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23 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Frage bleibt: Gibt es eine Verantwortung des Menschen als Menschen, eine Verantwortung, die jeder Mensch hat ?, 29. April 2008
Von 
Helga König - Alle meine Rezensionen ansehen
(#1 HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Moralische Grundbegriffe (Taschenbuch)
Und gibt es bestimmte Handlungen, durch die er sie verletzt?"(Spaemann)

Leser, die sich bei solchen Fragen entsetzt abwenden, werden schwer Zugang zu diesem Text finden.

Autor dieses Buches ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität in München.
Innerhalb von acht Kapiteln handelt er die wichtigsten Grundfragen der Moral ab. Dabei bemüht er sich dem Leser ethisches Denken durch einfache Darstellung begreifbar zu machen und fragt beispielsweise:
Sind Gut und Böse relativ? Heiligt der Zweck die Mittel? Was macht eine Handlung gut? Was ist ein gelungenes Leben?

Spaemann verdeutlicht, dass gut leben, im Sinne von richtig leben bedeutet, dass man seine Vorlieben in die richtige Rangordnung bringt. Er lässt nicht unerwähnt, dass nur die Rangordnung richtig ist, bei der der Mensch glücklich und mit sich selbst in Freundschaft lebt. Dies aber darf nicht auf Kosten seiner Nächsten geschehen.

Ähnlich wie Epikur meint der Autor, dass es sinnvoll ist seine Begierden gering zu halten, denn der Grad des Glücksgefühls steht in enger Beziehung zum Erwartungshorizont. Der Philosophieprofessor konstatiert, dass Menschen, die sich an die Befriedigung vieler differenzierter Bedürfnisse gewöhnen auf Dauer nicht mehr Vergnügen daraus ziehen, als diejenigen, die bescheidene Bedürfnisse haben. Es stellt sich also die Frage, ob sich der ganze Aufwand lohnt, den mancher betreibt?

Auch die Endlichkeit des Lebens wird thematisiert und es wird deutlich gemacht, dass ohne Sorge um das vom Ende bedrohte Leben ein erfülltes Dasein nicht möglich ist.

Solange der Mensch lebt strebt er nach Lustgewinn und Wohlbefinden, aber er strebt auch nach Selbsterhaltung. Schon Freud wusste, dass die Grenzen des Lustprinzips im Realitätsprinzip liegen.
Die Herausführung aus der animalischen Befangenheit in sich selbst, die Objektivierung und Differenzierung seiner Interessen und damit die Steigerung seiner Fähigkeit zu Lust und Schmerz wird "Bildung" genannt. In diesem Zusammenhang unterstreicht der Autor, dass derjenige, der zwar gelernt hat sein Interesse zu vertreten aber sich dabei für nichts von ihm Unterschiedenes interessiert, kein glücklicher Mensch sein kann. Deshalb sind Bildung, Herausbildung objektiver Interessen, Wahrnehmung des Wertgehaltes der Wirklichkeit essentielle Bausteine eines gelungenen Lebens.

Wie wird man anderen und sich selbst bei seinem Bemühen um ein gutes Leben gerecht?

Gerechtigkeit, so Spaemann kann jedem jederzeit abverlangt werden, weil das Postulat der Gerechtigkeit nur erforderlich macht, dass man die eigenen Wünsche, Vorlieben und Sympathien relativiert. Hinreichend ist ein Rechtfertigungsgrund für eigenes Handeln dann nicht, wenn es den eignen Interessen zwar dient, aber zeitgleich die Interessen anderer betroffen sind. Vorrang können eigene Interessen nur dann haben, wenn sie inhaltlich wichtiger sind. Wenn die Interessen anderer wichtiger sind, haben konsequenterweise andere den Vorrang. Gerecht ist der, welcher bei Interessenkonflikten darauf achtet, um welche Interessen es sich handelt und die Bereitschaft zeigt, davon abzusehen, wessen Interessen auf dem Spiel stehen. Gerechtigkeit ist ein Aspekt bei der Verteilung knapper Güter innerhalb bereits bestehender und institutionalisierter Beziehungen. Es ist zwar zumeist einfach relevante von nicht relevanten Verteilungskriterien zu unterscheiden, aber was macht man, wenn relevante Gesichtspunkte miteinander konkurrieren? Spaemann erklärt den Unterschied zwischen proportionaler und arithmetischer Gleichheit und verdeutlicht, dass Proportionalität in enger Beziehung zur christlichen Nächstenliebe steht.

Gerechtigkeit ist die Anerkennung, dass jeder Mensch um seiner Selbst willen Achtung verdient. Wissen und Liebe sind Grundvoraussetzungen um gerecht zu handeln.

Spaemann reflektiert Begriffe wie "Gesinnungsethik" und "Verantwortungsethik" und lässt nicht unerwähnt, dass der Utilitarismus an der Komplexität und Undurchschaubarkeit der langfristigen Folgen moralisch scheitert und nicht selten das Gewissen zugunsten von Ideologien oder Technokraten entmündigt.
Wo liegt die Verantwortung des Einzelnen? Wann ist sein Handeln gut? Wann ist sein Wille gut? Muss man seinem Gewissen folgen? Wie entsteht das Gewissen?

All diese Fragen versucht Spaemann zu beantworten und zwar so, dass der Leser problemlos versteht, worum es geht. Wichtig ist, dass es kein Gewissen gibt ohne die Bereitschaft, dieses Gewissen zu bilden und zu informieren. Dennoch ist unklar, woher das Gewissen( das Organ für Gut und Böse) kommt, aber man weiß, dass es sich nur schwer ausformen kann, wenn Kinder schon früh an das Recht des Stärkeren ausgeliefert sind. Dann verlieren sie den Sinn für Fairness, das Zartgefühl und die Offenheit. Wo Kinder " durch Drohung eingeschüchtert, lernen, dass man lügen muss, um davonzukommen oder wo sie erfahren , dass die Eltern ihnen die Unwahrheit sagen und die Lüge im täglichen Leben ein normales Instrument des Fortkommens ist, da verschwindet der Glanz und es bilden sich nur Kümmerformen des Gewissens."(S.80)

Ein hochinteressantes Bändchen, das viel mehr bietet, als ich soeben angerissen habe.
Gefallen hat mir, das Spaemann mit einfachen Worte schwierige Problemkreise verständlich darstellt, höchst selten große Philosophen bemüht und davon absieht diese zu zitieren, selbst Kants kategorischer Imperativ wird von ihm fast spielerisch in den Text eingebaut.

Sehr zu empfehlen, auch für Menschen, die bei folgenden Sätzen ungehalten reagieren:
"Es gehört zu Natur eines Versprechens, dass man es halten muss. Der andere verlässt sich darauf. Damit er sich darauf verlassen kann, hat man überhaupt versprochen." ( S. 92 )
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25 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen DIE Einführung in philosophisches Denken, 18. August 2007
Von 
Charles de Coster (Dortmund, Ruhr Valley Germany) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Moralische Grundbegriffe (Taschenbuch)
Wer gedankliche Klarheit über Grundfragen sucht, die jeden von uns bewegen, der lese dieses glasklar geschriebene Buch. Nie habe ich ein anderes so treffend und anschaulich formuliertes philosophisches Buch
in der Hand gehabt, aus dem man so viel über sich - über uns - selbst lernen kann. Ein Buch, das man auch nach der Erstlektüre immer wieder
mit Gewinn zur Hand nimmt und - vor allem - eine Ermunterung zum Gebrauch der eigenen Vernunft.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Plädoyer für Gelassenheit, 15. Mai 2012
Von 
Diethelm Thom - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Moralische Grundbegriffe (Taschenbuch)
Es handelt sich um acht Vorträge im Rahmen einer Sendereihe, die entsprechend knapp gehalten sind. Das bedeutet, dass nicht alles ausführlich und stringent entwickelt ist, hat aber den Vorteil, dass man die Standpunkte um die zentralen Begriffe der Moral relativ komprimiert versammelt hat. Man kann das kleine, gerade mal über hundert Seiten starke Werk auch gut als Nachschlage-Kompendium benutzen. Dazu kommt die eher etwas lockere Vortragsform und die dialogische Struktur, die die Lektüre erleichtern, Spaemann setzt sich gerne mit kritischen Gegenpositionen auseinander und liefert häufig einprägsame Beispiele aus unserer Gegenwart oder Gedankenexperimente wie das folgende:
Würden wir das Angebot annehmen, uns zehn Jahre unter Narkose in einen Zustand permanenter Euphorie versetzen zu lassen und dann schmerzlos zu sterben (30f.)? Die Antwort mag sich jeder selbst überlegen.

"Das Moralische versteht sich von selbst", so lautet der erste Satz in dem Büchlein. Dennoch müssen die Begriffe und Zusammenhänge immer wieder geklärt werden, weil es so viele offene Fragen und strittige Meinungen gibt, etwa: Sind Gut und Böse relativ? (Kap. 1). Wie verhalten sich Lustprinzip und Realitätsprinzip zueinander (Kap. 2). Muss man immer seinem Gewissen folgen? (Kap.6). Was macht eine Handlung gut? (Kap. 7). - Spaemanns Botschaft ist immer eher unspektakulär. Er vertraut der geduldigen, unaufgeregten Argumentation, geschult an der philosophischen Tradition - kein Wunder, dass er in dem letzten Kapitel für Gelassenheit plädiert, gegen Fanatismus, gegen Zynismus, gegen Passivität, aber für eine "Bejahung einer Wirklichkeit, die es überhaupt wert ist, dass man ihr durch Veränderungen zu Hilfe kommt." (107). Besonders diese Hinwendung zur Realität, das Bejahen der Schwierigkeiten und Bestehen der Widersprüche und Konflikte, das überzeugt und erzeugt Vertrauen in die Glaubwürdigkeit des Verfassers.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Bereicherung, 22. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Moralische Grundbegriffe (Taschenbuch)
Dem Autor, Professor Robert Spaemann, gelingt eine klare, absolut präzise und aus logischen Schlussfolgerungen gespeiste Darstellung verschiedener Grundbegriffe in Bezug auf Moral. Die Texte sind eloquent, trennscharf und im besten Sinne philosophisch. Dennoch ist das Buch auch für "normale" Menschen verständlich und gut lesbar. Es besteht aus 8 Kapiteln, die sinnvolle Bezüge zueinander aufweisen. Zum Ende hin fällt die Spannung in den Texten, sowie die Klarheit in den Darstellungen ein klein wenig ab. Das ist jedoch eine minimale Tendenz von einem sehr hohem Ausgangsniveau aus, und selbst die schlechtesten Textstellen gäben noch eine geniale Ausgangsbasis für manch andere Autoren ab.
Als Atheist kann ich gar die gelegentlichen und sehr sparsamen religiösen Einschläge gut wegstecken. Die tun weder dem Inhalt, noch der Kohärenz der Gesamtdarstellung einen Abbruch, Sie sind eher ein Interpretationsrahmen für den Autor, um auf den Punkt zu kommen, der letztlich mit Religion im engeren Sinne nichts zu tun hat.

Meine Empfehlung um (mal wieder) einen grundlegenden Blick für das Grundsätzliche und Wesentliche des menschlichen Daseins zu entfesseln.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Präzise Begriffsklärung, 6. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Moralische Grundbegriffe (Taschenbuch)
Ein Buch, das jedem zu empfehlen ist, der Auskunft sucht über Grundlagen der Ethik. Besseres auf diesem Gebiet ist mir nicht begegnet.
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6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hervorragend!, 28. März 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Moralische Grundbegriffe (Taschenbuch)
Ein tolles Buch für jeden, der sich eine verständliche Einführung in die Moralphilosophie wünscht. Klar wie kaltes, sauberes Wasser geschrieben. Kann ich jedem uneingeschränkt wärmstens empfehlen!
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13 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Yes, we can.", 28. April 2008
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Moralische Grundbegriffe (Taschenbuch)
"Man kann einen Überschuss an Theorie haben und ein Defizit an Menschlichem." Dieser Satz von Andre Gorz aus seinem "Brief an D." zeigt ein Ungleichgewicht, welches Robert Spaemann (1927-) in seinem seit Jahrzehnten erfolgreichen Buch über die moralischen Grundbegriffe erörtert. Wie die acht Planeten in den Gesetzmäßigkeiten des Universums ihre Bahn ziehen und wir vorhersehbar ihre Position kennen, so sind es diese acht Kapitel, die den Menschen ihre ihnen innewohnende Sittlichkeit in verständlicher Form ebenso verdeutlicht. Sich an Xenophanes erinnernd, wird der Mensch feststellen, dass nicht alles von den Göttern vollendet ihnen eigen ist, sondern dass er mit der Zeit suchend findet, was das Bessere ist. Um dieses Bessere geht es Spaemann, um Ethik und Moral, um Handeln und Verstehen und letztendlich um die Erkenntnis, was abzulegen ist, um Gutes zu gewinnen, Gutes im Sinne der Würde des Menschen.

Um dieses Gute gewinnen zu können, benötigt der Mensch nicht nur die abstrakte Kenntnis der Begriffe und ihre Bedeutung, sondern er muss mit sich und den anderen um diese Dinge ringen. Im 7. Brief Platons ist zu lesen, das es sich wie mit anderen Lehrgegenständen verhält: "es lässt sich nicht in Worte fassen, sondern aus lange Zeit fortgesetztem, dem Gegenstande gewidmeten wissenschaftlichen Verkehr und aus entsprechender Lebensgemeinschaft tritt es plötzlich in der Seele hervor wie ein durch einen abspringenden Funken entzündetes Licht und nährt sich durch sich selbst". Auch als "familiäre Unterredung" bekannte Dialogform ist Ethik nicht allein eine Sache des Verstandes, sondern eine Sache des wirksamen Handelns. Der Schöpfer eines guten Buches ist der Leser, denn ein guter Kopf wird nichts nutzlos lesen, wie Ralph W. Emerson richtig bemerkte, der Leser findet für sich vertrauliche Mitteilungen und lernt von einem Horizont, der die Kunst besitzt, zurückzuweichen und sich immer neu auf anderes zu beziehen.

Dieses scheint für den Rezensenten die Art der Entwicklung der moralischen Begrifflichkeiten bei Spaemann zu sein. Er trägt mit jedem Wort dieses "Prinzip Verantwortung" für die Sache und weiß, dass in der Erhellung bekannter Horizonte, dem Leser der Einstieg erleichtert wird. Spaemann holt ab an der Stelle, wo noch vermeintlich leicht zwischen Gut und Böse zu entscheiden ist und entwickelt in seiner familiären Unterredung eben die Unterschiede im Allgemeinen und Bestimmten und deren Rangfolge im Absoluten, die neugierig machen, tiefer in das Verstehen eintauchen zu wollen. So gelten grundsätzlich verständliche Beispiele aus dem Leben erhellend, um moralische Antriebe zu entdecken, zu reflektieren und in ihren offenen Punkten in den Begriffspaaren der folgenden Kapitel zu beantworten. Spaemann gelingt der Brückenschlag von Kapitel zu Kapitel. Der Leser steigt ein in den Diskurs von Lust und Realität, Beliebigkeit und Relativismus, er lernt die Antworten in sein Verantwortungsspektrum zu integrieren und kann damit zu einer Bildung gelangen, die den Dingen und den Menschen einen Wert im Verhältnis von Eigeninteresse zuerkennt. Der Mensch als Selbstzweck handelt nach Kant in Anerkenntnis des anderen immer richtig, wenn der andere niemals Mittel zum Zweck ist. Was dem Menschen gerecht wird, ist nicht allein von Gerechtigkeit abhängig, denn eine umfassende Gleichbehandlung als Gesetz (auch als Verbot) mag doch dem Menschen etwas entziehen (z.B. der Duft einer Rose), was ihm gerecht wäre. Kants Satz: "Du kannst, wenn Du sollst" erfährt bei Spaemann eine neue Wichtigkeit im Verhältnis von Gesinnungs- und Verantwortungsethik, führt letztendlich zu einer Kristallisation des bestmöglichen Handelns, zum Gewissen. Denn sich dem moralischen Gesetz: "Ich darf nicht" vollkommen zu unterwerfen, heißt letztendlich die Umwandlung in: "Ich kann nicht" dem Gewissen zuwiderhandeln. Oder als das Kantsche "Ich kann" im Sinne der Befolgung. Vollkommen seinem Gewissen nach zu handeln ist der Ausdruck höchster Freiheit. Hier entfällt späte Reue als Revision des Getanen, es gilt, was Aristoteles als die Freundschaft mit sich selbst bezeichnete. Diese höchste Freiheit in der Selbstbestimmung bedarf der Hilfe anderer. Ohne Kontakt keine Sprache, nicht einmal Leben. Durch den anderen wird der Mensch, was er ist. "Werde der Du bist", diese Formel Nietzsches gewinnt so an Klarheit, wie auch das Orakel von Delphi als Aufforderung, sich selbst zu erkennen. Dazu gehört auch der Kantsche "Gute Wille". Denn Fortschritt benötigt die parallele Entwicklung der moralischen Bildung, Mut nach Kant und damit eine Tugend, die das Wachstum des inneren Menschen ermöglicht, um nicht zu enden in das "verkehrte Ende aller Dinge".

Spaemann kann man nicht ohne diesen Bezug zur Theologie lesen. Ihm sind die biblischen Beispiele wichtig. Die Emersonsche Losung, der Leser sei Schöpfer des Buches, mag so in Abhängigkeit seiner möglich atheistischen Gesinnung ihm die allgemeine Botschaft über Moral vorenthalten. Wenn man mit Jonas den Verdacht teilt, die Abschaffung der Transzendenz als den kolossalsten Irrtum zu begreifen, ist man nicht suspendiert von der Verantwortung für das, was Platon das durch den abspringenden Funken entzündetes Licht nennt und was sich durch sich selbst ernährt. Jonas unterstreicht dieses, spricht er von der "Verantwortung für das, was im Gange ist und von uns selbst im Gang gehalten wird". Ethik und Moral stehen als Werte an erster Stelle im Leben. Spaemanns deutliche Botschaft. An anderer Stelle verweist er auf Sartre. Niemand kann ihnen, den Atheisten, die Verantwortung für die Optimierung der Welt abnehmen. Anderes gilt, so schreibt Sartre, für die Gläubigen. Sie wissen erstens das Schicksal der Welt in Gottes Hand. Wenn sie versuchen, nach dem Wort des Apostels Paulus "sich unbefleckt zu bewahren von dieser Welt", dann ist das nicht moralischer Egoismus, da sie eine Verantwortung für ihr eigenes Leben gegenüber Gott haben. Wenn sie gut handeln, ist das Wahrnehmung dieser Verantwortung. Es scheint, Sartre hat besser als mancher Theologe verstanden, was die moralischen Konsequenzen des Glaubens an Gott sind. Statt zu wollen, wovon Gott will, dass es geschieht -und das können wir immer erst nachträglich wissen -, sollen wir, so hatte Aquinus geschrieben, das wollen, wovon Er will, dass wir es wollen. Dieses können wir, im Unterschied zu jenem, wissen. Denn darüber belehrt uns die sittliche Vernunft ohne besonderen prognostischen Aufwand.

Mit diesen Werten verbunden sind die Überlegungen zur Freiheit, zum unbedingten Handeln und der Haltung zum Unabänderlichen. Letztendlich könnte man meinen, aus all diesem beziehe nur Eines seine Nahrung: Das Glück. Würden wir die Freiheit nur in Anerkenntnis des Unbedingten sehen, stürbe sie in sich selbst. (vgl. Bieri) Betrachten wir uns in unserer Lebens-Existenz am freiesten im Freitod, würde jede Freiheit in diesem Moment beendet. (vgl. Camus) Es liegt also Bedingtheit und Unveränderbares notwendig im diesem unserem Leben. Glück erschließt sich aus dem Interesse an von einem selbst Unterschiedenen, aus objektiven Interessen und aus dem Wert der umgebenen Wirklichkeit. Glück kommt aus dem Kontakt zur Wirklichkeit. Gelassenheit dem Endgültigen gegenüber ist eine Haltung des Glücklichen und im Sinne Epiktets oder Senecas die endgültige Befreiung des Menschen. Für Spinoza ist Glück selbst eine Tugend.

Mit Spinoza schließt Spaemann seine gutverständliche Reise durch die moralischen Grundbegriffe. Jeder Wert ist kommensurabel, also vergleichbar, sagt er, und bei Theodor Fontanes "Frau Jenny Treibel" finden wir eine wunderbare Sequenz am Ende des siebten Kapitels, das den Unterschied zwischen dem Ponderablen und dem Höheren im Verhalten feststellt. Mit diesen Gedanken, Schein und Sein unterscheidend, sich neu ins Leben wagen, bedeutet wach zu sein für einen Blick auf sich und den anderen. "Dies diem docet", empfahl Publius Syrus und folglich Gelassenheit und Besonnenheit (Sophrosyne) als Begleiter auf dem Wege neuen wirksamen Denkens und Handelns.

Dieses wunderbare Buch entbehrt eine Liste weiterführender Literatur. Es ist somit nicht für den Überschuss an Theorie gedacht, sondern für die Steigerung des Menschlichen. "Unser Zeitalter ist das der Simplifikationen. Die Schlagworte, die alles erklärenden Universaltheorien, die groben Antithesen haben Erfolg", lasen wir bei Jaspers. Damit ist das vorliegende Buch eine motivierende Hilfe bei der eigenen Erkenntnis von der Welt, vom Denken, vom menschlichen Sein und von der modernen Gesellschaft wie vom Ich (Selbst) in ihr. Es ist eine Empfehlung, sich immer wieder abseits der Banalitäten an die Werte zu orientieren, die das Zusammenleben in der besten aller möglichen Welten auch zukünftig lohnenswert machen.
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5.0 von 5 Sternen Improvisationen über ethisches Handeln angesichts der Macht der Wirklichkeit, 1. Mai 2014
Von 
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Moralische Grundbegriffe (Taschenbuch)
Im Januar und Februar 1981 ging Robert Spaemann beim Bayerischen Rundfunk auf Sendung, um moralische Grundbegriffe zu klären. In seinen eigenen Worten handelte es sich bei seinen acht Beiträgen um eine familiäre Unterredung im Sinne Platons, mithin also um Improvisationen unter Verwandten. Weil schon Platon erkannt hat, dass keiner mit "schulmäßigen Worten" sagen könne, was "gut" sei. In jedem Fall ist gut, dass Spaemann den Charakter dieser seiner Unterredung nicht verändert hat (siehe Vorwort). So dürfen die Leserinnen und Leser an der Unterredung teilhaben, sich lesend der Denk-Familie zugesellen.

Seit 1982, dem Erscheinungsjahr, hat das kleine, nur etwa hundert Seiten starke Büchlein, unzählige Auflagen erlebt. Zurecht. Denn es wirkt nach über 30 Jahren immer noch so unverbraucht und frisch, als ob es gestern erst geschrieben wäre. Damit unterscheidet es sich wohltuend von manch aktueller philosophisch sich gerierender Publikation zu moralischen Grundbegriffen, die so modisch daher kommt, dass sie außer Gähnen ab Seite 27 nicht viel Bleibendes auslöst.

Spaemann dagegen rührt an ethische Grundfragen so, dass er ihre Aktualität nicht krampfhaft beweisen muss. Familiäre Unterredung ist ja in gewissem Sinn zeitlos oder immer heutig. Das war es, was mir beim Lesen besonders gefallen hat. Ganz gleich, welche Konkretionen ich aus dem eigenen Leben oder aus den Gesprächen mit Freunden und Familie mit dem Gesagten verbunden habe, beinahe jedes Kapitel trug zur Klärung von Handeln, Entscheiden, sich Verhalten bei. Das Buch ist in der Tat grundlegend, um eigenes und fremdes Handeln zu reflektieren und zu hinterfragen.

Weil Spaemann einlädt, Konkretionen selber zu finden, und das ist eine Stärke, wenig ärgert mich mehr als Autoren, die ständig so konkret wie aufdringlich ein Beispiel ans andere pappen. Weil also Spaemann offen für eigene Konkretionen formuliert, sprachen mich die Kapitel auch unterschiedlich stark an. Das ist meiner individuellen Lebensphase geschuldet. Aber immer konnte ich jedes Kapitel mit Gewinn lesen.

Persönlich fand ich etwa Kapitel 8 stark, das das seltene Thema Gelassenheit angesichts des Schicksals, also der Macht der Wirklichkeit, diskutiert. Gerade der notorisch autonome Mensch des 21. Jahrhunderts mag sich selten eingestehen, wie viel in seinem Leben Schicksal ist, wie sehr seine Autonomie letztlich eingeschränkt ist durch Wirklichkeit. Und umgekehrt, wie wenig gestehen sich viele ein, dass ihr eigenes Handeln Wirklichkeit setzt, die ihnen zugerechnet wird und fortan als Schicksal an ihrer Identität klebt - zu gern ist ja ein menschlicher Impuls, andern die Schuld fürs eigene So-Sein zu geben, seien es Eltern oder Lehrer, der Chef oder Kollegen usw. Oder es wird nicht bedacht, dass das eigene Handeln nachhaltige Folgen für sich und andere hat, die man nicht mehr so einfach abschütteln kann. Spannende Fragen, spannende Anregungen, eigene Antworten zu suchen. Und dabei gelassen zu bleiben.

Wenig Neues sagte mir etwa das Kapitel "Gerechtigkeit - oder: Ich und die anderen", wiewohl fundierte Differenzierungen getroffen werden, die nützlich und anregend sind. Und die auch aufmerksam machen auf den oft oberflächlichen Gebrauch von Wörtern wie "gerecht" und "ungerecht" - und natürlich "gut" und "böse". Denn wie ein roter Faden entwickelt und entfaltet sich das Gespräch über moralische Grundbegriffe aus dem ersten Kapitel "Philosophische Ethik - oder: Sind Gut und Böse relativ?" heraus. Immer feiner verästeln sich die Gedanken aus dem ethischen Basis-Paar Gut und Böse zu einem philosophisch-ethischen Baum, immer differenzierter wird Ethik in den Blick genommen und es entwickelt sich ein Gesamtbild, immer klarer schält sich heraus, was menschliches Verhalten und Nicht-Verhalten bedeutet, was ihm Sinn gibt und wie Entscheidungen verantwortungsvoll getroffen werden.

In der Tat grundlegend sind die weiteren Begriffe von Erziehung (Lustprinzip oder Realitätsprinzip), Bildung (Eigeninteresse und Wertgefühl), Gesinnung und Verantwortung ("Heiligt der Zweck die Mittel?"), Gewissen (der Einzelne und sein Gegenüber) über das Unbedingte bis eben hin zu der Gelassenheit angesichts des Schicksals, also der Macht der Wirklichkeit. Am familiären Gespräch über diese Begriffe beteiligen sich Aristoteles, Platon, Epikur (überraschend positiv bewertet), Ludwig Wittgenstein, Spinoza, Max Weber, Hegel und viele, viele andere.

Und ich fand das Gespräch teilweise sogar richtig spannend! So müsste Philosophie immer sein - zumindest ab und zu.
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4.0 von 5 Sternen Schlicht, 18. März 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Moralische Grundbegriffe (Taschenbuch)
Es ist ein typischer Spaemann. Die Sprache ist so einfach und präzise, dass es mir persönlich wieder etwas zu trocken ist, gerade weil mir spannende und neu kreirte Formulierungen sehr gefallen. Allerdings sticht in einigen Passagen die geistige Brillianz und Klarheit so hervor, dass es diesen Kritikpunkt vergessen macht. Der Preis ist aber für dieses dünne Büchlein etwas happig, deshalb nur 4. 6,90 € dürften bei diesem Umfang normal sein.
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Moralische Grundbegriffe
Moralische Grundbegriffe von Robert Spaemann (Taschenbuch - 26. Oktober 2004)
Gebraucht & neu ab: EUR 6,83
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