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am 30. Dezember 2014
Das Positive vorneweg: Das Buch "Wissenschaftstheorie - Eine Einfuehrung" von Holger Tetens ist in einer verstaendlichen Sprache geschrieben; kein unverstaendlicher Wust an Fachbegriffen stellt sich zwischen Leser und Autor. Auf der negativen Seite ist leider festzustellen, dass der Autor das Format einer "Einfuehrung" benutzt, um sein persoenliches philosophisches Glaubensbekenntnis als Lehrmeinung zu verbreiten. Zwar wird bereits im Vorwort darauf hingewiesen, dass der Autor seine eigenen "grundsaetzlichen Antworten nach dem Wesen der Wissenschaften ... darlegt" (S.7) anstatt die "mehr oder weniger kontroversen Debatten unter Wissenschaftstheoretikern"(S. 7) darzustellen; eine ausgewogene Darstellung bleibt dabei aber auf der Strecke. Besonders missfallen haben mir vier Aspekte:
(1) Der Autor scheut sich nicht, sich bezueglich grundsaetzlicher Ueberlegungen bei anderen Philosophen zu bedienen, um Ideen, gedankliche Bausteine und Konzepte (z.B. Korrespondenztheorie der Wahrheit (S. 18), deduktiv-nomolgische Erklaerung (S. 52)
Fallibilismus (S. 63), raffinierter Falsifikationismus (S. 66), wissenschaftstheoretischer Strukturalismus (S. 58), Theoriebeladenheit der Beobachtungen (S.66), theoretische Begriffe (S. 68), Basissaetze beziehungsweise Protokollsaetze (S. 110)) in wesentlichen Teilen fuer seine "eigenen Antworten" zu verwenden, ohne sich auf die Originalquellen zu beziehen. Meist werden diese Konzepte nicht einmal auch nur bei dem Namen genannt, unter dem sie bekannt sind. Diese anderen Autoren, denen Tetens viele seiner Ideen verdankt, werden meist nur zitiert in Zusammenhaengen wo sie der Autor fuer kritisierenswert haelt (z.B. Wiener Kreis, S. 37, S. 107). In den Schlusskapiteln des Buches stellt der Autor in Frage, dass ein allgemeiner Satz durch eine Erfahrung widerlegt werden kann, da die Bewertung der Erfahrung selbst durch die Wissenschaft festgelegt ist. Hier macht es sich der Autor zu leicht, da er die komplette Literatur mit Loesungswegen zu diesem Problem ignoriert (S. 66, S. 84 ff.). All dies fuehrt zu einer stark verzerrten, herabwuerdigenden Darstellung der Leistungen der Pioniere der modernen Wissenschaftstheorie. Ein Abriss ueber die Meilensteine der Wissenschaftstheorie fehlt voellig, ist jedoch aus meiner Sicht fuer eine Einfuehrung unverzichtbar.
(2) Bei umstrittenen Thesen wird eine Rhetorik verwendet, die die Meinung des Autors ohne jede weitere Diskussion als die einzig richtige dastehen laesst. Typische Tetens-Floskeln folgen dem Muster "weniger misslich, als manche Wissenschaftstheoretiker anzunehmen scheinen" (S. 53), "weniger dramatisch als eine Reihe von Wissenschaftstheoretikern glaubt" (S. 109), oder "nimmt einen erstaunlich breiten Raum in der Wissenschaftstheorie ein" (S. 113). Dieser Duktus suggeriert, dass Tetens als einziger weiss, welche Fragestellungen des Philosophierens wuerdig sind. Auch erfolgt meist keine Auseinandersetzung mit den Argumenten der kritisierten Philosophen, sondern Tetens Meinung wird ohne jede weitere Diskussion als Lehrmeinung dargestellt. Im Gegenzug wird auch mehrfach ein Zitat, dass eine These von Tetens untersuetzt, in einer Rhetorik der Art: "XY sagt/ schreibt zu Recht..." (z. B. S. 86, S. 108) praesentiert, was zu implizieren scheint, dass Tetens ohne jede weitere Diskussion entscheiden kann, welche Philosophen Recht und welche Unrecht haben. Diese Redeart wirkt auf mich propagandistisch und autoritaer. Der Gipfel der Dogmatik wird in einer Fussnote auf Seite 110 erreicht, wo es heisst "Solchen Kritikern fehlt es schlicht an wissenschaftstheoretischen Einmaleins ... und sie haben die Idee der Wissenschaft nicht verstanden." Ein derartiges Infragestellen der Kompetenz eines Andersdenkenden, wenn die eigene Ansicht nicht mehr durch Argumentation verteidigt werden kann, wuerde man im Fussball als `taktisches Foul', wenn nicht gar als` Notbremse' bezeichnen. Was solche `Argumentation' in einem Philosophiebuch zu suchen hat, erschliesst sich mir nicht.
(3) Der Autor verwendet ungueltige Argumente, indem er haeufig stillschweigend anfechtbare oder falsche Praemissen voraussetzt und fuer seine Schluesse benutzt: zum Beispiel leitet er aus dem Fortbestehen anderer Wissenschaften ab, dass die Reduktion anderer Wissenschaften auf die Physik ein Misserfolg war (S.38). Hier verwendet er stillschweigend die (falsche) Voraussetzung, dass eine reduzierbare (bzw. reduzierte) Wissenschaft aufhoert weiter zu bestehen. Ein Gegenbeispiel ist innerhalb der Physik die Thermodynamik. Diese wurde erfolgreich auf die Mechanik reduziert (i.e. zurueckgefuehrt), ohne dadurch obsolet geworden zu sein. Wer will schon die Trajektorien jedes Teichens im Luftvolumen berechnen? Genausowenig laesst sich die Reduzierbarkeit anderer Wissenschaften auf die Physik durch das Fortbestehen ersterer widerlegen. Oder die Bemerkung, dass "sich die Geister wieder beruhigt [haben]" und "Es nur noch sehr wenige Philosophen sind, die..." (S.107): In dieser zweifelsfrei wertenden Passage unterlaeuft dem Autor der sogenannte `naturalistische Fehlschluss' oder `Sein-Sollen-Fehlschluss', den schon Hume und Moore angeprangert haben, und der besagt, dass ohne weitere Praemisse aus dem Sein kein Sollen hergeleitet werden kann. Ein anderes Beispiel betrifft die Mathematisierung der Wissenschaften: Tetens postuliert, allerdings ohne Beleg oder hinreichen kritische Diskussion, dass die mathematische Struktur sozial-, kultur- und geisteswissenschaftlicher Probleme immer die gleiche und zudem gut bekannt sei. Alle in diesen Wissenschaften zu behandelnden Probleme werden ohne jede weitere Begruendung als nicht-strukturell und damit als nicht mathematisierbar eingestuft (S. 81/82). Gegen den Allgemeinplatz, dass die Naturwissenschaften nur strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen Vorgaengen untersuchen, waehrend die Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften nur Unterschiede innerhalb bestehender und bekannter Strukturen untersuchen, und die daraus gefolgerte Nichtmathematisierbarkeit der Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften lassen sich zahlreiche Gegenbeispiele finden. Etwa das Faktum, dass Kunstwerke und oder historische Zeugnisse Stroemungen oder Epochen zugeordnet werden, und sich ihre volle Bedeutung oft nur vor dem Hintergrund eines groesseren Gesamtzusammenhanges erschliesst; dies draengt ein Denken in Strukturen geradezu auf. Weiterhin ist jede Priorisierung von Werten durchaus eine Struktur im mathematischen Sinne und dennoch auch, oder gerade, im nicht-naturwissenschaftlichen Kontext relevant; die Oekonomie als Randbedingung vieler sozialwissenschaftlicher Probleme ist ohne Mathematik sowieso undenkbar; und selbst die strukturalistische Wissenschaftstheorie, die als Teilgebiet der Philosophie doch, wie ich meine, unstrittig zu den Geisteswissenschaften zaehlt, baut wesentlich auf mathematischen Strukturen auf. Hier (und auch anderswo im Buch) wurde logisches und tatsachenbasiertes Argumentieren dem Glaubensbekenntnis des Autors geopfert.
(4) Wo Tetens Kritik an der Wissenschaft uebt, haeufen sich zahlreiche Allgemeinplaetze. Zum Beispiel kritisiert Tetens dass Wissenschaftler zu viele Vorhersagen wagen anstatt nur Szenarien zu diskutieren (S. 102). Das Problem der Schwierigkeit von Prognosen wird anhand von Beispielen der Klimaforschung diskutiert, aber gerade in diesem Forschungsbereich werden, anders als es Tetens suggeriert, in der aktuellen Originalliteratur eben gerade Szenarien (d.h. konditionale Prognosen) anstatt absoluter Prognosen publiziert, und die Unsicherheit des Zukunftswissens wird von der Fachwissenschaft selbst thematisiert und benoetigt hier keinen Philosophen, um in die richtigen Bahnen gelenkt zu werden. Weiterhin wird behauptet, dass die Wissenschaft abstreitet, dass es neben der Erfahrungswelt noch weitere Aspekte der Realitaet gibt (S. 91); sieht man sich die zugrundeliegende Originalliteratur genauer an, stellt man jedoch fest, dass die Wissenschaft die weiteren Aspekte der Realitaet nicht negiert sondern sich schlicht und einfach nur nicht damit befasst, weil sie ihr nicht zugaenglich sind oder weil sie die zugehoerige Begriffswelt fuer undefinierbar haelt. Weiterhin uebernimmt Tetens von Karl Jaspers den Begriff des "Wissenschaftsaberglaubens" (S. 103), ohne jedoch auch nur zu versuchen darzulegen, wer wann und aus welchen Grund diesem Aberglauben anhaengt, welche falsche These von wem geglaubt wird, und warum diese These im gegebenen Zusammenhang falsch ist. "Viele Menschen" (S.9 Z.6) sind unbegruendeterweise vom "Postulat vom exklusiven Zugang der Wissenschaften zur Wirklichkeit" (S.9 Z.9) oder vom "Weltperfektionierungspostulat" (S.9 Z. 16) ueberzeugt, ohne dass dies mit einem einzigen Beispiel belegt waere. Hier arbeitet der Autor mit Klischees und erzeugt jenseits der sachlich argumentativen Auseinandersetzung Stimmungen, um seinem Glaubensbekenntnis ein groesseres Gewicht zu verleihen, anstatt Originalarbeiten hierzu kritisch zu diskutieren. Der Leser sieht sich bei solchen Passagen einer Ansammlung von Schlagworten ausgesetzt. Ausserdem stellt sich mir die Frage, ob die Rezeption der Wissenschaften durch Nichtwissenschaftler ueberhaupt ein Thema der Wissenschaftstheorie ist, oder ob das nicht eher in den Bereich der Sozial- oder Gesellschaftsphilosophie gehoert.
Alles in allem finde ich das Buch im wesentlichen aergerlich; Einsteiger, fuer die dies das erste Buch ueber Wissenschaftstheorie ist, laufen Gefahr auf eine voellig falsche Faehrte gelockt zu werden, und sie bekommen eine sehr verzerrte Vorstellung davon, was die Wissenschaftstheorie bisher geleistet hat. Leser mit groesserem Vorwissen werden die fehlende Anbindung der Thesen des Autors an das bestehende Gebaeude der Wissenschaftstheorie vermissen und sich an der fehlenden Schluessigkeit der Argumente stoeren, mit denen Tetens seine Thesen zu verteidigen versucht. Zusammenfassend muss ich feststellen, dass eine so massiv subjektive und von der historischen Entwicklung losgeloeste Darstellung der Wissenschaftstheorie als "Einfuehrung" denkbar ungeeignet ist.
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