Kundenrezensionen


38 Rezensionen
5 Sterne:
 (13)
4 Sterne:
 (9)
3 Sterne:
 (8)
2 Sterne:
 (4)
1 Sterne:
 (4)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 

Die hilfreichste positive Rezension
Die hilfreichste kritische Rezension


28 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gesellschafts- und Schauerroman von faszinierender Mehrdeutigkeit
Viktorianische Schauerromane und Romane in dieser Tradition haben mich schon immer angezogen, aber nicht oft ist es einem Autor gelungen, mich mit einem Roman dieses Genres so zu fesseln wie Sarah Waters mit ihrem Roman "Der Besucher".

Als Dr. Faraday, Landarzt und Junggeselle mittleren Alters aus dem Arbeitermilieu, an einem Sommertag in der Nachkriegszeit...
Veröffentlicht am 25. April 2011 von Galarina

versus
45 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der enttäuschende Untergang des Hauses Ayres
Ich bin ein riesiger Fan von Romanen, die ein viktorianisches London zum Schauplatz haben. Wenn in einem spannend zu lesenden Klappentext am Ende noch geschrieben steht: "Ein fesselnder Roman von großer Sogkraft, der die Tradition des viktorianischen Schauerromans neu belebt" ist ein solches Buch so gut wie gekauft.

Sarah Waters erzählt die...
Veröffentlicht am 19. April 2011 von Spaddl


‹ Zurück | 1 2 3 4 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

28 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gesellschafts- und Schauerroman von faszinierender Mehrdeutigkeit, 25. April 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Besucher: Roman (Gebundene Ausgabe)
Viktorianische Schauerromane und Romane in dieser Tradition haben mich schon immer angezogen, aber nicht oft ist es einem Autor gelungen, mich mit einem Roman dieses Genres so zu fesseln wie Sarah Waters mit ihrem Roman "Der Besucher".

Als Dr. Faraday, Landarzt und Junggeselle mittleren Alters aus dem Arbeitermilieu, an einem Sommertag in der Nachkriegszeit nach Hundreds Hall, dem jahrhundertealten Stammsitz der Familie Ayres in Warwickshire, gerufen wird, werden bei ihm Erinnerungen an seine Kindheit wach. Bereits damals hatte Dr. Faraday, Sohn eines Kindermädchens der Ayres, die Gelegenheit das Anwesen zu besuchen, und war fasziniert von dessen prachtvoller, majestätischerErscheinung, die ihn magisch anzog und eine begierige Leidenschaft in ihm begründete. Doch nun, Jahre später, zeigt sich ihm Hundreds Hall stark vom Verfall gekennzeichnet. Seine Besitzer, die verwitwete Mrs. Ayres und ihre erwachsenen Kinder Roderick und Caroline sind kaum in der Lage ihren Besitz zu erhalten und dem Verfall Herr zu werden, ganz zu schweigen davon, einen Lebensstil zu führen, wie sie dies vor dem Krieg gewohnt waren. Sowohl die Ayres als auch Dr. Faraday, dem es bisher nicht gelungen ist, bei gehobenen Schichten Aufnahme zu finden, versuchen ihren Platz in der Gesellschaft des Nachkriegsenglands zu finden. Dr. Faraday erhält den Kontakt zu den Ayres und bald erfährt er von seltsamen Vorgängen im Haus, beginnend mit verschwundenen und an anderen Stellen wieder auftauchenden Gegenständen, Möbelstücken mit Eigenleben, kryptischen Zeichen, die plötzlich an den Wänden auftauchen und unerklärbaren bedrohlichen Geräuschen im Haus. Die Familienmitglieder der Ayres reagieren zunehmend panisch auf die Vorgänge im Haus, versuchen diese zu deuten und steigern sich in unterschiedlichste Erklärungsansätze hinein. Dr. Faraday hingegen versucht immer wieder natürliche Ursachen für die Ereignisse zu finden und die Familie damit zu beruhigen. Doch das Schicksal der Ayres nimmt unaufhaltsam seinen Lauf und das von Dr. Faraday wird immer enger mit dem der Ayres verbunden...

Sarah Waters gelingt es von der ersten Seite ihre Romanes an, das England der Nachkriegszeit und dessen gesellschaftlichen Veränderungen vor den Augen des Lesers bildhaft entstehen zu lassen. Der Verfall von Hundreds Hall spiegelt sich zunehmend in der Psyche seiner Bewohner. Dadurch ist ihre Darstellung der gesellschaftlichen Entwicklungen dieser Zeit so eindringlich gelungen, dass durchaus der Eindruck entstehen könnte, dass Sarah Waters einen exzellenten Gesellschaftsroman geschrieben hat - wenn da nicht die Elemente des Schauerromans wären.

Recht schnell wurden bei der Lektüre des Romans "Der Besucher" bei mir Erinnerungen an "Rebecca" von Daphne du Maurier, "Der Untergang des Hauses Usher" von Edgar Allan Poe, vor allem aber an "Das Durchdrehen der Schraube" von Henry James wach. Ähnlich wie Henry James in "The Turn of the Screw" erzählt Sarah Waters die Geschichte der Ayres mittels einer unzuverlässigen Erzählsituation: der Leser erfährt die Geschichte der Ayres aus Sicht von Dr. Faraday, ohne zu wissen, woher dieser sein Wissen über Situationen auf Hundreds Hall bezieht, die er selbst nicht als Augenzeuge erlebt hat und inwieweit seine Wahrnehmung von Situationen, die er miterlebt hat, der Realität entsprechen. Diese Erzählsituation führt zu einer Mehrdeutigkeit in den erzählten Geschehnissen auf Hundreds Hall, die eventuell die Meinungen der Leser spalten wird. Je nach Lesart wird der Roman als Auseinandersetzung mit dem Verfall der Oberschicht, die zwar eindrucksvoll aber wenig spannend ist, als paranormale Geschichte oder als psychologische Studie, die sukzessive das Grauen beim Leser anwachsen lässt, bewertet werden. Den Roman "Der Besucher" so anzulegen, dass all diese Lesarten möglich sind, ist zweifellos eine Meisterleistung.

Der Lesesog, den Sarah Waters Roman bei mir hervorgerufen hat, beruht auf meiner Lesart als psychologische Studie, bei der sich schlussendliche Gewissheit erst auf den letzten Seiten des Romans einstellt, so wie sich bei einem komplizierten Puzzle erst mit dem letzten Teil ein Gesamtbild ergibt. Für mich ist damit auch der Schluss des Romans handwerklich vollendet gelungen und absolut zufriedenstellend.

Sarah Waters kombiniert in ihrem Roman "Der Besucher" Elemente des Schauerromans mit einer präzisen Beobachtungsgabe sozialer Verhältnisse zu einem fesselnden und überzeugenden literarischen Unterhaltungsroman mit faszinierender Mehrdeutigkeit und Nachwirkung. Das Ende des Romans macht Lust auf eine zweite Lektüre, um Andeutungen aufzuspüren, die beim ersten Lesen nicht wahrgenommen oder ausreichend gewürdigt wurden. Für mich hat Sarah Waters Roman "Der Besucher" alles, was nötig ist, um zu einem Klassiker des Genres zu werden.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Düsteres und geheimnisvolles Buch, 24. Juni 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Besucher: Roman (Gebundene Ausgabe)
Alleine aufgrund des Covers hatte ich bereits ein düsteres und schauriges Buch erwartet und meine Neugier wurde noch verstärkt, als ich im eingeschlagenen Schutzumschlag gelesen habe, dass dieser Roman in der Tradition der viktorianischen Schauerromane geschrieben ist.

Düster und geheimnisvoll ist das Buch auf jeden Fall. Als schaurig habe ich es jetzt eher nicht empfunden. Dafür bleibt die Handlung weitestgehend eher ruhig und plätschert doch gefühlt vor sich hin, was mich aber zu meiner Verwunderung gar nicht so sehr gestört hat. Dieses Ruhige passt irgendwie zu dem Buch.
Das gesamte Buch wird in der Ich-Form aus Sicht des Arztes Dr. Faraday erzählt. Er ist Landarzt in Warwickshire und wird in den 40er Jahren kurz nach Ende des 2. Weltkriegs nach Hundreds Hall zur Familie Ayres gerufen. Hundreds Hall war mal ein majestätisches Anwesen und sehr glanzvoll. Im Zuge des 2. Weltkriegs und der Reformen nach Ende des Krieges hat die Familie jedoch fast ihr gesamtes Vermögen eingebüßt und führt jetzt ein eher asketisches Leben auf dem Anwesen.

Dr. Faraday schafft es zur Vertrauensperson der Familie zu werden und erzählt in Rückblenden über die tragischen Ereignisse, die die Familie Ayres schließlich heimsuchen. Dabei wurde mir der Doktor im Verlaufe des Buches immer unsympathischer und irgendwann empfand ich ihn nur noch als unmöglich. Durch die Erzählweise aus der Ich-Perspektive lernt man Faraday ziemlich gut kennen, trotzdem hatte ich als Leser immer das Gefühl, dass er etwas verbirgt. Spannend ist, dass obwohl mir diese Figur wirklich sehr unsympathisch wurde, ich trotzdem gerne das Buch weitergelesen habe. Auch dieser unmögliche Charakter passt sehr gut für mich in die Gesamtstruktur des Buches.

Die Familie Ayres, bestehend aus der Mutter und den beiden erwachsenen Kindern Roderick und Caroline, ist mir dabei im Laufe des Buches immer mehr ans Herz gewachsen und ihr tragisches Schicksal hat mich ganz schön mitgenommen. Alle sind irgendwie an dieses Haus gebunden und man hat so richtig das Gefühl, dass das Haus ihnen ihren letzten Lebenssaft aussaugt.
Die Autorin beschreibt dabei das gesamte Anwesen so richtig düster und im Verlauf des Buch nimmt das Anwesen immer schaurigere Formen an. Die gesamte Landschaft und auch der englische Ort, in dem sich alles abspielt werden sehr detailliert, aber auch düster beschrieben und in meinem Kopf hat das gesamte Buch inklusive der Geschichte so einen richtigen Schwarz-Weiß-Film ergeben. Mit dunklen Ecken, verwinkelten Zügen und über allem liegt eine graue Schicht, die alles zu überdecken scheint.

Ob schließlich wirklich irgendetwas Fantastisches in den Mauern passiert oder gar wirklich ein jahrelanger Fluch auf der Familie liegt, wird komplett offen gelassen. Jedoch bietet die Autorin auch eine rationale Erklärung, die man als Leser mehr zwischen den Zeilen liest und die mir aber trotzdem am Wahrscheinlichsten erscheint. Trotz dieses doch sehr offenen Endes, bin ich trotzdem mit dem Schluss sehr zufrieden. Das gesamte Buch über wird nämlich immer wieder für Gänsehaut gesorgt und man kann sich überlegen: Steckt ein Mensch hinter den Vorkommnissen oder sind es doch die Geister der Vergangenheit oder sogar das Haus selber?

Ein düsterer Roman, der sehr ruhig abläuft. Das Buch hat bei mir zu keiner Zeit dazu geführt, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte, trotz allem habe ich die Lektüre sehr genossen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Grusel aus zweiter Hand, 28. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Besucher: Roman (Gebundene Ausgabe)
Seit seiner Kindheit ist der Landarzt Dr Faraday von Hundreds Hall fasziniert. Eines Tages bringt ihn ein Notfall auf den entlegenen Landsitz, und so beginnt seine Freundschaft mit den vier Bewohnern: dem schlichten Dienstmädchen Betty, der würdevollen Mrs Ayres, dem labilen Roderick und der herben Caroline. Doch die besten Zeiten von Hundreds Hall sind längst vorbei - die Familie kämpft gegen den Verfall des Hauses, das allmählich ein Eigenleben zu entwickeln scheint und die Nerven der Bewohner (und Leser) auf immer härtere Proben stellt.

Für den "Besucher" braucht man anfangs ein wenig Geduld, denn auf den ersten hundertzwanzig Seiten geschieht vordergründig nichts, was den Klappentext "Schauerroman von großer Sogkraft" rechtfertigen würde. Und selbst als das Schicksal der Familie Ayres dann seinen Lauf nimmt, bleibt der Leser immer ein paar Schritte vom Geschehen distanziert. Das liegt an der Erzähl-Perspektive: Der Ich-Erzähler Dr Faraday ist selbst so gut wie nie direkter Zeuge der unheimlichen Ereignisse auf Hundreds Hall, er wird nur mit den Folgen konfrontiert und gibt wieder, was ihm die zunehmend angespannten Bewohner des Hauses berichten. Je dramatischer die Ereignisse fortschreiten, desto enger wird allerdings seine Bindung an die Familie.

Gut gefallen haben mir die klare, schnörkellose Sprache und die dichte Atmosphäre, in der im großen Rahmen ein realistisches Nachkriegs-England aufersteht - eine Welt mit Bezugsscheinen und chronischer Benzinknappheit - und im kleinen Rahmen Hundreds Hall wie ein verwundetes Tier im Todeskampf wirkt. Auch die Auflösung - die am Ende keine ist, sondern Interpretationssache des aufmerksamen Lesers bleibt - jagt mir nachwievor einen wohligen Schauer über den Rücken.

"Der Besucher" ist kein plakativer Gruselroman. Wer eine echte Gespensterjagd inklusive vernünftiger Erklärung erwartet, wird enttäuscht sein. Der Roman erfordert Geduld, Köpfchen und die Bereitschaft, sich mit drei, vier menschlichen Ängsten und Begierden auseinander zu setzen. Dann entwickelt er tatsächlich eine gewisse Sogkraft. Einen Stern Abzug gibt es für die Längen, die auf den ersten hundertzwanzig Seiten und auch danach immer mal wieder kurz auftreten.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


45 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der enttäuschende Untergang des Hauses Ayres, 19. April 2011
Von 
Spaddl "spaddl" (SH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Der Besucher: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich bin ein riesiger Fan von Romanen, die ein viktorianisches London zum Schauplatz haben. Wenn in einem spannend zu lesenden Klappentext am Ende noch geschrieben steht: "Ein fesselnder Roman von großer Sogkraft, der die Tradition des viktorianischen Schauerromans neu belebt" ist ein solches Buch so gut wie gekauft.

Sarah Waters erzählt die Geschichte des Dr. Faraday, der eines Nachts auf das Anwesen Hundred Halls der Familie Ayres gerufen wird, da die Hausbedienstete einen Arzt benötigt. Im Zuge dieses Einsatzes lernt er die Bewohner kennen: die verwitwetete Hausdame Mrs. Ayres und ihre beiden Kinder Caroline und Roderick. Nach und nach baut sich eine Bindung zwischen dem Doktor und der Familie auf, so dass er häufiger in Hundred Halls zu Besuch ist. Durch seine Anwesenheit erlebt er jedoch mit, wie das Haus langsam ein Eigenleben zu entwickeln scheint - Möbelstücke verrücken sich wie von Geisterhand und mystische Zeichen erscheinen an der Wand. Es dauert nicht lange und der erste "Unfall" passiert...

Das klingt nach einer spannenden, nervenzerreibenden Geschichte, oder nicht?
Entsprechend hoch waren meine Erwartungen als ich zu lesen begann. Auffallend war der tolle Stil Sarah Waters'; sie schafft es gekonnt, die Umgebung des Hauses und die gruselige Atmosphäre innerhalb des Anwesens einzufangen und zu beschreiben. Der Leser ist direkt in der Handlung und fiebert mit dem sympathischen Ich-Erzähler mit. Mit Dr. Faraday kreiierte Sarah Waters einen Charakter, der durch seine rationale und zweifelnde Denkweise einen anderen Blick auf die Mysterien des Hauses wirft. Interessant ist ebenfalls, dass er kein richtiger Held ist, sondern auch von Melancholie und Selbstzweifeln geplagt ist, wodurch er wesentlich plastischer wirkt, als ein stählerner Über-Protagonist, der die Lage schneller erkennen würde. Die bereits angesprochene Atmosphäre der damaligen Zeit ist für den Leser auch direkt spürbar - man fühlt durch die Buchseiten die nebelige Luft von Warwickshire der 1940er Jahre förmlich.

Eine solch ausführliche und detaillierte Charakterisierung hat natürlich zur Folge, dass der Spannungsbogen leiden muss. Ähnlich wie bei Stephen Kings Horror-Klassikern benötigt die Handlung einige hundert Seiten, um an Fahrt aufzunehmen. "Da is was Böses in diesem Haus" lässt Sarah Waters die 14-jährige, etwas einfältige Haushaltshilfe Betty auf Seite 154 artikulieren. Zeitgleich ist es der erste Zeitpunkt der Geschichte, in dem der Leser mit den gruseligen Elementen des Buches konfrontiert wird. Gelegentlich verliert sich Sarah Waters jedoch in der Beschreibung der Handlung, schmückt unwichtige Situation viel zu sehr aus, so dass der Leser im Nachhinein besagte Textstellen auch ohne Verständnisverlust der Geschichte hätte überspringen können.

Mein Problem war der Umstand, dass ich einen Schauerroman erwartet habe, der ähnlich wie Mark Z. Danielewskis "Das Haus" Geschehnisse präsentiert, die gruseln, die einen packen und die Seiten wie im Akkord umblättern lassen. Verstehen Sie mich nicht falsch, solche Momente gibt es in "Der Besucher" auch, aber Sarah Waters schafft es nicht, diese so packend zu gestalten, dass ich die nächste Seite voller Furcht umblättern wollte. Vielleicht war dies auch gar nicht ihre Intention, denn der Roman wirkt vielmehr wie ein Panorama der damaligen Zeit in einer Gesellschaft, in der die Reputation und das Ansehen wichtiger sind als heutzutage. Liest man das Buch mit dieser Einstellung, also eine Art Gesellschaftsroman genießen zu können, funktioniert er einwandfrei. Durch die aufkeimende, leider punktuell vorhersehbare Liebesgeschichte bekommt der Roman romantischere Töne, die bei einem Gesellschaftsroman wirken, bei einem Schauerroman aber deplatziert wirken.
Enttäuscht war ich außerdem von dem Ende: kein wirklicher Showdown oder eine, meiner Meinung nach, spannende Auflösung des Geschehens folgen, sondern eine Rekapitulation der Handlung. Durch die Erzählung des Romans aus der Ich-Erzähler-Perspektive hat die Autorin zwar nicht die Verpflichtung sämtliche Geschehnisse aufzulösen, aber ein für mich befriedigenderes Ende hätte ich mir schon gewünscht.

Abschließend ist zu sagen, dass Sie mit "Der Besucher" einen unglaublich gut geschriebenen, atmosphärisch dichten Roman erhalten können, der als Gesellschaftsroman wunderbar zu lesen ist und sicherlich auch 4-5 Sterne wert wäre, aber als Schauergeschichte (und als das ist der Roman nunmal im Klappentext deklariert worden) ist er langweilig und nicht lesenwert.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Atemberaubend, 17. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Besucher: Roman (Taschenbuch)
Im England der 1940er Jahre wird der ärmliche Landarzt Dr. Faraday von der Adelsfamilie Ayres zu einem kranken Dienstmädchen gerufen. Das Mädchen gruselt sich in dem alten, düsteren Herrenhaus und befürchtet, dort "vor Angst zu sterben". Natürlich tut der Arzt diesen Eindruck als Spinnerei ab, als jedoch bei einer Dinnerparty auf dem Anwesen der Hund der Famile plötzlich wie ausgewechselt scheint und ein Kind verletzt, beginnt auch er zu glauben, dass dort irgendetwas nicht stimmt. Trotzdem freundet Dr. Faraday sich mit der Familie, bestehend aus der Mutter des Hauses und ihren beiden erwachsenen Kindern Caroline und Roderick an, nichts ahnend, dass das Böse hinter den alten Mauern lauert.
Sarah Waters lässt den Spuk sehr subtil beginnen um schließlich ein atemberaubendes Szenario zu entfachen. Trotzdem wirkt die Geschichte an keiner Stelle zu phantastisch oder überfrachtet. Zudem ist der Roman vielschichtig konstruiert: Ob die Autorin den sozialen und wirtschaftlichen Abstieg des Landadel infolge der Industiealisierung beschreibt, die beginnende zarte Liebesbeziehung zwischen Dr. Faraday und einem Familienmitglied, oder das Gruselelement bedient - das Buch ist zu jeder Zeit spannend zu lesen.
"Der Besucher" ist noch mehr, als ein Gruselroman vermischt mit einem Gesellschaftsportait. Er ist ebenfalls eine tragische Familien- und Liebesgeschichte, bei der der Leser mit den sympatischen und sorgfältig charakterisierten Personen mitleidet.
Für mich persönlich ist er mein zweitliebster Sarah Waters Roman nach "Solange du lügst".
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Als die Glanzzeiten vorüber waren, 10. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Besucher: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der junge Dr. Faraday wird wegen eines Krankheitsfall in Vertretung auf Hundreds Hall gerufen.
Er kennt das Anwesen aus seiner Kindheit als seine Mutter dort angestellt war und er sie als kleiner Junge besuchen durfte.
Er hat das Anwesen als außergewöhnlichen Hof in Erinnerung und der Landadel hat ihn schon damals sehr beeindruckt.

Nun da er wieder auf Hundreds Hall ist, ist er vom stetigen Verfall des Hauses geschockt. Die Zeit der Diener, Gärtner und des Hauspersonals ist längst vorbei. Die Bewohner allerdings interessieren ihn und so mit er immer mehr Anteil an deren Leben und letztendlich auch an den eigenartigen Vorkommnissen im Haus. Diese häufen sich und sind den Bewohnern letztendlich unerklärbar.....

Fazit:
Ich habe das Buch angefangen zu lesen und fühlte mich mit der Geschichte sehr wohl. Es war spannend und unterhaltsam. Obwohl nicht viel passierte verstand es die Autorin mich bei der Stange zu halten und ich wollte unbedingt wissen wie es weiter geht. Zwischendurch hatte der sogenannte Schauerroman aber zu viele Längen und von Schauer habe ich nicht viel gespürt. Vielleicht fehlt mir aber dazu einfach das Faible.

Sieht man mal von der Bezeichnung Schauerroman ab, mit dem der Verlag ja nun auf dem Klappentext Werbung macht, ist es ein gut zu lesender Gesellschaftsroman der zwar einige Längen aufzuweisen, aber alles in allem gut unterhalten hat.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unerklärliche Phänomene und eine schicksalsträchtige Geschichte, 1. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Besucher: Roman (Gebundene Ausgabe)
Einst waren die Ayres eine hochangesehene Familie mit Tradition und ihr herrschaftliches Anwesen, Hundreds Hall, Blickpunkt der Englischen Gesellschaft. Doch die Bewunderung schwindet, während der Inbegriff eines prächtigen Landsitzes dem unwiederbringlichen Verfall ausgesetzt ist. Die Zeichen der Zeit und nicht zuletzt der Zweite Weltkrieg haben deutliche Spuren hinterlassen. Dreißig Jahre nach seinem ersten Besuch, Faraday ist inzwischen Arzt und teilt sich mit Dr. Graham eine Praxis, betritt er erneut das imposante Gemäuer. Doch er ist enttäuscht, um nicht zu sagen entsetzt, in welchem Maße der Glanz der Heiligen Hallen Schaden gelitten hat. Verwahrlosung und Zerstörung, Kälte und Dunkelheit, längst vergangener Reichtum und bedrückende Stille dominieren das Bild.

Mit einem Hausbesuch des Arztes Dr. Faraday bei einer Angestellten der Ayres auf Hundreds Hall beginnt Sarah Waters ihren Bestseller DER BESUCHER, schwelgt in Erinnerungen an Vergangenes und vergleicht mit wenig erbaulicher Gegenwart.

Das 1733 fertig gestellte Hundreds Hall ist nunmehr ein Schatten seiner selbst. Die Musik im Tanzsaal ist verstummt, Silber, Gemälde und wertvolle Antiquitäten längst veräußert, Luxus und Ruhm verloren.

Viele Details vermitteln ein authentisches Bild von Personen und Umgebung. In leisen Tönen schwingen Atmosphäre und Emotionen der Nachkriegszeit.

Mrs. Ayres wahrt als Dame des Hauses Eleganz und Anmut. Ihre Kinder Roderick und Caroline tun ihr Möglichstes, das Anwesen zu erhalten.
Caroline weiß anzupacken. Sie ist unkompliziert und aufrichtig.
Roderick gibt sich redlich Mühe, den Hausherrn zu ersetzen. Er arbeitet sehr viel, hat jedoch wenig Gespür für die Landwirtschaft. Wie viele Jungen seiner Generation, musste Rod viel zu schnell erwachsen werden. Seine Aufgaben überfordern ihn bisweilen. Ein Unfall bei der Royal Air Force führte zu einer schweren Kriegsverletzung und einem nervlichen Problem.

Es ergab sich, dass Dr. Faraday ihn als regelmäßigen Patienten gewann. Die sonntägliche Behandlung des Beines wurde zur Gewohnheit, Tee im Kreise der Familie inklusive. Man lernte einander kennen und schätzen. So war Faraday ebenfalls anwesend, als Hundreds Hall zu einem feierlichen Stelldichein ludt, das durch ein wahrlich unschönes Ereignis ein jähes Ende fand. Gyp, der treue und stets freundliche Familienhund der Ayres, biss das kleine Mädchen der Baker-Hydes ins Gesicht. Die Anwesenden waren allesamt schockiert, die Ayres untröstlich, die Baker-Hydes hochgradig empört. In all ihrer Wut und Verzweiflung verlangten sie folglich den Tod des Tieres.

Jener Abend schien jedoch nicht nur das Ende eines Hundelebens, sondern zudem den Beginn seltsamer Vorkommnisse auf Hundreds Hall einzuläuten.

Mit der düsteren, kargen und kalten Winteratmosphäre in und um das Gemäuer legt die Autorin die passende Grundlage für allerlei Spuk. Hier ein Schatten, dort mysteriöse Geräusche und noch dazu unerklärliche Phänomene rufen nicht nur bei den Figuren des Romans Erstaunen und Unbehagen hervor. Mit deutlicher Gänsehaut folgt der Leser gebannt der Erzählung. Die Spannung steigt bisweilen enorm.

Dr. Faraday glaubt bei Rods Worten, das unglaubliche Geschehen zu umschreiben, an ein verzögertes Kriegstrauma, ausgelöst durch Erschöpfung und überstrapazierte Nerven. Doch lassen sich die Ereignisse wirklich so einfach mit bloßen Sinnestäuschungen erklären?

Als sich weitere ominöse Ereignisse einstellen und schließlich eine Feuerkatastrophe in letzter Minute abgewendet werden kann, halten es alle für sinnvoll, Roderick in die Obhut Dr. Warrens zu übergeben. Ein Klinikaufenthalt wird aller Hoffnung nach die Wahnvorstellungen vom Bösen, das in Hundreds Hall sein Unwesen treibe, kurieren ...

Zunächst scheint Ruhe auf dem Herrensitz einzukehren. Dr. Faraday und Caroline finden zueinander und auch Mrs. Ayres blüht wieder auf.
Bis ominöse Geräusche und kindliche Kritzeleien auf Holzverkleidungen die Gemüter erregen und den Weg für weit Schlimmeres ebnen ...

Die Erzählung aus Sicht des Dr. Faraday, in erster Person Singular verfasst und nicht auf Kenntnisse seiner persönlichen Beteiligung beschränkt, erstreckt sich auf fünfzehn großzügig ausgelegte Kapitel.
Stil und Sprache erfassen den Flair einer längst vergangenen Epoche. Gesellschaftliche und politische Umschwünge jener Zeit vermittelt Sarah Waters ebenso souverän wie Schauplätze und Personen.
Die Autorin pirscht sich in langsamen Schritten an das Grauen dieser Geschichte heran. Nach Tradition des viktorianischen Schauerromans, ganz wie es der Klappentext verspricht, entwickeln sich Atmosphäre und Ereignisse, spiegeln Emotionen wider und nehmen den Leser für sich ein.
Das Schicksal der Familie Ayres beugt sich einer stets präsenten Melancholie. Der Grundtenor des Romans wirkt recht düster.
Dramatische Begebenheiten rufen mannigfaltige Spekulationen hervor. Sarah Waters spielt mit der Psyche ihrer Akteure und bewegt sich indifferent zwischen Wissenschaft und Aberglaube.
Die Interpretation der Ereignisse obliegt schlussendlich dem Leser.

DER BESUCHER erscheint in gebundener Form mit Schutzumschlag und Lesebändchen bei Lübbe Ehrenwirth. Sowohl Einband als auch Umschlag sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet und erfreuen zweifelsohne jedes Leserherz. Papier, Satz und Druck sind einwandfrei.

Fazit

Sarah Waters kann es mühelos mit Klassikern dieses Genres aufnehmen!
DER BESUCHER überzeugt mit Mehrdeutigkeit, dichter Atmosphäre, intensiven Emotionen und subtilem Grauen. Unerklärliche Phänomene fesseln den Leser ebenso wie die schicksalsträchtige Geschichte einer Adelsfamilie, die so oder so dem Untergang geweiht scheint.
Der hervorragende Schreibstil und die stets angepasste Sprache machen die Lektüre zu einem schaurigen Genuss.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schon jetzt ein moderner Klassiker, 29. April 2011
Von 
Eskalina (Hannover) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Der Besucher: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Ein fesselnder Roman von großer Sogkraft, der die Tradition des viktorianischen Schauerromans neu belebt." - Zu diesem Fazit kommt der Verfasser des Klappentextes und damit hat er es eigentlich schon auf den Punkt gebracht.
Im England der Nachkriegszeit wird der Landarzt Dr. Faraday zu einem Notfall in das Herrenhaus Hundreds Hall gerufen. Das alte und ehrwürdige Haus ist im Besitz der Familie Ayres, die es in diesen schweren Zeiten kaum noch halten kann und die selbst Mühe hat, mit den gesellschaftlichen Veränderungen umzugehen. Dr. Faraday wird bald regelmäßiger Besucher in dem immer mehr verfallenden Herrenhaus und ist einer der wenigen Vertrauten von Mrs. Ayres, ihrer Tochter Caroline und ihrem Sohn Roderick. Als er erfährt, dass sich in dem Haus seltsame Dinge ereignen, versucht er zuerst die Familie zu beruhigen und für alle Vorkommnisse rationale Erklärungen zu finden, doch schon bald führen die Ereignisse dazu, dass die Familie sich ernsthaft in Gefahr sieht.

Zuerst ist es die unglaublich dichte Erzählweise, die hier auffällt. Stimmungsvolle Bilder, düstere Ahnungen ranken sich die ganze Zeit um das Haus und die Familie. Eine lange Zeit geschieht nichts und trotzdem ist man von der Atmosphäre in Hundreds Hall gefangen und die Frage, wer da die Möbel rückt, wer der Verursacher unheimlicher Geräusche und Schriftzeichen ist, beschäftigt einen beim Lesen ebenso wie Dr. Faraday und die Mitglieder der Familie, auf die der sich immer mehr beschleunigende Verfall des Hauses überzugreifen scheint.

Ausführlich geschildert finden sich alle Schauplätze dieses Romans, und so liegt zwar das Hauptaugenmerk der Autorin auf dem verfallenden Herrenhaus und dem dazugehörigen kleinen Personenkreis, doch erzählt sie mit derselben Eindringlichkeit und Plastizität von dem Leben der Landbevölkerung in dieser Zeit. Die Kämpfe des untergehenden Landadels und die Armut der Landbevölkerung werden durch die Person des Dr. Faraday, der sich nun in beiden Welten bewegt, berichtet. Faraday, der selbst aus einem armen Elternhaus stammt und dessen Mutter Kindermädchen in Hundreds Hall war, ist von dem alten Herrenhaus fasziniert und gefangen. Durch ihn wird die Handlung erlebt und doch bleibt zu ihm die gleiche Distanz wie zu den Bewohnern des Landsitzes.

Es sind unheimliche Vorkommnisse, die sich ereignen und die Autorin gibt dem Leser kontinuierlich zwei Möglichkeiten der Erklärung dafür. Sie setzt Faraday nicht nur als Erzähler ein, nein, er hat auch die Aufgabe, dem vermeintlich Übernatürlichen mit ganz rationalen Lösungsangeboten zu begegnen.
So bleibt es beim Leser sich die ihm angenehme Interpretation zu wählen, die ihm Sarah Waters überlässt. Für Freunde von Rasanz, Horror und Schockeffekten ist dieser Roman sicherlich nicht geeignet. Er ist eher leise und spektakulär unspektakulär und genau das macht seine Größe aus.

Mein Fazit: Ich hatte das Gefühl, ein Meisterwerk und einen zukünftigen Klassiker in den Händen zu halten und ich habe jede Zeile, jeden Satz genossen. Für mich jetzt schon ein Jahreshighlight, das ich gerne weiterempfehlen möchte.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wahn oder Wirklichkeit?, 12. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Besucher: Roman (Taschenbuch)
Schon als Junge hat Dr. Faraday das alte Herrenhaus Hundreds Hall, in dem seine Mutter als Kindermädchen arbeitete, und die dort lebenden Herrschaften bewundert. Als er nun, als praktizierender Landarzt, dorthin zu einem medizinischen Notfall gerufen wird, ist er aufgeregt und stolz zugleich. Kindheitserinnerungen werden wach und zudem hegt er die Hoffnung, dass er es nun endlich schaffen wird, auch Patienten aus höheren Gesellschaftskreisen zu bekommen.

Bei der Familie Ayres, die auf Hundreds Hall lebt, zeigt sich allerdings, dass das Leben auch dieser höheren Gesellschaft im Nachkriegsengland nicht mehr unbedingt einfach ist. Die Familie ist verarmt, die Instandhaltung des Herrenhauses verschlingt große Summen von Geld. Zudem ist der alte Colonel gestorben und seine Witwe bemüht sich jetzt zusammen mit ihren beiden Kindern, das Haus vor dem Verfall und sich selbst vor dem Verlust des gesellschaftlichen Ansehens zu bewahren. Erschwert wird die Situation noch dadurch, dass der Sohn im Krieg verletzt wurde und dabei scheinbar auch ein Trauma erlitten hat. Und die Tochter lässt aufgrund ihres vernachlässigten äußeren Erscheinungsbildes keine großen Hoffnungen zu, dass ein wohlhabender Mann von angemessenem Stand durch eine Hochzeit der Situation Entspannung bringen könnte.

Dr. Faraday wird tatsächlich der Hausarzt der Ayres und erhält nach und nach umfangreiche Einblicke in die persönlichen, finanziellen und gesellschaftlichen Lebensumstände der Familie. Und nicht nur der Familie…

Auf Hundreds Hall geschehen eigenartige Dinge. Unerklärliche Dinge. Es gibt nächtliche Geräusche, sich bewegende Gegenstände und seltsame Flecken an der Wand. „Da is was Böses in diesem Haus.“, sagt schon früh eine 14jährige Hausangestellte. Ist sie nur ein hysterisches junges Mädchen oder steckt vielleicht doch etwas Wahres in dieser Aussage?

Die Vorfälle häufen sich, nehmen in ihrem Ausmaß ständig zu. Es gibt erste Unglücksfälle, die ersten Opfer. Die Protagonisten bemühen sich um Erklärungen und verlieren dabei, einer nach dem anderen, den Verstand. Haben wir es hier mit Geistererscheinungen oder mit Wahnvorstellungen zu tun? Selbst der Wissenschaftler Dr. Faraday ist sich am Ende nicht mehr sicher…

Sehr gut gefallen hat mir die gruselige Atmosphäre des Buchs. Ich habe mich als Leser an mancher Stelle gefragt, ob diese spezielle Tat jetzt das Werk eines Poltergeistes gewesen ist oder aber von einem der mittlerweile arg psychisch beeinträchtigten Familienmitglieder begangen wurde. Und selbst zum Schluss konnte ich mir da nicht sicher sein. Daher ist dieses Buch für mich ein richtig schöner Schauerroman.

Es ist aber auch ein Gesellschaftsroman und befasst sich in großem Umfang mit den Lebensumständen im Nachkriegsengland. Wer sich für so etwas interessiert, wird gut bedient. Nur sollte man keinen Horror erwarten: Auch wenn an der ein oder anderen Stelle etwas Blut fließt, ist dieses Buch kein Schocker. Für mich hat es funktioniert und ich vergebe nur Abzüge für die meiner Meinung nach zu langatmige Schilderung der Liebesgeschichte zwischen Dr. Faraday und der Tochter des Hauses.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Erwartungen des Dr. Faraday, 22. Dezember 2012
Von 
Tanja Heckendorn "heckendorn" (Lörrach) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Der Besucher: Roman (Gebundene Ausgabe)
Doch sie sprach ohne viel Gefühl, strich mit der Hand sachlich prüfend über das reich verzierte Gehäuse, ließ dann die Decke wieder fallen und trat an das Fenster mit den geöffneten Läden. Ich folgte ihr und stellte fest, dass es sich tatsächlich um ein paar schmale hohe Glastüren handelte. Genau wie die Terrassentüren in Rodericks Zimmer und im kleinen Salon führten sie über eine freitragende Steintreppe auf die Terrasse hinaus. Diese Treppe war in sich zusammengebrochen, die oberste Stufe hing immer noch an der Schwelle, der Rest jedoch lag einen guten Meter tiefer in Trümmern auf dem Kies, dunkelgrün und verwittert, als hätten die Steine dort schon einige Zeit gelegen. Gänzlich unbeeindruckt davon öffnete Caroline die Tür, und wir standen am Rande eines kleinen Abgrundes in der warmen, duftenden Sommerluft und blickten über die weitläufige Grasfläche auf der Westseite des Hauses. Der Rasen musste früher einmal ordentlich gestutzt und eben gewesen sein, vielleicht hatte man dort Krocket gespielt. Jetzt störten zahllose Maulwurfshügel und Disteln das Bild, und an manchen Stellen stand das Gras kniehoch. Die einzelnen, verstreuten Büsche rings um den Rasen wurden allmählich von Blutbuchen verdrängt, die zwar in ihrer Färbung hübsch anzusehen waren, aber außer Kontrolle zu geraten drohten, und die beiden riesigen, nicht beschnittenen Englischen Ulmen weiter hinten würden den ganzen Bereich in ihren Schatten tauchen, wenn die Sonne erst mal tiefer gesunken war.
Weiter zu Rechten befand sich eine Ansammlung von Nebengebäuden, die Garage und leere, ungenutzte Ställe. Über der Tür zu den Stallungen hing eine große, weiße Ohr, die offenbar stehen geblieben war.
"Zwanzig vor neun", stellte ich mit einem Blick auf die Zeiger fest und lächelte.
Caroline nickte. "Roddie und ich haben sie so eingestellt, als die Uhr kaputt ging." Als sie meinen fragenden Blick sah, erklärte sie: "Um zwanzig vor neun sind Miss Havishams Uhren in Große Erwartungenstehen geblieben. Damals fanden wir unsere Idee unheimlich komisch. Heute kommt sie mir nicht ganz so komisch vor, muss ich zugeben..."
(Der Besucher, Seiten 82, 83)

Zugegeben mag der ziemlich reißerisch formulierte Klappentext falsche Erwartung bezüglich dieses Romans erwecken. Die Geschichte und mit ihr das leise Grauen entwickelt sich langsam und dem Erzähltempo des Landarztes mittleren Alters, der die Ereignisse aus seiner Perspektive schildert angemessen. Augenscheinlich kokettiert die Autorin mit den Werken von Charles Dickens, der eine besondere Gabe dafür hatte, das Dingliche mit dem Menschlichen in eine beunruhigende Verbindung zu bringen. Nicht ohne Grund erwähnt also Sarah Waters schon recht bald das bekannte Romanwerk "Große Erwartungen" und gibt dabei eine Inspirationsquelle ihres eigenen Romans preis. Das Ergebnis ist durchaus beachtenswert.

England, nach dem 2. Weltkrieg: Dr. Faraday betritt nach 30 Jahren das Anwesen Hundreds Hall, welches seinen Glanz von 1919 schon einige Zeit eingebüßt haben muss. Das Haus ist halb zerfallen, die Flure sind leer und die Dienerschaft ist auf ein einziges kleines Hausmädchen zusammengeschrumpft. Eben dieses kleine Wesen namens Betty ist der Anlass für den Besuch des Doktors, der als Vertretung des Hausarztes Dr. Graham gekommen ist, um die Ursache des Unwohlseins des Mädchens herauszufinden. Durch diesen Arztbesuch kommt Dr. Faraday die Ehre zuteil, die Familie des Hauses bzw. das was von ihr noch übrig geblieben ist kennenzulernen: die verwitwete Mrs. Ayres, der Sohn Rodderick und die Tochter Caroline. Rod ist unverkennbar schwer verletzt aus dem Krieg zurückgekehrt und die arme Caroline, die den Schönheitsidealen ihrer Zeit keineswegs entspricht, dürfte als alte Jungfer an den großen einsamen Kasten, der ihr Zuhause ist, gekettet sein. Der ledige Landarzt gewinnt das Vertrauen der Frauen des Hauses und es gelingt ihm, eine Behandlungsmethode für Rods Kriegsverletzung vorzuschlagen. Durch die erforderlichen Behandlungstermine ist Dr. Faraday nun immer öfter auf Hundreds und bald behandelt man ihn dort eher als Freund, denn als Mediziner. Die damit verbunden Privilegien schüren unbewusst den Ehrgeiz in dem bescheidenen Mann, der sich bisher nur Sorgen um sich und um die kommende Gesundheitsreform machen musste. Doch kann er nicht die Augen davor verschließen, dass seltsame Vorgänge im Herrenhaus seine Aufmerksamkeit als Arzt und als Mensch fordern. Greift der Wahnsinn die Überlebenden der Familie an, oder gibt es eine unfassliche Erklärung für die beunruhigen Unglücksfälle?

Subtil vermag die Autorin die Spannung ihrer Geschichte zu steigern, wobei sie immer mal wieder anscheinend harmlosere Handlungsstränge einfließen lässt. Da sich der Fokus auf wenige Einzelpersonen beschränkt und der Radius der Geschichte ebenfalls begrenzt bleibt, gelingt es ihr, eine sehr intensive Atmosphäre zu erzeugen. Außerdem besitzt Sarah Walters die Gabe, Dinge so anschaulich zu beschreiben, dass man fast glaubt, selbst ein Besucher von Hundreds zu sein und die Schrecken ahnen zu können, die doch nie den Erzähler selbst greifen und die dadurch für immer mysteriös bleiben können. Hier kommen die Phantasie und das Einfühlungsvermögen des Lesers selbst ins Spiel, den die Autorin zu einem mündigen Beobachter der Ereignisse macht.

Fazit: Ein besonderes Leseereignis, welches für lange Winterabende genau die richtige Lektüre ist.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


‹ Zurück | 1 2 3 4 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Der Besucher: Roman
Der Besucher: Roman von Sarah Waters (Taschenbuch - 12. Oktober 2012)
EUR 9,99
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen