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4.0 von 5 Sternen Belgien hat mehr zu bieten als Pommes, Pralinen oder Pädophile, 12. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Belgien: Geschichte - Politik - Kultur - Wirtschaft (Broschiert)
Mit diesem landeskundlichen Überblicksband präsentiert der Herausgeber und Mitautor Johannes Koll einen sinnvollen, da wissenschaftlicheren Ergänzungsbeitrag zu etwa Marion Schmitz-Reiners' 2006 erschienenem Belgien für Deutsche. Einblicke in ein unauffälliges Land. Auf insgesamt 351 illustrativ bebilderten Seiten stellen darin neben Koll selbst ausgewiesene Expertenkollegen aus Deutschland und Belgien Themen aus Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Geografie sowie Kultur (französisch-, niederländisch-, deutschsprachige Literatur, bildende Kunst, Kunstmusik) vor, und dies auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstandes. Der Akzent dieses Buches liegt dabei auf solchen Aspekten, die für das gesamte Land, also für Wallinganten (=Wallonen) und Flaminganten (=Flamen) gleichermaßen, von Belang sind. Im historischen Kontext fokussiert Kohl auf jenen Zeitraum, der mit der Gründung des Königreiches Belgien anlässlich der Belgischen Revolution von 1830/31 einsetzte. Allerdings gibt es auch gelegentliche Exkurse in frühere Phasen der belgischen Geschichte, so sie denn für das Verständnis späterer Entwicklungen bzw. der heutigen Situation von Relevanz sind.
Unser unmittelbares Nachbarland Belgien spielt in der Europäischen Gemeinschaft von Anfang an eine wichtige Rolle, nicht zuletzt wegen der bereits sprichwörtlichen belgischen Kompromissbereitschaft; viele europäische Institutionen haben ihren Sitz in Belgien, die BeNeLux-Länder sind Gründungsmitglieder der europäischen Integration. Zugleich ist Belgien ein multiethnisches Land mit Konfliktpotenzial sogar unter den autochthonen Belgiern wie Wallonen und Flamen, dabei mit einer gewissen Vorbildfunktion für föderale Organisation, zuweilen allerdings in einer sehr belgischen Version, die trotz oder gerade aufgrund von Zwiespältigkeiten eher auf die Rettung denn auf die Zerstörung der nationalen Einheit ausgerichtet ist. Insgesamt scheint es dem Königreich Belgien durch die Föderalisierung gelungen zu sein, die Spannungen zwischen der offensichtlich unvereinbaren wallonisch-flämischen Dichotomie auf ein pragmatisches Mindestmaß an Koexistenzfähigkeit zu reduzieren. Dergestalt eignet sich das heutige Belgien durchaus für andere Länder, insbesondere für die EU selbst, sowohl als Vorbild als auch als abschreckendes Beispiel in der Föderalismusdebatte, so paradox dies auch klingen mag.
Gerade deutsche Leser dürften das mitunter verkürzte Klischeedenken ihrer Landsleute nach dieser Lektüre etwas differenzierter beurteilen. Schließlich hat Deutschland im vergangenen Jahrhundert nicht weniger als zweimal die Neutralität Belgiens mit Füßen getreten, ist dabei rigoros gegen die Zivilbevölkerung vorgegangen und hat u.a. in eben beiden Weltkriegen die weltberühmte Universitätsbibliothek von Löwen mit ihren unwiderbringlichen Literaturschätzen bis auf die Grundmauern zerstört. Hinzu kamen, um es mit Götz Aly, Autor des 2005 erschienenen und viel diskutierten Buches über Hitlers Volksstaat zu sagen, der Raub des Goldes, des jüdischen Eigentums und anderer Beutegüter in nicht zu beziffernder Höhe, so dass die Nazi-Invasoren am Ende des 2. Weltkrieges ein zerrüttetes Land hinterließen. Zwar wurde ein Teil der materiellen Kriegsschäden aus beiden Kriegen per Gebietsabtretungen der früheren preußischen Rheinprovinz (heute: Deutschsprachige Gemeinschaft Ostbelgiens) bzw. der Kolonie Deutsch-Ostafrika (heute: Burundi) zunächst durch die Weimarer Republik, in der Folge die Bundesrepublik Deutschland kompensiert und mit dem 1956 geschlossenen Ausgleichsvertrag auch formal beendet, dennoch dürfen wir Deutschen uns glücklich schätzen, eher keinen ähnlichen Ressentiments ausgesetzt gewesen zu sein, wie es andernorts ' durchaus berechtigterweise ' der Fall war und mitunter noch ist.
Besonders hervorzuheben sind die kommentierten Bibliographien, die die Einzelbeiträge jeweils abschließen und Anregungen bieten, einzelne Themen individuell zu vertiefen, indem die Autoren einschlägige weiterführende Literaturempfehlungen aufführen und kommentieren. Das abschließende Kapitel Und was man sonst noch über Belgien wissen möchte ... geht auf weitere Aspekte (von Nationalfeiertagen und 'symbolen über Juden in Belgien bis hin zu Comics und Kulinarischem) ein, die für Belgien in seiner Gesamtheit charakteristisch sind .
Mit diesem durchaus preiswerten Taschenbuch erhält der Leser einen fundierten Überblick, der dazu beiträgt, das komplexe und vielschichtige Nachbarland Belgien differenzierter zu betrachten und nicht ausschließlich auf Pommes, Pralinen und Pädophile zu reduzieren. Vielmehr ist Belgien mit seiner das Land durchziehenden Sprachgrenzen seit jeher ein Begegnungsraum zwischen romanischer und germanischer Kultur und versteht sich bis heutezu als Mittler im Herzen Europas. Ein Europa ohne Belgien wäre ein kulturell viel ärmeres Europa, da das geographisch kleine Land stets historisch bedingte Vorbehalte überwinden geholfen hat.
Belgien: Geschichte - Politik - Kultur - Wirtschaft
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Belgien: Geschichte - Politik - Kultur - Wirtschaft
Belgien: Geschichte - Politik - Kultur - Wirtschaft von Johannes Kroll (Broschiert - September 2007)
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