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am 8. Oktober 2011
Klaus Kreisers Werk "Atatürk - Eine Biographie", war, als sie 2008 erschien, die erste Atatürk-Biografie auf dem deutschen Buchmarkt, die sich dem Leben und Schaffen des Gründers der modernen Türkei in angemessenem Umfang widmete. Klaus Kreiser ist Professor der Turkologie an der Universität Bamberg, und hat bereits einige Bücher über die Türkei veröffentlicht, darunter der sehr gelungene historische Stadtführer "Istanbul: Ein historischer Stadtführer".
In diesem Buch widmet er sich nun ganz speziell Mustafa Kemal Atatürk, dem Vater aller Türken. Selbst hier in Deutschland kann dies zu einem heiklen Unterfangen werden, da in der heutigen Wahrnehmung Atatürks Realität und Mythos teilweise stark vermischt sind. Wahrscheinlich deswegen schreibt Kreiser in diesem Fall eher im unpersönlichen wissenschaftlichen Stil eines Historikers.

Das knapp 300 Seiten starke Buch, lässt sich in drei Hauptabschnitte gliedern. Zunächst wären da die frühen Jahre der Kindheit über den Eintritt in die Armee bis zum Ende des ersten Weltkriegs und damit dem Ende des osmanischen Reiches. Dieser Teil nimmt etwas mehr als ein Drittel des Buches ein. Es folgen die Jahre als Freiheitskämpfer bis zur Gründung der Republik, und schließlich der dritte, wiederum etwas mehr als ein Drittel umfassende Teil, der sich mit der Zeit Atatürks als Staatsoberhaupt der neuen Türkei beschäftigt. In den ersten beiden Teilen steht dabei immer die direkte Entwicklung der Hauptperson Atatürk im Vordergrund. Im dritten Teil schwenkt der Fokus dann eher auf die reformpolitischen Ansätzen Atatürks, wie die Reformation der gesellschaftlichen Gepflogenheiten (z.B. die Hutrevolution), des Rechts und Gerichtswesens, und der Sprachen- und Schriftreform, sowie deren Wirkungen auf das Volk. Die persönliche Entwicklung Atatürks tritt in diesem Teil leider etwas in den Hintergrund, so dass man ab dem Jahr 1924 nur noch wenig über den Menschen Atatürk erfährt. Die Darstellung seiner politischen Arbeit ist dagegen gut gelungen, wobei der Autor hier auch nicht an (berechtigter) Kritik spart.

In seinem Buch gelingt es Klaus Kreiser, sowohl eine persönliche, als auch eine politische Biografie Atatürks zu verfassen. Der Schwerpunkt liegt dabei aber eindeutig auf der politischen Biografie, was besonders im letzten Drittel deutlich wird. Kreiser bemüht sich, sachlich und objektiv zu schreiben, was teilweise etwas anstrengend zu lesen sein kann, insgesamt aber zweckmäßig ist. Somit handelt es sich bei "Atatürk - Eine Biographie" also um eine wirklich gute Biografie.
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TOP 1000 REZENSENTam 8. März 2014
Die Person des Mustafa Kemal Atatürk finde ich, ähnlich wie den finnischen Marschall Mannerheim, überaus faszinierend. Was dieser einzelne Mann für seine Nation leistete, ist kaum abzuschätzen. Daher gönnte ich mir endlich eine Biographie und wurde leider enttäuscht. Kemal war in erster Linie Offizier und Soldat (genauso wie Mannerheim), d.H. sein ganzes Denken und Handeln war von militärischen Grundprinzipien geprägt. Sein "Stern" begann 1912 im Krieg gegen Italien zu steigen, über den türkisch-italienischen Krieg weiß man sowieso nur wenig, über Kemals Rolle darin wusste ich so gut wie gar nichts. Doch außer einem (dafür wiederum sehr interessanten) Foto aus jener Zeit, und einigen dürftigen Zeilen dazu erfährt man gar nichts. Auch nach der Lektüre der Biographie habe ich keine Ahnung was er in diesem Krieg geleistet hat. Das ist schwach.

Nun aber, mit Beginn des Ersten Weltkrieges, schlägt endgültig Kemals große Stunde - nämlich in der Schlacht um Gallipoli.
Zu diesem grandiosen Sieg der verbündeten osmanischen und deutschen Truppen möchte ich bei dieser Gelegenheit auf ein hervorragendes Buch hinweisen - "Gallipoli" von Klaus Wolf. Ein hochinteressantes militärgeschichtliches Meisterwerk, akkurat und spannend.

In dieser Biographie hier erfährt man hingegen nur wenig über Kemals herausragende Rolle, die militärischen Abläufe und die Kampfhandlungen an welchen er beteiligt war. Dies zieht sich weiter über den gesamten Ersten Weltkrieg, obwohl diese Jahre doch unzweifelhaft zu den wichtigsten in seinem Leben zählten. Enttäuschend, das. Doch es wird noch schlimmer - nun kommt nämlich der türkische Unabhängigkeitskrieg, die entscheidende Lebensleistung Atatürks - auch hier werden die militärischen Vorgänge nur gestreift. Ein wirkliches Ärgernis.

Der Autor scheint seinen Schwerpunkt auf die Reformpolitik Atatürks gelegt zu haben, insbesondere auf seine Reform der Sprache und Schrift. Dies ist natürlich auch sehr wichtig und interessant - aber nur eine Seite der Medaille. Dem begabten Militär und Strategen Atatürk wird das Buch meines Erachtens nicht gerecht. Auch über sein Privatleben, seine Ehefrauen oder Affären, erfährt man wenig bis nichts. Es gibt kaum Anekdoten die ihn als Person etwas "menscheln" lassen, er bleibt kühl und unnahbar. Ich möchte dem Autor nichts unterstellen, aber ich gewann den Eindruck, dass hier jemand aus dem Elfenbeinturm der Turkologie die Biographie stark nach eigenem Geschmack ausgerichtet hat, die Dinge ausgewalzt hat, welche den Autor persönlich interessierten, durchaus Wichtigeres hingegen vernachlässigt hat. Dem Leben und der Leistung Mustafa Kemal Atatürks wird das Werk meiner Meinung nach dadurch nicht gerecht.

Positiv hervorzuheben sind die seltenen Fotografien, die Zeittafel und die umfangreichen Literaturverweise.

Ich habe mich für drei Sterne entschieden, in diesem Werk liegen Licht und Schatten eng beieinander.
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am 15. April 2012
Die Biografie ist nicht zuletzt wegen fehlender Alternativen ein Standardwerk zu Atatürk, dem "Vater der Türken".

Sie ist übersichtlich in zwölf Kapitel gegliedert, und innerhalb der Kapitel in zahlreiche Unterkapitel, sodass sich die 300 Seiten gut und schnell lesen lassen.
Auch eine übersichtliche, sechsseitige Zeittafel ist angefügt.
Zwar gibt es 3 Karten, allerdings in zu kleinem Format und ohne eine auf die Biografie abgestimmte Beschriftung, sodass man es ziemlich schnell aufgibt, im Text genannte Orte hier zu suchen.

Der Autor ist ohne Zweifel umfassend sachkundig, zeigt aber bei der Darstellung erkennbare Schwächen: Wiederholt bringt er in seinen Ausführungen zuviele nur eingeschränkt relevante Details unter, und mitunter macht er Anspielungen, die allenfalls für Insider zu verstehen sind.
Auch werden die historischen Zusammenhänge und Abläufe nicht immer ausreichend bzw. nachvollziehbar erläutert, so z. B. die Metamorphose des Militärs Mustafa Kemal zum Politiker Atatürk oder bei der bei der heiklen Frage nach den Massakern an Griechen und Armeniern.

Insgesamt ist aber eine reflektierte und differenzierte Sicht auf Atatürk gelungen(vor allem im lezten Drittel des Buches), wobei mehr Zitate aus der geschichtlichen Forschungsliteratur wünschenswert wären.

Zuletzt noch eine Empfehlung für Leser, die sich für die gegenwärtige Türkei interessieren: Das Heft 313 - "Türkei" aus der Reihe "Informationen zur politischen Bildung" vom Dezember 2011, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung.
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am 14. Januar 2015
Atatürk war ohne Frage eine schillernde Figur. Leider wird der Autor dieser Tatsache in keiner Weise gerecht. Ich habe selten eine so dröge erzählte Biografie gelesen. Das Buch ist so trocken, dass es staubt!

Und als sei das nicht genug, scheint die Biografie nicht mal vollständig zu sein. Ich bin ganz gewiss kein Atatürk-Experte, aber dass die von ihm betriebene Einführung der Familiennamen in der Türkei gerade mal mit ein, zwei Sätzen im Vorwort (!) angedeutet wird, das kommt mir doch etwas dünn vor. Warum wurden Familiennamen eingeführt, woher stammten sie, und wann fand die Einführung überhaupt statt? All dies bleibt leider ungeklärt (1934, erfährt man immerhin in der Zeitleiste im Anhang). Dem Hut-Erlass oder Atatürk's Interesse für Schädelvermessung werden ganze Kapitel gewidmet, und da war kein Platz mehr für die (mindestens ebenso wenn nicht sogar wichtigeren) Familiennamen? Enttäuschend!
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am 6. Januar 2014
Nach der vorangegangenen Lektüre von Kreisers „Geschichte der Türkischen Republik“ wollte ich gerne mehr über die Biografie Atatürks und den Menschen Mustafa Kemal erfahren. Wie kommt es, dass Mustafa Kemal (1881-1938) von den „Alleinherrschern“ der 30-iger Jahre (Mussolini, Franko, Hitler, Stalin), die alle nach bürgerkriegsähnlichen Vorgängen an die Macht kamen, letztlich der Einzige ist, der bis heute in seinem Land höchstes Ansehen genießt und als „Vater der Türken“ nicht einfach in die Reihe der „Diktatoren“ eingereiht werden kann?

Klaus Kreiser zeichnet in der detaillierten und materialreichen Biografie den Werdegang und das politische Wirken von Atatürk auf 300 Seiten nach, was gleichzeitig die Darstellung des Endes des Osmanischen Reiches und die Gründung und Festigung der Türkischen Republik beinhaltet.
Obwohl Kreiser sehr verständlich und klar formuliert, erschwerden die türkischen Namen, Titel und Ortsbezeichnungen die Lektüre. Hilfreich ist es sicher, sich vorher in Kürze mit den Daten der türkischen Geschichte ab 1900 zu befassen und eine Türkeikarte neben das Buch zu legen bzw. die kleine Karte im Anhang einfach herauszulösen. Ein umfangreiches Register zu Personen und Orten sowie ein detailliertes Inhaltsverzeichnis erlauben es, gezielt Episoden seines Lebens auszuwählen.

Die ersten sieben der insgesamt zwölf Kapitel beschreiben den Werdegang von Mustafa Kemal, der in Saloniki geboren ist, einer Stadt geprägt von verschiedenen ethnischen bzw. religiösen Gruppen. Unklar bleibt, inwieweit durch den frühen Tod seines Vaters der Besuch der Militärschule und militärischen Laufbahn die einzig realistische Aufstiegschance bot, die er sehr erfolgreich 1905 an der Kriegsakademie abschloss. Er wird als bildungshungriger Mann mit schriftstellerischen Ambitionen beschrieben, der sich eher an der westlichen Kultur orientiert und sich im Kreise der jungtürkischen Oppositionellen bewegt. Unklar bleibt die „mehrmonatige Haft“ Kemals im Jahr 1905 (Seite 46/47), Kreiser beschränkt sich hier auf die Selbstdarstellung von Kemal in seinen Erinnerungen. Seine Militärkarriere wurde dadurch anscheinend nicht sehr behindert: Stationen waren u.a. Damaskus, 1910 als Beobachter bei einem Manöver in Frankreich, Tripolis, ab Ende 1913 Militärattaché in Sofia. Militärischen Ruhm erringt Kemal 1915 bei der Verteidigung der Halbinsel Gallipoli, was den Entente-Mächten den Eingang zu den Dardanellen unmöglich macht. 1916, inzwischen General (Pascha) mit Hauptquartier in Silvan, an der armenisch-russischen Front eingesetzt, macht er im Dezember 1917 eine Reise mit dem Thronfolger nach Deutschland und wird sogar dem Kaiser vorgestellt, ist bei Krupp in Essen und logiert einige Tage mit der türkischen Delegation im Hotel Adlon in Berlin. Im Frühjahr 1918 wird Kemal zur Kur beurlaubt, nach Behandlung in Wien verbringt er Monate in Karlsbad. Er hat dort viel Zeit für kulturelle Veranstaltungen und Lektüre und kehrt erst Anfang August 1918 nach Istanbul zurück.

Nach dem Waffenstillstand bzw. der „Kapitulation“von Mudros im Herbst und dem Abzug der Deutschen 1918 ist Kemal nach Auflösung seiner Einheit in Istanbul. Der Sultan macht, um seine Position zu erhalten, viele Zugeständnisse an die britische Besatzungsmacht, u. a. wird die Landung italienischer Truppen und die Besetzung Izmirs durch Griechenland hingenommen. Kemal wird Teilhaber einer Zeitung und arbeitet in Zusammenarbeit mit Freunden aus seiner Militärzeit am Aufbau der „Erneuerungspartei“, die im Mai 1919 aber verboten wird. Ende April 1919 geht Kemal nach Anatolien, am 19. Mai kommt er per Schiff an Samsun an. Er soll im Auftrag der Alliierten die Demobilisierung der verbliebenen türkischen Truppen dort organisieren bzw. überwachen.

Diesen Befehl führt er nicht aus, mit der Begründung gegen bewaffnete Banden vorgehen zu müssen, um Sicherheit und Ordnung herzustellen zu können. Ohne weitere Absprache mit Istanbul organisiert er ein Treffen von Militärs in Amasya, wo beschlossen wird, dass es die Integrität des Landes zu bewahren gilt und eine Nationalversammlung einberufen werden soll. Obwohl er aus der Armee ausgestoßen wird, arbeitet er weiter an dem Plan, einen türkischen Nationalstaat zu schaffen. Sein Reformprogramm für die künftige türkische Republik hat er bereits vor Augen. (S. 145/46). Nach Kongressen in Erzurum und Sivas findet dann am 23. April 1920 die „Große Nationalversammlung der Türkei“ in Ankara statt, bei der Kemal zum Versammlungspräsidenten gewählt wird.
Der im August 1920 unterzeichnete Friedensvertrag von Sèvres, der u.a. auch einen armenischen Staat vorsah, hätte die „Resttürkei“ auf ca. ein Drittel Anatoliens reduziert (Karte S. 158).
Das Jahr 1920 ist geprägt von Versuchen des Sultans, die „Revolution“ mit Unterstützung des Kalifen zu stoppen, Kemal und andere werden im fernen Istanbul im Mai 1920 zum Tode verurteilt. Wesentlich bedrohlicher sind für die „Revolutionäre“ die vielen Unruheherde in Anatolien, die Aufstände der Kurden und der Vormarsch der griechischen Armee. Dank der Waffenhilfe und der Kredite aus der Sowjetunion und der beiden siegreichen Schlachten bei Inönü zu Beginn des Jahres 1921 konnte der griechische Vormarsch gestoppt werden. Kemal war inzwischen mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet, die harten Rekrutierungsmaßnahmen und die Beschlagnahmung kriegswichtiger Güter wurden unnachgiebig durchgesetzt. Die Offensiven im Sommer 1922 gipfelten in der Einnahme Izmirs und einem Waffenstillstand und der Vereinbarung einer neuen Friedenskonferenz. Im November beschloss die Nationalversammlung die Abschaffung des Sultanats und damit das Ende des Osmanischen Reiches. Die achtmonatige Konferenz in Lausanne revidiert wesentliche Beschlüsse des Vertrages von 1920 und bestätigt die Grenzen der heutigen Türkei. Die „Revolutionäre“ um Kemal sind anerkannte Vertragspartners und entscheiden sich für Ankara als künftigen Regierungssitz und Hauptstadt. Am 29. Oktober 1923 wird die türkische Republik offiziell ausgerufen und Mustafa Kemal wird ihr erster Präsident.

Die folgenden Kapitel beschreiben eher thematisch geordnet die 15 Herrschaftsjahre von Kemal Atatürk, als Quellen werden meist Redeausschnitte oder Berichte enger Vertrauter angeführt. Kreiser stellt sachkundig die verschiedenen Entwicklungen dar, exemplarisch seien hier genannt: Gründung der CHP-Partei, Ausschaltung der Opposition, Abschaffung des Kalifen und der Bruderschaften, Hutgesetz, Rechtsreform und neue Schrift. Die Persönlichkeit Atatürks wird dabei leider dem Leser kaum deutlich vor Augen geführt. Über Kemals Heirat und baldige Scheidung von Latife wird nur knapp berichtet (S. 194, 254-8), Kemals Einstellung zur Religion („Gretchenfrage“ S. 235) war stets distanziert gewesen zu sein und meist von politischer Taktik bestimmt. Seine Orientierung an westlicher Kultur und Kleidung und seine schon früh vertretene Position der Gleichberechtigung der Frau, das Frauenwahlrecht wird aber erst 1935 eingeführt, scheint sich im Laufe seine umfangreichen Lektüre herausgebildet zu haben.

Das „System Atatürk“ beschreibt Kreiser als Patronagesystem (S. 199), wobei er sich gerne mit Freunden aus der Kriegsakademie und Kriegskameraden im Hause traf, der sog. „Tafelrunde“ bzw. dem „Küchenkabinett“. Dass der Alkoholgenuss für Kemal grenzwertig war und zu seinen gesundheitlichen Probleme seiner letzten Lebensjahre beitrug, spricht Kreiser an (S. 185); auf jeden Fall war der „Gestus des öffentlichen Trinkens“ (S.170) auch ein sichtbarer Ausdruck seiner Haltung zum islamischen Verbot.

Atatürk regelte detailliert die Verwendung bzw. Verteilung seines beträchtlichen Vermögens nach seinem Tode, verzichtete jedoch auf ein politisches Testament bzw. den bewussten Aufbau eines Nachfolgers. Klaus Kreiser bewertet die Türkei ab 1925 als „moderne Autokratie“, die sich jedoch von den faschistischen Diktaturen der 30-iger Jahre deutlich dadurch unterschied, dass an ihrer Spitze kein charismatischer Führer stand, sondern „ein manchmal schüchtern auftretender Oberlehrer“ Atatürk (S. 306). Allerdings ist zu sagen, dass der Personenkult in Form von Denkmälern bereits zu seinen Lebenszeiten einsetzte und von ihm akzeptiert wurde. Es galt die neue türkische Republik in ihrem Bestand auch nach Innen zu sichern und zu bewahren, eine militaristische und expansive Außenpolitik im Sinne der Rückgewinnung verlorenen Gebiete des Osmanischen Reiches war für Atatürk kein Ziel. Die „Unabhängigkeitsgerichte“ gingen hart gegen jede opposionelle Bewegung vor, Minderheiten wurden diskriminiert bzw. waren einem hohen Assimilationsdruck ausgesetzt, jedoch hatte die Herrschaft keinen totalitären Charakter (S. 301) Atatürk sah sich wohl eher als „Vater und Oberlehrer der Nation“, dem es gelungen war, aus dem Untergang des Osmanischen Reiches eine türkische Republik zu schaffen, die durch ein radikales Modernisierungsprogramm Anschluss an Europa und westliche Kultur finden sollte.

Klaus Kreiser hat eine politische Biografie von Atatürk verfasst, die neben den biografischen Grunddaten vor allem seine politische Karriere und seine Leistungen darstellt. Der Mensch Mustafa Kemal bzw. seine Persönlichkeit gewinnen dabei kaum Kontur. Liegt es daran, dass neben den Selbstzeugnissen von Atatürk keine kritischen Quellen mehr vorhanden sind oder bewusst nicht ausgewertet werden? (vgl. Literaturanhang S. 313, wo Kreiser die zugrundeliegende Quellenlage ausführlich diskutiert). Liegt es daran, dass Kreiser weitgehend auf eine Charakterisierung oder Psychologisierung verzichtet und das Private ausklammert? Ipek Calislar hat mit ihrer Biografie über Atatürks Frau Latife dafür gesorgt, dass das beeindruckende Leben dieser modernen und selbstbewussten Frau nicht ganz in Vergessenheit gerät. Latife wird in der Zeit um die Republikgründung als wichtigste „Assistentin“ Kemals dargestellt, wobei unklar bleibt, ob es nicht auch politische Differenzen waren, die zur baldigen Verstoßung führten. Kreiser geht auf diesen Konflikt, der nicht nur ein Ehekonflikt war, überhaupt nicht ein. Man fragt sich, ob Kreiser bei seiner Atatürk-Biografie nicht zu stark Tabus bzw. political correctness verpflichtet war. Als weiteres Beispiel sei angeführt, dass mehrmals von den Adoptivtöchtern von Atatürk gesprochen wird, aber nie klar wird, welche Rolle diese in seinem Leben spielten. Auch fragt man sich, warum sich Atatürk offenbar nie bemüht hat, bewusst einen Nachfolger aufzubauen.

So bleiben für den Leser leider nach der interessanten Lektüre einige Fragen zur Person Atatürks unbeantwortet. Die knappe politische Charakterisierung Atatürks im Epilog ist überzeugend, aber vielleicht hätte sich der exzellente Türkeikenner Klaus Kreiser trauen sollen oder gar müssen, in einem etwas spekulativen Schlusskapitel auch den Privatmann Mustafa Kemal und dessen Einstellungen zu porträtieren. Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Auch nach dieser Lektüre ist Atatürk für mich eher ein "Denkmal" als ein "Mensch".
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am 22. Mai 2013
Atatürk von einem Atatürk-kenner. Nach vielen schlechten Biographien über Atatürk ist dieses Buch mehr als nur notwendig gewesen. Ich danke ihnen Herr Kreiser.
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am 21. Juli 2013
Wer sich Land und Leuten der heutigen Türkei öffnen will, erhält durch den "Atatürk" von Kreiser einen ersten passenden Schlüssel dazu in die Hand.
Atatürk: Held, Offizier, säkulare Technokrat, Osmanenverächter, Spießbürger. Ein "Held" seiner Zeit.
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am 11. November 2013
Diese Biographie beschäftigt sich ausschließlich mit der Person Atatürks - und blendet die allgemeine Entwicklung weitgehend aus! Bis zu diesem Buch hätte ich es nicht für möglich gehalten, eine "Biographie" SO zu schreiben, aber offenbar geht das doch.

Wer auch die Zusammenhänge verstehen will, sollte sich für eine Kurzfassung an Wikipedia halten oder für mehr Informationen an einen anderen Autor.

Schade um die Zeit!
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am 27. Oktober 2013
Ich habe soeben die Biografie zu Ende gelesen und war etwas enttäuscht, weil kaum persönliches von Atatürk darin stand. Nur die politische Laufbahn wird sehr ausführlich beschrieben (was aber auch interessant ist).

Es steht nichts bzw. kaum etwas über seine Adoptivkinder drinn (auf den letzten Seiten werden sie das erstemal vollständig erwähnt), über die Beweggründe, seine Ehe...

Schade, den das finde ich immer am interessantesten.
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am 7. Februar 2014
Klaus Kreiser hat hier wirklich einen grossen Wurf gemacht. Endlich einmal wurde vieles was in anderen Biographien nicht zu lesen war in diesem Werk vereinheitlicht.

Neue Erkenntnisse sehr gut eingebracht, fliessend. Gut zu lesender Text und niemals langweilig.

Ich selber habe 15 Atatürk - Biographien in den letzten 2o Jahren gelesen.
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