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4.0 von 5 Sternen Ein Buch, das Klarheit schafft, 27. Oktober 2013
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Rezension bezieht sich auf: Theresienstadt: Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung (Gebundene Ausgabe)
Wolfgang Benz hat mit seinem Buch über Theresienstadt ein Werk vorgelegt, in dem er nicht nur die Geschichte des früheren Ghettos darstellt, sondern sich auch mit populären und vor allem in Deutschland verbreiteten Mythen auseinandersetzt. Diese benennt er bereits in der Einleitung - so etwa die Vorstellung von Theresienstadt als "bevorzugter Ort für deutsche Juden, für Prominente, für Künstler und Wissenschaftler" (S. 7 f). Benz stellt dieser populären Vorstellung die brutale Realität gegenüber, indem er auf die schweren Lebensbedingungen und hohe Sterblichkeit im Ghetto (33000 Tote) hinweist. Darüber hinaus diente Theresienstadt für die zunächst überlebenden Ghettobewohner als Durchgangsstation in den Tod. Insgesamt 88000 Bewohner des Ghettos wurden in Vernichtungslager deportiert, in denen fast alle ermordet wurden. Somit kamen von etwa 150000 nach Theresienstadt gelangten Menschen insgesamt 118000 ums Leben (S. 205). Benz macht deutlich, dass es sich dabei großenteils um tschechische Juden handelte, gefolgt von Juden aus Deutschland und Österreich.

Benz geht in seiner Darstellung teils chronologisch vor und beschreibt die Geschichte Theresienstadts von ihren Anfängen bis in die Gegenwart, wobei er auch auf politisch bedingte Veränderungen in der Gedenkkultur nach 1945 ausführlich Bezug nimmt (so z.B. auf die Betonung des nationalen und kommunistischen Widerstandes sowie die weitgehend ausgebliebene Aufarbeitung der Geschichte des Ghettos bis zur politischen Wende des Jahres 1989). Zugleich setzt Benz thematische Schwerpunkte, indem er Aspekte wie Alltag, Zwangsarbeit, Kultur etc. und die Täuschungsversuche der Nationalsozialisten (u.a. den "Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet") gesondert betrachtet. Eingestreut sind auch biographische Darstellungen, um die menschliche Dimension zu verdeutlichen. Mit besonderem Interesse habe ich die Abschnitte über das kulturelle Leben in Theresienstadt gelesen, wobei Benz dem Komponisten Viktor Ullmann ein eigenes Kapitel widmet. Benz wendet sich gegen die Legende, Theresienstadt sei ein Ort gewesen, "an den Juden zwar deportiert wurden, an dem aber vor allem musiziert und gemalt wurde, wo bedeutende Wissenschaftler gelehrte Dispute hielten, wo bewegende Kinderzeichnungen entstanden und Gedichte geschrieben wurden" (S. 224). Die häufig thematisierte Kulturarbeit im Ghetto stellte nur einen kleinen Ausschnitt der komplexen Realität dar, wie man auch die unter schwierigsten Bedingungen stattfindenden Bildungsmaßnahmen für Kinder und Jugendliche nicht zu regulärem Schulunterricht verklären sollte. Benz setzt sich auch mit der Tätigkeit der "Judenältesten" auseinander, die von vielen Ghettobewohnern und Chronisten äußerst negativ beurteilt wurden. Im Gegensatz zu solchen negativen Darstellungen, in denen der Vorwurf der Kollaboration und des Verrats erhoben wurde, beurteilt Benz die Tätigkeit der Judenältesten deutlich milder und verweist auf die Zwangslage, in der sie sich befanden.

"Theresienstadt - eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung" ist ein rundum gelungenes Buch, das man jedem an der Geschichte des Holocaust interessierten Leser empfehlen kann.
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4.0 von 5 Sternen Das neue Standardwerk über das Ghetto Theresienstadt?, 9. Mai 2013
Von 
Benedictu - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Theresienstadt: Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung (Gebundene Ausgabe)
Der emeritierte Professor am Zentrum für Antisemitismusforschung Wolfgang Benz liefert mit seiner neuen Monographie ein umfassendes Bild des Ghettos von Theresienstadt, von den Anfängen der Festung unter Kaiser Josef II bis in die heutige Zeit. Die Analysen des Autors werden durch Personenstudien aufgelockert und gewinnen durch die Schilderungen von Einzelschicksalen eine besondere Authentizität. Natürlich liegt der Schwerpunkt der Darstellung auf der Zeit von 1941 bis 1945 als jüdisches Ghetto bzw. Konzentrationslager, es gibt aber auch ein Kapitel über die Nachnutzung als Internierungslager für Deutsche zwischen 1945 und 1948.

Die Sichtweisen auf das Lager Theresienstadt und seine Beschreibungen sind vielfältig:
• ein Modell-Ghetto zur arglistigen Täuschung und Sinnbild nationalsozialistischer Propaganda
• eine fast normale Stadt für den 1944 erfolgreich getäuschten schweizerischen Delegierten Maurice Rossell vom Internationalen Roten Kreuz
• ein priviligiertes Lager mit einzigartigem Kulturangebot, in dem gemalt, musiziert und disputiert wurde
• unbedingt ein KZ, um es nach Meinung des ehemaligen Gefangenen und Chronisten Miroslav Kárný als zum NS-Vernichtungssytem zugehörig zu kennzeichnen
• ein Ghetto-ähnliches Lager, in dem sich die Lebensverhältnisse trotz der ständigen Angst der Bewohner vor Deportationen ständig besserten (in Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden.: 4 Bde.)
• ein Ghetto, weil weder die Funktion noch die organisatorische Verankerung eines KZs hatte, weil es eine Selbstverwaltung besaß und weil es nicht von SS-Totenkopf-Verbänden, sondern von der tschechischen Gendarmerie bewacht wurde,
• aber ein Ghetto, das kein Endlager, sondern ein Umschlagplatz zu den Todeslagern war

Dem Holokaust-Forscher Benz gelingt es m.E. gut, seine Sichtweise vom Ghetto Theresienstadt plausibel zu machen; die Begründung aus der Organisationsttruktur des Vernichtungsapparates heraus, hätte er aber mit einem Organigramm etwas anschaulicher vermitteln können.
Der Dissens unter Historikern zur retrospektiven Einschätzung des Lagers ist auch deshalb aufschlußreich, weil er ahnen läßt, um wieviel schwieriger eine Einordnung in jener Zeit gewesen sein muß. Zwar kam die absichtliche Täuschung erschwerend hinzu, zu der sich aber auch Hoffnung und das nicht Wahr-haben-wollen paarte. Die Bandbreite in der damaligen Lagebeurteilung war jedenfalls unfaßbar groß. In der Dissertation von Stefan Bamberg "Holocaust und Lebenslauf: Autobiografisch-narrative Interviews mit Überlebenden des Konzentrationslagers Theresienstadt" wird auf S. 28 folgendes zitiert: "Viele der Neuankömmlinge in Theresienstadt glaubten in einer sicheren Heimstatt angekommen zu sein, in einer Art Hotel für Greise mit entsprechendem Pflegepersonal. Eine Frau verlangte am Bahnhof einen Kofferträger und erklärte, sie wolle wegen der beschwerlichen Anreise am Abend auf ein schweres Essen verzichten. Der Koch solle ihr lediglich ein Rührei zubereiten. Eine andere Person verlangte ein Zimmer mit Blick auf den See."

Der Chronist und ehemalige Gefangene Hans Günther Adler geht in seiner großen Monographie über Theresienstadt aus dem Jahre 1955 Theresienstadt 1941 - 1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft mit den deutschen Juden hart ins Gericht. Er hielt die Deutschen in Theresienstadt in der Beurteilung ihrer Lage für überfordert und kritisierte insbesondere die Judenältesten scharf, also jene Gefangene, die bereit waren, die Leitung der befohlenen jüdischen Selbstverwaltung zu übernehmen. Auch Benz befaßt sich ausführlich mit den Judenältesten und ihrer Biographie. Behutsam korrigiert er das übertrieben negative Bild als Vollstrecker, Helfer oder gar Kollaborateure, das H.G. Adler von ihnen entwirft. Die Rede ist von den Judenältesten Jacob Edelstein, Dr. Paul Eppstein und Dr. Benjamin Murmelstein. Benz bietet eine alternative Sichtweise an, die in ihnen tragische Figuren erkennt, die retten wollten, was in ihren beschränkten Möglichkeiten lag. Benz schreibt über den Mannheimer Paul Eppstein, daß seine Tragik darin lag, daß ihm bei allem, was er wollte, nur die Methoden des deutschen akademisch gebildeten bürgerlichen Funktionärs zur Verfügung standen; andere hätte er nicht gelernt. Sein Dilemma wäre gewesen, daß er sich für das Doppelspiel entschieden hatte, Hilfe für die jüdische Gemeinschaft durch Erringen des Wohlgefallens ihrer Peiniger zu suchen. Selbst die Kritiker dieser Haltung - es wäre zwangsläufig die Haltung aller jüdischen Repräsentanten unter dem NS-Regime gewesen - würden einräumen, daß Alternativen wie kraftvoller Widerstand nicht existierten."
Während Eppstein 1944 zum Tode verurteilt und erschossen wurde, mußte sein Nachfolger, der in Wien studierte Murmelstein, 1963 in der NZZ sein symbolisches Todesurteil lesen. In der Neuen Zürcher Zeiung war nämlich der Briefwechsel zwischen Gershom Scholem und Hannah Arendt zur Rolle der Judenräte abgedruckt. Benz hält das tschechische Gericht, das auch den letzten deutschen Kommandanten von Theresienstadt hinrichten ließ, Murmelstein aber freisprach, sowohl für zurückhaltender als auch für sachkundiger als die beiden jüdischen Philosophen.

Bei der Frage, ob man das Lager Theresienstadt nun KZ oder Ghetto nennen soll, zahlt sich m.E. am Ende die vom Autor propagierte wissenschaftliche Genauigkeit aus. So stellen nämlich Touristen in der Erwartung eines KZs und tendenziell wohl schon verdutzt, keine Wachtürme und Barracken umgeben von Stacheldrahtzäunen zu sehen, die typische Frage: "Where are the gas chambers?" Wenn man auf solche Fragen antworten muß, daß dieses "KZ" keine besaß, kommt beim Laien das Bild vom KZ als solches ins Wanken: "Ach, so verschieden konnten also KZs sein?". Der politisch motivierte Verzicht auf die sachlich richtige Differenzierung zwischen Ghetto und KZ könnte die gut gemeinte Intention also geradezu konterkarieren.
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Theresienstadt: Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung
Theresienstadt: Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung von Wolfgang Benz (Gebundene Ausgabe - 13. März 2013)
EUR 24,95
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