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17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 16. August 2006
Wer in diesem Buch den Nachfolger von "Schlafes Bruder" sucht, wird wohl bitter enttäuscht werden. Dieses Buch ist anders, weniger verträumt, romantisch, dafür grausam, dicht der geschichtlichen Überlieferungen folgend, zynisch und darauf bedacht die Schattenseite der menschlichen Seele zu entblößen. Ich hatte nie das Gefühl, dass es sich hierbei um einen "unterhaltsamen Mittelalterschmöcker" handelt, sondern dass uns der Autor auf etwas hinweisen möchte, auf etwas, was sich immer wieder in der Weltgeschichte wiederholt hatte und sich auch zukünftig wiederholen wird. Dabei wurde es mir völlig unwichtig, einer Geschichte zu folgen, sondern den Werdegang eines Psychopathen.

Auffallend war hierbei, dass der zweite Teil des Buches sich im Charakter geändert hat. War der erste Teil noch davon geprägt, den naiven und schwermütigen Jan Beukels von der Kindheit bis hin zum Täuferbekenntnis zu begleiten, war im zweiten Teil der Protagonist aus dem Fokus der Geschichte gerückt, um den Geschehnissen in und um Münster Raum zu verschaffen. Mit hinzugekommen sind eine ganze Reihe von Personen, die zur menschlichen Tragödie beigetragen hatten, wie etwa der Graf Waldeck, dem für Krieg das nötige Talent und die Tüchtigkeit gefehlt hatte, Bernt Knipperdolling, der eitle Gewandschneider, der nie Achtung in der Gemeinde der Täufer bekommen hatte oder gar Else Wantschers, deren Liebe der psychopathische Jan Beukels (van Leyden) nie erwidern konnte. Gerrit tom Kloister nahm meiner Meinung nach eher die passive Rolle des Kommentators ein, die Stimme des Gewissens und der Weisheit. Oftmals wankte die Geschichte zwischen Orwells "Farm der Tiere" und "Der Untergang" (Bruno Ganz i.d. Hauptrolle). Mit der Belagerung Münsters nahm die Katastrophe ihren Lauf. Erst gehen alle Lebensmittel in der Stadt zu neige, dann scheitern eine ganze Reihe an Versuchen, die Stadt zu erstürmen und zu Letzt ließ der selbst ernannte König (Tyrann) von Münster Menschen wegen Nichtigkeiten hinrichten. Doch bleibt hierbei das "Warum" und "Wie-konnte-so-etwas-nur-passieren" nicht weiter ungeklärt. Sehr subtil zeigte der Autor die Stationen des Wahnsinns auf, der anfing mit der Suche nach dem Lebenssinn und der Verzweiflung, dem Einflechten des Irrglaubens der Wiedertäufer, dem Verlust der Realität, der Entstehung des absoluten Weisheits- und Meinungsmonopols und die endlose Bekämpfung der inneren Feinde. Schnell wird einem hierbei klar, dass das einem alles sehr bekannt vorkommt. Angefangen bei dem Kommunismus, der im Klassenkampf ebenfalls paradiesische Visionen propagierte, die sich allesamt als Utopien herausgestellt haben, der Naziherrschaft, die in der "Wollt-Ihr-Den-Totalen-Krieg-Endphase" des Zweiten Weltkrieges Millionen von Menschen in den Tod trieben, obwohl der Krieg schon mehr als hoffnungslos verloren war, dem Talibanregime, das die Musik, alle Sinnesfreuden und vor allem ihre eigenen Frauen als größte Bedrohung ansah und gerade sie so grausam gequält und ermordet hatte, oder aber auch die Zeugen Jehovas, die in ihrer eigenen Wahrheit leben und ihre Mitglieder durch Angst vor dem bevorstehenden Weltuntergang (was sich bisher natürlich immer als Quatsch herausgestellt hatte) unterdrücken und von der "satanischen" Außenwelt isolieren.

Hieraus ergab sich ein intelligent geschriebener Roman, der nicht nur Robert-Schneider-Fans wärmsten empfohlen ist. Klar, dass das kein Stoff ist, aus dem schöne Romane entstehen. Die Geschichte ist grausam, doch sehr lehrreich.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
VINE-PRODUKTTESTERam 19. August 2008
Mit acht Jahren wollte er Kristus" werden, mit 25 wurde er König der Wiedertäufer, mit 27 errichtet er sich sein eigenes göttliches Reich - Jan Beukels aus Leyden.
Seit Jan die ersten Widertäufer getroffen hat, kennt er nur eine Bestimmung: Münster soll eine Stadt der Frömmigkeit, Gleichheit und Freiheit werden --- das neue himmlische Jerusalem.

Ein bewegender Roman ist entstanden der die damaligen Verhältnisse in erstaunlicher Weise nahe zu bringen vermag. Die Geschichte zieht sich von Leyden, einem kleinen sehr gläubigen Dorf in den Niederlanden durch Deutschland, London und Teilen des Orients.
Im ersten Teil, den Weg ohne Aufgabe" streifen wir durch die Seelenwelt eines Kindes welches nach den Osterfeierlichkeiten nur noch ein Ziel sieht: es will Christus treffen. Heimlich stiehlt er sich davon und findet im Kartausenbewohner Gerrit seinen Anvertrauten.
Stolz ist er, als er endlich an den heimlichen Sitzungen seines Vaters mit den höchsten Herren der Stadt teilnehmen und den geistlichen Disputationen lauschen kann.
Wir werden Zeuge eines sich immer mehr versteifenden und starrsinnig werdenden Jungen der doch nichts weiter will als mit Hilfe Gottes glücklich zu sein. Dabei lässt er sich leicht von Menschen begeistern und von ihnen einnehmen.
Er verlässt seine Heimatstadt..... und verändert sich.

Als er zurück kommt hat sich die Welt für ihn vollständig gewandelt. Und auch der Erzählstil ist ein anderer. Im der zweiten Hälfte geht es vielmehr um die Entscheidungen und Meinungen der Begleiter von Jan. Wie gehen diese mit dem neuen Sohne Davids" um? Wie erreicht es Jan tausende in seinen Bann zu ziehen und für seine Sache einzunehmen, Münster zu unterwerfen und einen neuen Gottesstaat zu errichten?

Robert Schneider versucht dieses historische Begebenheit von verschieden Seiten aus zu belichten. Mal taucht der Leser ein in die Gedankenwelt einer Geliebten Jans, in die Gerrits von Kloister oder auch in Kipperdolling, dem geizigen und ich-bezogenen Gewandschneider. Die unterscheidlichen Charakterzüge sind glaubhaft herausgearbeitet, das die Meinungen/Ängste jeder Person leicht nachvollziehbar sind.

Die Geschichte ist mit einer überraschenden Klarheit geschrieben, die einen fesselt und kaum zu Atem kommen lässt. Oft wird der Leser ins kalte Wasser geworfen, und so gezwungen sich die Ausmaße genauer vor Augen zu führen oder die Gedankengänge der einzelnen Personen inniger zu verfolgen.
Nicht nur von Seiten der Wiedertäufer oder auch Taugezeichneten" wird berichtet sondern auch von Seiten der belagerten Fürsten die die Geschehnisse erst mit einem Schmunzeln verfolgen.

Ein wundervoller Roman den ich mit nichts bisher gelesenem vergleichen kann.
Nicht nur geschichtlich hat es mich bereichert, denn das Reich Zions" findet nicht allein in der Stadtchronik Münsters einen Platz, sondern auch mein Gedanken und Empfindungen sind während der Lektüre einen ganz anderen Weg gegangen.
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33 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Was sich vor fünfhundert Jahren im europäischen Alltagsleben abspielte, können wir uns nicht vorstellen. Eine leise Ahnung davon, geben uns die Bilder im neuen Roman von Robert Schneider. Finstere, depressive, melancholische, dumpfe Zeiten. Religionskriege. Kämpfe um den richtigen Glauben, nebst den Kämpfen ums Überleben, Ich finde es zwar auch stinkig, wie ungleich das Kapital heute verteilt ist, aber diese Ungleichheit tangiert mein eigenes Überleben nicht direkt. Als Luther seine 95 Thesen an die Tür hämmerte, war das nicht der Trommelwirbel für ein freies Leben. Das sollte noch einige Zeit dauern. Vielmehr wurde das von anderen Eiferern als Startschuss verstanden, mit der Errichtung neuer Glaubensreiche zu beginnen. „Sie wollten das Paradies und brachten die Hölle." Dieser Satz in Schneiders Vorwort fasst das Buch zusammen.
Was die Lichtengel zu Despoten veränderte, darüber erfahren wir wenig. Diese Antwort nimmt uns der Autor nicht ab, was einige Kritiker verärgerte. Doch so absolut stimmt das ja gar nicht. Robert Schneider weigert sich bloss, die im Buch verstreuten Antworten auf ein paar kopierbare Seiten zusammenzufassen.
Jan van Leyden, der König von Münster, tritt als siebenjähriger Knabe in den Roman ein. Danach sind wir Zeuge seiner Biographie bis zum bitteren Ende. Wir sind Zeugen einer Zeit, die unendlich lang hinter uns zu liegen scheint. Aber wir sind nur selten Zeugen von den inneren Seelenwelten. Das hat mich ein bisschen enttäuscht, und ich brauchte einige Seiten und Pausen, bis ich mich damit abgefunden hatte und meine Erwartungshaltung korrigieren konnte. Dann aber las ich das Buch unter dem Blickwinkel der Machtausübung. Unterdrückung und Verführung der weltlichen und religiösen Kastenmitglieder. Wie Robert Schneider diese Instrumente und ihren Einsatz beschreibt, ist ganz grosse Klasse. Allein schon die Stellen über die Osterrituale der Machthaber lohnen die Lektüre. Goebbels muss solche Inszenierungen genau studiert haben. Und man stelle sich mal vor, bis 1500 hat das Volk Sätze nachgebetet, die es gar nicht verstand, alles Latein! Als ob in der Schweiz ausser meinen Freunden alle anderen Chinesisch sprechen und mir das Erlernen dieser Sprache verbieten würden. In solchen Beschreibungen erinnerte mich „Kristus" an „Schlafes Bruder".
Die Stärke des neuen Romans ist zugleich seine Schwäche. Die Bilder sind so gewaltig, dass sie lose im Freien hängen, aber den Weg zum seelischen Raum nicht finden. Man könnte einwenden, der Leser müsse eben die Brücken alleine schlagen. Okay, aber es sind zu viele. Zu viel Arbeit für den vollen Genuss möchte der Leser nicht investieren. 600 Seiten in der heutigen Hektik und beim heutigen Konkurrenzangebot zu lesen, ist ja auch nicht ohne.
Zur Bewertung: Fünf Sterne für die Sprachbilder und einzelne mehr als leckere Stellen, drei für die Gesamtkomposition und die Einfühlung in die Personen. Macht vier Sterne. Das schöne an diesem Besprechungsspiel ist ja, dass andere auch wieder andere Schwerpunkte setzen. Denn das ermöglicht Robert Schneider mit Leichtigkeit, den eigenen Glaubensvorstellungen zu folgen.
Und noch ein Quertipp zu dieser Zeit: John Vermeulen, Der Garten der Lüste. Roman über Leben und Werk des Hieronymus Busch.
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16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Kein Zweifel: Mit "Kristus" ist Robert Schneider ein historischer Roman der oberen Qualitätsklasse gelungen. Man bemerkt sofort, dass sich der Autor ausgiebigst mit dem Thema befasst hat und sich besonders um historische Korrektheit bemüht. Die Geschehnisse werden flüssig erzählt, wiewohl man sich an den Sprachstil erst gewöhnen muss, der mit seinen außergewöhnlich vielen nicht mehr gebräuchlichen Wörtern und Wendungen schon mal den Griff zum Lexikon verlangt. Meiner Meinung passt der altertümliche Stil allerdings sehr gut, wirkt ganz und gar nicht unauthentisch oder aufgesetzt. Robert Schneider versteht sein Handwerk.
Dennoch: Wer in "Kristus" einen Nachfolger des Schneiderschen "Schlafes Bruder" sucht, wird enttäuscht sein. In "Kristus" steht doch sehr die Handlung im Vordergrund. Das neueste Werk von R. Schneider ist nicht so intensiv, so betörend und auch beängstigend wie der berühmte Vorgänger; es wird bei mir keinen dauerhaft anhaltenden Eindruck hinterlassen wie "Schlafes Bruder". Oftmals wirkt die Geschichte in "Kristus" sogar aberzählt, aufgebauscht. Die Personen sind nicht genau konturriert, berühren den Leser nicht in tiefster Seele.
Besonders negativ erscheint mir, dass gerade die Hauptperson Jan Beukels sehr konturenlos bleibt: Nur auf den ersten paar Hundert Seiten gewährt der Autor einen Blick in die Beweggründe und Motive des selbsternannten Christus, in dem er den Leser an den entscheidensten Lebenserfahrungen seiner Jugend teilhaben lässt. Im späteren Verlauf tritt Jan Beukels arg in den Hintergrund, verlässt sogar fast das Geschehen, weil sich der Autor lieber in den Häusern und Köpfen der anderen Personen aufhält. Schade, dass der "Prophet" Jan Beukels so blass blieb, ich hätte gerne mehr über ihn erfahren. Vielleicht war dem Autor auch historische Authenzität derart wichtig, dass er - als die Quellen schwiegen - keine fiktiven Hintergründe um die Figur spinnen wollte.
Bei aller Kritik, bleibt "Kristus" aber ein zeitweise sehr spannender Roman, der sich sicherlich lohnt zu lesen. Wer mehr über die Täufer in Münster wissen will, ist bei diesem Roman gut aufgehoben. Wer sich mehr um ein weiter gefasstes Bild der Wirren in der Reformationszeit interessiert und zudem einen tatsächlich bahnbrechenden Roman lesen möchte, dem sei "Q" von Luther Blissett ans Herz gelegt.
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am 22. September 2004
Leider gibt es wenig (gute) Bücher in Romanform über Jan van Leyden und die Wiedertäufer. Mit diesem Roman hat dieses "Problem" ein Ende! Trotz seiner manchmal etwas sperrigen Sprache und der vielen mittelalterlichen Ausdrücken (ein Glossar wäre gelegentlich hilfreich), ist die Geschichte spannend und lebendig erzählt.
Schon allein der ungewöhnliche Einband hat mich fasziniert...
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 500 REZENSENTam 16. März 2011
Die Geschichte des Wiedertäuferreiches von Münster gehört zu den befremdlichsten und zugleich faszinierendsten Episoden der an Unerhörtheiten so reichen Epochen des frühen 16. Jahrhunderts. Wo Menschen auf die Stadtmauern kletterten um den Horizont nach den heranrasenden apokalyptischen Reitern abzusuchen, wo sich Männer und Frauen um ihres Glaubens willen verbrennen ließen, besaß Zeit eine Inbrunst, von der man nicht weiß, ob man sie darum heute bewundern oder bedauern soll. Zugleich erscheinen Gestalten wie Jan van Leyden und Jan Mathys wie gnadenlose Vorwegnahmen von Terroristen und Fanatikern unserer eigenen Epoche, wie geschichtliche Probeläufer eines Unheils, das sich viel später und viel schrecklicher wiederholen sollte.
Der vorliegende Roman von Reinhold Schneider führt den Leser genau in diese europäische Wendezeit zwischen 1518, dem Jahr, in dem der junge Jan Beukels bei einer Prozession in seiner Vaterstadt Leyden seinem religiösen Erweckungserlebnis teilhaftig wird, bis in das Jahr 1535, als er als König der Wiedertäufer unter der schrecklichen Marter der Henker auf dem Marktplatz von Münster zu Tode kommt. Dazwischen folgt der Leser dem jungen Jan fast zwei Jahrzehnte lang durch die Niederlande, England, Portugal und Deutschland, er blickt mit seinen Augen auf die Händel von Kaiser und Fürsten, auf die religiösen Eruptionen der anhebenden Konfessionskriege, aber auch auf die Verlockungen der Sinnlichkeit, die den gut aussehenden Jan auf jeder Etappe seines Lebensweges bedrängen. Es ist eine Geschichte voller Saft und Kraft, blutvoll wie die Zeit, von der sie berichtet, aber auch voller Angst vor der ewigen Verdammnis, voller Sinnlichkeit und Gier, aber auch voller Erhabenheit und Askese.
Im Unterschied zu vielen literarischen Bearbeitungen der historischen Vergangenheit hält sich der Roman streng an die geschichtliche Überlieferung, ohne dafür die bei der Gestaltung der Geschichte die literarischen Freiheiten zu opfern. Wer allerdings eine ähnlich intensiven sprachlichen Sog wie in "Schlafes Bruder" erwartet, wird enttäuscht werden, Schneider erzählt seine Geschichte ohne große Verfremdung gerade heraus, linear und unprätentiös, fast eine wenig wie ein literarisch ambitioniertes Jugendbuch. Der Freude an der Lektüre tut dies keinen Abbruch, und der Spannung schon gar nicht. Nicht unbedingt etwas für literarische Avantgardisten, aber erste Wahl für Freunde des gehobenen und gut lesbaren historischen Romans.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 16. Februar 2010
Holland Anfang des 16. Jahrhunderts: der kleine Jan Beukels schockiert seinen Schulmeister, indem er in einem Aufsatz über seinen Berufswunsch schreibt, er wolle einmal "Kristus" werden. Gotteslästerlich!

Doch Jan ist und bleibt fasziniert von den zahlreichen Prozessionen, die zu verschiedensten Anlässen in seiner Heimatstadt Leiden stattfinden, und vom Glauben überhaupt, und freundet sich schließlich mit einem Kartäusermönch an.

Es ist die Zeit der Reformation in Deutschland, in der auch die Täuferbewegung entsteht (später als Wiedertäufer bekannt), die mit den alten Gewohnheiten der katholischen Kirche brechen will. Jan begegnet einem von ihnen, begeistert sich für diese gänzlich neue Form des Glaubens und zieht mit ihm nach Münster, wo sich schon viele einflussreiche Männer der Bewegung angeschlossen haben.

Recht schnell gewinnt der charismatische junge Mann die Herzen der Münsteraner und steigt zur Führungsfigur der Täufer auf, die Münster zu ihrer Hochburg machen wollen, indem sie alle Menschen in der Stadt bekehren. Dieses Ansinnen artet jedoch mit der Zeit in Gewalt und Fanatismus aus. Die Stadt wird belagert, es kommt zu immer schlimmeren Auswüchsen, Zerstörung und Hunger ...

In der altertümelnden Sprache, die man bereits aus "Schlafes Bruder" kennt, hat Robert Schneider hier einen spannenden, düsteren und blutigen Historienroman von einigem Umfang geschrieben. Zunächst braucht es ein wenig, bis man sich eingelesen hat, und man sollte weder mit Gewalt und Folter noch mit religiösen Thesen Probleme haben, um das Buch zu mögen.

Die Figur des Jan Beukels van Leyden wird facettenreich und vielschichtig gezeichnet, Selbstzweifel wechseln sich ab mit religiösem Eifer, der sich allmählich zum Fanatismus steigert, bis zum regelrechten (Größen)Wahn, in dem er sich völlig in seine Ideen verrennt und niemand mehr auf seine Gnade hoffen kann.

Zunächst erfahren wir im Zeitraffer von seiner Kindheit und Jugend, seiner ständigen Suche nach Gott und sich selbst, bis er schließlich nach Münster geht und die Ereignisse ihren Lauf nehmen, denen der Großteil des Buches gewidmet ist. Wie das friedliche "Himmelreich auf Erden", das sich die Täufer erträumen, in Allzumenschlichem, in Streit, Gewalt und Verblendung endet, liest sich erschreckend und brutal, doch gerade durch die teils ziemlich detaillierten Beschreibungen der Grausamkeiten wird man mitten ins Geschehen hineingerissen bis zum (für Jan und seine Mitanführer) bitteren Ende.

Um die Zusammenhängen besser verstehen und einordnen zu können, empfiehlt es sich, Namen und Begriffe nachzuschlagen. Ein Glossar fehlt leider im Buch.

Sicherlich nicht jedermanns Sache, aber wer außergewöhnliche historische Romane mag, kommt hier auf seine Kosten.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Es sind schicksalhafte Begegnungen die Jan Beukels Leben prägen, wie die Begegnung mit dem Kartäusermönch Gerrit tom Kloister. Als er und seine Schulklasse kurz darauf ihre Berufswünsche angeben sollen, schreibt er, der noch unter dem Eindruck einer nachgestellten Prozession von Christus Einzug in Jerusalem, "Kristus" auf sein Blatt Papier und erntet dafür Spott und eine schallende Ohrfeige. Der Junge ahnt nicht, dass er streng genommen eigentlich eine Blasphemie begangen hat. Wenig später wird er sogar in den ketzerischen Zirkel seines Vaters aufgenommen, wo er seine philosophischen und religiösen Überzeugungen erstmals unter Gleichgesinnten formulieren kann. Doch Jan Beukels kindlicher Berufswunsch muss zunächst der Realität weichen und so wird er Schneiderlehrling, der sich allerdings zu höheren berufen fühlt.

Wieder ist es eine Begegnung, die seinem Leben eines neue Wendung gibt, als er dem schwärmerischen Sir Herbert nach England folgt. Doch alle Illusionen zerbrechen, als er von dessen Schergen ausgeraubt und zum Tagelöhner wird, der schließlich im Kerker landet und dort von der Wache missbraucht wird. Als gebrocher Mann kehrt er nach Leyden zurück. Als Gehilfe des reichen Kaufmanns Ibram Goncalves begegnet er der spanischen Inquisition und erlebt den grausamen Mord an Juden, Ketzern und Muslimen. Endgültig schwört er der Autorität in Rom ab und zurück in Leyden schließt er sich der aufstrebenden Bewegung des selbst ernannten Propheten Mathys an...

Jan Beukels Lebensgeschichte berichtet archetypisch vom Fall eines Idealisten und zeichnet die Pervertierung einer Utopie nach, die auf realen Begebenheiten aus der Zeit der Reformation basiert. Der 1510 geborene Jan Beukels, der sich später Jan von Leyden nannte, gründete in Münster das Königreich des Himmlischen Jerusalems und krönte sich zum ersten König. Mit Hilfe eines Rats aus 12 Aposteln, seines Scharfrichters Bernd Knipperdolling und Kanzlers Heinrich Krechting und versuchte in Erwartung des nahen Weltuntergangs die Ideale der Wiedertäufer zu verwirklichen. Bis auf die Bibel wurden alle Bücher verbrannt, Geld wurde abgeschafft und die Gütergemeinschaft eingeführt, Verstöße gegen die 10 Gebote wurden mit der Todesstrafe belegt. Doch aus der gerechten und gottgewollten Herrschaft wurde ein blutiges Schreckensregime, in welchem König Jan auch gegen den Widerstand seiner Anhänger die Vielehe einführte, bis die von Bischof Franz von Waldeck geführten Truppen Münster mit Gewalt der Gegenreformation unterwarfen.

Kristus steht an Brillanz und Tiefgang George Orwells "Farm der Tiere" in nichts nach, doch die Sprache der sich der Autor bedient ist eine gänzlich andere. Verkitscht und kompliziert, mit vielen Nebensätzen und Beistrichen ist Robert Schneiders Stil nicht jedermanns Sache und bei 600 Seiten könnte man schon fast aufgeben. Doch der Autor setzt auf ein hohes sprachliches Niveau und schafft es die menschlichen Abgründe am Scheitern eines Idealisten versinnbildlicht und glaubwürdig darzustellen. Er überzeugt dadurch dass er Jan Beukels Transformation als langsamen Prozess der Veränderung darstellt und wer weiß, vielleicht ist es dem echten Jan Beukels genauso ergangen. "Kristus" ist zudem eine Geschichte über die oft verdrängte "radikale" Seite des Christentums.

Fazit:
Ein spannender, epischer und vor allem glaubwürdiger historischer Roman, über den Fall eines Idealisten.
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am 14. November 2009
Bei den vielen historischen Romanen und Hörspielen aus der Welt des Mittelalters sticht dieses Hörspiel hervor: Endlich eine Handlung, die nicht im Mittelalter spielt, sondern in der Umbruchszeit zur Neuzeit, also im 16. Jahrhundert, dem Jahrhundert der sog. Reformation. Eigentlich müsste man sagen "Reformationen", denn vorliegendes Hörspiel beleuchetet die unbekannte oder oft verabscheute Seite der Reformation, nämlich die radikalen Außenseiter, die eine ganz andere Reformation im Sinn hatten.
In der Geschichte "Kristus" von R. Schneider geht es um Jan Beukels, einen Hauptakteur des sog. Täuferreichs von Münster, der hingerichtet wurde und dessen Leiche in einen Eisenkäfig an einen Kirchturm in Münster gehenkt wurde, wo er noch heute henkt - der Käfig, nicht mehr Beukels.
Die Geschichte lässt einen widersprüchlichen, teils sympathischen, teils befremdlichen Charakter miterleben, ohne schwarz-weiß zu zeichnen. Die Geschichte zeigt, wieso Radikalismen und Fundamentalismen so faszinieren können: Ehe man sich versieht, ist man selber drin verstrickt, ohne wieder rauszukönnen. So leitet die Handlung zur Reflexion an, was politischer oder auch religiöser Wahn anrichten kann.
Das Hörspiel ist sehr gut inszeniert, die Sprecher überzeugen. Das einzige, was ich zu kritisieren habe, ist, dass zwischen einzelnen Szenen oft eine gute Überleitung durch eine bzw die Erzählerstimme fehlt, so dass die Zusammenhänge manchmal zu erraten sind.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Jan Beukels und Adolf Hitler weisen schon erstaunliche Übereinstimmungen auf: Beide waren von unterprivilegierter Herkunft, beide tief in ihrer Seele verletzt, beide hatten liebende Mütter, die sie früh verloren, beide einen gefühlskalten, gestrengen Vater, der zwar intelligent, aber "kleinkariert" war, beide lebten in einer zutiefst ungerechten Welt, beide waren von regem Geiste, waren talentierte Schauspieler, begnadete Redner, die über das "Wie" und nicht über das "Was" rednerisch überzeugten und begeisterten, beide waren Besessene ihrer Idee, beide zutiefst intolerant, beide psychisch krank, beide maßlos und unrealistisch in ihrem Verlangen, brutal und unbeugsam gegen sich selbst und andere, beide verstanden es in erstaunlichem Maße, ihre direkten "Mitarbeiter", gestandene Leute, zutiefst zu verunsichern, einzuschüchtern und willenlos zu machen... ganz sicher lassen sich noch weitere identische Merkmale finden.

Wie 400 Jahre später Hitler, wurde auch Jan Beukels vom unscheinbaren, aber brennend fanatischen Mitläufer des Mathys zum "Erlöser" stilisiert und trug zu diesem Image selber am meisten bei. Auch er warf sich zum Despoten auf und verlor mit zunehmender Macht alles Menschliche, das ihm noch gegeben war, und wenn dann die Bedingungen so sind, wie sie im Deutschland der Zwanziger des 20. Jh. waren und im Deutschland (z. B. Münster) der Zwanziger und Dreißiger des 16. Jh.; neue Gedanken und Strömungen die Menschen beeindrucken wie nie, weil das Maß an sozialer Ungerechtigkeit und Leiden übervoll ist, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis der Ruf nach dem Messias, der das Paradies verheißt, Formen annimmt und ein Jan Beukels oder Adolf Hitler sich findet und zum Trauma der Nation wird.
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