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39 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Entstehung des Westens
Es ist ein monumentales Projekt an das sich Heinrich August Winkler mit seiner "Geschichte des Westens" herangewagt hat. Zu groß und unfassbar erscheint das Themengebiet, als dass sich Kürzungen vermeiden ließen. Und so ist es dann auch, denn als Kristallisationspunkt für die Entstehung des Westens ist es das lange 19. Jahrhundert (1789-1914) dem...
Veröffentlicht am 21. Januar 2010 von Mario Pf.

versus
24 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Religion als Ursprung des Westens? No way!
Winkler baut die Entwicklung des Westens ganz auf Judentum und Christentum auf. Die Antike kommt bei ihm erst durch Hellenismus und römische Kaiserzeit ins Spiel, wegen des frühen Christentums. Stoische Philosophie ist bei ihm Beiwerk am Rande der eigentlichen Entwicklung, und fällt praktisch "vom Himmel", ihre Herkunft bleibt tatsächlich...
Veröffentlicht am 21. Juli 2012 von Lectorianus


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39 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Entstehung des Westens, 21. Januar 2010
Von 
Mario Pf. (Oberösterreich) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
Es ist ein monumentales Projekt an das sich Heinrich August Winkler mit seiner "Geschichte des Westens" herangewagt hat. Zu groß und unfassbar erscheint das Themengebiet, als dass sich Kürzungen vermeiden ließen. Und so ist es dann auch, denn als Kristallisationspunkt für die Entstehung des Westens ist es das lange 19. Jahrhundert (1789-1914) dem Winkler mit 900 Seiten den größten Raum zugesteht. Demgegenüber wird der Zeitabschnitt von der Antike bis in die Renaissance innerhalb von 100 Seiten abgerissen und ist kaum mehr als eine Einführung, an deren Beginn Winkler die für den Westen prägende Entstehung und Verbreitung des Monotheismus stellt. So kommt es dass die Geschichte des Westens im Ägypten Pharao Echnatons beginnt, dessen Vorstoß zur Bildung des Monotheismus möglicherweise zur Entstehung des Judentums beigetragen hat. Ein notwendiger Ansatz, ist doch die christlich-jüdische Religion auch in Winklers Darstellung das Fundament der westlichen Zivilisation.

Der Westen ist nach Winkler kein geografisch definierter Raum sondern eine Zivilisation mit allem was dazu gehört. Ohne mit großen Worten darauf hin zu weisen erspart sich Winkler damit einen mühsamen Diskurs darum, um zu definieren was "der Westen" ist, indem er ihn noch über die Religion mit dem Herrschaftsgebiet des lateinischen Christentums gleichsetzt. Heute wären das große Teile Europas, Nordamerika, Australien, Neuseeland und als Ableger eben auch Israel. Dieser durchaus gelungene Ansatz einer Darstellung des Westens als multipolare Einheit stützt sich im vorliegenden Buch natürlich sehr stark auf die Geschichte des 19. Jahrhunderts, in welchem sich die "westliche Identität" herauszubilden begann. Dieser Selbstfindungsprozess ist es von dem die "Geschichte des Westens" primär erzählt und dem auch die sehr umfassende kulturgeschichtlichen Ausflüge geschuldet sind. So wird nicht nur ein weitreichender Einblick in die politische Geschichte des Westens gewährt, sondern auch in Werk und Leben bestimmter Geistesgrößen wie Niccolo Macchiavelli, John Locke, Jean-Jacques Rousseau und ihresgleichen.

Dabei ist eine der großen Stärken von Winklers Werk eindeutig die inhaltliche Weite, welche sich mit dem Aufstieg Preußens genauso intensiv auseinandersetzt wie der Französischen Revolution oder dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Die "mitteleuropäische Perspektive" tritt dabei begrüßenswerterweise in den Hintergrund, lässt sich aber wohl an einigen Stellen doch noch erkennen, wo britische, amerikanische, französische oder spanische Autoren eben einen anderen Schwerpunkt gesetzt hätten. Aber die "Geschichte des Westens" richtet sich dann eben doch noch an hauptsächlich deutschsprachiges und mitteleuropäisches Publikum, was im geplanten zweiten Band über das 20. Jahrhundert womöglich umso mehr zum Tragen kommen könnte. Dennoch kein Makel, unternimmt Winkler ja den Versuch seinen Lesern eine möglichst breite Perspektive zu vermitteln und das gelingt ihm sehrwohl. Manch tote Winkel nehme ich zumindest dafür gerne in Kauf.

Zudem ist die "Geschichte des Westens" ein sehr gut gestrafftes Werk, das sich in keinem Kapitel wirklich verliert und zielstrebig ein größeres Ganzes vermittelt. Dass das nicht ohne gewisse Abstriche möglich ist sollte dem Leser bewusst sein, ehe man sich auf dieses doch sehr anspruchsvolle Werk stürzt. Der Umfang ist schlichtweg erstaunlich.

Fazit:
Unterm Strich ein äußerst umfassendes Werk das seinem Anspruch durchaus gerecht wird, wenngleich man wissen sollte dass der Fokus eindeutig auf dem sehr langen 19. Jahrhundert liegt und vielfach auch kulturgeschichtliche Ausflüge unternommen werden.
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34 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Faszinierende Geschichte eines unvollendeten normativen Projekts, 30. Dezember 2009
Von 
Michael Dienstbier "Privatrezensent ohne fina... (Bochum) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
Heinrich August Winkler gehört zu den renommiertesten Historikern Deutschlands. Einer breiteren Schicht der interessierten Öffentlichkeit wurde er im Jahr 2000 mit der Veröffentlichung seines monumentalen Werkes Der lange Weg nach Westen bekannt, in welchem er die Geschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhunderts unter der Fragestellung behandelt, ob es ihn denn nun gegeben habe, den so oft zitierten deutschen "Sonderweg". In diesem Zusammenhang weist Winkler darauf hin, dass die Geschichte Deutschlands von drei Prämissen geprägt worden ist, die sie von allen anderen europäischen Ländern unterscheidet: Die Tradition des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, die Glaubensspaltung im 16. Jahrhundert sowie der Dualismus zwischen Preußen und Österreich ab Mitte des 18. Jahrhunderts (vgl. Der lange Weg nach Westen, S. 5). Im lange erwarteten ersten Teil seines Buches "Geschichte des Westens" wendet sich Winkler von dieser spezifisch deutschen Perspektive ab und beschäftigt sich mit der Frage, was der "Westen" überhaupt ist, wer zu ihm gehört und, am wichtigsten, was die normativen Maßstäbe angesichts seiner Geschichte sind oder zumindestens sein sollten.

In Rahmen der Einleitung formuliert Winkler, seit wann es das "Projekt des Westens" überhaupt erst gebe: "Seit den beiden atlantischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts, der Amerikanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789, war das Projekt des Westens im wesentlichen ausformuliert. Der Westen hatte einen Maßstab, an dem er sich messen konnte - und messen lassen mußte" (21). Für Winkler bezeichnet der Begriff "Westen" also keine geografische sondern eine normative Gemeinschaft, welche sich gemeinsamen Werten und Maßstäben verpflichtet fühlt. Zu dieser Gemeinschaft zählen die Staaten Europas, die USA, Kanada, Australien und Israel.

Der nun vorliegende erste Teil der Darstellung (der zweite Teil soll 2012 erscheinen) behandelt den Zeitraum von der Antike bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Als Ausgangspunkt des normativen Projekts des Westens bestimmt Winkler die Entstehung des Monotheismus im Allgemeinen sowie des Christentums im Besonderen und weist hier vor allem hin auf das "revolutionäre[.] Potential" (33), welches das Christentum aufgrund seines Gedankens der Gleichheit vor dem Hintergrund des Römischen Reiches gehabt habe. Von hier aus stellt Winkler die wesentlichen Entwicklungslinien des Westens dar und wie sie zu dessen normativen Projekt beigetragen haben. Dabei liegt der Fokus erkennbar auf Deutschland, Frankreich, den USA und Großbritannien. Kritiker werfen Winkler daher vor, die Staaten Skandinaviens oder Osteuropas vernachlässigt zu haben. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass Winkler zur Beantwortung seiner Leitfrage unmöglich eine Universalgeschichte aller europäischen Staaten schreiben konnte, sondern sich exemplarisch auf die zentralen Entwicklungslinien, die maßgeblich zur Entstehung des normativen Projekts des Westens beigetragen haben, konzentrieren musste. Alles andere hätte den Maßstab einer Darstellung in Buchform gesprengt. Selbiges gilt für den Vorwurf, Winkler vernachlässige die Kulturgeschichte und konzentriere sich auf das Politische. Das ist korrekt, jedoch wiederum mit Blick auf die Problemstellung der Leitfrage verständlich. Für alle an der Kulturgeschichte Europas Interessierten, ist immer noch Egon Fridells Kulturgeschichte der Neuzeit uneingeschränkt zu empfehlen, welches auch 90 Jahren nichts von seiner Faszination verloren hat.

Winkler unterteilt seine "Geschichte des Westens" in vier an der Chronologie orientierten Hauptkapitel, in denen der klar strukturiert die für seine Fragestellung wichtigen Aspekte behandelt. Dabei ist es vor allem Winklers Fähigkeit, komplexe Sachverhalte gut lesbar und präzise auf den Punkt zu bringen, die seine Bücher zu einem gewinnbringenden Lesevergnügen gestalten. Ebenso sorgt die sinnvolle Unterteilung in zahlreiche Unterkapitel dafür, dass der Leser von den gut 1400 Seiten nicht erschlagen wird, sondern sich gezielt einzelne Themengebiete heraussuchen kann.

"Der Anspruch der unveräußerlichen Menschenrechte aber bleibt ein universaler, und solange sie nicht weltweit gelten, ist das normative Projekt des Westens unvollendet" (24). Der Maßstab des Westens, unser Maßstab, wurde formuliert in zwei Dokumenten 1776 und 1789 und sollte unser Denken und Handeln noch heute leiten. Doch wie lässt sich dieses Projekt am wirksamsten in der Welt verbreiten? Winklers Antwort hierauf sollte man an die Wände der Büros sämtlicher westlichen Staatschefs hängen: "Der Westen kann für die Verbreitung seiner Werte nichts Besseres tun, als sich selbst an sie zu halten und selbstkritisch mit seiner Geschichte umzugehen, die auf weiten Strecken eine Geschichte von Verstößen gegen die eigenen Ideale war" (ebd.).

Fazit: Monumental, gewinnbringend und von brennender Aktualität. Wer sind war, was macht uns aus, auf Grundlage welcher normativen Maßstäbe handeln wir? In der "Geschichte des Westens" geht Winkler diesen Fragen nach und liefert klare, fundierte und (selbst)-kritische Antworten. Auf den zweiten Teil kann man sich nur freuen.
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42 von 49 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das lange 19. Jahrhundert, 13. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
Winklers voluminöses Buch ist eigentlich keine 'Geschichte des Westens', sondern eine des langen 19. Jahrhunderts. Rund 1100 Seiten behandeln die westliche Geschichte von 1789 bis 1914; so erscheint die Zeit seit der griechischen Antike - auf etwa 300 Seiten komprimiert - als Vorgeschichte des 19. Jahrhunderts. Natürlich schildert Winkler minutiös die ganzen Haupt- und Staatsaktionen der damaligen Zeit und die dahinter liegenden Motive, wobei ein Schwerpunkt auf der Entwicklung des Wahlrechts, des Republikanismus und der Demokratie liegt. Ihm gelingt so ein plastisches, umfängliches und durchaus nicht unkritisches Bild der Chancen und Möglichkeiten, der Protagonisten der Entwicklung und ihrer Grenzen (so macht er Alexis de Tocqueville als vehementen Verfechter der gewaltsamen Kolonisierung Algeriens kenntlich). Die sozialen Veränderungen werden kurz, aber prägnant benannt und in ihren Auswirkungen auf die Politik dargestellt. Es versteht sich von selbst, daß Winkler die Schattenseiten des 19. Jahrhunderts von der brutalen Unterdrückung von Minderheiten über die barbarische Kongo-Politik bis zur imperialistischen Ausdehnung der USA detailliert beschreibt.

Die 'Vorgeschichte' konzentriert sich auf wesentliche Entwicklungen, z.B. auf die folgenreiche Trennung von Kirche und Staat, die später erst demokratische Tendenzen ermöglichte. Die großen Antipoden der westlichen Entwicklung Europas, der russische Zarismus und das Osmanische Reich, werden leider nicht differenziert behandelt (aber dann hätte das Buch noch 500 Seiten mehr und könnte noch nicht einmal als Briefbeschwerer nützen). Dass Winkler ein sehr eloquenter Schriftsteller ist, muss ich nicht hervorheben - seine erhellenden Ausführungen lassen sich häufig mit Genuß lesen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rundum überzeugend, 1. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
Der vorliegende erste Band einer auf drei Bände angelegten Geschichte des Westens umfasst zeitlich den größten Teil, nämlich von den Anfängen bis zum Ausbruch es 1. Weltkrieges 1914. Versteht man mit Winkler den Leitbegriff "Westen" als normativen Anspruch, wie er in den beiden Revolutionen 1776 und 1789 seine weltgeschichtliche Ausprägung gefunden hat, ist das nur konsequent. Ähnlich verhält es sich mit der räumlichen Erfassung zum Westen gehörender Gebiete. In beiden Dimensionen gibt es keine klaren Grenzen aber doch eindeutige Schwerpunkte. Auf dieser Basis gelingt es Winkler in beeindruckender Weise nicht nur die Stofffülle des Kerns in einen Zusammenhang zu stellen, auch die Berührungs- und Kreuzungspunkte der Peripherie (sei es des Osmanischen Reiches und Russlands, ja bis hin zu China und Japan im Osten; sei es der Kolonialentwicklung in Afrika oder der frühen Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika) werden ebenso berücksichtigt wie vermeintlich bloß parallel verlaufende Entwicklungen. Da seit der Neuzeit irgendwie doch alles mit allem zusammenhängt und der Westen die dominierende Größe geworden ist, besteht hier natürlich die Gefahr sich im Überall und Alles zu verlieren. Dieser Gefahr weicht Winkler meisterhaft aus, indem er immer wieder die Rückbindung seiner Darstellung an sein Thema vornimmt. Selbst da wo er scheinbar nur zeitgleiche "Ungleichzeitigkeiten des Fortschritts" nebeneinander stellt, schimmert immer der gemeinsame rote Faden durch. Wie bereits in früheren Werken benutzt Winkler auch diesmal die Technik ausführlicher Zitate zeitgenössischer Personen. Hierdurch gelingt es ihm, die jeweiligen Kontroversen und Herausforderungen für den heutigen Leser plastisch nachvollziehbar zu machen. Darüber hinaus setzt sich Winkler aber auch mit den zeithistorischen Analysen auch gegenwärtig besonders einflussreicher Autoren auseinander, wobei er wiederum die Technik ausführlicher Zitate nutzt. Als besonders beeindruckendes Beispiel sei seine Heraushebung der "oft zu kurz kommenden Schwellenzeit um 1850" angeführt. Koselleck zustimmend zitierend sieht auch Winkler die Revolutionen von 1848/49 als "die erste und zugleich letzte gesamteuropäische Revolution." Besser kann eine Summe historischen Nachdenkens nicht gezogen werden. Dass es Winkler gelungen ist, auf etwas weniger als 1200 Seiten seinen Anspruch einer Geschichte des Westens vom Ägypten des 14. Jahrhunderts v.Chr. bis zum Vorabend der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts n.Chr. zu schreiben, zeigt wie tief sein Verständnis vom "Westen" ist. Hieran als Leser teilhaben zu dürfen ist ein Genuss, von der ersten bis zur letzten Seite.
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15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aus dem Westen viel Neues..., 2. März 2010
Von 
Klara Fall "Die nackten Hausfrauen im Wind" - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
Nachdem ich im vergangenen Jahr Jürgen Osterhammels "Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts" gelesen hatte und absolut begeistert davon war, habe ich Heinrich August Winklers "Geschichte des Westens" mit Spannung erwartet. Und ich bin auch von diesem fundamentalen Werk, das sicherlich zum Standardwerk avancieren wird, vollauf begeistert. Warum? Weil es wohl keine andere derart kompakte (!) Darstellung der Entwicklungen im westlichen Kulturraum gibt. Hier hat man einfach alles beisammen - zumindest bis zum Jahr 1914. Auf den Nachfolgeband, der sich dem "kurzen 20. Jahrhundert" widmen wird, kann man schon gespannt sein.
Doch nun zum Inhalt! Wie kann man ein derart sperriges Projekt umsetzen? Wie hat Winkler es gemacht? Der Historiker setzt sich zunächst damit auseinander, wie "der Westen" definiert werden kann. In politischer und kultureller Hinsicht. Was macht den Westen aus? Was bedeutet das konkret? Wie kommt es zu dieser Definition des Westens? Auf all diese Fragen geht der Autor ein. Interessant ist z.B., dass der Westen als die transatlantische Einheit, als die sie heute begriffen wird, erst seit etwa 1890 als kulturelle und politische Einheit wahrgenommen wird. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass das Buch sich überwiegend dem vielzitierten "langen 19. Jahrhundert" widmet.
Aber auch die Ursprünge werden betrachtet. Und hier wird auch gleich auf den Osten verwiesen - auf Ägypten als Wiege des Monotheismus. Auch wenn der Monotheismus in Ägypten zunächst nur ein vorübergehendes Phänomen war, hat er sich doch (über die Entwicklung der mosaischen Religion) stark auf die Entwicklung des Westens ausgewirkt. Winkler geht also sehr wohl auf Einflüsse aus dem Osten ein - eine Abwertung nicht-westlicher Kulturräume kann man ihm also keineswegs unterstellen!
Der Autor geht insbesondere auf Werte ein, die die westliche Zivilisation (hier v.a. die europäischen Staaten, USA, Kanada, Australien sowie Israel) bestimmend sind.
Ausgehend von der Religion, über die Trennung von Staat und Kirche bis zu den modernen Herrschaftssystemen. Hier wird schlüssig nachvollzogen, wie der Westen zu dem geworden ist, was er ist.
Der Schwerpunkt liegt erkennbar auf dem mitteleuropäischen Raum, speziell Deutschland. Da das Buch sich aber auch an ein deutschsprachiges Publikum richtet, ist das völlig legitim. Winkler ist ja auch ein Experte für die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (vgl. sein 2000 erschienenes Werk "Der lange Weg nach Westen").
In meinen Augen ist die "Geschichte des Westens" eine ungeheuer bereichernde Lektüre, die es dem Leser ermöglicht, sich über viele Dinge klar zu werden, die man in unserem Kulturraum als selbstverständlich hinnimmt. Eine sehr dichte und gehaltvolle Darstellung, für die man sich etwas mehr Zeit nehmen sollte.
Besonders hervorzuheben sind die ausführlichen Register am Ende des Buches. Hier kann man vieles nochmals rasch nachschlagen, denn aufgrund des enormen Umfanges kann es schon mal vorkommen, dass man das ein oder andere Detail vergisst...
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Flüssig und detailreich, 14. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich habe das Buch bisher nur zu 3/4 gelesen. Aber ich möchte bereits schreiben, dass es mich sehr anspricht. Ohne großes Vorwissen habe ich einfach begonnen den doch 1.300 Seiten-Wälzer zu lesen und ich muss zugeben, dass ich bereits einiges von den früheren Kapiteln nicht mehr so im Kopf habe. Ich glaube aber nicht, dass es an mir oder dem Buch liegt. Die Menge der Informationen ist doch gewaltig und es ist für mich ein reine Freizeitbeschäftigung. In Summe bleibt aber ein sehr "angenehmer" Gesamteindruck von historischen Begebenheiten: Römisches Reich, Jesus, Kreuzzüge, die konstitutionelle Monarchie in England und vor allem das 19. Jhd. Bevor ich das Buch kaufte und in den anderen Rezensionen vor allem die Bedeutung des 19. Jhd in dem Buch dargestellt wurde, konnte ich das zuerst nicht verstehen. Inzwischen finde ich es eigentlich angemessen. Wenn man sich klar ist, dass man sich an ein gewaltiges Thema wagt, ist dieses Buch auch für Geschicht-Laien wie mich durchaus geeignet.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Auch für interessierte Laien ein spannendes Werk, 7. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
Winkler wagt sich an eine Deutung des Kulrurraumes "Westen" und zeichnet dessen Geschichte detalliert nach. Westen als Kulturraum des aufgeklärten Christentums, diese Idee wird anfangs gut untermauert. Im Verlauf werden in Einzelheiten die geschichtlichen Entwicklungen von alten Ägypten bis zur Zäsur des ersten Weltkrieges dargestellt, viele "Ausflüge" in die philosophischen Richtungen der jeweilgien Zeit unternommen. Als Laie erfährt man erstmals verstehbar etwas über Locke, Rouseau Descartes, aber auch die Grundlagen der Reformation. Der Blick geht über Europa hinaus auf die Revolution und den entstehenden USA, aber auch nach Lateinamerika. Die Abspaltung des chrislich orthodoxen Raumes vor der Aufklärung als Grundlage der dortigen, eigenen Entwicklung wird beschrieben, aber auch die Entstehung der Nationen im Westen, der Versuch die Kräfte aus zu balancieren.
Alles in allem spannend und verstehbar beschrieben war für mich diese Werk ein großer Gewinn, Zusammenhänge erstmals zu verstehen.
Die Länge des Buches erscheint abschreckend und manchmal ist ein Kapitel auch tatsächling lang geraten.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das normative Projekt des Westens, 14. Oktober 2013
Von 
FMA - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
Am Anfang der Geschichte des Westens sieht Heinrich August Winkler, emer. Prof. für Geschichte der Humboldt-Universität Berlin den judeo-christlichen Monotheismus (zu dem er selbst – betrachtet man seine an Freud angelehnte Deutung desselben – offenbar keinen persönlichen Bezug hat), der das antike Erbe auch der Griechen und Römer aufgriff und ihm eine besondere Prägung verlieh. Letztere kannten – von einzelnen Philosophen abgesehen – keinen dieser Welt übergeordneten Gott. Erst mit dem Monotheismus transzendiert die göttliche Ordnung jede menschliche Herrschaft, „entsakralisiert“ diese. Das Gottkaisertum fällt der Geschichte anheim.

Dazu kam, dass das Christentum - im Gegensatz bspw. zum späteren Islam, aber auch zum Konfuzianismus oder Hinduismus – von Anfang an in Bezug auf Fragen der gesellschaftlichen Organisation Enthaltsamkeit übte. Das Christentum denkt vom Individuum her. Veränderung zum Positiven beginnen dort, wo der einzelne Mensch eine innere Umkehr und Befreiung von schuldhaften Verstrickungen erfährt. Die christlichen Ideale beanspruchten Geltung unabhängig von der jeweiligen Gesellschaftsform. Darauf konnten sich benachteiligte Gruppen immer wieder berufen - der Adel gegenüber König, Papst und Kaiser; die Bauern und Bürger gegenüber dem Adel. Vor diesem Hintergrund ist aber auch das Wort Jesus „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist“ zu sehen.

Monotheismus bedeutet auch: alle Menschen sind Geschöpfe Gottes. Auch hier verdeutlicht ein Vergleich mit der paganen Antike das weltgeschichtlich Neue. Die Übergänge zwischen Menschen und Götterwelt waren dort fließend. Menschen beanspruchten göttliche Abstammung oder es wurde Ihnen eine Divinisierung bzw. Apotheose zugesprochen. Noch bei Aristoteles waren die einen Menschen zum Herrschen, die anderen zum Sklavendasein bestimmt. Anklänge an ein modernes Verständnis der Menschenwürde finden sich auch in der Stoa; diese wird hier jedoch – wo nicht wie bei Epiktet ebenfalls von einer personalen Gottheit abgeleitet – eher als mit der Vernunft verliehenes Potenzial, also nicht als unveräußerliche Gegebenheit verstanden. Im Judentum und Christentum leiten sich Gleichheit und Menschenwürde – die „Sakralisierung der Person“ (Hans Joas) - von der Gottesebenbildlichkeit ab.

Darüber hinaus wird dem einzelnen Menschen auch durch das Erlösungswerk Christi eine nicht mehr zu überbietende Wertschätzung und Würdigung zuteil. Auch hierin gab es keine Unterschiede zwischen Rasse, Geschlecht, Alter oder sozialer Herkunft. Der renommierte Althistoriker Peter Brown schreibt dazu: „Und in dieser Hinsicht erwies sich das Christentum als ungewöhnlich demokratische und zukunftsträchtige Bewegung. Es fällt uns heutzutage (da unsere Vorstellungen von Jahrhunderten christlicher Sprache geprägt sind) nicht mehr leicht zu begreifen, wie neu einst die Anschauung war, dass jeder Mensch dem gleichen universalen Gottesgesetz untergeben und zur Erlösung durch die triumphierende oder bemühte Überwindung der Sünde kraft der dauernden und exklusiven Mitgliedschaft in einer einzigartigen religiösen Gruppe gleichermaßen befähigt sei.“

Mit dem Missionsbefehl sei dem Christentum dann eine universalistische Dimension zuteil geworden - dies auch in der Erweiterung des Nächstenliebegebotes über die eigenen ethnischen und religiösen Grenzen hinaus. Aus all dem konstituiert sich, wie Winkler schreibt, das „normative Projekt“ des Westens: Unveräußerliche Würde – Universelle Mitmenschlichkeit – Gewaltenteilung und Emanzipation. Diese „kulturrevolutionären“ Ideen verwirklichten sich nun aber bekanntlich alles andere als geradlinig, sondern durch viele Irrwege, Umwege, verheerende Entgleisungen und Rückschläge hindurch.

Die Kirche, nachdem sie in der nachkonstantinischen Zeit eine Allianz mit dem Kaisertum eingegangen war, ließ sich in ihrer Theologie und in ihrem Wirken immer öfter von realpolitischen Erfordernissen prägen und erlag an vielen Stellen den Versuchungen von Macht und Reichtum. Auch erschwerte sie nicht selten den wissenschaftlichen Fortschritt. Der Zusammenbruch des römischen Bildungssystems, Bibliothekswesens etc. war jedoch v.a. bedingt durch den Zusammenbruch der politischen und ökonomischen Infrastruktur. Noch lange Zeit nach dem Untergang Westroms sah sich Europa mit enormen Herausforderungen konfrontiert: Völkerwanderung, Integration der Germanen und Slawen, zermürbende Konflikte mit Nordmänner, Sarazenen, Magyaren. Man hatte auch keine städtischen Ballungszentren und keine ausreichend ausgebaute bzw. intakte Infrastruktur - eine unerlässliche Basis für eine umfängliche Wissenschaftskultur.

Bildung wurde in der christlichen Urgemeinde hoch geschätzt. Die Patristik führte die geistige Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Philosophie auf höchstem Niveau. Gerade dies fand in den vielen anderen Kulten jener Zeit kaum statt und war einer der Gründe dafür, dass das Christentum so viel Zuspruch in den gebildeten Eliten fand. Sowohl die ursprünglichen christlichen Ideen wie auch das antike Bildungserbe lebte dann nach Konstantin zunächst v.a. in den oft in Opposition zur institutionellen Kirche gegründeten Klöstern fort. Bibliotheken waren häufig jedoch auch an ganz normale Kirchen angeschlossen. Die Kloster- und Domschulen wurden dann zur Plattform der Wissensvermittlung. Aus ihnen ging schließlich die Universität als organisierte Hochschule hervor. Sie stellt ein weltgeschichtliches Novum dar, gilt als „europäische Institution par excellence“

Dies hatte jedoch eine gesellschaftliche Konsolidierung zur Voraussetzung. Von etwa 990 an breitete sich von Cluny ausgehend eine monastische Reformbewegung aus, die zur Basis eine allgemeinen Aufschwungs in sowohl geistlicher wie auch kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht wurde – Winkler nennt sie die „Cluniazensische Friedensbewegung“. Sie kritisierte Macht- und Besitzstreben im kirchlichen Raum ebenso, wie die endlosen Rivalitäten der weltlichen Herrscher. Eine vertiefte Laienfrömmigkeit zog immer weitere Kreise. Adelige beeideten, Klerus, Händler und Bauern nicht mehr in ihre Fehden einbeziehen zu wollen. Kirchen wurden neu instandgesetzt. Wallfahrten boomten, insbesondere auch nach Jerusalem. Diese Pilgerbewegung verbreitete zusätzlich die Reformideen.

Der Autor dazu in einem Essay zum Thema: „Gleich von welchem Ausgangspunkt her gehörte die Mitarbeit am Frieden und geordneten Rechtsverhältnissen immer zur Aufgabenstellung der Kirche. Die Idee des Gottesfriedens wurde danach von staatlichen Instanzen aufgenommen. Die weltliche Macht erließ entsprechende Richtlinien und setzte sich für deren Durchführung ein, wobei man in Deutschland auf besser funktionierende Behörden zurückgreifen konnte. Dadurch begann ein wirtschaftlicher Aufstieg. Die Bevölkerung wuchs. Es entstand ein vermehrter Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten, Kleinwirtschaft und die unfreien Schichten gewannen an sozialer Geltung. Dem wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg entsprach auch ein künstlerischer und geistiger Aufstieg. Dieser zeigte sich in der Baukunst, der Literatur und der Theologie.“

Die Reformideen fanden sowohl bei kirchlichen wie auch bei weltlichen Machthabern Anklang und bedingten zunächst ein neues Maß an Kooperation. Papst Gregor VII. war beseelt von den Cluniazensischen Idealen. Nicht zuletzt um Ämterschacherei und Intrigen zu entgegen, aber auch aus dem Verständnis der Kirche als jeder weltlichen Macht gegenüber autonom drang er auf die Investitur. Im „Dictatus Papae“ von 1075 erhob er den Anspruch, Bischöfe einzusetzen und darüber hinaus weltliche Herrscher notfalls abzusetzen. Aus dem nun einsetzenden Streit ging die Kirche gestärkt hervor. Die Weichen zur Klerikerkirche waren gestellt. Aber auch für die Trennung von Kirche und Staat wurde der entscheidende Impuls gesetzt. Kirchliches und weltliches Recht entwickelten sich nun auseinander.

Mit der, wie Winkler es in Anlehnung an den Rechtshistoriker Harold J. Berman nennt - „Papstrevolution“ war gewissermaßen der Bann gebrochen und das emanzipatorische Potenzial des Christentums konnte sich in wachsendem Maße Durchbruch verschaffen. Der Autor spricht von einer „welthistorische Bedeutung dieser Urform der Gewaltenteilung“.

„Im Bereich der Ostkirche, also von Byzanz, hat es eine dem Westen vergleichbare Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt nicht gegeben, und ebensowenig eine andere frühe Form von Gewaltenteilung: die Trennung von fürstlicher und ständischer Gewalt. Die britische Magna Charta Libertatum von 1215 ist das bekannteste Dokument dieser Trennung weltlicher Gewalten. Von den mittelalterlichen Gewaltenteilungen zur modernen Gewaltenteilung im Sinne von Montesquieu, der Trennung von gesetzgebender, ausübender und rechtsprechender Gewalt, war es noch ein weiter, konfliktreicher Weg. Aber die historische Kontinuität zwischen den verschiedenen Stufen der Gewaltenteilung ist doch offenkundig: Die moderne Form der Gewaltenteilung verbreitete sich dort, wo es zuvor die mittelalterlichen Gewaltenteilungen gegeben hatte: im Westen.“

Mit ganz anders geartetem emanzipatorischem Anspruch traten dann Humanismus, Reformation und Aufklärung auf. Der Renaissance-Humanismus machte sich frei von der geistigen Bevormundung der Kirchen, der für seine Vertreter gerade aus christlicher Sicht jede Legitimation fehlte und sah in der vormittelalterlichen geistigen Weite und Freiheit ihr Ideal. Ebenso die Reformation mit dem Fokus auf das Geistliche und die Bibel. „Der Humanismus der Renaissancezeit, so der Autor, „setzte einer erstarrten Scholastik eine freie, aus dem antiken Erbe gespeiste Geistigkeit entgegen. Die Reformation und die Aufklärung stellten die zeitgenössische katholische Kirche im Namen des Evangeliums, also durch Rückgriff auf das ursprüngliche Christentum, in Frage und spaltete damit den Okzident. Die Aufklärung rief alle Kirchen und weltlichen Ordnungen vor den Richterstuhl der Vernunft. Auf das Evangelium beriefen sich die meisten Aufklärer nicht, aber sie konnten aufbauen auf dem, was es an Selbstaufklärung oder, um den deutschen Philosophen Oswald Schwemmer zu zitieren, an „geistiger Selbst-Säkularisierung avant la lettre“ im Christentum seit dem 11. Jahrhundert gab.“

Wenn von der progressiven Dynamik, die das Christentum entfaltete die Rede ist, dürfen nicht die großen Verwerfungen übersehen werden, die so gar nicht in das Bild des „normativen Projekts des Westens“ passen wollen: Kreuzzüge und Inquisition. Eroberung der Neuen Welt mit ihren ungezählten Opfern in der indigenen Bevölkerung und 30-jähriger Krieg. Dennoch – die Schlüsselideen der neutestamentlichen Botschaft waren nicht mehr aus der Welt zu schaffen und immer aufs Neue standen Menschen wirkungsvoll gegen solche verheerenden Entwicklungen auf und beriefen sich auf diese.

So etwa der spanische Dominikaner Francisco de Vitoria, in dem der Autor den Begründer des Völkerrechts sieht. Basierend auf Berichten seines Ordensbruders Las Casas kritisiert er die spanische Eroberungspraxis im südlichen Amerika: „Die Spanier sind die Nächsten der Barbaren, wie aus dem Gleichnis des Samariters im Evangelium hervorgeht. Sie sind daher verpflichtet, die Nächsten wie sich selbst zu lieben.“ Balthasar Ayala, ebenfalls spanischer Spätscholastiker knüpft bei Vitoria an, desgl. dann Alberica Gentili , der Jesuit Francisco Suarez, schließlich der Niederländer Hugo Grotius.

Ganz erheblichen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung im Großbritannien des 17. Jahrhunderts hatten die puritanischen Pilger bzw. Siedler, die zunächst - oftmals aufgrund der Verfolgung, der sie ausgesetzt waren - nach Nordamerika ausgewanderten und ihre Gemeinwesen dort entsprechend der Covenant-Idee organisierten bzw. verfassten. 1620 wurde von Kongregationalisten die Plymouth Colony gegründet und demokratisch verwaltet; ebenso die Massachusetts Bay Colony und die 1636 von dem Baptisten Roger Williams gründete Rhode Islands Colony. William Penn gründete die Kolonie Pennsylvania, ein - wie er es zu nennen pflegte - „heiliges Experiment“. Das Regierungssystem sollte auf christlicher Brüderlichkeit und Freiheit beruhen und zeichnete sich durch integrative Offenheit für Siedler aller religiösen Colleur und gegenüber den Indianern aus. Mit seinem ungewöhnlich liberalen Wahlrecht und der vollen Religionsfreiheit setzte der Quäker Penn neue Maßstäbe.

Die Führenden Köpfe dieser Kolonien publizierten ihre Ideen bald auch in England. Als das Klima auf der Insel umschlug, wanderten viele Kolonisten zurück und setzten sich dort für das politisch erfolgreich erprobte Modell "Neuengland" ein.

Auch John Locke, der als einer der wirkmächtigsten Vertreter der frühen Aufklärung gilt, wuchs in puritanischem Umfeld auf und war von den neuen Idee der unabhängigen Gemeinden beeinflusst. Bei aller philosophischen Reflexion hielt er an die Verbalinspiration der Bibel fest. Die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung der USA, der französischen Verfassungsentwurf von 1791 sowie die gesamte Entwicklung des bürgerlich-liberalen Staatstheorie bis in die Gegenwart fußen maßgeblich auf Lockes Gesellschaftsphilosophie.

„Der Kampf der Aufklärung gegen die Kirche verstellt nur zu leicht den Blick auf das,was die Aufklärung mit dem Christentum verbindet. Ohne Aufklärung keine Erklärung der Menschenrechte, kein Rechtsstaat, keine Demokratie, kein Liberalismus: Dieser historische Zusammenhang ist unbestritten. Aber wenn die Aufklärung ohne ihre christliche Vorgeschichte nicht zu erklären ist, dann trifft das auch für die politischen Folgerungen zu, die Ende des 19. Jahrhunderts aus der Aufklärung gezogen wurden – erst in den nordamerikanischen Kolonien der britischen Krone und dann in Frankreich. Die Väter der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 waren sich dessen bewußt, als sie die „selbstverständlichen“ Wahrheiten verkündeten, „daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören“.

Auch das „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ der Französischen Revolution, so der Autor, speiste sich aus dem „revolutionären Potential der christlichen Botschaft“. Wie selbst der russische Anarchist Pjotr Alexejewitsch Kropotkin in seinem Werk "Die französische Revolution" konzediert, war das französische Volk alles andere als dem "katholischen Kult" und der gängigen christlichen Lehre abholt, trotzdem der Zorn auf den bigotten Klerus groß war. Eher schon sieht er dies im elitären Bürgertum, jener Zeit, das allerdings zu weiten Teilen weit eher von der Aussicht auf eine liberale Wirtschaftsordnung motiviert gewesen sei, als von heeren Menschenrechtsideen. Dies zeigte sich schon bald in der Gesetzgebung der Nationalversammlung, die den Einbezug der Massen verweigerte und deren Belange und Interessen weitgehend ignorierte.

Dass sich Kontinentaleuropa, insbesondere Deutschland mit der Etablierung demokratischer Strukturen so schwer tat, hatte viel mit der „aufgeklärten“ Erstarrung der evangelischen Theologie und des evangelischen Christentums zu tun. Wie Thomas Nipperdey in seinem monumentalen Werk zur deutschen Geschichte äußerst detailreich herausarbeitet, sah sich die Kirche hier immer weniger in ihrer klassischen Funktion als Heilsvermittlerin zunehmend als Hort und Bastion einer überlegenen Kultur und Moral. Dies verschmolz mit dem sich im Anschluss an die Französische Revolution ausbreitenden Nationalismus (Selbstbestimmung der Völker in Abgrenzung zur nationenübergreifenden Herrschaft der Monarchen). Deutsch sein hieß protestantisch sein, hieß völkische Einheit und Verbundenheit statt Parteiengezänk, hieß sittliche Reinheit und kulturelle Größe, statt amerikanischer oder französischer Dekadenz. Hier liegt eine jener interessanten historischen Paradoxien: im katholischen Raum hatte man sich im 19. Jh. weit eher mit weltanschaulichem und gesellschaftlischem Pluralismus ausgesöhnt und brachte sich dann mit der Zentrumspartei in den politischen Wettstreit ein.

„Die Demokratie“, so der Autor, „ist eine westliche Errungenschaft. Aber es dauerte lange, bis sie sich im Westen durchsetzte. Nehmen wir das Beispiel Deutschland. Es war nicht nur ein Teil des Okzidents, sondern hatte ihn entscheidend mitgeprägt. Dennoch wehrten sich die deutschen Führungsschichten lange gegen die volle Anerkennung der politischen Ideen des Westens, der Ideen vor allem der amerikanischen und der französischen Revolution. Auf die Revolution von unten antwortete Deutschland mit dem Leitbild der „Revolution von oben“, der durchgreifenden Reformen durch den Staat und nicht durch das Volk. Der Erste Weltkrieg wurde auf ideologischer Ebene von deutscher Seite als Kampf der „Ideen von 1914“ gegen die „Ideen von 1789“ geführt, wobei „1914“ für einen starken Staat stand, der die deutsche Kultur der Innerlichkeit vor der angeblich materialistischen Zivilisation des Westens schützen sollte. Der Höhepunkt der deutschen Auflehnung gegen den Westen war die Herrschaft des Nationalsozialismus. Offenbar bedurfte es dieser Erfahrung, um den tiefsitzenden Ressentiments der deutschen intellektuellen Eliten endgültig den Boden zu entziehen.“

Das Werk des linksliberalen Historikers setzt ohne Zweifel Maßstäbe. Geschichtsschreibung überwältigt oft mit Detailkenntnis und Faktenreichtum. Winkler liefert jedoch mehr als das - er versteht es meisterhaft, große Zusammenhänge und Entwicklungsstränge herauszuarbeiten. Zu Recht lobt ihn die ZEIT in einer Rezension: „Winklers monumentale Geschichte des Westens ist ein Produkt reifer Gelehrsamkeit – souverän in der Darstellung, umsichtig im Urteil, zupackend in den Formulierungen. Kein Zweifel: Das Werk wird, wenn der abschließende dritte Band vorliegt, zu den wichtigsten zählen, welche die transnationale Geschichtsschreibung seit 1945 hervorgebracht hat.“
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lang - aber nie langweilig!, 28. Dezember 2013
Von 
PST "A Reader from Germany" (Eislingen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
Das Buch erzaehlt die Geschichte des Westens von ca. 1500 BC bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges. Obwohl das Buch fast 1200 kleingedruckte Seiten hat wird es nie langweilig! Die oft detaillierten Schilderungen von Ereignissen sind immer interessant geschrieben - das Wissen des Authors ist erstaunlich!
Er definiert den "Westen" als die Weltregion wo die Trennung von kirchlicher und weltlicher Macht gelang. Auch wenn man dies manchmal aus den Augen verliert, auch wenn man mit dieser Definition nicht einverstanden ist, dann ist dieses buch dennoch eine tolle Geschichte!

Angeblich wird an einem zweiten Band gearbeitet - ich hoffe er kommt bald heraus!
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24 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Religion als Ursprung des Westens? No way!, 21. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
Winkler baut die Entwicklung des Westens ganz auf Judentum und Christentum auf. Die Antike kommt bei ihm erst durch Hellenismus und römische Kaiserzeit ins Spiel, wegen des frühen Christentums. Stoische Philosophie ist bei ihm Beiwerk am Rande der eigentlichen Entwicklung, und fällt praktisch "vom Himmel", ihre Herkunft bleibt tatsächlich unerwähnt. Platon, Aristoteles, Cicero: Kein Wort von ihnen.

Damit übergeht Winkler den wahren Wurzelgrund des Westens: Die griechisch-römische Antike! Es waren die griechischen Philosophen, die die erste Aufklärung in Gang brachten und humanistisches Gedankengut entwickelten. Der Aufstieg des Christentums drehte diese antike Aufklärung erst einmal wieder zurück und es folgte die dunkle Zeit des fundamental-religiösen Mittelalters. Die Religionen bedienten sich immer mehr an den antiken Denkern, und bauten sie in ihre Theologien ein, bis das antike Denken aus dem Schatten der Religion heraustreten konnte. Erst als man wieder begann, das antike Denken selbst und eigenständig zu entdecken, endete das Mittelalter und eine neue Aufklärung begann. Religionen wie das Christentum waren nicht die Quelle der Aufklärung. Es waren nicht die Religionen, die Demokratie und Menschenrechte hervorbrachten, sondern die Religionen mussten erst mühsam lernen, dass ihre religiöse Lehren mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar sind. Das ist nicht antireligiös gemeint: Religionen können an der Aufklärung teilhaben und sie sich zu eigen machen, und so ihre Wahrhaftigkeit steigern, aber dass Aufklärung und Humanismus aus Religionen hervor gegangen wären, ist historisch einfach nur falsch.

Winkler sieht im Monotheismus den Anfang des Westens. Es ist jedoch grundsätzlich die Frage, ob der Monotheismus der traditionellen Religionen wie Judentum und Christentum wirklich einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung des Westens geleistet hat. Griechenland und Rom jedenfalls waren polytheistische Gesellschaften, und sie waren es, die Aufklärung und Humanismus hervorbrachten. Den "philosophischen Gott" der griechischen und römischen Philosophen mit dem Gottesbegriff der traditionellen Religionen gleichzusetzen und deshalb zu behaupten, der Monotheismus sei eine Grundlage des Westens, ist jedenfalls unzulässig. Nebenbei: Es ist auch sachlich falsch, eine direkte Verbindungslinie vom Monotheismus eines Pharao Echnathon zum Monotheismus des Judentums zu ziehen. Sie entstanden zwar beide aus demselben von Winkler richtig benannten, politischen Grund, jedoch mit großer Sicherheit völlig unabhängig voneinander.

Das Fundament von Winklers "Westen" wird fundamental-religiösen Menschen sehr gefallen. Aber bereits ein aufgeklärt-religiöser Mensch wird sich über dieses Werk höchst verwundern müssen. Das Buch erscheint auch etwas simpel geschrieben. Gutwillige Rezensenten nennen es "flüssig geschrieben". Ein klarer, einfacher Stil muss kein Fehler sein, aber wenn man komplizierte Themen mit allzu wenigen Strichen zu zeichnen versucht, gerät es zur Karikatur. Soll das Buch weniger gebildete Leser ansprechen und für den "Westen" gewinnen? Fast könnte man meinen, das Buch würde sich bewusst an einfach gestrickte religiöse Menschen wenden, um sie für den "Westen" zu gewinnen ...

Der "Westen" ist als Begriff zudem hochproblematisch und missverständlich. Denn die Sache, um die es geht, ist nicht für eine bestimmte Himmelsrichtung reserviert. Vielmehr geht es um Aufklärung und Humanismus, die überall aufblühen können. Demokratie und Menschenrechte sind für alle Menschen da, nicht nur für den Westen. Der Westen war nur schneller als andere.

Nicht alles an Winklers Denken ist falsch, es finden sich viele gute Einzelideen in einem teilweise recht seltsamen Rahmen eingespannt. Im Lauf der Lektüre fällt auf, dass Winkler Karl Marx am häufigsten zitiert. Es fällt schwer, Winkler einzuordnen. Welche verborgene Agenda hat er damit nur verfolgt? Welche politische Lobby freut sich über dieses Werk? Linke? Religiöse? Postmoderne Kulturrelativisten? Freimaurer?! Man ist ratlos. Winklers Werk muss als "eigenwillig" im negativen Sinn eingestuft werden, es ist verkorkst und missglückt, so viele gute Einzelideen darin auch enthalten sein mögen. Wen immer Winkler überzeugen wollte: Mit diesem Buch stößt er nur ab.

Fazit:

Heinrich August Winkler hat mit seiner "Geschichte des Westens" ein seltsam verkorkstes Buch geschrieben, das den absonderlichen Versuch unternimmt, die Geschichte von Aufklärung und Humanismus ohne Platon, Aristoteles und Cicero zu erklären. Den wahren Ursprung des Westens verschleiert Winkler in einer unglaublich sträflichen Weise. Nein, so geht es nun einmal nicht. Deshalb schlechtestmögliche Note.
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Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert
Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert von Heinrich August Winkler (Gebundene Ausgabe - 16. Februar 2012)
EUR 39,95
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