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5.0 von 5 Sternen Eine Geschichtsschreibung über die Shoah, ohne die Erinnerungen der Opfer bleibt unvollständig, 5. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Wenn die Erinnerung kommt (Taschenbuch)
Der große Historiker der Shoa erläutert seine Auffassung, dass Geschichtsschreibung immer auch von menschlicher Solidarität und ihrer Verletzung handelt.

Wer die große Rede Saul Friedländers zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2007 gelesen oder gehört hat und Kenner seines großen Buches über „Das Dritte Reich und die Juden“ (Bd. 1, München 1998; Bd. 2, München 2006) ist, sollte dieses neue Buch Friedländers unbedingt lesen.

Wer die Friedenspreisrede noch nicht gelesen hat und das große Werk des Historikers aus Los Angeles noch nicht kennt, sollte beides unbedingt vorher tun.

In „Wenn die Erinnerung kommt“, Friedländer hat das Buch 1977 geschrieben, erklärt der Historiker u. a. wo Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Geschichtsschreibung und Erinnerung liegen und warum Geschichtsschreibung ohne Erinnerung leer bleiben muss.

Kurz nachdem er 1976 Professor für Geschichte an der Universität in Tel Aviv wurde, schrieb er „Wenn die Erinnerung kommt“ als eine Art Selbstvergewisserung. Ganz bewusst wollte er sich selbst seine innere Welt erschließen.

Friedländer wurde 1932 in Prag geboren, er war das Kind einer wohl situierten jüdischen bürgerlichen Familie, in deren Alltag die Religion aber keine große Rolle spielte. Die Familie entschloss sich zur Flucht nach Paris als die deutsche Wehrmacht Prag besetzte. Als auch ein Teil Frankreichs von den Deutschen besetzt wurde, floh man weiter in die noch unbesetzte Zone. Als auch die Juden der unbesetzten Zone ausgeliefert werden sollten, gaben Friedländers Eltern ihren Sohn in die Obhut eines katholischen Internats, sie selbst versuchten in die Schweiz zu fliehen, was misslang. Sie wurden aufgegriffen und sind beide wahrscheinlich in Auschwitz umgebracht worden. Ihr Sohn erfuhr von ihrem Tod erst am Ende des Nazismus, er schloss sich einer zionistischen Jugendorganisation an und wollte für den neu entstehenden Staat Israel kämpfen. Nach dem Unabhängigkeitskrieg studierte er Geschichte in Tel Aviv, Genf und Paris. Er promovierte mit einer Studie über die Beziehungen Nazi-Deutschlands zu den USA und erhielt 1976 eine Professur für Geschichte in Tel Aviv, seit 1987 unterrichtet er an der University of California in Los Angeles.

Den Anstoß sich seine innere Welt zu erschließen gab Saul Friedländer ein Besuch in Schweden im Jahr 1956. Sein Onkel Hans leitete dort ein Heim für geistig behinderte Kinder. Saul Friedländer wurde dort mit Kindern konfrontiert, die „in einer unzugänglichen Vorstellungswelt lebten, Kinder, die sprechen wollten und es nicht konnten, Kinder, die sich verzweifelt bemühten, eine Verbindung herzustellen und doch immer nur stundenlang einen Namen wiederholen konnten oder ununterbrochen dasselbe Lied sangen und rhythmisch dazu mit dem Kopf nickten. Ich begriff damals, was es bedeutet, wenn eine innere Welt für immer verschlossen ist …“

Mit „Wenn die Erinnerung kommt“ schildert Saul Friedländer die verschiedenen Situationen, in denen sich für ihn seine verschiedenen Lebenssituationen entschlüsselten. Es ist eine große, öffentliche Selbstreflexion des Historikers, der über sich, seine Eltern, den Staat Israel und viele Dinge mehr nachdenkt.

Saul Friedländer, der sich eingehend mit dem Verhältnis von Geschichte und Psychoanalyse beschäftigt hat - sein Buch "Histoire et psychoanalyse" (Paris 1975) ist leider noch nicht in die deutsche Sprache übersetzt -, ist ein Gegner der Trennung von Erinnerung und Geschichtsschreibung. In einem großen Streit mit dem Historiker Martin Broszat hat er darauf bestanden, dass eine Geschichtsschreibung über die Shoah, die nicht die Erinnerungen der Opfer mit in die Darstellung einbringt, unvollständig bleiben muss.

In dem Buch „Wenn die Erinnerung kommt“ hat Saul Friedländer vorformuliert, was er am Ende seiner Rede in der Paulskirche sagte. Geschichtsschreibung handelt immer auch vom Glauben an menschliche Solidarität. Sie handelt nicht nur von Strukturen und Prozessen, überindividuellen Gesetzmäßigkeiten und gesellschaftlichen Verhältnissen. Saul Friedländer sagte in der Paulskirche, die Stimmen der Opfer der Shoah berührten die Menschen auch heute noch „mit einer ungewöhnlichen Stärke und Unmittelbarkeit, die weit über die Grenzen der jüdischen Gemeinschaft hinaus fortwirkt und die große Teile und mehrere Generationen der abendländischen Gesellschaft bewegt hat. Wenn wir diesen Schreien lauschen, dann haben wir es nicht mit einem ritualisierten Gedenken zu tun, und wir werden auch nicht durch kommerzielle Darstellungen des Geschehens manipuliert. Vielmehr erschüttern uns diese individuellen Stimmen infolge der Arglosigkeit der Opfer, die nichts von ihrem Schicksal ahnten, während viele rings um sie das Ergebnis kannten und manchmal an seiner Herbeiführung beteiligt waren. Vor allem jedoch bewegen uns die Stimmen der Menschen, deren Vernichtung bevorstand, bis auf den heutigen Tag gerade wegen ihrer völligen Hilflosigkeit, ihrer Unschuld und der Einsamkeit ihrer Verzweiflung. Diese Stimmen bewegen uns unabhängig von aller rationalen Argumentation, da sie den Glauben an die Existenz einer menschlichen Solidarität stets von neuem einer Zerreißprobe aussetzen und in Frage stellen."

Saul Friedländers Buch stellt den Lesern den Menschen Saul Friedländer vor, der im Jahr 1977 eine Art öffentliche Selbstvergewisserung seiner Anliegen durchführt und sie in diesem Buch, fast wie ein Tagebuch verfasst, publiziert. Darüber hinaus erläutert Saul Friedländer aber auch, warum Geschichtsschreibung ohne Erinnerung leer bleibt. Sie handelt immer auch von menschlicher Solidarität, nicht nur von gesellschaftlichen Bedingungen und überindividuellen Gesetzmäßigkeiten. Ein Buch das man unbedingt gelesen haben sollte, genauso wie das große Werk Friedländers („Das Dritte Reich und die Juden“) und seine Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels.
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2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zwischen israelischer Gegenwart und tschechisch - französischer Vergangenheit: Die Erinnerungen eines jüdischen Opfers, 6. Juni 2008
Von 
Dr. Matthias Korner "brundisium" (Ratingen, Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
"Allmählich, wenn das Wissen kommt,
kommt auch die Erinnerung.
Wissen und Erinnerung sind dasselbe ..."

Gustav Meyrink

Der emeritierte Professor für Geschichte an der Universität Tel Aviv Saul Friedländer lehrt heute an der University of California in Los Angeles. Als höchst persönlich Betroffener hat er eine viel gelobte 2-bändige Gesamtgeschichte des Holocaust ("Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933 - 1939", "Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939 - 1945") herausgegeben. Hierfür erhielt er 1998 den Geschwister-Scholl-Preis und 2007 den Preis der Leipziger Buchmesse. Im Oktober 2007 wurde ihm der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen.

Daneben hat der Autor aber auch seine persönliche Geschichte niedergeschrieben, die symptomatisch ist für das Schicksal vieler anderer. Er wurde 1932 in Prag als Kind deutschsprachiger Juden in eine schwierige Zeit hineingeboren.Nach dem Einmarsch der Deutschen flieht die Familie nach Frankreich. Als auch dort das Leben immer bedrohlicher wird, wird er unter falschem Namen in ein katholisches Internat gebracht. Als vermeintlicher Katholik wird er gerettet, seine Eltern kommen in deutschen Konzentrationslagern um. Als er sich in Paris auf das Abitur vorbereitet, holt ihn die Vergangenheit ein. In einem langwierigen Prozeß wendet er sich dem Judentum zu und wanderte 1948 nach Israel aus.

In dem ca. 2 1/2 stündigen Hörbuch wird diese so dramatische wie tragische Lebensgeschichte erzählt. In einem steten Wechsel von israelischer Gegenwartsbeschreibung und Rückblenden erschließt sich das Denken und Fühlen eines Überlebenden, den das Dritte Reich um seine Eltern und eine unbeschwerte Jugend gebracht hat. Jahre später fängt der Autor mit zunehmendem Wissen an, viele unklare und diffuse Erinnerungen seiner Kindheit zu verstehen und richtig einzuordnen. Der Schauspieler Michael Prelle hat diese Erinnerungen überaus einfühlsam, bestens akzentuiert und gleichzeitig so abwechslungsreich eingelesen, daß bei dem Hörer zu keinem Zeitpunkt Langweile aufkommt.

Fazit: Tragische Geschichte eines Prager Juden Mitte des 19. Jahrhunderts. Zwei nachdenklich machende CDs.
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4.0 von 5 Sternen Herr Friedländers Metamorphosen vom Pavel zum Saul, 12. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Wenn die Erinnerung kommt (Taschenbuch)
Erzählstil ; dabei permanentes Springen durch die Jahrzehnte des eigenen Lebens seit 1932 und über die Ortsstationen des Lebensweges.Nicht immer einfach zu erkennen,wo gerade der Erinnerungsfaden wieder ansetzt.Für mich viele neue "points of view" zur Pogromlinie gegen Jüdisch-Gläubige,und speziell zur Situation des in Mittelfrankreich Getarnten,Untergetauchten ; am Abgrund der Strudel der Hitlerismus-Exzesse und Katastrophen.Für mich auch neue Einsichten zur Genese Israels.Hab's mit viel Interesse gelesen.
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Wenn die Erinnerung kommt
Wenn die Erinnerung kommt von Saul Friedländer (Taschenbuch - 18. März 2008)
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