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147 von 155 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Weltgeschichtsschreibung par excellence
Es gibt keinen lebenden Zeitgenossen mehr, der das 19. Jahrhundert miterlebt hat. Deshalb handelt es sich bei diesem opulenten Werk von Jürgen Osterhammel um einen großen Glücksfall. Lassen Sie sich vom Umfang des Buches nicht abschrecken - Sie werden traurig sein, wenn Sie mit den gut 1300 Seiten durch sind (die über 200 Seiten Endnoten muss man ja...
Veröffentlicht am 20. April 2009 von Norma Schlecker

versus
45 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen 1. Weniger wäre mehr gewesen. 2. Für wen wurde dieses Buch geschrieben?
Jürgen Osterhammels Buch "Verwandlung der Welt" unternimmt den Versuch, das in jüngster Zeit in der Geschichtswissenschaft diskutierte Konzept der Welt- bzw. Globalgeschichte von der Theorie akademischer Debatten in die Praxis der Geschichtsschreibung zu überführen. Dieser Versuch erfolgt am Beispiel des 19. Jahrhunderts. Jenseits nationalstaatlicher...
Vor 21 Monaten von Irulan Corrino veröffentlicht


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147 von 155 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Weltgeschichtsschreibung par excellence, 20. April 2009
Von 
Norma Schlecker - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 500 REZENSENT)   
Es gibt keinen lebenden Zeitgenossen mehr, der das 19. Jahrhundert miterlebt hat. Deshalb handelt es sich bei diesem opulenten Werk von Jürgen Osterhammel um einen großen Glücksfall. Lassen Sie sich vom Umfang des Buches nicht abschrecken - Sie werden traurig sein, wenn Sie mit den gut 1300 Seiten durch sind (die über 200 Seiten Endnoten muss man ja nicht so gewissenhaft lesen...)
Mich hat die Lektüre von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert. Osterhammel gelingt es hier in einer klaren und gut verständlichen Sprache die Quintessenz des 19. Jahrhunderts herauszuarbeiten. Der Stoff ist nie trocken oder langweilig. Man lernt eine Menge dazu, auch über vorhergehende und nachfolgende Epochen. Hier wird ein Jahrhundert nicht nach Schmema F abgearbeitet (Jahreszahlen, Ereignisse, Personen), sondern als faszinierendes Panorama vor unseren Augen entfaltet. Man erfährt eine Menge über den Alltag (z.B. typische Arbeitsorte, Schulen etc.), was ich immer besonders interessant finde.
Wichtig ist auch, dass es sich bei diesem Buch um eine Weltgeschichte handelt. Natürlich ist die Perspektive relativ eurozentristisch, weil Europa im 19. Jahrhundert eben eine außerordentlich wichtige Rolle gespielt hat, aber Osterhammel geht auch oft von China (er ist Chinaexperte) oder von anderen Ländern aus und zeigt so sehr eindrucksvoll auf, welche unterschiedliche Gewichtung einer Epoche in zwei verschiedenen Kulturkreisen zukommen kann.
In diesem Buch wird ein Jahrhundert lebendig, das eine Vielzahl bedeutender Veränderungen mit sich brachte.
"Die Verwandlung der Welt" ist nicht nur für Akademiker eine interessante Lektüre, sondern für alle, die sich für (Welt)Geschichte und Kulturwissenschaften interessieren.
Ich werde das Buch auf alle Fälle immer wieder zur Hand nehmen.
Sehr zu empfehlen!
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68 von 74 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wer und was wir sind..., 11. Dezember 2009
Von 
Niclas Grabowski "niclas grabowski" (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Es gibt Bücher, die begleiten einen über einen Zeitraum im Leben, und vieles von dem, was man in dieser Zeit erlebt, wird mit dem, was man liest, in Zusammenhang gesetzt. Und das eröffnet einem dann neue Horizonte, man sieht mit anderen Augen, man versteht Dinge, die man sonst nicht verstanden hätte. Meist sind es die großen, berühmten und langen Romane, von Thomas Mann, von Max Frisch, Thomas Pynchon oder auch von John Irving, bei denen das mir so geht. Doch hier, bei "Die Verwandlung der Welt" war es zum ersten Mal ein Sachbuch, das bei mir diesen Effekt hatte.

Dabei liegt der Grund nicht, jedenfalls nicht nur, in der Länge des Buches. Fast drei Monate hat dieses Buch begleitet. Während dieser Zeit haben mich die Themen dieses Buches kaum losgelassen. Das hat viel Zeit gekostet. Und noch schlimmer, es hat mich auch noch ständig zum Querlesen, zum Nachschlagen in anderen Büchern verführt. Dabei scheint das Thema doch eigentlich trocken zu sein. Laut Untertitel wird hier die Geschichte des 19. Jahrhunderts erzählt. Aber schon das ist eigentlich ungenau. Denn erzählt wird auch schon viel über die amerikanische Unabhängigkeit und die französische Revolution, und auch der Kolonialismus nach 1900 und der Weg zum 1. Weltkrieg kommt nicht zu kurz. Offenbar geht es hier also um ein Jahrhundert, welches mindestens 150 Jahre dauert.

Aber vielleicht ist es gar nicht mal so die Vergangenheit, um die es hier geht. Der eigentliche Titel des Buches, "Die Verwandlung der Welt" trifft es hier viel besser. Es geht dem Autor offenbar darum, zu beschreiben und zu begründen, warum unsere heutige Welt so ist, wie wir sie jetzt erleben. Warum sehen unsere Städte so aus, wie sie heute aussehen? Warum sind sie so groß geraten, haben eine so komplexe Infrastruktur, haben eine Funktion im einem eigenen, globalen Netzwerk, das die großen Metropolen untereinander oft mehr zu verbinden scheint, also diese mit dem Land um sie herum verbunden sind? Warum erleben wir ein ungebremstes Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern, dass historisch ohne Beispiel ist, während ein anderer Teil der Welt Probleme mit der Überalterung und fehlendem Nachwuchs hat (was historisch zumindest selten war)? Wie sind die Massenmedien entstanden, so wir wie sie heute kennen? Wie erklärt sich die merkwürdige Verteilung von Armut und Reichtum in dieser Welt, und ist die Ungleichverteilung eine historische Konstante oder gibt es Alternativen zu der heutigen, spätkapitalistischen Welt? Sind Kapitalmärkte eine temporäre, historische Erscheinung oder einfach eine unvermeidliche Notwendigkeit, wie uns viele Politiker in den letzten Jahren weismachen wollten? Und vielleicht der aktuell spannendste Punkt: Was hat es eigentlich auf sich mit der merkwürdigen Hegemonie der Anreinerstaaten des nördlichen Atlantiks über den Rest der Welt? Der Überlegenheit der "Westlichen Zivilisation"? Und wenn wir über deren Voraussetzungen im 19. Jahrhundert sprechen: Dauern diese eigentlich heute noch an?

Ich persönlich habe ein Gefühl, dass mit diesem Buch eine Art von Standardwerk entstanden ist. Nicht so sehr als Nacherzählung der Geschichte des 19. Jahrhunderts, sondern eher als eine Erklärung der Ursprünge unserer eigenen Zeit. Diese zu verstehen, sich damit selbst zu verstehen, das könnte uns bei vielen aktuellen Konflikten wirklich weiter helfen. Meine Befürchtung ist nur, dass leider viel zu wenige Menschen in unserer Gesellschaft sich die Zeit nehmen werden, sich ernsthaft mit diesem Buch und seinen Inhalten auseinander zu setzen.
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58 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein faszinierendes Mosaik, 19. April 2009
Von 
Petra Rehder (München) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Es gibt wohl außer dem Autor nicht viele, die die 1568 Seiten dieses Buches von Anfang bis Ende gelesen haben. Man muss auch nicht alles lesen. Die brillanten einleitenden Überlegungen zur medialen, zeitlichen und räumlichen Wahrnehmung des 19. Jahrhunderts (z.B. 'Photographie', 'Uhr und Beschleunigung', 'Die Namen der Räume') sollte man sich allerdings nicht entgehen lassen.
Danach lässt sich jeder Ausschnitt aus den dargebotenen 'Panoramen' (etwa 700 S.) und jedes der umkreisten 'Themen' (ca. 400 S.) auch für sich oder in einer individuell gewählten Reihenfolge lesen. Strafkolonien, demographische Katastrophen, Seuchenprävention, Hafenstädte, Lohnarbeit, Alphabetisierung, Säkularisierung ' wo liest man sich fest in dieser geistreich und scharfsinnig berichteten, erzählten, analysierten Fülle? Besonders spannend wird es m. E. da, wo man als durchschnittlicher Bildungsbürger eigentlich schon einiges weiß ' aber es vielleicht noch nie in so einer so originellen globalen Synopsis zusammen-geschaut hat.
Etwa: Schwarze Sklaven in Nordamerika, natürlich, das kennen wir aus dem Englischunterricht, aus 'Vom Winde verweht' und aus arte-Dokumentationen. Offizielle Ächtung 1888. Aber wer weiß schon, dass der Sklaventransfer von Afrika z.B. nach Brasilien oder in die Karibik mindestens so ausgeprägt war, ja, nicht abbrechen durfte, weil die Sklaven sich dort, anders als in den USA, nicht selbst vermehrten? Und dass Sklavenhandel und -haltung in Afrika selbst und bis auf die Arabische Halbinsel in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts noch einen weiteren Aufschwung nahmen und bis ins 20. Jahrhundert hinein dauerten?
Oder: Pferdebusse und Pferdetrams in New York oder Paris oder London. Selbst die ersten U-Bahnen wurden von Pferden durch die Tunnel gezogen. Ab 1888 (s.o.) fuhren die ersten elektrischen Straßenbahnen, die sepiafarbenen Photos kennen wir. Aber nicht die enorme Umwälzung, die nun stattfand, da Hunderte von Pferdeställen, Tonnen von Pferdefutter und Pferdemist und Berge von Tierkadavern kein logistisches Problem mehr waren.
Zwei kleine Mosaikteile. Hut ab vor Jürgen Osterhammels Gespür und Geduld, diesen riesigen Berg von Mosaiksteinchen zum langen 19. Jahrhundert zu sichten, zu ordnen und zusammenzufügen.
Diese Steinchen wiegen viel, alle in einem einzigen Buch von über anderthalb Kilo. Nicht gerade eine leichte, handliche Bettlektüre. Aber in drei oder vier Einzelbänden ließe sich nicht so herrlich schmökern.

P.S.: Ich habe alle 1568 Seiten gelesen. Sogar zweimal, denn ich habe das Opus maximum redigiert und Korrektur gelesen. Und war zweimal so fasziniert, dass ich mögliche Druckfehler (natürlich, die gibt's immer) deshalb übersehen haben könnte.
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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht vermessen, aber eine Vermessung der Welt, 9. April 2010
Vieles wurde von den RezensentInnen an dieser Stelle schon zutreffend gesagt.
Ein wesentlicher Aspekt besteht m.E. darin, dass der Autor zumindest versucht, die Perspektive vom "Westen" wegzurücken und auf die übrigen Kulturräume, soweit sie einer Geschichtsschreibung zugänglich sind, zu verschieben. So entsteht beim Leser das Gefühl für eine scheinbar paradox anmutende "Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen". Es liesse sich fragen, welcher Begriff von "Fortschritt" - wenn überhaupt - welcher Kultur zugrunde liegt.
Das Buch ist nichts weniger als gewissermassen eine "Vermessung der Welt", indem Osterhammel die Koordinaten seiner Untersuchung deutlich definiert, innerhalb derer er sich erzählend bewegen will. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis erhellt das Verfahren. Hochspannend sind z.B. die Einlassungen über "Imperien" und "Nationalstaaten", die Überlegungen zu "Frontiers", zu Städten usw. Ist etwa der verfasste Staat, gemäss der uns vetrauten Definition in afrikanischen Gesellschaften ein taugliches Modell ?
Naturgemäss lässt sich das Buch auch als Geschichte der Globalisierung lesen, deren Anfänge allerdings noch weiter hinter den untersuchte Zeitraum zurückreichen. Osterhammel weist, wo nötig, auch immer in beide Richtungen über den kalendarischen Raster hinaus.
Dieses Werk ist für den Laien ein Lehrstück dessen, was moderne Historiographie leisten kann und kaum verzichtbar für jene, die eine tiefere Vorstellung von der heutigen bewohnten Welt haben möchten.
Keinesfalls sollte man sich aber von Umfang und Preis abschrecken lassen. Es ist die Mühe - hier eher ein grosses Vergnügen - und die Kosten allemal wert.
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56 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein beeindruckendes Beispiel zeitgemäßer Weltgeschichtsschreibung, 13. April 2009
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Jürgen Osterhammel ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz und hat sich in der Vergangenheit mit zahlreichen Veröffentlichung zur europäischen und auch asiatischen Geschichte nicht nur in der Fachwelt einen Namen gemacht, sondern darüber hinaus viele Leser gefunden in dem Kreis der Zeitgenossen, die sich für Geschichte, ihre Hintergründe und ihre Treppenwitze interessieren.

Im Unterschied zu den herkömmlichen Werken über das 19.Jahrhundert ( fast jeder renommierte Historiker, der etwas auf sich hält, hat über diese wichtige Epoche ein Buch veröffentlicht) hält sich Osterhammel nicht an den großen Gestalten fest, wenn der Anfang dieser Epoche beschrieben werden soll. Sein eingängiger und gleichzeitig systematisch-komplexer großer Entwurf einer Weltgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts beginnt statt dessen mit der Erinnerung an ein Ende, nämlich den Tod von Darwins Schildkröte Harriet, die 2006 in Australien gestorben ist. Mit ihr, so Osterhammel sei der letzte, zwar stumme Zeuge des 19.Jahrhunderts nicht mehr unter den Lebenden.

Dies ist nicht die einzige Geschichte und Episode, mit der Osterhammel aufwartet, sondern er erklärt an vielen konkreten, sehr klug ausgewählten Beispielen den von ihm herauszuarbeitenden Charakter dieser Epoche, die die Welt verwandelte. Er drängt dem Leser nichts auf, eher bietet er es ihm an, was das Buch zu einer spannenden und über weite Strecken auch kurzweiligen Lektüre macht.

Es geht ihm nicht um Teleologie, sondern darum, gleichsam enzyklopädisch alle möglichen Veränderungen in allen Teilen der Welt zu erfassen, um schließlich zu fragen, in welche Richtung sie zeigten. Seine Überprüfung fördert immer wieder erstaunliche globale Parallelen zu Tage, aber auch deutliche Kontraste.

Er verdichtet diese Beobachtungen immer wieder zu raffinierten Analysen. Sie sind ein wahrhaft intellektuelles Erlebnis, bereiten ein großes Lesevergnügen. Von diesem noch relativ jungen Historiker, der schon jetzt ein beachtliches Werk vorzuweisen hat, darf man mit Fug und Recht in der Zukunft noch weitere Beispiele zeitgemäßer Weltgeschichtsschreibung erwarten.
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23 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lebendige Geschichte für Jedermann, 22. Januar 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich habe mir dieses Buch im Zuge einer Lehrveranstaltung meines Studiums gekauft. Doch etwas erschrocken war ich über den Umfang des Buches, zumal die Schriftgröße auch eher klein ist. Auch der Kaufpreis ist für einen Studenten wie mich nicht gerade günstig und wer nicht regelmäßig seine Arme trainiert wird mit der Handhabung auch seine Probleme haben. Sinnvoll wäre die Benutzung eines Foliantenhalters, oder der Verlag unterteilt das Buch in einzelne Bände.

Tatsächlich entpuppte sich das Buch als eine interessante Lektüre, obwohl ich in der Freizeit eher Fantasybüchern und historischen Romanen den Vorzug gebe, las ich das Buch mit stetigem Interesse und würde es an diesem Zeitpunkt auch als gute Freizeitlektüre bezeichnen, wenn man sich für den geschichtlichen Inhalt interessiert. Viele Fachbücher, die im Rahmen universitärer Kurse angepriesen und vorausgesetzt werden, sind schwer zugänglich und staubtrocken geschrieben. Osterhammels Buch hingegen liest sich wie ein anspruchsvoller Roman und schafft ein Werk, welches ich als "Infotainment" bezeichnen würde. Da die Kapitel inhaltlich nicht zwingend aufeinander aufbauen, sondern auch getrennt und unabhängig gelesen werden können, bietet es sich auch als Nachschlagewerk für Abiturienten oder Studenten an.

Zusammenfassend also eine 5-Sterne-Bewertung mit Vorbehalt wegen des Preises und der Handhabung.

Hier eine kurze Zusammenfassung des Buches, die mit meiner Rezension nichts mehr zu tun hat

Das opulente Werk 'Die Verwandlung der Welt' von Jürgen Osterhammel erzählt die Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts auf eine facettenreiche und schwungvolle Art und Weise. Aus einer Vielzahl von Quellen und unterschiedlicher Blickwinkel gibt er einen tiefreichenden Einblick in die Zeitepoche des 19. Jahrhunderts. Er beschreibt dieses Epoche als das erste globale Jahrhundert und das letzte europäisch dominierte.
Das Ziel seines Buches ist eine Abweichung von der traditionellen eurozentrischen Geschichtsdokumentation und das Aufzeigen von Strukturen und Mustern, Gemeinsamkeiten und Unterschieden, Zäsuren und Kontinuitäten. Dadurch entfernt sich sein Werk von den Standartbegriffen des Kolonialismus und Industrielle Revolution und zeichnet einen weitaus umfassenderen Rahmen, der Natur-Menschbeziehungen, Krankheit und Andersartigkeit, Besonderheiten von Urbanisierung, unterschiedliche Formen von Bürgerlichkeit, Migration und Sesshaftigkeit sowie Religiosität und Säkularisierung mit einbezieht. Er betrachtet weniger die traditionell betrachteten Ereignisse wie Schlachten, Krisen etc. sondern vielmehr weltweit entstehende Phänomene und Ereignisse und versucht diese miteinander in Beziehung zu bringen. Dabei stellt Osterhammel immer wieder einen Bezug zur Realität her und verlässt auch bei geschichtlichen Rückblicken immer wieder bewusst das Zeitfenster des 19. Jahrhunderts. Ihm zufolge können Prozesse und Kontinuitäten im 19. Jahrhundert nur verstanden werden, wenn sie in ihrer Gesamtheit Epochen übergreifend betrachtet werden. Sein Buch hat dadurch den nicht geringen Anspruch, dem Leser eine weltgeschichtliche Perspektive aufzuzeigen, indem er von Europa beginnend unter einer Vielzahl von Aspekten über den Erdball schweift und die Herauslösung von Japan, China und den USA aus der Peripherie beschreibt.
Er beginnt seine Erzählung mit dem Hinweis, dass mit Schildkröte Hariett, die Charles Darwin von seinen Forschungsreisen mitgebracht hatte, im Jahr 2006 die letzte Zeitzeugin des 19. Jahrhunderts gestorben war. Tatsächlich gibt diese Geschichte eine inhaltliche Vorschau über eine Vielzahl von Hauptthemen aus seiner Erzählung: Die Archivierungsleidenschaft des 19. Jahrhunderts, ohne die man nicht gewusst hätte, wer Hariett ist, die Wanderungen von Sträflingen, Arbeitern und Unternehmern, Forschungsreisen von Wissenschaftlern und die Jagt auf Kulturschätze aus fernen Ländern sowie deren Verteilung in Museen rund um den Globus, auf dem Imperien die entlegensten Orte miteinander verbanden. Wie der Titel des Buches vorwegnimmt, geht es Osterhammel nicht um eine teleologische Erzählung von Nationalismus, Kolonialismus, Modernisierung, Standardisierung und Globalisierung sondern um die Erfassung weltweit beginnender Prozessen, in denen er Parallelen und Unterschiede aufzeigt. Darüber hinaus stellt er die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten der Geschichtsschreibung, Chronologie und Geographie mentaler Landkarten als orts- und zeitgebundene Vorurteile in Frage. Als Beispiel nennt Osterhammel die Französische Revolution, die außerhalb von Europa kaum zu spüren war und fokussiert seine Inhalte eher auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhundert, auf das Victorianische Zeitalter und das 'fin de siécle' wie er es nennt.

Er arbeitet fünf wesentliche Merkmale des 19. Jahrhunderts hervor:

1. Technologischer Fortschritt unterteilt die Welt in arm und reich
2. Wachsende Mobilität durch die Eisenbahn
3. Kommunikative Vernetzung durch Telegraphen
4. Spannung zwischen Gleichheit und Hierarchie
5. Emanzipation

Die Kapitel des Buches bieten ein Panorama der Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts von Lebensverhältnissen und -chancen der Bevölkerung sowohl in der Stadt als auch auf dem Land, insbesondere in den kolonialisierten Bereichen der Welt. Naheliegend ist auch die Fokussierung auf die Gebiete des amerikanischen, afrikanischen und asiatischen Kontinents und weniger auf die europäischen Nationalgeschichten.
Ein bedeutendes Thema für Osterhammel ist die Sklaverei sowie deren schrittweise Abschaffung im 19. Jahrhundert und die daraus in Verbindung stehenden Diskussionen und deren Bedeutung in den Gesellschaftsteilen. Auch hier zeigt sich Osterhammels Vorgehensweise beim Aufzeigen von Parallelen und Unterschieden, wenn er den Anstieg der Sklaverei in Teilen Südamerikas gleichzeitig mit dem Abklingen auf dem Nordamerikanischen Kontinent vergleicht.
Im Zusammenhang mit dem technischen Fortschritt durch Eisenbahnen, Dampfschiffe und Telegraphen, äußert Osterhammel seine wohl provokanteste These: Das 19. Jahrhundert sei weniger eine Epoche von Nationalstaaten und Nationalismus, sondern vielmehr eine Epoche von zukunftsträchtigen Imperien, die erst im 20. Jahrhundert entweder untergehen (Deutschland), sich umstrukturieren (China) oder von anderen beerbt werden (Großbritannien). Interessant in diesem Zusammenhang ist die Einbeziehung nicht nur der großen Reiche wie Großbritannien, Russland oder China, sondern auch der Staaten, die in der traditionellen Geschichtsschreibung als 'neue Nationalstaaten' bekannt sind.
Diese These belegt er später durch den Vergleich der unterschiedlichen Definitionen von Nationalstaaten mit der Realität von Staats- und Bevölkerungsstrukturen, verfällt aber nicht dazu den Nationalismus als Hauptthema des Buches zu verwenden.
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36 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr gut, nicht nur für Fachpersonen, 23. April 2009
Von 
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Buch ist zwar sehr umfangreich, kann aber auch Abschnittweise gelesen werden, dank der sehr guten Strukturierung. Die einzelnen Abschnitte lassen sich demnach auch einzeln genießen - in etwa wie die Artikel einer detaillierten Enzyklopädie.

Der Autor, Professor in Konstanz, ist einer der modernen, in der Regel jüngeren Historiker, die sich um eine objektive (quasi naturwissenschaftliche) Verankerung ihres Fachs bemühen. Dementsprechend spielt bei ihm der theoretische Zugang zu den untersuchten Ereignissen die entscheidende Rolle: der erste Teil, "Annäherungen", ist der Technik gewidmet, dem Instrumentariums moderner Geschichte, und ich fand seine Ausführungen äußerst spannend.

Man untersucht ja Dinge, die sich in Raum und Zeit zugetragen haben. In welcher Koordinate soll der Historiker also den Schnitt legen: in der Zeit (gewisse Epoche) oder im Raum (Land, Reich, Kontinent, etc)? Untersuchungen, die beides wollen, also ausschöpfend in Raum und Zeit sein möchten, ufern leicht aus.

Der Autor entscheidet sich für eine flexible Mischtechnik, indem er sich relevante Themen vornimmt (etwa: Presse, Religion, Lebensbedingungen, etc), welche er am Beispiel einiger Kulturen vorstellt. Wie hat sich die freie Presse in Europa, Asien und Amerika entwickelt? Diese Regionen sind in etwa seine Leitmotive: Asien und Amerika als Vergleichsterme sorgen dafür, dass das Alte Kontinent nicht mehr als "Nabel der Welt" gilt, und ermöglicht einen globalen Blick.

Auf diese Weise entsteht ein Gesamtbild, aber nicht aus unzähligen Punkten, auch nicht aus groben Linien, sondern aus "Farbtupfern". Es erinnert mich an die impressionistische Malerei, oder an ein grobes Pixelbild, auf dem man zwar Details vermissen mag, aber dafür eine gute Vorstellung der Ganzen bekommt, auch in dynamischer Hinsicht. Für meine Begriffe eine effektive und faire Technik - sehr erfrischend.

Nicht zufällig wird die naturwissenschaftlich geschulte Leserschaft viele der verwendeten Begriffe wieder erkennen: Speichermedien, Statistik, Sattelzeit, Uhr und Beschleunigung, Raum/Zeit, Metageographie, Relativität von Raumvisionen, Interaktionsräume, etc - um einige Stichworte aus dem ersten Teil zu nennen.

Mein Fazit: ein sehr gutes Buch, welches nicht nur Fakten vermittelt (obgleich dieser Aspekt wahrlich nicht zu kurz kommt), sondern auch zum Nachdenken anregt. Ein Buch, das man nach der ersten Lektüre sicherlich nicht im Regal wird verstauben lassen, sondern immer wieder mal hervorholen wird, um sich gut zu unterhalten - und um sich seine Gedanken zu machen.

Einziger Minuspunkt (wofür der Autor freilich nichts kann) durfte der Preis sein. Für Bibliotheken und Fachleute kein Problem, aber welcher Student/Studentin oder gar 'Otto-Normalleser' wird diese Anschaffung en passant tätigen? Hohe Verkaufszahlen hätte das Buch jedenfalls verdient.
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45 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen 1. Weniger wäre mehr gewesen. 2. Für wen wurde dieses Buch geschrieben?, 27. März 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts (Gebundene Ausgabe)
Jürgen Osterhammels Buch "Verwandlung der Welt" unternimmt den Versuch, das in jüngster Zeit in der Geschichtswissenschaft diskutierte Konzept der Welt- bzw. Globalgeschichte von der Theorie akademischer Debatten in die Praxis der Geschichtsschreibung zu überführen. Dieser Versuch erfolgt am Beispiel des 19. Jahrhunderts. Jenseits nationalstaatlicher Blickverengungen und einer einseitigen Bevorzugung des Westens (Europa, USA) eröffnet Osterhammel auf 1.300 Seiten ein gewaltiges historisches Panorama des Zeitalters zwischen Französischer Revolution und Erstem Weltkrieg. Alle Kontinente und Kulturkreise werden berücksichtigt, schwerpunktmäßig werden indes nur Europa, die USA, China, Japan und Indien behandelt. Rußland, Lateinamerika und das Osmanische Reich tauchen gelegentlich auf; die arabische Welt und Afrika kommen am kürzesten weg. Alle Bereiche menschlicher Existenz werden in der einen oder anderen Weise thematisiert, von der Politik- und Wirtschafts- bis hin zur Sozial- und Kulturgeschichte. Es kann sich im Folgenden nicht darum handeln, detailliert auf den Inhalt des Buches einzugehen. Vielmehr soll es hier um einige allgemeine Beobachtungen gehen, die sich während der Lektüre ergeben, und vor allem um die Frage, ob das Buch dem selbstgestellten Anspruch der "Historischen Bibliothek der Gerda-Henkel-Stiftung" gerecht wird, eine "große Leserschaft" anzusprechen.

Osterhammels enzyklopädischer Ansatz hat gravierende Nachteile. Manche Kapitel sind von stark aufzählendem Charakter und konfrontieren den Leser mit einer sehr dichten Faktenfülle, was bei der Lektüre mitunter rasch ermüdet. Über weite Strecken wirkt das Buch wie ein in Prosaform überführter Zettelkasten. Osterhammel hat sich unzweifelhaft großes Wissen angeeignet, aber müssen dem Publikum wirklich alle Lesefrüchte mitgeteilt werden? Ist wirklich alles gleichermaßen wichtig? Erweist sich die Könnerschaft eines Autors nicht auch im Auswählen und Weglassen, im Abwägen des Wichtigen und weniger Wichtigen? Müssen die Oper und der Walfang unbedingt in ein und demselben Buch behandelt werden, nur weil beide im 19. Jahrhundert eine Blüte erlebten? Einmal mehr drängt sich der Verdacht auf, daß deutsche Lektoren den Gebrauch des Rotstifts verlernt haben, vor allem wenn ihnen Manuskripte von Historikern vorliegen, die sich bereits einen Namen gemacht haben. Streichungen und Kürzungen sind dann offensichtlich nicht mehr zumutbar. Deutsche Lektoren sollten sich ihre britischen Kollegen zum Vorbild nehmen, die viel beherzter in Manuskripte eingreifen - zum Nutzen der Bücher und vor allem der Leser. Ein Buch ist kein Gemischtwarenladen und sollte deshalb nicht mit tausenderlei Dingen vollgestopft werden.

Kurzum: Das Buch ist viel zu lang und viel zu umfangreich. Es behandelt so viele Themen und Aspekte, es eröffnet so viele faszinierende Perspektiven und gibt so viele Anregungen zum Nachdenken, daß eine einmalige Lektüre gar nicht ausreicht. Wer am Ende des Buches angekommen ist, hat vergessen, was er 1.000 Seiten zuvor gelesen hat. Um es vollauf würdigen und seinen Inhalt durchdringen zu können, müßte man das Buch mindestens zweimal lesen und dabei jedes Kapitel mit dem Bleistift in der Hand durcharbeiten. Aber welcher Leser hat heutzutage genug Zeit, um ein solches Mammutwerk mehrfach zu lesen und gründlich durchzuarbeiten? Unser aller Lebens- und Lesezeit ist begrenzt. Andere Bücher wollen auch gelesen werden. Das sollten jene Historiker bedenken, die das Publikum mit "Ziegelsteinen" von mehr als 1.000 Seiten Umfang beglücken (der gleiche Hang zu Gigantomanie und ungezügelter Weitschweifigkeit ist u.a. bei H.A. Winklers "Geschichte des Westens", Wolfram Pytas "Hindenburg" oder auch den Himmler- und Goebbels-Biographien von Longerich zu beobachten).

Wie bei so vielen deutschen Historikern ist auch bei Osterhammel unklar, für welches Publikum er eigentlich schreibt. Wäre das Buch in einem Wissenschaftsverlag erschienen, würde sich diese Frage nicht stellen. Es ist aber in einem der bekanntesten deutschen Publikumsverlage erschienen. Einleitung und Nachwort geben jedoch keinerlei Hinweis auf das anvisierte Publikum. Studierende und historisch interessierte Laien dürften von den ständigen Sprüngen von Kontinent zu Kontinent und von Land zu Land bald überfordert sein. Mal geht es um das Osmanische Reich, ein paar Zeilen weiter aber um Japan und auf der nächsten Seite um die USA. Osterhammel bietet wenig ereignisgeschichtliche Kontextualisierung, setzt also ein immenses Vor- und Hintergrundwissen voraus. Für den durchschnittlichen Leser dürfte die Geschichte Lateinamerikas, Chinas oder Japans im 19. Jahrhundert jedoch eine Terra incognita sein. Wer hat hierzulande je vom Taiping-Aufstand gehört, der China um 1850 erschütterte? Wer kennt sich mit der schrittweisen Kolonisierung Indiens durch die Briten aus? Es ist schon schwierig genug, die Geschichte der europäischen Staaten und Rußlands im 19. Jahrhundert zu überblicken. Osterhammel stellt dies nicht in Rechnung. Er sah bei der Niederschrift offenbar einen universell gebildeten Leser vor sich, den es in der Realität natürlich nicht gibt. Bei der Vergegenwärtigung historischer Schauplätze in Ost und West schießt der Autor gelegentlich übers Ziel hinaus. Welchen Sinn hat es, die französische Kolonialarchitektur im vietnamesischen Hanoi zu beschreiben, die kaum ein Deutscher je mit eigenen Augen gesehen hat? Ohne Bildmaterial sind solche Beschreibungen nutzlos.

Das gesamte Buch ist nicht narrativ angelegt, sondern streng analytisch und problembezogen. Es präsentiert keine Geschichte, wenn man unter Geschichte eine Erzählung versteht, die sich durch die Einheit von Schauplatz, Zeit und Akteuren auszeichnet. Es ist ein typisches "Wissenschaftlerbuch", d.h. es holt den Leser nicht dort ab, wo er steht, sondern thront auf einem hohen Podest, zu dem der Leser sich emporzustrecken hat. Wie jedes "Wissenschaftlerbuch" behandelt auch Osterhammels Buch vieles, das allenfalls für Fachhistoriker, kaum aber für das nichtakademische Publikum von Interesse ist. Das Werden und Vergehen von Imperien, die Entstehung von Nationalstaaten, interkulturelle Transfers, Kolonialismus und Zivilisierungsmissionen, Migration, die Frontier-Problematik, das Konzept der Proto-Industrialisierung - all das sind Dinge, die innerhalb der Geschichtswissenschaft debattiert werden, aber wohl kaum von Laien. Was für das nichtakademische Publikum interessant sein könnte, darüber denken deutsche Historiker generell zu wenig nach. Periodisierungs- und Definitionsfragen, wie sie Osterhammel aufwirft (Wie ordnet man das 19. Jahrhundert in die Neuzeit ein? Was ist eine Revolution? Was ist ein Imperium? Was ist Bürgertum? usw.), vermögen Fachleute zu erregen, sind für Laien aber ohne Belang.

Fazit: Für Fachhistoriker, die das nötige Rüstzeug mitbringen, um den Inhalt des Buches angemessen verarbeiten zu können, ist Osterhammels Werk eine unerschöpfliche Fundgrube an erhellenden Einsichten und anregenden Interpretationen. Dem auf Europa spezialisierten Fachmann bietet das Buch eine großartige Erweiterung des Horizonts. Die meisten deutschen Historiker blicken noch immer zu wenig über den europäischen bzw. westlichen Tellerrand hinaus. Wer das Buch bewältigt hat, wird die Welt des 19. Jahrhunderts fortan mit anderen Augen betrachten und die zum Klischee gewordene Dichotomie vom fortschrittlichen Westen und dem rückständigen "Rest" überdenken. Ob hingegen historisch interessierte Laien Freude an diesem Buch haben, muß bezweifelt werden. Es ist eben kein "Lesebuch", kein Buch, das einen roten Faden und einen Spannungsbogen besitzt und eine in sich geschlossene Geschichte erzählt. Letztlich ist das Buch doch zu wissenschaftlich, um einen breiten Leserkreis jenseits der Fachwelt ansprechen und unterhalten zu können. Daran ändert leider auch Osterhammels angenehm einfacher und gut lesbarer Schreibstil nichts.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Stellung der Weichen für die Moderne, 10. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts (Gebundene Ausgabe)
Welch ein umfassendes Buch. Schon der äußere Eindruck erschlägt fast. 1307 Seiten, zudem 260 Seiten Anhang (bestens aufbereitet übrigens unter Anmerkungen, einem ausführlichem Literaturverzeichnis, einem Personen- Sach- und Orts- Register). All dies weist zunächst auf eine ungeheure Fleißarbeit des Autors hin, ein Eindruck, der sich von der ersten Seite an bestätigt. In den gewählten Themen, der gründlichen Annäherung an jedes Thema und den vielfachen Verästelungen, denen Osterhammel nachgeht wird deutlich, dass so gut wie alles, was es zum 19. Jahrhundert, dieser entscheidenden, geschichtlichen Epoche auf dem Weg zur Moderne weltweit, zu sagen gibt, im Buch besprochen wird (und gefunden werden kann).

Mehr als nur ein oberflächliches Bild wesentlicher Züge des 19. Jahrhunderts bietet das Buch, bei weitem mehr. Immer und immer wieder versteht es Osterhammel, einerseits in die Tiefe seiner dargestellten Universalgeschichte vorzudringen, ohne andererseits seinen leitenden, roten Faden zu verlieren. Denn nicht nur die industrielle Revolution, der Beginn von Mobilität und wesentliche Werke der Kunst- und Kulturgeschichte finden in diesem Jahrhundert Höhepunkte und Transformationen, auch die Veränderung der zu Beginn des Jahrhunderts noch vorherrschenden Zentriertheit auf Europa hin zu Amerika, aber auch Afrika und Asien findet sich in diesen Jahren des radikalen Wandelns gesellschaftlichen und geschichtlichen Lebens angelegt. Allein schon die Darstellung und Auswertung Forschungsreisen des 19. Jahrhunderts, die die Welt mehr und mehr bekannt machten, an die entlegenen Winkel der Erde vordrangen, dabei nicht nur exotisches Material mitbrachte, sondern auch vielfältige kulturelle Eindrücke und Ideen (die Osterhammel natürlich benennt und in ihren Folgen aufzeichnet) und damit die ersten Schritte zu einer weltweiten Vernetzung einleiteten ist im Kern ein Lehrbuch an sich.

Aber auch die für sich stehende, hervorragende Einleitung und Annäherung an das geschichtliche Thema mit ruhigen, ausführlichen Darstellungen zur medialen Lust (und Sucht) der Zeit, zur Einordnung des genauen zeitlichen Rahmens (wunderbar hier das Kapitel über die Uhr und die damit einhergehende subjektive Beschleunigung der Zeit) und der ein wenig exotisch anmutende, in der Umsetzung aber ein wesentlicher Teil zur grundlegenden Verortung des 19. Jahrhunderts mit seiner lange Zeit aufrechterhaltenen "Miltärgrenze" zum sogenannten "Orient" hin darstellt. Neue Blickwinkel eröffnet Osterhammel hier durchaus, indem er vermeintlich geschichtliche Selbstverständlichkeiten auf ihre tatsächliche Wirkung hin überprüft.

Vielfältige, konkrete Beispiele nutzt Osterhammel, um seine Wertungen und Folgerungen prägnant zu untermauern, gerade in der Vielfalt der Fakten und der überaus klugen Darstellung der Wechselbeziehungen erhält das Buch eine tiefe Anschaulichkeit und birgt fundierte Einsichten in die tatsächliche Lebenswirklichkeit der Zeit und folgert aus diesen, sich massiv verändernden, Lebenswirklichkeiten jene Linien heraus, die das Gesicht der Welt bis zum heutigen Tag mitprägten.

Chronologisch übrigens ist das Buch nicht angeordnet, gerade hier liegt der besondere Reiz der je konzentrierten Darstellung der wesentlichen Themenbereiche. Sesshafte und Mobile in ihrer dynamischen Reibung mitsamt der Aufbruchstimmung gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ein genauer Blick auf die Lebensstandards mit ihrem immensen Gefälle zwischen Arm und Reich, der Suche nach Sicherheit und der, fast notwendigen, Bereitschaft zu Risiken sind ebenso Gegenstand ausführlicher Betrachtung, wie der Siedlungskolonialismus, die Stabilität der Imperien (und was solche überhaupt ausmacht), die damit einhergehenden Konkurrenzen, und, und, und.

Jürgen Osterhammel ist in allen Teilen gelungen, was er sich vorgenommen hat, eine globalgeschichtliche Darstellung einer Zeiten wendenden Epoche, die in sich ruhig und stabil an vielen Orten zunächst wirkt und dennoch der Nährboden für vielfache, dynamische Entwicklungen gewesen ist. Das Buch wird in seiner Tiefe und seinem thematischen statt chronologischen Ansatz zu Recht als Meilenstein geschichtlicher Darstellungen angesehen und liegt hier bereits in 6. Auflage vor. Zudem ist es Osterhammel ebenfalls gegeben, flüssig und verständlich, einsichtig und bildhaft zu schreiben und tatsächlich eine Vielzahl neuer Thesen und analytischer Ergebnisse in der Betrachtung des 19. Jahrhunderts vorzulegen.
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14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Meilenstein der Geschichtsschreibung!, 19. November 2009
Im Grunde genommen könnte ich mir diese Rezension sparen, denn meine Vorredner haben über dieses monumentale Werk von Prof. Osterhammel bereits alles gesagt.

Prof. Osterhammel hebt mit dieser Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts die Meßlatte in diesem speziellen und ohnehin äußerst anspruchsvollen Bereich der Geschichtsschreibung um ein großes Stück an: Ein einnehmender und eleganter Sprachstil, angenehmes Unterlassen von einseitig subjektiver Wertung, sorgsam recherchierte Fakten in wahrlicher Hülle und Fülle. Und für die Ästheten: Wunderschön gebunden und auf qualitativ hochwertiges Papier gedruckt.

Kurzum: So sieht die geschriebene Vermittlung historischen Fachwissens auf höchstem Niveau aus. Glasklare Kaufempfehlung!
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Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts
Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts von Jürgen Osterhammel (Gebundene Ausgabe - 20. Januar 2011)
EUR 28,00
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