei Mitarbeiter im Gouvernement Idlib verschleppt wurden. Erst am 5. Juli 2013 konnten zwei der Entführten ihrer Geiselhaft entkommen, beim dritten dauerte es gar bis zum 3. September 2013. Zum Schluss beklagt Neudeck erneut das Versagen der internationalen Staatengemeinschaft, insbesondere des Westens und die Zunahme des internationalen "Dschidhad-Tourismus". Gleichzeitig fällt es ihm besonders schwer den sogenannten Dschihadisten das Prädikat "radikal islamisch" zuzugestehen, da er in ihnen in erster Linie Kriminelle sieht, die unter dem Deckmantel der Religion ihre grausamen Verbrechen begehen. In seinem Schlusswort vom 29. Juli 2013 bemerkt der Autor deshalb auch, dass sich in den westlichen Hauptstädten und im größten Teil der westlichen Öffentlichkeit mittlerweile stillschweigend die Ansicht durchgesetzt habe, dass Assads Verbleib an der Macht gegenüber einem Sieg der syrischen Opposition das kleinere Übel sei. Neudeck beendet sein Buch schließlich mit dem neutestamentarischen Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, welches für ihn, ebenso wie die mit dem Buchtitel verbundene Hoffnung, nach wie vor Gültigkeit besitzt.

Seit der Publikation des Tagebuches sind mittlerweile mehr als 5 Monate vergangen. Die stärkste Gruppe der syrischen Opposition ist längst nicht mehr die, inzwischen nahezu pulverisierte, "Freie Syrische Armee" sondern wird von radikalen Islamisten gebildet. Allen voran die neu gegründete Islamische Front, die mindestens 60.000 Mann unter Waffen hält sowie die dschihadistisch-salafistische Organisation und al-Qaida im Irak (AQI) Ableger "Islamischer Staat im Irak und der Levante" (ISIL). Auf der anderen Seite hat das Assad-Regime am 14. September 2013 den Beitritt zur "Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons" (OPCW), welcher 30 Tage später vertragsgemäß in Kraft trat. Kaum war das Abkommen zur Vernichtung der Giftgasarsenale angeschlossen, verschwand der syrische Krieg weitgehend aus dem Blickfeld der Weltöffentlichkeit....

...im Interesse der gemarterten Zivilbevölkerung, die bereits mehr als 100.000 Tote zu beklagen hat, insbesondere der traumatisierten Kinder und Jugendlichen, die einmal das zerstörte Land wieder aufbauen sollen, muss der Beendigung von Tod und Leid die höchste Priorität auf der internationalen Agenda eingeräumt werden. Das Syrische Tagebuch bedarf einer dringenden Fortschreibung....
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Es gibt ein Leben nach Assad: Syrisches Tagebuch
Es gibt ein Leben nach Assad: Syrisches Tagebuch von Rupert Neudeck (Taschenbuch - 26. August 2013)
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