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9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Auf der Suche nach der Wahrheit, 20. Oktober 2007
Rezension bezieht sich auf: Unglaubensgespräch (Gebundene Ausgabe)
Kann ein Gespräch via Briefpost und E-Mail zum Thema Religion zwischen zwei Germanisten, der eine Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Mainz, Kirchenlied- und Thomas-Mann-Forscher, der andere Gymnasiallehrer, Essayist und Aphoristiker in Luxemburg, ein den Leser fesselndes Buch füllen? - Es kann, Hermann Kurzke und Jacques Wirion gelingt es jedenfalls, dem interessierten Leser mit ihrem während mehrerer Jahre geführten geschriebenen Meinungsaustausch die beiden konträren Sichtweisen des gläubigen Christen bzw. ungläubigen Atheisten bezüglich Themen wie Glück, Gesundheit, Zufall, Sünde, Gott und die Welt mit beigefügten Artikeln, Essays, Aphorismen und Zitaten anschaulich zu präsentieren und zu kommentieren.

Da es sicher nicht einfach ist, einen chronologischen, z.T. spontanen und persönlichen Briefwechsel so zu strukturieren, dass er als Gesamtwerk veröffentlicht werden kann, gebührt den beiden Autoren Respekt für die gelungene Einteilung in themenbezogene Kapitel gefolgt von ausführlichen Druckvermerken, Quellenhinweisen und Übersetzungen fremdsprachiger Zitate. Somit ist auch der Schlusssatz des Gesprächs ein äußerst passendes Zitat - das ich allerdings hier nicht verraten möchte - bevor der Leser noch einmal das Vergnügen hat, sich das Buch im letzten, Stichomythie genannten Kapitel mit einem rhetorischen Schlagabtausch der beiden sich im Laufe der Auseinandersetzung persönlich näher gekommenen Gesprächspartner quasi noch einmal im Zeitraffer vor dem geistigen Auge passieren zu lassen.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ist Gott nicht eine große Idee, die den Menschen nach oben zieht?, 21. September 2012
Von 
Mag Sarah Krampl "sarahkrampl" (Villach) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Unglaubensgespräch (Gebundene Ausgabe)
Zwei Literaturwissenschaftler, einer überzeugter Christ, der andere überzeugter Atheist, diskutieren über den religiösen Glauben bzw. Unglauben heute.
Hermann Kurzke (1943 in Berlin geboren) ist Literaturwissenschaftler, Katholischer Theologe und Autor. Er veröffentlichte einige biographische Bücher zu Thomas Mann. Analysiert Kirchenlieder indem er Gesangbuchforschung betreibt.

Jacques Wirion (1944 in Luxemburg geboren) ist Aphoristiker und Essayist. Er unterrichtet in verschiedenen Gymnasien in Luxemburg Deutsch und Geschichte.

Dieser Briefwechsel, zwischen 2001-2004 entstanden, ist ein Sammelsurium aus religiösen Gedanken und Erfahrungen, wobei Religion sehr oft mit religiöser Literatur verbunden wird. Thomas Mann: Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band wird von Hermann Kurzke öfter erwähnt, wenn er seine religiöse Einstellung darlegen will. Novalis, Nietzsche, Augustinus und viele weitere Autoren und Heilige werden genannt. Wirion will sich zunächst nicht einer religiösen Glaubensvorstellung öffnen und führt zahlreiche Gründe für seinen begründeten Atheismus an. Kurzke hingegen, spricht immer wieder von seinen Erfahrungen mit Katholizismus und Christsein, wobei er die Beeinflussung durch seine eigene Erziehung und durch sein Studium der Theologie mitberücksichtigt. Der Gegensatz zwischen Fortschrittglauben der Wissenschaft und der romantischen, skeptischen Sicht der Melancholiker wird auf einigen Seiten herausgearbeitet. Der Begriff der Melancholie (acedia) wurde schon immer negativ interpretiert, denn Melancholie (Depression heute) bedeutet mangelnder Glaube. Ähnlich wie im Buch von Charles Taylor Die Formen des Religiösen in der Gegenwart (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) wird dieser Begriff auch in diesem Buch anhand zahlreicher Beispiele aus der Literatur (Heine, Novalis) zerpflückt.
Man lese als Ergänzung und zum Verständnis der Bedeutung und des Bedeutungswandels des Wortes auch: Melancholie.

Interessant ist auch der Gedanke, dass heute, durch den wissenschaftlichen Glauben an den Fortschritt, der augustinische statische Glaube überwunden wurde. Heute bedeutet an etwas zu glauben, danach zu suchen. Wie in der aktuellen Physik das Stichwort „Potentialität“ große Anhängerschaft findet, so zeichnet sich auch im religiösen Glauben eine Hinwendung an die „Möglichkeit“ ab. Wie die meisten Agnostiker heute, welche sich zwar nicht zu einer Religion oder einem Gott bekennen, die Möglichkeit der Existenz eines solchen jedoch offen lassen, so beginnen auch viele Gläubige die Frage nach Gott und Religion offen zu lassen, durch Vermischungen von Glaubensinhalten, durch Zulassen mehrerer innerer Einstellungen verwandelt sich der heutige religiöse Mensch zu einem Suchenden und hoffnungtragenden Wesen. Noch bis vor kurzem waren Heilige und Glaubende, wie Augustinus, fest davon überzeugt, es gebe einen Gott, es gebe ihre Religion, und nur diese zählte. Heute gibt es fundamentalistische Tendenzen, wie bei den Muslimen aktuell ersichtlich, oder aber ein eher offenes Umgehen mit religiösen Fragen. Meiner Meinung nach ist sogar der Atheismus überwunden, denn auch in der Naturwissenschaft zeichnet sich eine Öffnung zu immer anderen Möglichkeiten der Forschung ab, so dass sich heute kaum mehr jemand zu etwas Fix-Stehendem, abgeschlossenem bekennt.

Insgesamt ein sehr anregendes Buch, das einige wohl durchdachte und doch ehrliche, aus dem Inneren stammende Überlegungen hinsichtlich Glaube und Fortschritt beinhaltet.

Hier noch ein paar Sätze aus dem Buch:

Auch er war ja jung und roh gewesen mit seiner Zeit, schlecht beraten von ihr hatte er im Ausleben der Treibe sein Glück gesucht, bis er erkannte, dass rein und groß nur der Traum ist, niemals die Wirklichkeit.

Lieben ohne Lohn, ist das nicht eine Umschreibung für das, was im christlichen Begriff der göttlichen Gnade angesprochen wird, also etwas das eigentlich nur Gott zukommt?

Die Unruhe des Menschen, der bei nichts verweilen kann, den das, was er kennt, bald langweilt, erschien Pascal nicht als Fortschreiten, sondern als Weglaufen.

Der Weg des Machbaren als des Neuen wird zum Wert an sich.

Wer eine Lage verbessert, sich innerlich bereichert und gefühlsmäßig entfaltet, seine Kenntnisse und Fähigkeiten entwickelt, macht gewiss Fortschritte. Und in diesem Mikro-Bereich hat das Glück noch einen Platz in Gestalt der Freude am Wachstum eines Prozesses, an der Steigerung von Macht durch Beherrschung einer Fähigkeit. In diesem Kontext besteht der glückliche Fortschritt in den menschlichen Dingen in einer Überwindung der Wiederholung des immer Gleichen, der Routine, der "total toten Bewegung", wie Hohl sie genannt hat.

Der Schmerz ist der Stachel, der verhindert, dass wir uns einrichten. Jeder Traum muss wieder zerstört werden.

Wir sind so eingerichtet, dass wir nur den Kontrast intensiv genießen können, den Zustand nur sehr wenig. (Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur)

Die Erfahrungen, die wir nicht gemacht haben, von denen wir aber annehmen, sie hätten uns das große Glück gebracht, wenn wir sie gemacht hätten, düngen den Boden, auf dem Reue und Neid gedeihen.

Odo Marquard (Glück im Unglück) verdanke ich den Hinweis auf ein wunderliches Werk aus dem Jahre 1808 (Pierre-Hyacinthe Azais: Des compensations dans les destinées humaines), das die These aufstellt, dass in jedem Dasein Glück und Unglück eines Menschen einander derart die Balance halten, dass das Endergebnis immer Null ist, wodurch die Gleichheit aller Menschen gesichert ist. Zugleich ist damit Gottes Gerechtigkeit erwiesen und entpuppt sich uns das Werk von Azais als Theodizee.

Das Glück der Illusion hat etwa Wärmendes und weist in die Unbeschwertheit kindlichen Daseins zurück, dasjenige der Erkenntnis ist streng und herb.

Angstfreiheit ist für mich das Wesen des Glaubens, Freiheit von der Angst um mich selbst, die sonst die Wurzel aller Unmenschlichkeit ist, und Freiheit von der Todesangst.

Wo keine Götter sind, walten Gespenster. (Novalis)

Arbeit am Mythos, Hervordenken Gottes (wie es Abraham tat in Thomas Manns Joseph-Roman) um der Humanisierung willen, als Gegengewicht zur Niedrigkeit - das ist die Seite, die ich ungern missen möchte.

Gott ist nicht das Gute, sondern das Ganze (Thomas Mann, Joseph und seine Brüder)

Da die Kirche nicht erreicht hat, dass die Menschen tun, was sie lehrt, lehrt die Kirche heute das, was sie tun.

Der Tod Gottes ist eine interessante Meinung, aber sie berührt Gott nicht.

[...] Hans Blumenberg [...] Herbert Schnädelbach, der Blumenbergs Linie fortsetzt. Das Profane ist unser Schicksal, pointiert er. Wir sind tatsächlich Heiden; als Beleg genügt die Tatsache, dass wir offenbar ans Christentum erinnert werden müssen. Wir sind so heidnisch, dass wir meist nicht einmal wissen, dass wir Heiden sind und warum, und dies deshalb, weil wir vergessen haben, was Christsein bedeutete und überhaupt bedeuten könnte [...] Die Bitte um das tägliche Brot richten wir nicht an den Vater im Himmel, sondern an den Sozialstaat. Statt um Regen zu beten, schaltet der Landwirt die Tagesschau ein und wendet sich bei anhaltender Trockenheit an Brüssel um Subventionen.

"Die Wahrheit liegt in der Mitte: zwischen zwei Menschen, die aufeinander zugehen" (Elazar Benyoetz)
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Unglaubensgespräch
Unglaubensgespräch von Jacques Wirion (Gebundene Ausgabe - 23. Januar 2006)
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