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5.0 von 5 Sternen Eine intensive Darstellung der besonderen Geschichte Russlands im 20. Jh., 16. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert: Träume und Alpträume: Eine Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
„Mit dem Verstand ist Russland nicht zu bereifen, mit allgemeinen Maßstäben nicht zu messen, es hat ein besonderes Wesen – an Russland kann man nur glauben“, so sagte es der russische Dichter Tjutcev im im 19. Jahrhundert.

Ganz stimmt dieses Bonmont natürlich nicht, wie Neutatz auf den knapp 600 Seiten des Buches (auf die ein umfassendes Literaturverzeichnis dann folgt) fundiert und sehr differenziert aufzeigt. Und kann auch nicht Grundlage einer geschichtlichen Darstellung sein, wie Neutatz ebenso klarstellt.
Entwicklungslinien, Ursache-Folge Systeme und durchaus kühles, strategisches, ebenso häufig menschenverachtendes Denken, das liegt der wechselhaften Geschichte Russlands im 20. Jh. vielfach und sachlich nachvollziehbar zu Grunde. Systeme und Machtansprüche, die Neutatz ebenso konkret und präzise zu beschreiben versteht, wie er die innereuropäischen Bedingtheiten und gegenseitigen Einflussnahmen in seiner Darstellung herausarbeitet.

Aber dennoch, und das ist eine besondere Stärke dieses Werkes, auch das wenig fassbare, die „russische Seele“, in der Praxis gesehen die Bereitschaft des „Volkes“ (oder Unfähigkeit zur Gegenwehr, je nah Betrachtungswinkel) immer wieder auch fast in Lethargie zu verfallen, auch dies findet immer wieder mitschwingend Eingang in das Buch. Eine Befindlichkeit, die bis in die konkrete Gegenwart reicht, in der „der Westen“ oft fast fassungslos vor der Macht einzelner und der (immer schon) gängigen Rechtsbeugung in Russland steht.

Nicht als Hauptaugenmerk des Buches, hier formuliert Neutatz zu Recht, dass es gar nicht darum gehen kann, das „Wesen“ eines Landes zu begreifen. Aber die Mentalität, bedingt durch die je zeitgeschichtliche Atmosphäre, das nimmt Neutatz durchaus mit auf in sein Verstehen dessen, was sich an Entwicklungen im Russland des 20. Jh. ereignet hat.

Wie es der Titel bereits treffend ausdrückt. Eine besondere Neigung zum „Träumen“ der Verbesserung der eigenen, kleinen und der „großen Welt“ war nicht selten Antrieb von starken Veränderungen in Russland und ebenso oft endeten diese Ideale und Träume nach nur kurzer Zeit in Alpträumen der Unterdrückung und radikalen Rechtlosigkeit des Volkes.

Ein Land von Vielgestaltigkeit, von (mindestens) einer „großen Kluft“ zwischen Moskau und St. Petersburg einerseits und dem großen „Rest des Landes“ auf der anderen Seite. Fortschritt und die Idee der Öffnung nach Europa stehen jahrhundertealten Traditionen und Lebenshaltungen gegenüber. Das „Volk“ innerlich überzeugend mitzunehmen auf Wegen der Öffnung, dass ist ein selten gewagtes Experiment in Russland. Der Weg des Zwanges demgegenüber einer „eingeübte“ Tradition. Die Diskrepanz zwischen dem „Wollen“ der politischen Führung und der „Realität vor Ort“ ist es, die ein um das andere Mal zu Verwerfungen und, letztlich, zur Diktatur je führten.

Chronologisch geht auf dieser Basis der Professor für Osteuropäische Geschichte sehr differenziert und sehr detailliert den Entwicklungslinien nach. Von einem „Unterwegs in die Moderne“ unter den Romanows noch bis hin zur politischen Polarisierung von 1905 bis 1917. Die Entfaltung der sozialistischen Ideologie, die schon bald, bis 1926 hin, mehr und mehr in Kompromisse ausartete und am Versagen der wirtschaftlichen Entwicklung und Steuerung bis zum Zerreißen sich aufrieb. Was in der „Revolution von oben“ 1928 durch Stalin in eine Gewaltherrschaft sondergleichen führte.
Eine Gewalt, die sich nicht nur in „Säuberungen“ millionenfach niederschlug, sondern das ganze Land vor Angst lähmte und in eine Haltung des Wegduckens und der Lüge führte.

„Stalin benutzte die Gegensätze, um seine Konkurrenten im Politbüro gegeneinander auszuspielen und nacheinander zu entmachten“.
Eine Phase, in der das Laientum der führenden politischen Personen durch Neutatz klar vor Augen geführt wird. Ein Laientum, dass es in der Geschichte Russlands nicht nur 1928 einzelnen Personen leicht machte, sich an der Macht zu bedienen.

Die „Konkurrenz mit dem Westen“ prägte die Nach-Stalin-Ära mit bekannten Folgen und doch vielfachen interessanten und nicht immer breit bekannten Eindrücken, die Neutatz vorlegt, bevor er im letzten großen Kapitel des Buches, „Scheitern und Neubeginn“, die aktuelle Entwicklung Russlands nachzeichnet.

„Die Verwandlung Russlands war kein kontinuierlicher Prozess, sondern sie erfolgte in mehreren Anläufen .... und sie war mit immensen Opfern und Verwerfungen verbunden“. Zudem eine Entwicklung, die im europäischen Vergleich als „phasenverschoben“ zu kennzeichnen ist.

Dietmar Neutatz bietet einen profunden Einblick in diese ganz besondere Entwicklungsgeschichte, zieht eine differenzierte Bilanz und bietet einen fundierten Ausblick.
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Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert: Träume und Alpträume: Eine Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert
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