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10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dieser Roman ist beeindruckend in seiner schlichten Schönheit, 7. Oktober 2011
Von 
Susanne L. "Klusi" (Oberfranken) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Im Schatten des Vogels (Gebundene Ausgabe)
Pálina Jónsdóttirs Geschichte ist weitgehend in der Ich-Form erzählt. Geschildert werden die Träume und Erfahrungen einer heranwachsenden jungen Frau, die Ende des 19. JH am Fuße eines Gletschers in Island lebt, inmitten der wilden Landschaft, umgeben von ihrer großen Familie.
Auf 252 Seiten wird fast ihr ganzes Leben abgehandelt, was unweigerlich zu großen Zeitsprüngen führt, die jedoch den Fluss der Geschichte nicht stören.
Pálina verbringt ihre Kindheit, umgeben von Eltern und Geschwistern, dem Gesinde und den Tieren, die zum Hof gehören. Besonders den Vater liebt sie von ganzem Herzen, aber im Lauf der Zeit merkt sie, dass er auch eine andere Seite hat, die sie so gar nicht verstehen kann und mag. Als sie älter wird, stellt sie fest, dass sie mehr Geschwister hat, als ihr bisher bewusst war, denn ihr Vater ist ein wahrer Frauenheld. Seine Eskapaden sind weithin im Umkreis bekannt und liefern den Nachbarn viel Stoff für Klatsch und Tratsch. Die Mutter leidet sehr darunter und zerbricht fast daran. Pálina und ihre Geschwister bekommen viel Ablehnung von außerhalb zu spüren, und diese Erfahrungen bringen ihre heile Welt sehr bald ins Wanken.
Der Vater ist nebenbei auch Gemeindevorsteher und versteht sich auf das Heilen mit homöopathischen Mitteln. Darum kommen oft Fremde auf den Hof, um sich von ihm behandeln zu lassen; einige bleiben für längere Zeit. Zu den Patienten gehört auch Sveinn, der an der Schwindsucht leidet und sich hier Heilung erhofft. Er ist ein sensibler junger Mann, und Pálina erlebt mit ihm die erste große Liebe. Aber der Vater stellt sich gegen diese Verbindung und schickt sie, zusammen mit ihrer Schwester, nach Reykavik auf eine Mädchenschule. Pálina leidet sehr unter ihrem Heimweh und unter gebrochenem Herzen. Zu diesem Zeitpunkt macht sich ihre Krankheit erstmals deutlicher bemerkbar. Sie spricht davon, als wäre ein Vogel in ihrem Inneren, der von Zeit zu Zeit aufgeregt flattert, ihr aber auch manchmal die Luft raubt, wenn er in ihrem Hals steckt und nach draußen will. Aber es gibt auch Zeiten, da kann sie sich unter seinem Gefieder vor der Welt verstecken.
Eine Vernunftehe bringt der jungen Frau weder das große Glück noch genügend Zuneigung und Verständnis. Ihre Kinder liebt sie, kann ihnen aber nicht immer eine gute Mutter sein. Sie ist seelisch krank und in ihrer eigenen Welt gefangen. Eine Zeitlang findet sie Ruhe und Trost bei ihren Näharbeiten und dem geliebten Orgelspiel, aber auch das ist nicht von Dauer.
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Man muss sich einlassen, auf die Mystik des Landes und den damit verbundenen, tief verwurzelten Aberglauben der Menschen in Island vor hundert Jahren, deren Denken und Handeln sehr von geheimnisvollen Sagen und düsteren Geschichten über Elfen und Ungeheuer bestimmt wird. In diesem Umfeld wächst Pálina auf. Das Verhältnis zum Vater ist zwiespältig, denn einerseits liebt sie ihn und hängt sehr an ihm (er nennt sie liebevoll 'Engelchen'), aber sie muss erfahren, dass er nicht unfehlbar ist, sondern ein sehr dominanter Mensch, mit vielen Schwächen und einer großen Portion Egoismus, und sie verurteilt vieles, was er sagt oder tut.
Ihre Lebensumstände und einige Erfahrungen tragen sicher dazu bei, dass sich Pálina immer mehr in ihre Ängste und Befürchtungen verstrickt. Langsam erwacht die Krankheit, welche ihre Seele befällt und wohl schon länger in ihr schlummert. Dass sie von einem Vogel spricht, der ihr die Luft zum Atmen raubt, lässt sich vermutlich auf die enge Bindung der Isländer an die wilde Natur und ihre Geheimnisse zurückführen und ist Pálinas persönliche Art, ihre Seelenqualen in Worte zu fassen.
Wie die Landschaft Islands, von karger Schönheit, so wirkt auch der Schreibstil dieses Romans. Die klare, einfache und doch poetische Sprache ist von vielen Auslassungen geprägt, besonders fällt der häufige Verzicht auf Pronomen ins Auge. Pálinas Schilderungen wirken wie Tagebucheinträge. Gerade in ihrer Schlichtheit sind sie sehr eindrucksvoll und bewegend.
Im letzten Drittel des Buches werden manche Kapitel aus der Sichtweise von Pálinas ältester Tochter Kathrin erzählt. Hier erinnert der Schreibstil an ein Selbstgespräch. Der permanente Versuch der Kinder, die Normalität im Alltag aufrecht zu erhalten und aus Liebe stets Verständnis für die Handlungen der kranken Mutter aufzubringen, hat etwas sehr Rührendes. Der Roman hat mich sehr nachdenklich gemacht, zeigt er doch, wie hilflos damals die Menschen einer Geisteskrankheit gegenüberstanden.
Kristín Steinsdóttir hat mit diesem, zum Teil autobiographischen Roman, ihrer Großmutter ein eindrucksvolles und sehr berührendes Denkmal gesetzt.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen ~*°..Der Vogel der Seele..°*~, 7. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Im Schatten des Vogels (Gebundene Ausgabe)
~*°..Ein Dorf im Osten Islands, Ende 19. Jahrhundert..°*~

Pálina Jónsdóttir wächst in einer vielköpfigen Familie in einem abgeschiedenen Dörfchen in Island auf. Der Hof der Familie Jónsdóttir, eingebettet von freier Natur, liegt am Fuß eines Gletschers. In direkter Nachbarschaft ragt ein markantes Gebirge in den Horizont und man hört das Tosen der stürmischen See. Doch die scheinbar ländliche Idylle trügt. Pálina und ihre Geschwister leben in sehr einfachen Verhältnissen. Die ständig wechselnden Mägde und Knechte der Familie sorgen für Unruhr und Enge im Haus.

Pálinas Vater, Gemeindevorsteher und Homöopath, bedeutet Pálina alles. Sie hegen ein sehr inniges und liebevolles Verhältnis. Doch sein ständiges Anbandeln mit den Mägden setzt nicht nur ihrer Mutter und dem Familienfrieden zu, sondern führt auch zu einer gespaltenen Beziehung zwischen Pálina und ihrem Vater. Neben der Verbundenheit zur Heimat sehnt sie sich plötzlich nach der Ferne, träumt von einer besseren Zukunft und von grenzenloser Freiheit.

Als ihr Vater ihr die Ehe zu Sveinn, einem Knecht mit Schwindsucht, verbietet, beginnt Pálinas Loyalität zu ihrem Vater endgültig zu bröckeln. Auch auf der Mädchenschule in Reykjavik erholt sie sich nur schwer davon. Ihre seelische Unausgeglichenheit, die sie von klein auf begleitet, verstärkt sich und der Vogel in ihrer Brust nimmt ihr die Luft zum Atmen'

~*°..Ein Schmetterling setzt sich auf meinen Handrücken, breitet die Flügel aus. Sie sind hellviolett und zittern leicht. Wunderschön in der Morgensonne. Ganz vorsichtig lege ich meine Hand über den Schmetterling und wünsche mir etwas. Es fühlt sich an, als hätte ich meine Lebensglück auf dem Handrücken. Bitte von ganzem Herzen. Puste den Schmetterling zart an und sehe ihm hinterher, wie er in die Freiheit fliegt.' (Zitat, Seite 46)..°*~

Steinsdóttirs Geschichte ließ mich wanken ' wanken zwischen Unsicherheit und Tatendrang, zwischen Neugier und Desinteresse. Noch nie habe ich mich bei einem Roman so hin- und hergerissen gefühlt. Pálina hatte bereits nach wenigen Zeilen mein Mitgefühl für ihre Situation. Die teils unzumutbaren Lebensbedingungen auf die sie während ihres Lebens immer wieder stoßen muss, schenken ihr kaum Freiraum. Sie muss sich stetig den Gesetzen des Vaters unterordnen, muss funktionieren; lernen, ihre Träume hintenan zu stellen und den für sie vorgesehenen Weg zu akzeptieren. Ihre Neigung, sich selbst und den Bezug zum realen Leben zu verlieren, macht sich dabei schon sehr früh bemerkbar.
Die Entwicklung vom jungen Mädchen zur erwachsenen Frau mit eigenen Kindern und einem Mann an ihrer Seite, für den sie nicht die Liebe aufbringen kann, die notwendig wäre, ist teilweise schockierend. Manchmal raubte sie mir die Luft zum Atmen. Es schien, als hing ein Gefühl von Schwermütigkeit und Verzweiflung an Steinsdóttirs Zeilen. Wenig später widerum sprüht Pálina voller Lebensfreude und Energie und Steinsdóttirs Zeilen beginnen zu tanzen ' voller Poesie und Leichtigkeit.

Pálinas ambivalente Beziehung zu ihrem Vater, die nicht nur einen großen Teil in der Geschichte einnimmt, sondern auch primär Einfluss auf Pálinas Leben und ihre Zukunft hat, ist sehr interessant mitanzusehen. An guten Tagen ist Pálina sein Engelchen und genießt seine ungeteilte Liebe und Aufmerksamkeit. An schlechten Tagen wiederum verletzt er sie mit Ignoranz und Härte. Sein stetiges Anbandeln mit den wechselnden Mägden am Hof der Familie Jónsdóttir bricht Pálina und ihrer Mutter fast das Herz. Seine ablehnende Haltung gegenüber ihrer Beziehung zu Sveinn hinterlässt wohl die größte Wunde in ihrem Herzen. Eine Wunde, die niemals vollständig zu heilen scheint.
Pálinas Ehe zu Vigfús, einem gutaussehenden und fleißigen Tischler, der genau wie Sveinn den Anforderungen des Vaters nicht gerecht zu werden scheint, steht unter keinem guten Stern. Vigfús Wut auf Pálinas Vater wirkt sich negativ auf seine Gefühle für Pálina und ihrem Umgang miteinander aus. Bald schon lässt sie Vigfús genauso hart wirken wie Pálinas Vater und hinterlässt unausweichliche Spuren in ihrer Ehe. Pálinas Kampf mit dem Leben kommt zu keinem Ende.

Anfangs fiel es mir sehr schwer, Steinsdóttirs Schreibstil zu folgen. Er erschien mir abgehakt und unausgewogen. Sie warf mir kleine Bröckchen zu mit denen ich nicht umzugehen wusste. Vielleicht sollen sie Pálinas anfangs kindliches und naives Wesen widerspiegeln, vielleicht gehören sie aber auch zu Steindóttirs Stil. Da die Geschichte aus Pálinas Augen erzählt wird, könnte die Vorgehensweise beabsichtigt sein. Denn mit der Zeit veränderte sich nicht nur Steindóttirs Stil sondern auch die miteinhergehenden Gefühle meinerseits. Meine anfängliche Unsicherheit und fast schon beginnendes Desinteresse entwickelte sich zu Neugierde. Die Geschichte ließ mich plötzlich nicht mehr los, verfolgte mich in meinem Kopf, ließ meine Gedanken Achterbahn fahren.

'Ich war noch klein, als er sich zum ersten Mal bemerkbar machte. Der Vogel, der ein untrennbarer Teil meines Lebens werden sollte. Er breitete die Flügel aus, sang und erfüllte meine ganze Brust. Ich dachte, dass das so sein müsste, ahnte nichts. Warum fing er an, sich in meinen Hals zu zwängen? Zu versuchen, mich zu ersticken. Mir nachts den Schlaf zu rauben. Sich auf mich zu legen und zu zerquetschen. Die Realität und mich durcheinanderzubringen. Ich fand keine Antwort, doch die Frühlingstage waren sonnig, und der Vogel flog ohne Unterlass.' (Zitat, Seite 7)

Steindóttir lässt Pálinas seelische Disharmonie zum Leben erwecken. Sie gibt ihr dabei die Gestalt eines Vogels, der in Pálina festsitzt. Er nimmt ihr die Luft zum Atmen, breitet sich in ihr aus, erdrosselt sie schier. Manchmal versteckt sie sich auch unter ihm oder er liegt auf ihr, erdrückt sie förmlich. Die Assoziation mit dem Vogel sorgte bei mir anfangs für Verwirrung. Mit der Zeit habe ich jedoch festgestellt, wie treffend der Vogel die Emotionen von Pálina darstellen kann. Man bekommt ein Gefühl für ihn und ein Gefühl für Pálina. Er fügt sich in die Geschichte ein, ist plötzlich ein Teil von ihr, undenkbar, dass er nicht da ist.

Neben Pálinas Lebensgeschichte lässt Steindóttir uns auch am Leben der einzelnen Geschwister teilhaben. Zeigt, wie dicht die persönlichen Lebensgeschichten miteinander verwoben sind, wie wichtig die Geschwister füreinander werden, welche Rolle sie füreinander spielen. Das alles lässt diesen Roman zu einem einzigartigen Familiendrama werden, das sich vor einer lebendig beschriebenen Kulisse Islands abspielt. Aus diesem Grund schenke ich Steindóttir 4 von 5 verzweifelten Flügelschlägen!
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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein trauriges, mutmachendes, sehr schönes Buch, 13. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Im Schatten des Vogels (Gebundene Ausgabe)
Eine isländische Freundin hat mir das Buch empfohlen, es ist das meistverkaufte Buch in Island im letzten Jahr gewesen. Von ihr weiß ich auch, dass man den seltsam aussehenden Vornamen der Hauptfigur Pálína Jónsdóttir, einfach 'Paulina' ausspricht.

Diese Pálína lebt mit ihrer Familie in Island, Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Leben ist hart, die auf engstem Raum zusammengedrängte Familie leidet unter dem Vater, der Kinder mit Mägden zeugt und die Entscheidungen über den Lebensweg seiner Kinder trifft. So verbietet er Pálína, einen Jungen zu heiraten, der schwindsüchtig ist. Damit sie darüber hinwegkommt, wird sie nach Reykjavik geschickt, wo sie lernt zu schneidern und Orgel zu spielen.

Nach einem Jahr geht sie zurück nach Hause, heiratet einen Tischler, der lieb zu ihr ist, den sie aber nicht richtig liebt. Sie bekommt viele Kinder. Was niemand weiß / versteht: sie ist psychisch krank. Und dadurch, dass ihr das tägliche Leben hart zusetzt ' die Respektlosigkeit ihres Mannes, die Sorge um die Kinder, der Versuch, durch das Schneidern von Kleidern etwas zu haben, das ihrem Leben Inhalt gibt und mit dem sie zum Unterhalt der Familie beiträgt -, rutscht sie immer tiefer in die Krankheit.
So wie es der Autorin sehr gut gelingt, die Atmosphäre und das Leben in Island einzufangen, so schafft sie es auch, die Krankheit darzustellen. Ich hatte beim Lesen nie den Eindruck, dass es ich zur Voyeurin werde, der eine Kranke 'vorgeführt' wird. Vielmehr wird die Lebensgeschichte von Pálína sehr behutsam, sehr einfühlsam, aber nie sentimental dargestellt.

Was mich wirklich zum Weinen gebracht hat, ist die Darstellung der Kinder. Wie sie leiden, weil die Mutter krank ist, wie hilflos sie sind. Aber auch, wie sehr sie sich bemühen, sie bei sich zu behalten, auch als sie schon eine Gefahr für sich und andere wird. Diese liebenden Kinder machen das Buch für mich besonders traurig, schön. Und sie machen Mut.
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Im Schatten des Vogels
Im Schatten des Vogels von Kristin Steinsdottir (Gebundene Ausgabe - 26. August 2011)
EUR 19,95
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