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5.0 von 5 Sternen "Erinnerung setzt Vergessen voraus. Erinnern per se für etwas Gutes zu halten ist Unsinn" (180)., 2. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur: Eine Intervention (Taschenbuch)
Erinnerungskultur als Modewort – Kaum eine Diskussion über Vergangenes mehr, ohne dass dieser Begriff bemüht wird. Und gerade 2014, im Jahr des "Gedenkmarathons", wird ein geradezu inflationärer Gebrauch offensichtlich. Aleida Assmann, zusammen mit ihrem Mann Jan Assmann seit Jahren maßgeblich beteiligt, sowohl an der theoretischen Ausarbeitung des Konzeptes als auch an der praktischen Erforschung der deutschen und europäischen Erinnerungskultur, rekonstruiert in ihrer neuen Darstellung “Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur” den aktuellen Stand eben dieser, geht aber auch auf die immer wieder geäußerte Kritik daran ein.

Im Zentrum des Buches steht die Erinnerung an die beiden Unrechtsregime auf deutschem Boden im 20. Jahrhundert und welchen Stellenwert diese im deutschen und europäischen kulturellen Gedächtnis einnehmen. Nach einem einleitenden ersten Kapitel, in welchem die theoretischen Grundlagen des Konzepts dargelegt werden, widmet sich Assmann zuerst der äußerst erfolgreichen ZDF-Produktion 'Unsere Mütter, unsere Väter' und zeigt auf, welche neuen erinnerungskulturellen Akzente dieser Film bezüglich der Rekonstruktion der NS-Vergangenheit setzt. Heftig kritisiert Assmann die apologetischen Tendenzen, die ihrer Meinung hier deutlich werden: "Das ZDF-Epos enthält zudem längere Passagen in polnischer Sprache, die den krassen Antisemitismus polnischer Partisanen schildern, was in diesem Fall nicht nur eine Gedankenlosigkeit, sondern die problematische 'Externalisierung' eines deutschen Problems ist, von dem die zentralen Charakter frei gehalten sind und das auf diese Weise einfach über die Grenze geschoben wird" (198). Allein schon Assmanns Analyse dieses Film lohnt den Kauf des Buches.

Der deutsche Umgang mit der eigenen dunklen Vergangenheit wird weltweit gelobt. Das Credo 'Nie wieder Auschwitz' bildet den kategorischen Imperativ unserer Republik. Doch Assmann fragt provokant: "Ist die deutsche Erinnerungskultur [...] eine versteckte Fortsetzung deutscher Hybris?" (59) Sie legt dar, dass nicht nur die Neue Rechte aus politischen Gründen der intensiven Erinnerung an von deutschen begangenes Unrecht ablehnend gegenübersteht, sondern auch viele Historiker zunehmend kritischen Töne äußern. Ist es nicht anmaßend, dass die deutsche Erinnerungskultur vielen ein Gefühl der moralischen Überlegenheit vermittelt, welches sich aus der Übernahme der Opferperspektive speist?, formuliert Assmann dieses titelgebende neue Unbehagen (vgl. 59ff..). Besteht durch den deutscher Erinnerung zugrundeliegenden moralischen Impetus nicht die Gefahr, dass legitime abweichende Meinungen zunehmend diskreditiert werden?: "Political Correctness lässt sich definieren als eine Form der Selbstkontrolle der öffentlichen Meinung mit dem Mittel der Moralisierung" (82), formuliert Assmann. Überzeugend gelingt es ihr, den Grenzbereich zwischen dem unbedingt notwendigen moralischen Anspruch deutscher Erinnerungskultur und dem Moralisieren zwecks Unterdrückung anderer Meinungen auszuloten.

Fazit: An dieser Darstellung kommt keiner an der Thematik Interessierter vorbei. Detailliert analysiert Assmann die aktuellen Akzentverschiebungen im deutschen erinnerungskulturellen Haushalt und geht erstmals auch in Buchform auf Kritik an dem Konzept ein. Dies alles ist spannend und mit viel Gewinn zu lesen und wird der Debatte sicherlich neuen Schwung verleihen, gerade im Jahr 2014.
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Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur: Eine Intervention
Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur: Eine Intervention von Aleida Assmann (Taschenbuch - 16. September 2013)
EUR 16,95
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